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Heimwärts

Laurids Bruun: Heimwärts - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorLaurids Bruun
titleHeimwärts
publisherS. Fischer, Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Das große Herz

Sie hält im dritten Stockwerk an und lauscht.

Weint er?

Nein.

Dann waren es die Zwillinge des Modewarenhändlers im zweiten Stock.

Leise schleicht sie die letzte schmale Treppe hinauf, die Hühnerstiege, wie Hansen sie nannte.

Sie atmet ein wenig schwer, denn sie hat so viel zu tragen. Das Bäumchen muß sie vor sich hinhalten wie einen Leuchter, damit die Zweige nicht am Geländer streifen und abknicken.

»Mein Gott! Ich werde doch den Schlüssel nicht vergessen haben? In der Manteltasche. Gott sei Dank!«

Dann schließt sie ihr eigenes Starenhäuschen der Treppe gerade gegenüber auf.

Der bleiche Dämmerschein von dem großen Mansardenfenster fällt auf das Gesicht des Kindes. Das Köpfchen verschwindet beinahe ganz in den weißen Kissen des großen Bettes.

Sanft und ruhig, auf und ab hebt sich das Bettuch unter den Atemzügen, und die runden Fingerchen zupfen im Schlaf an dem Hohlsaum.

»Ob er wohl schon träumt? – Ein Kind von zwei Monaten?«

Leise schließt sie die Tür hinter sich, ohne die Augen von der runden Stirn mit dem goldigen seidenweichen Haar abzuwenden.

Dann huscht sie zu ihm hin und beugt sich, das Bäumchen und alle Pakete noch im Arm, über ihn. Das braune dichte Haar fällt ihr über die Ohren, während sie sich niederbückt und der Freude ihres Lebens zulächelt. –

Sieh, wie die Wärme auf seiner Stirn perlt, wie an einem Sommerabend der Tau auf einer Rose – und in den Schläfen klopfen die Adern unter der feinen Haut – auf und ab – auf und ab!

Ihr Herz schlägt mit heftigen Schlägen und das Blut steigt ihr in den Kopf. Sie ist noch immer nicht recht kräftig.

Da der Junge so viel trinkt, muß sie sich schonen. Und nun hat sie sich vom Atelier nach Hause so sehr beeilt; sonst hätte sie gar nicht alles besorgen können. Schinken – grüne Erbsen – Kaffee – Kuchen – Äpfel – Nüsse – ja sie hat alles – und dies für Knud!

Hastig sieht sie auf die Uhr, die auf der Kommode tickt.

In anderthalb Stunden ist er da. Der Zug kommt fünf Uhr vierzig Minuten. Dann nimmt er eine Droschke. Fünf Minuten über sechs Uhr – und er ist da!

Ach – wer ihn von der Bahn abholen könnte!

Ob er wohl sieht, daß er seine Augen hat – der Junge? Seine geraden Brauen. Aber die Stirn und das Kinn, die hat er von mir. Das Haar auch, obgleich man mit der Farbe noch nicht rechnen kann.

Ihr Blick streift den Spiegel über der Kommode, während sie die weißen Pakete weglegt.

Die Falte da an den Mundwinkeln hat Knud noch nie gesehen. Sie ist zwar ganz fein; aber er sieht sie gewiß gleich mit seinen scharfen Augen.

An dieser Runzel ist der Junge schuld; sie kam in den letzten Monaten vor der Geburt.

Sie unterdrückte einen Seufzer bei dem Gedanken an jene schwere, schwere Zeit. Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen – wie verzweifelt war sie damals gewesen, als sie nicht aus noch ein wußte, und keine Briefe erhielt, und gerade soviel hatte, um nicht Hungers zu sterben.

Aber nun ist Weihnachten – und nun kommt er, und er erhält das herrlichste Weihnachtsgeschenk, das ein Weib geben kann.

Er und ich und der Junge!

Sie kniet vor dem Ofen nieder und facht die Glut unter der Torfasche an. Dann legt sie Holz nach, bläst darauf, bis es brennt, füllt dann Koks nach mit den Händen, Stück für Stück, um den Jungen nicht aufzuwecken.

Richtig – der Kaffee für die »Stare« – den darf ich nicht vergessen!

Nun sitzt jeder in seinem Loch und horcht, ob das Wasser siedet. Sobald sie den Kessel summen hören, kommen sie. Gestern war Hansen der erste; da nimmt er sich heute wohl in acht und wartet, bis er Andersens Stimme hört.

Sie nimmt einen großen Topf, den sie drunten bei Jensens entlehnt hat, vom Bort herunter.

Der Topf ist mit kleinen Steinen gefüllt. Sie stellt den Christbaum hinein und drückt die Steine um den Stamm zusammen. Wie er auf dem Boden steht, reicht er ihr nur bis zur Brust.

Aber wenn wir anzünden, stellen wir ihn auf den Schemel.

Und sie fängt an, das Bäumchen zu putzen, während sie auf das Sieden des Wassers wartet.

Dann sitzt also Knud dort im Lehnstuhl, das Gesicht dem roten Auge des Ofens zugewandt, wie er es so gern tut. Und ich mit dem Jungen auf dem Sofa hier in der Ecke, so daß eins des andern Hand und Mund erreichen kann. Und ich erzähle ihm von allem Schweren und allem Schönen und von allen meinen düsteren Gedanken, während ich – –

Der Junge schlägt die Augen auf. Seine Händchen fahren tastend über das Bettuch; und als er die Brust der Mutter nicht findet, beginnt er zu weinen.

Gleich ist sie am Bett. Sie hebt das Kind aus dem warmen Lager heraus und schaukelt es mit dem rechten Arm auf ihrem Schoß, während sie schnell das Kleid aufknöpft und die Brust entblößt.

Wie wunderbar! – Sie fühlt; wie das Leben durch sie hindurch in das Kind hinüberströmt. Eine selige Lust ist es, die durch Schmerzen strömt.

Was wäre er ohne mich und ich ohne ihn!

Und mit träumerischen Blicken – mit Lippen, die sich öffnen vor dem Glück, das sie durchbebt – betrachtet sie das Bild des Mannes dort auf dem Fensterbrett, das Bild dessen, der ihr den Jungen geschenkt hat.

Dann fällt ihr Auge auf ein anderes Bild, das an den Fensterpfosten gelehnt neben Knuds steht.

Es ist der letzte Bucheinband, den sie in Rot mit Gold für's Atelier gemalt hat. Der Band, der die Hoffnung ihrer Zukunft geworden ist.

Das Weihnachtslied: »Die lieblichste Rose.«

So oft sie dem Jungen die Brust gibt, denkt sie daran. Denn das Motiv quoll aus ihrem Herzen heraus, während sie ihn innig an sich gedrückt hielt.

Lange hatte sie umsonst mit der Aufgabe gerungen, die ihr der Direktor gestellt hatte.

Es handelte sich um das alte Weihnachtslied »die lieblichste Rose«, wozu der alte, berühmte Musiker eine neue Melodie komponiert hatte.

Zu Weihnachten sollte das Lied herauskommen: zuerst ein paar Blätter mit den Noten und dann ein Liedervers auf jeder Seite, alles auf dickem Velinpapier. Und dann galt es, einen allegorischen Rahmen dazu zu finden – zu den Noten und auch zu den Versen. Ein Motiv, das auf jeder Seite variiert würde; aber von all den Variationen sollte der Kern des Motivs – wie das Thema eines Musikstücks – gleich in dem Rahmen auf dem Einband zusammengefaßt und hervorgehoben sein.

Wie sollte sie nur etwas dazu finden! – Sie glaubte ja nicht einmal daran – an die Worte des Lieds – so wie man als Kind glaubt; sie war ja nicht einmal gläubig!

Seit sie und Knud zusammen kamen, hatte sie gesund und stark zu zweifeln gelernt; Knud hatte es sie gelehrt. Ja, er hat ihr die Augen dafür geöffnet, was das Leben eigentlich sei, hat sie gelehrt, daß all das, was Religion heiße, etwas sei, womit sich kein freier und wahrhaftiger Geist befassen könne. Es trage auch dazu bei, einen im Kampf ums Leben und dergleichen zu schwächen, sagte Knud.

Und sie sind doch so schön – die alten trauten Liederverse!

Wieder und wieder las sie das alte Weihnachtslied, bis sie es auswendig konnte, vom ersten bis zum letzten Vers. Sie hafteten fest in ihrem Gedächtnis; und wenn sie auf der Straße ging und an nichts dachte, dann stellte sich bald der eine, bald der andere Vers ganz von selbst ein. Aber trotz allem kam sie mit ihrer Aufgabe nicht zustand.

Dann kam der Junge, und da gab es so viel, viel anderes zu denken.

Aber als sie eben wieder aufstehen konnte, jedoch immer noch schwach und kraftlos war, da plötzlich – während sie, den Kopf über den Jungen an ihrer Brust geneigt, den Lebensstrom so wunderbar von sich in ihn hinüberströmen fühlte – da plötzlich tauchten die Verse ganz von selbst in ihrem Gedächtnis auf, gleichsam mit einer ganz neuen Bedeutung.

Leise sang sie sie über seiner runden, rosigen Wange, auf deren feinem Flaum lichte Tropfen perlten, wie der Tau auf einer Rose:

»Die lieblichste Rose erblühet,
Aus Dornen sie leuchtet und glühet;
Der Heiland vom Himmel gekommen,
Der sündigen Menschheit zu Frommen.«

Und in demselben Moment sah sie vor ihrem inneren Auge das Motiv – das Herzensmotiv.

Aus dem großen warmen Herzen der Erde heraus, aus dem tiefen Dunkel empor, ergießt sich der rote Strom des Lebens durch vieltausend feinverschlungene Adern hindurch, wie durch das Geäst eines wunderlich verzweigten Baumes – strömt hinein in alle lebenden Wesen der Erde – Pflanzen, Tiere und Menschen – und jedes kleine Zweiglein endet in einem kleinen Herzblatt.

»Da ließ Gott die Rose ersprießen« – und über alle hinaus, mitten zwischen den starren, dornigen Disteln, steigt ein schlanker Stengel auf. Er entfaltet sich in einer Rose; und in dem Kelch der Rose liegt ein Kindlein, in dessen Herzblatt der Strom aus dem großen Strome endet.

»Nun ist Ihr Glück gemacht, Fräulein Dahl,« sagte der Direktor, nachdem er dem Professor, dem alten Komponisten, ihre Skizze gezeigt hatte. Und am nächsten Tag bot er ihr eine feste Stellung an dem großen Etablissement an.

Nun singt sie wieder die Worte des alten Liedes vor sich hin, des Liedes, das sie begleitet, wo sie steht und geht. Und sie wiegt das Kind an ihrer Brust im Takt mit der Melodie, der neuen Melodie.

Dann beugt sie sich vor und küßt ihre eigene Rose. Die Augen des Kindes haben sich geschlossen, aber die Händchen wollen ihren Halt nicht loslassen.

Es klopft an der Wand dicht beim Sofa; und eine alte vorsichtige Stimme fragt:

»Darf ich kommen, Fräulein?«

Der Deckel auf dem Kessel klappert, jetzt erst hört sie es.

»Bitte, Andersen!« sagt sie; aber als sie das Kind ins Bett legen will, greift es wieder fester zu, und der kleine Mund drückt sich an ihre Brust an.

»Du Nimmersatt!« sagt sie lächelnd.

Sie breitet ihr Taschentuch über die entblößte Brust; und nun ertönen Andersens drei Schläge – ein langer und zwei kurze – an der Tür.

Schneider Andersen hat seine Arbeit weggeräumt, um Weihnachten zu feiern. Er hat seinen schwarzen Rock angezogen, der alt und abgenutzt ist, wie er selbst. Er war recht bange gewesen, sie könne heute vergessen, ihm Kaffee zu geben, weil es heiliger Abend ist, und weil drunten bei Jensens eine ganze Stunde später als gewöhnlich zu Mittag gegessen wird.

»Wie geht es Ihnen, Andersen? Sie haben doch wohl noch nicht gegessen? Aber Sie können ja auch vorher ein Schälchen Kaffee trinken?«

»Gott segne Sie, Fräulein Dahl, Kaffee kann man immer trinken. Solange Julie lebte, holte sie jeden Tag um diese Zeit frisch geröstete Kaffeebohnen; und dann tranken wir einen Extraschluck in der Dämmerstunde, während man die Arbeit ruhen ließ.«

Andersen streicht mit seinen steifen Fingern über seinen Rock, setzt sich dann ganz aufrecht auf die Kante des Stuhls und betrachtet die Mutter und das Kind unter der Brille hervor mit seinem unbeweglichen Blick.

Nachdem er so eine Weile schweigend dagesessen hat, reibt er sich mit seinem linken Zeigefinger unter der Nase und zieht dann aus der inneren Rocktasche vorsichtig etwas in weißes Papier Eingewickeltes.

Er steht auf und räuspert sich.

»Dies ist ein kleines Weihnachtsgeschenk, das Sie, wie ich hoffe, nicht verschmähen werden, Fräulein Dahl. Sie haben ja so eine Vorliebe für Bilder und solche Sachen, die hübsch sind und nicht allzu teuer.«

Sie macht das Papier auf. Es ist ein Lichtdruckbild, das die Jungfrau Maria mit dem Kind in der Krippe darstellt. Im Kreise herum knien die Hirten und die heiligen drei Könige. Und darunter hat Andersen mit steifen, eckigen Buchstaben geschrieben:

»Laut sollte der Lobgesang klingen,
Was Odem hat, Psalmen nur singen,
Doch viele nie haben vernommen,
Daß zu uns die Rose gekommen.«

Das ist ihr Lieblingslied. Denn Andersen hat sie es so oft singen hören, während sie zu Bett lag; und sie hat ihm auch den wunderschönen Einband gezeigt, den sie dazu gemalt hat. Aber auf Andersens Bild war nur für einen Vers Platz, und so wählte er den, der ihm für Weihnachten und für sie am geeignetsten erschien. Denn wie stand es eigentlich mit ihrem Glauben? Damit ist es ja nicht getan, daß man ein Kirchenlied singen kann. Andersen wohnte einmal Tür an Tür mit einem Dienstmann, der nie eine Kirche betrat, und doch sang er immer ein Kirchenlied, wenn er frierend an einer Straßenecke stand. »Hier ich schweige, hier ich bleibe,« hatte er gesungen.

Während das Fräulein das Bild betrachtet und den Vers sich selbst und ihm laut vorliest, reibt Andersen seine steifen von Gichtknoten verkrümmten Finger aneinander. Dann sagt er mit einem Seufzer:

»Das ist ein wahres Wort – das ist ein Wort, das man sich sehr genau überlegen sollte – jetzt, wo es Weihnachten ist.«

 

Seine unbeweglichen Augen betrachten unverwandt das Kind an der Brust der Mutter. Dann faltet er die Hände zwischen den Knien und sagt:

»Glaube, Hoffnung und Liebe – diese drei sind eins. Wer das eine vernommen hat, der hat alle drei vernommen und das Rätsel des Lebens gelöst. Das ist es, was wir alle wissen sollen, die Großen wie die Kleinen. Amen!«

Dann reibt er sich mit dem linken Zeigefinger unter der Nase, schiebt die Brille zurecht und denkt daran, daß das Wasser nun laut brodelt. Jetzt wäre es gewiß Zeit, den Kaffee aufzubrühen.

»Geben Sie mir die Kanne und die Kaffeebüchse, Andersen – die rote – dort auf dem Bort.«

Andersen holt die Kanne und die Büchse, er trägt sie so vorsichtig in seinen steifen Händen, als sei es das Sakrament für einen Sterbenden.

Er hebt den Deckel auf, und während sie, das Kind noch an der Brust, die Kaffeebohnen malt und das Kaffeemehl dann in die Maschine schüttet, beugt Andersen seine Nase über die Büchse, um den herrlichen Duft einzuatmen. Es ist gerade, als wärme es einem die Herzgrube, wenn man ihn nur riecht.

»Wo nur Hansen bleibt?« sagt sie und lauscht nach der Wand neben dem Bett, während Andersen die Kaffeekanne auf den Kessel setzt.

»Er kommt schon,« sagt der Schneider, »er kommt schon, wenn er ihn riecht – ich kenne Hansen!«

Andersen lächelt nachsichtig zu diesen Worten und streicht sich einen grauen Haarbüschel aus der Stirn.

Nun räuspert sich nebenan jemand.

Da lächelt Andersen Fräulein Dahl zu und zeigt dabei alle seine Zahnstumpen. Sie will rufen, er aber flüstert ihr zu, zu schweigen und zu tun, als habe sie nichts gehört.

Ein neues Räuspern. Es klingt, als brumme ein hungriger Bär.

Andersen sperrt den Mund auf, kneift die Augen zusammen und wiegt seinen Oberkörper hin und her, während er sich mit den Händen über die spitzigen Knie streicht.

»Nein, das ist unrecht!« sagt sie und denkt dabei an jene Nacht, wo Hansen, als sie jammerte und stöhnte, aus seinem warmen Bett sprang, an die Wand klopfte und fragte, ob er nicht die Hausfrau holen solle.

»Bitte, Hansen – nun gibt's Kaffee.«

Es brummt da drinnen. Ein Stuhl wird zurückgeschoben, und die Tür eines Kleiderschrankes knarrt.

»Nun schlüpft er in den Schwarzen!« sagt Andersen hinhorchend.

Weder Andersen noch Hansen hat je des anderen »Starenhäuschen« gesehen, wie Hansen die Mansardenzimmer getauft hat. Denn keiner will den ersten Schritt tun.

Ist etwa ein alter Schneidermeister nicht ebenso gut wie ein abgedankter Lehrer? – Ja, wenn er wenigstens noch Religions- oder Geographielehrer oder so etwas Höheres gewesen wäre; aber einfaches Maschinenzeichnen und derartiges Handwerk an einer technischen Schule, wo nur Lehrjungen hinkamen! Und wie stand es damals mit der Flasche? – Denn jetzt sind wir Temperenzler. Das kennt man ja. Und Freidenker ist er überdies auch noch!

Nun geht die Tür nebenan. Und dann klopft Hansen an. Er klopft nur einmal, während ein anderer –

Da erscheint sein rundes rotes Gesicht mit den lebhaften Augen in der offenen Tür. Er ist klein und dick. Das dichte, graue Haar umrahmt wirr seine Stirne, und er zieht die Lippen auf der einen Seite ein wenig herunter, als müsse er etwas Bitteres kosten.

»Guten Tag, Fräulein.«

Er gibt ihr die Hand und nickt Andersen nachlässig zu.

»Mit Verlaub,« sagt er und läßt sich in dem Lehnstuhl nieder.

»Wie der trinken kann, der Kleine!« sagt er. »Da sehen Sie, was ich für ihn habe. Er ist ja noch ein wenig klein; aber wenn er größer wird –«

Und nun zieht Hansen ein sonderbares Ding aus der Tasche.

»Was ist es denn?« fragt sie, während Andersen mit starren Augen Räder und Stangen betrachtet.

»Das ist eine Dampfmaschine – eine richtige, vollständig montierte Dampfmaschine. Es soll ja sozusagen als Weihnachtsgeschenk gelten.«

»Ich danke Ihnen schön. Das also ist es, was Sie in der letzten Zeit abends zusammengehämmert haben!«

»Ja, das ist es. Und nun sollen Sie sehen. Nun gießen wir Wasser in den Kessel, und dann zünden wir hier innen an – dies ist nun bloß Spiritus, sehen Sie; aber es könnten ebensogut Kohlen sein. Nun einen Augenblick Geduld! – Nur einen Augenblick! Sehen Sie! Nun dampft es hier aus dem Schornstein. Sehen Sie, nun hebt der Dampf den Stempel hier innen im Zylinder. Sehen Sie, er geht in die Höhe, akkurat wie bei einer richtigen Lokomotive – tsi – tsi – tsi – tsi! Hören Sie es? Der Stempel drückt auf den Hebel; und nun geht es – auf und ab – auf und ab. Und nun sollen Sie sehen – nun läuft sie.«

Hansen stellt die Maschine auf den Boden; sie läuft rund herum, fährt Andersen an die Füße und schnurrt wie im Zorn, bis er sie frei macht.

Hansen freut sich mit glänzenden Augen über sein Werk.

»So etwas haben Sie wohl noch nie gesehen, was, Andersen?« sagt er und läßt seine runden Augen vergnügt im Zimmer umherschweifen. Zufälligerweise fallen sie gerade auf das Bild der Jungfrau Maria mit dem Kind und den Engeln und den Hirten.

Ho, ho! denkt er, das ist von Andersen! Und es kitzelt ihn förmlich in den Augenwinkeln vor Lust, den andern ein wenig zu necken. Er kann es einfach nicht lassen.

»Sehen Sie hier, Andersen,« sagt er, »hier ist das Feuerloch. Hier wird die Feuerung hineingeschüttet, gerade wie wir Nahrung zu uns nehmen. Und dann geht das Ganze wie von selbst.«

Dann sieht er mit seinen allerrundesten Augen zu Andersen hinüber.

»Ja, ist das nun nicht ein schöner Gedanke – was Andersen? – daß das Ganze so von selbst gehen kann. Nur Geschicklichkeit – keine Hexerei! Und dann, wenn das Feuer aus ist und der Dampf verflogen, dann steht die Maschine still, gerade wie bei einem Menschen, der fertig ist, und bei dem es nun ans Sterben geht. Ach ja, Andersen, wenn wir Menschen etwas schärfere Sinne hätten und einen etwas besseren Verstand, dann könnten wir die ganze Maschinerie mit dem bloßen Auge sehen – gerade wie wir in die Lokomotive hier hineinsehen können – wie das ganze Leben von selbst geht, ohne daß man es nötig hätte, an Engel und Geister – und an all das zu glauben, was man Kindern in der Schule weismacht.«

Andersen wirft zornig die Haarlocke aus der Stirn zurück. Er weiß sehr gut, daß Hansen dies nur sagt, um ihn zu ärgern; denn er sitzt ja dort drüben und glotzt ihn mit seinen kleinen boshaften Augen gerade an; aber er kann trotzdem nicht stille sitzen bleiben und dergleichen anhören.

»Aber das Weihnachtsfest,« sagt er, »das können Sie doch recht gut leiden, was, Hansen?«

»Freilich kann ich das, Andersen. Das Weihnachtsfest – das ist das, was ich die Schmiere nennen würde – dafür könnte man es rechnen. Sehen Sie, Andersen, hier in der Maschine ist etwas, was wir den »toten Punkt« nennen. Hier ist es, sehen Sie, wo der Hebel am höchsten steht und die Treibstange am Wendepunkte ist. Dann ist nichts mehr da, was das Rad weiter herumtreibt; aber sehen Sie, dann gibt es da etwas, was wir die eigene lebendige Kraft des Rades nennen, und sie gibt dem Rad einen Stoß – und dreht es von selbst weiter und über das hinüber, was wir Maschinenleute den »toten Punkt« nennen. Sehen Sie, so ist es auch bei uns Menschen – wenn wir die langen Abende in Hunger und Kälte verbracht haben und es am allerschlimmsten bei uns steht, so daß es geradezu nicht mehr so weitergehen kann – daß wir gleichsam auf dem »toten Punkt« angekommen sind, dann müssen wir durchaus die lebendige Kraft zu Hilfe nehmen. Öl in der Lampe müssen wir haben und ein ordentliches Stück Fleisch in den Gedärmen und einen Schluck zum Trinken und was sonst noch zum Beißen und Brennen gehört. Dann feiern wir Weihnachten, sehen Sie, und dann geht es wieder weiter, bis wir den Frühling erreichen.«

Entrüstet wendet sich Andersen an Fräulein Dahl, die den Jungen zu Bett gelegt hat. Sie steht jetzt am Ofen und brüht den Kaffee auf.

»Das ist nichts für Sie zum Anhören, liebes Fräulein,« sagt er.

»Was ist es nicht? Ach, in dieser Beziehung hält es Fräulein Dahl mit mir.«

»Nein, ich halte es nicht mit Ihnen,« erwidert sie lachend und schenkt den »Staren« Kaffee ein.

Beide halten die Untertasse mit gespreizten Fingern und atmen den Duft ein, während sie ein Stück Kandiszucker von der echten altmodischen Sorte in den Mund stecken und daran lutschen. Dann schlürfen sie den ersten Mundvoll, während sie sich über den Rand der Tasse hinweg fest ansehen. Und am Ofen steht das Fräulein und freut sich über die beiden alten Vögel.

Nun stellt Andersen seine Tasse auf den Tisch, faltet die Hände und sagt:

»Es gibt kein anderes Weihnachtsfest, als den Geburtstag unseres lieben Heilandes, der am 24. um die Mitternacht ist, was jedes Menschenkind wissen sollte. Er hat uns gelehrt, das Rätsel des Lebens zu lösen, das in Glaube, Hoffnung und Liebe besteht; und deshalb feiern wir Weihnachten.«

Und während er unbeweglich dasitzt und durch seine Brillengläser hindurch den wunderschönen Einband betrachtet, den sie für das alte Lied gemalt hat, das er ganz auswendig kann, sagt er nur den Vers, von dem er sich für Hansen am meisten Wirkung verspricht, wenn er ihn zu hören bekomme. Und indem er ihn hersagt, heftet er seine unbeweglichen Augen fest auf Hansens runde, lebhafte:

»Seitdem wir in Sünden geboren,
Das Ebenbild Gottes verloren,
Sank Nacht auf die Erde und Bangen,
Verderben hält alles umfangen.«

Aber Hansen verstand den Vers nicht – keine Silbe davon. Langsam schlürft er einen neuen Mundvoll Kaffee durch den Zucker hindurch und sieht dabei Andersen, ohne zu blinzeln, herausfordernd an.

»Nun bedanke ich mich recht schön,« sagt er, und stellt die Tasse nieder, »der Kaffee war ausgezeichnet.«

Da kommt jemand mit raschen Schritten die Treppe herauf; und dann klopft es lustig an die Tür.

»Herein!«

Jensen ist es, Frau Jensens Mann, von drunten aus der Wirtschaft.

»Da sitzt ihr nun wahrhaftig beim Kaffeeklatsch, während wir anderen kaum Zeit zum Verschnaufen haben!«

Der kleine Mann mit dem großen Backenbart und den langen Armen drückt allen dreien die Hand. Dann schaut er nach dem Kinde hin und sagt:

»Nein, wie der Not leiden muß, der Herzog!«

»Wollen Sie nicht auch eine Tasse Kaffee trinken, Herr Jensen?«

»Tausend Dank – es ist sehr freundlich von Ihnen, liebes Fräulein – aber gerade vor dem Essen – nein, das geht wahrhaftig nicht. Man muß auf seine Verdauungswerkstatt Rücksicht nehmen,« sagt er und klopft sich auf sein spitziges Bäuchlein, »höchstens um Ihnen Gesellschaft zu leisten, wie man sagt, aber nur einen Tropfen – einen Tropfen!«

Jensen bekommt seinen Tropfen, streicht sich den Bart und trinkt ihn dann wichtig in drei Zügen.

Dann läßt er seinen Blick über das schlafende Kind und über die anderen im Zimmer hingleiten.

»Hier sind wahrhaftig die heiligen drei Könige um das Kind versammelt,« sagt er dann.

Andersen räuspert sich heftig, und Jensen fährt schnell fort:

»Eigentlich kam ich, um den Herrschaften zu melden, daß die Weihnachtsgrütze brenzlig geworden und die Gans verbrannt ist, und was sonst noch zu einer ordentlichen Haushaltung gehört. Und nun sollen Sie zum Essen kommen. Und dann soll ich von meinem Weib grüßen und fragen« – Jensen nennt seine Frau immer »Weib«, wenn sie es nicht hört – »ob nicht das Fräulein« – Jensen steht auf und verneigt sich mit der Hand auf dem Herzen – »ob nicht das Fräulein uns die Ehre geben und das Vergnügen machen würde, brenzlige Grütze in aller Einfachheit mit uns zu essen, und auch die Weihnachtsgans mit Äpfeln und Backpflaumen, und was sonst noch dazu gehört. Es ist nur einmal im Jahre Weihnachten, wie geschrieben stehet.«

»Ich danke Ihnen recht schön, Herr Jensen, aber ich kann wirklich nicht.«

Sie zeigt auf das Zimmer.

»Sie sehen, ich feiere selbst Weihnachten hier bei mir.«

Jensen schaut sich um und entdeckt all die weißen Pakete auf dem Bort.

»Erlauben Sie,« sagt er und befühlt sie mit Kennermiene.

»Schinken! – grüne Erbsen! – Äpfel, Nüsse! – Kuchen – ah – hm!«

»Ist es für den Herzog, all das gute Essen?« fragt er.

»Es ist für seinen Vater und für mich,« erwidert sie, und ihre Wangen röten sich dabei.

Nun ist es gesagt; und mit strahlenden Augen sieht sie die Anwesenden an.

»Beim Himmel!« sagt Jensen, sich rücksichtsvoll verneigend; aber Andersen und Hansen sehen einander an, und der Schneider hätte beinahe seine Tasse fallen lassen.

»Ich glaubte, Ihr – Ihr Bräutigam sei in Deutschland?« sagt Hansen.

»Das ist er auch. Aber er kommt mit dem Zug fünf Uhr vierzig Minuten. Er will Weihnachten daheim feiern; und im Frühjahr machen wir Hochzeit.«

»Ihr untertänigster Diener, Fräulein Dahl, meine besten Glückwünsche!« sagt Jensen und verbeugt sich mit der Hand auf dem Herzen.

»Ich gratuliere!« sagt Hansen, und hebt die Kaffeetasse in die Höhe.

»Gott segne Sie!« sagt Andersen und faltet die Hände.

»Was zum Teufel, um Vergebung – was ist denn das für ein Dingsda!« ruft Jensen und stößt mit dem linken Fuß an die Dampfmaschine, als sei es ein gefährliches Gewürm.

»Das ist ein Weihnachtsgeschenk von Hansen für mich und den Jungen,« sagt Fräulein Dahl, indem sie die Maschine vorsichtig aufhebt.

»Das ist ja eine echte und rechte Dampfmaschine!«

»Und hier müssen Sie das Bild sehen, das ich von Andersen bekommen habe.«

»Schön – wahrhaftig – niedlich! Die Engel da – und die Hirten mit dem Hirtenstab und das ganze. Ja, so soll es sein. – Nun, was das anbelangt – andere hätten ja auch mit irgend etwas in der Hand antreten können; aber wohlverstanden, die Weihnachtsgrüße und die Gans, die sollten ja von meiner Frau und mir sein. Hätte man gewußt, daß Sie nicht mitessen würden, dann – –«

»Ja, aber morgen komme ich hinunter und mache Ihnen einen Besuch.«

»Tun Sie das, Fräulein. Das ist recht. Und wenn es dem hochwohlgeborenen Herrn Gemahl angenehm ist, unser geringes Haus nicht zu verschmähen, dann wird es mir eine Ehre sein –«

Eine gellende Stimme ruft vom Treppenabsatz des zweiten Stockwerks herauf:

»Kommt ihr nun!«

»Pst! das Weib – wahrhaftig! – Meine Herren! – Adieu, Fräulein, und fröhliche Weihnachten.«

Sie drücken einander alle die Hände und wünschen sich fröhliche Weihnachten.

Und Jensen wendet sich unter der Tür noch um, und wirft dem Herzog eine Kußhand zu.

Sie deckt das Kind zu. Dann öffnet sie einen Augenblick einen Fensterspalt, um frische Luft herein zu lassen, und während sie zu dem klaren, kalten Dezemberhimmel aufschaut, wo die Sterne blinken, als werde es ihnen schwer, sich warm zu halten, denkt sie, wie arm sie doch seien, die drei, die für niemand anders als für sich selbst zu sorgen haben.

Die Hand unter dem Kinn, starrt sie auf das Menschengewühl da unten. Die Lichter in den Schaufenstern strahlen weit auf die Straße hinaus; die Ladentüren stehen beinahe keinen Augenblick still.

Sieh, wie die Menschen durcheinanderrennen! Es ist jetzt auch schon spät, und die Kinder warten daheim.

Glaube, Hoffnung, Liebe – ja vielleicht – an diesem einen Tag des Jahres! Sonst aber – das ganze Jahr hindurch – Gott bessre es! Die Luft streicht ihr eisig über Stirn und Hand. Sie schließt hurtig das Fenster und neigt sich über den Jungen. Er liegt mit großen, offenen Augen da und dreht das Köpfchen dem Fenster zu.

In zehn Minuten – nein, zwölf Minuten wird es mindestens noch dauern. Das Blut strömt ihr zum Herzen; nun kann sie an nichts anderes mehr denken. Sie nimmt den Lehnstuhl und dreht ihn dem Ofen zu. Sie will keine Lampe anzünden, nun leuchtet es rot vom Ofen her und flammt zur Decke empor und über die Gardinen und wirft Kußhände nach dem goldenen Haar des Kindes dort auf dem Kissen.

Nächste Weihnachten – da werden sie in ihrem eigenen Heim Christabend feiern. Und Knud und sie selbst werden in ihren Himmel schauen; und das wird sie aussöhnen mit allem Harten und Kalten, das ihnen Tag um Tag begegnet.

Denn wer weiß, wie es gehen wird!

Viele beginnen mit guten Aussichten und Glück; aber dann kommt Krankheit – oder auch nur ein anderer überholt einen, man wird ganz still von einem Menschen mit kalten Augen und harten Fäusten verdrängt, zum Beispiel von so einem wie dem in der Zeichenschule, den Knud den »Amerikaner« nannte.

Ach – die vielen, vielen Abendstunden in der Zeichenschule, wo die Lampen von grünen Schirmen verhüllt waren! Hätte sie nicht ihren Platz an der Tür gehabt, wo alle vorüber mußten, dann hätten sie und Knud einander vielleicht nie kennen gelernt. Von so wenig kann alles abhängen.

Gleich am ersten Abend streiften seine großen, braunen Augen sie hinter ihrer Staffelei; und da war es, als fühlten sie alle beide, daß sie zusammengehörten. Und als sie an jenem Abend heimging, sah sie, daß er an der Ecke stehenblieb, sich von seinen Gefährten verabschiedete und ihr nachging. Am nächsten Abend sprach er sie schon an. Und sie ließ ihn reden; denn seine Stimme tat ihr wohl in ihrer Einsamkeit.

Als sie sich dann lieb gewannen, gingen sie ab und zu miteinander aus; und sie besuchte ihn auf seinem Zimmer, und er saß bei ihr bis spät in die Nacht hinein und erzählte von sich selbst, von seinem Leben, von der Zukunft, von allem, was sie verband, bis sich ihre Lippen fanden – und dann damals – in jener Nacht, die sie nie vergißt – und dann das andere – –

Dann machte er sein Examen. Er war der erste in seiner Abteilung; und sie war stolz, daß sie die seine war.

Und als das Stipendium gekommen war – wie bitterlich hatte sie geweint in jener Nacht, wo sie erfahren hatte, daß er ins Ausland reisen würde und nicht bei ihr sein konnte, um ihre Hand zu halten, wenn sie das Kind gebären würde, das das seine war!

Und als sie aus dem Pensionat hierher zog, wie einsam war sie sich da in der ersten Zeit vorgekommen! Dann wurden die beiden Alten – die »Stare« – ihre Freunde. Die hatte sie – und die Briefe. Jeden Donnerstag, wenn sie vom Atelier heimkam, wußte sie, daß das große weiße Kuwert mit den schlanken Buchstaben auf ihrer Kommode lag und auf sie wartete.

Dann hatte er von dem großen Auftrag geschrieben, den ihm der Architekt Hübner da drunten gegeben hatte. Natürlich mußte er ihn annehmen. Was tat es, daß die Briefe seltener und kürzer, hastig und kurz wie Geschäftsbriefe wurden? Er arbeitete ja für ihre Zukunft, für das gemeinsame Heim! Und dann – dann wurde der Junge geboren – der Junge da mit den strahlenden Augen, die er von seinem Vater hat. Ach – was hätte sie nicht gegeben, wenn sie seine Hand hätte halten können, während sie litt, litt, wie sie nie gedacht hätte, daß ein Weib leiden könnte! Und es ging doch gut – so gut es überhaupt gehen konnte. Schlimm war es nur, als jener Brief kam – ach, als er schrieb, daß er zu Weihnachten nicht heimkomme, obgleich ein Sohn mit strahlenden Augen auf ihn wartete.

Desto größer war dann die Freude, als das Telegramm eintraf, das ihr meldete, er habe nun doch Urlaub bekommen.

Pst! – war das nicht eine Droschke – drunten vor der Tür?

Sie reißt das Fenster auf und vergißt ganz, das Kind zuzudecken. Nein. Kein Wagen ist zu sehen. Sie sieht auf die Uhr, die auf der Kommode tickt. Es ist auch noch zu früh. Noch vier Minuten! Wenn er dem Kutscher ein großes Trinkgeld verspricht, kann er eine Minute gewinnen, allerhöchstens zwei, aber vier nicht. Überdies ist es ja den Kutschern verboten, schnell zu fahren. Ach, solch eine Vorschrift wegen der alten Weiber!

Nun zündet sie die Lampe an. Während sie noch die Glasglocke in der Hand hält, ertönen Schritte unten auf der Treppe.

Sie lauscht atemlos. Das Blut wallt in ihrem Herzen auf, so daß es ihr in den Ohren saust. Mit Anstrengung setzt sie die Glocke auf die Lampe, sie klirrt am Zylinder; ihre Hände zittern so heftig. Vielleicht – am heiligen Abend sind natürlich alle Droschken besetzt – und er hat so lange Beine. Nun sind die Schritte im dritten Stock angekommen. Ja – ja – – sie gehen weiter, sie kommen näher. Die »Hühnerstiege« knarrt. – Er ist es – es ist Knud!

Sie ist an der Tür, reißt sie weit auf, damit das Licht hinausstrahlen kann, um ihm zu leuchten.

»Guten Abend, Fräulein.«

Da erkennt sie des alten Briefträgers graugesprenkelten Bart unter der Dienstmütze.

Stumm streckt sie die Hand nach dem Brief aus.

»Das ist gewiß ein Weihnachtsbrief –ich habe nur den einen. Fröhliche Weihnachten!« sagt der Alte und nickt ihr freundlich zu, indem er sich auf der Treppe umdreht, um wieder hinunterzugehen.

»Fröhliche Weihnachten.«

Dies bringt sie heraus, aber nicht mehr. Sie hat die ausländische Marke, die sie so gut kennt, auf dem Briefe erblickt, und an dem Kuwert fühlt sie, daß der Brief von ihm ist.

Er kommt nicht – er kommt nicht!

Langsam schließt sie die Tür und greift dann nach dem Herzen. Es setzte einen Augenblick aus, aber nun klopft es wieder heftig, wie um das Versäumte nachzuholen.

Der Brief enthält eine Unglücksbotschaft. Er ist kalt von der Abendkälte draußen – oder von den Worten, die Eiseskälte verbreiten – den Worten, die darin stehen. – Der Brief enthält eine Unglücksbotschaft.

Sie sitzt auf dem Bett, den Brief in der Hand, und betrachtet die großen Kinderaugen, die ihr still und ernst entgegenleuchten.

Sie nimmt das Kind in den Arm, preßt es innig an sich, als lege sie ein Gelübde ab, und legt es in ihren Schoß.

Nun wagt sie den Brief zu öffnen.

»Liebe Martha!

Ich sage es Dir gleich: Ich komme nicht heim zu Weihnachten. Aber ich habe Dir noch mehr zu sagen, und da ich weiß, wie weh es Dir tun wird, will ich mich kurz fassen; lange Erklärungen und beschönigende Worte müßten Dir wie ein Hohn vorkommen, wenn Du mich noch liebst.

Du hast mir Vorwürfe gemacht, daß meine Briefe so kurz und knapp geworden waren. Das kam daher, daß es mir so schwer wird, zu lügen. Ich schrieb, daß ich keinen Weihnachtsurlaub bekommen könne. Da hatte ich Dich angelogen. Ich konnte ihn bekommen, und ich habe ihn auch bekommen; und als ich Dir telegraphierte, daß ich zu Dir reisen würde, tat ich es, weil ich meiner selbst noch nicht ganz sicher war und den letzten Ausweg versuchen wollte, nämlich Dich mit dem Jungen auf dem Schoße zu sehen. Aber jetzt, während ich dies schreibe, weiß ich, daß es vorüber ist. Ich liebe Dich nicht mehr. Ich weiß es jetzt ganz gewiß; denn ich weiß, daß ich eine andere liebe. Es ist die Tochter meines Prinzipals; ich habe Dir zu Anfang von ihr geschrieben, als ich auf die Aufforderung von Architekt Hübner zu diesem ins Haus zog.

Du begreifst nun, daß ich zu Weihnachten nicht heimkomme. Ich könnte es nicht, ohne gegen Dich und gegen sie treulos zu sein.

Ich weiß, wie weh es Dir tun wird; aber Du mußt mich mit einem einzigen Griff aus Deinem Herzen herausreißen. Das Leben ist lang; und es ist dumm, zu glauben, daß das Glück bei dem einen sei oder bei gar keinem. Am schlimmsten ist das mit dem Jungen. Aber hier will ich Dir einen Vorschlag machen, und Du kannst sicher sein, daß er es immer gut haben wird; und das ist ja doch das wichtigste, nicht wahr?

Als ich Kaja von Dir und dem Kinde erzählte, – da bot sie sogleich an, den Jungen zu sich zu nehmen, wenn wir nun im Frühjahr getraut sein werden. Sie ist älter als ich und hat die lächerliche Idee, daß sie selbst keine Kinder bekommen werde. Aber wir werden ja reich sein.

Ich fürchte, daß der Vorschlag nicht sogleich Deinen Beifall haben wird. Aber wenn Du Dir nur Zeit zu ruhiger Überlegung gönnst, wirst Du zuletzt immer vernünftig. Deshalb bitte ich Dich: warte mit Deiner Antwort, bis einige Zeit darüber hingegangen ist und Dein Gemüt sich etwas beruhigt hat, so daß Du ohne Groll nur das Wohl Deines Kindes im Auge haben kannst.

Sei nun nicht gar zu betrübt. Ich werde oft an Dich denken; aber es wäre gewiß das Beste, wenn Du mich ganz vergessen könntest.

Brauchst Du jemals einen freundschaftlichen Rat, dann schreibe ungeniert an mich.

Knud Rönning.

Ich danke Dir für all die guten Stunden der Vergangenheit!«

Alles erstarrt in ihr. Sie kann nicht weinen. Ach, es ist schon lange her, seit ihre Tränen versiegt sind.

Es wird so sonderbar hart und kalt in ihrem Herzen, als liege da ein Eisklumpen, der sie drücke.

Ohne es selbst zu wissen, sagt sie den Vers des alten Liedes laut her:

»Ihr Herzen, verhärtet und träge,
So starr wie die Distel am Wege,
Gar stolz auf verderblichem Pfade
Verschmäht ihr in Hochmut die Gnade?«

Und dabei starrt sie auf ihren Schoß, in die Augen ihres Kindes. Seine Augen sind es, aber diese hier sind gut und aufrichtig; und er kommt nicht einmal, um sie zu sehen. Plötzlich übermannt sie die Traurigkeit. Das Kind im Arm, sinkt sie auf das Bett nieder; aber die Tränen wollen nicht kommen. Sie richtet sich wieder auf und streicht sich über das Haar, aber sie läßt das Kind nicht los; sie wagt nicht, es loszulassen. Was wollte sie doch gleich –

Ach, die Erbsen mußten ja aufgesetzt werden. Er liebt sie so sehr.

Aber er kommt ja nicht –!

Die Hand sinkt herab, sie bleibt mitten im Zimmer stehen in ihrer großen Einsamkeit.

Dann fällt ihr Blick auf den Lehnstuhl, der bereit steht und nur auf ihn wartet.

Seine geöffneten geduldigen Arme sind voll stummen Kummers. Sie betrachtet den Tisch mit der weißen Decke, der für zwei Personen gedeckt ist.

Aber er kommt ja nicht –!

Wieder setzt sie sich auf das Bett und beugt sich über das Kind, daß ihr heißer Atem seine Augen berührt.

»Nun hast Du keinen Vater.«

Dann liest sie den Brief noch einmal. Und als sie beim Schluß angekommen ist, knüllt sie ihn zusammen, reißt ihn wieder auseinander, zerreißt ihn.

»Und sie sollte auch das Kind haben – mein Kind! Ha ha – das ist gut! – Ha ha ha – das ist gut!«

Und sie lacht, lacht, als sollte ihr das Herz brechen.

Dann sinkt sie still über ihrem Kinde zusammen. Ihre Augen starren leer nach dem Fenster – hinaus auf einen glänzenden Stern; aber sie sieht ihn nicht, sie denkt nichts, fühlt nur die Kälte in ihrem Herzen, als sei sie auf einer einsamen Insel verlassen, und die Wasser steigen um sie her.

Drunten, vom zweiten Stockwerk her, bei dem Buchhändler ertönt der Gesang froher Kinderstimmen:

»O du fröhliche, o du selige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit.«

Sie lauscht. Es wird so kalt und still in ihrem Herzen. Es ist, als sei etwas gestorben da drin.

Nun steht sie langsam auf und legt sich den Mantel um die Schultern. Ruhig und fürsorglich zieht sie auch dem Kind ein langes Mäntelchen an. Und auch das Mützchen mit dem feinen blauen Band, das sie an dem Tage kaufte, wo sie das Herzmotiv gefunden hatte.

Sie löscht die Lampe, öffnet die Tür, und das Kind dicht an sich gedrückt, geht sie die Treppe hinunter.

Lärm und Kinderlachen klingen aus des Buchhändlers Wohnung im zweiten Stock; und im ersten strömt der Duft der Weihnachtsgans aus Jensens Eßzimmer.

Da drinnen sitzen sie nun, all diese armen Menschen, die sich tagtäglich um das tägliche Brot schinden – da sitzen sie und feiern ein Fest, weil einmal eine arme Jungfrau ein Kind gebar und es in ihrem Elend in eine Krippe legte. Soll sie hineingehen und ihnen erzählen, wie elend und leer das Leben ist, wo alle gegenseitig nur auf Böses in ihrem Herzen sinnen, während ihre Augen leuchten? Sie würden ihr nicht glauben. Sie allein durchschaut das Ganze.

Sie erreicht die Straße, geht über den großen Platz mit den hohen elektrischen Laternenpfählen, deren leuchtende Gipfel sich neigen wie eine Wunderblume auf ihrem Stengel. Die Luft ist klar und kalt und wogt schleierhaft um die Kugeln mit dem einen glühenden Licht.

Hastige Menschen eilen über den Platz mit großen weißen Paketen in den dunklen Armen. Es ist, als zögen unsichtbare Fäden sie nach den verschiedensten Richtungen hin. Und alle haben einen frohen, eiligen Ausdruck in den Augen; und viele lächeln vor sich hin, als sähen sie weit in der Ferne ein Licht.

Arme Menschen! – Könnten sie das sehen, was sie sieht, jetzt, wo ihre Augen aufgetan sind, dann würden sie innehalten, vor Entsetzen ihre weißen Pakete fallen lassen und in die Einsamkeit entfliehen!

Sie wandert durch gewundene Straßen, die von Licht erstrahlen, daß es einem die Augen blendet.

Vor den Läden drängen sich die Leute wie Schafe in der Hürde; die Lichter spiegeln sich in ihren Augen wider und spielen um ihre Lippen, und sie wissen selbst nicht, daß lauter Begehrlichkeit in ihren Blicken ist.

An einen alten Kirchturm gelehnt stehen hohe, dunkle Tannen, die draußen in dem großen Walde, wo sie in aller Ruhe im Schnee gestanden, gefällt wurden. Hilflos strecken sie ihre Finger in die kalte Luft hinaus. Man nahm ihnen das Leben, um in den Menschenherzen eine flüchtige Freude zu schaffen.

Ein altes Weib feilscht um ein ganz kleines Bäumlein; sie richtet die dünnen Zweige auf, um zu fühlen, ob sie etwas tragen können. Ihr Kleid ist abgetragen, der Kopf mit einem Tuch bedeckt, und sie zittert vor Kälte. Der Mann mit den Pelzhandschuhen kreuzt die Arme über der Brust und stampft auf den Boden, um sich warm zu halten. Er schüttelt den Kopf über ihre armseligen Kupfermünzen; was sie für die Weihnachtsfreude bieten kann, ist nicht genug.

»Behalte doch dein Geld; kaufe für dein Kind etwas zum Essen dafür und laß das Bäumchen stehen!«

Überrascht schaut das arme Weib der Frau nach, die eben vorüberging mit kalten, irren Augen, ein Kind in den Armen. Aber sie befolgt die Worte nicht.

Wie hohl es klingt, das laute Gelächter!

Wo soll sie nun hingehen, die arme Jungfrau mit ihrem Kinde?

Dort drunten in der Dunkelheit laufen Leute quer über den Kanal, und die Boote sind eingefroren. Hinaus aufs Land – dort findet sie wohl einen Platz. Nun kommt sie durch eine Straße mit alten Häusern auf der einen Seite – Häuser, die schief sind und grau vor Schmutz von all dem Elend, das sie gesehen haben.

Auf der anderen Seite steht eine Kirche, der Platz davor ist mit einem Gitter umgeben. Und dahinter streckt die alte Kirche ihre dunklen Strebepfeiler still und drohend zu den Sternen empor. Und drinnen hinter den hohen, schmalen, gemalten Fensterscheiben strahlen in dem hohen Schiff die Lichter von allen Kronleuchtern der Kirche.

Das Tor zur Vorhalle steht offen. Gedämpft leuchtet eine einzige Gasflamme über verspätete Weihnachtsgäste, die beim Eintreten den Hut abnehmen und den Kopf senken.

 

Der Gesang tönt heraus in die Dunkelheit der Straße. Sie bleibt stehen und lauscht. Ihr eigenes Lied ist es, das alte, das sie einst so oft vor sich hingesungen hat, weil sie einen Rahmen zu den Versen zeichnen sollte. Wie lange ist das her, und wie fremd das Lied klingt!

Sie hört auf die Worte. Man singt den sechsten Vers:

»Fallt nieder, sucht reuig Erbarmen,
Dann hilft euch der Heiland, ihr Armen,
Er wird euch in Gnaden verzeihen.
Denn im Tale die Rosen gedeihen!«

Wie hatten ihr doch jemals diese leeren dummen Worte: »Dann hilft euch der Heiland« gefallen können – haha! Es ist ja nur eine Maschine, das Ganze – ein einfacher Mechanismus, der von selbst geht – wenn wir nur ein wenig schärfere Sinne hätten, so daß wir es sehen könnten!

Sie kommt an der alten Zeichenschule vorüber, wo sie ihn zum erstenmal gesehen hatte. In dem großen düsteren Hause ist jetzt alles gelöscht und verschlossen. Dort oben am dritten Fenster links saß sie, als er an ihr vorbeikam und seine braunen Augen sehnsüchtig auf ihrem hellen, auf die Zeichnung gebeugten Kopf ruhen ließ. Und »sie« sollte nun auch ihr Kind haben? – haha, das ist gut! ha ha ha, das ist gut!

Nein, niemand soll dich haben, als ich allein! Du und ich, wir bleiben beisammen – und wenn es über uns zusammenschlägt, kalt und still, dann ist es vorbei – das böse, falsche, treulose Leben. Hätte ich es richtig gekannt, mein Liebling, dann wärest du nie geboren!

Weiter geht sie, das Kind dicht an sich gedrückt. Der Mond ist aufgegangen. In seinem Licht taucht ihr eigener Schatten in der einsamen Straße vor ihr auf. Hier, hier hatte sie gemerkt, daß er hinter ihr herging, an jenem ersten Abend.

Nun taucht ein Schatten auf – ein langer, magerer. Er nähert sich ihr von hinten – er wackelt und schwankt hin und her – ganz dünn und mager. Nun ist er ganz nahe. Dicht hinter ihr wandert er mit ihr weiter.

Es ist einer, der mich verfolgt! Ha, ha, ha – am heiligen Abend! Am Fest der Liebe und der Erlösung! Er möchte gern mein Gesicht sehen, ob es hübsch ist und der Figur entspricht. Er sollte nur wissen, daß ich ein Kind in den Armen habe! Er meint, es sei ein Weihnachtspaket. Nun wünscht er, daß ich jung und schön sei, und er möchte mit mir sprechen und mich irgendwo hinlocken, um Weihnachten mit mir zu feiern.

Die Straße ist zu Ende. Das offene Land liegt vor ihr mit schneebedeckten Feldern; es ruft und wartet, mit zerstreuten Häusern da und dort im Schutz weniger verkrüppelter Bäume. Sieh, wie treulich er mit mir Schritt hält! Bis hier heraus aufs Land folgt er mir. Fast lautlos ist sein Gang. Und sein Schatten ist lang und mager. Er sollte nur wissen, wohin mein Weg geht!

Der Kleine schläft noch immer – meine Rose!

Und sie preßt ihn innig an sich. Süß ist es, in den Armen des Todes zu liegen, allein mit seinem Kinde. Süß, das Kind aus Sünde und Kummer und Gefahr zu befreien. Süß, zu schlafen – zu sterben!

Dort drüben leuchten rote Fensteraugen auf den Schnee von einem niederen Gebäude, das aussieht wie eine Schule. An den hellerleuchteten Fenstern schwanken dunkle Schatten hinter dem Vorhang hin und her, kleine und große. Sie tanzen im Reigen um den Baum herum. Horch – nun singen sie auch! So müde – so müde – und das Kind schläft noch immer ernst und ruhig, die großen Lider dicht geschlossen. Horch – wie es in den Telegraphendrähten saust! Wer alle die Gedanken lesen könnte, die hindurchfahren!

Vielleicht – sie faßt nach dem Herzen – vielleicht geht in diesem Augenblick eine Botschaft von seinem Herzen durch den Draht. Pst! – singt es nicht: ich komme – ich komme! Ach nein – er kommt nicht!

Die Füße wollen sie nicht mehr tragen. Sie muß sich niedersetzen. Dort am Grabenrand liegt weicher weißer Schnee wie ein Ruhebett, um darauf niederzusinken, und im Graben ist kein Wasser, nur Schnee.

Da ist er wieder – der lange, magere Begleiter. Mit schiefen Tritten geht er auf dem gefrorenen Weg hin und her. Sieh, nun wendet er den Kopf nach mir um. Den Mantel hat er dicht um sich geschlagen und die dunkle Kapuze über den Hut gezogen. Er friert, weil er so mager ist. Eins – zwei – nun wendet er um, springt über den Graben und setzt sich, ein paar Meter von ihr entfernt, nieder.

Er ist fahl und grau wie sein Mantel und schüttelt sich vor Kälte. Alt ist er, der Kerl. Ein junges Weib, um sich an ihm zu erwärmen, ha!

Nun rückt er näher und starrt sie mit seinen sonderbaren Glasaugen an.

»So sagen Sie doch, woran Sie denken?«

»An Weihnachten!« sagt er und grinst dabei mit seinen weißen Zähnen.

»Ja, an Weihnachten – was ist damit?«

»Glaube, Hoffnung und Liebe, nicht wahr?«

Seine Stimme ist gellend, wie wenn eine Axt Eis zerspaltet.

»Woher wissen Sie das?«

»O, man denkt es sich.«

»Das ist auch nicht schwer, wenn man so lange in der Welt gelebt hat wie Sie.«

»Ruhe – Frieden – das ist alles.«

Und er stützt sich auf seinen rechten Arm; der linke fällt unter dem Mantel schlaff und matt an seinem mageren Bein hinab.

»Ach Gott im Himmel, ja!«

»Stille, was? – Keine Gedanken – keine Unruhe im Herzen – keinen Drang und Sehnsucht – die große Stille, was?«

»Ach lieber Gott ja – das wünsche ich mir ja gerade.«

Er rückt ihr ganz nahe. Nun berührt sein Mantel einen Zipfel ihres Kleides. Und er neigt seinen Kopf dicht zu dem ihrigen.

»Komm!« flüstert er, indem er seinen langen Arm nach ihrer Hand ausstreckt.

»Aber das Kind – siehst du das Kind nicht?«

»Ja, das Kind – das arme Kleine! Sieh, wie es schläft! – Der Schlaf, was? – der ewige Schlaf?«

Und seine Augen werden so mild und anziehend, sie sind so unergründlich tief, als läge die große Leere, die Ruhe des Vergessens da drinnen auf dem Grunde ihrer tiefen See.

Nun will er sie an sich ziehen, in seine Umarmung. Merkwürdig lockt und verführt sein Odem und die Tiefe seiner Augen und das Tasten seiner Hände. »Aber das Kind – das Kind! Hätte ich es nicht, dann würde ich wohl die Seine.«

Seine Finger tasten nach den runden Händchen des Kindes. Und sieh – es streckt langsam die Hand aus, als wolle es folgen. Er richtet sich auf und beugt sich über sie, so daß er ihr das weiße Mondlicht auf dem Schnee verdeckt. Und sein Mund neigt sich auf den ihren, während seine Arme sie umschlingen. Versunken in seligem Frieden, in die merkwürdige Mattigkeit des Vergehens, legt sie sich ganz zurück in die Arme der Mutter Erde, und ihr warmes Ohr ruht auf dem Schnee ...

Huh – uh! – was war das? Gott helfe mir! Was ist doch das? Es braust und saust – in schwindelnder Eile – so daß mir das Bewußtsein schwindet. Rund, rund herum – in rabenschwarzer Nacht – in eiskalter Luft!

Aus der Dunkelheit leuchtet es auf, weit in der Ferne. Es ist das weiße Gesicht des Mondes; es ist kalt und tot. Was ist das – dort draußen auf der anderen Seite? Sprühendes Feuer – Licht, das hervorbricht und durchdringt. Es ist die Sonne! Sieh, mit langen Strahlenarmen zieht sie die Erde an sich – und dort – und dort – viele Himmelskörper zieht sie an sich mit der Macht ihrer Liebe. Alle tanzen im Kreise um sie her, in Glauben, in Hoffnung und in Liebe – immer weg von der Sonne, immer wieder von ihr angezogen – rund und rundherum, in schwindelnder Eile.

Sie drückt sich fest hinein in die weiche Umarmung – in die dunkle Umarmung, um nicht hinausgeschleudert zu werden in die Leere.

Hier drinnen schwirren leuchtende Kugeln, einige leuchten rot, andere blau. Es sieht aus, als müßten sie aufeinander prallen; aber in der großen Wüste ist Platz genug für alle.

Da – nun stießen sie zusammen. Mit starken Strahlenarmen zogen sie einander an – und siehe, nun zerschmolzen sie ineinander vor ihren Augen, aber aus ihrer Umarmung wird ein neuer Himmelskörper geboren, der löst sich los und kreist nun um seine neue Mutter.

Wilder und wilder geht die Fahrt. Fester und fester klammert sie sich an die dunkle Erde. Es ist ihr, als sitze sie als Kindlein in der Dunkelheit auf dem Schoße ihrer Mutter. Da fühlt sie durch den Schnee hindurch den dumpfen Schlag des großen Herzens, tief drinnen schlägt es –

Das Herz der Erde.

Aber warum zittert es, warum bebt es in unaussprechlichem Entsetzen durch die dunkle Hülle – bis hinein in die Herzen aller Pflanzen, Tiere und Menschen, obgleich sie es nicht wissen?

»Der tote Punkt!« – flüstert es in ihrem Ohr, als komme es tief aus der dunklen Tiefe heraus – »der tote Punkt!«

Nun erkennt sie den ganzen Zusammenhang – das ganze schreckliche Gesetz. Sie sieht, daß die Welt am Wendepunkt angekommen ist. Sie ist so nahe der Sonne wie nur je – und doch wie die Treibstange in der Dampfmaschine am toten Punkt. Nun versteht sie den schrecklichen Kampf – den Kampf, der in allem Lebendigen bebt – den Kampf, der der Kampf alles irdischen Lebens ist.

Dort – dort draußen, wo die unzähligen Himmelskörper kreisen, angezogen und selbst anziehend durch die Macht ihrer Liebe – dort – weiter draußen, da ist es dunkel und leer. Eisiger Wind weht von dort über die Erde hin.

Sieh, dort draußen – übermäßig groß – wie die Flügel einer Rieseneule rauscht es durch die Nacht und die Kälte – dort ist der Tod mit seinen großen Schwingen. Er umfängt mit seinem eisigen Körper die Erde und klammert sich an sie an mit seinen Knochenhänden.

Sie fühlt den Eiseshauch seines Odems an ihrer Wange und schielt ängstlich nach dem Manne neben ihr am Graben.

Es ist kein Mann. Ein Mantel liegt da; und unter dem Mantelzipfel starrt ein Knochen hervor – der Knochen eines Fingers. Der Finger des Todes ist es, der das weiche Händchen des Kindes erfaßt hat.

Entsetzt drückt sie sich fester in die dunkle Umarmung.

Und er flüstert ihr ins Ohr:

»Siehst du denn nicht, daß es still und ruhig ist hier draußen in der großen Öde? – Keine Unruhe mehr im Herzen! – Keine brennende Sehnsucht mehr, die nie gestillt wird! – Die große Stille – die Ruhe der Auflösung!«

Ein Beben geht durch den dunklen Schoß der Erde. Die Berge wanken, die Flüsse beben und zittern wie Silberfäden im Sonnenfunkeln.

Indessen aber tanzen die Menschen da drinnen im Hause – tanzen wie Kinder um den strahlenden Baum, während die Sonne und der Tod um alles Lebendige kämpfen.

»Mutter! Mutter!« ruft sie dem Schoß der Erde zu – dem großen Herzen tief drinnen in dem Dunkel, »laß nicht von der Liebe – laß nicht vom Leben!«

Und sie entwindet das Händchen des Kindes dem Finger des Todes.

»Um Gottes Barmherzigkeit willen – erlöse uns von der Leere, von der großen Stille – von der Kälte und dem Tod!«

Aber tief aus dem großen Herzen heraus flüstert es ihr ins Ohr:

Wolltest du denn nicht selber dich und dein Kind ihm in die Arme werfen – und jetzt – was begehrst du jetzt?«

Sie hebt das Kind in den Armen empor, streckt es der Sonne entgegen und fleht um Erbarmen. Aber die Sonne hört nicht; sie entfernt sich nur mehr und mehr.

Da ruft sie über die ganze Welt hin – den Pflanzen, den Tieren und den Menschen, die wie Kinder um den strahlenden Christbaum tanzen, ruft sie zu, daß sie mit ihr beten sollen. Aber sie hören es nicht, sie verstehen sie nicht, sehen nicht den Finger des Todes in ihren eigenen Herzen, nicht seinen Arm, der um die Erde geschlungen ist.

Da, in ihrer großen Qual, heftet sie die Augen auf den leuchtenden Baum, um den die Menschen im Reigen herumtanzen.

»Hilf Du uns – Herr Jesus – erlöse uns. Du, unser Erlöser, von der großen Leere, von Kälte und Tod!«

Da wird der letzte Schleier vor ihren Augen weggezogen. Sie sieht hindurch durch Zeit und Raum. Was je auf Erden gelebt hat, öffnet die erstarrten Augen, erhebt das bleiche Antlitz aus der toten Spur, die das Leben hinter ihm zurückgelassen hat.

Was ist das für ein Licht, das sie erblickt – das dort drüben über der kleinen Ortschaft schwach glänzt?

Es ist ein Stern, ein einzelner Stern. Arme Hirten auf dem Felde bewegen sich zwischen aufgescheuchten Schafen hin und her. Dann treiben sie die Herde durch die Nacht dem Licht entgegen.

Dort unter dem Licht sitzt ein armes Weib, Verzweiflung im Herzen. Sie hatte ein Kindlein geboren. Sieh – sie hat nichts, um die Frucht ihres Leibes und ihrer Liebe darein zu wickeln. Und sie weiß von keinem Mann. In ihrem Herzen drängen sich Kummer und Verzweiflung, Angst und Unruhe um das nackte Kindlein, das sie mit Schmerzen geboren hat und dessen Augen dem einen Stern entgegenleuchten.

Sie vernimmt das Flehen des Mutterherzens durch das Dunkel der Zeit und des Raums hindurch: »Laß mich sterben mit meinem Kind,« betet sie, »da ich doch von keinem Manne weiß; und das Leben ist so schwer!«

Noch nie ist ein so schönes Kind auf Erden geboren worden – mit so strahlenden Augen, mit einem so gesund klopfenden Herzen. Und eine Rose sprießt empor aus dem Herzen der Erde, aus dem Dunkel heraus. Ihre Kelchblätter öffnen sich wie Arme und umschließen das Kind in der Krippe.

Und sieh – die Erde nahm ihre Kraft zusammen und entwand sich der Umarmung des Todes, um dieses Kindes willen, das in einer Krippe lag und seine Augen auf den funkelnden Stern gerichtet hielt.

Da vereinigt alles Lebendige seine Kraft, und ein frischer Lebensstrom wallt von allen Herzblättern nach dem Herzen der Erde dort in dem Dunkel. Es klopft aufs neue in der großen Pulsader, und die Erde richtet den Kopf auf von der spitzigen Schulter. Da ringt sich ein Seufzer der Befreiung aus ihrem Herzen, und der Seufzer zittert durch alle Glieder, und der Seufzer dringt hinaus und hinein in alle Herzblätter auf der Erde – und dieser Herzensseufzer der Welt, das ist die Weihnacht.

Da läßt der Tod die Arme sinken. Matt fällt die Knochenhand in das Dunkel hinaus. Mit einem klagenden Seufzer hebt er die dunkeln Schwingen und saust davon durch die große Stille der Auflösung – durch die ewige Kälte – saust davon, um andere Welten zu verlocken.

In Kälte starrend, erwacht die am Grabenrand Eingeschlafene zu dumpfem Leben.

Drüben in dem niederen Hause im Schnee – in dem Hause mit den matten, roten Fensteraugen, öffnet sich die Tür, so daß der Glanz des brennenden Weihnachtsbaumes auf den Schnee herausfällt.

Eine Schar jubelnder Kinder wandert durch den Schnee auf dem Weg daher – dem Weib entgegen, das mit dem Kind im Schoß am Graben sitzt. Der Weihnachtsgesang der Kinder hat sie geweckt. Nun erkennt sie das alte Lied. Sie singen eben den letzten Vers:

»Mag alles entrissen mir werden,
In Dornen mein Los sein auf Erden,
Mag alles mich meiden und hassen,
Nie will von der Rose ich lassen!«

Das Kind in ihren Armen erwacht und lauscht, als verstünde es die Worte des Liedes.

Und während sie ihre Rose an das Herz drückt, erschallen alle großen Glocken in der großen Stadt, die hell und warm in der Nacht daliegt, und aus dem Geläute aller Glocken tönt über die Dächer hin der Widerhall des Herzschlags der Erde warm und bebend hinaus in die große Stille.

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