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Heimliches Berlin

Franz Hessel: Heimliches Berlin - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/hessel/heimberl/heimberl.xml
typefiction
authorFranz Hessel
titleHeimliches Berlin
publisherSuhrkamp Verlag
seriesBibliothek Suhrkamp
volumeBand 758
printrunDrittes und viertes Tausend
editorBernd Witte
year1982
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid4df3357e
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XIII

Während ein eilfertiges Mädchen in schwarzem Rock und rotem Halstuch über die Bühne stürmte und Erstaunliches von ihrem Apachen behauptete, begab sich die Freo mit Eißner zum Tisch der Patronin, um für drei Wochen sich ›loszukaufen‹. Gnädig wurden dem Lieblingskücken die Wangen gestreichelt: »Gut, reise ein bißchen, du bist blaß in letzter Zeit. Wir werden Hannchen bitten, daß er ein paar Nummern mehr bringt. Aber Abschied müssen wir groß feiern.«

Die Plätze zwischen Wendelin und Karola waren leer. Er sah sie fragend und etwas grimmig an. Sie lächelte. Er trat hinter ihren Stuhl und sagte ihr ins Ohr: »Willst du mit mir oder mit den andern reisen?«

»Mit dir!«

»Dann müssen wir heimlich fort.«

Sie wandte sich um und sah ihn mit ganzem Gesicht an: »Das wollen wir.«

Einen Augenblick saß er neben ihr und hielt ihre beiden Hände. Sie waren einander so nahe, fast hätten sie sich schon jetzt geküßt. Plötzlich sprang Wendelin auf und ging eilig Eißner entgegen, der sich am Nebentisch erhoben hatte.

»Ich würde gern bis München voranreisen, wo ich Freunde treffe und Aufträge der Tante in Fiesole besorgen kann –« »Gut, fahren Sie morgen früh. Unser Auto holt Sie übermorgen ein. Bestellen Sie Zimmer im Continental. Brauchen Sie Reisegeld?«

»Ach ja.«

Der Gewaltige griff in sein Portefeuille und versorgte seinen Schützling.

Von diesem Augenblick an wartete Wendelin nur noch auf Karola. Wenn sie sich erhob, war der Weg in die Zukunft frei. Um ihn herum wölkten im Zigarettenrauch Worte, Meinungen, Behauptungen, die ihn nichts mehr angingen. Bisweilen wandte sich die Freo zu ihm und sah ihn an, als ob sie ein Geheimnis miteinander hätten. Er hatte sich so gesetzt, daß er Karola immer sehen konnte. Goldbräunlich hob sich ihr Hals aus dem schwarzen Rahmen des Kleides. Im Licht des Kronleuchters bekam ihr Haar einen silbernen Glanz.

Als der Hamburger mit einer zierlichen Pointe geendet hatte, fegte die russische Tänzerin, die eben erst in Begleitung einer schlächterhaften Erscheinung im offenen Gehpelz eintraf, mit Autorität durch den Saal. Sie bestand darauf, daß die Lichteffekte für sie probiert würden.

Der Saal wurde verdunkelt. Karola stand auf und machte Wendelin ein Zeichen.

In der Garderobe, während er ihr den Mantel umlegte, flüsterte er: »Ich habe Reisegeld. Wir können mit dem ersten Morgenzug fahren.«

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander, wie Gerettete. Sie kamen durch leere Straßen zum Kanal. »Ich muß nur noch schnell packen.«

»Tu das nicht. Nimm nichts mit. Oda schickt dir nach München, was du brauchst. Komm gleich mit zu mir.«

»Aber Wendelin –«

»Wenn ich dich fortlasse, wie gestern früh, gehst du mir verloren.«

»So komm mit herauf, während ich packe.«

»Dann beweist uns Clemens, daß wir nicht reisen dürfen.«

»Hat er dir gesagt, daß er es nicht haben will?«

»Ja.«

»Er will mich nicht fortlassen?« Erstes Morgenlicht erhellte ihre Züge.

»Karola, Karola, du darfst nicht nach Hause!«

»Geliebter Junge, ich will nur schnell mein schlafendes Kind küssen und ein kleines Handtäschchen nehmen mit Puder und meinem Amulett. Das mußt du mir schon erlauben. Clemens werde ich gar nicht wecken, ich lege ihm einen Zettel hin, daß er mir schöne Briefe schreiben soll.«

»Geh nicht hinauf, Karola, komm gleich mit mir.«

»Nun sind wir schon fast vor meiner Tür. Warte hier auf mich, es dauert zehn Minuten.«

Sie küßte ihn mit frierenden Lippen und eilte voran. Der Himmel wurde heller von Minute zu Minute. Die Häuser bekamen quälendscharfe Konturen. Entschlossen starrte Wendelin auf das schwarze Wasser des Kanals. Aber die Knospen der Kastanien drängten sich in sein Blickfeld, verführerisch wie Kindheitsglück.

Er hätte sich gern dort auf die Bank gesetzt, aber da schlief ein Obdachloser. Über die Brücke kamen mit plötzlichem Gerassel eine Reihe Paketfahrtwagen auf den Trambahnschienen. Hinterher donnerte ein Lastauto mit Karotten. Als die Brücke wieder leer wurde, tauchten am Geländer zwei Gestalten auf, die sich in der Richtung nach dem Tiergarten zu bewegten. Das war doch Sebald! Und neben ihm der schlanke Bursche in Mütze und Samthosen, war das vielleicht der Bruder der Freo? Jetzt konnte er nicht gut zu ihnen. Wie durfte er auch an so etwas denken in dieser Schicksalsstunde! Er trat an einen Baum, damit sie ihn nicht beim Umschauen gewahrten. Er sah zu Karolas Wohnung hinauf. Im Kinderzimmer war Licht. Nun wurde auch Karolas Fenster hell. Und jetzt erloschen die Lichter. Sie kommt! Die Knie zitterten ihm. Langsam überschritt er den Damm. Die Haustür öffnete sich.

Heraus trat in langem Havelock und breitrandigem Hut Clemens.

»Guten Morgen, mein lieber Wendelin«, – er faßte ihn unter – »laß uns ein paar Schritte an unserm guten Ufer gehen. Dies Wasser ist unser Fluß. Wir lieben es wie der Pariser seine Seine. Mit der gewerbsfleißigen Spree da weit im Nordosten haben wir ja nicht viel zu tun. Sieh da drüben das große weiße Haus, das du nur als den Sitz irgendeines schicken Klubs kennst, war in meiner Kinderzeit chinesische Gesandtschaft, und im Garten sah man manchmal alte gelehrte Männer in seidenen Kimonos. Seit der Zeit hat für mich die Uferlandschaft mit der geschwungenen Fußgängerbrücke, den gabeligen Kastanienästen und den drei Trauerweiden etwas Fernöstliches behalten, wie es in manchen Augenblicken einige der kleinen märkischen Seen haben.«

»Unter den Weiden dort«, begann Wendelin, selbst verwundert, daß er in diesem Augenblick auf das Gespräch des Freundes eingehen konnte, »habe ich zum ersten Mal das ›Gastmahl‹ gelesen.«

»Hast du auch daraus gelernt, daß die Liebe ein Dämon ist, kein Gott?«

»Das lerne ich wohl erst jetzt, seit du mir verboten hast, ein Liebender zu sein. Aber warum bist du denn selbst einer?«

»Ich will dir bekennen: Eigentlich liebe ich wohl nur die Götter, wie alle Frommen, und in den Menschen ihr Erscheinen, hold oder schrecklich, belebend oder vernichtend. Aber die Menschen fügen sich nicht drein, sie stören den heiligen Akt der Verehrung durch Aufforderungen, ihre Identität zu bestätigen –«

»Ich kann dich nicht hören«, unterbrach Wendelin und machte sich los. »Du bist mein Feind! Es ist dein Recht. Aber warum umspinnst du mich mit geheimnisvollen Worten? Was willst du von mir?«

Clemens reichte ihm einen gefalteten Zettel: »Hier lies, was dir Karola schreibt.«

Wendelin griff hastig und böse danach. Er las: ›Ich kann nicht, Wendelin. Ich danke dir, daß du gewollt hast. Das ist mir schon Glück.

K.‹

 

Er sah zu Boden wie ein gescholtenes Schulkind.

»Was habe ich denn wieder falsch gemacht? Habe ich wieder nur für Eißner gekuppelt, ich armer Narr? Und war schon bereit, alles aufs Spiel zu setzen, auch deine Freundschaft. Und bei ihr war es eine Laune.«

»Was war es denn bei dir?«

»Oh, ich möchte ein ganz einfaches Mädchen packen, so eine mit lockeren Ösen, die gleich aufspringen.«

»Narziß, Narziß, der Spiegel wird trübe. Tröste dich, du hast sie mit niemandem verkuppelt als mit ihrem Kinde.«

»Wie?«

»Als ich in ihr Zimmer kam, stand sie vor einem geöffneten Paket, darin lag ein Kindermäntelchen, das sie gestern, nachdem sie dich verlassen, für ihren Erwin gekauft hat. Tränen liefen ihr aus den Augen, als sie es herausnahm, sie ging hinüber zu dem Kleinen, hob das schlafende Kind aus seinem Bett und hat ihm den Mantel anprobiert. Dann sah sie zu mir auf und fragte: ›Darf ich hierbleiben?‹ Als sie dann dalag, todmüde und noch im Einschlafen um Brauen und Lippenwinkel einen Krampf, eine Pein, da ahnte ich viel –«

»Das ist ja eine recht rührende Familienbegebenheit, und wir beide, du und ich, spielen darin einigermaßen lächerliche Rollen.«

Clemens nahm wieder den Arm des Jüngeren und ging langsam mit ihm weiter.

»Ziemt es uns nicht, ruhig zu tun, was die Leute lächerlich finden? Sollten wir nicht unbeirrt versuchen, die armen Frauen einfach zu verehren, so sehr, daß ihnen gar nichts andres übrigbleibt, als vollkommen zu sein? Das müßte man zu Ende denken –«

»Vielleicht hätte es mir gut getan, bei dir zu bleiben, um zu lernen, aber ich glaube, ich muß jetzt einfach fort, zur Mutter, aufs Land.«

»Du könntest so gut bleiben, daß es besser ist, du gehst. Ich darf nun auch dich nicht halten. Ich werde älter. Geh, mein Letztes, ich werde dich aus der Ferne lieben.« Ihre Schritte hallten durch die Morgenleere.

»Ich kann den Frühzug gerade noch erreichen, und Reisegeld habe ich auch – von Eißner.«

Da lachten sie beide.

»Du wirst ja auch wiederkommen«, meinte Clemens, »und mit uns wohnen in unserm heimlichen Berlin, hier im alten Westen, an der Landstraße zwischen Rom und Moskau. Wir werden dann wieder an diesem Wasser gehn und von Erinnerungen und Hoffnungen reden, die sich im Kreise begegnen.«

»Ob ich dann auch Karola wiedersehn kann, ohne mich zu schämen oder ihr zu grollen?«

»Du grollst wohl nur dir selbst.«

»Ja, ich bin wütend über meine Ungeschicklichkeit.«

»Warst du nicht auch ein wenig abgelenkt?«

»Du weißt auch das? – Ich habe nämlich eine Frau gesehn, nur gesehn, die mit Sebald vorgestern abend zu Margot kam. Sehr groß war sie, trug einen Kopfschmuck aus Federn, der ihre Schläfen anrührte wie ein Heldenhelm, und Wangen hatte sie wie deine Athene. Sie sah mich von weitem freundlich an, aber ich konnte nicht zu ihr. Weißt du, wer das ist?«

»Nein, die kenne ich nicht, deine Unbekannte.«

Sie gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander und trennten sich mit einfachen Abschiedsworten an der Potsdamer Brücke.

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