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Heimliches Berlin

Franz Hessel: Heimliches Berlin - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/hessel/heimberl/heimberl.xml
typefiction
authorFranz Hessel
titleHeimliches Berlin
publisherSuhrkamp Verlag
seriesBibliothek Suhrkamp
volumeBand 758
printrunDrittes und viertes Tausend
editorBernd Witte
year1982
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid4df3357e
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II

Clemens Kestner, außerordentlicher Professor der Philologie an der Universität Berlin, kam gegen Mittag aus dem Kolleg heim. Vor dem grauen Eckhaus am Kanalufer nahe dem Lützowplatz hockte das Portiertöchterchen und zeichnete mit Kreide drei Rechtecke auf das Pflaster. Kestner blieb stehen und sah dem Kinde zu, das in das erste Feld ›Himmel‹, in das zweite ›Hölle‹ malte. Bei dem dritten zögerte es.

»Was kommt denn da hinein«, fragte Kestner, »Welt vielleicht?«

»Nein, ›Tempelhof‹ oder ›Lichterfelde‹ –«

Über diese Antwort war der Professor so entzückt, daß er in seine Aktentasche griff und der Kleinen die Tüte Bonbons schenkte, die für sein eigenes Kind bestimmt war. Dann nahm er vor der Mutter, die aus ihrer Loge sah und deren blasses Gesicht ihm immer eine Art Ehrfurcht einflößte, seinen breitrandigen Hut ab. Dabei hoben sich einige seiner Haarsträhnen, die voll und weich, nicht eben grau, sondern eher wie erblaßt um eine beginnende Tonsur lagen. Treppaufsteigend lachte er noch einmal über die Antwort des Kindes. Davon bekam sein sonst trotz bartloser Glätte etwas sorgenvolles Gesicht eine kindliche Verklärtheit.

Als er die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, sprang ihm der kleine Erwin entgegen, blieb aber bei des Vaters Anblick mitten im Laufen stehen.

»Ach, du bist es, Papa, ich dachte, die Mama kommt.«

Dann gab er artig die Hand.

»Ist denn die Mama nicht zu Hause?«

Oda, die Schwägerin kam hinzu: »Sie ist heute morgen plötzlich fortgegangen, ohne mir etwas zu sagen, und hat in ihrem Zimmer die Tücher ihres Kostüms von gestern wirr herumliegen lassen, was sonst nicht ihre Art ist. Ich bin in Sorge um Karola. Sie hatte gestern nacht noch so lange Licht, und ich habe sie auf und ab gehen hören.«

»Sie wird zu ihrer bewunderten Margot gegangen sein; die hat heut in aller Frühe, als ich fortging, mit ihr telephoniert. Aber du, Oda, bist blaß.«

»Ich habe mich so angestrengt. Der kleine Prinz, Mister Russells Besuch, ist plötzlich krank geworden.«

»Was fehlt ihm denn?«

»Er kann nicht essen, nur Kognak trinken, liegt apathisch oder tobt gegen seinen Vater und die Londoner Braut. Mister Russell wollte den Arzt holen lassen, aber der Kleine bat immer nur, ich solle zu ihm kommen, und als ich dann hineinging, sagte er kläglich: ›Please hypnotize me, Miss Oda.‹ Er war sehr niedlich in Pyjama und Sträubelocken.«

»Konntest du ihm denn helfen?«

»Du weißt, daß ich nicht hypnotisieren kann, aber was ich mit gutem Willen zustande brachte, half schon, er schlief mir unter den Händen ein. Nur wenn ich aufhörte, wurde er gleich wach und bat, fortzufahren, das hat mich sehr müde gemacht.«

»Du bist wohl auch eher ein Medium. Durch dich gehen alle Strahlen beschwingt hindurch, du guter Wärmeleiter. Wenn du alt wirst, könntest du eine Pythia werden. Die waren nämlich durchaus nicht jung. Herrlich bist du dann mit Schläfen rötlich weiß wie Gipfelschnee im Abendlicht, die Nase schärfer und alles lichtgerandet –« »Nun hören Sie aber auf«, sagte es neben ihm. Da stand im runden Reithut, weiten Mantel und Sporenstiefeln Margot, die unbemerkt durch die noch immer offene Wohnungstür eingetreten war. Sie schüttelte Oda die Hand und sah Clemens streng an.

»Beschwören Sie gefälligst nicht die Freuden des Alterns herauf. Das ist eine gefährliche Suggestion. Nur Jugend ist schön. Das Verblühen ist durchaus nicht unvermeidlich, sondern eine Schlamperei, gegen die man sich hart machen kann. Sie mögen für sich selbst nichts dagegen haben, aber verführen Sie uns andere nicht zu lebensfeindlichen Theorien.«

Sie sprach hart und trocken, Clemens erwiderte langsam: »Auf einem geliebten Gesicht verehren wir zärtlich jede Runzel als Bewahrerin des Wesens. Denken Sie nur einmal eine Reihe Bilder des alternden Goethe durch, wie er immer schöner wird von Jahr zu Jahr.«

»Wir reden nicht von bedeutenden Männern, sondern von hübschen Frauen.«

»Warum immer unterscheiden? Aber wie Sie wollen. Sehen Sie Oda an, wenn bei ihr einmal das, was nur Jugend und Lieblichkeit ist, wegfällt, wenn ihr reines Knochengerüst deutlich zutage tritt –«

»Hört auf, ihr sprecht von mir, als ob ich schon tot wäre. Und nun kommt endlich aus dem Flur fort.«

»Wo ist denn Karola?« fragte Margot, das Zimmer der abwesenden Freundin betretend.

Während Oda mit dem Kind auf einem tiefen Diwan Platz nahm und Clemens in die Ofenecke ging, setzte sich Margot rittlings auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.

»Sie wollte heute früh zu mir in den Tattersall kommen!« »Sie ist fortgegangen, und wir wissen nicht, wohin. Wir hofften, sie wäre bei dir.«

»Getanzt hat sie gestern nur mit Wendelin, und das war untüchtig. Ich hatte gerade für sie Leute eingeladen, die ihr und euch nützlich sein könnten. Und auch mit Wendelin hatte ich bestimmte Absichten. Er sollte der Frau des reichen John Perls den Hof machen, der die adligen jungen Leute protegiert, wenn sie sich um seine Frau bemühen.«

»Ach, verschont doch den Wendelin mit euren Nützlichkeiten«, sagte Clemens in beinah zornigem Ton.

»Warum? Ich fühle die Pflicht, uns alle reich zu machen. Unser einziges Laster ist unsere Armut. Und der gute Wendelin versteht es nicht, aus seiner angeborenen Wohlbeschaffenheit Nutzen zu ziehen.«

»Diese Unfähigkeit«, erwiderte Clemens, »ist vielleicht die höchste Tugend seines Standes. Das Unangepaßte, das Unzeitgemäße ist eine Größe des Adels. Wenn er plebejische Vorzüge annimmt, gegen die ich nichts sagen will, schon aus Selbsterhaltungstrieb, nimmt er Schaden an seinem Wesen.«

»Ich habe keine Zeit, das zu verstehen. Meine Erfahrung ist: Mangel im Alltäglichen, schäbige Kleider, unwürdige Trambahnfahrten, minderwertige Menüs, überhaupt die billigen Qualitäten schädigen meine unsterbliche Seele. Ich will möglichst mühelos von dem heiß servierten Reichtum von heute meinen Tribut haben. Und das will ich auch für Wendelin. In welcher Weise es geschieht, ist ganz gleichgültig, wie es heute gleichgültig ist, womit man handelt. Ein Junge wie Wendelin muß sein Reitpferd haben, ein hübsches pied-à-terre, den besten Schneider. Und das alles so bequem wie möglich.«

»Sie sind heldenhaft, Margot, das weiß ich wohl. Aber Heldentum ist ebenso unnachahmlich, wie es vorbildlich ist. Sie sind ein gefährliches Ideal für das Kind.«

»Und Sie, mein Freund, sollten lieber eifersüchtig sein, wenn er mit Karola tanzt.«

»Es ist nicht hübsch von Ihnen, einen Ihrer aufrichtigsten Verehrer zu verspotten. Man ist vielleicht bisweilen eifersüchtig, aber man soll es doch nicht sein. Es ist kein Grundsatz. Eifersucht ist der Schatten der Liebe, der im Mittag auf ein Minimum zusammenschrumpft.«

»Ach, Clemens, Sie haben die vielen Bilder und Gleichnisse der Willenlosen. Wenn Sie in Ihrem Winkel zufrieden sind, gut, aber den Wendelin dürfen Sie nicht zu dieser ewigen Resignation verlocken und Karola auch nicht. Sie spielen eben nicht mit. Wendelin soll mitspielen, und wir, seine Freunde, wollen ihn leben lehren. Was können Sie ihm denn Brauchbares beibringen?«

»Überleben.«

»Man sollte die kultivierten Sprachen abschaffen, damit die Menschen sich endlich verständigen können?«

Clemens kam zu ihr und küßte entzückt die kleine, fest um die Reitgerte geballte Faust. Dann fragte er leise: »Glauben Sie, daß Karola jetzt bei Wendelin ist?«

»Diese Möglichkeit scheint Ihnen doch nahe zu gehen.«

»Ich werde ihn – besuchen.«

»Wenn aber die beiden Sie nicht empfangen?«

»Ach, mich empfangen sie schon.«

Das sagte er mit schwermütiger Sicherheit und ging. Oda begleitete ihn an die Tür. Zärtlich besorgt sah sie ihn von der Seite an. »Willst du nicht vorher etwas essen, Clemens?«

»Nein, ich esse irgendwo studentisch mit dem Wendelin.«

Als sie die Wohnungstür schloß und sich umwandte, ging die Tür des Vorderzimmers auf. Es erschien Mister Russells munteres, englisch hellrotes Gesicht:

»Oh, Miß Oda, Sie müssen zu meinem kleinen Prinzen kommen, er stirbt schon wieder einmal.«

Oda sah unsicher aus: »Unsere Freundin Margot ist in Karolas Zimmer –«

»Darf ich Sie so lange bei ihr vertreten? Wird sie mich so empfangen?«

Er öffnete die Tür ganz und stand in einem damastenen Schlafrock, unter dem eine himbeerfarbene Flanellhose sichtbar war, in der Hand hielt er ein Glas, in dem ein rötlicher Drink schwamm. Er führte Oda an die Tür des Eckzimmers, in dem der kranke Prinz lag; dann nahm er ein zweites Glas und die Flasche und begab sich, seiderauschend wie eine Dame aus alten Zeiten, in Karolas Zimmer hinüber. Margot saß immer noch auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch und sah dem Kinde zu, das zu ihren Füßen Holzklötzchen zu lauter Fassaden ohne Haus zusammensetzte.

Flasche und Gläser stellte Russell auf das Bücherbord vor eine Miniaturvitrine, in der ein paar winzige ledergebundene Bände lagerten. Dann machte er eine seinem Kostüm entsprechende Verbeugung mit auf der Brust gekreuzten Armen.

Man kannte sich flüchtig, war erfreut genauere Bekanntschaft zu machen. Das naheliegende Gespräch über Reiten und Sport förderte eine Reihe gemeinsamer Bekannter aus interessanten Berliner Kreisen zutage. Hohen und höchsten Adel nannte Mister Russell bei Vor- und Stammnamen ohne ›Graf‹ und ›Prinzessin‹, ›von‹ und ›zu‹, Mitglieder ehedem regierender Häuser sogar nur beim Vornamen; Bürgern und Bürgerinnen hingegen gab er alle Titel, die sie irgend beanspruchen konnten.

Er bot von seinem Getränk an: Gin, den er mit Orangensaft vermischt hatte nach einem Mixerrezept, welches er Margot auseinanderzusetzen begann. Aber sie dankte. »Ich trinke nur Wasser, allenfalls, wenn es sein muß, Champagner.«

Auch die Zigaretten wurden zurückgewiesen.

»So will ich Ihnen denn räuchern und Wein spenden und Ihren göttlichen Unmut über meine irdischen Begierden besänftigen«, sagte er in Quäker-Englisch, steckte eine Zigarette an und trank Margot zu.

»Meine Enthaltsamkeit hat keine frommen, sondern rein vernünftige Gründe. Rauchen ist schlecht für meinen Teint, und wenn ich jetzt trinke, springe ich heute nachmittag nicht gut.«

»Wie energisch und tüchtig Sie alle sind! Auch die sanfte kleine Miß Oda. Mein Prinz da drüben ist ganz in ihrem Bann. Wenn sie kommt, läßt er das Fluchen, Toben und den Hennessy und erzählt ihr von dem schönen Schloß in der Touraine, in dem er geboren, dem Gut an der Donau, auf dem er aufgewachsen ist, und dem düstern alten Familienhaus im ersten Wiener Bezirk. Ich glaube, am liebsten möchte er sie auf einen seiner Sitze als Herrin heimführen. Und mein alter Freund Royan, sein Vater, würde am Ende darüber seine Pläne mit der Londoner Ducheß aufgeben und in die beglückende Mesalliance einwilligen. Was würden Sie dazu sagen, wenn der Kleine seine schöne Hüterin und Dompteuse einfach heiratete?«

»Eine so verständige Aktion ist von einer der Schwestern Werkenthin nicht zu erwarten. Oda liebt überdies außer ihrer angebeteten Schwester und dem Kind nur ein Wesen auf der Welt, nur einen Mann, und den noch dazu unglücklich!«

»Wen denn? Kenn ich ihn? Verkehrt er hier im Haus?«

»Es ist niemand anders als der Herr des Hauses, wenn Sie diese Bezeichnung für Clemens Kestner zutreffend finden.«

»Daß er das ist, habe ich auch erst gemerkt, nachdem es mir gesagt wurde. Als mich mein Freund Donath hierher brachte, lernte ich nur Mrs. Karola und Miß Oda kennen und dachte, der Herr, der da am andern Ende der Wohnung haust, sei ein Mieter wie ich.«

»Ich werde wütend, wenn ich das Wort Mieter höre. Es ist doch eine Schande, daß zwei Geschöpfe wie Oda und Karola die schönsten Zimmer ihrer Wohnung an fremde Herren – pardon, mit Ihnen haben sie es ja recht gut getroffen.«

»Und denken Sie, welch ein Glück für mich, daß es solche Land-Ladies gibt. Meinen Landlord, den Herrn Professor, habe ich übrigens auch sehr gern, wir führen manchmal tiefsinnige Gespräche miteinander, wenn wir uns in der Küche begegnen, wo er sich in später Nacht einen Tee bereitet und ich mir Selters und Eis für einen letzten einsamen Trunk hole, nachdem mich all meine Gäste verlassen haben. Dann sitzen wir auf zwei Küchenstühlen und machen eine scharmante paneuropäische Konversation. Ich rate ihm, nach Amerika zu gehen und Vorträge zu halten, da könnte er doch viele Dollars gewinnen. – Er käme ganz gern einmal dahin, sagt er, in Boston gebe es ein paar wichtige Antiken. – Begreiflich, daß Miß Oda ihn liebt, aber wie fängt sie es an, ihn unglücklich zu lieben? Wie liebt er sie denn?«

»Er ist vermutlich der einzige hier, der nichts von ihrer Liebe weiß. Er liebt nur Karola, seine Frau, blind wie ein Gatte, verehrerisch wie ein Schüler – ach, in diesem Hause verstehen sich alle gut aufs Lieben, aber die Kunst, sich lieben zu lassen, wollen sie nicht lernen.«

»Clemens Kestner hatte ich für eine Art von Platoniker gehalten. Da ist dieser junge Domrau, – als Mrs. Karola ihn einmal zu mir brachte, waren alle meine Freunde enchantiert von ihm. Eine Grazie hat dieser Knabe! Wenn er ein Glas in die Hand nahm, hatte man das Gefühl, diese Geste geschehe zum erstenmal in der Welt. Wenn er sich über meinen Stuhl lehnte, die leise Biegung seiner Hüfte, die Verkürzung in dem geneigten Gesicht, – sie müssen wissen, ich bin nebenher Maler, natürlich nur ein Dilettant, obgleich ›Wales‹ freundlich genug war, einige meiner Blätter gerne zu sehen und zu behalten.«

»Clemens und Wendelin! Da muß ich lachen.« Sie tat es etwas gezwungen.

Das Kind, das für die englisch geführte Unterhaltung kein Interesse gezeigt hatte, blickte bei dem Klang der vertrauten Namen auf. »Spiel weiter, Hase«, sagte Margot und wandte sich wieder zu Russell.

»Sie müßten ihn von dem jungen Domrau sprechen hören«, sagte dieser. »Vielleicht gehört dazu Nacht und philosophische Konversation auf Holzschemeln. Oh, ich mußte, wenn ich ihn ansah, an Sokrates denken.«

»Das taugt aber nicht für Wendelin«, sagte sie fast ärgerlich, »der soll nicht in tabakdunstige Denkerwinkel, er soll in das Leben.«

»Am Ende sind Sie selbst interessiert, Mademoiselle, und ich habe eine ›gaffe‹ gemacht.«

»Ich liebe meine Pferde, und im übrigen bin ich bereit, mich von jedem einigermaßen präsentablen und erträglichen Menschen lieben zu lassen, der mich mit dem nötigen Luxus versorgt. Zu diesem Entschluß sollten sich auch meine guten Freundinnen durchringen. Mein Gott, wir können doch nicht so in den Tag hineinleben. Die Arbeit, die man in unsern Kreisen leistet, Übersetzungen, Kunstgewerbe und dergleichen, schändet bekanntlich, soweit sie überhaupt bezahlt wird.«

In diesem Augenblick trat Oda ein.

»Finden Sie auch, daß Arbeit garstig ist?« fragte Mister Russell.

»Kochen ist schön«, sagte Oda, »und für Erwin Spielsachen, für Karola Kleider machen, Tapeten und Vorhänge für ihre Zimmer ausdenken. Aber Puppen zu Händlern tragen oder still Ausgedachtes von Käuferinnen hin- und herdrehen sehen und Preise ansetzen müssen, das ist nicht schön, und Geld bekommen ist demütigend.«

»Wenig Geld bekommen ist demütigend«, sagte Margot.

Alle lachten.

»Ihr wunderlichen deutschen Frauen«, sagte Russell, »lauter Ausnahmen!«

»Uns wäre besser, wir wären ›raisonnable‹ wie die Pariserinnen.«

»Ach, bitte bleiben, wie ihr seid.«

»Willst du mit mir und dem Kind essen, Margot?« fragte Oda. »Der Hausherr und die Hausfrau sind fort, es gibt nur Suppe, Gemüse und süßen Kinderbrei. Dazu getraue ich mich nicht, Sie einzuladen, Mister Russell, zumal ich gar nichts zu trinken habe.«

»Getrauen Sie sich nur. Ich habe in meinem Junggesellenschrank Fischkonserven und Leberpastete, mixed pickels und dergleichen Zeug, dazu weißen Bordeaux, der sicher vortrefflich mit Kinderbrei geht.«

Bald waren alle vier um den runden Tisch des Eßzimmers versammelt unter dem bronzenen Blumenkörbchen des Kronleuchters, aus dem grüne Glasblätter und pastellfarbene Windenblüten hingen und wuchsen. Karola hatte dieses seltene Stück, das Russell immer wieder kennerisch bewunderte, vor Jahren in der Frankfurter Allee zwischen altem Küchenkram in einem muffigen Kellerladen entdeckt.

Da saßen sie, Margot im Reitkleid, Mister Russell in seinem damastenen Morgenkostüm, Oda in einem gelben Wollkleidchen mit großen weißen Knopfkugeln und der kleine Erwin im Matrosenblüschen.

»Kommen Papa und Mama heut nicht zu Tisch?«

»Nein, sie müssen in der Stadt essen.«

»Die Armen.«

Mister Russell wollte gerade Wein einschenken, da erhob sich Erwin noch einmal, trat hinter seinen Stuhl und faltete die Hände. Verwundert und gerührt ahmten ihn die Erwachsenen nach.

Und dann sprach das Kind sein Tischgebet.

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