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Heimliches Berlin

Franz Hessel: Heimliches Berlin - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/hessel/heimberl/heimberl.xml
typefiction
authorFranz Hessel
titleHeimliches Berlin
publisherSuhrkamp Verlag
seriesBibliothek Suhrkamp
volumeBand 758
printrunDrittes und viertes Tausend
editorBernd Witte
year1982
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid4df3357e
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VI

Wendelin stand noch eine Weile starr, fassungslos auf dem Fleck, wo Clemens ihn verlassen hatte.

War es eine Schuld, geliebt zu werden?

Er faßte in die Tasche und zog den Brief der Mutter hervor. Ohne zu lesen, besah er die Buchstaben. Die umfangenden Girlanden der Worte taten ihm wohl. Er sah den alten Kutscher, der ihn von der Bahn abgeholt hätte, freundlich krumm auf seinem Bock sitzen, auf den Rücken seines Pferdes schauen und ihm mit der Peitsche die Fliegen wegstreichen. Er sah das weißgetünchte Zimmer im Seitenflügel des alten Herrenhauses, das er immer bewohnte, das berankte Fenster mit dem Ausblick auf unendlichen Morgen und unendliche Nacht. Dort hätte es einen vorgezeichneten Tageslauf gegeben, der früh begann mit dem Ritt auf das Vorwerk. Der Onkel hatte ihm allerlei Interessantes geschrieben, er wollte neu durchforsten und es mit einem Buchenunterbau unter den alten Kiefernbeständen versuchen. Als leidenschaftlicher Jäger plante er Remisen anzulegen, um Fasanen heimisch zu machen. Und Wendelin selbst hatte auch Vorschläge zu Neuerungen im Sinn. Konnte man nicht einige Wiesen im Bruch in Pferdekoppeln umwandeln? Waldwege reiten und später Stoppelgalopp! – Ach, aber mit Margot durch den Tiergarten traben, war eine nähere, stärkere Verlockung. Margot auf ihrem ›Pan‹ und Stadtlandschaft...

›Ehe ich nach Italien reise, müßte ich sie um Rat fragen, ob ich nicht für ihre reichen Sammler dort einkaufen kann. Jetzt aber muß ich endlich an Eißner telefonieren. Vorwärts?‹

Er ging aufs nächste Postamt. Eißner war nicht in seinem Büro und Margot nicht im Tattersall.

Nun müßte man eigentlich essen gehen. Es war schon zu spät, um die Freunde an ihrer Mittagstafel anzutreffen. Dort das Bräu, das war das Einfachste. Da sah er aber gerade einen Kollegnachbarn eintreten, der ihm immer völkische Programme zu entwickeln, ihn zu Versammlungen einzuladen und an seine Adelspflichten zu mahnen pflegte. Das würde er heut schlecht ertragen.

Er setzte sich in das große Café, ließ sich Eier im Glas, Brot und ein Glas Portwein bringen. Sparsam wollte er sein, aber es wurde natürlich teurer als im Restaurant. Auf dem leeren Nachbartisch lag Schreibpapier, das nahm er sich herüber und begann einen Brief an die Kusine Jutta. Der mißglückte nach den ersten drei Zeilen. Warum, wenn sie ihn liebte, wollte Karola ihn wegnehmen von allen andern?

Er ging an schönen Schaufenstern hin. Ein Geruch von Benzin, Juchten und Parfüm tat ihm wohl. Die Frühlingssonne auf den spärlichen Bäumen, dem Sand und dem Pflaster war ein gelindes Glück.

Der Platz mit den Botschaften und Palais kam ihm noch immer riesengroß vor, seit er als vierjähriger Knabe hier einmal lange neben dem Vater gestanden und gegangen war.

Dieser freundliche Herr im welligen Bart, so ähnlich und so anders als das Bild auf dem Schreibtisch der Mutter, hatte bei einem seiner seltenen Besuche in Berlin sich nicht von seinem kleinen Buben trennen wollen und ihn den ganzen Tag im Wagen mitgenommen. Da saß er auf den blauen Tuchpolstern, während der Vater in den Büros der Minister Besuch machte. Und hier auf dem Platz gingen sie dann mit einigen Herren, die blinkende Zylinder auf dem Kopf und gut riechende Ledermappen unter dem Arm hatten, hin und her. Der Vater hatte immer Wendelins Kinderhand in seiner, während er oben mit den anderen redete. Bald mußte der Kleine viele Schrittchen machen, um mitzukommen, bald gelang es mit einigen Sprüngen. Der schöne Platz mit zurückweichenden Fassaden und nahen Rasenflächen dehnte sich – und seit damals fühlte Wendelin sich Bürger dieser Stadt.

Als er an der Tormauer entlang und zum Tiergarten hinüberging, beschloß er, Donath zu besuchen. Er bog in die schmale Viktoriastraße ein, kam, wo sie sich verbreitert, zu dem einzelnstehenden alten Baum, den er liebte wie einen ganzen Wald, dann zum Kanal und durch Menschen- und Wagengedränge an der Brücke vorbei in die schon dämmernde Straße am Ufer. Er überquerte den Gartenhof einer Klinik und stieg im Rückgebäude in das zweite Stockwerk.

Donath öffnete im Pyjama. Im Flur war Ampellicht, das bunte Fayencehunde, blanke Polostöcke und gewundene Kakteen beleuchtete. Auf bemalten Truhen lagerten Damenmäntel, die an den Riegeln keinen Platz mehr gefunden hatten.

»Wendelin! Wie reizend.«

»Störe ich dich? Du hast Besuch und bist –«

»– noch nicht angezogen. Seit einer Stunde mache ich vergebliche Versuche dazu. Die ersten Besucher kamen, als ich im Bad war. Und es kommen immer neue. Geh doch bitte ein paar Minuten hier in das Mittelzimmer und unterhalte die gute Kunny Werner; die sitzt dort mit ihrem neueroberten Herrn von Schlagintweit, um dessentwillen sie sich scheiden läßt. Ich soll ihr eine Wohnung besorgen. Inzwischen werde ich zwei hohe Kundinnen fertig behandeln, die sich in meinem Schlafzimmer für Puppen interessieren und mich dadurch hindern, Hosen anzutun. Ich hole dich nachher hinüber in die Bibliothek, da gibt es Leute, die dich teils lieben, teils lieben werden. Du bist doch heut abend frei, Wendelin, du mußt mit uns essen.«

Wendelin fand unterm Kerzenlicht alter Armleuchter Kunny, bewacht von einem goldenen chinesischen Buddha und begrinst von einem braunen Holzneger. Neben ihr saß, mit seinen Beinen viel Raum verdrängend, Herr von Schlagintweit. »Das ist mein Haudegen«, stellte sie vor, »der mich auf seiner Fregatte nach Island und Spitzbergen entführen will. Sonst gibt Werner mich doch nicht frei.«

»Raub ist die ursprüngliche Form der Ehe«, erklärte der magere Riese, »zu der wir jetzt wieder zurückkehren. Wenn Sie je heiraten sollten, Herr von Domrau, so steht Ihnen mein Kauffahrer zur Verfügung.« Dann fragte er Wendelin nach verschiedenen Vettern, die er vom Kasino und aus dem Kriege kannte.

»Hört bloß auf vom Kriege. Sie müssen wissen, Domrau, dieser Raufbold gehört zu denen, die immer noch nicht genug haben. Er hat auch noch den ruhmreichen Feldzug gegen die Bolschewiken in Kurland mitgemacht. Und jetzt will er Seeräuber werden.« »Was soll man auch tun?« sagte Schlagintweit. »Wenn man hier in der Stadt bleibt, kommt man aus den verzweifelten Saufereien nicht heraus. Muß man schon einmal in diesen Proletenzeiten Geld verdienen, dann lieber zu Wasser als in Kontoren.«

»Seefahrer waren ja wohl auch die ersten Kaufleute«, meinte Wendelin.

»Sehr richtig, Schiff und Karawane, das ist die wahre Börse. Wenn es noch Karawanen gäbe zwischen Nischni Nowgorod und Sibirien, würde ich da auch gern mitmachen.«

Das Telephon klingelte. Es hing unter einer geschnitzten Madonna über einem gotischen Taufbecken, in dem schräg das Telephonbuch stak. Donath kam aus dem Nebenzimmer und gab eine Viertelstunde lang einer auswärtigen Freundin Auskunft über die Schicksale ihres Airedale-Terriers, den er auf seiner letzten Reise mitgenommen und weiterbefördert hatte.

»Unser Donath ist ein wahrer Schutzengel«, flüsterte Kunny. »Einem verschafft er eine Anstellung, dem andern eine Ehe, dem dritten eine Wohnung, und das ist immer noch das Schwerste. Dabei hat er so viel zu tun, er muß die Damen der hohen Finanz und Industrie nicht nur mit Gegenständen, sondern auch mit Geschmack versorgen.«

»Ist er nicht von Haus aus reich?« meinte Schlagintweit. »Er war es, hat aber schon öfters alles verloren. Und doch versteht er weiter zu leben wie früher. Immer führt er einen dahin, wo es elegant und sympathisch hergeht, und wenn er kein Geld in der Tasche hat, schreibt er schräg. Ihm vertrauen eben alle, nicht nur wir Frauen.«

»Man muß am Ende eifersüchtig auf diesen Ladiesman sein«, knurrte Schlagintweit und schlug sich auf die Knie. »Ach, Hilmar, das wäre lächerlich, ihn lieben alle. Wo sollte er die Zeit hernehmen ...? Aber es gefällt mir, daß du gleich grimmig wirst.«

»Na, glaubst du, ich mache euren schlappen Künstlerbetrieb mit?«

»Denk dir«, rief Kunny Donath zu, der endlich den Hörer abgehängt hatte, »der Hilmar ist eifersüchtig, und zwar auf dich.«

»Muß er auch«, sagte Donath, kam zu ihr und streichelte ihr das Haar. »Und wenn er unsere Kunny nicht sehr glücklich macht, dann wehe ihm! – Also, Kinder, das mit der Ansbacher Straße wird gemacht.« Damit geleitete er die beiden hinaus.

Wendelin besah Bücher, die auf Tischen lagen und in Regalen standen. Er hatte ein zärtliches Gefühl für schöne Drucke, faßte gern Lederrücken an und liebte es, das Seidenpapier von Illustrationen zu lüften. Es war reizend anzusehen, wie höflich er mit den Bänden umging, und Donath, der wieder aus dem Entree ins Zimmer getreten war, beobachtete ihn eine Weile schweigend.

»Nun laß die Spielsachen liegen, mein Junge«, sagte er dann, »geh in die Bibliothek zu den andern hinüber. Ich will währenddessen meine Schönen im Schlafzimmer verabschieden.«

Durch die offene Tür hörte Wendelin, während er die Bücher wieder an ihre Plätze zurückstellte, Donaths Stimme: »Den Bamberger Krippenengel schicke ich Ihnen morgen nach Potsdam, Mathilde. Und du, Ruth, bekommst die Puppe der Oda Werkenthin, die mit den Perlenlippen, die sich so kühl küssen.«

Wendelin fühlte im Rücken ein kaltes Rieseln und das Blut heiß in den Wangen. Wenn ihn schon der Name von Karolas Schwester, im Nebenzimmer ausgesprochen, so bewegte, dann liebte er wohl wirklich? Rauben müßte man wie der Haudegen der Kunny.

Vor den Schränken und Gestellen der Bibliothek fand Wendelin den zierlichen Dichter Körting im Gespräch mit der bleichen, brünetten Hannah Pätzold, die immer zur Bühne wollte und alle angebahnten Engagements wieder ausschlug, weil sie nicht fort konnte; von wem, wußte man nicht.

Zu Hannahs Füßen saß auf einem Kissen ein üppiges Mädchen und hob ihr zartes Kindergesicht dem Eintretenden entgegen, um es dann gleich wieder zu senken und ihn auf ihren altmodischen dunklen Madonnenscheitel schauen zu lassen. Hannah begrüßte Wendelin, indem sie ihn in die Arme schloß und sich mit ihm hin und her wiegte. Dann neigte sie sich Kopf an Kopf mit ihm zu der Sitzenden hinunter, bis sie die linke, er die rechte Wange der Verwunderten berührte.

»Das ist mein Schwesterchen Magda.«

Der Dichter reichte ihm eine schmale, ängstliche Hand. »Sie ist unser Sorgenkind«, fuhr Hannah fort. »Wir wollen sie zum Film schicken. Mit ihrem süßen Gesicht könnte sie doch in dem Schaufenster jedes Papiergeschäftes als Ansichtskarte paradieren. Aber die unartige Kleine möchte lieber aufs große Theater und am allerliebsten gar nichts tun.«

»Finden Sie das nicht auch am verlockendsten?« fragte Magda. »Auf Wiesen und in Badewannen liegen. – Aber diese wilde Hetzerei beim Film, das lange Warten in muffigen Ateliers und zugigen Vorstadtlandschaften, das ist nichts für mich.«

»Wenn man Sie ansieht«, sagte der Dichter, »wird man selbst angenehm träge.«

»Dichter können sich das leisten«, entgegnete Hannah schnell, »aber wir anderen nicht.«

Körting zog in zerstreuter Unhöflichkeit die Uhr und verabschiedete sich. Man blieb etwas verlegen zurück.

Hannah meinte: »Vielleicht habe ich ihn verletzt. Er ist empfindlich und überarbeitet. Die ganze Woche schreibt er Gerichts- und Sportberichte für Zeitungen, um Sonnabend und Sonntag eine angebetete Frau in Westdeutschland zu besuchen. Seine Laura ist die treue Ehefrau eines braven Mannes; ob sie auch so viele Kinder hat wie die von Petrarca, das weiß ich nicht.«

»Drei«, sagte Donath, der eingetreten war. »Körting darf sie sonntags im Stadtpark spazierenführen, wenn die Mutter keine Zeit hat.«

»Macht das glücklich?«

»Wer weiß«, sagte Donath nachdenklich, »welch ein Trost im Druck solch einer kleinen Kinderhand liegen mag. –«

Niemand fand es verwunderlich, daß Donath noch immer wenig bekleidet war. Er stand in kurzen blaugestreiften Hosen, auf die nackte Brust hing ihm eine goldene Kette.

»Donath, du wirst zu üppig«, rief Hannah. »Hat er nicht Arme wie eine schöne Holländerin? Oder muß er so sein? Vielleicht ist er unser Bacchus, um den wir alle herumspielen mit unsern Freuden und Kümmernissen und der dafür sorgt, daß wir in seinem Reigen bleiben und nicht vergessen, das Leben ist nur hier und heut. Dann dürfen wir auch Mänaden sein, das habe ich mir immer gewünscht.«

»Und du, Wendelin«, fragte Donath lächelnd, »bist du ein junger Satyr?«

»Mich will man gerade fortnehmen aus deiner Schar«, und er berichtete von dem Brief der Mutter.

»Das gibt es nicht! Aufs Land lassen wir dich nur, wenn du reich und standesgemäß heiraten sollst. Fehlt es dir an Geld, um hier zu leben, dann mußt du eben verdienen. Tritt doch in meinen Laden ein, werde mein junger Mann, Sekretär, Teilhaber.«

»Du machst dich über mich lustig.«

»Nein, du wirst deine Sache bald verstehen. Das Wesen derjenigen Antiquitäten und Kunstgegenstände, für die es jeweils Käufer gibt, ist schnell erlernt. Du brauchst nur deine natürliche Liebenswürdigkeit praktisch anzuwenden. Nicht wahr, Hannah, diesem Kinde wird jeder mit Vergnügen etwas abkaufen?«

»Ich, wenn ich Geld hätte, sofort.«

»Ich bliebe gern in Berlin, schon um manchmal in deinen bunten Zimmern sein zu dürfen, Donath, wo Raum ist für alle.«

Es klingelte. »Mit deinem ›für alle‹ hast du der, die da wahrscheinlich geklingelt hat, das Stichwort gegeben. Es wird meine kleine Kommunistin sein.«

Er ging hinaus und kam mit einem Mädchen im Russenkittel wieder. Ihr schöner schwarzhaariger Knabenkopf sah düster drein. Sie stellte sich mißtrauisch in eine Ecke. »Unser kleiner Sowjet-Apostel«, stellte Donath vor, »schade, daß er nicht Herrn von Schlagintweit in die Arme gelaufen ist. Hier, liebe Elenka, finden Sie ein Musterbeispiel: Dieser junge Edelmann ist vom humanistischen Gymnasium nach dreiwöchentlicher Ausbildung noch gerade zwei oder drei Tage in den Weltkrieg gekommen, studiert Jurisprudenz, ist im Begriff eine wichtige soziologische Dissertation abzufassen und soll nun aus Mangel an zureichender Monatsrente Agrarier werden, ein Opfer der alten Weltordnung. Können Sie ihn nicht in die Geheimnisse der Propaganda einweihen und nach Paris schicken lassen? Bitte behandeln Sie den Fall; ich will mich indessen endgültig anzuziehen versuchen.«

»Gehören Sie schon unserer Partei an?« fragte Elenka ernst.

Einer Partei hatte Wendelin noch nie angehört. Er ließ sich, höflich zuhörend, unterrichten. Von dem, was er im Kolleg gehört hatte, wußte sie noch viel mehr und lehrte ihn Wege in die Zukunft. Sie sprach die wissenschaftlichen Worte und die schrecklichen politischen Abkürzungen mit klangvoller, tragender Stimme, als wären es Verse Hölderlins. Und er erlebte, daß Begeisterung eines jungen Menschenkindes mehr ist als jede Sache. Er war betrübt, als die kleine Eifererin gleich wieder fort wollte.

Die Schwestern, die inzwischen nebenan einen Teetisch hergerichtet hatten, forderten sie vergebens auf zu bleiben. Sie mußte noch einmal in die Klinik, in der sie Assistentin war, hatte sich nur ein Buch von Donath leihen wollen. Das nahm sie aus dem Regal und verschwand.

»Oh, die müßte man zur Trägheit verführen«, fand Magda, »das wäre eine lohnende Aufgabe.«

 

Nach dem Tee mußte Donath die Billetts der beiden Schwestern, die heute nacht nach München fahren sollten, vom Reisebüro holen. Alle wollten ihn begleiten, aber er sagte: »In meinem kleinen Auto sind nur zweieinhalb Plätze. Komm du mit mir, Hannah, die beiden Kinder hüten solange mein Haus.« Als sie allein waren, trat Magda vor den Spiegel und setzte einen bunten, dickgeflochtenen Strohhut auf.

»Sie wollen doch nicht fort?«

»Nein, ich probiere ihn nur, er will noch nicht recht passen. Mir steht alles erst, wenn ich es ein halbes Jahr getragen habe, und dann ist es unmodern.«

Sie nahm den Hut wieder ab, und Wendelin, der zu ihr getreten war, sah auf ihrer Stirn das Strohgeflecht als zierliches Stickmuster eingezeichnet. Er machte sie bewundernd darauf aufmerksam:

»Auf meiner Haut ist jeder Eindruck gleich zu sehen.« Sie preßte den Hut gegen ihren nackten Arm und zeigte die ästelnden Ornamente auf ihrem Fleisch. Er durfte, mußte die Stelle küssen.

Mit schräg geneigtem Kopf sah sie ihm dabei zu und zog dann sanft den Arm weg, legte sich auf den Diwan unter den beiden Wandleuchtern und erzählte von München. Dort wäre es gut sein trotz aller Revolutionen und Putsche. In Schwabing gäbe es immer noch die kleine ländliche Pension. »Da wird nun bald die Iris blühen bei den Rhabarberbeeten, und man wird mit sorglosem Volk im Garten liegen und nicht immer an morgen und übermorgen denken wie hier. Man kann auch so leicht und schnell ein paar Tage aufs Land, an die Seen. Es gibt so viele Orte auf ›ing‹ und auf ›hausen‹, und überall ist eine Stille, eingeteilt von gut zusammenklingenden Tönen, Kuhglöckchen und Kirchenglocken, Stapfen eines Pferdchens, das von der Koppel bergab geführt wird, Zwitschern in Ästen, Gackern und Schnattern im Hof und bisweilen das Surren und Stampfen der kleinen Lokalbahn.«

Ihm wurde fast schläfrig beim Zuhören. Er sah auf ihre Schuhe und Knöchel und erschrak beinahe, als Donath und Hannah wieder eintraten.

»Wir wollen früh essen gehen, damit wir hübsch beisammensitzen können, bis ihr zur Bahn müßt. Wir essen hier in der Nähe am Ufer, Hannah und ich fahren voraus und ihr Kinder spaziert uns nach am Wasser entlang. Es ist nicht weit, faule kleine Magda, und du hast einen Kavalier, der dich stützt.«

Im Laternendämmer gingen Wendelin und Magda unter den Kastanien. Sie zeigte zu den feuchtschimmernden Knospenhüllen empor, er sah auf ihre halboffenen Lippen. Sie sprachen wenig und eilten in schweigender Übereinkunft, um rascher an das dunkle Stück Gartenweg hinter der kleinen Fußgängerbrücke zu kommen. Sobald sie auf dem Sandweg bei den Trauerweiden waren, sanken sie sich in die Arme. Auch im Weitergehen hielten sie sich umfaßt und blieben oft stehen, um sich zu küssen. Sie sprachen kein Wort von Zukunft und Wiedersehen, flüsterten sich nur manchmal ihre Namen zu.

Als sie ins Helle traten, sahen sie Donaths kleines Auto vor der Tür des Restaurants.

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