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Heimwärts

Laurids Bruun: Heimwärts - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorLaurids Bruun
titleHeimwärts
publisherS. Fischer, Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150417
projectid99b4bfb8
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Als Lily heranwuchs

Lily hatte in der Geographie eine Null erhalten. Daran waren die Departements in Frankreich schuld, von denen sie keine Ahnung hatte.

Gestern abend war sie mit ihrem Großvater auf der Promenade spazierengegangen, anstatt zu lernen.

Als sie heimkam, erwachte die Mutter, die über ihrer Näherei eingedruselt war, wie es gewöhnlich geschah. Das Feuer im Ofen war ausgegangen, und die Mutter wurde immer verstimmt, wenn sie fror. Deshalb mußte Lily sofort ins Bett.

Daher kam es, daß sie die Departements nicht lernte.

»Das kann ich wahrhaftig nicht mehr aushalten!« sagte Lily zu sich selbst zum hundertsiebzehnten Male, während sie, die Schulmappe unter dem Arm, beide Hände tief in die Taschen der kurzen Winterjacke bohrte, die aus Tante Ulls abgelegter hergestellt war.

Jedesmal, wenn sie an einem Schaufenster vorüberging, das ihre lange Backfischfigur mit der abgenutzten Jacke und dem verschossenen Seidenlappen um den Hals widerspiegelte, hätte sie am liebsten vor sich selbst die Zunge ausgestreckt.

»Reizend sieht man aus!« dachte sie. »Nur Großvater macht sich was aus mir; und er ist ebenso arm wie ich. Hätte er nur Geld, dann bekäme ich so viele Kleider, wie ich nur haben wollte.«

Nein! Den Hut, den sie im Schaufenster von Müller und Lund gesehen hatte – mit einer langen, echten Straußenfeder!

Lily blieb vor dem großen Schaufenster des Glasers in der Gotenstraße stehen, wo sie sich beim Vorübergehen in einem großen Spiegel mit vergoldetem Rahmen zu spiegeln pflegte.

Dabei stellte sie sich vor, wie der aufgebogene Hut sie kleiden würde.

»Und zu Ostern – wenn ich konfirmiert werde, soll ich den Plunder anziehen, den Mutter sich in der Familie zusammenbettelt!«

Als Lily sich umwandte, fielen ihre Blicke auf einige eingerahmte Bilder, die zum Verkauf ausgestellt waren.

Eine zinnoberrote, frisierte Kuh nippte an spinatgrünem Grase vor einem Hause mit Strohdach und einem schneeweißen Schornstein, aus dem eine herrliche, weiße Rauchsäule zum ultramarinblauen Himmel aufstieg.

»Solcher Dreck! Und dafür will er zehn Mark haben. Da sind doch Großvaters Bilder zehnmal wertvoller!«

Als Lily weiterschlenderte, fiel ihr plötzlich etwas ein.

Sie beschleunigte ihre Schritte, ihre Augen glänzten, und je mehr sie nachdachte, desto schneller ging sie. Auf der Treppe zum Großvater sprang sie drei Stufen mit einmal hinauf.

Der alte Christensen, der von einer unsinnig dürftigen Pension das Leben fristete, saß wie gewöhnlich und rauchte seinen Knaster.

Im Zimmer konnte man vor Gerümpel kaum vorwärts kommen, und es war nicht ein einziger Platz zum Sitzen frei.

Auf den alten, wackeligen Stühlen lagen Mappen und Kleider, eine alte Staffelei versperrte die Passage. An den Wänden hingen verblichene Skizzen aus seiner Jugend, als er noch in dem Wahn lebte, ein Künstler zu werden. Auf dem niedrigen Fensterbrett lag ein Stapel staubiger Bücher neben alten Malutensilien und einem Paket Tabak, das eben angebrochen war.

»Wie spät kommst du heute, Lily!« sagte er und nickte ihr mit seinen kleinen, sanften Augen freundlich zu.

»Ich mußte nachsitzen. Daran ist die unausstehliche Gensen schuld – in Geographie – du weißt schon!«

»Ärgere dich doch nicht über das verrückte Frauenzimmer, Lily. Man muß garnicht daran denken, dann ist es einerlei.«

Lily stand einen Augenblick still und betrachtete das Bild auf der Staffelei. Der Großvater machte sich immer mit Pinsel und Farbe zu schaffen, um sich die Zeit zu vertreiben.

»Weshalb malst du eigentlich immer Esel und feuerspeiende Berge?«

»Das ist Italien, Lily – Neapel, weißt du. Könntest du doch auch einmal dahin kommen, mein Liebling!«

»Daraus mache ich mir gar nichts, solange ich keine ordentlichen Kleider habe. Hör mal, Großvater, könntest du nicht eine Kuh malen, die vor einem Hause mit Rauch steht und Gras frißt?«

Der Großvater blickte sie zweifelnd an.

Was steckte ihr nur im Kopf – seiner kleinen, lieben Lily, für die er sein Leben gegeben hätte – das bißchen, was davon noch übrig war – und seine Seele mit, wenn nur jemand sie kaufen wollte.

Während Lily ihm ihre glänzende Idee auseinandersetzte, wurden seine kleinen, blinzelnden Augen immer runder.

Anfänglich schüttelte er den Kopf. Als aber Lily die Stirn runzelte und mißmutig aussah, begann er zu nicken. Sein Gesicht verlor den wehmütigen Ausdruck, und die Pfeife ging aus, während er in Gedanken die Perspektive verfolgte, die Lily ihm ausmalte.

Ja, dann könnte sie den Hut bekommen – und ein feines Konfirmationskleid – und – und –

»Und du kannst eine ordentliche Zigarre rauchen, Großvater, und abends ein Glas Punsch trinken – und wie wir kneipen werden!«

Lily saß auf der Tischkante und baumelte mit den Deinen.

»Punsch! Ach, Lily!«

Der Großvater wischte sich den Mund mit seiner mageren, runzeligen Hand, auf der die Adern so angeschwollen waren, als ob sie platzen wollten.

Am nächsten Tage, während Lily in der Schule war, malte der alte Christensen so fleißig, wie er es seit sieben Jahren nicht getan hatte.

Das war ja auch etwas ganz Neues auf seine alten Tage.

»Das liebe Kind! Wie sie ihrem Vater gleicht! – Etwas gelb da im Mittelgrund – so, so! Kunst ist das nicht, o nein – das ist nicht Kunst. – Ach – Kunst!«

Er hielt inne, um sich die Augen zu trocknen. Es war ja gerade, als hätte er eine Bestellung erhalten – auf seine alten Tage!

»Wie tüchtig ist sie – und klug. – Mir wäre das doch nie eingefallen. – Aber ich setze nicht meinen Namen darunter – nein – obwohl? lieber nicht, nein. Aber – etwas Kunst ist doch darin – gewiß. Viel zu gut für den Laden.«

Als Lily die Treppe heraufgestürmt kam – der Großvater kannte ihre Schritte schon von weitem – beeilte er sich, sie zu empfangen. Dann holte er sein Bild, das fix und fertig war.

Er hatte es selbst in einen alten Rahmen gesteckt. Ihrer Order gemäß hatte er eine Kuh, Gras und ein Strohdach mit Rauch und blauem Himmel gemalt.

Lily prüfte es mit kritischen Blicken.

»Das ist viel zu gut für so eine alte Spelunke!« sagte sie, indem sie den Arm um seine Schultern legte. Sie war größer als er.

»Findest du – wirklich?«

Die Augen des alten Christensen leuchteten vor Glück, während er mit seinen eingefallenen Lippen paffte.

Darauf warf er den spanischen Mantel um, der gleich ihm bessere Tage gesehen hatte. Das noch feuchte Bild wurde vorsichtig in eine alte Zeitung gehüllt. Und dann traten der Großvater und Lily ihren gewöhnlichen Abendspaziergang an. Die Mutter wußte von alledem nichts, niemand in der Familie ahnte das geringste.

Als sie die Gotenstraße erreicht hatten, bekam der Großvater plötzlich Bedenken.

Unruhig blickte er Lily an und zupfte sie am Ärmel.

»Hör mal, Lily! Mein liebes Kind, man kann nie wissen, vielleicht ist der Glaser ein Halunke.«

»Ach Unsinn!«

Der Großvater blieb an der Straßenecke stehen und wartete, denn Lily wollte ihn nicht mit in den Laden nehmen.

»So, also Ihr Großvater hat das gemalt?« fragte der Glaser und blickte sie prüfend über die Brille hinweg an.

»Weshalb kommt er nicht selbst?«

»Er kann nicht gehen, seine Beine sind gelähmt.«

»Herrgott, sind seine Beine gelähmt?«

Der Glaser war ein gutmütiger Mann, er sah die Kuh und den Rauch an und fügte hinzu:

»Das ist ganz flott und gut gemacht, aber die Farben sind dreckig. Ich habe gerade ein Bild, das diesem hier gleicht, draußen im Schaufenster. Das nenne ich Kunst. Das ist so reinlich und blank, als ob die Farben eben gerieben wären.«

Jetzt konnte sich Lily nicht länger halten:

»Haben Sie vielleicht jemals in Wirklichkeit eine frisierte Kuh oder einen weiß polierten Schornstein gesehen?«

Der Glaser sah sie verblüfft an, dann sagte er feierlich:

»Die Kunst steht auf einem Brett, die Wirklichkeit auf dem anderen, meine junge Freundin. Aber davon verstehen Sie noch nichts.«

Dann kehrte er plötzlich den Geschäftsmann heraus.

»Der Rahmen taugt nichts, das sage ich Ihnen von vornherein – aber für das Bild will ich vier Mark geben.«

Lily antwortete mit einer zustimmenden Handbewegung:

»Meinethalben.«

Als sie das Geld erhalten hatte und schon halb zur Tür hinaus war, rief ihr der Glaser nach:

»Hat Ihr Großvater noch mehr derartiges, so können Sie mir ja gelegentlich etwas zeigen.«

»Das kommt darauf an, ob Sie ordentlich bezahlen – da sind so viele, die Großvaters Bilder haben wollen.«

»Wirklich – o ja – aber sagen Sie ihm doch, daß die Farben reinlicher sein müßten. Und hören Sie – er möchte seinen Namen darunter setzen. Das heißt, er muß in einer Ecke oder auf einem Stein ein paar Buchstaben und die Jahreszahl darunter malen. Dann gewinnt die Kunst gleich an Wert – verstehen Sie?«

»Wir werden sehen!« Damit war sie hinaus.

Der Großvater malte, und Lily verkaufte.

Kühe und Häuser und grüne Bäume – zur Abwechselung einmal einen Hirsch, der in Gedanken zwischen den Bäumen stand.

Der Großvater überwand sich selbst. In eine Ecke malte er zwei kunstvoll verschlungene Buchstaben, die von seinem wirklichen Namen so weit wie möglich entfernt waren.

Lily befand sich im siebenten Himmel. Jetzt hatte es die Mutter auch erfahren. Es konnte ja nicht verborgen bleiben, daß sie einen neuen Hut und ein seidenes Halstuch und Handschuhe bekam. Und immer hatte sie die Tasche voll Bonbons und man drängte sich in der Schule um sie.

Lily sah jetzt der Konfirmation und der Zukunft vertrauensvoll entgegen, und der Großvater arbeitete mit der zärtlichen Freude eines Versorgers. Auch gönnte er sich sowohl eine Zigarre als auch abends ein Glas Punsch.

Mit jedem Tag gewann er die Arbeit lieber, es kam ihm vor, als sei er wieder jung geworden.

Zuweilen geschah es wohl, daß er sich den Kopf kratzte und mißtrauisch seine Malerei mit halb zugekniffenen Augen betrachtete. Denn es kam ihm doch vor, als sei hier und da wirklich etwas Kunst zu spüren. –

Lily wurde zu Ostern konfirmiert. Dank Großvaters Bildern stand sie in einem feinen, schwarzen Kleide und schönen Handschuhen in der Kirche. Weder Agnete noch Ellen Skou, das hochmütige Ding, konnten ihr gegenüber mit etwas Besserem protzen.

Jeden Tag ging der Großvater mit Lily spazieren, wie er es zu tun pflegte, seit sie ein ganz kleines Mädchen war.

Mit seinen milden Augen folgte er bewundernd ihrer feinen, jugendlichen Gestalt und sah, wie sie mit jedem Tage schöner wurde.

Dasselbe hatte ein junger, bleicher Mann bemerkt, der ihnen in den Kolonnaden zu begegnen pflegte, wenn sie auf dem Heimwege waren.

Seit langer Zeit hatten sie ihn täglich getroffen. Lily konnte sich seiner aus ihren letzten Schuljahren erinnern. Sie fand ihn so interessant aussehend, und sie wußte, daß er Student war, denn einmal war er ihr mit der Studentenmütze begegnet. Seine großen offenen Augen hatten etwas Verwegenes und Kluges; aber damals sah er sie nie an, und das kränkte sie.

Aber jetzt – seit sie den neuen Hut, die neue Jacke und das lange Kleid trug, fing er an zu sehen – und Lily war überzeugt, daß er ihnen nicht zufällig jeden Tag begegnete.

Wenn er an ihnen vorbeistrich, blickte er ihr dreist in die Augen. Anfänglich schlug sie sie nieder, aber nach einiger Zeit erwiderte sie seinen Blick; dann wurde er rot, was Lily sehr amüsierte.

Aber der Großvater ging neben ihr und merkte nichts. Ging er mit Lily spazieren, dachte er nur daran, sie zu unterhalten.

»Liebe, einzige Lily, ich habe ja nur dich – dich allein, wofür ich lebe – nichts andres, mein einziges Kind, und ich möchte dich so gern glücklich sehen.«

»Hast du mir nichts anderes zu erzählen?« neckte ihn Lily.

Worauf der Großvater betrübt wurde, sich entschuldigte und dummes Zeug schwatzte, wie er es häufig zu tun pflegte.

Einen Monat später küßte der Student mit den verwegenen Augen Lily auf dem Wall von Christianshavn, aber in aller Ehrbarkeit, und verlobte sich gleichzeitig mit ihr. Es sollte eine heimliche Verlobung sein, von der niemand außer Großvater etwas wissen durfte, verlangte Lily. Der Großvater sollte ihr Vertrauter sein.

Der Student begleitete sie bis zur Haustür. Als Lily die schmale Treppe zur Dachwohnung des Großvaters hinanstürmte, saß dieser in seinem alten Lehnstuhl und lauschte auf ihre Schritte. Er hatte vergebens nachgegrübelt, weshalb sie ihn heute nicht hatte mithaben wollen. Jetzt merkte er, daß Sturm im Anmarsch war.

Er erwartete sie an der Tür und blickte sie voller Unruhe an.

»Was gibt es denn, liebe Lily, weshalb bist du so außer Atem?«

»O, Großvater!«

Zum erstenmal seit Lily ein ganz kleines Mädchen war, geschah das merkwürdige, daß sie ihm um den Hals fiel. »Ich habe mich verlobt!«

Darauf warf sie sich stolz in die Brust, im Bewußtsein ihrer neuen Würde. Aber noch ehe der Großvater die Worte vernahm, sah er an dem feuchten Glanz ihrer Augen, den er aus Erfahrung kannte, daß ihr etwas Ungewöhnliches begegnet war.

»Verlobt – Verlobt!«

Er streichelte ihr Haar, als ob er den Sturm dämpfen wolle.

Während Lily erzählte, wie es zugegangen war, was er gesagt hatte, und was sie – und daß sie ihn geküßt hatte, spiegelte sich auf dem alten, runzligen Gesicht des Großvaters getreulich jede Empfindung ab, die Lilys jugendliche Züge bewegte.

Als aber Lily endlich ihre Erzählung beendigt hatte und vergaß, den Großvater am Kragen zu zupfen, was sie zu tun pflegte, wenn sie ihm gute Nacht wünschte, und als sie die Tür hinter sich zugeworfen hatte und gleich dem Sturmwind die Treppe hinunterfuhr, stand der alte Großvater allein, verwirrt und außer Atem mitten im Zimmer und suchte sich zu sammeln.

Langsam, ganz langsam wurde ihm klar, daß sich etwas Neues in ihr Leben eingeschlichen habe, das sich zwischen ihn und sie stellte und ihn vielleicht verdrängen konnte. Er begriff, daß es Freuden und Sorgen gäbe, die sie nicht mit ihm teilen würde. Einen Augenblick regte sich etwas wie Unwille gegen den bleichen jungen Mann mit den verwegenen Augen in ihm, aber er verscheuchte diese Regung sofort.

Einige Tränen fielen in den Tabak, als er seine Pfeife stopfte, und während er sich bemühte, Luft durch das kleine, schnarchende Rohr zu ziehen, versöhnte er sich mit dem jungen Mann, den er nicht kannte und den er fast schon ins Herz geschlossen hatte.

Die Pfeife wollte nicht brennen, während er in seinem Dachstübchen saß und Licht zu machen vergaß. Er nickte nicht mehr, und sein Gesicht bekam fast einen starren Ausdruck.

Endlich erwachte er. Es fror ihn. Und als er die Lampe angezündet hatte, kam es ihm so wunderlich einsam in seinem alten Stübchen vor.

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