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Heimwärts

Laurids Bruun: Heimwärts - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorLaurids Bruun
titleHeimwärts
publisherS. Fischer, Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150417
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Das Urteil der Geschichte

Der alte Strömberg, wie er von den Architekten der jüngeren Generation genannt wurde, saß an seinem Schreibtisch mit der Feder in der Hand. In Gedanken versunken, streichelte er seinen kurzgestutzten weißen Vollbart, der am Hals hinunterwuchs und von den altfränkischen Vatermördern bedeckt wurde. Dann lehnte er sich zurück und blickte durch das geöffnete Erkerfenster mit den kleinen altholländischen Scheiben hinaus in den Herbsttag. Die Villa war sein eigenes Werk. Sie war die Frucht der besten Erfahrungen einer langen Künstlerlaufbahn, eine späte, aber reife Frucht. Der Hauch eines schönen, klaren Oktobermorgens berührte seine hohe Stirn mit den unzähligen feinen Runzeln, und seine bleichen, müden Augen schlossen sich unwillkürlich vor dem kalten, reinen Licht von draußen.

Der Konferenzrat, Ritter des Danebrog-Ordens, Professor Peter Strömberg, feierte heute seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag.

Von dem Kiesgang des Gartens her ließen sich schlürfende Schritte hören. Er kannte diese Schritte. Ein halb bitteres, halb wehmütiges Lächeln spielte um seinen Mund, während er sich vorbeugte, um zu sehen, was Mamsell Mandrup wohl heute in ihrem Korbe habe. Die Morgenzeitung guckte heraus. Nach alter Gewohnheit pflegte er sie beim Frühstück zu lesen. Mamsell Mandrup hatte also die Zeitungsfrau unterwegs getroffen, weshalb er es auch zur gewöhnlichen Stunde nicht hatte klingeln hören. Neben dem Weißbrot lag ein Rosinenkranz. Der Konferenzrat lächelte von neuem. Er wußte ja, daß Mamsell Mandrup niemals vergaß, ihm seinen Lieblingskuchen an diesem Tage vorzusetzen. Einen Tag nach dem anderen hatte er hier gesessen und Mamsell Mandrup in ihren großen Galoschen den Kiesgang von der Gartenpforte heraufkommen sehen. Kein Freund, kein Verwandter, nur eine alte Magd schlich in seinem Hause umher mit dem einzigen Gedanken, ihm sein Alter zu erleichtern, soweit es seine alten Gewohnheiten ihr gestatteten.

Der Konferenzrat strich mit der Hand über die Stirn, als wollte er Wehmut und Bitterkeit verscheuchen. War er nicht mit seinem Los zufrieden? War dieser stille Frieden, der ihn und sein Werk umgab, nicht der sicherste Schutz gegen die neuen Gedanken und aufrührerischen Ideen einer neuen Zeit, die er nicht näher kennen zu lernen wünschte, als seine Zeitung aus der guten alten Zeit es für gut erachtete? Konnte einem alten Künstler, der seinen Wert kannte und ruhig und objektiv auf das Werk seines Lebens zurückblickte, ein besseres Los beschieden sein? Er gehörte ja schon der Geschichte an; das Leben konnte ihm nichts Schöneres bieten als Frieden, den glückseligen Frieden, der ihm gestattete, sich in Erinnerungen zu vertiefen, um mit voller Klarheit und unanfechtbarer Seelenruhe die Geschichte seines Lebens dem Papier anzuvertrauen, um sich selbst einen Nachruf zu widmen und eigenhändig das Urteil der Geschichte zu fällen.

Der Konferenzrat fühlte, daß er keine Zeit zu verlieren habe, sollte ihn nicht der Tod bei der Ausführung seines letzten Werkes überraschen. Mehrmals war es ihm in der letzten Zeit passiert, wenn er den Blick vom Papier hinweg in die Vergangenheit zurückschweifen ließ, daß ihm die Feder aus der Hand gefallen war, ohne daß er es merkte, bis er allmählich aus einer wunderlichen Betäubung mit offenen Augen erwachte. Er war bis zum Schluß des zweiten Teiles gekommen, der die kritischen Jahre der Kämpfe seiner Jugend behandelte und mit dem Siege schloß. Aber der dritte Teil war noch übrig, der die eigentliche Wirksamkeit seiner Männerjahre, die Zeit seines Ruhmes, umfaßte und der umfangreichste werden sollte. Der Konferenzrat hatte sich, als er heute morgen das Manuskript öffnete, vorgenommen, daß er seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag, der vielleicht der letzte sein würde, damit feiern wolle, den zweiten Teil abzuschließen. Er brauchte nicht zu fürchten, heute gestört zu werden. An seinem siebzigsten Geburtstage hatte man ihm das Kommandeurkreuz verliehen – was durfte er noch erwarten? Von dem alten Freundeskreis war er allein noch übrig. Mit dem neuen Geschlecht, das jetzt das große Wort führte, hatte er nichts zu schaffen. Er wußte wohl, daß sich eine Gesellschaft gebildet hatte, die sich mit jugendlicher Anmaßung die Gesellschaft der Baukünstler nannte, und daß sie eine Zeitschrift herausgab, in der die Kritik niemals fehlte. Er hielt sie weder, noch las er sie, und ihre neuen Namen kamen ihm nur zu Gesicht, wenn sich einer in seine eigene Zeitung aus der guten alten Zeit verirrte. Ja, diese Kritik – wie bezeichnend war sie für die Gedankenarmut der neuen Zeit! Und diese Jugend sollte eine eigene Geschichte und die der anderen, vor ihm Heimgegangenen geistigen Größen schreiben!

Dieser Gedanke weckte in ihm stets Bitterkeit.

Von dieser jugendlichen Lebensanschauung aus sollte sein Werk beurteilt werden? Nein, das durfte nie geschehen. Ganz objektiv und leidenschaftslos, allein von Fakten ausgehend, schrieb er jetzt die Geschichte seines Wirkens, damit jeder rechtschaffene Mann zukünftig sein eigenes Wort höre, und seine Entwicklung, die auf Tatsachen und unumstößlichen Schlußfolgerungen basierte, gegen die leicht gewonnenen Resultate und Paradoxe einer neuen Zeit gewogen werden könne.

Der Konferenzrat beugte sich wieder über den Schreibtisch und las die letzten Zeilen, um den Gedankengang wieder aufzunehmen.

In seiner geschnörkelten Handschrift in zierlichen Reihen stand da:

»Wenn ich jetzt am späten Abend meines Lebens auf dessen Morgen zurückblicke, oder vielmehr auf dessen hellen Tag, und mich frage, was eigentlich die Wendung in der Strömung, die mir entgegenbrauste, hervorgebracht hat, dann ist es mir klar ...«

Was hatte er doch schreiben wollen? Was war ihm denn klar? Richtig – das war der endliche Sieg des nie ermüdenden Fleißes, der gewissenhaften Arbeit. Der Konferenzrat erhob den Blick, wie er zu tun pflegte, wenn seine Gedanken arbeiteten und sich in klaren Ausdrücken zu formen suchten.

Sein Blick blieb an einem alten Briefbeschwerer aus Bronze haften, der eine Sphinx darstellte. Er hatte mit der Schreibmappe gegen ihn gestoßen, so daß er schief stand, was seinen Ordnungssinn beleidigte. Er streckte die Hand aus, um ihn wieder auf den rechten Platz zu stellen. Aber indem seine Hand das eiskalte Metallhaupt der Sphinx berührte, erwachte er aus seinen Gedanken, und in demselben Augenblick wehte der Wind ein loses, Blatt des wilden Weinlaubes, das draußen den Erker umrankte, auf seine Hand. Das welke, rotgoldene Blatt fesselte seinen Blick – und in seiner Erinnerung, die zu den grünen, frischen Blättern seiner Jugend zurückschweifte, stieg plötzlich ein halb vergessenes Bild empor. Ein Bild von Wein und Freude, in der Gesellschaft eines guten Freundes genossen. Der Konferenzrat richtete sich auf, und seine müden, bleichen Augen erhielten Glanz und Farbe. Welches merkwürdige Zusammentreffen! Derselbe Freund hatte ihm ja die Sphinx, die er jetzt in seiner Hand hielt, zur Erinnerung geschenkt. Merkwürdigerweise hatte er ihn ganz aus der Erinnerung verloren gehabt, trotzdem sich seine Gedanken gerade jetzt ausschließlich um jene kritischen Tage drehten, in denen Karl Flemming ihm tröstend zur Seite gestanden hatte. Ein Enthusiast war dieser Flemming gewesen, eine Schmetterlingsnatur mit hellem Kopf. Tage und Nächte hatte er in der leichtesten Gesellschaft vergeudet.

Der Konferenzrat schloß die Augen, damit die Erinnerung das Bild in frischen Farben malen könne, bis der Freund leibhaftig vor ihm stand, so liebenswürdig und wild, so ausgelassen und widerspruchsvoll, so gutherzig und offen. Es war doch gut, daß er sich seiner jetzt erinnerte. Er gehörte ja notwendigerweise in die Memoiren. Der Konferenzrat war so erfüllt gewesen von den kalten und traurigen Erinnerungen aus jener kritischen Zeit, daß in seinem Gedächtnis nicht ein Plätzchen für die frohen und hellen Augenblicke geblieben war, für das, was in innigster Beziehung zu dem alten Jugendfreund stand, der längst in dem großen gemeinsamen Grab der Vergessenheit ruhte. Wie schnell war diese Freundschaft gestiftet, und wie kurze Zeit hatte sie gedauert! Nur einen Frühling – jenen an Erlebnissen reichen Frühling – den der Konferenzrat in seinem fünfunddreißigsten Lebensjahre in Rom auf seiner ersten italienischen Reise verlebte. Zufällig hatte er Karl Flemming in der Sixtinischen Kapelle getroffen, vor dem großen Jüngsten Gericht von Michel Angelo.

»Ach ja, du guter Freund! Am schlimmsten warst du gegen dich selbst. Italiens Sonne und Italiens Frauen vereinigten sich, um deiner begabten aber leider unordentlichen Natur ein jähes Ende zu bereiten.«

Lebendig sah er das feuchte, dunkle Atelier in Rom vor sich, in dem Karl Flemming auf einer Matratze ausgestreckt lag, während seine Frau oder vielmehr seine Geliebte – das Verhältnis war ja glücklicherweise nicht legitim gewesen – mit ihrem kleinen Knaben auf dem Arm neben ihm kauerte und den Konferenzrat in ihrer tiefen Verzweiflung mit einem so flehenden Blick ansah, als erwartete sie, daß er Flemming das Leben zurückgebe.

Was war aus ihr geworden? – Der skandinavische Verein sorgte auf Veranlassung des Konferenzrats für den kleinen Knaben, der den Namen seines Vaters trug. Später hatte die Familie des Verstorbenen ihn anerkannt und ihm eine gute Erziehung zuteil werden lassen. Der Konferenzrat erinnerte sich, gehört zu haben, daß der Knabe das Talent des Vaters geerbt habe, daß er Kunststudien oder Ähnliches treibe. Es war ihm, als hätte er den Namen Karl Flemming vor einiger Zeit in seiner Zeitung gelesen – vielleicht war es auch der Vater gewesen, dessen Name in einer historischen Übersicht erwähnt wurde. Der Konferenzrat hatte damals die hinterlassenen Zeichnungen und Papiere an sich genommen und Sorge getragen, daß sie der Familie zugestellt wurden. Unter ihnen befanden sich gute, ja sogar ausgezeichnete Sachen. Neben wunderlichen Entwürfen, aus denen man nicht klug werden konnte, wirklich talentvolle und durchgearbeitete Motive. Eines solchen erinnerte er sich ganz lebhaft; es war der Entwurf zu einem Kasino – einem Gartenhaus – wo die edlen, graziösen Motive der Renaissance mit den ernsten Linien der Gotik auf eigentümliche Weise verschmolzen waren – ein genialer Entwurf.

Der Konferenzrat erinnerte sich dessen so gut, denn es war das einzige, was er sich aus dem Nachlaß seines Freundes zur Erinnerung ausgebeten hatte. Ach ja, so rücksichtslos mäht das Schicksal die Jugend hin, die doch so vielversprechend und reich an Kräften schien. Und doch – war es nicht vielleicht so am besten gewesen? Würde Karl Flemming bei seinem unordentlichen und der Arbeit abgeneigten Lebenswandel je sein Talent zu einer produktiven Entwicklung gebracht haben? Er, dem so ganz das Verständnis dafür fehlte, daß das Talent eine untergeordnete Rolle in der Arbeit des wirklichen Künstlers spiele, daß das Genie sich in der rastlosen, gewissenhaften Arbeit dokumentiere.

Gleichsam prüfend schweiften die Blicke des Konferenzrats über den kunstvollen Erker hin, in dem sein Schreibtisch stand. Dann sagte er leise:

»Der Strömbergsche Stil, ja! Hätte Karl Flemming sich wohl je zu einem Werk sammeln können, dem die Mitwelt einen Platz in der Kunstgeschichte eingeräumt haben würde?«

Mehrmals seufzte der Konferenzrat tief, während er seines toten Jugendfreundes gedachte, der die schwierigste Kunst, zu leben, nie verstanden hatte, und den der Tod vielleicht deshalb – recht betrachtet – aus Barmherzigkeit so früh abrief.

Von neuem weilte sein Blick auf dem kunstvollen Erker.

Eine eigene, stille Vaterfreude strahlte aus seinen bleichen, müden Augen, indem er, mit der Hand auf den Schreibtisch schlagend, in der kurzen, überlegenen Weise sprach, in welcher er früher auf dem Bauplatz vor seinen Untergebenen dozierte:

»Das ist der Strömbergsche Stil – in seiner Reinheit – das ist sein Typus. Jeder, der die Blüte meiner Arbeit sehen will, muß mich in meinem eigenen Hause besuchen.«

Darauf beugte sich der Konferenzrat wieder über den Tisch und ergriff die Feder, um die Periode zu beendigen, welche den zweiten Teil seines Lebens zum Abschluß bringen sollte, – den, der die kritischen Kampfjahre der Jugend umfaßte und mit dem Siege schloß.

 

Mamsell Mandrup ging in Filzschuhen lautlos umher und deckte den Frühstückstisch für das Geburtstagskind. Obwohl es Sonnabend war, legte sie ein reines Tischtuch auf, eins von den feinen Damasttüchern. Dann stellte sie zwei kleine Schüsseln auf den Tisch, auf der einen eigenhändig zubereitete Rollwurst, eine ihrer Spezialitäten, auf der anderen kalte Karbonade von gestern mittag. Die Kristallglocke mit dem Roquefort-Käse nahm sie auf eigene Verantwortung aus dem Büfett und stellte ihn symmetrisch dem Rosinenkranz gegenüber.

Dann musterte sie das Ganze mit prüfendem Blick und entdeckte, daß die Zeitung fehlte. Wie gewöhnlich guckte sie erst einen Augenblick hinein, wobei eine Überschrift in großen Buchstaben ihre Augen fesselte.

»Konferenzrat Professor Strömberg,«

stand da und darunter in gewöhnlicher Schrift:

»vollendet heute sein fünfundsiebzigstes Lebensjahr. Wir sehen mit Vergnügen, daß die heute herausgekommene Nummer der Zeitschrift »Baukünstler«, welche sich sonst nicht durch Pietät auszeichnet, folgende Glückwunschadresse an unseren hochverehrten Nestor unter den Architekten richtet.«

Darauf folgte eine längere Epistel, welche Mamsell Mandrup aus Mangel an Zeit nicht lesen konnte.

»Es wird ihn freuen,« dachte sie, »daß man seiner in seiner eigenen Zeitung gedenkt.«

Sie hatte die größte Lust, sie offen hinzulegen, damit seine Blicke sofort auf den Artikel fielen, sobald er sich an den Tisch setzte. Aber sie wagte nicht, der gewohnten Ordnung zuwiderzuhandeln. Deshalb glättete sie die Zeitung und legte sie zusammengefaltet auf den gewöhnlichen Platz neben das Setzei des Konferenzrats.

Zweimal hatte sie schon an die Tür geklopft, ohne eine Antwort zu erhalten.

»Jetzt sitzt er gewiß wieder da wie neulich und sieht und hört nicht; ich muß wohl hinein und ihn wecken.«

Vorsichtig öffnete sie die Tür einen Spalt und rief hinein:

»Das Ei des Herrn Konferenzrats wird kalt!«

Aber der Konferenzrat antwortete nicht.

Mamsell Mandrup stand unschlüssig da und blinzelte nach ihm hin mit ihren kleinen, kurzsichtigen Augen. Darauf wagte sie sich hin zum Schreibtisch, vor dem der Konferenzrat auf seinem Stuhl angelehnt saß, das Haupt auf die Brust herabgesunken, als schliefe er. Die Hand ruhte auf dem beschriebenen Blatt, die Finger krampfhaft um die Feder geschlossen.

Sobald sie einen Blick auf den Konferenzrat geworfen, fuhr sie mit einem Schrei zurück. Seine Augen waren starr und glanzlos auf die Sphinx gerichtet, die Mamsell Mandrup immer ungern beim Abstäuben berührte, so kalt und unheimlich fühlte sie sich an.

Noch einmal rief Mamsell Mandrup – dann wischte sie sich die Augen und seufzte vor sich hin:

»Herrgott! – An seinem Geburtstag!«

Mamsell Mandrup hatte in ihrem Leben vieles durchgemacht und viele alle Leute sterben sehen. Der Gedanke hatte ja auch nicht fern gelegen, daß die Reihe bald an den Konferenzrat kommen würde, denn diese vielen Schreibereien in den letzten Monaten hatten ihn sichtlich angestrengt. Hätte man dem Konferenzrat nur raten dürfen!

Mamsell Mandrup ging hinaus in die Küche, um Bertha zum Arzt zu schicken, und als sie durch das Speisezimmer zurückkehrte, fielen ihre Augen auf die Zeitung.

»So sollte er nicht einmal diese Freude erleben!« seufzte sie.

Während Bertha zum Arzt ging, saß Mamsell Mandrup neben der Leiche ihres Herrn und las ihr laut vor, was in der Zeitung über den Geburtstag des Konferenzrates stand.

Bald konnte sie fast nicht weiterlesen vor Rührung über die vielen schönen Worte, die über ihren Herrn gesagt waren, und von denen sie nichts verstand. Den Schluß, der ihr am besten gefiel und der obendrein mit einem Vers endigte, las sie wieder und wieder:

»Es ist ein langes und tatenreiches Leben, auf das der Konferenzrat Strömberg zurückblicken kann, ein Leben voll rastlosen Fleißes und gewissenhafter Arbeit, das sich in den vielen öffentlichen und privaten Gebäuden unserer Hauptstadt Gedenksteine des bekannten Strömbergschen Stils gesetzt hat.

Aber fragen wir heute, so viele Jahre nach der Blütezeit seines Wirkens, was nach dem Urteile der Geschichte Strömberg die Künstlertaufe erteilt hat, so daß wir in ihm nicht nur den fleißigen Baumeister, sondern auch den genialen Künstler verehren, dann müssen wir die Hauptstadt verlassen und den Schloßpark von Falkenburg besuchen, um das wunderbare Gartenhaus zu bewundern, das Strömberg gleich nach der Rückkehr von seiner ersten italienischen Reise auf Bestellung des jetzigen Besitzers entwarf und bald darauf ausführte.

Uns, der jüngeren Generation, ist es klar, daß diese künstlerische Arbeit es war, welche die Strömung, die ihm in seinen besten Jugendjahren entgegenging, zu seinen Gunsten beeinflußte. Auf geniale Weise hat er in diesem Kunstwerk die edelsten und graziösesten Motive der italienischen Renaissance mit den ernsten, gotischen Linien verschmolzen, die bisher ausschließlich seine Arbeiten beherrschten. Erst jetzt begriff man, daß die gesuchte, geschnörkelte Manier, welche die Gotik seiner früheren ziemlich wertlosen Arbeiten prägte, nicht das fruchtlose Suchen eines fleißigen Technikers nach Originalität, sondern vielmehr die ersten unbewußten, tastenden Versuche zu dem Neuen waren, das unter Italiens Sonne ungeahnt und gereift seinem Geiste entsprang.

Das Gartenhaus – Kasino sollte es eigentlich heißen – auf Falkenburg war einer dieser seltenen künstlerischen Funde, von denen unser großer Dichter sang:

Der lustige Sohn der Natur steht dem Glück am nächsten;
Was der Grübler der Nacht mit Fleiß zu ergründen trachtet,
Wenn die Sonne im bleichen Westen versinkt –
Er findet's im Scherz wie ein Wunder.

Wir, die wir einer neuen Zeit und einer neuen Generation angehören und im größten Teil der übrigen Arbeiten Strömbergs nur das Werk des fleißigen Grüblers betrachten, beugen hier mit Ehrfurcht unsere Knie vor dem Wunder, das er hier vor vierzig Jahren ins Leben rief.

Es ist ein Glück, das nur selten einem Sterblichen zuteil wird, selbst das Urteil der Geschichte über das Bleibende, das für alle Zeiten gleich Wertvolle seines Wirkens zu erleben. Wir Jungen bitten den alternden Künstler, dem dieses beneidenswerte Los geworden, an diesem Tage unsere herzlichen Glückwünsche entgegenzunehmen.

Im Namen der »Baukünstler«

Karl Flemming, Dozent.«

Mamsell Mandrup ließ die Zeitung in den Schoß fallen und trocknete sich die Augen. Durch Tränen blickte sie auf die erstarrten Züge ihres Herrn und auf seine magere, weiße Hand, die gleichsam die Feder umklammerte.

Dann seufzte sie und sagte:

»Herrgott! Daß er diese Freude nicht noch erleben sollte!«

Ihre Augen fielen auf das beschriebene Blatt, auf dem seine Hand ruhte. Mißbilligend schüttelte sie ihr altes Haupt.

»Ja, diese vielen Schreibereien der letzten Zeit haben es ihm angetan.«

Was mochte ihn wohl so eifrig beschäftigt haben? –

Behutsam und ehrerbietig näherte Mamsell Mandrup ihre kurzsichtigen Augen dem Papier. Mühsam buchstabierte sie sich durch die letzte Zeile hindurch, die der Konferenzrat mit seinen geschnörkelten, gotischen Buchstaben niedergeschrieben hatte: »Dann ist es mir klar –«

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