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Heimliches Berlin

Franz Hessel: Heimliches Berlin - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/hessel/heimberl/heimberl.xml
typefiction
authorFranz Hessel
titleHeimliches Berlin
publisherSuhrkamp Verlag
seriesBibliothek Suhrkamp
volumeBand 758
printrunDrittes und viertes Tausend
editorBernd Witte
year1982
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid4df3357e
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Um dieselbe Zeit standen Clemens und Oda an Erwins Bettchen.

»Wir wollen gehn, sonst wacht er auf.«

»Der schläft fest heut. Er war müde vom Nachmittag.«

»Hat er so viel erlebt?«

»Wir waren im Zoo, erst bei dem Marabu, der auf einem langen zittrigen Bein stand und mit dem andern nachdenkliche waagerechte Bewegungen machte und so verzaubert aussah, daß wir beide an den Kalifen Storch dachten. Und die jungen Löwen haben wir gesehn, denen die weiße Hündin zu trinken gibt. Mit atmenden Flanken saugen die Kleinen. Auch das Bärenkind ist rührend, das mit seiner Mutter spielt. Sie patscht es immer weg und freut sich doch, wenn es wieder ankommt und an ihr zaust unermüdlich, so oft es auch purzelt und rollt. Vom Schusteraffen konnte sich Erwin gar nicht trennen. Der hatte ein grünes Blatt in der Pfote, von dem er das Weiche abrupfte und die strunkige Rippe ans Gitter klopfte. Bis zur Fütterung des Seelöwen sind wir geblieben.«

»Ich müßte einmal mit euch gehn, statt immer in meinem Bau zu hocken.«

»Warum bist du so selten bei deinem Kind? Warum erzählst du ihm nie Geschichten?«

»Es wird mir schwer. Neulich als er mir gute Nacht sagen kam, fand Erwin auf meinem Tisch eine Mythologie mit Bildern. Er sah den Zeus von Otricoli. ›Ist das der liebe Gott?‹ fragte er. Ich mußte ja sagen. Er blätterte eifrig weiter. ›Ist das eine Frau?‹ Er zeigte auf den Apollon Musagetes im langen Gewande. ›Nein.‹ –

›Dann ist es wohl auch ein lieber Gott?‹ Ich nickte und freute mich. Wenn er nun aber in die Schule kommt und erfährt, daß der Herr sein Gott keine andern Götter duldet neben sich? Soll ich ihn biblisch lehren, der Mensch ist böse von Jugend auf, oder chinesisch, der Mensch ist von guter Natur? Es ist so entscheidend, was ein Vater antwortet, wenn sein Sohn fragt. Nur was die Mutter erzählt, ist seliges Märchen.«

»Du bist traurig, Clemens. Ist es denn wahr? Will Karola wirklich verreisen?«

»Ich glaube es noch nicht.«

»Mich hat sie gebeten, ihre Sachen nachzusehn und zu überlegen, was sie wohl in dem kleinen Koffer mitnehmen könne. Ist es dir denn recht, daß sie reist?«

»Nein.«

»Warum läßt du es dann zu? Karola würde nie etwas tun, was du ihr ernstlich verbietest.«

»Eben deshalb darf ich es nicht. Wenn ich ihr die Freiheit nehme, beherrscht sie mich.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich schon beinahe.«

»Liebst du sie denn nicht mehr!«

»Vielleicht mehr als früher. Und doch nicht genug. Wenn ich sie so lieben könnte, wie sie es verlangt, dann müßte ich sie wohl töten wie die rechtschaffenen Arbeiter und Mädchen aus dem Volk, die den Untreuen, die Treulose, ohne nachzudenken, umbringen. Ob sie wohl je den Tröster findet, der ihr den Tod oder das Leben schenkt? Sie würde gern sterben, wie alle, die das Leben wirklich lieben. – Oh, du liebe Märtyrerin mit deinen kasteiten Mittelalterfingern« – er faßte im Dunkeln nach Odas Hand – »du ahnst nicht, wie leicht die, die munter und selbstsüchtig drauflos leben, das Leben wegwerfen. Einmal habe ich mir einen süßen Tod für Karola ausgedacht, in den Tagen, als sie in dem leeren Plättzimmer schlief, weil von dem immer noch nicht reparierten Dach der Regen durch die Decke ihres Zimmers tropfte. Sie wollte weder dich noch mich aus unsern Stätten vertreiben und mit keinem von uns das Lager teilen. Wer weiß, welchen fremden Liebsten sie im Herzen hegte! Alle Freundinnen boten ihr Quartier an, Margot, Kunny, Lisa. Aber sie sagte: ›Wenn ich nicht mein eigen Bettchen in meinem Zimmer haben kann, will ich mich streng halten und nur richtig zum Schlafen hinlegen wie eine Magd.‹«

»Ja, das sagte sie«, fiel Oda ein, »aber dann hat sie sich auch in der schmalen Kammer entzückend eingerichtet. Für drei Tage hat sie ein weißverhangenes Gemach daraus gemacht.«

»– und ist den halben Tag im ›Leutebett‹ geblieben. Aber ich, Oda, ich konnte nicht schlafen in diesen Nächten, immer dachte ich an sie und hätte doch um alles in der Welt nicht zu ihr gekonnt. Denn ich hatte wie ein Besessener die Vorstellung ihres Sterbens.«

»Warum denn gerade damals und dort?«

»Du weißt doch, am Fußende des Bettes kommt aus der Wand der Gashahn für das Plätteisen, die die alte Emilie, die wir im Anfang hatten, aufließ oder aufstieß –, die dann fast gestorben ist. Du erinnerst dich, wie am Morgen die Leute von der Rettungsstation kamen und ihr Sauerstoff einpumpten, bis sie die Augen öffnete, wunderbar hellblaue Augen in einem greisen Gesicht. – Diesen Hahn dachte ich aufzudrehen, wenn sie selig schliefe und von einem träumte, den sie uns verschwieg. Süßes Gas sollte sie trinken und hinüber sein, und ich, ich würde vielleicht mitsterben zu Füßen einer Liebenden.«

»Wie du liebst, Clemens!« sagte sie und schlang die Arme um seinen Hals.

»Bitt' für uns, Oda. Vergib mir mein Hirngespinst und – lach mich aus.«

Sie ging an die Tür, schaltete das Licht ein und sah im Zimmer umher.

»Ach«, sagte sie, »hier liegt das Paket, das nachmittags für Karola abgegeben wurde. Ich habe ganz vergessen, es ihr zu zeigen.«

»Was ist denn darin?«

»Wir wollen nachsehn.« Sie schnürte sorgfältig auf und nahm den Pappdeckel ab.

»Ein Kindermäntelchen aus weißem Leder. Wie kostbar! Aber gar nicht praktisch.«

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