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Heimwärts

Laurids Bruun: Heimwärts - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorLaurids Bruun
titleHeimwärts
publisherS. Fischer, Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150417
projectid99b4bfb8
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Eine Prüfung

Die christliche Vereinigung für die Pflege obdachloser Kinder hatte kein festes Komiteelokal. Der Vorstand versammelte sich daher abwechselnd bei den Mitgliedern, und heute war die alte Frau Stolle an der Reihe.

Während Madame Waagesen, die beim Portier wohnte und den alten Damen der Stiftung zur Hand ging, die Schokolade auf dem Petroleumkocher in der Schlafstube zubereitete, war Frau Stolle eifrig damit beschäftigt, ihr Wohnzimmer, wo es nach Naphthalin und Eau de Cologne roch, aufzuräumen und abzustäuben. In der Eile – es war schon halb zwei Uhr – geschah es, daß Frau Stolle eine alte chinesische Schachtel von der Etagere hinabstreifte, und ihr Inhalt zerstreute sich über den Teppich.

Da lagen alte Briefe in einem roten Seidenband, da ein Medaillon mit einer Locke vom Haar ihrer Mutter, und da einige vergilbte, blasse Photographien, die das Album nicht mehr beherbergen konnte. Es waren die wenigst präsentablen der Familie, die so Platz hatten machen müssen, und die sie irgendwo aufgehoben hatte, sie wußte selbst nicht recht, wo. Also da lagen sie.

Sie nahm sie auf, eine nach der anderen. Das war ihr Halbvetter, der Gewürzhändler, und das war Ulrichsen, der Sergeant, und das war – Frau Stolle hielt es dicht an ihre blinzelnden, kurzsichtigen Augen – ja, das war wirklich dieses Bild. Das hätte schon längst verbrannt sein sollen! Die Waagesen pflegte ja doch ihre Nase in alles zu stecken. Gesetzt nun, sie hätte es gesehen! Jeder, der Frau Stolles eigenes Porträt aus ihren jungen Tagen, da über dem Sofa, kannte, konnte nicht zweifeln, daß dies eine Schwester sein mußte. Frau Stolle stieg das Blut in die Wangen; die alte Entrüstung loderte aufs neue empor.

Nicht genug, daß sie das Kind bei sich behalten hatte – aber sich obendrein noch mit ihm photographieren zu lassen und es ihr zu schicken – ihrer einzigen Schwester, deren Name so unantastbar geachtet war! »1877, den 20. September« stand da, »Meiner Schwester Amalie.« – Ja, zwanzig Jahre war es her, aber Frau Stolle erinnerte sich an diesen Geburtstag, als sei es gestern gewesen. »Kaspar Hegelund, zwölf Jahre,« stand da rückwärts – des Vaters Name, den er bekommen hatte. Wäre es doch wenigstens Petersen oder Hansen gewesen, aber ein so seltener Name!

Wie hatte sie sich nicht drehen müssen – Frau Stolle – lügen und verschweigen, all die vielen Jahre, damit niemand aus ihrem Kreis erfuhr, daß sie einmal eine Schwester gehabt hatte! Denn sie hatte es ja damals zur Schwester gesagt – vor zweiunddreißig Jahren:

»Von nun an kenne ich dich nicht! Du bist für mich tot!«

Am schwierigsten war es gewesen, es vor ihrer besten Freundin, der Konsistorialrätin Valerius, zu verbergen, die bei ihr aus- und einging und dreiundzwanzig mildtätigen Wohlfahrtsvereinen angehörte, – Frau Valerius, die beinahe von noch strengerer Lebensanschauung war als Frau Stolle selbst – Frau Valerius, die nicht nur so viel Freude an ihren Kindern hatte, ihren acht Kindern, die alle in angesehenen Stellungen dasaßen, sondern deren gesamte Familie sowohl von ihrer als von ihres verstorbenen Mannes Seite die Angesehenheit und Respektabilität selbst war. Es war Frau Stolles großer Schmerz, daß ihr Mann, den sie nach der Stimme der Vernunft gewählt halte, so, wie es sich für eine anständige Frau gehört, daß ihr Mann starb, bevor er es bis zum Propst gebracht hatte. Er war ja fünfundfünfzig, als sie ihn nahm, und ihre Ehe war kinderlos gewesen – ach ja, kinderlos! Wenn Frau Valerius von ihrem Sohn, dem Bürochef, sprach, was sie öfter zu tun pflegte, als Frau Stolle eigentlich zartfühlend fand, was hätte sie nicht darum gegeben, mit »mein Sohn, der Justizrat« antworten zu können! Wenn sie selbst keine Kinder haben konnte, warum sollte es ihr da nicht vergönnt sein, wenigstens einen legitimen Neffen zu haben?

Emilie, Emilie, wie konntest du nur deiner einzigen Schwester diesen Kummer machen! Wärest du nun ehrbar verheiratet, so könnte dein Kaspar Hegelund, oder wie er nun heißt, mein Patenkind sein und es zu irgend etwas Respektablem gebracht haben.

Diese Gedanken beschäftigten Frau Stolle, während sie ihre Reliquien auflas, und als sie fertig war, ging sie mit ihren kleinen, vorsichtigen Schritten zum Kachelofen hin und steckte die Photographie ins Feuer.

 

Das Komitee war vollzählig versammelt.

Da war der Oberst, im Lehnstuhl, mit zierlicher Halsbinde um den mageren Vogelhals, ein verbindliches Lächeln unter dem weißen Schnurrbart.

Da war Frau Valerius mit ihrer würdigen Korpulenz, ihren scharfen, weit aufgesperrten Augen, die alles sahen, und ihrer doppelten Goldkette um den Hals über der schwarzen Seidentaille.

Und da war das alte Fräulein Hastrup mit ihrem grünen Augenschirm. Und da war Fräulein Mogensen mit den verwachten Augen und dem ewigen Strickstrumpf. Und da war der Sekretär, Candidatus theologiae Frederiksen, Frau Valerius' bäuerlicher Protegé, der an den Nägeln kaute, während er bescheiden zuhörte und nach dem Diktat seiner Gönnerin schrieb. Sie hatte ihn studieren lassen. Er ging sonntags mit ihr in die Kirche und trug ihr Gesangbuch, das mit den Silberspangen.

Und da war die liebe alte Frau Brandt mit den milden braunen Augen, die den lieben Gott »unseren Vater« nannte. Und da waren noch mehrere angesehene Damen, und alle haben sie grundehrenhafte und angesehene Familien, respektabel bis in ihre äußersten Verzweigungen.

Der Oberst teilte dem Ausschuß mit, was er seit der letzten Versammlung in dessen Namen unternommen hatte. Dann begann er die Beiträge zu verlesen, die für die lieben Kleinen eingegangen waren.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, lieber Oberst!« sagte Frau Valerius und wandte ihre Augen dem Vorsitzenden zu, »aber weil es mir gerade einfällt, möchte ich doch gern Ihnen und allen lieben Anwesenden mitteilen, daß mein Sohn, der Bürochef, dieser Tage das Ritterkreuz bekommen hat. Aus diesem Anlaß übermittelte er mir – Frau Valerius sagte immer »übermittelte« – hundert Kronen für unsere lieben Kleinen.«

Frau Valerius lehnte sich auf ihrem Ehrenplatz auf dem Sofa zurück und genoß die Wirkung ihrer Worte.

»Welches Glück!« dachte Frau Stolle und seufzte. Da war es keine Kunst, Haltung zu haben. Sie hatte gleich, als Frau Valerius zur Tür hereinkam, gemerkt, daß die Freundin etwas Besonderes auf dem Herzen habe. Es wäre ja netter gewesen, wenn sie gewartet hätte, bis der Oberst fertig war. Aber die liebe Seele war ja nicht immer zartfühlend. Ach, wer doch hatte antworten können: »Mein Schwestersohn, der Justizrat, hat mir zweihundert für unsere lieben Kleinen gegeben.«

»Es sieht aus,« begann der Oberst wieder, als die Damen sich beruhigt hatten, »es sieht aus, als hätte unser kleines Unternehmen in ganz besonderem Maße die Aufmerksamkeit der Vorsehung auf sich gelenkt. Ich habe heute einen Brief erhalten, mit dessen bemerkenswertem Inhalt ich mir gestatten möchte, die Damen bekannt zu machen.«

Der Oberst zog einen Brief aus der Brusttasche Und begann zu lesen:

Hochverehrter Herr Oberst!

Ein Mann, der Ihnen gewiß noch unbekannt ist, aber dessen Namen Sie in kurzer Zeit in den Zeitungen lesen werden, hat in diesen Tagen ein Ziel erreicht, dem sein Leben von frühester Kindheit an zustrebte. Die große Goldene Medaille der Kunstakademie, die seit vielen Jahren nicht verliehen wurde, ist mir für ein Frauenporträt zuerkannt worden – das Bild meiner Mutter. An diesem, dem glücklichsten Tage meines Lebens, den ich, wie ich fühle, ihr und ihr allein schulde, empfinde ich das lebhafte Bedürfnis, meine Dankbarkeit dadurch zu bezeigen, daß ich jenen verlassenen Kindern Gutes tue, die aufwachsen, ohne eine Mutter zu kennen. Und da ich heute in der Zeitung sah, daß die »Vereinigung zur Pflege obdachloser Kinder« um Beiträge zum Bau eines Heims bittet, beschloß ich, mich an Sie, als den Präsidenten des Vereins, zu wenden. Ich habe nur meine Arbeit, von der ich geben kann, doch diese hat heute erhöhten Wert erlangt. Ich bitte Sie also, meiner Mutter zu Ehren, beifolgende Skizze zu meinem preisgekrönten Bild entgegenzunehmen. Es ist mein Wunsch, daß sie zugunsten des neuen Heims zur Verlosung gelange.«

Oberst A. E. G. Petersen lehnte sich mit Würde zurück und ließ eine Pause eintreten, damit die Damen ihren Gefühlen Luft machen konnten.

Frau Valerius legte ihre eine fette kleine Hand auf die andere, sah zu den Glasprismen des Lüsters auf und sagte edelmütig, aber beherrscht:

»Ungemein gentil!«

»Außerordentlich respektabel!« antwortete Frau Stolle und putzte ihre kleine spitze Nase.

Fräulein Hastrup fuhr sich mit der Hand unter den Augenschirm und nickte energisch. Die alte Frau Brandt faltete die Hände, und während ihre milden braunen Augen sich mit Tränen füllten, sagte sie mit der Wärme der Überzeugung: »Unser Vater ist gut gegen ihn und seine Mutter gewesen – und gegen uns alle, alle!«

Hierauf beugte sich der Oberst wieder über den Tisch, und den Gedankenfaden von früher aufnehmend, sagte er mit dem ihm eigenen Gewicht:

»Ich bin überzeugt, daß das Bild bei vernünftiger Anordnung in der Verlosung mehrere tausend Kronen einbringen kann. Meine Damen! Ich erbitte mir die Erlaubnis des Ausschusses, dem edelmütigen Spender zu danken.«

Und während das Komitee auf die diskrete Andeutung des Obersten den jungen Mann durch Erheben von den Sitzen ehrte, fügte er als rein persönliche Bemerkung hinzu: »Niemand könnte sich einen besseren Sohn wünschen!«

»Wie heißt der junge Mensch?« fragte Frau Valerius, die zuerst ihre Fassung wiedererlangte.

»Ja, wer ist es?« klang es interessiert von allen Seiten.

»Der Name dürfte den Damen gewiß unbekannt sein. Ich kenne ihn, wie er ganz richtig vermutet, jedenfalls nicht.«

Der Oberst beugte sich über das Papier und las die Unterschrift: »Ihr ehrerbietig ergebener Kaspar Hegelund.«

Frau Stolle fuhr zusammen. Kaspar Hegelund? Das war ja ihr Neffe, ihrer Schwester Kind! Sie war im Begriff, es hinauszurufen, beherrschte sich aber noch rechtzeitig. Du mein grundgütiger Gott und Schöpfer! Diese Auszeichnung und diese Schenkung! Warum konnte sie eigentlich nicht? Aber es war unmöglich. Ach, welche Prüfung!

Konnte sie nicht vielleicht dennoch – eine Kusine, eine arme Kusine nur? Unmöglich! Sie hatte ja einen anderen Namen als der Sohn.

Was war Frau Valerius' Bürochef mit seinem Ritterkreuz und seinen armseligen hundert Kronen gegen ihren Neffen mit dieser Auszeichnung und diesem Geschenk, das mehrere tausend Kronen einbringen konnte und die Runde durch sämtliche Zeitungen machen würde! Ach, welche schwere Prüfung legte ihr ihre Schwester abermals durch ihren gewissenlosen Lebenswandel auf!

Der Oberst erklärte die Sitzung für geschlossen. Ohne daß jemand es bemerkte, verschwand er im Korridor und kam mit einem großen, viereckigen Paket wieder zum Vorschein.

»Meine Damen!« sagte er. »Ich habe Ihnen eine angenehme Überraschung zugedacht.« Und indem er vorsichtig das Papier entfernte, fügte er hinzu:

»Hier sehen Sie das Meisterwerk.«

Die Damen drängten sich um das Bild. Selbst Kandidat Frederiksen vermochte seine bescheidene Zurückhaltung nicht zu bewahren. Sanft schob er die am wenigsten Ansehnliche, Fräulein Mogensen, beiseite.

Nur Frau Stolle hielt sich ein bißchen im Hintergrund. Indem sie sich auf die altmodische Schatulle mit den eingelegten Figuren, die aus ihrer und ihrer Schwester Elternhaus stammt, stützte, starrte sie ängstlich zum Bilde hinüber. Die bekannten Züge waren gealtert und gefurcht. Die Farbe war blaß und durchsichtig; aber aus den Augen leuchtete es so glücklich und friedvoll, und der Blick dieser Augen war gerade auf die ihren gerichtet.

Frau Stolle mußte ihre ganze Kraft aufbieten, um von diesem Blicke nicht niedergebeugt zu werden. Vorsichtig, sich an jedem Möbelstück auf ihrem Wege festhaltend, schlich sie sich hinein, um nach der Schokolade zu sehen, die die Waagesen eben servieren wollte.

Nachts konnte die alte Frau Stolle nicht einschlafen. Sie lag da und wunderte sich über das Leben, das sie bis jetzt so gut verstanden zu haben glaubte.

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