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Heimkehr

Adolf Stern: Heimkehr - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorAdolf Stern
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik ? Achter Band
titleHeimkehr
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeAchter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Adolf Stern

Heimkehr

Ein geräumiges aber nicht hohes Gemach, mit mächtigen wohlgefugten Balken zur Decke, mit holzgetäfelten Wänden, die sich an mehreren Stellen zu Schränken vertieften, überall altes dunkles, saubergehaltenes Gerät, an den beiden auf das Meer hinausgehenden Fenstern blühende Geranien und sorgfältig gepflegte Blattpflanzen – ein Gemach, aus dem Stille und friedsames Behagen dem Eintretenden entgegenhauchten – was gab es da zu erschrecken? Freilich sah man durch die Fenster, daß das Haus hart am Strand auf mäßiger Höhe lag, der schmale Gartenstreif dicht vor den Fenstern reichte bis zum Dünenabhang und unter dem Abhang dehnte sich das bewegte Meer. Das Brausen der übereinanderrollenden Wogen klang vernehmlich herein und weiße Schaumflocken spritzten von den Wogenkämmen gegen die blanken Scheiben. Aber der Mann, der vorhin das Zimmer mit leisen, vorsichtigen Tritten, gleich als fürchte er jemand zu wecken, durchmessen hatte und nun vom Fenster wie betroffen zurücktrat, sah wahrlich nicht aus, als ob ihn die rollende grüne Flut erschrecken könnte. Das wetterbraune, dabei aber frische und noch kräftige Gesicht des etwa Achtundvierzigjährigen, aus dem ein paar blaue, klare und scharfe Steuermannsaugen herausblickten, mußte mit Ruhe auf ganz andere Wogenbilder geschaut haben, als auf das, welches die Bucht, an der das Fischerdorf sich hinzog, darbot. Auch sah der Betroffene, sichtlich Zitternde nicht eigentlich durch die Scheiben hinaus, sondern heftete sein Auge auf das Fensterkreuz innen, wo in schlichtem Rahmen eine Bleistiftzeichnung in wenig scharfen Umrissen hing – Kopf und Halbfigur eines jungen Mannes darstellend. In den Zügen dieses Bildes hätte wohl auch ein anderer Betrachter als er selbst die Züge des Ankömmlings erkannt, der jetzt, wie zur Vergleichung gestellt, dem Bilde gegenübertrat. Kopfschüttelnd, mit einem ungewissen Blick nahm er wahr, wie sorglich die Efeuranke um den Rahmen der Zeichnung gezogen war. Es schien, als ob er all seinen Mut zusammennehmen müsse, das Ganze noch einmal fest anzuschauen, dann wandte er sich ab und blickte im Gemach umher, etwas ruhiger und gefaßter, obschon das leise Beben, das ihn vorhin befallen hatte, auch jetzt von Zeit zu Zeit wiederkehrte.

Er atmete wie ein Mensch, der nach Fassung ringt und jeden Augenblick wähnt sie errungen zu haben. Der Ausdruck seines Gesichts war ein wundersam befangener, traumhafter, trotz der festen Züge, der prächtigen Stirn und der klaren blauen Augen. Seine Blicke glitten von Wand zu Wand – von Gerät zu Gerät – es waren lauter kleine, sehr unbedeutende, aber doch sehr wirkliche Gegenstände, auf die er hinstarrte, als sähe er Schatten und Spukbilder. Dicht vor ihm stand ein einfacher Nähtisch, den ein Stück Leinwand halb bedeckte. Aber unter der Leinwand nahm er deutlich ein Kästchen wahr, von dessen blauer halbverschlossener Samteinlage ihm Scheren und kleine Messer mit silberner Fassung entgegenglänzten. Das Silber war dünn abgegriffen – aber jedes Stück wohlerhalten, man sah den täglichen Gebrauch und die sorgsame Schonung zugleich. Auf einem niederen Schrank, von prächtigem dunklem Holze, in der Ecke rechts von der Tür, stand ein Teegerät von japanischem Porzellan, daneben drei schöne Gläser, alles blank, ohne Stäubchen. Unter der Schwarzwälder Uhr war ein Brett mit einfachem Schnitzwerk angebracht, auf dem ein Kompaß und zwei kleine Fernrohre ruhten. Je länger der Mann um sich blickte, um so mehr der kleinen Gegenstände, die im Gemach vorhanden waren, schien er zu erkennen.

Ein feuchter Schimmer seines Blickes verriet die wachsende Erregung – mehr als einmal schloß er die Augen, wie um nichts weiter zu sehen, und öffnete sie dann um so entschlossener. Mit langsamen und wankenden Schritten, als ob er noch an Bord wäre, ging er jetzt in dem Gemach umher, überall musternd – kleine Kästen und Schiebladen und dann die Türen der Schränke öffnend. Sein Gehaben glich aufs Haar dem eines Einbrechers, der nach dem Kostbarsten, Besten noch umhersucht, und doch hätte ein Blick in seine Züge jeden solchen Verdacht abgewehrt. Die Haltung freilich, in der er vorhin über die Schwelle getreten war, hatte sich völlig verändert. Die aufrechte, stattliche, fast zu langgestreckte Gestalt erschien jetzt kleiner, in jeder Pause seines Umhersehens hatten sich der hochgetragene Kopf und Nacken gebeugt, der Leib war gleichsam zusammengesunken.

Und jetzt öffnete er die Tür des letzten in die Wandtäfelung gesenkten Schrankes. Der Drücker des offenen Schlosses war kunstreich im Metallbeschlag verborgen, – kein völlig Fremder hätte ihn ohne weiteres entdeckt und in die Fächer hineinblicken können. Als aber der Forschende in dem oberen Teil des Schrankes ein paar Reihen von Büchern gewahrte, während sich im unteren Fach mannigfache Papiere wohlgeordnet zeigten, drückte er mit dem gepreßt klingenden Ausruf: »Auch das, auch das noch!« – dem ersten Wort, das über seine Lippen kam – die Hände vor die Augen. Erst nach einigen Minuten raffte er sich gewaltsam auf und berührte die Papiere. Eine Lage sorgfältig geordneter Briefe, die deutliche Spuren des Lesens und Wiederlesens zeigten, stieß er unmutig zurück, eine zweite mit einzelnen Blättern in einer anderen, weiblichen Handschrift zog er hervor. Das obenauf liegende Blatt enthielt ein paar Verse, er vermochte mit plötzlich hervorbrechenden Tränen nur die ersten Zeilen zu lesen, die er wie unbewußt mit zitternder Stimme nachsprach:

Leis klingt aus jedem Grabe
Ein altes trübes Lied:
Seit ich dich nicht mehr habe,
Weiß ich erst, was mir schied! –

Der Lesende hielt stockend inne, als könne er den Sinn dieser Worte nicht weiter verfolgen. Dann aber schien plötzlich neues Bewußtsein und neue Entschlossenheit über ihn zu kommen. Er legte das Blatt sorgfältig auf den Platz, von dem er es genommen, schloß die Tür des Schrankes, blickte noch einmal langsam prüfend im ganzen Gemach umher – sagte bebend: »Es kann nicht sein! Ich könnte nicht einen Tag hier leben!« und ging entschlossen der Tür zu. Auf halbem Weg ward er unschlüssig und begann vor sich hinzusprechen: »Sie hat an mich gedacht, nur an mich gedacht – hat mein Andenken treu bewahrt! Warum soll ich nicht genießen, was Gott mir beschert? Sie würde vielleicht glücklich sein und nach nichts fragen, als daß ich wieder heim bin. Aber ich – ich müßte es jeden Tag fühlen, daß ich jahrelang kaum im Traum an sie gedacht habe. Ihre Treue müßte mir jede Stunde wie ein schwerer Vorwurf auf dem Herzen liegen und am Ende – lief ich zum zweitenmal von der Ärmsten!« Das Gesicht des Seemanns, das sich vorhin einen Augenblick erhellt hatte, als ob ihm eine frohe Hoffnung aufginge, ward wieder finsterer, er tat einen weiteren Schritt nach der Tür hin.

Wie sich diese aber fast im gleichen Augenblick von außen öffnete, war es mit seiner Fassung vorüber, mit einem Ausruf jähen Erschreckens sank er auf den hohen hölzernen Stuhl, der halben Wegs von der Tür stand, und nahm, überwältigt von der Tatsache erblickt zu sein, nicht einmal wahr, wer es sei, der ihm im gleichen Augenblick entgegentrat, wo er für immer aus diesen Wänden fliehen wollte.

Die alte Frau jedoch, deren Gesicht erst Befremdung, dann ein tiefes aber frohes Erstaunen ausdrückte – stand wortlos auf der Schwelle und betrachtete den erschrockenen Mann mit der sicheren Erwartung, von ihm angeredet zu werden. So deutlich sprach diese Erwartung aus den Runzeln des hageren Gesichts, aus den hellen grauen Augen der Alten, die auf ihm ruhten, daß selbst der bestürzte fassungslose Eindringling sie gewahren mußte. Und da er nach einigen besorglichen Blicken auf die Tür, die die Alte nicht wieder hinter sich geschlossen hatte, niemand weiter kommen sah und hörte, so sagte er jetzt laut, heftig, abgebrochen und ohne Freude in Stimme und Blick: »Du bist's – Dörting, kommst du allein? – und wohnst du jetzt hier in diesem Haus?« Die Alte betrachtete den Mann, der sich von dem Sitze wieder erhoben hatte und ihr einen Schritt näher trat, von Kopf bis zu Füßen, dann antwortete sie in einem Ton, der zwischen verhaltener Rührung und hartem Zürnen schwankte:

»Du kannst freilich nicht wissen, Klaus Berndsen, was bei dir im Haus vorgeht! Acht lange Jahre hast du Eva deinen Tod beweinen lassen! – Alle im Dorf glaubten dich ertrunken. Und du hast also gelebt und kommst heim – nach so langer, langer Zeit?«

»Ich gehe sogleich wieder!« sagte der Klaus Angeredete, die blauen Augen vor dem prüfenden Blick der alten Frau zu Boden senkend. »Ich wäre nicht hereingekommen, hätte ich nicht auf dem Wege hierher erfahren, daß Eva an jedem Sonnabend in Peter Reimers Boot nach Warnemünde fährt! – Darauf baute ich und nun dank' ich Gott im Himmel, daß ich's so gehört und getroffen habe. Ich gehe sogleich wieder, und wenn du barmherzig bist, Dörting Berndsen, so erfährt es Eva nie und nimmer, daß ich hier war!«

»Gehen, ehe du an deinem Herd niedergesessen bist, Klaus? Gehen – wohin denn?« fragte die alte Frau mit halb erschrockenem, halb ungläubigem Tone. Sie verstand offenbar nicht, was der erregte Seemann wollte, und suchte seinem Schamgefühl zu Hilfe zu kommen:

»Recht ist's freilich nicht, daß du Eva und uns alle so lange ohne jede Nachricht von dir gelassen – aber du bist doch da und Eva behält recht, die heimlich an jedem Abend auf deine Wiederkehr gehofft hat, wenn sie auch mit uns tagsüber eins geworden war, daß du dennoch tot sein müßtest. Sie hat nur im Gedanken an dich gelebt!« – –

»Das sah ich und darum muß ich wieder hinweg,« unterbrach Klaus die Redende ... »Ich hatte mich draußen recht, recht sehr nach Eva, nach diesem Haus und nach euch allen gesehnt, die ich noch am Leben treffen würde. Aber so wie ich's finde, hatte ich's niemals gedacht! Konnte ich wissen, daß Eva die ganze lange Zeit sich um mich gehärmt hat? Als ich's vorhin entdeckte, fuhr mir wohl der sündliche Gedanke durch die Seele, daß ich ein Glückskind wäre und nur nehmen dürfte, was mir wider Verdienst und Würden zuteil wird. Aber so schlecht ich bin – so ganz schlimm steht's mit mir nicht, daß ich mich jetzt herandrängte. Denn sieh, Dörting: heute und morgen und vielleicht noch einen Tag würde Eva nur glückselig sein, daß mich die Fische nicht gefressen haben! Dann aber müßte sie anfangen ihr Leben und meines zu vergleichen und sich zu fragen, was sie denn an dem Klaus wieder erhalten habe? Die Antwort kann ich mir zwar geben – aber sie aus ihrem Mund zu hören, das ertrüge ich nicht! Darum hab Mitleid, Dörting, und lasse nie ein Wort über deine Lippen gehen, daß du mich heute hier gesehen hast. Wenn aber Eva wieder um mich weinen sollte, dann sage ihr, daß ich nicht eine Träne wert gewesen sei – hörst du – schon eine einzige ist zu viel!«

Er hatte den Südwester mit einer rauhen Bewegung auf das Haupt gestülpt und wollte an der Alten vorbei. Sie aber, die jetzt begriff, wie es mit dem heimgekehrten Manne stand, vertrat ihm den Weg zur Schwelle:

»Das kommt ja wohl bei euch Mannsvolk so vor und ist vielleicht die Regel!« sagte sie mit einem gewissen Gleichmut. »Deshalb sind die Tränen doch geweint und sollen getrocknet werden, wo sie es noch können!«

»Ich sage dir aber, daß ich fort will, fort muß! Ich kann nicht in diesem Hause bleiben, wo mir's von jeder Wand entgegenschreit, wie treu Eva meiner gedacht hat,« rief Klaus Berndsen mit halberstickter Stimme.

»Ich und immer nur ich – recht wie ein Mannsbild gesprochen!« sagte die Alte dagegen. »Mir kann's denn recht sein, wenn du hinaustoben willst und draußen auf deine Frau triffst. Du kannst ja, wenn die arme Kreatur vor Freude und Schrecken zusammenbricht, über sie hinwegspringen, wenn dich's so sehr wieder nach deinem Schiffe treibt!«

Der Steuermann erblaßte sichtlich, er hatte auf jedes der Worte der alten Dörte gehört und jetzt sagte er halb bestürzt, halb ungläubig:

»Eva? – ich auf Eva treffen? ist sie denn nicht in Warnemünde?«

»Nein,« versetzte die alte Frau kurz. »Ich kam hierher, weil ich sie schon wieder hier oben vermutete. Peter Reimer fand, daß die See heute zu hoch ging für sein Boot, und ist schon vor einer halben Stunde umgekehrt. Das sah ich aus meinem Hause.«

»Er war von je ein erbärmlicher Bootführer!« murmelte Klaus vor sich hin, die Lippe nagend. Dann sich wieder zur Alten wendend, sagte er mit einer Art Fassung, die wie plötzlich über ihn kam: »So muß ich denn auch das tragen! Besser wird es nicht damit, daß ich sie wiedersehe, denn meines Bleibens kann hier nicht sein!«

»Es wird werden, wie es werden soll!« entgegnete Dörte, die die ganze phlegmatische Ruhe ihres Stammes bereits wieder gewonnen hatte. Sie öffnete mit raschem Druck die Tür nach außen und als sie sah, daß der Ankömmling ihr nicht nachfolgte, ging sie mit Schritten hinweg, die auf dem Dünensand vor dem Hause rasch verhallten.

Klaus Berndsen aber war unter dem immer schwereren Gewicht der Stunde zusammengesunken, er lag jetzt mit dem Kopf auf dem großen Stuhl, in dem er vorhin gesessen hatte, und man sah nichts von ihm als die gebeugte Gestalt und die dichten, blonden Haare. Sein Gesicht verbarg er wie zuvor in den Händen und lange, lange blieb er fast unbeweglich. Ihm wenigstens dünkte es, daß eine unendliche Zeit verstrichen sei, in Wahrheit waren es kaum zehn Minuten, seit die alte Frau ihn allein gelassen hatte. Dann, wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, richtete er sein Haupt empor, maß den Raum zwischen sich und dem Fenster und die Hindernisse, die ihn dort am Öffnen und Hinausspringen verhindern konnten. Die hölzernen Kästen, in denen Blattpflanzen und Blumen sorgfältig gezogen waren, mußten sich leicht zur Seite schieben, das Fenster mußte sich öffnen lassen. Er stand vom Boden auf – er ging dem Fenster entschlossen zu – im Herankommen gewahrte er, daß er die Efeuranken, die dort um sein Bild gezogen waren, zerreißen müßte. Er zögerte und eh' er noch vermochte einen Entschluß zu fassen, hörte er, daß es zu spät sei. Von draußen klangen leichte aber stürmische Tritte, die Tür ging zum andernmal auf – auf der Schwelle erschien sie, deren Bild seit einer Stunde und seit manchem schweren Tage in der Welt vor seinen Augen gestanden hatte, sie, vor der er jetzt das Haupt senkte und sie doch wahrnahm, bis auf den kleinsten Zug ihres blassen Gesichts, ihrer schlanken zierlichen Gestalt. Sie sagte mit zitternder Stimme nur: »Klaus, liebster Klaus! ist's denn doch möglich?« und streckte ihm die Arme entgegen – er aber rief unter hervorstürzenden Tränen: » Eva – um Gottes willen, Eva!« und machte nur eine abwehrende Bewegung. Dann, als ziehe ihn ihr Blick unwiderstehlich heran, kam er ihr entgegen und kam eben zurecht, um die bewußtlos Werdende in seinen Armen zu stützen und sanft auf den großen Stuhl zu lehnen. Er streifte mit seinen Lippen das volle blonde Haar der vielleicht dreißigjährigen Frau und dann, während ihre Augen geschlossen blieben, ihre Hand aber fest auf seiner Schulter ruhte, glitt er zu ihren Füßen hin und verbarg sein tränennasses Gesicht in ihrem Schoß.

Er hatte in den wenigen Augenblicken auf Evas Zügen alles gesehen, was er zuvor gewußt, was er vorhin aus dem bloßen Anblick seines Hauses und dieses Gemaches erraten hatte. Es war noch das seine, weiche runde Gesicht mit den halb träumerischen braunen Augen, das ihn an der jugendlichen Eva entzückt hatte. Aber das Gesicht war bleich geworden und mehr als eine Kummerfalte, ein Ausdruck stiller Traurigkeit hatte sich in ihm festgesetzt. Er wußte zu gut, wessen Schuld dieser Ausdruck war, und deshalb wagte er es nicht, den Blick zu ihr emporzuheben. Wie er aus einem Druck ihrer Hand inne ward, daß sie wieder zum Bewußtsein gelangte, stammelte er:

»Es war Dörtings, nicht meine Schuld, daß du mich hast wiedersehen müssen! Ich – hätte nie gewagt, dir wieder unter die Augen zu treten, nachdem ich gesehen, wie du an mich gedacht und daß du an meinem Andenken gehangen hast, als ob ich dein ehrlicher braver Mann und nicht ein schlechter, wilder Ausreißer gewesen wäre! Nein, Eva – so darfst du nicht mehr an mich denken, und wenn du mich nicht vergessen kannst – so mußt du mir grollen und fluchen. Besser wär's freilich und mir lieber, wenn du mich für immer vergessen wolltest. Und nun, Eva – behüte dich Gott besser, als ich dich und mich behütet habe, und wenn dir ein Trost ist, daß der tolle Klaus nun weiß, was er an seinem Weibe verloren hat, so darfst du auch den Trost behalten!«

Der Steuermann hatte sich wiederum erhoben. Er zog aus der Tasche seiner Schifferjacke eine sorgfältig mit Segelleinen umwundene Rolle hervor, die er leis auf den Tisch zur Seite niederlegen wollte und die im Niederlegen doch hart und schwer klang. Die junge bleiche Frau heftete jetzt zum erstenmal ihren Blick auf sein Gesicht und es war, als ob sie erst aus den gesenkten Augen, den gewaltsam geschlossenen Lippen die Bedeutung der harten Worte des Heimgekehrten errate. Mit einem wilden Aufschrei klammerte sie sich an seinem Halse fest. –

»Du darfst nicht wieder hinweg! – Du sollst nicht wieder zur See!«

»Ich darf nicht hier bleiben,« versetzte er mit einer Art dumpfer Festigkeit. »Ich könnte nicht einen Tag hier leben, es wäre die Hölle. Früher oder später müßte ich dir doch wieder heimlich davongehen – wie vor acht Jahren, wenn mich auch jetzt keine Sehnsucht nach wilder Lust und buntem Leben hinaustrieb. Ich kam heim, weil ich mich müde getobt hatte und weil mich mit einmal die Furcht überfiel, ich könnte dich nie wiederfinden, indes mir das wilde Glück Gold in die Taschen fegte. Ich dachte, wenn ich dich fände, du hättest mich längst vergessen oder wärst eines andern Weib oder fluchtest mir, wie ich's verdient habe. Da wollte ich dann sehen, was sich gutmachen ließ – was ich noch abbitten könnte, – ich wollte, wenn's not tat, mich auf deinem Grabe ausweinen. Aber daß du – die ganze Zeit an mich gedacht, dich um meinen vermeinten Tod halb blind geweint hast, indes ich in Palembang und Malakka ein Leben nach meinem schnöden Sinne geführt habe – darauf war ich freilich nicht gefaßt! Wie ich damals davonging und mit dem Rostocker Schoner nach Indien fuhr, dacht' ich kaum einen Augenblick daran, daß du dich um mich härmen und grämen könntest. Und hätte ich auch daran gedacht – ich wäre doch in die Welt hinausgerannt – mir war's hier in unserem Dorfe und in unserem Häuschen zu schwül und die ganze Ostsee zu eng geworden. Und wie der Schoner bei der Insel Banka scheiterte und der größere Teil der Mannschaft ertrank, wurde mir's fast leicht, denn ich hatte mir's schon vorgesetzt, in Indien zu bleiben und nicht in das graue, kahle Nest heimzukehren. Während du hier um mich getrauert hast, hab' ich mir's wohl sein lassen, in aller Lust, während deine Augen trüb wurden und deine Lippen bleich, hab' ich übermütig lachende Augen um mich gehabt und rote Lippen geküßt. So find viele Jahre verflossen – und ich habe kaum heim gedacht, und wie's endlich über mich kam und ich vor Sehnsucht nach dem grauen Strand und den dunklen Wellen und dem frischen deutschen Wasser fast zu vergehen anfing – da meint' ich doch nicht dich so zu finden! Und wär' mir dies auch nur einmal zu Sinn gekommen, so wär' ich lieber drüben verdorben, als daß ich neues Elend in dein und mein Leben getragen hätte!«

Die bleiche Frau lehnte sich noch immer an den zitternden, hastig sprechenden Mann, der halb in zärtlicher Besorgnis, halb in schmerzlicher Ungeduld sich von ihr zu lösen strebte. Sie hatte während seiner wilden Selbstanklage mehr als einmal die Lippen geöffnet und sie dann, ohne zu sprechen, wieder geschlossen. Jetzt aber flammte eine jähe dunkle Röte in ihrem Gesicht empor, sie trat einen Schritt von dem Beweinten, Wiedererstandenen zurück und sagte fast heftig:

»Gott, der dich heimgeführt, wird meine Gebete und Tränen nicht betrügen!«

»Du hast dich selbst betrogen, armes Weib!« entgegnete er tief traurig, jetzt mit fast versagender Stimme. »Ich bin nicht der, um den du geweint und dessen Andenken du geehrt hast! und weil ich's nicht bin, so helfe Gott mir und dir! – Mir würde es jede Stunde in der Seele brennen, daß du mir treu gewesen bist, wo ich schmählich untreu war. Ein Sünder kann nicht neben einer Heiligen sein! Drum muß ich hinweg und du mußt mich vergessen.«

Sie hielt ihn nicht, sie vertrat ihm den Weg zur Tür nicht mehr! Ihre braunen Augen ruhten mit einem Ausdruck auf ihm, der ihn hinderte auch nur den Fuß zu erheben, und nicht wie ein trotziger Entschluß, sondern wie ein Flehen um Hilfe klang es, wenn er noch einmal im Gemach umherblickte und noch einmal sagte:

»Sieh mich nicht so an, Eva – sei barmherzig und laß mich hinweg.« Eva aber schien jetzt mit sich selbst zu kämpfen. Ein schmerzliches Lächeln und dann ein plötzlicher Entschluß leuchtete in ihrem Gesicht auf, sie faßte den Arm ihres Mannes und flüsterte ihm zu:

»Komm mit mir, Klaus – einen kurzen, einen ganz kurzen Gang. Und dann sollst du selbst sagen, ob du bei deiner Eva bleiben darfst – ob nicht!«

Widerstandslos folgte der Steuermann der vorangehenden jungen Frau – er atmete auf, als ihm, hinaustretend, ein frischer scharfer Meerhauch entgegenwehte und sein Auge über die dunklen rollenden Wogen in der Bucht glitt! Der Himmel war jetzt lichter als eine Stunde zuvor, zwischen den Regenwolken, die der Westwind über Strand und Dorf in die See hinausfegte, wollte sich ein Sonnenstrahl durchdrängen. Eva achtete auf nichts, sie schlug rasch einen Pfad längs der Düne ein, hinter der das Dorf lag, und Klaus ging ihr Schritt um Schritt nach – jedesmal das Haupt senkend, so oft sie sich nach ihm umkehrte. Er kannte nach fast einem Jahrzehnt alle Wege und Stege der Heimat noch genug, um zu erkennen, daß ihn Eva zum Friedhof des Schifferdorfes und der umliegenden einzelnen Strandgehöfte führte. Er begriff nicht, was sie dort von ihm wollte, und doch erwachte etwas wie eine Hoffnung in seiner Seele. Die junge bleiche Frau ging, je näher sie der Mauer des kleinen schlichten Friedhofs kamen, ersichtlich langsamer, aber sie hielt nicht still, sie zog Klaus willenlos sich nach. Sie drückte die halbgeöffnete Tür leicht zurück und schritt dann zwischen der ersten und zweiten Reihe der Gräber dahin. Der Friedhof war sorgfältig gepflegt – die künstliche Moosdecke der Gräber und das volle Gebüsch längs der Mauern gestalteten ihn zu einem wunderbar grünen, fast anmutigen Fleck zwischen den kahlen Sandflächen und Dünenhügeln des Strandes. Frau Eva blieb vor einem Grabe stehen, das auf schwarzem Holzkreuz die Aufschrift: »Hinrich Hochhausen, Steuermann« und darunter einen Bibelvers zeigte. Betroffen blickte Klaus auf den moosbewachsenen kleinen Hügel und dann auf sein Weib, die jetzt beinahe so zitternd vor ihm stand, wie er vorhin vor ihr, so daß er ihr unwillkürlich näher trat, um sie zu stützen. Sie aber wehrte ihn leis ab und während ihr Auge sich zu dem Grabe niedersenkte, sagte sie, anfänglich zögernd, dann immer schneller und schneller, als wälze sie sich eine Last von der Seele:

»Ich mußte dich hierherführen, weil ich nicht hören darf, daß du mich lobst und dich anklagst, Klaus! – Ich bin nicht so treu, so schuldlos, als du glaubst, ich habe nicht immer dein Andenken heilig gehalten – und du hättest mich leicht finden können, wie du in Indien gedacht hast. Als du entflohen warst und mich einsam zurückgelassen hattest, wuchs neben dem Schmerz und der Verlassenheit ein recht bitterer Zorn gegen dich in mir auf und ich wollte dir zum Trotz nicht unglücklich sein. Ein Jahr, nachdem ich nichts von dir gehört, war Hinrich Hochhausen von seiner großen Fahrt um die Welt zum erstenmal wieder ins Dorf gekommen – und bald, bald nachdem ich ihn gesehen, hatte er mir's angetan und ich begann zu träumen, daß ich ein neues Glück an seiner Seite finden könnte. Du erinnerst dich vielleicht Hinrichs – weißt, wie er dreinschaute und auftrat.«

»Er war ein stolzer, stattlicher Bursch – recht gemacht die Weiber zu führen, wie es ihm gut dünkte!« sagte Klaus mit leiser Stimme.

»Ich wollte nichts Besseres!« versetzte Eva mit einem um Vergebung flehenden Blick. »Er – er achtete wenig auf mich und war bald übermütig, bald freundlich zu mir, ich aber nährte Wünsche, bei denen ich zu zittern begann, daß du zurückkommen könntest. Und selbst als die Nachricht, daß der Schoner »Maria« gescheitert sei, zu uns kam, selbst da, Klaus, weinte ich ehrliche Tränen um dich und dachte doch an ihn – und fing an zu hoffen! – Ich zürnte dir nicht mehr, aber ich wähnte, daß ich dich vergessen, an seiner Seite besseres Glück finden könnte, als mit dir!«

»Das wäre leicht gewesen und brauchte darum kein großes Glück geworden zu sein!« fiel ihr der Steuermann wie ermutigend ins Wort. – »Du hattest recht, tausendfach recht, arme Frau!«

»Der, an den ich mein Herz gehängt hatte, fand, daß ich unrecht hatte! Hinrich Hochhausen ward mit jedem Tage kälter, gleichgültiger, hochmütiger gegen mich und bald wußt' ich, daß sein Sinn nach der Tochter des alten Pankow, des reichen Reeders von Rostock stand! Er fuhr dabei fort in mein Haus zu kommen, wie er in alle Häuser kam, und mir wie anderen, mit denen er gespielt hatte, sein Glück vor Augen zu stellen. Da begann ich wieder an dich zu denken und dir aufs neue zu zürnen, daß du mich verlassen hättest, und mir war, als konnte ich ihm trotzen, wenn du neben mir stündest. Und so währte das einen langen Winter, einen halben Sommer hindurch. Und am Ende, als Hinrich nach Rostock aufbrach, um Hochzeit mit der Reederstochter zu halten, war ich doch unter den vielen, die ihm Lebewohl sagten, und ohne daß ich's wollte und wußte, glitt mir's doch über die Lippen, daß ich seiner immer im Guten gedenken werde. Da – mir ist, als sähe ich ihn noch vor seinem Boot stehen – da lachte er lustig übermütig und sagte halblaut: »Du hast genug an deinen Toten zu denken, Eva – kümmere dich nicht um die Lebenden!« Mir aber war's, als ob mir sein Wort hundertfältig im Ohr widerhallte, und ich wankte heim in mein einsames Haus und hörte ihn immer wieder lachen: Kümmere dich nicht um die Lebenden.

Am gleichen Abend brach ein Sturm herein – in der Nacht schlief niemand im Dorfe – so wild, so toll war das Unwetter und in fast allen Fischerhäusern waren die Männer zur See. Ich lag wie im Fieber und der Sturm wiederholte mir fort und fort Hinrichs Worte und meine Lippen sprachen sie widerstrebend nach. Am folgenden Tage aber trieben Bootstrümmer und Leichen an unsere Küste und unter den Toten trugen sie auch ihn – den stolzen und lebensfrohen Hinrich hierher, sein Boot war auf der Brautfahrt nach Rostock im Sturme umgeschlagen und die Wellen warfen ihn zu uns zurück. Wohl stand ich bleich und erschrocken und mit tiefem Mitleid unter den Trauernden und das ganze Dorf trauerte um ihn – aber ich vergaß auch nicht, was er mir zugerufen hatte! Ich dachte nicht mehr allein an ihn – ich dachte an meinen Toten, dachte an dich! Und wie ich sann und sann, da stiegen mir mit einemmal jeder Tag, jede Stunde wieder herauf – jede gute, die ich mit dir verlebt, jede böse, die ich dir bereitet! Da sah ich klar, daß ich auch Schuld trug an deiner Ungeduld, deinem Mißmut, daß ich Schuld trug an deiner Flucht!«

»Halt ein – halt ein, Eva! oder du treibst mich doch wieder hinweg!« rief der Heimgekehrte mit einem Male und sein Ton war verändert, eine Fülle von Kraft, von herzlicher Freude klang darin.

»Da hub ich an mein Unrecht zu sühnen und deinem Gedächtnis zu leben!« fuhr Eva unbeirrt fort, indem ihre Hände die kräftigen stummgefalteten Hände des Gatten umfaßten. »Ich hub an alles heilig zu halten, was uns gemeinsam gehört hatte – und pflegte und hegte unser Haus, als das letzte, das einzige, was mir geblieben war vom Leben mit dir. Und von Tag zu Tag ward mir's gewisser, daß wir beide versöhnt wären, und als ich zu zweifeln begann, ob du tot seist oder lebtest, da durfte ich auch vor einem Wiedersehen nicht mehr zittern! Und dann, dann kamen Nachrichten, daß ein Teil der Mannschaft des Schoners gerettet worden, und endlich sprach Dörte einen der Heimgekehrten und er wollte für gewiß wissen, daß du nicht unter den Ertrunkenen gewesen seist. Und so habe ich in diesen letzten Jahren neben der Trauer die Hoffnung gehegt, daß Gott uns wohl noch einmal zusammenführen könnte, und nun, Klaus, wirst du meine Hoffnung nicht zu schanden machen!«

Er stand längst ein besiegter überwundener Mann vor dem bleichen Weibe. Ohne es zu wissen, hatte er sie von dem Grabe hinweg bis gegen den Eingang des Friedhofs hin gezogen. Sie stieg, auf ihn gestützt, den Dünenhügel empor, von dem sie unter sich hier den Friedhof und dort ihr Dorf und das Meer erblickten. Eva hielt noch immer Klaus' Hand in der ihren und er fühlte, wie sie in Erinnerung der verlebten Stunde zitterte und auf ein Wort aus seinem Munde harrte. Schweratmend sagte er endlich:

»Du willst mit deiner Schuld die meine aufwägen, Eva, du hast gegen den Zentner in meiner Schale eine Feder in die deine gelegt. Aber ich danke dir doch – ich danke dir tausendmal, daß ich bleiben darf, und ich will es versuchen, mit dem Rest meines Lebens zu sühnen, was ich mit dem Anfang gesündigt habe!«

Über dem Meere war es hell geworden und lichte goldige Streifen durchzogen den Himmel. Sie sahen einen Augenblick auf die Wogen hinaus – im Gesicht Klaus Berndsens stand es deutlich, daß sie ihn nicht zum zweitenmal von der wiedergewonnenen Frau scheiden würden. Neben ihr ging er dem Hause wieder zu, dem er vor einer Stunde hatte entfliehen wollen. Er hatte seinen Arm um Evas schlanken Leib gelegt und ihre Schritte klangen so gleichmäßig von der Düne wieder, als wären sie niemals getrennt gewesen!








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