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Heimstätte

Carl Hauptmann: Heimstätte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Landstreicher und andere Erzählungen
authorCarl Hauptmann
year1912
publisherDie Lese Verlag
addressStuttgart
titleHeimstätte
pages33-81
created20040127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Carl Hauptmann

Heimstätte


I.

Einsame Spätsommersonntagsstille oben über dem Bergwald – wo dann Haiden und Krummholzbüsche zum Kamme emporklettern – im Schlage, wo alte knorrige Wetterfichten vor kurzem festgestanden hatten und nun nur noch die Wurzelstöcke aus dem aufgewühlten Boden ragten. Zwischen Blöcken und Stöcken blühten und glühten Weidenrosen. Die grünen Blaubeerblättchen und tausend kleinen Kräuter glänzten weithin wie in Silber, über die die roten Blüten gestreut schienen in stiller Sonnenfreude. Es war klar weithin in die tiefe, ferne Welt – und lautlos einsam. Nur Axtschläge hallten und ein Spechtlachen klang. Ein Grüner und ein Schwarzer kamen in wogendem Fluge in der freien, frohen Sommerlust, suchten den Stamm der einzeln inmitten des Schlages verschont gebliebenen Fichte, die bis zum kleinen Wipfel astkahl war. Ein jeder Vogel saß emsig am Stamme, eilte ringsum, das Köpfchen rückwärts gestaut wie einer, der seine Zeitung weit halten muß, um sicher zu sehen, das schwarze Köpfchen aus dem hellgrünen Jägerkleide nun neugierig noch einmal zurückwendend in die einsame, sonnendurchwirkte Halde – der Grüne – und dann laut und eilig pochend, daß weithin eilfertig der Doppelschlag der beiden lustigen Schweber hörbar über die Halde klang. Nun flog einer – dann der zweite in stoßenden Wellen weiter dem Walde zu. Es war ein Morgen, als wäre man nicht aus Erde, nur aus Licht und Lust geboren. –

Rubener und sein Ältester, Martin, hatten den ganzen Morgen hier oben gestanden zwischen Blöcken und Stöcken, Arbeit getan – hoch über der Welt aus weiten, blauen Wogen in den freien Unermeßlichkeiten der Berge, die hinauslocken mit Blicken zu schweifen, wer nicht Flügel hat. Ein Stoß Wurzelstöcke lag gegen den Weg dem Kamme zu, den Martin schon aufgeschichtet.

»Martin – paß ock uf –«, sagte nun der Vater, der mit harten Schlägen Stöcke zerkleinte, die er mit einem Hebelwerk locker gemacht und in die Luft gehoben. Aber Martin hörte nicht gleich, weil seine eigenen Axtschläge Rubener's Worte übertönten.

»Martin – Junge – stille! paß ock uf! uben – uf a Berg zu – sihste nee?«

Martin ließ die Axt sinken und sah sich nach der Höhe zu um. Und Vater und Sohn standen ohne sich noch zu rühren. Frische Menschen von sicherer Kraft – hemdärmelig und in Arbeitskleidern, feste Stiefeln an den Füßen – ein jeder die Axt zum neuen Schlage in der Hand bereit. Nicht alle im Gebirge sahen so frisch und trotzig aus. Rubener war kaum vierzig – war kurzbärtig und zäh in der Gestalt und mußte sich bücken, wenn er daheim in das niedrige Stübel der Rubenerbaude eintrat. So mußten die Menschen früher gewesen sein, wie sie noch alle Einsiedler waren – ungastlich und rauh – ganz nur für sich lebten, und noch nicht jeder jedem glauben machen wollte, daß sie Brüder wären – einer dem andern nur nahen gekonnt – nicht anders, als offen als Feind, zum Kampfe gefordert. So einer war Rubener – unbewegt – verschlossen, auch nicht groß Knecht und untertänig – stumm und stark in der Arbeit – sanft zu den Kindern und zum Weibe – und wortarm und in Gedanken versunken. Und Martin, ein ausgelassener Wildling, den es juckte, von neuem fröhlich in die Wurzelstöcke einzuklagen, wenn er wie jetzt ruhen gemußt. Und beide sahen nun mit leuchtenden braunen Blicken, aufgerichtet im kühlen Luftzug über die Heide hin, weil gegen das helle Licht über der Höhe ein Reh – und noch ein Reh und dann ein drittes langsam emporkam – äsend und äugend – ganz nur auf der Berglinie ein wunderzartes Schattenspiel – flüchtig wie im Sonnendunst gezeichnet – äsend und dann starr äugend und zum Fortspringen über Stein und Halde frisch bereit – und nun sicher gemacht – und dann von neuem hoch emporgerichtet ein jedes, wie der Rubener selber und der dreizehnjährige, frische Junge, in deren beider Blicken jetzt ein Lachen lag im Morgenfrieden, ehe die harten Schläge weiter in die Gründe klangen.

»A schienes Tierla«, sagte Martin leise. Aber er hielt es doch nicht aus. Er hatte längst niedergesehen, daß er einen klaffenden Spalt vergeblich in einen Klotz geschlagen, und schlug nun mit ausgeruhter Kraft fort, daß die Schneide sausend durch den Knorren fuhr und die beiden Wurzelarme splitternd auseinander fielen.

»Ich war Dir'sch zeiga«, lachte er schon wieder lustig für sich, wie das Werk getan war.

Auch Rubener's Schläge klangen eintönig weiter, daß die Rehe oben noch einmal geäugt hatten und dann mit leichten Sprüngen am Hange hin in's Walddickicht verschwunden waren. Allzulange gab es für die Rubenerleute kein Ausruhen. Früh im Morgengrauen war Rubener mit Martin ausgezogen, um das Winterholz für den eigenen Bedarf zusammenzurücken. Eine alte Gewohnheit. Auch Rubener's Vater hatte schon Stöcke von der Herrschaft gekauft, einen ganzen Plan, die er dann immer in Sonntagsfeierstunden selber ausgerodet und klar gemacht hatte, wobei auch ihm der Älteste, der nun Martin's Vater war, geholfen hatte, wie heute Martin ihm. Auch Rubener hatte zu seinem Vater, wie heute Martin zu ihm, aufgeblickt, die stumme, gerade, harte Art, die so liebevoll und verläßlich war, heimlich immer neu angestaunt – auch die sichere Kraft – die es verstand, die vertrackteste Wurzel mit mächtigem Hebelgriff emporzureißen, daß man dann stand, als hätte man ein ganzes Rätselwesen von verwachsener Schlangenbrut Steinen und Blöcken und dem tiefen Erdgeklüfte zu entreißen vermocht.

Eben hob Rubener den Stock einer alten hundertjährigen Fichte aus. Martin sprang ihm zu. Es gab eine harte Mühe.

»Ich war D'r'sch hal'n, Vater!«

»Nee – gih ock 'nim, Martin! – uf de andere Seite – hie nutzt 's nischt – hal' ock Du lieber a Plock mite! Pst! – pst! – ruhig – langsam, Martinla – ja nee gihn lo'n – langsam – sihste – asu giht's – langsam – das Ding werd schun gihn asu – stille – daß 's nee schwappt! – asu – werd – das – Ding!«

»Das is aber a grußer, Vater«, sagte Martin, als jetzt der Wurzelstock umgekehrt dalag, die Wurzelenden, die ein Jahrhundert in den finsteren Erdspalten gegraben und gesogen hatten, in Gräuel in die Luft züngelten – nur alles tot und starr. Rubener wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wie verwehende Glockentöne klangen vom Talgrunde empor, daß Rubener lauschte.

»Jitzte werd de Mutter bal'e kumma, Vater«, sagte Martin zufrieden, weil er an's Essen dachte, das Frau Rubener ihnen bringen sollte. Die Baude lag nicht weit.

Wenn Frau Rubener von Jenseits zehn Minuten in die Höhe war, konnte sie den Schlag überblicken. Auch Rubener dachte jetzt an's Mittagessen, wie er fest in das Holz einschlug. Und Martin lachte noch pfiffiger, ohne es zu merken, weil ihm fröhlich zu Mute war, wie den bunten, leicht wogenden Spechten, die neu vom Waldgürtel herüberflogen zur alten Wetterfichte – weil er hörte, wie hell Vaters Schläge in der freien Sonntagsluft wiederhallten –, er lachte, weil er die Blüten der Weidenrosen glühen sah und die verwehten Glocken gehört hatte – weil er nun an die Mutter dachte, die bald, ein böhmisches, buntes Tuch um den Kopf flatternd, wie die Rehe als Schattenspiel auf der Höhe erscheinen mußte. Martin stand jetzt vor den Holzstapeln am Wege, während der Vater tiefer unten Arbeit tat. Er überlegte. Er erwog, daß sie acht Male mit dem Schlitten vom Baudengrunde über das Bergjoch herüber müßten, wenn sie alles Holz heimbringen und Scheit um Scheit dem mächtigen Hausgötzen von Ofen in der niedrigen Baudenstube opfern sollten. »Hahahaha«, er lachte, der Junge – den ganzen Morgen – er dachte an alles, wie wenn Träume vorübergingen: an das warme, wohlige Winterstübel und den dämpfigen, spinnwebigen, dunklen Stall, an die Wiege dachte er, worin das Kleinste der Rubenerkinder in dicken Betten lag, an dem die andern wie an einer Puppe hingen – alles kam und ging flüchtig und lustig vorüber, wie die braunen Käfer im Beerenkraut, und wie die Spechte und die Rehe kamen und gingen, alles flog und sprang und kroch eilig vorbei in seinen lustigen Gedanken. wie Martin den Holzstapel lange überlegend angestaunt.

»Martin!« rief wieder der Vater, daß es am Hange ein Echo gab, so laut mußte er über den Schlag hin rufen, so weit stand der Junge jetzt auch für den Alten gegen das Bergjoch zu.

»Was denn, Vater?«

»Is das nee de Mutter da uba?«

»Wu denn?«

»Nu uba – sih Dich ock im – uba.«

Martin trat hinter dem Holzstoß hervor und sah auf den Bergpfad. Wirklich die Mutter Rubener kam eilig über die Höhe gelaufen. Auch Martin sah sie erstaunt an. Vater und Sohn regten keine Hand mehr, weil der Anblick der Mutter, die hastig über Stöcke und Blöcke sprang, gleich verwunderte. Man sah, sie hatte sich nicht wie sonst sonntäglich hergerichtet. Eine junge, frische, liebe Frau. Daß Martin ihr Sohn wäre, hätte man ihr in dem Augenblick gar nicht angesehen. Sie war arg gerötet vom Laufen und verriet im Blick eine innere Beschäftigung.

»Vater, Jeses, Vater!« rief sie ganz atemlos von der Ferne, noch ehe sie zu Martin heran war. Martin verfolgte sie mit dem Blick und trat Schritt für Schritt auch dem Vater näher.

»Nee, sieh ock amol, Vater – hie –«, hastete die Frau nun beim Nahekommen und löste aus einem roten Tüchel ungeduldig ein weißes Schreiben, während der Heidewind ihre Röcke leicht wehte und ihre Blondhaare um Stirn und Schläfen herumtrieb. »Jeses! Du sollst Dir'sch amol lasa –«

»Was denn?« sagte Rubener versunken, der keinen Blick von der Heranhastenden fortgewandt.

»A Beamter vo unten hot D'r dan Brief gebrucht, Vater.«

»Was denn fir eener? vo wam denn?«

»Ich gleebe, 's is nischt gudes, Vater.«

Rubener hatte den Brief genommen und ihn bedächtig ausgebreitet. Der Wind suchte vergeblich daran zu reißen.

»Vo' der Herrschaft, Vater! – Ich gleebe, 's is nischt gudes, Vater, wenn das wuhr is, was der Kerl derzune sagte, Jeses, Jeses«, sagte die Frau geängstigt, während sie den schon tief studierenden Rubener anstarrte. Martin war nun auch herzugetreten und hatte längst in der Mutter Mienen erkannt, daß auf die friedsam sonnige Sonntagshalde plötzlich eine Sorge gekommen war.

»Was hot's denn, Mutter?« sagte er ganz erstaunt.

»Da war'n mir ock gihn«, sagte der Mann, nachdem er lange stumm in das Papier hineingesehn, legte Axt und Hacke, Hebel und Balken beiseite und zog die Kette klingend aus dem Wurzelstocke, den er gerade in Arbeit gehabt.

»Was hot's denn, Mutter?« sagte Martin noch einmal leise, daß es die Mutter wohl hörte, aber weil sie des rauhen Rubener plötzlich starres und zernagtes Gesicht angesehen, dem Jungen nichts zu erwidern wagte. Das hing alles eng aneinander, wie Kopf und Glieder. Eine Vatermiene in banger Sorge fuhr als Träne aus dem Auge der Frau, heimlich und ungesehen – und als ein erstauntes und doch hoffendes Aufblicken mit gläubigem Augenschein zum Vater aus Martin's Blicken. Der Vater hatte den vergriffenen Jägerhut nicht zurechtgeschoben, hatte alles sonst stehen und liegen gelassen, außer der Jacke, die die Mutter von einem Stocke nahm, und hatte sogleich den Heimweg angetreten. Nun stieg er empor, an der Seite die hastig laufende Mutter –, denn Rubener war ein starker, sicherer Schreiter – und auch Martin mußte manchmal einen Schritt mehr machen, ob er es gleich dem Vater sorglich nachtat. So gingen sie.

»Dar Mensch – dar Beamte –«, begann Rubener unterwegs die Rede, »hot dar Mensch Dir was gesa't?«

»Ju ju, Vater, er sa'te wuhl asu was!«

»Was denn, Mutter«, fragte Martin eindringlich.

Aber Frau Rubener sah nur ängstlich zum Manne auf und hörte des Jungen Worte kaum. Sie begriff wirklich gar nichts. Sie sah nur den Mann wieder heimlich an und suchte mit ihm Schritt zu halten, den nun die Unruhe vorwärts trieb, daß er sich um die Mitschreitenden nicht mehr kümmerte. Rubener hatte wohl begriffen, worum es handelte.

»Vom Grafen – 's kimmt vom Grafen – 's kimmt aus der Schloßkanzlei –« sagte er hastig.

Martin war bei des Vaters Worten plötzlich auch Angst geworden.

»Ju ju, vo' der Pacht hot'r geredt, Vater. Was is denn das?« klagte die Mutter.

Rubener hatte den Brief neu ausgebreitet und war auf der Höhe wieder stehen geblieben. Er las laut:

»Dem pp. Rubener wird zur Kenntnis gebracht, daß die Erbpacht der Baude, wenn sie nun am 1. April des kommenden Jahres zu Ende geht, nicht erneuert werden kann. Die Herrschaft verfolgt mit dem Plan andere Zwecke, das Haus wäre zum Frühling abzureißen und der Ort in jedem Fall zu verlassen . . .«

»Das war'n mir erscht amol sahn, ob mir raus missa«, sagte er wütend in die Luft: »Das war'n mir erscht amol sahn.« Er war in solcher Versunkenheit und hatte plötzlich eine solche Miene von Haß, wie er weiter ging, daß Mutter und Martin ganz zernagt und stumm neben ihm hineilten, ihn dann und wann nur heimlich ansahen, weil sie sich fürchteten, und nur eine lichtere Hoffnung kam, als aus dem Grunde unten am Hange die Rubenerbaude sichtbar wurde und Hirtenjauchzen und Singen des zweiten Rubenerjungen zu den Heimschreitenden herüberklang.

Die Rubenerbaude lag da wie ein schwarzes, verwittertes, schlafendes Tier – sonnenumflort und ganz versunken – vereinsamt die öden Gerölle rings, wo zwischen Tages seit Ewigkeit der Baudenleute Kühe und Ziegen bis hinauf in's Krummholz ärmliche Gräser und bunte Blumen weideten, friedliche Glocken am Halse, mit denen sie in den flüsternden Heidewind verwehend Glück woben, wenn es wie jetzt Spätsommer war –: der Rubenerleute Kühe, d. h. des Urvaters Kühe und des Vaters und nun auch längst des Sohnes Kühe und Ziegen, was schon in späteren Geschlechtern war.

Von Alters her lag sie dort am Hange, die alte geduckte Baude, das Gehäuse der Rubenerleute. Das Haus hatte ein Urvater gebaut in rauher, tüchtiger Arbeit. Kein Schmuck – aber daß es warm wäre innen und behaglich für Mensch und Vieh. Hundertjährige Stämme zu Balken hatten die harten, schweigsamen Holzmacher damals noch genug zu finden gewußt. Damals war der Wald ungastlich und einsam. Unterholz überwuchs in wildem Gewirr, wo die Waldwasser in rötlichem Grunde rinnen, kaum je von Menschen begegnet, und alte Baumriesen, die Männer nicht umspannten, ragten mit verschlungenen Kronen über dem moderigen, feuchten Walddickicht, viele lange geborsten, von Eulen bewohnt – und zerfallen. Da ließ sich leicht ein einsames Haus bauen. Die Wände der Rubenerbaude waren wie trotzige Mauern, so hatten die Wetter der Jahrhunderte die alten Balkenwerke fest gefunden. Verwittert Dach und Hauswand, in weichen Linien wie geduckt, als wenn sich längst das Gehäuse als lebendes Wesen angeschmiegt an den verlassenen, öden Steingrund, wo nur noch Geröll und Blöcke lagen, und Wasser ferne rauschten in der Felsschlucht, Tag aus, Tag ein – seit Jahrhunderten. Denn die Rubenerleute waren alte Bergrassen. Sie saßen in dem einsamen Balkengehäuse seit hundert und mehr Jahren – und nun sollte weder Dach noch Grund mehr ihr Eigen sein.

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