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Heimliches Berlin

Franz Hessel: Heimliches Berlin - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/hessel/heimberl/heimberl.xml
typefiction
authorFranz Hessel
titleHeimliches Berlin
publisherSuhrkamp Verlag
seriesBibliothek Suhrkamp
volumeBand 758
printrunDrittes und viertes Tausend
editorBernd Witte
year1982
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid4df3357e
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VIII

Die fünf Mann der Kapelle haben Bierseidel vor sich und spielen ein Potpourri zur Wechselpolka. Unter den Papiergirlanden, Eichenlaub und Rosen, dreht sich der Reigen um die dicke Tanzleiterin im Feuerwehrhelm, die mit energischer Adlernase die Paare dirigiert. Unter den Kavalieren sind nur wenige Männer. Aber die weiblichen Kavaliere bezeugen eine gewisse herrische Energie. So oft die Melodie wechselt, klatscht der Feuerwehrmann in die Hände, und jeder Herr gibt seine Dame an den nächsten weiter, wobei gut aufgepaßt wird, daß keine Verwechslungen vorkommen. Es gibt immer Individualisten, die versuchen, die strengen Regeln zu durchbrechen.

Als die Paare wieder zu den Tischen zurückströmen, auf denen Kaffeetassen und Spritzkuchen warten, hat die knochige Spanierin im Sombrero alle Hände voll zu tun. Die Billetts zum Osterkränzchen im ›Rittersaal‹ werden ihr fortgerissen, und sie soll doch nur noch zwanzig vergeben. Aber die Dicke im Brillantschmuck vorn auf der Estrade – sie hat, sagt man, ein Kleiderverleihgeschäft und möblierte Zimmer –winkt sie heran. Sie muß die kleinen Freundinnen ihres Günstlings versorgen, die sie umdrängen. Trotzköpfchen sitzt im Babyhänger auf ihrem Schoß und bittet schmollig: »Ach, gib mir noch mehr Nährzwieback.«

Gegenüber in der Saalecke ist ein Tumult um die Pastorentochter im hellblauen Ballkleid, die schon vorhin beim Tanz Streit hatte. Sie schluchzt in die mageren, kläglich nackten Arme, die auf der bunten Kaffeedecke liegen. Als die Polin mit den grünen Katzenaugen sie geärgert zu beruhigen versucht, zerrt sie einen Ring vom Finger und wirft ihn der Treulosen vor die Füße. Das Wesen von der Kasse kommt, die Zigarre in der Hand, quer durch den Saal, um Ruhe zu stiften. Weiblich erscheinen an diesem Geschöpf nur die hellgelben Schnürstiefel in kleinster Damengröße.

Karola und Fancy tanzten den langsam schreitenden und schmiegenden Java, zu dem einige Stimmen den zärtlichen Text sangen. Fancy lachte mit leuchtenden Zähnen den Vorübergleitenden und ihrer Partnerin zu. Sie legte ihre beiden Arme um den Hals: »So ein geblümtes Kränzchen, das ist das wahre für mich.« Karola führte und streichelte dabei zaghaft den Rücken, dessen geschmeidige Bewegungen sie unter ihren Fingern fühlte. Das kam ihr ein wenig lächerlich vor, aber sie gab sich Mühe, es den andern gleich zu tun.

Als der Tanz zu Ende war, näherte sich ein weiblicher Cowboy den beiden und machte vor Freo eine tiefe Verbeugung: »Darf ich das gnädige Fräulein um den nächsten Tanz bitten?« Sie wäre lieber mit Karola geblieben, fürchtete aber, gegen die Gebräuche zu verstoßen, und ließ sich von dem Cowboy entführen.

Allein ging Karola durch den Saal, fühlte schmachtende Blicke auf sich ruhen, war aber befangen, weil sie nicht wußte, welche Fähigkeiten man ihr zutraue. So kam sie, während der neue Tanz begann, an das andere Ende des Saales. Da wurde sie beim Namen gerufen und sah aufblickend Margot und Mister Russell.

»Ich weihe deinen unerfahrenen Pensionär in die Geheimnisse von Berlin ein. Wir waren bereits in einigen ähnlichen Vergnügungsstätten und werden bald noch andere aufsuchen, denn hier bleibe ich nicht lange, das ist zu kläglich. Diese Köchinnen mit ungestillten Begierden, diese alten Jungfern, die ihren ledigen Unwillen kurieren, speckige Mütter und eckige Garçonnen – da war es vorhin bei den entsprechenden Knaben unterhaltender, nicht wahr, Mister Russell?«

»Man hat leicht ein zu hartes Urteil über das eigene Geschlecht, Miß Margot.«

»Sie Heuchler! Ihnen hat es bei den Jünglingen auch besser behagt. – Mit wem bist du denn hier?«

Karola forderte die beiden auf, mit an Eißners Tisch herüber zu kommen.

»Gut«, sagte Margot, »da lernt unser Zögling einmal ein paar andre Gesichter kennen als die seiner faden Gotha-Insassen und Kommissionseuropäer.«

»Ich habe heute schon viel erlebt«, sagte er, »seit Ihr kleiner Erwin über meinen mixed pickles und seinem Süppchen das Tischgebet gesprochen hat.«

An Eißners Tisch gab es Sekt, worüber Margot eine ironische Bemerkung machte. Zwischen diesen beiden bestand eine Spannung, seit Eißner Margots Äußerung hinterbracht worden war: ›Er würde gern eine Million geben, um mir einmal auf meiner alten Kohlenkiste allein gegenüber zu sitzen.‹ Er drehte ihr, wie zur Entschuldigung, das Etikett der Flasche zu. Darauf stand ein deutscher Märchenname.

»Um so schlimmer«, sagte Margot und setzte sich zwischen den Balten und den Conférencier. Dieser machte sie auf ein paar bekannte Gesichter an den nächsten Tischen aufmerksam. Die kleine Blasse dort im hochgeschlossenen Samtkleid war die berühmte Tragödin von vor zehn Jahren. Gerade hob sie mit einer milden Geste der Entsagung die Hand, da ihre beiden Gefährtinnen, ein schmales Persönchen und eine große Brünette im Herrenmantel, sich erhoben, um miteinander zu tanzen. »Ich hätte sie kaum wiedererkannt«, sagte der Balte, »dabei schwärmte ich in jungen Jahren für sie; sie galt aber für unnahbar.«

»Kein Wunder«, meckerte der Conférencier. »Aber nun schaut's mal nach rechts, da haben wir unsern Brettlstar, unsern Gamin mit seiner Trauten.« Der Gamin im Reisesweater streichelte der Nachbarin, deren Reize eine richtige Ballrobe preisgab, zärtlich die fette weiße Hand. Ihr Blick begegnete dem Gruß des Conférenciers, den sie mit kurzem Schulterruck erwiderte; dabei setzte sie ihr berühmtes spitzmäuliges Bubengesicht auf.

»Was nützt mir der Einblick in das ungewöhnliche Privatleben einiger Zelebritäten. Erscheinungen wie der Wandervogel dort drüben mit den Holzperlen im Schmierhaar nehmen mir alle Fassung.« Margot erhob sich, legte ihre Hand auf Russells Arm und sagte: »Wir gehn.«

Aber auch die andern waren bereit, etwas Besseres zu finden. Nur die Freo protestierte.

»Laßt Karola und mich noch ein Weilchen tanzen, wir treffen uns alle um Mitternacht im Kabarett.«

 

Margot nahm Karola beiseite: »Ich will dir nicht ins Spiel spähen, aber was hast du mit Wendelin?«

»Ich?«

»Warum nimmst du mir dieses Kind weg? Gestern den ganzen Abend. Und heute – heut warst du bei ihm, gestehe.«

»Aber, Margot, ich habe ja nicht geahnt, daß du interessiert bist.«

»Es gibt auch nichts zu ahnen. Ich hätte es selbst nicht gedacht. Es geht sonst niemanden etwas an, aber wir sind doch Freundinnen. – Ich habe mit deinem Engländer getrunken. Das macht meinen Kopf klar. Ich möchte das in Ordnung bringen zwischen dir und mir. Was hat er denn mit dir getrieben, der Bursche?«

»Er hat mir eine Reisebeschreibung gemacht.«

Margot sah sie scharf und ungläubig an. Dann schritt sie den andern nach durch die Tür, über der grün umrahmt ›Herzlich Willkommen‹ stand.

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