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Heimliches Berlin

Franz Hessel: Heimliches Berlin - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/hessel/heimberl/heimberl.xml
typefiction
authorFranz Hessel
titleHeimliches Berlin
publisherSuhrkamp Verlag
seriesBibliothek Suhrkamp
volumeBand 758
printrunDrittes und viertes Tausend
editorBernd Witte
year1982
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid4df3357e
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III

Karola steht auf der Schwelle in ihrem Knabenhut, in dem Pelz, der um die Schultern hängt, nicht wie eine weiche Frauenhülle, sondern wie eine Beute, ein Wildbret. Sie starrt in das frische Grün der Linden auf der mittleren Allee. Auf einer Bank sieht sie, immer wieder durch Gefährte und Vorübergehende verdeckt, ein Paar Hand in Hand sitzen. Sie schauen beide geradeaus, wie die Hunde, die so tun, als ob sie nichts miteinander haben, während sie sich nahe kommen. Aber in den beiden Händen, seiner rechten, ihrer linken, welch innige Vereinigung! ›Bin ich so schwer zu lieben? Warum läßt er mich fort?‹ Sie lächelt leichtsinnig und verzweifelt.

Wohin jetzt? Nach Hause mag sie nicht, kann sie nicht. Sie hat Hunger. Sie könnte dort in die Konditorei gehen. Da sitzen einzeln und zu zweit Damen verschiedener Art, auch abenteuerlicher. Lieber wäre sie ja in eine Hafenschenke gegangen, eine der wüsten Kaschemmen in Marseille, von denen Margot erzählt. Sie macht ein paar Schritte und bleibt zaudernd stehen.

Da hält dicht vor ihr am Pflasterrand ein Auto, das eben noch in voller Fahrt war. Ein weitgeschwungener Hut entblößt einen schwarzen ölschimmernden Scheitel, und die mächtige Gestalt von E. I. Eißner hebt sich elastisch aus dem Wageninnern und kommt auf sie zu. jeder Bewegung dieses Mannes merkt man das Training an, mit dem er seine natürliche Anlage zur Fettleibigkeit bekämpft. Er machte ihr immer den Eindruck eines der frühen Bibeltyrannen, für deren umfangreiche Gelüste man als zarte Brautbeute wie die Esther in vielen Wassern gebadet und mit Spezereien gesalbt wurde, wobei denn all diese Vorbereitungen schon die halbe und mehr als die halbe Lust waren.

Dieser Gewaltige – den König der Amalekiter nannten ihn die Kabarettkünstler, unter denen er gern saß – küßte ihr mit so umständlicher Würde die Hand, daß Passanten, Häuser und Bäume umher zu Figuranten und Staffage eines feierlichen Aktes wurden.

»Das nenn ich Glück, Sie endlich einmal allein zu treffen, Frau Karola! Wo ich Sie sehe, werden sie mir weggenommen. Man hat mir erzählt, wie schön Sie gestern abend waren, marmorn, archaisch, ägyptisch. Und ich konnte nicht mit dabei sein, Sie zu bewundern, ich mußte ausländische Geschäftsfreunde durch unsere beklagenswert distingierten Nachtlokale führen. Was tun Sie jetzt? Wohin darf ich Sie fahren? Dort in die Konditorei wollten Sie? Das ist doch kein Rahmen für Karola Kestner! Hier konnte man sich zurzeit unserer Väter allenfalls aufhalten. Ganz echt war es nur vor hundert Jahren, als die Gardeoffiziere ihre Sohlen gegen die Balustrade stemmten und die Damen ihre Schokolade auf breitem Fensterbrett serviert bekamen. Kommen Sie in meinem Wagen hundert Meter weiter in die Bar.« Und in seiner diktatorischen Art wartete er gar nicht ihre Antwort ab, sondern öffnete den Schlag und half ihr beim Einsteigen.

»Dieser plötzliche Frühling macht solche Reiselust«, sagte Karola, »ich wollte gern fort, aber es will nichts werden.«

»Warum nicht, wenn Sie es ernstlich wollen?«

»Genügt das? Wenn Sie zum Beispiel dasselbe wollten, würden Ihre Geschäfte Sie nicht hindern?«

»Das gibt es nicht, nur Angestellte haben keine Zeit.«

»Ich bin leider die Frau eines Angestellten.«

»Mein verehrter Freund Kestner läßt aber seine Gattin, wenn er ihr damit einen Gefallen tut, gern allein reisen.«

»Woher wissen Sie das?« fragte sie etwas gereizt.

»Ich schließe es aus seiner bekannten Großmut.«

Das Auto hielt vor dem Hotel Adlon, und als der Portier sie grüßte, als sie sich in den Gläsern der Schiebetür zwischen fremden bewegten Silhouetten fremdartig gespiegelt sah, als sie, von Eißner schräg dirigiert, die Halle durchschritt und die Blicke müßiger Gäste mit sanfter Neugier auf sich gerichtet fühlte, kam Karola sich schon wie auf Reisen vor.

In der Bar war nächtlich strahlendes Licht über dem weißröckigen Mixer, dessen glatter Schädel bald an einen Seehund, bald an eine polierte Kegelkugel erinnerte. In dämmerigen Ecken saßen an schimmernden Holztischen flüsternde Gruppen. Die Nachthelle mitten am Tage erweckte in Karola die fast feierliche Spannung, welche sie bisweilen durch die Beleuchtung des Opernsaales bei Symphoniematineen erfuhr.

Sie wollte auf einem der hohen Stühle an der Theke sitzen. Eißner verordnete ihr einen Whisky. Beim ersten Schluck verging ihr Hunger und verwandelte sich in Abenteuerlust.

»Es ist alles so langwierig«, sagte sie. »Wenn ich nun wirklich reisen wollte, nach Italien zum Beispiel, so müßte ich mich wieder erst tagelang mit Paßgeschichten und Vorbereitungen befassen.«

»Lächerlich«, sagte Eißner, »das können wir mit Telephon und Auto in ein paar Stunden erledigen.«

»Wir?« fragte sie belustigt.

»Ja, ich reise in Gedanken bereits mit Ihnen.«

»Sie sind etwas schnell, Herr Eißner.«

»Das ist vielleicht meine einzige oder, wenn ich mehrere haben sollte, meine höchste Tugend.«

›Merkwürdig‹, dachte Karola, ›ich kenne doch viele Menschen, die sich sozusagen berufsmäßig mit dem Phantastischen beschäftigen, die sind alle so ordentlich und würden ziemliche Umstände machen, wenn sie plötzlich ins Ausland reisen sollten; selbst Wendelin überlegte – und hier dieser Geschäftsmann, dieser Verständige. – Margot würde, glaube ich, sehr zufrieden mit mir sein, wenn sie von E. I. Eißner und mir einen Gruß aus Venedig bekäme.‹

Eißner, der sich inzwischen vom nächsten Boy einen Fahrplan hatte holen lassen, fragte, sanft aufblickend: »Können Sie morgen früh um acht Uhr dreißig reisefertig am Anhalter Bahnhof sein? In München haben wir direkten Schlafwagen bis Rom.«

Karola trank.

»Aber ich habe nichts anzuziehen, ich müßte doch –«

»Das können wir jetzt schnell besorgen.«

Und ehe sie Einwände und Erwiderungen fand, war sie wieder durch Halle und Drehtür geschoben und saß neben dem Amalekiterkönig im sausenden Wagen. Er legte seine Decke über ihre Knie, da sie zu frieren schien in der matten Vorfrühlingssonne. Sie hielt sich steif und sah auf den Rücken des Chauffeurs. Sie fühlte sich außerstande, den freundlich bemühten Nachbarn anzusehen.

›Ledern bin ich‹, dachte sie, ›wie unser guter Vater von uns jungen Mädchen zu sagen pflegte, wenn wir seine Besuche nicht unterhielten.‹

Als sie dann in das große Modehaus kamen, mußte sie Eißner aufs neue bewundern. Wie er sich rasch umblickend orientierte, wie er Bescheid wußte, wie alles ihm zu Diensten war. Sie stellte sich die gleiche Situation mit ihrem Clemens vor, sah seine schüchtern verdrossene Miene vor Verkäuferinnen und Direktricen und mußte lächeln.

Während nun Eißner Reisemäntel und Nachmittagskleider vorführen ließ, fiel Karolas Blick auf ein Regal, in dem Kindermäntel aufgereiht waren. Gerade an der Ecke hing einer aus weißem Leder. Auf den ging sie wie gebannt zu.

Sie nimmt die glatte Kinderhülle vom Bügel, streichelt an der dreieckigen Kapuze im Nacken, tastet den kleinen Rücken entlang, findet innen ein schottisch kariertes Muster, das an Kleidchen der eigenen Kindheit erinnert; und als sie dann den Ärmel anfaßt, glaubt sie ihres Erwins Fäustchen aus dem etwas zu langen Behälter hervordringen zu fühlen.

Eißner und die Verkäuferin sind ihr, erstaunt über die Abschweifung, nachgekommen.

»Würde dieser Mantel einem Knaben von sechs Jahren passen oder sich leicht ändern lassen?«

»Gewiß, gnädige Frau, es ist Größe 6.«

Sie fragt nach dem Preis, sieht in ihre Handtasche.

»Lieber Eißner, wenn Sie mir zehn Mark leihen, könnte ich gleich –«

Ob sie denn nicht die Kostüme und Mäntel für sich selbst ansehen wolle?

In ihre Mundwinkel trat ein Quallächeln, gegen das er machtlos war. Er drang nicht weiter in sie, ging an die Kasse und bezahlte das weiße Mäntelchen.

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