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Heimliches Berlin

Franz Hessel: Heimliches Berlin - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/hessel/heimberl/heimberl.xml
typefiction
authorFranz Hessel
titleHeimliches Berlin
publisherSuhrkamp Verlag
seriesBibliothek Suhrkamp
volumeBand 758
printrunDrittes und viertes Tausend
editorBernd Witte
year1982
firstpub1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110529
projectid4df3357e
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I

Bis zum Frühjahr 1924 lebte in Berlin ein junger Mensch, dessen Erscheinung die Männer und Frauen seines Bereiches erfreute, ohne daß sie seinem Wesen tiefer nachforschten. Erst als er fortging, erregte er bei einigen ein schwer zu erklärendes Abschiedsweh. Bei denen ändert sich jetzt Miene und Tonfall, wenn sie von ihm sprechen, sie denken oft an ihn und ordnen ihn in Zusammenhänge und Schicksale ein, die er kaum gestreift hat.

Unvergeßlich ist Wendelins Auftreten in der Galauniform seines Urgroßvaters, des Kammerherrn von Domrau, an dem Abend bei Margot kurz vor seiner Abreise. Margot hatte gebeten, man solle sich verkleiden. Das hatten aber nur einige von den Frauen ernst genommen, von den Männern außer Wendelin keiner. Zwischen den dunklen Tuchen und bunten Seiden wirkte sein soldatisch enganliegender Rock mit dem verschossenen Braunrot, wie man es nur noch in alten handkolorierten Kinderbüchern findet, farbiger als alles umher; in den engen weißen Hosen, die mit Stegen um die Schuhe griffen, schienen seine Beine nicht durchaus auf dem Boden, sondern beim Gehen und Tanzen in einer Luftschicht zu enden, beim Stillstehen wie auf einem Zinnsoldatenbrettchen zu ruhen. Der hohe Tressenkragen vermehrte die schüchterne Noblesse seiner Haltung und trennte schwertscharf den rotblonden hellhäutigen Kopf vom Rumpfe.

Er trank nur wenig, sah aber schon nach dem ersten Glase Menschen und Dinge in der flächigen Ferne, die ein glücklicher Rausch ihnen gibt, fühlte sich allen, die ihn ansahen, ansprachen, anfaßten, wunderbar und gleichmäßig hingegeben, sprach selbst leise und wenig und erwiderte die Berührungen der andern kaum. So verging ihm der Abend in schöner Undeutlichkeit, und was mit ihm geschehen, erlebte er eigentlich erst, als er am nächsten Morgen erwachte. Schwermütig, weil er bald fort sollte aus einer ihm liebgewordenen Welt, tauchte er noch einmal zurück in die sanfte Brandung des Schlafs und die Tiefe des Traums, erst noch nicht des Augentraums, sondern nur dessen, den Gehör und Geruch, Haut und Blut träumen, er fühlte Weichheit fremder Kissen, duftend aufsteigenden Staub und an der Innenhand nasse Kühle des Weinglases, er roch den Heugeruch in Margots Haar und Karolas Kiefernduft. Dann fing sein Gesicht an zu träumen, und er sah über weggewandten Schultern und nah herschauenden befreundeten Köpfen die Unbekannte, die mit Sebald gekommen war, ihren hohen weißen Federhelm über dem länglichen Antlitz mit den Backenknochen eines heldischen Jünglings. Hatte sie ihn einmal ins Auge gefaßt? Zu ihm gesprochen? Er wußte es nicht. Wie war ihre Stimme?

Als er diese Gestalt träumte und genauer und näher träumen wollte, als er anfing Hüften aufzubauen, die er nur im Umriß, nicht in der Tiefe wußte, und nach der Form der Hände schon halb mit Bewußtsein suchte, wachte er ganz auf und fand sich in dem schmalen Holzbett des kleinsten Zimmers der kleinen Pension, die vier Stock hoch über Läden und Kontoren nahe der Friedrichstraße an den Linden lag und wohl noch liegt. Gedämpft und harmonisch klang der wirre Lärm der Stadt herauf; das vielerlei Leben da unten ward zum Herzschlag eines Wesens, das sanft empordrang in seine königliche junge Ruhe auf der armseligen dreigeteilten Matratze des Mietbettes. Er richtete sich auf und stützte den Kopf in die Hand. Auf dem Sessel lag der wunderliche Festrock von gestern und als weißer Fleck darauf der Brief der Mutter, der ihn fortrief von hier.

Die liebe Stadt verlassen! Nicht mehr auf langen Straßen im Laternenschein das Pflaster sehen vor den Schritten der Freunde, nicht mehr Donaths hellgemalte Zimmer voll Holzheiliger, Glastiere, Porzellanchinesen und Spiegel, nicht mehr Clemens' geneigtes Profil unter der Studierlampe in dem abgelegenen Hinterzimmer, Karola nicht mehr auf dem tiefen Diwan unter dem Bild des strengen Römerkaisers. Und Margot auf der Reitbahn, Margot in ihrem Pavillon! Er machte in Gedanken noch einmal den Weg von gestern abend, von der Potsdamer Brücke in die stille Nebenstraße, unter das lange Torgewölbe, das dunkle Stück Hof bis zu dem Hühnergarten und die Stiege hinauf ins Parterre des niedrigen Gartenhauses, das vielleicht Überbleibsel eines stattlichen Besitzes an der alten Potsdamer Landstraße war, kam auf den Vorplatz mit den zerbrochenen Steinvasen, an die Holztür – klassisch gefeldert wie Tempeltüren, aber blaßgrün altbürgerlich gestrichen –, betrat die Glasveranda, Margots Eßzimmer, mit Aussicht auf die grünüberwucherte Nachbarwand, und blieb dann in dem großen, matt erleuchteten, etwas kahlen Zimmer mit der immer zum Tanzen leeren Mitte und den vielen Polsterbänken und Sitzen rings an den Wänden. Da ging Donath bequem und geschäftig in seinem Smoking, der ihn umgab wie ein weiches Hauskleid die reiche Frau. Karola kam wieder im weißen Turban und eng umwunden von weißen Tüchern und faßte ihn an. Sie schien ihn im Tanze zu überwachsen, obwohl sie kleiner war als er. Ihr großer Blick war ihm so nah wie noch nie in den zwei Jahren ihrer Freundschaft. Warum hatte sie ihn dann so plötzlich verlassen? Was redete Margot so eifrig auf ihn ein von einer reichen Fabrikantenfrau, der er den Hof machen müsse? Er hörte nicht genau zu. Er sah ihren Hals rötlich gesund aus dem weitoffenen Kragen des Männerhemds leuchten, die kurzen Bewegungen der graden Schultern, das köstliche etwas zerrissene Innenleder der Hose, die schmalen Füße in den hohen Stiefeln. Sie sprach so energisch mit ihm, als wollte sie ihn ausschelten, und das war angenehm. –

›Auf die Reitbahn könnt ich wirklich noch einmal gehen‹ dachte Wendelin. ›Vielleicht macht Margot einen Abschiedsritt mit mir durch den Tiergarten, wenn ich ihr sage, daß ich fort muß.‹ Das hatte er noch niemandem gesagt, gestern.

Mit diesem Gedanken fuhr er aus dem Bett und in ein Paar sehr bunter Hausschuhe, denen es anzusehen war, daß sie nicht fertig gekauft, sondern von liebender Hand gestickt waren. Maja hatte sie ihm geschenkt, Maja von der Tanzgruppe, und das war sehr anzuerkennen, denn sie machte sonst nie Handarbeiten. Maja war seine einzige ›Eroberung‹ in diesen zwei Studentenjahren. Die vielen andern wohlwollenden Frauen, denen er nahe gekommen war, hatten es gerade an der kleinen Feindseligkeit und Kampfbereitschaft fehlen lassen, die wohl zum Erobern notwendig sein mag. Viele von ihnen glaubten auch, er sei mehr ihrer Freunde als ihr eigener Freund; und wie weit sie damit recht hatten, wußte Wendelin nicht. Nur eben dieses tüchtige Mädchen hatte feindlich mit ihm angefangen und dann leider auch feindlich und plötzlich aufgehört, und er mußte sich sagen, daß die Umstände ihr recht und ihm Schuld gaben, obgleich er eigentlich in diese Schuld ebenso unschuldig geraten war wie vorher in Majas Gunst.

Wendelin ging in die Alkovenecke zum Waschtisch. Unter kalten Güssen schloß er die Augen. Das war immer eine selige Minute, mochte er auch vor- und nachher noch so schwermütig sein. Das Frottiertuch tat wohl wie der Mull von Karolas Tüchern.

Es klingelte draußen, und nach einer Weile klopfte es an seine Tür. Rasch zog er den Schlafanzug über und öffnete. Vor ihm stand niemand. In den milchigen Glasscheiben der Korridortür war ein Schimmer, an dem er spürte, daß es Frühling wurde. Und als er dann zur Seite sah, regte sich im Spiegel schräg gegenüber ein pelzener Abhang von winterschläfriger Süße. – Karola wandte sich zu ihm um.

»Gut, daß du da bist«, sagte sie. »Wer weiß wo hin ich gelaufen wäre, wenn ich dich nicht getroffen hätte.«

›Es ist noch nicht Tag‹, dachte er, ›der Traum geht weiter‹ und barg seinen Kopf an ihrer Pelzschulter. Er wäre so noch lange in der Tür stehen geblieben, aber Karola trat bei ihm ein.

»Was für ein jungenhaftes Zimmer du hast!«

»Du kennst es noch gar nicht? Ich war so oft bei dir, du nie bei mir.«

Er tat die große ärmlich geblümte Pensionsdecke über das Bett und holte das Kissen vom Sessel.

»Ja, gib mir ein bißchen zu liegen.«

Sie streckte sich aus, Wendelin breitete ein Plaid über sie. »Das erinnert an Reisen«, sagte sie und schloß die Augen.

Wendelin legte sich zu ihren Füßen quer über das Lager und sah in ihr Gesicht hinauf. Die Lippen waren aufeinander gepreßt wie von einem Entschluß, die Brauen zogen sich herrisch und schmerzlich zusammen, aber in die golddunkle Blässe der Schläfen spielte weich und zärtlich das helle Haar.

»Wie geht es dir seit gestern?« fragte er etwas verlegen, als sie die Augen aufschlug. Diese Frage kam ihm selbst töricht vor, aber sie wollte wohl so gefragt sein, denn sie antwortete ausführlich:

»Nicht gut, Wendelin, ich kann nicht mehr so weiterleben, es muß etwas geschehen, ich will fort. Kannst du mir nicht helfen, mit mir verreisen? Unter deinen Onkeln und Vettern sind doch viele Diplomaten. Können die dich nicht ins Ausland schicken? Ich bin dann deine alte Sekretärin. Wenn es drauf ankommt, bin ich sicher ganz praktisch, man läßt mich nur nie etwas Vernünftiges tun. Ich kann gut Englisch und Französisch, sogar etwas Italienisch, und Schreibmaschine, langsam allerdings. Du lachst, mir ist gar nicht zum Lachen. Nimm es lieber ernst, daß ich gerade zu dir komme. Das ist doch sonderbar, da du so jung bist und noch gar nichts bewiesen hast. Aber gestern beim Tanzen fühlte ich, daß du vielleicht der einzige unter uns bist, der noch nicht resigniert, noch nicht weise ist.«

Er wollte nach ihren Händen fassen, aber sie legte sie unter den Kopf, die Arme auf den Pelz bettend.

»Jetzt siehst du mich an wie mein junger Bruder, der verstorbene. Der hätte es nicht zugelassen, daß ich so verkomme. Weggenommen hätte er mich von denen, die mich verkommen lassen. Das tun sie nämlich alle zu Hause, mein Mann, meine Schwester, mein Kind, Clemens mit seiner ewigen Güte, Oda mit ihrer täglichen Sorgfalt und selbst mein kleiner Erwin – sie erlauben nicht, daß ich etwas Nützliches tue, sie wollen, daß ich immer nur da sei und mich verwöhnen lasse. Als ich mich anzog gestern abend, um recht gut auszusehen bei Margot, denn bei ihr hat man den Ehrgeiz, möglichst schön und vollkommen zu sein, weil sie selbst so streng mit sich ist, – ihre Kritik ist mir viel maßgebender als die Anerkennung der Männer, die doch fast alle ungenau sind, – als ich mich anziehen wollte und nicht das Rechte fand unter diesen allerlei Tüchern und Schals, die bei uns noch nicht ganz Armen und nicht mehr Kaufenden herumliegen und voll Erinnerungen sind wie alle Reste, ging ich hinüber in das Zimmer, wo das Kind schläft, und geriet über eine Schublade, in der sein Babyzeug zwischen Lavendelkissen aufbewahrt liegt – wozu aufbewahren? Man sollte alles Erledigte verschenken oder verkaufen. Da kramte ich herum; der Kleine wachte auf, hob sich in seinem Bettchen in die Höhe. ›Schläfst du noch nicht?‹ fragte ich hinüber. ›Darf ich dein Kleinkinderzeug anziehen?‹ Und als ich dann vor dem Spiegel anfing, mich weiß zu umwickeln und zu schleiern, fragte der Erwin ganz erstaunt: ›Willst du denn ein kleines Kind werden, Mama?‹›Ja‹, sagte ich, ›ich will noch einmal von vorn anfangen und ganz anders werden.‹ Da sah ich im Glas, wie sein Gesichtchen, das erst gelacht hatte, sich zusammenzog, wie er stutzte vor dem Gedanken, daß ich noch andere Möglichkeiten habe als nur – »– seine Mutter zu sein.«

»– eigentlich nur Mama. Die richtige Mutter im Hause ist Oda. Ich wollte mir eine Stirnbinde machen. Denn wenn ich nun auch schon kurzes Haar trage, so weiß ich doch nie, soll ich die Stirn nackt zeigen oder das Haar hineinkämmen. Färben müßt ich es auch, ich habe schon weiße Strähnen.«

»Die sind besonders schön in deinem hellen Blond.«

»Oh, sag das nicht, sonst muß ich besonders leiden.«

»Erzähl von der Stirnbinde.«

»Die wand ich mir aus Erwins Babymull und ließ sie in Zipfeln auf die Schultern hängen. Da kam der Clemens hinzu in seinem blauen Schlafrock mit der Pfeife im Mund, die er immer leer raucht, du kennst seine schreckliche Gewohnheit; kennzeichnend ist sie für ihn, die leere Pfeife. Er braucht keinen Tabak, er raucht Illusion. Er ist ganz üppig vor lauter Entsagung. Ich sah mich nach ihm um und fragte: ›Bin ich zu häßlich so?‹ ›Du bist pharaonisch, herrlich wie eine Mumie‹, sagte Clemens. Ist das nicht ein Todesurteil?«

Wendelin streichelte andächtig die Decke über ihren Füßen.

»Und Oda kam und packte mich in den Mantel. Sie ist doch viel schöner als ich und geht nie auf ein Fest. Da führt sie den Haushalt, erzieht das Kind und macht noch obendrein ihre Tapetenmuster und Körbchen und Puppen. Und mich schicken sie weg, ein unnützes Ding, zum Tanzen.«

»Euer Zusammensein ist mir immer vorbildlich erschienen.«

»Ich bin so überflüssig.«

»Du bist die Mitte, du bist der Sinn des Ganzen, bist wie ein Traum der drei andern.«

»Ach, wenn ich tot wäre, könnten sie besser von mir träumen. Ein Luxus bin ich und möchte doch einem Menschen sein wie das tägliche Brot.«

Wendelin fühlte sein Herz gegen die Hülle ihrer Füße schlagen. Er richtete sich ein wenig auf und sank dann mit dem Kopf in ihren Schoß. Während er so lag, fiel ihm ein Wort seines Freundes Clemens ein: ›Je mehr wir rühmlich verarmen, um so mehr fühlen wir, daß der Luxus viel notwendiger ist als das tägliche Brot.‹ Das hätte er eigentlich einwenden können, aber er lag so herrlich, fühlte ihre Hand auf seinem Haar und hörte ihre weiche Stimme, die auch in der Klage schmeichlerisch klang.

»Clemens pflegt mich wie eine Pflanze, bald ängstlich im Treibhaus, bald, geduldig auf die Jahreszeit vertrauend, im Garten. Ich müßte aber gehalten werden wie ein treues Tier, streng und liebevoll und immer in Bewegung. Ich muß fort, noch einmal fort in das, was wir die weite Welt nennen und die Freiheit und die Gefahr, ehe ich mich endgültig drein ergebe, denen zu Haus ihre Träume noch eine Weile vorzuspielen und alt zu werden, ach, hoffentlich nicht zu alt.«

Wendelin hob den Kopf, ergriff ihre Hände, die sie ihm jetzt überließ.

»Liebe, liebe Karola, daß ich das alles von dir nie gewußt habe! Und jetzt kommst du zu mir, jetzt da ich fort soll.«

»Du? Wohin denn?«

»Zu dem Onkel aufs Land, bei dem meine Mutter lebt. Ich soll Landwirt werden, soll das Studium aufgeben.«

Da glitt ein Brief durch die Türspalte. Wendelin sah sich um, wollte ihn dann aber nicht beachten. Allein Karola sagte: »Bitte lies ihn.«

»Jetzt, wo du da bist; der hat doch Zeit.«

»Sieh wenigstens, von wem er ist.«

Er stand auf und nahm den Brief. »Von meiner Kusine Jutta.«

»Lies ihn, sonst mußt du immerzu an ihn denken, und ich habe noch viel mit dir zu sprechen.«

Er setzte sich vor dem Bett auf den Boden, den Schopf an Karolas Knie gelehnt und las:

Lieber Wendel!

Schilleninken, den 25. April

Solange habe ich nichts von Dir gehört. Als ich auf der Hochzeitsreise war, schriebst Du mir an jede Poststation; seit ich zurückgekehrt bin, vernachlässigst Du mich. Ich sitze hier in dem Belvedere, das mir die Schröders tatsächlich auf Lebenszeit überlassen haben. Sie sind wirklich rührend, die guten Leute, auch jetzt noch, nachdem das verarmte Fräulein von Domrau eine bürgerliche Bankiersgattin geworden ist. Heimlich hat Eißner sich wohl mit dem großzügigen Plan getragen, das ganze Gut zurückzukaufen, aber er ist fein genug zu ahnen, daß diese plötzliche Morgengabe etwa nicht nach meinen Geschmack sein könnte. Ein wenig müssen wir doch die Dehors dieser Neigungsehe wahren. Seine Ritterlichkeit ist übrigens unanfechtbar. Er läßt mir, da ich es so möchte, den ganzen Frühling meine liebgewohnte Zurückgezogenheit. Du bist nicht hier gewesen seit unserm denkwürdigen Gespräch über Ehe nach der roten Jagd, weißt Du noch? Ach, Wendelin, hättest Du mir damals ernstlich abgeraten – aber Du hast es gewollt, und ich habe Deiner blutjungen und bluturalten Weisheit vertraut, und vielleicht war das gut so.

Höre, Wendel, wenn es Deine Studien erlauben oder noch Universitätsferien sind, so besuch mich doch. Mein Mann kann jetzt nicht abkommen, wie er sagt. Er wendet diesen Ausdruck aus der Schützen- und Militärsprache ahnungslos auf das Zivilleben an. Er freut sich sehr, wenn Du mir Gesellschaft leistest. Mangelt es dir an Reisegeld, bittet er Dich, zu ihm aufs Büro zu kommen. Du bekommst hier eine reizende Dachstube mit grün umwuchertem Fenster und einem kleinen Kamin für kalte Abende, die Du etwa nicht an meinem Öfchen verbringen willst, hast über Dir, wenn Du aus dem Fenster siehst, einen Sternenhimmel, wie es ihn über Deinem Palais unter den Linden nicht zu sehen gibt, und zu ebener Erde Deine getreue mit spätem Teegebäck und Teegespräch wartende Base Jutta. Komm doch!

Wendelin blickte von seiner Lektüre zu Karola auf.

»Du Löwe!« sagte er bewundernd. Sie hatte ihr Fuchsfell, das noch eben als Kissen zusammengerollt war, rings um den Kopf gewunden. Es umstand nun als gesträubter Turban dicht und wild ihr Gesicht; Schweif und Pfoten fielen verschlungen mähnenhaft auf ihre Schultern.

»Was ist das für eine Kusine Jutta, die dir schreibt, eine mit Landbesitz, die du heiraten sollst?«

»Du kennst sie, glaube ich, es ist die Frau des Bankiers und Kunstfreundes Eißner.«

»Ich habe sie nie bei Eißner gesehen. Daß er verheiratet ist, vergißt man immer wieder. Ist sie schön? Liebst du sie?«

»Ach ich –«

Karola hob sich auf den Ellbogen. »Soll ich gehen? Hast du etwas vor?«

Er warf sich über sie: »Ich bitte dich, Karola, bleib! Du bist jetzt wichtiger als alles. Was soll ich tun? Wohin willst du mit mir?«

»Aber du mußt doch zu deiner Mutter, hast du gesagt.«

»Zu dir muß ich!«

Der leidenschaftliche Ton, in dem er diese Worte vorbrachte, war wohl nur eine Reagenz. Er wußte das nicht. Und weil er noch seitwärts im Bewußtsein das Bild der Kusine und andere Bilder fühlte, sah er wie zwischen Scheuklappen geradeaus auf Karola. Frauen wiegeln die Leidenschaften auf wie agents provocateurs das noch nicht deutlich genug revoltierende Volk.

»Wohin wollen wir, Karola?«

»Was schlägst du vor?«

»Ich habe in Fiesole eine Tante«, sagte Wendelin etwas spitzmäulig, »die besitzt einen Weingarten und Obstbäume. Sie hat mir angeboten, wenn ich es in Deutschland nicht mehr aushielte, solle ich kommen, ihr im Garten helfen und ihre beiden Knaben Deutsch und Latein lehren.«

»Siehst du, dann kann ich mit den Bübchen englisch und französisch sprechen. Ich kann auch deiner Tante in der Landwirtschaft helfen. Hat sie Vieh?«

»Wir wollen es hoffen.«

»Ich habe nämlich Landwirtschaft gelernt, damals, kurz bevor Clemens dich zu mir brachte. Auf einem großen Gut war ich Magd oder richtiger Knecht, ich ging hinterm Pflug in Mannshosen und habe vierspännig Holz gefahren. Habe ich dir nie davon erzählt? Es war die gegebene Zeit, um Land zu kaufen. Ich hatte herrliche Pläne für uns alle, war stark und gesund und führte ein strenges Leben von früh vor Sonnenaufgang. Ach, wir wollen nicht davon sprechen, es macht mich nur schwach und traurig, es wurde eben auch daraus nichts, weil sie mich immer wieder heimlockten, nicht mit Aufforderungen oder Bitten, nein, mit kleinen Worten in ihren Briefen, denen man nicht widerstehen konnte. Aber diesmal will ich fort aus dem betäubenden Tagschlaf. Und wenn du kannst, so hilf mir.«

»Alles, Karola, was du magst. Aber erst wollen wir schön langsam reisen, nicht wahr?«

Sie ließ ihn vor sich auf dem Bett sitzen, schlang einen Arm um seine Schulter und sagte, Auge in Auge: »Ja komm, wir müssen Pläne machen. Wollen wir südwärts, kennst du Italien?«

»Nein, aber ich weiß aus Bildern und Berichten schöne Namen, bei denen ich mir allerlei denke. Vom Inntal wandern wir erst abschweifend über die Berge. Da gibt es ein wildes Karwendelgebirge, in das wir uns verirren und müssen dann in einer Sennhütte auf Stroh übernachten. Da versinkt man in einen dichten grüngoldenen Schlaf und bekommt selige Kopfschmerzen!«

»Und damit willst du uns quälen?«

»Am nächsten Tag findest du in Innsbruck ein herrliches Bett, und morgens stehst du dann lichtweiß – du hast schon ein Sommerkleidchen angezogen, so warm ist der Frühlingstag – lichtweiß stehst du, Karola, vor den dunklen Königen aus Eisen oder Bronze, die es da in einer Kirche geben soll. Und dann fahren wir auf den Brenner und sehen aus unserm Kupeefenster, wie das Gestein immer granitener und die Blumen am Bahndamm immer zartfarbiger werden. Mit einmal geht es bergab, alle Wasser rinnen nach dem andern Tal. Der Süden bricht über uns herein: Ölbäume flimmern grün und silbern, Wein wächst an Hängen und füllt Lauben, die Wege sind eingehegt wie von Girlanden, und es wird uns zu schnell mit dem Vorüberfahren, wir steigen des Abends in einem kleinen Städtchen aus, das ist so alt und altertümlich, daß wir an der Stadtmauer einen leibhaftigen Nachtwächter treffen, der da in der Nische eingenickt ist. Sein Hund schlägt an, der Alte räkelt sich und führt uns durch Mondgassen unter Giebeldächern über Pfefferkuchenpflaster in das Gasthaus, das zum Elefanten heißt oder zum Lamm. Da bekommen wir spät im Saalwinkel Wein zu trinken und dann ein tiefes weites Schlafzimmer; unter unsern Fenstern ist ein Brunnen, der rauscht die ganze Nacht –«

Er schmiegte seinen Kopf an Karolas Schulter.

»Ich höre deinen Brunnen«, flüsterte sie über sein Haar hin. »Es ist angenehm, mit dir zu reisen. Und wie du Bescheid weißt. Mit wem warst du denn dort und wann?«

»Eben und mit dir!«

»Kommen wir nicht bald an einen See?« fragte Karola. »Ich möchte im Wasser liegen«, und sie ließ sich auf das Bett zurücksinken und legte ihm ihre Füße auf den Schoß.

»An den blauesten See kommen wir, an dem die Terrassengärten liegen mit Zitronenbäumen zwischen weißen Pfeilern. Wir gehen in das Wasser, und wo dein Arm eintaucht, spaltet es silbern.« Er faßte über das Hindernis ihrer Knie nach ihrem Arm, von dem der Ärmel abglitt, und seine Lippen tauchten in die Armbeuge. Er mußte die Augen schließen vor Glück. Als er sie dann langsam öffnete, glaubte er über dem goldbraunen Schatten von Karolas Haut zwischen den Dämmergardinen des Fensters den weißen Federhelm der Fremden aufragen zu sehen, die gestern mit Sebald gekommen war, und den Sonnenrand ihren Heldenwange. Ihr Arm hing mit Göttermilde nieder zum Hals eines schlanken weißen Tieres, das seinen Rehkopf dem bunten Kleid anschmiegte und seine Nüstern den Hüften, die Wendelin nun mit einmal ringsum begriff. Unten aber, wo die Gardinen den Boden streiften, sah er das zarte Tier mit hohlen Hufen tasten. Er fühlte ein zitterndes Vergehen.

Karola befreite sich aus der unbequemen Haltung, zog ihn mit ruhiger Bewegung zu sich nieder, sah ihm nah in die Augen und fragte: »Wo sind jetzt deine Gedanken? Hast du Angst, daß die Mutter dich nicht reisen lassen wird? Möchtest du im Grunde lieber heim zu ihr?«

»O nein, Karola, laß mich nicht fort von dir.« Das sagte er in fast ängstlichem Ton. »Ich dachte einen Augenblick an Pässe und Visa und Geld. Dazu brauchen wir immerhin zwei Tage, und eigentlich müßte ich dich gleich forttragen wie du bist.«

Sie gab ihm ihre Lippen. »Am liebsten möchte ich hier Tag und Nacht liegen bleiben in deinem Pensionsbett, bis du kommst und sagst: Aufstehen! Wir müssen zur Bahn.«

»Aber das kannst du ja.«

»Würdest du denn für mich zu Oda gehen und bitten, sie soll mir ein Köfferchen packen und nicht vergessen, mein kleines Amulett aus Lapislazuli mit hineinzulegen? Und meinen Erwin mußt du küssen und sagen: Die Mama geht auf eine Weile in ein schönes Land, von dem sie dir dann erzählen wird. Und Clemens –«

»Weiß er denn –«

»Nein. Dem werde ich nicht fehlen. Ich glaube, er liebt mich am meisten, wenn ich nicht da bin. Er ist wie sein Kind: Wenn ich fort bin, schleppt der Erwin seine Bausteine und Holzklötzchen, Hefte und Farbstifte auf den Teppich vor meinen Diwan und baut und malt für mich, als ob ich da über ihm läge. So wird Clemens bisweilen in meinem Zimmer umhergehen und meine Sachen anschauen und anfassen und meinen, er liebe mich. Er braucht ja keines Menschen Gegenwart; ob er mit seinen Nachbarn oder mit seinen Geistern redet, ist für ihn dasselbe. Sag ihm nur ruhig, daß du mit mir reisen willst; fluchen wird er uns sicher nicht. Es ist denkbar, daß er uns segnet. Dann kann er wieder einmal allein thronen in seiner Unterwelt und warten, bis seine Persephone kommt; er glaubt zu wissen, daß sie zurück muß, wenn ihre Zeit um ist, wie es die Sage will. Er wartet auf mich, wie mein Tod auf mich wartet. Ich liebe ihn sehr. Ach, wie schwer ist das Leben!«

Bei den letzten Worten hatte sie sich aufgerichtet. Wie eine Jägerkappe umgab das Fell ihren Kopf. Liegend sah Wendelin hinauf in das Profil, das jetzt eine marmorne Strenge hatte. In der geraden, unten wunderbar gerundeten Nase, in dem kraftvollen Kinn lag so viel Willen: wie kam es, daß diese Starke hilflos war? Ach, daß sie sich niederneigte, mit holder Übermacht zu ihm glitte! Sie selbst an sich zu ziehen, das war ganz außerhalb seiner Möglichkeiten.

Mit einmal war sie aufgesprungen, hatte das Fell abgeschüttelt – es fiel auf seine Brust – und nun stand sie vor dem Spiegel und kämmte ihr Haar.

»Wohin willst du, Karola? Bleib bei mir oder bleib allein hier, wie du versprachst, und laß mich zu Clemens gehen und ihm sagen –«

»Nein, Kind«, sagte sie, ohne sich umzusehen. »Ich muß meine Dinge selbst tun. Morgen um diese Zeit komme ich zu dir.«

Und dann wurde das Fell von ihm weggenommen, wobei es ihn sanfter streichelte, als ein lebendes Wesen könnte, und er wurde auf die Stirn geküßt. Karola war fort. Nichts war mehr von ihr da als das geknüllte Taschentuch, das meist da liegen bleibt, wo eine Frau aufsteht.

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