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Heimatluft

Marie Bernhard: Heimatluft - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
titleHeimatluft
authorMarie Bernhard
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeErster Band
editorW. Lennemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectidfeabbf14
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Marie Bernhard

Heimatluft

Erzählung

»Sie entschuldigen, mein Herr – sitzen Sie vielleicht lieber rückwärts? Darf ich Ihnen vielleicht meinen Platz anbieten?«

»Danke. Nein. Ich sitze sehr gut hier.«

»So so! Ich meinte nur so. Erlauben Sie, daß ich mir eine Zigarre anzünde?«

»Aber bitte, dies ist ja kein Nichtraucherabteil.«

»Das ist wahr. Na, denn werde ich also –. Wollen Sie nicht auch probieren? Sehr gutes Kraut! Aus Hamburg importiert! – Ich war nämlich eben in Hamburg.«

»Besten Dank. Ich rauche sehr selten.«

»Na, dies ist aber 'n feines Zigarrchen, auf Wort! Kennen Sie Hamburg? Forsche Stadt – was? Kann sich so bald nichts mit vergleichen. Da gewesen?«

»O ja!«

»Sie müssen doch zugeben – fein! Ja – ja – ja – was ich noch sagen wollte: fahren Sie weit?«

»Noch sechs Stunden!«

»Sechs Stunden? Ich auch so lange! Wie sich das trifft! Auch nach W. hinunter?«

»Ja!«

»Sind wir also Leidensgefährten! Obgleich von Leiden eigentlich nichts zu reden ist, hier in der ersten Klasse. Ich fahr' sonst nicht erster Klasse – immer in der zweiten – die ist auch ganz gut. Und Zeiten hat's gegeben, wie ich noch jung war, wo ich froh gewesen bin, wenn ich hab' können in die dritte Klasse einsteigen. Ja, ja ja! Können mir glauben! Ich schäm' mich nicht, drüber zu sprechen. Warum sollt' ich mich auch schämen? Seine Eltern beerben und sich auf'n großen Sack voll Geld setzen und dann den Vornehmen spielen und alles erster Güte haben ... i, da kann jeder kommen! Aber sich selbst was verdienen und ordentlich schanzen, so von der Pike auf – und dann hinter sich sehen und sagen können: Ist alles deins! Hast du dir alles selber erworben! Das klingt anders – können Sie mir auf Wort glauben!

»Gewiß!«

Es war die knappste Form der Zustimmung, die knappste Form der Höflichkeit; ein halb unterdrückter Seufzer folgte dem einzigen Worte. Da hatte der Zufall wieder mal zwei auffällige Gegensätze zusammengewürfelt: einen Reisenden, der schweigen, und einen, der reden wollte. Und rettungslos waren sie aneinander geschmiedet. Der Eilzug raste mit ihnen in die warme, dunstige Sommernacht hinaus, und außer ihnen beiden war keine Menschenseele im Wagenabteil erster Klasse.

Hätte Georg Unger gewußt, was ihm bevorstand, er würde vorgegeben haben, kein Deutsch zu verstehen. Damit war's aber zu spät. Wie, wenn er sich schlafend stellte, obwohl er nicht eine Spur müde war?

Er lehnte den Kopf hintenüber und schloß die Augen.

»Ach, Sie werden doch nicht schlafen wollen? Nein, hören Sie, dazu würd' ich Ihnen nicht raten! Dauert nicht lang', und der Schaffner kommt und löscht die Lampen aus, und es wird hell draußen. Und wenn es erst hell ist – na, dann schläft man doch nicht mehr, – dann setzt man sich ans Fenster und guckt raus. Ganz nette Gegend hier, müssen Sie wissen. Gott, na nein, die Schweiz ist es ja nun natürlich nicht – aber schönen Wald kriegen wir zu sehen und auch ganz hübsche Höhenzüge und Seen – na, für die Seen ist's ja hier herum ganz berühmt, das werden Sie doch wissen!«

Keine Rettung! Der dicke, grauhaarige Herr mit dem roten Gesicht – er sah nach einem Weinhändler aus – war nicht still zu bekommen. Höchstens hätte Georg Unger sackgrob werden müssen, und das wollte er nicht.

Tatsache war: Georg Unger gefiel dem dicken, roten Herrn, seine äußere Erscheinung imponierte ihm, und er beschloß, ohne weiteres mit ihm anzuknüpfen. War jener schweigsam und zurückhaltend ... er war desto redseliger.

Dabei hatte der dicke Herr ein so gutmütiges, breites Gesicht und solche kleine freundlich zwinkernde Äugelchen, daß schon ein ganz bedeutender Grad von übler Laune dazu gehörte, dies harmlos zufriedene Geschöpf Gottes hart anzulassen. Zudem sprach er Georg Ungers Heimatsdialekt – den hatte er undenklich lange nicht gehört, und wenn ihm tausend Menschen bewiesen hätten, daß dieser ostpreußische Dialekt unschön sei .. . er würde ihnen zugestanden haben: Ja, ja, Sie haben ganz recht – aber – eben – schön ist er doch!«

Nicht für das Ohr schön. – Das war wirklich unmöglich! Schön fürs Herz! Und in Georg Unger war dieser bis dahin höchst verständig funktionierende Muskel plötzlich aufgewacht und machte ganz sonderbare Sprünge, und es zitterte beständig durch ihn hin eine Empfindung, die halb Rührung war und halb Mitleid, und halb Beschämung und halb Sehnsucht, und halb Neugierde ... ach, nun war es schon viel mehr als ein Ganzes, was da zusammenkam! – Gern hätte er in sich hineingelauscht und versucht, aus all den verworrenen Anklängen eine bestimmte Melodie zu bilden – aber da bilde sich mal jemand eine Melodie, wenn solch ein kompaktes, rotes Individuum einem gegenübersitzt und schwatzt, als ob es dafür bezahlt würde!

»Sehen Sie,« begann der Dicke jetzt von neuem – er schnaufte vernehmlich beim Atemholen und schneuzte sich mit dem Geräusch einer kleinen Trompete – »mein Gewerbe führt mich allerwärts hin. Ich bin Weinhändler,« – also richtig! dachte Georg Unger – »hab' von ganz klein angefangen, aber jetzt hat die Geschichte schon so'n ganz ansehnlichen Schwung gekriegt, und mein Umsatz ist nicht schlecht. Kommt nämlich alles aufs Renommee an, das einer als Kaufmann hat. Taugt das nichts – na, adieu Partie, denn ist die ganze Geschichte Essig! Was ich sagen wollte – – – wenn einer da so in der Welt herumkarriolt, denn muß man sich ja sagen: 's gibt allerlei Schönes auswärts zu holen, so wie man's zu Hause nie und nimmermehr hat. Nee – und dennoch: 's ist nun 'mal zu Haus', und jedesmal, wenn ich in meine Gegend zurückkomm' ... hast du nicht gesehn – ist wieder die alte Geschichte: ich freu' mich, und ich kann mir nicht helfen!«

Georg Unger nickte nur zu diesen Worten, aber in sein bis dahin kühl gelassen dreinblickendes Gesicht, das dem Weinhändler so »vornehm« erschien und darum ihm, dem Mann aus dem Volke, so imponierte – in dies Gesicht kam ein solcher Ausdruck von Wärme und freudiger Zustimmung, daß der Dicke bei sich dachte: »Jetzt endlich hab' ich die richtige Saite angeschlagen! Mit dem Heimatsgefühl, da hab' ich diesen feinen Kunden beim Wickel!«

»Sie sind ja nun kein Deutscher!« fuhr er behaglich fort, nachdem er geräuschvoll an seiner Zigarre gesogen hatte. »So was hat man ja bald raus. Engländer oder Amerikaner, nicht wahr? Das letztere. Na, sehn Sie woll! Aber deswegen können Sie mich immer ganz gut verstehen. Warum soll 'n Amerikaner nicht auch sein Vaterland lieben können, frag' ich!«

»Eben!« bestätigte Georg lächelnd.

»Die Leute tun immer so, als hätten wir Deutschen die Heimatsliebe extra gepachtet. Unsinn, sag' ich! Das liegt im Menschen, und damit Punktum! Ich für meine Person – Gott, ich könnt' ja auch in Hamburg leben oder in Frankfurt am Main – schöne Stadt, Frankfurt am Main – oder meinetwegen in Berlin, obgleich Berlin – na, ich weiß nicht – Berlin, das ist mir beinahe zu großstädtisch, da verkrümelt sich der Mensch, er weiß nicht wie! Aber nein, ich bin nicht mal in W. geboren – auf so 'nem Dorf, wissen Sie, zehn, zwölf Meilen davon – aber ich bin da zu Geld und Ansehen gekommen und hab' da geheiratet und alles – na, der Mensch muß schließlich nicht undankbar sein! Wenn ich da nun sitzen bleib' als wohlhabender Bürgersmann und zahl' redlich meine Steuern und red' in der Stadtverordnetenversammlung und geb' meinen Anteil zu wohltätigen Zwecken, helf' da Waisenhäuser einzurichten und Hospitäler zu bauen, und die Leute kommen nachher und bedanken sich bei mir – na, sehn Sie 'mal, es liegt so was drin! Man wird ja der Narr nicht sein und sich was drauf einbilden, wenn man hilft und gibt – aber, weiß der Himmel, man greift doch 'n bißchen tiefer in die Tasche wenn es heißt: es ist für unsere Stadt, für die Stadt, in der man lebt, die einen sozusagen zum Mann gemacht hat!«

»Natürlich!« stimmte Georg bei. Dann, nach einer kleinen Pause, fragte er in unbefangenem Tone: »Ist denn Ihr W. eine hübsche Stadt?«

»Gott – hübsch – hübsch?« Etwas verlegen zog der Weinhändler die Achseln hoch. »Für mich schon – ob für den Fremden? Weiß ich nicht recht, glaub' ich auch nicht recht! 's hat 'ne nette, idyllische Umgebung – viel Wasser und Wald, wissen Sie – und 'n schönes, altes Schloß, wir nennen es Ruine, aber es sind noch respektable Reste von dem alten Bau da, liegt sehr malerisch, das Ganze, und ist 'n Restaurant dabei. Des Abends da Krebse, in Kümmel abgekocht, zu essen, oder geschmorte Pilze, und dann kommt so sachtchen der Vollmond herauf und steht überm See – das ist Ihnen nicht bitter! W. hat 'n gutes Gymnasium, ist auch Garnison, Ulanen, und die Stadt hat sich in den letzten – na, wollen mal sagen achtzehn bis zwanzig Jahren gewaltig aufgenommen. Wer seitdem nicht darin war, der würd' es kaum wieder erkennen.«

»Wirklich?«

Die Stimme des »Amerikaners« klang ein wenig bedeckt. »Können mir auf Wort glauben. Was ist nicht alles gebaut worden in der Zeit! Von den öffentlichen Gebäuden gar nicht zu reden ..., bloß die Privatleute! Keiner will hinter dem andern zurückstehen – der eine baut sich 'n Schweizerhaus und der andere 'ne feine Villa, in dem Stil und in dem. Ich hab' auch so'n Ding – hat schwer Geld gekostet, ist Barock, sagt mein Baumeister. Sehr hübsch anzusehen, aber nicht viel darin unterzubringen, ist mir nicht geräumig genug.«

»Gehört auch ein Garten dazu?«

»Will ich meinen! Meine Frau sagt, der ist eigentlich die Hauptsache. Wenn ich kann, nehm' ich mir nächstens den Nachbargarten noch dazu; da ist nämlich der Besitzer davon gestorben, so'n richtiges Original.«

»In der Tat? Das müssen Sie mir erzählen! Ich habe immer gehört, die deutschen Originale stürben aus!«

»Tun sie auch, obgleich andere Nationen ja meines Wissens auch kein Monopol auf Originale haben! Ja, aber der alte Kordeleit!« Der Weinhändler setzte sich behaglich und breit zurecht und brannte sich eine frische Zigarre an. »Den hat ganz W. gekannt, und die Leute waren ordentlich stolz auf ihn. Nicht, daß er liebenswürdig war! Ein sacksiedegrober Kerl und niederträchtig launenhaft – in manchem Punkt so knauserig, daß es schon schmutzig zu nennen war – und auf der andern Seite ganz unvermutet plötzlich wieder von einer solchen Großmut, daß es an Verschwendung grenzte. Seine Hinterlassenschaft soll denn auch gar nicht so groß sein – er war zu eigensinnig, ließ sich nichts raten mit Papieren und Hypotheken und so was. Je mehr einer ihm zuredete, um so widerborstiger wurd' er, setzte seinen Dickkopf auf und litt lieber allen Schaden, als daß er zugab: Du hast recht gehabt und ich bin im Unrecht. Mit seinem Testament tun sie sich schrecklich geheimnisvoll – Gott, mir kann es egal sein, mich könnt' ebensogut der türkische Sultan zum Erben einsetzen wie der alte Kordeleit –, aber die Juniussens werden sich nicht schlecht grämen!«

»Sollen die die Erben sein?«

»Sollen? Ich weiß nicht! Sie waren so'n bißchen verwandt mit dem Alten – durch den Scheffel Erbsen gejagt, wie's bei uns heißt. Der Junius war Kaufmann, ist dann runtergekommen, eigentlich ohne seine Schuld, er hat Pech gehabt, war auch nicht besonders findig – da hat er sich denn beim alten Kordeleit nützlich gemacht, soweit dessen Eigensinn das zuließ. Junius hat Reisen für ihn gemacht, ihm An- und Verkäufe vermittelt, kurz, er ging bei ihm aus und ein. Um die Familie hat sich der Alte wenig bekümmert – es sind fünf, nein, sechs Kinder da, und alle noch zu erziehen. Frau Junius ist viel krank und ihr Mann kann nichts Rechtes mehr verdienen; bei den kleinen Agenturgeschäften kommt nichts raus, und zu den großen gehört Kapital und 'n flottes Renommee – das hat der arme Teufel nicht! Nun mag er sich in aller Stille wohl Rechnung auf einen Anteil am Geld des alten Kordeleit gemacht haben – verdenk' es ihm, wer kann! Leibeserben sind keine – der Alte war Junggeselle – nahe Verwandte existieren auch nicht. Aber da muß kurz vor dem Tode des Alten zwischen den beiden was passiert sein – sie haben in Kordeleits Arbeitszimmer fürchterlich laut miteinander gesprochen, dann ist der Junius mit 'nem fuchsfeuerroten Gesicht herausgestürzt und hat mit den Türen geknallt, daß das Haus zitterte. – Und jetzt sagen ja die Leute, er und seine Familie kriegen keinen Heller von der ganzen Bescherung. Gott, und die Juniussens könnten das brauchen! Vier Jungen im Haus und zwei Mädels, die kranke Frau – und das nagt nun alles zusammen am Hungertuch!«

»Wer ist denn nun Erbe?«

»Ja, wenn ich das wüßte! Die sagen, die Stadt kriegt alles, und die sagen, 's geht alles nach Berlin zu irgend 'ner gemeinnützigen Stiftung – und welche wieder munkeln was von 'nem Verwandten, auf den sich der Alte mit einem Male besonnen hat. An die Stadt und die Stiftungen glaub' ich nicht recht – der alte Kordeleit hat sich oft so giftig und eklig über dergleichen ausgesprochen, daß er schon den Verstand nicht mehr beisammen gehabt haben müßt', um so was zu tun. Na, warten wir's ab. Um die Juniussens tut's mir aber leid, sie haben so nette Kinder. Ja, ja, ja, wie das so auf der lieben Gotteswelt zugeht!«

Nach dieser philosophischen Schlußbemerkung stockte das Gespräch für eine Weile ganz. Der Weinhändler seufzte ein paarmal, schüttelte den Kopf, seufzte von neuem und nickte dann ein. Die glimmende Zigarre fiel ihm vom Mund weg in die Wagenpolster. Georg Unger hob sie hastig auf und zerstampfte sie im Aschenbecher.

Auch der Eintritt des Schaffners, der die Lampe zu löschen kam, weckte den behaglichen Herrn nicht aus seinem Schlummer. Die Reisemütze bis auf den Hinterkopf zurückgeschoben, den Mund halb offen, ließ seine Physiognomie gerade nicht den Ausdruck hoher Intelligenz erkennen. Nachdem es ihm ein paarmal in der Kehle gegurgelt und gebrodelt hatte, als sei er am Ersticken, setzte ein regelmäßiges Schnarchen ein, das an kunstgerechtes Holzzersägen erinnerte.

Georg Unger schob sachte den Vorhang vom Fenster zurück und blickte in die rasch lichter werdende Landschaft hinaus. Es war Morgendämmerung.

Um die Höhenzüge, von denen der Weinhändler gesprochen, wanden sich noch dichte Nebel wie weiße, wallende Tücher, sie krochen gleichsam an den grünen Bergen hin. So rasch der Zug fuhr, man sah doch, wie der erwachende, frische Morgen den Bäumen über die Häupter strich, bis sie erschauerten und sich wie schlafestrunken schüttelten. Jetzt eine weite Wiese, auf der es wie ein zartes, graues Perlennetz ausgespannt lag; über Nacht war starker Tau gefallen. Am Waldesrand schwankte langes dünnes Gras wie grünes Haar. Dicht, dicht brauste der Bahnzug an einem großen Roggenfelde vorüber; daraus stieg es auf mit einem hellen, zarten Zwitscherlaut und hob sich auf bebenden Flügelchen empor, leicht und schön, wie von der Luft rückwärts getragen – die erste erwachende Lerche.

Es sproßte etwas auf im stillen Herzen des Zuschauers, blühte gleichsam darin empor wie rasch sich entfaltende Blumen. Schwach und süß war ihr Duft; aus fernen Tagen kam er herüber – aus Tagen der Kindheit!

Auf seinen Vater entsann er sich nur undeutlich – ein großer, hagerer Mann war es gewesen, der viel hustete und seine Kinder nur wenig um sich dulden konnte. Georgs älterer Bruder, Eduard, sah dem Vater ähnlich – lang und schmal in die Höhe geschossen, mit gewölbtem Rücken und vornüberhängenden Schultern. Eduard war sehr fleißig in der Schule, ein sogenannter »Musterknabe«, von früh bis spät bei den Büchern zu finden und bei dem jüngeren Bruder nicht sonderlich beliebt, da er ihm fortwährend als Beispiel vorgehalten wurde. Dann war da noch die kleine Schwester, das Trudchen, ein niedliches, munteres Ding, das im Hause manchen Schabernack machte, aber auch viel Lust und Lachen hineinbrachte mit seinem hellen Stimmchen und den funkelnden dunklen Augen.

Seit des Vaters Tode wurden die drei Kinder von der Mutter regiert – einer resoluten Frau, der es gar nicht darauf ankam, ihren heranwachsenden Söhnen rechts und links ein Paar Ohrfeigen auszuteilen, wenn sie nach ihrer Ansicht »nicht gut taten«. Der älteste »büffelte« ihr zu viel, brannte bis in die halbe Nacht Petroleum und ruinierte sich die ohnehin schon schwache Brust vollends mit Stubenhocken. Numero zwei, der liebe Georg, trieb sich wieder zu viel draußen umher, fertigte seine Schulaufgaben mit genialer Flüchtigkeit ab, scheuerte Knie und Ellenbogen an seinen Anzügen vorzeitig durch, rieb sich grundsätzlich nie die Füße an der Strohmatte im Hausflur ab und besaß einen Appetit, der ans Unheimliche grenzte. Das Trudchen war allgemeiner Liebling, aber nach der Mutter Ansicht hätte es auch mehr Stetigkeit beim Strickstrumpfe und Zeichentuche entwickeln können, anstatt mit dem Georg Boot zu fahren oder auf den Apfelbaum im Garten zu klettern.

Dieser Apfelbaum und dieser Garten! Ob sie wohl beide noch existierten, ebenso wie der Mann hier im rasch dahinsausenden Eisenbahnzug sie in Erinnerung hatte?

Ob der kraftstrotzende, mächtige Baum mit den weitausladenden Zweigen wohl immer noch im Frühjahr wie ein gewaltiges rosig schimmerndes Bukett anzusehen war, und ob er im Herbst seine zahllosen, rot und goldig geflammten Früchte trug, die so saftig waren und nach Wein schmeckten?

Auf einem sanft abfallenden grünen Rasenfleck stand der Apfelbaum hart am Zaun, und ein Paar von seinen Zweigen hingen über diesen Zaun herüber in des Nachbars Garten hinein. An diesen Ästen saßen natürlich auch Äpfel, und Georg und Trude ärgerten sich, wenn sie hörten, wie die schönen Früchte mit einem dumpfen Schall jenseit ihres Gartens zur Erde fielen. Was brauchte der alte Kordeleit, der immer so sauertöpfisch aussah und sich sicherlich gar nichts aus Obst machte, ihre Äpfel? Die Mutter freilich ermahnte die Kinder von Zeit zu Zeit, hübsch artig gegen den »Onkel« zu sein – Georg möge immer die Mütze abnehmen und freundlich »Guten Tag!« sagen und Trude solle knicksen – aber nachdem die Kinder das einige Male versucht und zum Dank nichts weiter geerntet hatten als ein dumpfes Brummen und einen nichts weniger als einladenden Blick aus zwei finster dreinschauenden, umbuschten Augen, unterließen sie jede Höflichkeitserweisung, und die Erklärung der Mutter, der alte Kordeleit sei sehr reich und »eigentlich« noch mit ihnen verwandt, da er Papas Vetter im zweiten Gliede gewesen sei, machte nicht den geringsten Eindruck. Die Sonntagmorgen, wenn man faul und zufrieden im hohen Grase lag und die Schatten der schwankenden Zweige abwechselnd mit zuckenden Sonnenblitzen einem über das Gesicht liefen! Die Hände unter dem Haupt verschränkt – rund umher der Duft von Gras und Erde – ein Jubilieren der Vögel in der Luft und fernhin das Läuten der Kirchenglocken, die grell und lärmend klangen in der Nähe – »Richtige Dorfkirchenglocken!« behauptete Georg damals verächtlich – aber aus der Entfernung förmlich harmonisch wirkten!

Glückliche Zeiten auch, wenn unten im See das kleine, notdürftig ausgeflickte Boot, das noch aus Vaters »guter Zeit« stammte, losgekettet wurde und Georg mit einem oder zwei Kameraden über den von Sonnengold funkelnden Wasserspiegel hinglitt, aus dem knirschenden Schutzwall des Schiffes heraus, das sich widerwillig teilte, um den Kahn durchzulassen – und nun rauschte eine Kette wilder Enten empor, und der helle, harte Schrei des Kiebitz wurde laut, bis allgemach, wie sie weiter in den See hineinkamen, nichts mehr hörbar war als das Glucksen des Wassers, das an einer schadhaften Planke des gebrechlichen Fahrzeugs leckte. Zuweilen auch kam die kleine Schwester mit – heimlich, hinter Mamas Rücken – und saß dem »großen Bruder« gegenüber, stolz und glücklich, die beiden runden Händchen an die Seitenwände des Kahns geklammert, die großen Kinderaugen mit entzücktem Staunen auf, den sonnenüberblitzten Seespiegel geheftet. Man angelte auch im See und suchte Mama durch Überreichung von zwei, drei Schleien mit diesen Wasserfahrten zu versöhnen – aber die Mutter pflegte ärgerlich zu fragen, was sie mit den »Katzenfischen« eigentlich solle – das sei nicht genug für den einen und für den andern, und Georg solle endlich den »Unsinn« lassen.

Sie war nicht weich und mitteilungsbedürftig, die Mutter, aber daß sie ihre Kinder recht aus Herzensgrunde liebte und bestrebt war, das Beste aus ihnen zu machen, das wußten diese doch, trotz der gelegentlichen Ohrfeigen und Scheltworte. Selten, sehr selten kam über die Lippen der hart arbeitenden, unermüdlich tätigen Frau ein Liebesausdruck, selten in ihre scharf umherspähenden Augen ein warmer Blick, – wenn es aber geschah, so war dies ihren Kindern wie ein Orden, und sie teilten es einander stolz mit: »Du, die Mutter hat mich gelobt!« »Du, heut' ist die Mutter mit mir zufrieden gewesen!«

Sie wirtschaftete ohne Dienstboten, scheute sich vor der gröbsten Arbeit nicht und verlangte ohne weiteres von »ihren Jungens«, daß sie ihr das Holz klein machten, schwere Sachen heimtrugen und andere Dinge verrichteten, die sich mit der Würde von Gymnasiasten nur schwer vereinigen ließen. Diese Würde imponierte Frau Unger wenig, sie ging von dem Grundsätze aus, daß keine Arbeit eine Schande sei, sie schneiderte auch für die heranwachsenden Knaben die Anzüge selbst und ließ sich durch Klagen über zu kurze Westen und »komisch sitzende Hosen« wenig rühren. Taschengeld gab es nur äußerst wenig, die Schularbeiten mußten pünktlich erledigt werden. Und doch! welch feiner goldener Duft lag über diesen Kindheitstagen! Der Glanzpunkt in der Familie Unger war der »amerikanische Onkel«– nicht der traditionelle Nabob, nicht von dem herkömmlichen Nimbus eines Goldmeeres umgeben, immerhin aber eine gewichtige, oft mit Erfolg zitierte Persönlichkeit. Daß dieser einzige Bruder der Mutter in seiner Jugend ein leichtsinniger Schlingel gewesen war, der seinen Eltern schwere Sorgen gemacht hatte, so daß sie froh waren, als er jenseit des »großen Wassers« untergebracht war, wurde den Kindern wohlweislich verschwiegen. Es hieß einfach, Onkel Georg habe »drüben« sein Glück versuchen wollen und dasselbe, nach manchem Mißerfolg, auch gefunden. Er war Plantagenbesitzer – vornehmlich Zuckerrohr – in der Nähe von Pernambuco geworden, war unverheiratet geblieben, schrieb sehr seltene und lakonische Briefe, schickte aber unweigerlich und regelmäßig zu jedem Weihnachtsfeste eine Summe, die dem spärlichen Haushalt der Frau Unger tüchtig aushalf, so daß ihr der jedesmalige Zusatz des Bruders: »Kauft Euch jeder eine Kleinigkeit dafür, da ich doch nicht wissen kann, was Ihr braucht!« förmlich lächerlich erschien. Ohne diese weihnachtlichen »Kleinigkeiten« aus Südamerika hätte sie kaum, gewußt, wie sie den laufenden Ausgaben für Kinder und Hausstand gerecht werden sollte.

Georg war kaum fünfzehnjährig und hatte eben das Obersekundanerzeugnis errungen, da langte zu ganz ungewöhnlicher Zeit, kurz nach Ostern, einer von den lakonischen Briefen des Onkels an.

»Liebe Schwester! Ich habe bis jetzt so gut wie gar nichts für Dich tun können« (das nennt er »nichts« – all diese reichlichen Sendungen! dachte Frau Unger gerührt), »indessen es zieht sich aus weitverzweigten Unternehmungen, wie ich sie habe, schwer etwas Namhaftes heraus. Jetzt habe ich Dir einen Vorschlag zu machen: Schick mir einen von Deinen Jungen herüber! Es soll sein Schaden nicht sein, ich will ihn mir anlernen und zuziehen, Du bekommst ihn für immer von der Tasche, und bei mir ist er gut aufgehoben. Reisegeld schicke ich anbei. Bis Hamburg kann der Junge allein fahren, da soll er sich Steintorweg Nummer zwölf melden. Einer von unseren Exporteuren, F. Harder, geht in guten drei Wochen mit dem Südamerikanischen Lloyddampfer »Manila« hinüber, wird ihn unter seine Flügel nehmen und bei mir in Pernambuco abliefern, Gott befohlen! Dein Bruder Georg.«

– – »Einen von Deinen Jungen!«

Das klang so einfach, und im Grunde genommen war ja auch die Sache höchst einfach! Es konnte nämlich überhaupt nur von einem Jungen die Rede sein, und dieser eine war Georg! Eduard, dem älteren, schauderte die Haut, wenn er nur daran dachte, zu Schiff übers Meer zu sollen und Kaufmann zu werden. Er versicherte mit feierlichem Ernst, sterben zu müssen, wenn man ihm das zumute ... er wolle sein Abiturium machen – in einem Jahre war es für ihn Zeit dazu! – und dann Mathematik studieren ... Könne er das nicht, so müsse er sich mindestens das Leben nehmen.

Die Mutter zuckte freilich die Achseln zu solchen »albernen Redensarten«, aber es war ersichtlich, daß auch sie ihren Eduard gar nicht im Ernst als Kandidaten in der »amerikanischen Frage« ansah, ihr stand es augenblicklich fest, Georg müsse zum Onkel hinüber. Er wurde nicht viel gefragt, und wäre es der Fall gewesen, er hätte jedermann aufs lebhafteste versichert, er ginge sehr gern, er freue sich auf seine neue Existenz jenseit des Meeres. Es war auch die Wahrheit – – was da unklar und unausgesprochen auf dem tiefsten Untergrund seiner Seele lag wie Wehmut, wie Scheu, wie Bangen – er hätte es nicht in Worte fassen können, und wäre selbst das gewesen, er hätte sich dieses Empfindens geschämt!

Für eine kurze Zeit war Georg ganz Hauptperson im Hause, wurde schleunigst von der Schule abgemeldet, mußte Abschiedsbesuche machen, hier und dort – viele waren es nicht –, bekam neue Anzüge, beim besten Schneider von W. gefertigt, da das »Reisegeld« sehr üppig bemessen war, durfte sich Lieblingsgerichte bestellen und selbständig allerlei Dinge einhandeln, nach denen sein Sinn stand: ein schönes Messer mit Korkenzieher und Sektbrecher (so wenig Aussicht es auch für ihn gab, letzteres Instrument für eigenen Gebrauch zu verwerten), ein feines Notizbuch mit zahllosen Taschen, ein »großartiges« Portemonnaie, sogar eine Zigarrentasche – warum sollte ein angehender südamerikanischer Plantagenbesitzer nicht rauchen? Mit einem Worte, diese letzte Zeit in der alten Heimat bot dem Knaben so viel des Ungewohnten, Schmeichelhaften, Neuen, daß er sich diesem Reize willig hingab und jenes unklare Etwas, wenn es sich jemals hervorwagen wollte, halb ärgerlich, halb verlegen zurückdrängte.

Bis dann der große Augenblick der Trennung, der Abfahrt nach Hamburg herankam. Schon am Abend zuvor war die Mutter spät am Abend in Georgs Stübchen gekommen – Eduard löste noch im Wohnzimmer eine mathematische Aufgabe – hatte sich zu ihm auf den Bettrand gesetzt, sein Gesicht in ihre beiden hartgearbeiteten Hände genommen und mit etwas unsicherer Stimme zu ihm gesagt: »Nicht wahr, mein Kind, du bleibst mir brav? Machst deinem guten Vater und mir Ehre? Lange Reden kann ich dir nicht halten, ich kann dich nur bitten: sei wahr, sei arbeitsam, sei verständig! Hab' Gott vor Augen und im Herzen; er ist bei dir, wo du auch bist. Wenn dir die Menschen vorreden wollen, es gebe keinen Gott, und es sei kindisch, an ihn zu glauben – ich, deine Mutter, sag' es dir: ich hab' Gottes Hauch und Gottes Hand verspürt hundertfach in meinem Leben, und ich bitte ihn, daß er dich behütet und segnet!« Dann hatte die Mutter den Sohn auf Augen und Mund geküßt und war rasch davongegangen, aber ein paar heiße Tränen waren auf Georgs Stirn gefallen.

Als er nun schon im Abteil saß und seine Augen über die drei wohlbekannten Gesichter hinwandern ließ, da fiel es ihm auf, wie alt doch die Mutter schon aussah und wie müde mit ihrem grauen Haar und der gebückten Haltung. Und Eduard – wie blaß, wie eingefallen sein Gesicht, wie schmal seine Brust! Einzig die Trude war frisch und blühend! Zum ersten Male fiel es dem sorglosen Knaben, mit voller Schwere aufs Gemüt, was diese Trennung eigentlich bedeute, wie es leicht sich ereignen könne, daß er einen von diesen drei ihm am nächsten stehenden Menschen nicht mehr wiederzusehen bekäme – einen – vielleicht gar zwei! – – Und er war zur Tür hinaus, das Trittbrett hinunter – rasch, impulsiv, wie es seine Art war – hatte die Mutter in die Arme genommen, ungestüm geküßt und geflüstert: »Gott, Mütterchen, wenn du doch mit könntest!« Darauf packte er den langen Eduard an beiden Schultern und schüttelte ihn tüchtig: »Ede, bleib gesund, hörst du? Und schreib auch manchmal!« – In der nächsten Minute saß er wieder auf seinem Platz und schluckte mannhaft an seinen Tränen, während der Zug sich in Bewegung setzte.

Hamburg hatte dem Knaben gewaltig imponiert, die Überfahrt ihm derartig Interesse erregt, daß es zum Heimweh bei ihm nicht kam. Seekrank wurde er nicht, er tummelte sich den ganzen Tag auf dem Schiff umher, schloß mit den meisten Passagieren gute Freundschaft, war allgemein beliebt und lernte, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, eine ganze Menge: Brocken fremder Sprachen, allerlei Hantierungen, die ihm später zugute kamen. Eingehen auf anderer Leute Eigenart, Beobachten fremder Nationalitäten. Spät abends warf er sich müde auf sein Lager und schlief den traumlosen Schlummer gesunder Jugend.

Die fremdländische Welt Südamerikas versetzte ihn zunächst in ungemessenes Erstaunen; er hatte daheim versucht, sich ein Bild seines neuen Lebens zu machen, allein dasselbe entsprach der Wirklichkeit in keinem Zuge. Onkel Georg, der tatkräftigste, unermüdlichste Mann, den man sich denken konnte, ließ dem Neffen zu ausführlichem Beobachten und zu stillem Staunen wenig Zeit, – er nahm ihn überallhin mit, ließ ihn lernen, lernen, theoretisch und praktisch, mit und ohne Unterweisung, von der Pike auf, so daß der deutsche Knabe kaum zur Besinnung kam. Heute auf dem Kontorstuhl in Pernambuco sitzen und rechnen, morgen einen Negertransport meilenweit ins Land hinein überwachen helfen, übermorgen beim Ernten des Zuckerrohrs eine Rolle spielen – in dem sonnengebräunten, schneeweiß gekleideten jungen Pflanzer mit dem riesigen Schutzhut, aus leichtem Bast geflochten, hätte niemand sobald den schlanken Obersekundaner wiedererkannt, der in W. seine Bücher und Hefte zur Schule trug.

Im ganzen vertrugen sich Onkel und Neffe Georg gut miteinander – vertrugen sich besser, als sie sich verstanden. Der Onkel hatte sich das Deutschreden völlig abgewöhnt – mit dem Schreiben ging's zur Not noch – er war ganz Spanier geworden, und seine Unterhaltung mit dem deutschen Neffen hatte einen ganz kuriosen Charakter; das gab sich aber bald; denn Georg der Jüngere sah ein, daß er in möglichst kurzer Zeit die Landessprache lernen müsse, und so »paukte« er spanische Grammatik und radebrechte unverdrossen mit den Leuten, bis er sich zur Not verständigen, dann sich ziemlich gut ausdrücken, endlich geläufig reden konnte.

Und das Heimweh?

Das schlief in einem Winkel seines Herzens, wagte sich nur zuweilen hervor und wurde rasch wieder beschwichtigt und zur Ruhe gebracht. »Es hilft zu nichts – also darf es nicht sein!« sagte sich Georg mit festem Entschluß, und in seinen Briefen an die Seinigen betonte er nur immer wieder, wie gut er es habe, wenn auch nicht ganz leicht, und wie »riesig interessant« sein jetziges Leben sei. Da kam – er mochte etwas über zwei Jahre in Südamerika sein – eine Trauerbotschaft von daheim: Bruder Eduard war gestorben. Sein vom Vater ererbtes Lungenleiden hatte plötzlich unheimliche Dimensionen angenommen, Onkel Georg hatte schleunigst Geld zu einem Aufenthalt in Meran geschickt, aber bereits in der dritten Woche seines dortigen Aufenthaltes war der blasse, junge Mensch sanft hinübergeschlummert.

Unerwartet kam Georg diese Nachricht nicht. Der ältere Bruder war immer sehr schwächlich gewesen, die Mutter hatte oft sorgenvoll vor sich hingeseufzt: »Der bleibt mir nicht am Leben! Den behalte ich nicht mehr lange, der hat seines armen Vaters Krankheit!« Dennoch nahm Georg sich die Kunde sehr zu Herzen, ging für längere Zeit stiller und nachdenklicher umher als sonst, und grübelte über jeden brüderlichen Zwist, den er herbeigeführt, über jedes rauhe, unbedachte Wort, das er dem stillen Eduard gesagt hatte.

Aber das Leben ging seinen Gang weiter, bewegt und abwechselungsreich, die Verantwortung mehrte sich gleich der Arbeit, und Georgs vielseitige Tätigkeit forderte den ganzen Menschen. Er war beinahe schon ganz getröstet, als eine neue Nachricht aus der alten Heimat anlangte, diesmal ganz unerwartet; das lustige Trudchen war einem typhösen Fieber zum Opfer gefallen – in wenigen Tagen gesund und tot!

Diesmal bedurfte es bei Georg viel längerer Zeit, bis er sich beruhigte. Er konnte es gar nicht verstehen, nicht fassen, wie das hatte kommen können! Die kleine Schwester stand ihm so rosig, so blühend in der Erinnerung, daß er es kaum glauben konnte, sie solle tot sein! Das Kind war ihm sehr lieb gewesen, er hatte in der Stille allerlei Pläne an seine Zukunft geknüpft. Trude würde ein sehr hübsches Mädchen werden, der Onkel müsse sie »hinüberkommen« lassen, sobald sie erwachsen sei, und sie würde einen von diesen schwerreichen jungen Spaniern heiraten, die um Pernambuco herum ihre ausgedehnten Besitzungen hatten und wie die Fürsten auf ihrer Hazienda lebten. Daß die Mutter der einzigen Tochter nachfolgte, verstand sich wohl von selbst – die sollte dann endlich auch ein anderes Leben kennen lernen als die ewige Plage und Arbeit von früh bis spät!

Nun lag das rosige, hübsche Kind im stillen Grabe, und die schönen Zukunftspläne waren vernichtet!

Dem übers Meer gezogenen jungen Menschen blieb jetzt nur noch, die Mutter, und seltsam war es, wie er sich fortan viel in seinen Gedanken mit ihr beschäftigte, einen förmlichen stillen Kultus mit ihr trieb. Er sah die vor der Zeit gealterte Frau in ihrem schlichten Trauerkleid auf den Friedhof gehen – ach, sie hatte nur ein Kind dort schlummernd, das andere schlief fern in Meran! – sich neben den blumigen Hügel setzen und traurig all der begrabenen Hoffnungen denken, die dies Grab umschloß. Wieviel kann gerade eine heranwachsende Tochter einer verwitweten Mütter sein! Und das Trudchen war eine so kleine Schmeichelkatze gewesen, so ein herziges, frohes Kind! Wie der einsamen Frau wohl ums Herz sein mußte, wenn sie vom Friedhofe nach Hause ging und sie unterwegs Mütter traf, die ihr zwölf- bis dreizehnjähriges Töchterchen neben sich hatten! Und wie sie sich verlassen fühlen mußte in ihrer stillen Häuslichkeit! Kein buntes Kinderkleid an der Wand hängend, kein vergessenes Strickzeug, kein beiseite geworfenes Schulbuch mehr wegzuräumen, kein Schelmengesichtchen, das zum Fenster hereinsah und lachte – alles so öde – so lautlos! Da sanken denn die ehemals so unermüdet tätigen Hände wohl schlaff nieder. – Für wen denn noch arbeiten? Für wen noch schaffen?

Georg Unger beschäftigte sich sehr ernstlich mit dem Gedanken, nach Deutschland zurückzugehen und bei der Mutter zu bleiben. Aber welche Stellung hätte er daheim einnehmen sollen? Der Onkel hatte, ihn »angelernt« – gewiß – aber auf seine eigene Art und Weise, in einer Methode, die sicher kein einziger deutscher Kaufherr verstanden, geschweige denn gebilligt haben würde. Es war überhaupt gar keine »Methode« gewesen. Georg war nicht Disponent, nicht Prokurist, nicht Kassierer oder Korrespondent, er war etwas von dem allen, verstand auch fließend spanisch und englisch zu reden, wußte mit den Zuckerplantagen und Magazinen Bescheid – wie aber all dies in Deutschland verwerten? Die Mutter herüberholen? Ob sie wohl kommen, sich in ihren vorgerückten Jahren von der alten Heimat, ihren wenigen Freunden, dem Grabe des Gatten und dem der Tochter trennen würde? Der amerikanische Bruder war ihr völlig fremd geworden, von dem Sohne würde sie wenig genug haben, da seine vielseitige Tätigkeit ihn stark beanspruchte. Allein auf sich angewiesen in dem fremden Lande, mußte die alte Frau das Heimweh fassen – – – und was dann?

So verging in Zaudern und Überlegen wieder ein neues Jahr. Georgs Briefe wurden häufiger und wärmer – die der Mutter kamen immer spärlicher. »Kind, Du weißt doch, ich bin nie eine flinke Briefschreiberin gewesen,« hieß es, »und in letzter Zeit will die Feder gar nicht vom Fleck. Du brauchst deswegen nicht zu denken, daß ich krank bin – nein, das nicht! Du mußt Dich um mich alte Frau überhaupt nicht so »haben«, lieber Sohn, wir stehen alle in Gottes Hand! Wie er will!« – –

Ja, wie Gott will! Und er wollte, daß die einsame Mutter heimgerufen wurde zu denen, die vor ihr hingegangen waren. Still und schmerzlos schlummerte sie hinüber, und die Kunde von dem dritten Trauerfall ging über den Ozean.

Losgelöst von allen Heimatbanden! Allein in der weiten Welt! Es war dem jungen Menschen zumute, als er die Nachricht erhielt, wie wenn ihm die Stelle in der Brust, wo sonst ein warmes, junges Herz geschlagen hatte, plötzlich eiskalt und leer geworden war. Ohne Geschwister – es hatte ihm sehr weh getan, aber er hatte es ertragen lernen müssen. Ohne Mutter – was sollte er auf der Welt, wenn sie nicht mehr da war?

Onkel Georg war es leid um die Schwester, leid auch um den Neffen, aber er verstand es nicht, seine Teilnahme in Worte zu kleiden. Der echte matter of fact man, dem Erfolg und Gelderwerb im Leben alles bedeutet, fand er sich mit bestehenden Tatsachen in seiner raschen, praktischen Weise ab. »Sterben müssen wir alle – wohl dem, der im Leben genützt hat und seine Stellung ausfüllen konnte. Das hat sie getan nach besten Kräften, das muß dich trösten, Junge!«

Ach, jawohl, das war leicht gesagt! Georg verzichtete darauf, den Onkel mit seinem nagenden Schmerz, mit seiner heißen Sehnsucht vertraut zu machen. Er arbeitete von früh bis spät, er leistete so viel, daß selbst der anspruchsvolle Oheim zufrieden sein mußte, aber es war nicht die Freude an der Tätigkeit allein, die ihn dazu trieb; müde mußte er werden – todmüde, daß er fast über seine Füße fiel, wenn er schlafen sollte und im traumlosen Schlummer Vergessenheit finden. Die Mutter und die Heimat konnte er darum doch nicht verschmerzen!

In den langen Jahren, die seit dem Tode seiner Mutter vergangen waren, hatte Georg Unger immer nicht dazu kommen können, einmal nach Deutschland »hinüberzugehen«, wie es doch sein heimlicher brennender Wunsch war. Die Geschäftsverbindungen erforderten keine derartige Reise, und sonst – wie hätte Georg sie vor dem Onkel motivieren sollen? Sehnsucht nach einer kleinen deutschen Stadt und nach ein paar Gräbern – – er wußte genau, daß sein Pflegevater ihn mit bedauerndem Kopfschütteln gefragt haben würde, ob er etwa den Sonnenstich bekommen oder auf sonst irgend welche Weise seinen gesunden Menschenverstand eingebüßt hätte! Zu reisen bekam er genug – nach Santos, Rio de Janeiro, auch nach Nordamerika hinein. Großartige Städtebilder, pittoreske Landschaften rollten sich vor ihm auf, er kam sich selbst zuweilen lächerlich vor mit seiner Sehnsucht nach der alten Heimat, in der es doch kein Zuhause mehr für ihn gab – für immer abtun ließ sich diese Sehnsucht darum doch nicht!

Onkel Georg war ein sehr alter Mann geworden, immer aber noch rüstig. Er ließ den Neffen jetzt viel selbständig schalten und walten, behielt sich nur den Oberbefehl über ganz wichtige Dinge vor. Über seine Zukunftspläne ließ er »Georg den Zweiten« nicht im unklaren. Wollte der Neffe gelegentlich etwas waghalsig vorgehen, sich in Unternehmungen einlassen, deren Tragweite sich nicht recht übersehen ließ, so hieß es wohl: »Dummer Kerl, so nimm Vernunft an! Wenn so und soviel bei der Geschichte verloren geht, so ist das dir aus der Tasche genommen! Der Mensch muß sich doch auf seinen Vorteil verstehen, er darf sich selbst nicht zum Schaden arbeiten!«

Dreiundzwanzig Jahre waren verflossen, seitdem der schmächtige, fünfzehnjährige Knabe damals von W. abgefahren war; in dem großen, breitschultrigen Mann mit dem Bronzegesicht und der stolzen Kopfhaltung hätte ihn wohl kaum die eigene Mutter, wäre sie noch am Leben, wiedererkannt. Er hatte übrigens viel von dieser Mutter, die zielbewußte Pflichttreue, die erstaunliche Arbeitskraft, die rasch zufassende Intelligenz, zum Glück auch die robuste Gesundheit. Ob wohl die Mutter auch in ihrem Gemüt so weich, so hingebend gewesen war und nur dem eisernen »Muß« zuliebe alle nutzlosen Gefühlsanwandlungen erfolgreich unterdrückt hatte?

Liebesabenteuer hatte Georg Unger einige erlebt, eins davon hatte um ein Haar mit einer Heirat abgeschlossen; es war eine sehr hübsche kokette Kreolin im Spiel gewesen, die sich den wohlhabenden Deutschen einfangen wollte. Dem waren noch in zwölfter Stunde über die wohlwollende Absicht die Augen aufgegangen, – und sowohl er als auch die Kreolin, waren um eine wertvolle Erfahrung und eine etwas, peinliche Erinnerung reicher. Der Oheim ermunterte zuweilen den Neffen, zu heiraten, aber da er selbst ihm mit so schlechtem Beispiel vorangegangen war, so fielen diese gelegentlichen Ermahnungen auf unfruchtbaren Boden.

Da traf plötzlich ein Brief in Pernambuco ein an Herrn Georg Unger, ein deutscher Brief mit dem lange, lange nicht gesehenen Stempel der Heimatstadt. Ein gewisser Justizrat Hein zeigte dem höchst erstaunten Plantagenbesttzer an, Herr Jakob Anton Kordeleit in W. sei vor etwa vierzehn Tagen verstorben und habe in seinem rechtskräftig abgefaßten Testament ihn, Herrn Alfred Waldemar Georg Unger, wohnhaft zu Pernambuco in Südamerika, zu seinem Universalerben ernannt. Äußerst wünschenswert wäre es nun, so sagte der Brief des Juristen weiter, wenn sich besagter Universalerbe persönlich in W. einfinden würde, es seien eine Menge Legate da, Grundbesitz, Mobiliar, verschiedene zum Teil kostbare Sammlungen, Man würde eine Masse von Weitläufigkeiten vermeiden und viel Geld sparen, wenn Herr Unger sich entschließen könnte, die Angelegenheit selbst zu ordnen.

So erstaunt Georg war, sich als Erben des vergessenen und verschollenen Herrn Kordeleit zu sehen, den er selbst in seinen Knabenjahren kaum gekannt hatte – sein Entschluß, »hinüberzugehen«, stand augenblicklich fest. Selbst der Onkel fühlte sich verpflichtet, ihm noch zuzureden. Wo Geld auf dem Spiele stand, siegte sein praktischer Sinn über jede sonstige Bedenklichkeit. Er ließ sich von dem Neffen genau über alles instruieren, was dieser auf eigene Hand unternommen hatte, und in verhältnismäßig kurzer Zeit saß Georg auf dem Dampfer und fuhr nach Hamburg. Dort hielt er sich nur wenige Tage auf, gerade so lange, wie seine geschäftlichen Verbindungen dies erforderten. Es zog ihn – zog ihn wie mit Händen hinüber nach seiner Heimat.

Und jetzt wehte ihn durch das herabgelassene Fenster bereits die Heimatluft an – warm und feucht, von dem leicht aufsteigenden Wasserdunst gesättigt. In hellem Grün prangten die Bäume am Wegesrand, die Birken wehten ihm den Willkommensgruß zu mit ihren lichten Schleiern – und nun, da eben der Zug dicht neben einem Wärterhäuschen still hielt – rief da nicht der Kuckuck aus dem jungen Gehölz am Wege? Wahrhaftig! Träumerisch noch und wie verschlafen, aber vollkommen deutlich kam es herüber: »Kuckuck – Kuckuck.« Georg atmete tief und drückte die Augen ein. Klang nicht von fern, fernher ein keckes Stimmchen an sein Ohr:

»Kuckuck, sag' eben.
Wie lang' soll ich noch leben?«

Es hatte nicht viele Jahre mehr zu verzeichnen gehabt, das kleine, lachlustige Trudchen!

»Hören Sie mal, ich glaub' wahrhaftig, ich habe geschlafen! Ne, aber so was!« Der dicke Weinhändler reckte und streckte sich, rieb sich die Augen und gähnte so gewaltig, daß ihm beinahe die Tränen kamen. »Nehmen Sie mir schon nicht übel, daß ich so gottesjämmerlich gähnen muß. Meine Frau schilt mich jedesmal, sie sagt, es schickt sich nicht. Na aber, wenn ich doch nicht anders kann! Der Tausend! Ist ja schon ganz bekannte Gegend! Sind ja gar nicht mehr weit von W. Sie kennen das hier herum nicht – was?«

»Nein – gar nicht!« Georg sprach die Wahrheit. Es sah ihm hier alles fremd aus – alles! Dreiundzwanzig Jahre in der Fremde gewesen! Beinahe ein Menschenalter hindurch!

»Was ich doch noch fragen wollte – ja, ja, ja! Wo gedenken Sie abzusteigen in W.?«

»Keine Idee. Ich wollte Sie bitten, mir freundlichst ein Hotel zu nennen!«

»Na, daran fehlt's nicht, wir haben ja mehrere!« Die blinzelnden Äuglein des feisten Herrn gingen über den schlichten und doch eleganten Touristenanzug seines Gegenübers hin, über die modischen braunen Lederschuhe, das nach Juchten duftende Handkofferchen, die feine Tasche mit dem großen Monogramm.

»Wenn ich Ihnen raten darf, versuchen Sie's im »Goldenen Adler«! Hübsche, hohe Zimmer, flinke Bedienung, vorzügliches Essen. Auf die Preise wird es Ihnen doch wohl nicht so ganz besonders ankommen.«

»Nicht so sehr!«

»Na also! Dach' ich mir! Ich empfehl' den »Goldenen Adler« nicht nur darum, weil er seine Weine von mir nimmt – wissen Sie, so was fänd' ich kleinlich! Nein, aber das Hotel ist wirklich gut!«

»Ich zweifle nicht daran und danke Ihnen sehr!« »Nicht Ursach'! Und wenn Sie da Lafitte trinken, dann werden Sie an mich denken! Ich sag' nichts weiter! Das Weinchen lobt sich selbst!«

Georg Unger sagte auch nichts weiter, und der Zug setzte sich von neuem in Bewegung.

Es war mittlerweile ganz hell geworden. Die Sonne mußte schon herauf sein, ein ansehnlicher, gegen Osten hingebreiteter Buchenwald entzog einstweilen die Tageskönigin den Blicken der Reisenden. Über den Spitzen der Bäume aber hing es wie ein feiner, rosiger Duft, der rasch in eine leuchtende Goldfarbe überging und die Buchenwipfel wie in Flammen badete. Oft, oft hatte Georg »drüben« die Sonne aufgehen sehen, und welche fremde, märchenhafte Wunderwelt hatten ihre Strahlen ihm gezeigt ... aber der deutsche Buchenwald und die Heimat waren nicht dabei gewesen! Der Bahnzug beschrieb jetzt eine ansehnliche Kurve ... Da hing der glühende Sonnenball gleich einer lodernden Fackel seltsam nahe und seltsam niedrig über einem hellgrünen, leise im Morgenwinde schwankenden Kornfeld und spiegelte sich weiterhin in der klaren Wasserfläche eines mäßig großen Sees, dessen Ufer von manneshohen Schilfstauden eingefaßt war.

»Da haben wir die Wahrzeichen unserer Gegend, von denen ich Ihnen sagte!« bemerkte der Weinhändler nicht ohne einen gewissen Stolz. »Wasser und Wald! Sieht sich nicht so übel an, sollt' ich meinen!«

Georg nickte nur. Rechtshin am Horizont dämmerten Türme in der Ferne auf – wie Schemen schwebten sie in der klaren, stillen Morgenluft, aber der »Amerikaner« kannte sie gut, die schlanken, spitzen Türme der Nikolaikirche, die Kuppel des alten Domes, die »Nadeln« des Rathauses ... Gott, Gott, wie weit, weltenweit lag ihm seine Kindheit, seine Jugend!

»Da ist schon unser W. zu sehen!« erklärte der dicke Herr wichtig. »Paar feine, alte Kirchen – dann das Rathaus, die neuen Markthallen, das Gesellschaftshaus – müssen sich das alles ansehen. Mir kommt es immer vor, als wenn das Ganze zu mir gehört, so'n Stück von mir selbst ist – man ist da eben mit der Zeit so hineingewachsen!«

Der Zug hielt noch an zwei kleinen Stationen. Georg ertappte sich auf einer zehrenden inneren Ungeduld, die ihn doch wieder wundernahm. Wer erwartete ihn denn in W.? Auf wen hätte er sich freuen können? Warum nicht kaltblütig abwarten, bis er sich am Ziele fand?

Aus dem goldigen Dunst, der das ferne Stadtbild umhüllte, wuchsen mit der Zeit feste Formen heraus. Bei einer neuen leichten Krümmung des Weges wurde der See sichtbar; er rollte sich auf wie ein ungeheures Blatt Silberpapier, von der nun siegreich emporsteigenden Sonne mit einem schwachen Purpurschein übergossen. An den Ufern schwebte noch schemenhaft der Nebel hin, huschte scheu die mit saftigem Grün bestandenen Böschungen entlang. Hier und dort standen verstreute Häuschen – jetzt kamen regelmäßig hingestellte Gebäude, eine ganze Straßenflucht. Das war früher alles nicht gewesen. Die Stadt hatte sich ausgebreitet, griff mit gestreckten Armen vor sich her, rechtshin, linkshin, zog alles in ihr Bereich, was früher unberührte, urwüchsige Natur gewesen war.

Stattliche Fabrikgebäude wurden sichtbar. Natürlich! wo wären die denn nicht zu finden gewesen, diese Merksteine einer im Sturmschritt vorwärtshastenden Kultur? Verschwindend klein und schlicht gegen die Kolosse, die Georg Unger täglich drüben in Amerika gesehen, ihm aber doch so fremd, so störend in dem Heimatsbilde, wie seine treue Erinnerung es festgehalten hatte, daß er mit einer einzigen wegräumenden Handbewegung alles hätte beiseite schieben mögen, was ihm da »im Wege stand«, um den ursprünglichen Charakter wieder herzustellen. – Unter Dampfen und Schnauben fuhr der Zug endlich in eine neue geräumige Bahnhofshalle ein. Der dicke Weinhändler suchte sein Gepäck zusammen.

»Hotelomnibus zum ›Goldnen Adler‹ finden Sie an der Bahn. Hoffe, mit meiner Empfehlung des Gasthauses Ehre einzulegen. Adieu, mein Herr – habe die Ehre! Sehr erfreut gewesen, Ihre Bekanntschaft zu machen! Wollen W. wohl bald wieder verlassen? Würde Sie sonst bitten, mir die Freude Ihres Besuches zu schenken – Sperlingsgasse achtundzwanzig! Ja, ja, ja – man kann nie wissen, wie so alles im Leben herumkommt!«

»Das weiß Gott! Man kann nie wissen!« wiederholte Georg beinahe feierlich.

Mit einem jähen Ruck hielt der Zug. Eine der ersten Erscheinungen, die dem Aussteigenden in der Halle ins Auge fielen, war der Hoteldiener des »Goldenen Adlers«, der mit devot abgezogener Mütze die Weisung des Fremden entgegennahm, mit dem Gepäck vorauszufahren – der Besitzer dieses Gepäckes wollte zu Fuß in etwa einer halben Stunde nachfolgen und bitte um ein warmes Frühstück in englischem Stil: »Tee – gebackenen Schinken – flaumweiche Eier – geröstetes Weißbrot und Butter – Sie werden ja Bescheid wissen!«

»Sehr wohl, mein Herr! In einer halben Stunde also!«

»In einer guten halben Stunde!«

Georg stand unschlüssig, sah dem davonrollenden Wagen nach, gewahrte, wie der Weinhändler in eine kleine einspännige Droschke stieg und davonfuhr. Es war ihm alles neu, alles fremd. Diesen Platz, diese Straßen hatte es vor dreiundzwanzig Jahren nicht gegeben. Welchen Weg hatte er zu nehmen? Gleichviel, das würde sich finden! Den »Goldenen Adler« kannte hier sicher jedermann! – Er kreuzte den Platz und bog aufs Geratewohl in eine der daranstoßenden Straßen ein, die mit hübschen Gebäuden im Villenstil besetzt war.

Alles still und unbelebt in dieser Straße. Verstand sich von selbst, es war ja noch so früh! Heruntergelassene weiße Vorhänge an den Fenstern, hier und da gestickte Stores. Das bißchen Leben, das der eben angekommene Bahnzug mitgebracht hatte, verlief sich rasch; außer ein paar verschlafen aussehenden Bäckerjungen, einem Milchwagen, der langsam über das Pflaster stolperte, und einem verdrossen dahertrottenden Zeitungsausträger war weit und breit nichts zu erblicken.

Schon wollte das weich aufwallende Gefühl der Heimatsliebe, das von Georg Besitz ergriffen hatte, einer bedenklichen Ernüchterung weichen – – da, mit einem Male blieb er wie gebannt stehen und lauschte: es fingen Kirchenglocken an zu läuten. Dieselben Glocken waren es, die er als Knabe grell und unmelodisch genannt hatte, und sie konnten es in dreiundzwanzig Jahren nicht gelernt haben, lieblich zu tönen – aber ihm gab der altvertraute Klang einen Schlag aufs Herz, daß ihm fast der Atem aussetzte. Die ersten Zeilen eines Gedichtes kamen ihm in den Sinn, das er einst vor langen Jahren gelesen hatte:

»Und ich liebe sie doch! –
Dumpf und trübe nannte ich einst
Die Glocken der Heimat!
Doch heute, da klingen sie über das Meer
So wehmutselig – so wunderbarlich,
Daß auch mein lachendes Herz
Ihr Echo wird!«

Er hatte sie klingen gehört über das Meer – wie oft – wie oft! Und wie er jetzt dastand, das Haupt gebeugt, und lauschte, sah er im Geist eine dürftig gekleidete, vor der Zeit gealterte Frau des Weges daherkommen, die führte ein kleines, niedliches Mädchen an der Hand, das immer wieder ermahnt werden mußte, man dürfe auf dem Wege zur Kirche nicht hüpfen, sondern müsse hübsch verständig und langsam gehen – und hinter den beiden schritten zwei kaum dem Knabenalter entwachsene Jünglinge, etwas unwillig, weil es wieder in die Kirche ging, etwas verlegen, weil sie ein Gesangbuch tragen mußten, sorgfältig nach rechts und links ausspähend, ob man auch keine Bekannten träfe, vor allem keine Schulkameraden, die sich über die »Frömmigkeit« von Ungers »Alten« aufhielten – – und die Kirchenglocken läuteten! Weder der Bäckerjunge noch der Zeitungsausträger beachteten den Fremden, der wie angewurzelt mitten auf der Straße stand und horchte, aber hätten sie es getan, er würde ihrer nicht geachtet haben. Die alten Kirchenglocken sangen ihm einen Gruß, daß ihm das Herz zitterte vor Sehnsucht und vor Schmerz. Wieder daheim, endlich, aber fremd geworden und allein!

Der Vormittag verging für Georg Unger in Verhandlungen mit Justizrat Hein, in welchem er einen verständigen, etwas nüchternen Juristen fand. Das rasch zufassende Verständnis und die praktische Art des »Amerikaners« gefielen wiederum dem Beamten gut, und die Manier des Fremden, den Kostenpunkt rasch zu erledigen und jedem zu seinem Rechte zu verhelfen, ließ den Justizrat doppelt froh sein, diesen Mann hier herüberzitiert zu haben – die Angelegenheiten wickelten sich ab wie am Röllchen.

Haus und Garten des verstorbenen Rentiers Kordeleit waren gleichfalls Eigentum Georg Ungers geworden. »Das Haus ist alt, ziemlich baufällig, entspricht in keiner Beziehung den Anforderungen der Jetztzeit!« warf der Justizrat gesprächsweise hin. »Sie müssen natürlich trachten, den alten Kasten baldmöglichst loszuschlagen – der Kaufschilling wird immerhin nicht ganz unbedeutend sein; denn es ist viel Terrain da; das Haus selbst ist weitläufig angelegt, vor allem aber gehört ein großer Garten dazu – natürlich alles drin verfallen und verwildert; der alte Herr hatte sein Geld zu lieb und ließ alle fünf gerade gehen. Vorstellungen nützten da nichts, im Gegenteil, gossen nur Öl ins Feuer!« »Waren Sie eigentlich mit dem alten Kordeleit befreundet, Herr Justizrat?«

»Befreundet? I wo! Kein Gedanke dran! Der wunderliche alte Kauz hatte nur einen einzigen Freund auf der weiten Gotteswelt, auf den er sich fest verlassen konnte, wie er zu sagen pflegte – und dieser einzige Freund war er selbst! Bis vor kurzem hatte er so 'ne Art Umgang mit einer Familie Junius hier – bißchen heruntergekommene Leute, aber durchaus nett und anständig. Das ging so lange, bis der Verstorbene mal mit Junius, dem Vater, zusammenprallte – weshalb, das hat niemand erfahren! – und zwar gleich so, daß sie sich nicht mehr sehen konnten. Junius betrat das Kordeleitsche Haus nicht mehr, und der Alte ging überhaupt nicht aus; wer etwas von ihm haben wollte, der mußte zu ihm kommen.«

»Weiß dieser Herr Junius, daß ich Herrn Kordeleits Universalerbe geworden bin?«

»Gott bewahre – Gott bewahre! Der Alte hatte schon vor Jahren testiert, sich natürlich Kodizille, Änderungen etc. vorbehalten. Na, nach dem Krach mit Junius hat er dann von diesem Rechte Gebrauch gemacht, hat auch 'nen Brief an Sie, Herr Unger, geschrieben, der versiegelt zu den Akten gekommen und natürlich nur in Ihre Hände niederzulegen ist!«

»Kann ich den Brief haben?«

»Aber gewiß! Wenn Sie heute gegen Abend Ihr neues Besitztum inspizieren, schicke ich Ihnen den Brief durch den Boten hinüber.« – – – – – – –

Die Stadt W. war weder so klein noch so kleinstädtisch, wie Georg sie in der Erinnerung hatte. Er hatte gefürchtet, rasch aufzufallen, die Neugier der guten Bürger zu erregen, als mutmaßlicher Erbe des alten Kordeleit angestaunt, beneidet zu werden. Nichts von alledem geschah. Seine Ankunft im »Goldenen Adler«, das wirklich ein empfehlenswertes Hotel war und eine ganz ansehnliche Fremdenliste aufwies, blieb ziemlich unbeachtet, man bediente ihn gut und aufmerksam, war aber anscheinend an überseeische, fein auftretende Gäste gewöhnt, und wenn Georg durch die Straßen schritt, so kehrten sich durchaus nicht die Menschengesichter mit der stummen Frage: »Wer bist du, und was willst du hier?« nach ihm um. Hier und da musterte ein ihm entgegenkommendes Individuum, zumal weiblichen Geschlechts, seine imponierende Erscheinung mit diskretem Wohlgefallen, aber das war ihm schon recht häufig passiert, selbst »drüben« in Amerika, und er machte hier wieder die Erfahrung, daß dreiundzwanzig Jahre eine lange Zeit sind, die die Physiognomie einer Stadt gewaltig ändern, ihre Einwohnerzahl fast verdoppeln und die Leute an den Fremdenverkehr gewöhnen können. Der alte Kordeleit war der jetzigen Generation beinahe fremd und jedenfalls ganz gleichgültig geworden. Früher hatte er samt seinen Sonderbarkeiten und seinem Gelde in W. eine Rolle gespielt, war beobachtet und bekrittelt worden. Dem heutigen Geschlecht war er nur eine Mythe, und wenn der dicke Weinhändler gegen Georg Unger behauptet hatte, ganz W. habe den alten Grobian gekannt und sei stolz auf ihn gewesen, so konnte er damit höchstens die älteren Leute meinen, oder er hatte sich überhaupt einer gehörigen Übertreibung schuldig gemacht. Nach Tisch und einem beinahe zweistündigen Schlummer auf dem bequemen Sofa des Gastzimmers ging Georg Unger zum Friedhof hinaus. Er fand sich nicht ganz so geschwind aus dem Gewirr der Gassen und Gäßchen hinaus wie er es sich gedacht hatte, aber erst einmal zum Tor hinausgekommen, erkannte er sofort den altvertrauten Weg wieder, den er so oft mit Mutter und Geschwistern gegangen war, um das Grab des Vaters aufzusuchen.

Wieviel mehr weiße Steine, Gußeisenkreuze, grüne Gräber seit all den Jahren, die er in der Fremde zugebracht hatte, dazugekommen waren! Und neben dem Hügel des Vaters die beiden anderen Hügel, die die Mutter, die kleine Schwester bargen. Es wurde Georg schwer, fast unmöglich, sich vorzustellen, daß diese beiden, die er so lebensvoll verlassen, wirklich hier unten ruhten, es wollte bei ihm zu keinem rechten Gefühl der Trauer, der Andacht kommen. Unruhig und aufgeregt flatterten seine unsteten Gedanken hierhin, dorthin, so sehr er sich innerlich auch darum schalt, und wenn es ihm endlich mühsam gelungen war, sich das Bild der Mutter und der Schwester zusammenzustellen, so stob es unmittelbar darauf wieder auseinander, und dieselbe Unrast kam von neuem über ihn, diese quälende Sucht, an allerlei gleichgültige Dinge zu denken, während die Seele bestrebt ist, sich einem einzigen beherrschenden Gefühl hinzugeben.

Dazu kam, daß die Gräber in, ihrem Aussehen ernüchternd wirkten. Georg hatte regelmäßig in Pausen Geld zu ihrer Erhaltung und Pflege geschickt, sie sahen auch keineswegs vernachlässigt aus, aber poesielos, und ohne jeden Reiz. Steif und gerade, wie Soldaten, waren Blumen auf die Hügel gepflanzt, die weder in ihrer Farbe noch in ihrer Anordnung zueinander stimmten, man sah so recht die gleichgültige, bezahlte Hand, die maschinenmäßig ihre Pflicht getan. Georg hatte ein paar schöne Kränze aus dem größten Blumengeschäft mitgenommen und legte sie auf die Gräber; sie paßten aber wieder nicht zu dem bereits vorhandenen Schmuck, und es gab ein stimmungsloses Durcheinander, das den Augen wie dem Herzen wehtat. Er ging schließlich zur Stadt zurück, erfragte den besten Gärtner und besprach mit diesem ausführlich eine Erneuerung des Gräberschmuckes »von Grund aus«, wobei das Geld nicht gespart zu werden brauchte.

Als er sich gegen Abend im Kordeleitschen Hause einfand, traf er dort einen Boten des Justizrats Hein an, der ihm die Tür öffnete, sämtliche Schlüssel übergab, sowie auch einige Papiere, von denen der Justizrat bereits mit ihm gesprochen, unter ihnen der mit einem altmodischen viereckigen Siegel versehene Brief des alten Kordeleit an seinen Universalerben – ein großes, steifes, etwas vergilbtes Kuvert, auf dem in wunderlich verschnörkelten, ein wenig zittrigen Zügen die Aufschrift zu lesen war: »An Herrn Georg Unger. Wohlgeboren. Zur Zeit Pernambuco. Südamerika. Nach meinem Tode eigenhändig zu öffnen und allein zu lesen.«

Georg lohnte den Boten ab, begleitete den Mann bis zur Haustür, schloß hinter dem Davongehenden ab und blieb in seinem neuen Eigentum allein.


Es sah alt und ziemlich verwahrlost aus, dies »neue« Besitztum. Ein ungeheurer Hausflur, in dem es nach Staub und Moder roch, breite ausgetretene Treppenstufen, die ins obere Stockwerk führten und die bei jedem Schritt knackten und krachten, die Zimmer groß, unwohnlich, dürftig möbliert, die Dielen ausgetreten, ganze Säulen tanzender, wirbelnder Stäubchen in den breiten Sonnenbahnen, die durch die ungeputzten Fensterscheiben hereinfluteten. Ab und zu ein alter Schrank mit schöner, geschwärzter Schnitzerei, ein nachgedunkeltes Bild in schweren Rahmen, ein blinder Kronleuchter mit seinen Kristallbehängen, das meiste aber steifer, geschmack- und wertloser Hausrat, für den der Trödler kaum ein paar hundert Mark zahlen mochte!

Georg war als Knabe ein paarmal in diesem Hause gewesen, um gelegentliche Bestellungen seiner Mutter auszurichten. Er war jedesmal ungern gegangen und unverbindlich empfangen worden. Der alte Kordeleit hatte das Kind nie zum Sitzen genötigt, ihm nie eine Frucht, ein Stück Kuchen oder ein Geldstück geschenkt, ihm nicht das mindeste Wohlwollen bewiesen – und jetzt mit einem Male stand dies längst zum Mann herangereifte Kind mitten im Hause des wunderlichen Alten und sollte dessen Erbe sein! Eine seltsame, unerklärliche, eine freudlose Erbschaft, die noch dazu etwas Bedrückendes hatte; denn Georg fielen eben die Worte des jovialen Weinhändlers ein: »Um die Juniussens tut mir's aber leid, sie haben so nette Kinder!«

Wie ein Eindringling erschien sich Georg diesen Leuten gegenüber, die den Verstorbenen in dessen letzten Jahren gekannt, ihm gewissermaßen nahegestanden hatten und denen dies Geld notwendiger war als ihm, dem südamerikanischen Plantagenbesitzer! – Der Schreibtisch des Verstorbenen! Ein altes Mahagonimöbel von ungefälligen, harten Linien. Wie unwillig drehte sich der Schlüssel im Schloß, es gab einen kreischenden Ton. Innen ein paar Fächer, Schubladen, mit kleinen Ringen zum Aufziehen versehen; Georg öffnete sie nacheinander: Rechnungen, Geschäftsanzeigen, ein Bauplan – nichts Nennenswertes weiter. Hier unten ein Brief in einer runden, festen Kaufmannshand.

»Sehr geehrter Herr!

Wir stehen seit Jahren in einem gewissen Verkehr, das heißt, ich tue Sekretärdienste bei Ihnen und besorge die geschäftlichen Angelegenheiten, die Sie, bei Ihrem Alter und Ihrer ausgesprochenen Abneigung gegen jeden persönlichen Kontakt mit Menschen, nicht selbst erledigen wollen.

Ich habe mich, das Zeugnis dürften Sie mir ausstellen müssen, niemals Ihnen aufgedrängt, Sie nie mit meinen Familienverhältnissen behelligt; Sie haben es, sehr geehrter Herr, auch freilich sorgfältig vermieden, mich jemals danach zu fragen. Wenn mich die bittere Not nicht zwänge, ich würde nie freiwillig zu Bekenntnissen schreiten, für die ich weder Interesse noch Teilnahme voraussetzen darf. Aber eben – leider – die bittere Not zwingt mich dazu!

Ich bin nicht länger imstande, die Meinigen zu ernähren. Schon zwei Quartale stundet uns die nachsichtige Güte unseres Hauswirtes die Miete; das dürfte nicht lange mehr geschehen. Beim Arzt, beim Apotheker habe ich nicht bezahlen können, was mich unsäglich peinigt und demütigt. Meine Frau ist fast immer krank. Meine älteste Tochter hat, mich gestern mit Tränen gebeten, sie rasch etwas Praktisches lernen zu lassen, sei es doppelte Buchführung oder Telegraphendienst – sie wolle durchaus selbst etwas Geld verdienen. Ich habe diese Bitte, so schwer es mir fiel, abschlagen müssen. Abgesehen davon, daß meine Tochter noch sehr jung und von zarter Gesundheit ist, abgesehen davon, daß ich ihr zur Erlernung irgend eines Berufes kein Geld geben kann – sie ist im Hause absolut unentbehrlich, sie ersetzt mir die Hausfrau, den jüngeren Geschwistern die Mutter; sie arbeitet von früh bis spät, es ruht alles auf ihren Schultern. Wie sollte sie die Zeit finden, stundenlang außer dem Hause einer anderen Beschäftigung nachzugehen! – Meine Söhne gehen zur Schule; der älteste, der sehr befähigt ist, hat eine Freistelle, die beiden anderen sollen bezahlen, und ich habe das Geld nicht. – –

Sehr geehrter Herr Kordeleit, ich flehe Sie an: helfen Sie mir in meiner Not! Sie werden fragen, wovon ich Ihnen ein eventuelles Darlehn wiedererstatten will – ich muß Ihnen antworten: ich weiß es nicht! Geben Sie mir mehr für Sie zu schreiben, zu arbeiten, zu tun – viel mehr noch als bisher! Es soll mir nichts zu schwer sein – – nur ich bitte, ich beschwöre Sie, lassen Sie es meine arme, kranke Frau, lassen Sie es meine unschuldigen Kinder nicht entgelten, daß ihr Gatte und Vater es nicht verstanden hat, ihnen eine sorgenlose Lebenslage zu schaffen.

Ich harre in Angst und Sorge Ihrer Entscheidung. Möge Gott Ihr Herz voll Mitgefühl sein lassen!

Stets Ihr hochachtungsvoll ergebener Ernst Junius.«

Georg ließ den Brief auf die Tischplatte fallen und sah mit gerunzelten Brauen vor sich hin.

War diese Zuschrift die Ursache gewesen, weshalb der Alte sich mit Junius entzweit hatte? Wahrscheinlich! Wie Georg den alten Mann in der Erinnerung hatte, würde er jede derartige Bitte, von wem sie immer kam und wie beweglich sie auch klang, unberücksichtigt gelassen haben. Der geängstigte Gatte und Vater war vielleicht in Person erschienen, hatte gebeten, war dringend geworden – und die Folge davon war der endgültige Bruch, dessen der Weinhändler Erwähnung getan hatte. Wer weiß – wenn Junius diesen Brief nicht geschrieben, wenn er den Alten nicht um Geld gebeten hätte – – vielleicht wäre er jetzt der Erbe dieses Vermögens geworden, das Georg Unger unerwartet in den Schoß fiel! Das Mißbehagen in der Seele des Mannes wuchs und wuchs.

Nichts weiter im Schreibtisch zu finden, weder rechts noch links. Nun noch den Brief des wunderlichen Erblassers! Das Siegel knirschte, der steife Bogen faltete sich auseinander. Es waren nur wenige Zeilen:

»Herrn Alfred Waldemar Georg Unger z. Z. Pernambuco in Südamerika.

Ich werde mein bisheriges Testament umstoßen und Sie zu meinem Universalerben ernennen. Das wird Sie befremden. Ich habe aber meine Gründe dafür. Ich habe Sie nicht aus den Augen verloren, obwohl Sie in Amerika sind und ich in Deutschland lebe. Ich weiß, daß Sie kein Verschwender sind, daß Sie arbeiten gelernt haben und den Wert des Geldes zu schätzen wissen. Mein Geld soll keinem Hungerleider zugute kommen, sondern einem Menschen, der zu erwerben und zusammenzuhalten versteht.

Jakob Anton Kordeleit.«

 

Da war es: »Mein Geld soll keinem Hungerleider zugute kommen!« Mit dieser Bezeichnung war Junius gemeint, es war kein Zweifel. Wie oft, wie oft hat schon die Bitte um ein Darlehn das bißchen sogenannte »Freundschaft« zwischen zwei Menschen über den Haufen geworfen!

Georg Unger schloß die Klappe des Schreibtisches zu und atmete schwer. Ihm war, als würde die Luft zu eng, zu bedrückend in dem dumpfigen, seit lange nicht gelüfteten Räume. Oder war es nur diese Erbschaft, die ihn so bedrückte? Er wußte den Wert des Geldes zu schätzen, jawohl! Aber dies Geld, das einem anderen, der darbte, entzogen wurde, um ihm zugewendet zu werden, von einem fremden, harten, alten Mann, dies Geld, das ihm wie zum Hohn in den Schoß geworfen wurde: »Da, nimm du es meinetwegen, obgleich du mir fremd und gleichgültig bist – nimm es, nur damit es der andere nicht bekommt!« – – Konnte das ihn freuen? Konnte darauf Segen ruhen?

Er war zum Fenster getreten, riß es weit auf, den zweiten Flügel gleichfalls – die hereinströmende, weiche Sommerluft nahm den Druck auf seiner Brust nicht von ihm. Aber zugleich mit dieser Luft flutete eine breite Welle goldroten Sonnenlichtes in das unwohnliche Zimmer, solches intensive Sonnengold, wie der Abend es mit sich bringt, dem die Tageskönigin alle Gluten und alle Farbenpracht schenkt, ehe sie scheiden muß. Georgs wandernder Blick fiel auf ein junges, prangendes Laub, auf Busch und Baum – ein Stück des verwilderten Kordeleitschen Gartens lag vor ihm. Hinaus aus dem Zimmer – hinaus in den Garten! Vielleicht wurde ihm im Freien leichter ums Herz; er nahm sich nicht mehr die Zeit, seinen Hut mitzunehmen, den er in einem der anderen Zimmer achtlos auf einen Tisch geworfen hatte.

Ein säuselnder Hauch, der leisen Rosenduft auf seinen Schwingen trug, hob dem Hinaustretenden leicht das Haar von der Stirn empor. Der vernachlässigte Garten lag da wie in flüssiges Gold gebadet. Der Flieder hatte abgeblüht, die Obstbäume trugen nicht mehr ihr duftiges, weißes Kleid. Dafür prangte Schneeballenstrauch und Goldregenbusch in üppigem Flor, der Jasmin entfaltete seine weißen Blüten, rosa und gelbe Akazien ließen ihre vollen Traubendolden herniederhängen, und die zarte Rose »Mädchenerröten« schloß zu Hunderten ihre lieblichen Kelche auf.

Die ausgedehnten Glasflächen waren überreich mit Gänseblümchen, mit Maßliebchen und Tausendschön durchflickt, von den wenigen, hier und da eingestreuten, ungepflegten Blumenbeeten nickten schwere weiße und tiefrote Nelkenbüschel.

Georg sah mit achtsamem Blick um sich. Erkannte er hier etwas wieder? Dort rechts hinüber das hohe, schmiedeeiserne Gitter, das hatte dazumal natürlich noch nicht existiert, dahinter lag sicher der Garten des reichen Weinhändlers, der sich inzwischen hier angekauft und niedergelassen hatte. Die Seite interessierte ihn nicht sonderlich. Aber die andere, die linke, wo »unser Garten« gewesen, war gar nicht groß, wahrlich nicht schön, und dennoch ein Stück Kinderparadies, in welchem selbst der traditionelle Apfelbaum nicht fehlte!

Mit so hastigen Schritten, als gelte es, etwas Verlorenes einzubringen, ging Georg quer über den blumigen Rasen, am blühenden Gebüsch vorbei – vorbei auch an einem alten verfallenen Gartenhaus, dessen er sich dunkel entsann. – Hier war noch der derbgezimmerte, plumpe Lattenzaun, rissig, baufällig, mit grünlichen Moosflechten überzogen, und dort, ganz am Ende des Zaunes, die mächtig ausladenden Zweige des alten Apfelbaumes, die weit in den Kordeleitschen Garten überhingen.

»Junge, wie sehen deine Hosen bloß aus! Hast du richtig schon wieder auf dem Apfelbaum gesessen? Und hast die Trude auch dazu verleitet? Da sind zwei Risse im Kleid; Kinder, Kinder, es ist nicht mit euch auszukommen, geht mal wieder ohne Abendbrot zu Bett für euren Ungehorsam!«

Ganz deutlich meinte Georg die scheltende Stimme der Mutter zu hören. Dafür vernahm er jetzt jenseit des Lattenzaunes ein Huschen und Trippeln; hier fehlte ja eine Latte, das gab einen bequemen Durchblick! Drei, vier helle Mädchenkleider, ein paar schlanke Gestalten, eine kleinere, untersetzte – braune und blonde Zöpfe, eine, die einen hübsch gewundenen, dicken Knoten trug in leicht gekraustem, dunklem Haar. Keins von den Mädchen sprach, sie gingen alle vier – nein, eine fünfte tauchte eben noch auf – mit gesenkten Häuptern bedächtig einher, bückten sich zuweilen und pflückten etwas; dann und wann klang es zu dem Lauscher hinüber wie ein verhaltenes Kichern. Johannisabend! Der alte, alte Brauch der »neunerlei Kräuter«, die man am Sonnenwendabende pflücken muß, ohne zu sprechen, über die Schulter ins Haus werfen und unter das Kopfkissen legen soll; was man dann träumt, soll Bedeutung haben für das kommende Jahr! Der »Südamerikaner« entsann sich der alten Sitte mit einem Schlage, er hatte als Junge oft genug die Mädchen verspottet und auf alle Weise zum Reden verleiten wollen, entrüstet darüber, wenn es ihm nicht gelang, und die »dummen Dinger«, die sonst so entsetzlich schwatzhaft waren, standhaft schwiegen.

Wurden denn diese hier gar nicht in Versuchung geführt? Blieben sie ungestört, wie sie da in ihren hellen Sommerfähnchen lautlos im purpurnen Abendsonnenschein durch den Garten huschten?

Als habe sein Gedanke Gestalt gewonnen, so wurde es jetzt drüben hinter der steifen Taxushecke lebendig. Mit Hallo und Hussa setzten ein Paar halbwüchsige Jungen über die niedrige grüne Mauer weg, purzelten übereinander, verlegten den Mädchen den Weg: »Du, Grete, deine Mama fragt nach dir!« »Paula, dein Kanarienvogel ist fortgeflogen!« »Hast du nicht mein Messer gesehen, Elsbeth?« »Du, Elsbeth, der Vater läßt dich fragen, wo du seine Morgenschuhe gelassen hast.« »Hörst du nicht, Elsbeth? Vaters Morgenschuhe! Er braucht sie! Wo sind sie geblieben? Na, dummes Frauenzimmer, du mußt doch sagen, wo du sie gelassen hast!«

Die Mädchen wehrten die Quälgeister ab, mit Kopfschütteln und Händewinken, keine sprach ein Wort. Offenbar nahmen sie's heilig ernst mit ihrem Gelübde des Schweigens.

Die Jungen wurden dreister, suchten ihnen die schon gesammelten »Kräuter« zu entreißen, zerrten an den niederhängenden Zöpfen. Eine Blondine in Blau drehte sich kurz herum und schlug den größten zudringlichen Bengel derb auf die Finger.

»Au, Grete, bist du aber grob!«

»Na, Elsbeth, du wirst gute Schelte kriegen, wenn du nicht sagst, wo Vaters Morgenschuhe stecken! Er will sie doch anziehen, hörst du. Vater wird sich schon wundern, wenn wir ihm sagen, daß du hier im Garten rumkriechst und solchen Blödsinn machst!«

Georg Unger zog durch die Zaunlücke einen Zweig seines alten Apfelbaumes zu sich nieder und fühlte sich dadurch auf seinem Lauscherposten noch mehr geborgen. Das junge Völkchen war übrigens ohnehin vollkommen unbefangen. Wie sollte eins unter ihnen darauf kommen, in dem seit Monaten vereinsamten Kordeleitschen Garten einen stillen Beobachter zu vermuten?

War eins von den Mädchen hübsch? Georg konnte das zunächst nicht feststellen. Einige waren ihm zu weit entfernt, die anderen kehrten ihm konsequent den Rücken zu, höchstens sah er flüchtig ein Stückchen Profil. Die mit dem dunklen Haarknoten war hübsch gewachsen und anmutig in ihren Bewegungen; rasch und zierlich wie ein Schwälbchen glitt sie zwischen den Gesträuchen einher. Einer von den Jungen jagte hinter ihr her und suchte sie zu fangen; sie lief rasch um die Taxushecke, war für eine Weile gar nicht zu sehen, kam dann drüben wieder zum Vorschein, bog dem Verfolger, der ihr ganz nahe war, überaus geschickt aus dem Wege, immer ihr grünes Sträußchen in der Hand haltend, und stand dann einen, Augenblick ganz in Georgs Nähe still. Ja, sie war hübsch, sehr hübsch sogar.

»Habt ihr noch nicht euer dummes Grünzeug zusammen? Gott, was Mädchen immer langsam sind!«

»Paula, die Sonne ist schon hinunter, nun könnt ihr doch reden!«

»Wenn du aber nicht von Vaters Morgenschuhen träumst, Elsbeth, dann heiß' ich Mops! Na, und wenn du das träumst, was hast du dann?« »Daß ihr schon was Vernünftiges träumen wollt, so grasgrün und dämlich, wie ihr noch seid!«

Brüder haben das Privilegium, stets ungezogen gegen ihre Schwestern zu sein – und daß dies zwei Geschwister sein mußten, war ersichtlich! Bei dem etwa vierzehnjährigen Jungen derselbe schlanke, feste Gliederbau wie bei dem Mädchen, dasselbe feine Profil, die dunklen, langen Wimpern.

»Du, sei doch nicht so gräßlich dumm, Elsbeth! Jetzt kannst du mir doch antworten!«

Sie wies statt dessen stumm mit der ausgestreckten Hand nach der Sonne hinüber, die immer noch goldflammend durch die Bäume sah.

»Na, meinethalben! Bleib, wo du bist, dummes Gör. Bist mir viel zu langweilig, Adieu!«

Mit drei schnellen Sätzen war der Quälgeist auf und davon durch raschelndes Gebüsch. Das Mädchen war stehen geblieben und zählte ganz vertieft und aufmerksam die gesammelten Pflänzchen; Georg konnte sehen, wie sich lautlos die Lippen bewegten: »Sechs – sieben – acht« – sie bückte sich und pflückte ein Stengelchen Labkraut, das zu ihren Füßen wuchs.

Da kam es den schmalen Gartenweg entlang, wie kleine trippelnde Kinderschritte. Und ein in blaugestreiften Sommerstoff gekleidetes Wichtchen, sicher noch keine drei Jahre alt, eine dicht am Kelche abgerissene rote Nelke im zusammengeballten Fäustchen haltend, bog um die Ecke, stieß einen hellen Jubelruf aus, als es die Mädchengestalt entdeckte, und setzte sich alsdann in einen solchen Sturmschritt, daß es ins Stolpern kam und von dem hastig zuspringenden Fräulein eben noch vor dem Fallen bewahrt wurde.

»Sieh, die ßöne Bume! Is für dich – die ßöne Bume – für dich!«

Das junge Mädchen hatte das Blondköpfchen auf den Arm gehoben und drückte es zärtlich an sich. Wieder sah sie hinüber, wo müde, rote Sonnenaugen durch das Blättergewirr blinzelten – die Tageskönigin war dicht am Untergehen, aber noch küßten ihre letzten Strahlen die Erde.

Die dicken Kinderhändchen mühten sich mit ungeschicktem Eifer, die rote Nelke in das dunkle Haar des Mädchens zu stecken – es wollte eine ganze Weile nicht gelingen, aber das junge Geschöpf hielt geduldig still. Unter dem Gewicht des dicken kleinen Buben neigte sich die schlanke Gestalt leicht nach links hinüber – man sah aber, daß sie gewöhnt war, Kinder auf den Arm zu nehmen, sah es an der sicheren Art, mit der sie den Kleinen hielt, sah es auch an der heiteren Zärtlichkeit, mit der sie ihm zulächelte – einer Zärtlichkeit, die bei ganz jungen Mädchen häufig schon die künftige liebevolle Mutter verrät. Georg Unger hätte hinzutreten und dem zarten Wesen die Bürde abnehmen mögen; damit jedoch hätte er seinen bequemen Beobachterposten aufgeben müssen, und das wollte er nicht.

Die Nelke saß jetzt endlich fest, dicht über dem seinen, rosigen Ohr, mitten hinein in das dunkle Haargekräusel gebettet. Es sah eigentümlich reizvoll aus.

»Danke sagen– ßön danke sagen!« verlangte das Blondköpfchen ungeduldig.

Ein letzter, schräge verzitternder Sonnenstrahl glitt matt an den Baumwipfeln entlang, zuckte noch einmal auf und erlosch. Die Sonne war hinunter.

»Sollst du denn Blumen abreißen, du kleiner Unart – sollst du denn? Noch dazu Blumen mit einem so kurzen Stengel?« fragte eine weiche, etwas bedeckte Mädchenstimme in kosendem Ton. Dazu griff sich die Fragestellerin eins von den winzigen, dicken Händchen und klopfte leise darauf. Das Blondchen schien genau zu wissen, was es von dieser »Strafe« zu halten hatte; denn es kicherte vergnügt und versteckte sein rundes Gesicht an des Mädchens Schulter.

Bei dieser unerwarteten Wendung bekam es aber den Fremden in seinem Versteck zu sehen, und des Kindes Augen erweiterten sich von neuem. Es streckte mit wichtiger Miene das Zeigefingerchen aus und rief eifrig: »Da Mann, da Mann!«

Das junge Mädchen fuhr überrascht herum, und der »Mann« konnte nichts anderes tun, als den Zweig des Apfelbaumes, den er noch immer gefaßt hielt, loslassen, sich verbeugen und vortreten. »Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, ich wollte Sie gewiß nicht erschrecken. Ich bin aber zufällig Zeuge eines Brauches gewesen, der mir, da ich von jenseit des Meeres herkomme, fremd ist, und Sie würden mir einen wirklichen Dienst erweisen, wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, mich über diese Sitte aufzuklären!«

Dies log nun Georg Unger natürlich, da er ganz gut wußte, um welche Sitte es sich handelte, aber wer wollte es ihm verdenken, wenn er ein so liebreizendes junges Wesen ein wenig länger neben sich festhalten wollte?

Sie war durchaus nicht erschreckt; denn der Anblick des fein gekleideten Herrn mit dem bronzefarbenen Gesicht hatte keineswegs etwas Zurückstoßendes an sich – seine fremdartige Aussprache mißfiel ihr ebensowenig; unwillkürlich sandte sie nur einen suchenden Blick um sich – war denn von ihren jungen Gefährten kein einziger mehr da?

Nein! Kein helles Kleid, kein farbiges Band schimmerte durch die Büsche – nur ganz von fern scholl ein gedämpftes Lachen aus der Tiefe des Gartens herüber.

»Meinen Sie die Johanniskräuter?« fragte das junge Mädchen etwas befangen und blickte unwillkürlich auf das grüne Sträußchen in ihrer Rechten herab.

»Ja, die meine ich! Wenigstens sah ich Sie das da pflücken, und Ihre Gefährtinnen taten das gleiche. Dabei verweigerten Sie es, Antwort zu geben, wenn jemand Sie etwas fragte!«

»Ja, das darf man auch nicht tun, sonst hat das Ganze keinen Sinn!« erklärte sie eifrig. »Man muß am Sonnenwendabend neun verschiedene Kräuter pflücken und darf nicht reden dabei ... überhaupt nicht reden, ehe die Sonne hinunter ist!«

»Und dann?«

»Und dann legt man sich die Kräuter unter das Kissen ... was man dann in der Nacht träumt, geht ganz bestimmt in Erfüllung.«

»Wenn man aber gar nichts träumt?«

»O – aber – ja, aber ich träume immer irgend etwas!«

»Hübsches?« forschte er lächelnd.

»Oft etwas Hübsches und dann auch einen schrecklichen Unsinn – wie's grade kommt! Willst du wohl, kleiner Nichtsnutz!«

Dieser letzte Ausruf galt dem Bübchen, das sich langweilte und seine Zeit damit auszufüllen suchte, mit seinen runden Fäustchen das dunkle Haar, das ihm so nahe war, zu zausen.

»Er muß Ihnen ja weh tun, gnädiges Fräulein!«

»Ist nicht so schlimm damit. Er hat gradezu eine Passion dafür, mein Haar zu raufen!«

»Auch muß er Ihnen viel zu schwer sein!«

»Gott bewahre! Ich bin so daran gewöhnt, Kinder herumzuschleppen, und sie kommen auch gern zu mir!«

»Das will ich Ihnen aufs Wort glauben. Man sagt, das sind gute Menschen, zu denen die Kinder Vertrauen haben ... sagt man nicht so?«

»Ich denke!«

»Und wollen wir einmal hier die Probe machen?«

»Welche denn?«

»Ob ich ein guter Mensch bin, natürlich! Der Kleine – ist's Ihr Bruder?« »Ja, – mein jüngster!«

»Und wie heißt er?«

»Sag schnell, wie du heißt! Wird's bald? Ganz schnell sagen!«

Der Kleine warf einen schelmischen Blick auf die große Schwester und sagte fröhlich: »Dudu!«

»Pfui, sollst du so sagen? Du bist ja schon ein großer Junge, du kannst deinen richtigen Namen ganz schön aussprechen. Also fix! Wie heißt du?«

Der kleine Schelm warf den Kopf in den Nacken und krähte vor Vergnügen. »Dudu, Dudu!« rief er immer von neuem.

»Ulrich ist er getauft!« erklärte das junge Mädchen zwischen Ärger und Lachen. »Das ist nicht leicht auszusprechen, aber er kann es sehr gut, wenn er nur will. Wart' du, Elsbeth hat dich gar nicht mehr lieb, will nichts mehr von dir wissen, wenn du so unartig bist.«

»Wenn Elsbeth nichts mehr von dir wissen will – vielleicht kommst du dann zu mir?« Georg Unger trat auf eine der unteren Quersprossen des Lattenzaunes und streckte über die Staketen herüber seine Arme nach dem Kinde aus. »Komm her zu mir, Dudu! Komm!«

Der Kleine zögerte ein Weilchen, – aber, sei es, daß ihm der fremde »Onkel« gefiel, sei es, daß die Aussicht, auf diesen beiden starken Armen so hoch emporgehoben zu werden, bis dicht an die grünen Baumzweige heran, ihn reizte – – er atmete tief auf, stieß dann einen zwitschernden Laut aus wie ein Vögelchen, das aufstiegen möchte, und streckte verlangend beide Händchen aus.

»Das wundert mich, wundert mich wirklich!« rief Elsbeth erstaunt. »Er geht sonst nicht leicht zu Fremden.«

Georg griff zu und hob das zappelnde Bübchen auf seinen Arm. »Meine Probe als ›guter‹ Mensch ist bestanden, gnädiges Fräulein!« sagte er triumphierend. Er hatte lange, lange kein Kind auf dem Arme gehabt – es war ihm ein eigentümlich wohliges Gefühl, das warme, weiche Körperchen so nahe an sich zu fühlen. »Komm, kleines Menschenkind, wir zwei wollen gut Freund miteinander sein!«

»Bedank dich bei dem Onkel, Dudu!« gebot Elsbeth jenseit des Lattenzaunes; »hab' den Onkel lieb!«

Daraufhin hob der Kleine sein sammetweiches Händchen auf und streichelte damit zutraulich an Georgs Wangen auf und nieder. Der hielt ganz still, ihm wurde ganz gerührt zumute. Solch einen Jungen möchtest du haben – für solch einen Jungen würdest du gern arbeiten und erwerben, ging es ihm durch den Sinn – und dann zuckte blitzschnell noch ein zweiter Gedanke hinterher, wie eine Frage: »Tut es denn aber der Junge allein? Ist nichts weiter dabei, als der Junge?«

Er mußte lächeln, wie er das dachte; ihm war eigentümlich froh zu Sinn in der Gesellschaft, in welcher er sich eben jetzt befand. Und deutsch war ihm zumute und heimatlich – »Sonnwendabend daheim!« Es lief ihm bei dieser Vorstellung ein reizvoll prickelndes Gefühl, das er bisher noch gar nicht gekannt hatte, durch die Glieder.

Mit seinen kraftvollen Armen hob er das Bübchen auf wie ein federleichtes Spielzeug, setzte es rittlings auf seine Schulter und sah zu, wie es mit den runden Händchen in die Baumzweige griff, daß die Blätter umherstoben. »Sie halten ihn fest, ganz fest – bitte, ja?« fragte Elsbeth besorgt. »Er ist so unruhig und lebhaft.«

»Er ist sicher bei mir wie in seiner Mutter Arm, Sie können sich darauf verlassen!« Zur Bekräftigung dieser Worte griff Georg sich eins der strammen Kinderbeinchen und legte es über seine Schulter.

»Er wird Sie mit seinen staubigen Schuhen schmutzig machen!«

»Ach, Staub klopft sich leicht ab!« warf er hin und sah angelegentlich auf das liebliche junge Mädchengesicht, das ihm so nahe war. »Hübsch – sehr hübsch sogar!« mußte er von neuem denken; aber das war es nicht allein, was ihm gefiel. Der Blick, mit dem das junge Wesen auf das Kind sah, der behütende, zärtliche Blick tat es ihm an.

»Sie fühlen sich ganz verantwortlich für Dudu, ja?« fragte er rasch, aus Angst, sie könnte das Gespräch für beendet ansehen und ihn verlassen.

»Ach ja!« nickte sie, seufzte leise dazu, und über ihre beweglichen Züge lief ein Schatten. Die offen und groß emporgeschlagenen Augen umflorten sich, halb deckten sich die langen Wimpern wieder darüber. »Ich hab' ihn in Obacht genommen, solange er auf der Welt ist. Mutterchen ist beinahe immer krank und kann sich wenig um ihn kümmern, ich hab' ihn selbst aufgezogen und bin furchtbar stolz auf ihn. Den hätten Sie sehen sollen, als er ein paar Monate alt war! Ganz, ganz klein und jämmerlich, die Ärmchen und Beinchen so dünn, im Gesicht Falten wie ein alter Mann, und gewinselt und gewimmert hat er Tag und Nacht. Mutterchen hat hundertmal zu mir gesagt, ich solle mich nicht so mit ihm abquälen, wir bekommen ihn ja doch nicht groß!«

– – – »Mutterchen!« Wie schön ihm das klang, altvertraut und doch wieder neu! So hatte auch er gesagt, als er ein Knabe war, und nie, nie in all den langen dreiundzwanzig Jahren hatte er einen Menschen sagen hören: »Mutterchen!«

»Manchmal natürlich bin ich ärgerlich auf Dudu gewesen, wenn er mich gar nicht schlafen ließ,« fuhr Elsbeth fort, und ihr Gesichtchen hellte sich mehr und mehr auf, wie sie weiter sprach: »Aber wie ich dann noch merkte, daß es mit ihm wurde, da setzte ich auch meinen Ehrgeiz drein, ihn in die Höhe zu bekommen. Jetzt sehen Sie sich mal seine Arme und Beinchen an, und was für festes Fleisch er hat! Unser Arzt sagt, ich könnte mir eine Prämie ausbitten für unseren Jüngsten, und ich könnte in eine Kinderheilstätte eintreten als Pflegerin. Das tät' ich auch gleich, wenn sie mich zu Hause nicht so notwendig brauchten.«

»Für ein junges Mädchen wie Sie, mein Fräulein, gäbe es doch wohl einen anderen Beruf!«

»Ein junges Mädchen wie ich? Wie meinen sie das?« gab sie unbefangen zurück und sah ihm aufmerksam ins Gesicht. »Denken Sie, ich bin zu schwächlich dazu? Gar nicht; ich kann viel mehr leisten, als die meisten Menschen mir zutrauen.«

»Nicht allein das. Aber es ist ein schwerer und verantwortlicher Beruf, kranke Kinder zu pflegen, und die Jugend hat das Anrecht darauf, sich eine sorglose, heitere Zukunft zu träumen und zu wünschen.« »Ich nicht!« erwiderte sie ernst, ohne aber dabei traurig und entmutigt auszusehen. »Dem einen wird es so im Leben bestimmt, dem anderen so, das muß man hinnehmen, und danach muß man sich einrichten, sagt mein Vater immer.«

»Ihrem Herrn Vater dürfte es leichter werden als Ihnen, das zu sagen und danach zu handeln.«

»Gar nicht!« unterbrach sie ihn beinahe heftig. »Mein Vater hat ein sehr schweres, hartes Leben, und man muß ihn bewundern, wenn er nicht verbittert und ungerecht wird!«

Sie biß sich leicht in die Lippen, als fürchtete sie, schon zu viel gesagt zu haben, und die großen, klaren Augen, in denen sich jede Empfindung widerspiegelte, sahen förmlich vorwurfsvoll nach ihm hin: Wie kommst du dazu, dies alles aus mir herauszulocken? Und wie komme ich dazu, dir das alles zu sagen? – Er las die Frage aus dem Blick, und ihm war, als müßte er rasch eine Antwort darauf finden.

»Ihr Herr Vater,« begann er ein wenig unsicher, »ist mir freilich ganz fremd; ich vermute nur in ihm den jetzigen Besitzer dieses Gartens.«

»Nein, ach nein!« Elsbeth schüttelte nachdrücklich das Köpfchen. »Wir haben kein Haus und keinen Garten. Meine beste Freundin wohnt hier, und deren Eltern sind so gut und erlauben, daß wir, ich und unsere Kinder, oft hierher kommen und uns ein bißchen auslaufen dürfen. Der Garten, in dem Sie stehen, ist ja viel größer – da sind wir früher auch manchmal gewesen.«

»Beim alten Kordeleit?« »Ja, beim alten Kordeleit! Oder eigentlich nicht bei ihm – – er saß in seinem Arbeitszimmer, wenn wir da waren, er konnte Kinder nicht leiden. Mein Vater hat früher allerlei für ihn geschrieben und besorgt.«

»So sind sie Fräulein Junius?«

»Elsbeth Junius – ja! Woher wissen –«

Weiter kam das junge, Mädchen nicht. Aus der Tiefe des Gartens scholl der dringliche Ruf: »Elsbeth! Elsbeth!« Zugleich schimmerten helle Kleider durch die Büsche, im Gesträuch brach und knackte es, und eine kecke Knabenstimme wurde laut: »Dummes Ding, sitzest du vielleicht auf deinen Ohren? Elsbeth! Wenn die nicht wieder irgend eine alte Scharteke gefunden hat und schmökert –«

»Sie suchen mich! Ich muß fort! Komm, Dudu!« Sie hob die Arme hoch, um den Kleinen in Empfang zu nehmen. Er hatte die Zeit während des Gesprächs dazu benutzt, ein paar kleine Zweige vom Apfelbaum abzureißen und bedächtig mit seinen dicken Fingerchen Blatt um Blatt davon abzuzupfen. – – Es wurde Georg Unger schwer, das Geschöpfchen, das es sich auf seiner Schulter so bequem gemacht hatte, Elsbeth abzugeben. Was aber konnte er unter den obwaltenden Umständen anderes tun, als die weiche, warme Last hinüberzureichen? Seine Hände und Elsbeths Hände berührten sich dabei, und wieder ging das heiße, wohlige Rieseln, das er zuvor schon empfunden, über ihn hin.

»Leben Sie wohl, Fräulein Junius!« Er verneigte sich tief. »Ich hoffe zuversichtlich, unser erstes Zusammentreffen wird nicht unser einziges sein!«

Sie wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte, schämte sich ihrer Ungewandtheit, wurde rot und sah von ihm fort. In ihrer Verlegenheit beschäftigte sie sich mit Dudu, nahm ihm die Blättchen aus dem Haar, las ihm die Halme vom Kittel und fugte endlich mit einer halben Verbeugung ein schüchternes »Adieu!«

Georg stand und sah ihr nach, wie sie, so schnell, daß die eilfertig neben ihr hertrippelnden Kinderfüßchen kaum Schritt mit ihr zu halten vermochten, durch den von Haselnußsträuchen gebildeten Pfad hindurchging.

Einmal hörte er ihre Stimme noch, wie sie dem Knaben antwortete; er konnte aber nicht mehr verstehen, was sie sagte. Busch und Baum hatten sie seinem Blicke längst entzogen, rasch sank die Dämmerung nieder, hier und da schwatzte noch ein müdes Vogelstimmchen ein paar verlorene Laute – immer noch stand der Heimgekehrte da, wie wenn er lauschte. Gleich einer lauen Flut strömten alte Erinnerungen, neue Hoffnungen, Zukunftsgedanken über ihn her. Das also waren die Juniusschen Kinder, um die es den Weinhändler so leid tat – die Kinder, denen er das Erbe nehmen sollte!

Er schüttelte sich, als wehre er etwas Unwillkommenes heftig von sich ab, und dann ging er langsam, verträumt und versonnen durch den dämmerdunklen Garten zurück. Aber das Haus betrat er nicht wieder; er ging eine Lindenallee hinauf und hinab – wie lange, hätte er später nicht sagen können. Starke Rosen- und Jasmindüfte wehten über ihn hin, und am nachgedunkelten Himmel blinzelten in schwachem Goldglanze die ersten Sterne.

»Daheim!« sagte er halblaut vor sich hin und atmete aus tiefster Brust. »Wie fang' ich es an? Wie fang' ich es denn nur an?« fragte sich Georg Unger am Morgen des nächstfolgenden Tages. Er hatte sich die Frage schon während der Nacht, die er nicht ganz durchschlafen konnte, vorgelegt – eine Antwort aber hatte er nicht gefunden.

»Unrecht Gut gedeihet nicht!« hatte seine verstorbene Mutter hundertmal zu ihren Kindern gesagt. Nun, in gewissem Sinn war freilich das Erbe des alten Kordeleit kein unrechtes Gut. Er hatte nicht danach gestrebt, es sich zuzuwenden, hatte sozusagen keinen Finger darum gerührt; es war ihm von selbst in den Schoß gefallen! Dennoch!! Er wußte, dies Erbe oder wenigstens ein Teil desselben war einem anderen zugedacht gewesen, einem, der es notwendig brauchte, viel, viel nötiger als er selbst. In diesem Sinne war das ererbte Geld für ihn »unrechtes Gut«. Das hatte er schon empfunden, als er in des alten Kordeleit Zimmer gesessen und die beiden Briefe gelesen hatte – er empfand es mit zehnfacher Stärke, seitdem er Elsbeth Junius gesehen und gesprochen hatte! – – – Er konnte nicht zu ihrem Vater hingehen und ihm sagen: »Lieber Herr, Sie sind durch mich, ohne mein Wissen und Willen, benachteiligt worden, und ich weiß, daß Sie in Not sind – – – nehmen Sie so und so viel von meinem Erbteil und helfen Sie sich selbst und den Ihrigen damit weiter!« – – Zehn gegen eins zu wetten, der Mann mußte das übelnehmen, mußte ihn fragen, mit welchem Recht er, Georg Unger, der ihm wildfremde Mann aus Südamerika, daherkäme, um ihm etwas zu schenken – zehn gegen eins zu wetten, Junius würde das Anerbieten entrüstet zurückweisen. Das Sonderbare bei der Sache war, daß Georg das sehr deutliche Gefühl hatte, er habe sehr wohl ein Recht darauf, sich in Herrn Junius' Familienangelegenheiten einzumischen und sie zu den seinigen zu machen. Er kannte den Mann gar nicht, aber er hätte vor ihn hintreten und zu ihm sprechen mögen: »Laß mich dir helfen! Ich bin dir ja gar nicht fremd. Ich gehöre ja zu euch!« Wie er das hätte motivieren sollen, das wußte er nicht, aber er empfand es nun einmal.

Seine Rechte blätterte in dem Adreßbuch, das er sich hatte vom Kellner aufs Zimmer bringen lassen, die Linke zerkrümelte mechanisch ein Frühstücksbrötchen. »E. Junius, Kommissionär, Mühlendamm Nr. 28«, hatte er gelesen und sich die Adresse mit leichter Mühe gemerkt. Am Mühlendamm, mein Gott, da hatte er mit Eduard Schleusen gebaut und für Trude Schiffchen geschnitzt, in die sie ihre Püppchen setzte, um sie dann vorsichtig auf dem kleinen Mühlenteich an einem langen Bande schwimmen zu lassen. Durch ein Wehr war der Mühlenteich mit dem See in Verbindung und den See mußte er selbstverständlich wiedersehen. Wenn er dabei an den Häusern des Mühlendammes vorüberkam, so konnte er sich ja Nummer 28 einmal ansehen. Weiter wollte er nichts, weiter konnte er leider nichts wollen.

Wie er langsam dahinschlenderte – diese Langsamkeit war geboten; denn es war ein heißer Junitag und die Sonne, brannte schon um diese Vormittagsstunde mit ungewöhnlicher Glut – kam es ihm vor, als habe er während seines kurzen Aufenthalts in seiner Vaterstadt schon erstaunlich viel erlebt. Im Grunde genommen war es gar nicht der Fall, aber das Gefühl von etwas besonders Wichtigem und Merkwürdigem, das hier seit gestern in sein Leben getreten war, ließ ihn nicht los. Zugleich war er sich mit großer Deutlichkeit der Tatsache bewußt, daß er hier in Deutschland ein total anderer Mensch war als in Amerika. Der Mann, der »drüben« in seinem Kontor am Pulte saß und Briefe durchsah, Wechsel diskontierte, Warenlager inspizierte und mit Leuten aus aller Herren Ländern verkehrte, war in keinem Punkte mit dem zu vergleichen, der hier in sich gekehrt durch die Straßen wandelte. Fernab, weit, weit hinter ihm lagen all die Beschlüsse, Berechnungen und Ideen, die ihn dort so ausschließlich beschäftigt hatten – sie waren ihm gleichgültig, es war, als gingen sie ihn nichts mehr an, während er sich doch sagen mußte, daß sie zum großen Teil sein Lebensschiff zu steuern hatten. Wie wenn er mit dem weißen Tropenanzuge seinen bisherigen Menschen abgelegt und mit den Tuchkleidern einen neuen angezogen hätte, – – so ausgetauscht kam er sich vor. Die Heimatluft war um ihn hergebreitet, wie ein Zaubermantel, der ihn sein früheres Dasein vergessen, ihn wie mit einem Schlage dreiundzwanzig Jahre seines Lebens überspringen ließ.

Nur daß er nicht mehr so kindisch sorglos empfand wie vor jenen dreiundzwanzig Jahren! Nur daß der ungezügelte knabenhafte Übermut, der ihn damals regiert hatte, nicht wiederkommen wollte und konnte! Dabei war ihm doch merkwürdig jung zumute – Sorgen und Grübeleien und Bedenken fielen gleichsam Stück für Stück während des Gehens von ihm ab. – Dies alles machte er sich nur halb klar, wie er einherging und immer achtsam: »Mühlendamm achtundzwanzig – – – Mühlendamm achtundzwanzig!« innerlich vor sich hin sagte, als wäre das eine Zauberformel, die er um Gottes willen nicht vergessen dürfe, sollte nicht schweres Unglück dadurch entstehen! – Nur einen flüchtigen Blick warf er auf Mühlenteich und Wehr, die doch beide so viele Erinnerungen für ihn bargen, in denen er recht zu schwelgen gedacht hatte – wie mit Händen zog es ihn weiter!

Ein ziemlich niedriges, baufälliges Häuschen! Abseits von den übrigen gelegen, die mit ihren Gittern und Gärtchen teils einen ganz stattlichen, teils einen gemütlich idyllischen Eindruck machten. Nummer achtundzwanzig tat nicht das eine und nicht das andere; es lag nicht sehr weit vom Ufer des Sees, hatte keinen Garten um sich herum und mußte wohl ziemlich feucht und ungesund sein; denn der Abputz war an vielen Stellen heruntergefallen, und wo er noch vorhanden war, zeigte er kreisrunde dunkle Flecke, wie von Moder und Nässe. Das schwere Ziegeldach war an einer Seite schief herabgesunken, wie wenn das Häuschen sich seiner Armseligkeit schämte und sich die Kappe übers Gesicht ziehen wollte – – daß die Leute, die hier hausten, dies halb unfreiwillig taten, weil sie wenig zahlen konnten, war wie durch eine Inschrift von dem vernachlässigten Gebäude herunterzulesen.

Die Tür fest geschlossen, kein Mensch am Fenster zu sehen. Hier waren ein Paar dunkle Rouleaus herabgelassen, dort war ein Stückchen weiße Gardine sichtbar. Welchen Vorwand nahm Georg Unger nur, hineinzukommen in dies arme, kleine Haus? Und wieder, viel stärker noch als zuvor, dies sonderbare, unabweisliche Empfinden an ihm: »So laßt mich doch zu euch ein! Fordert mich doch auf näherzutreten, und nehmt unbedenklich meine Hilfe an! Ich gehöre ja zu euch!«

Wie ein Dieb, der seine günstige Gelegenheit verpaßt hat, schlich er sich endlich davon, immer wieder blickte er zurück auf das kleine alte Haus, das ihm zuzurufen schien: »Komm doch und hilf! Du kannst es ja. Warum also tust du es nicht?«

Unten am Rande des Sees, der still wie ein bleierner Spiegel in der Sonnenglut träumte, war ein Fährhaus errichtet worden, und fünf, sechs buntgemalte Kähne schaukelten auf dem Wasser. Sie wären zu vermieten, sagte ein graubärtiger Alter, der bei Georgs Annäherung aus dem Fährhause zum Vorschein kam – auf eine Stunde – zwei, drei Stunden, je nachdem es gewünscht würde, und die Nachfrage sei oft, namentlich an Sonntagen, so stark, daß zwei Dutzend Gondeln nicht ausreichen würden.

Georg nickte zerstreut dazu und stieg in eins der Fahrzeuge ein, während der Alte, heftig aus einem Pfeifchen qualmend, die Ruder einhakte und die Kette losmachte.

»Soll ich denn mitkommen oder fahren der Herr selbst?«

»Ich rudere allein!«

Georg lächelte ein wenig, während er mit hastigen Ruderschlägen das Boot bewegte, daß es wie ein Pfeil über den glatten Wasserspiegel schoß. Er hatte rudern können, als er noch keine sieben Jahre alt war, und alt und morsch genug war der Kahn gewesen, den er damals zur Verfügung gehabt hatte.

So alt und morsch wie das Fahrzeug da drüben, das sich eben aus knirschendem Schilf hervorarbeitete. Ein schlankgewachsener Junge in Hemdärmeln stand im Vorderteile des Bootes und stieß mit dem Ruder ab, während ein anderer, etwas größerer Knabe bemüht war, mit dem zweiten Ruder ein paar von den weißen Wasserrosen mit goldigem Kelch, die zwischen breiten Mummelblättern schwammen, an ihren langen, schleimigen Stengeln heranzuziehen. Ein dritter Junge, kleiner als jene beiden, lag lang hingestreckt über die beiden plumpen Ruderbänke, hatte seine Jacke als Kopfkissen genommen, die Hände im Genick verschränkt und schlief augenscheinlich. Außer diesen drei Insassen des Kahns bewegte sich noch etwas unruhiges Blaues darin herum, das Georg von seinem Standpunkte aus nicht genau unterscheiden konnte.

Er mußte eine Weile rudern, bis er nahe genug herangekommen war, um deutlich zu sehen, und nun gewahrte er, daß, dies unruhige Etwas ein kleiner blonder, in blaugestreiften Sommerstoff gekleideter Knirps war, der am Boden des Nachens jetzt auf allen vieren umherkroch, jetzt sich aufrichtete, um wieder zusammenzusinken – und Georg Unger kannte den blonden Knirps! – Merkwürdig, daß der unvermutete Anblick eines kleinen Kindes ihn so erregte! Ihm schlug wahrhaftig das Herz rascher vor Freude über das Wiedersehen mit Dudu; er fühlte wieder das warme Körperchen in seinen Armen, fühlte die weichen Blondhärchen, die seine Wange streiften –

Plötzlich hielt er mit dem Rudern inne und blickte angestrengt hinüber, was ihm einigermaßen durch den grellen Sonnenschein erschwert wurde, der die weite Wasserfläche wie einen spiegelnden Metallschild flimmern ließ. Die beiden Knaben drüben hatten nicht acht auf das Kind, das eben über den schlafenden dritten weggeklettert war, sich jetzt weit über den Rand des alten, flachgebauten Kahns neigte und bemüht war, mit beiden Händchen eine der schwimmenden weißen Wasserrosen zu haschen. Die begehrlichen Fingerchen griffen nach der Blume, aber diese saß fest an ihrem langen elastischen Stengel und ließ sich nicht abreißen; der leichte Nachen geriet bedenklich ins Schwanken ...

Georg setzte die beiden hohlen Hände an den Mund.

»Das Kind!« rief er mit voller Kraft seiner Lungen hinüber. »Gebt auf das Kind acht!«

Es war zu spät. Ehe nur die beiden Knaben die Köpfe wenden konnten, hatte das Bürschchen das Gleichgewicht verloren und war kopfüber ins Wasser gefallen. Im ersten Schrecken stürzten beide Jungen an den Rand des Bootes, drängten einander beiseite, um beizuspringen – das kleine Fahrzeug kippte – kippte – schlug um, ein gellender Angstschrei – dann alles still!

Während der Dauer einiger Herzschläge saß Georg Unger wie gelähmt da, mit den Händen mechanisch die Ruder festhaltend, und seine weitgeöffneten Augen starrten nach der Unglücksstelle hinüber, wo der umgekehrte Nachen auf dem Wasser schwamm. Dann aber kam Leben in ihn, er warf den Rock ab, zog die Ruder ein, sprang mit einem Satze in den See und schwamm so rasch er konnte, in langen, weitausholenden Stößen hinüber.

»Vier Menschenleben! Vier!« sagte es in ihm, während seine Arme die stille, warme Flut teilten. »Und junge – hoffnungsvolle! Wirst du imstande sein, sie alle vier zu retten – oder – –«

Er hob während des Schwimmens den Kopf hoch und spähte hinüber. Einer der Knaben hielt sich mit beiden Händen an einer Planke des umgestülpten Kahnes fest und rief mit halberstickter Stimme um Hilfe. Von den anderen war nichts zu sehen. Aber dort – dort – tauchte nicht etwas Blaues unter den Mummelblättern und Seerosen auf? Da wieder! Er packte zu, ehe es von neuem zu sinken vermochte, und hielt mit eisernem Griff das Bübchen fest, das gestern so lebensvoll und lachend auf seinem Arme gesessen hatte.

»Hier, nimm ihn! Halt ihn mit einer Hand oben auf dem Boot fest und dich halte mit der andern!« Atemlos rief er es dem Knaben zu und hob das Kind auf den umgestürzten Nachen. Dann tauchte er in die Tiefe hinab, um weiter zu suchen. Ihm war am meisten bange um den schlafenden Knaben, der, ohne Ahnung irgend welcher Gefahr, mitten aus dem festen, gesunden Kinderschlafe plötzlich ins Wasser geschleudert worden war und sich voraussichtlich nicht im geringsten selbst helfen konnte.

Nach Luft ringend, Ohren und Augen voll strömenden Wassers, kam Georg nach einer Weile wieder zur Oberfläche empor, er hatte sich nicht die Zeit genommen, seine Schuhe abzuziehen, die ihn beim Schwimmen hinderten – die Kleider hatten sich rasch voll Wasser gesogen und hemmten seine Bewegungen. – Nichts gefunden!! – »Zwei Menschenleben! Zwei! klang es in ihm, ehe er sich anschickte, abermals zu tauchen. Einen verlorenen Blick noch warf er nach dem Kahn hinüber.

Waren das nicht zwei Köpfe dort am Rande des Fahrzeuges, statt des einen bisher? Nein – er täuschte sich wohl. Mit einer hastigen Bewegung strich er sich das Wasser aus den Augen – ja doch! Da hing neben dem ersten Knaben der zweite, leichenblaß und erschöpft, die Augen angstvoll aufgerissen.

»Ich komme! Ich helfe dir! Halt dich noch!«

Und während er das rief, schwamm er heran – drei Stöße – vier – sechs – noch einer – und er hob den Jungen bei den Knien empor und half ihm auf das Boot zu klettern. Den kleinen Dudu, dessen Köpfchen schlaff vornüber hing, reichte er gleichfalls hinauf, während der älteste Knabe allein emporklimmte.

Zum dritten Male tauchte Georg unter, um zu suchen.

»Einer noch! Der letzte!« – Er biß die Zähne zusammen – die Gedanken begannen ihm schon durcheinander zu wirbeln, in den Ohren verspürte er ein starkes Brausen, die Arme waren ihm wie voll Blei. »Ein einziger noch! Du mußt ihn finden! Du mußt!«

Einen Augenblick kam er empor, um nach Luft zu ringen, – – ihm war es, als höre er Stimmen, Zurufe vom Ufer her, aber das Sausen in seinen Ohren übertäubte jedes andere Geräusch, – es war ihm ja auch so gleichgültig, wenn er jetzt hier unterging – hier starb – hier, in der alten Heimat.

Und mit einem Schlage durchzuckte es ihn wie neue Kraft, wie neuer Lebensmut! Nein, er wollte nicht untersinken – nicht sterben – wollte dem Wasser seine Beute nicht lassen ... er nicht! Er hatte noch viel zu erwarten vom Leben – es war ihm ja das Beste, das Höchste noch schuldig geblieben! Er wußte mit einem Mal, was dies Beste und Schönste für ihn war; das junge, liebe Mädchengesicht, das sich mit zärtlichem Lächeln über das Kind geneigt hatte ...

Wenn dies sein letzter, klarer, bewußter Gedanke sein sollte, so war er ihm süß. Aber nein – aber nein! Leben – leben wollen und glücklich sein! Nicht nur immer arbeiten und. erwerben und sich mühen ... glücklich wollte er werden!

Wie er das dachte, fühlte er bei einer neuen Schwimmbewegung einen Stoß gegen seinen Körper. Blindlings griff er zu – stieß die Last mit beiden Händen gewaltsam über sich empor, half mit Kopf und Schultern nach, versuchte Wasser zu treten – die Brust keuchte ihm, daß er zu ersticken meinte ... da war er endlich oben und in unmittelbarer Nähe seines eigenen Nachens, der sacht auf dem Wasser hin und her schaukelte.

Er warf den bewußtlosen Knaben hinein wie einen toten Ballen, klammerte sich mit den beiden Händen an den Rand des Kahnes und hing so für einige Augenblicke in völliger Erschöpfung; endlich versuchte er sich emporzuziehen, aber die Glieder versagten ihm den Dienst. Von neuem glaubte er Stimmen zu hören, von neuem kam das Gefühl stumpfer Apathie, völliger Gleichgültigkeit gegen das Leben über ihn, und dann wieder, wie eine Vision, das lächelnde Mädchengesicht. »Sterben hier in der Heimat? Nein – leben – leben für sie – mit ihr!« Da war er im Boot – da hörte er das Brausen wieder – gewaltig und stark, wie aus einer ungeheuren Muschel – da tönte es wie Glockenläuten – »die Glocken der Heimat« – nahe – ganz nahe – und dann wurde es mit einem Male ganz dunkel und ganz still um ihn her ...

Lastende Schwere in Haupt und Gliedern – feuchte Wärme um den ganzen Körper herum – tanzende Funkenschwärme hinter den geschlossenen Augenlidern – halblaute Stimmen um ihn her ... Das waren Georg Ungers erste verworrene Wahrnehmungen, als er wieder zu sich kam.

Er wußte sofort, was mit ihm geschehen war, machte aber fürs erste gar keine Anstrengung, die Augen zu öffnen, seine Umgebung zu prüfen. Eine Anstrengung wäre das jedenfalls für ihn gewesen, so zum Tode erschöpft, wie er sich fühlte ... warum also sich quälen? Das Bewußtsein, die vier jungen Menschenleben gerettet zu haben, hielt ihn wie eine weiche, wohlige Hülle umfangen, deckte ihn gleichsam zu. »Du kannst schlafen und ruhen,« sagte es in ihm, »du hast es dir verdient!« Mehr konnte er vorderhand nicht denken.

»Wie lange es dauert, bis der Arzt kommt!« rief eine ängstlich klagende Frauenstimme.

»Er kann ja noch gar nicht hier sein!« beschwichtigte ein tiefes Organ. »Setz dich hierher – so! Du kannst dich ja kaum noch auf den Füßen halten. Um die Jungens sei ganz außer Sorge: sie sind alle vier ins Bett gesteckt, Elsbeth brüht heißen Tee für sie auf, und höchstens Dudu wird 'nen leichten Schnupfen davontragen.«

»Du meinst bestimmt, es hat ihnen nichts geschadet?«

»Nicht die Spur! Aber die Wasserfahrten in dem infamen Boot sollen sie sich wohl vergehen lassen! Heute noch kriegen unsere beiden ihren Denkzettel!«

»Ach, Väterchen! Du wirst sie doch nicht schlagen?«

»Aber feste! Das muß sein – hab' du nur ein Einsehen dafür! Ein vierzehnjähriger Schlingel, wie unser Kurt, muß erstens wissen, daß der Kahn absolut nichts taugt, muß zweitens schon wissen, daß mit Menschenleben nicht zu spielen ist, und drittens, daß er seinem Vater zu gehorchen hat. Und den kleinen Kerl, den Dudu, mitzunehmen! Um den wär's rettungslos geschehen gewesen ohne den fremden Herrn – denn in solcher Todesangst denkt kaum ein Erwachsener an etwas anderes, als an sein eigenes Leben, geschweige denn tun es diese Jungen!«

Ein leises Aufschluchzen klang dazwischen!

»Gott, Gott, unser süßer Junge! Ich kann's nicht ausdenken!«

»Ruhig, Mamachen, du hast ihn ja wieder!«

»Wenn nur der arme Herr erst wieder zum Bewußtsein käme! Unsere Elsbeth hat laut aufgeschrien, wie sie ihn brachten, sie war ganz außer sich!«

»Kein Wunder – sie hat – da ist sie ja! Wie geht's den Jungens, Elsbeth?«

»Ach, gut. Sie trinken ihren Tee!« sagte die junge Stimme hastig. »Der Arzt kommt, ich sah ihn durchs Fenster – wollt ihr ihm nicht entgegengehen, ihn vorbereiten – ihm sagen –«

Georg horte das Rascheln von Frauenkleidern, er hörte Schritte sich entfernen und eine Tür klappen. War er nun mit Elsbeth allein?

Ehe er noch, um dies festzustellen, die schweren Lider heben konnte, fühlte er einen warmen Hauch auf seiner rechten Hand, die auf der über ihn gebreiteten Decke lag – und jetzt den leisen Druck zweier weichen, frischen Lippen; da ging, wie gestern im Garten, nur viel intensiver, das wohlige, wonnige Rieseln über ihn hin und machte ihn warm bis ins innerste Herz hinein. Seine Augen blieben aber geschlossen – warum das junge Geschöpf beschämen, das seiner heißen Dankbarkeit einen so impulsiven Ausdruck lieh.

Wieder klappte die Tür, Schritte kamen näher.

»Herr Doktor, ach, bitte, bitte!« – das war wieder Elsbeths bange Stimme – »helfen Sie, um Gottes willen! Er liegt noch immer ohne Bewußtsein! Er hat meine drei Brüder gerettet – alle drei – aber er selbst –«

Ein leises Aufweinen unterbrach die gestammelten Worte.

»Nur ruhig Blut, kalt Blut, Elschen! Sind ja sonst solch tapferes Frauenzimmerchen! Bringen Sie erst mal Mama heraus, und dann bitt' ich mir 'n paar scharfe Bürsten und gewärmte Decken aus. Den Papa behalt' ich als Assistent hier. Hoho! Unser Lebensretter ist gar nicht mehr bewußtlos! Der bewegt sich schon! Ergebenster Diener, mein werter Herr! Brauchen Sie denn überhaupt noch den Arzt?«

Georg lächelte ein wenig, antworten konnte er noch nicht. Langsam taten seine müden Augen sich auf, und das erste, was sie sahen, war Elsbeths reizendes Gesicht, welches mit dem schönen, zärtlichen Lächeln, das es ihm sofort angetan hatte, über ihn neigte. – – –

Sie ließen ihn nicht fort, er mußte bis gegen Abend bei ihnen bleiben. Trockene Kleider waren für ihn aus seinem Hotel geholt worden, und in der Mutter Lehnsessel, den er durchaus als Patient und Ehrengast einnehmen mußte, seine weiche, dunkelrote Reisedecke über die Knie gebreitet, etwas blaß, etwas müde, aber im übrigen vollkommen wohl – so saß Herr Georg Unger aus Pernambuco in Südamerika jetzt mitten in der Familie Junius, gehätschelt, gepflegt und bewundert, und durfte sich gar nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, wie er es anfangen sollte, die Bekanntschaft dieser guten Leute zu machen. Ja, selbst der Frage, wie es anzustellen sei, das Vermächtnis des alten Kordeleit jenen zuzuwenden, die es weit mehr verdienten und brauchten, als er selber, war er im Laufe dieses Tages um ein gutes Stück näher gerückt, – sein Weg lag ganz einfach vorgezeichnet da!

Dudu saß auf seinen Knien, zupfte an seiner Uhrkette, streichelte sein Gesicht, die Knaben hatten Geographiebuch und Karte zur Hand, lauschten atemlos seinen Erzählungen und fragten tausend Dinge, die er wußte, und tausend andere, die er nicht wußte. Herr Junius ließ seine Hand kaum los, die Mutter wurde nicht müde, ihm gerührt zu danken – der blassen Frau kamen immer wieder die Tränen, wenn sie bedachte, welch entsetzlicher Verlust ihr gedroht hatte.

Und Elsbeth?

Elsbeth ging ab und zu, sorgte für alles, mußte für alles aufkommen; sie brachte den dampfenden Grog auf des Arztes Verordnung, sie deckte den Tisch im besten Zimmer und brannte den Kaffee – sie kümmerte sich um die kleinen Geschwister und teilte ihnen zu – anzusehen wie Werthers Lotte, wie sie dastand und jedem sein Vesperbrot gab, sie reichte der Mutter die Medizin und dem Vater sein Pfeifchen – der Gast hatte herzlich wenig von ihr, aber er folgte ihr mit den Blicken, wo sie ging und stand, und es gab etwas, wie ein geheimes Einverständnis zwischen ihnen: »Weißt du noch – gestern im Garten – die Johanniskräuter?« »Gewiß, ich weiß nur zu gut! Aber schweig darüber, die andern brauchen es nicht zu erfahren!« »Keinesfalls dürfen sie das! Wen geht es etwas an, als dich und mich!« – Ein Wagen war herbeigeholt worden, der Gast mußte endlich fort. Er wurde so dringend, so stürmisch von allen Seiten gebeten, bald wiederzukommen, als kostete ihm dies das denkbar größte Opfer. Um so anerkennenswerter war seine liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der er es immer wieder versprach! Herr Junius, ein hagerer, gebeugter Mann mit einnehmenden Zügen, geleitete ihn hinaus und drückte ihm in tiefer Bewegung die Hand.

»Was Sie mir und uns allen heute getan haben, verehrter, lieber Herr Unger, wäre mit allen Schätzen der Welt für uns nicht aufzuwiegen. Ich bin leider ein armer Mann, ohne Einfluß, ohne Stellung, – ich kann darum nur das eine sagen: verfügen Sie über mich und die Meinigen. Unser Dank bleibt Ihnen lebenslänglich! Was ich bin, was ich habe, es gehört Ihnen, und Gott wolle geben, daß ich jemals imstande wäre, Ihnen nur einen kleinen Teil meiner großen Dankesschuld abzutragen!«

Da drückte Georg Unger dem Mann fest die Hand und sagte, indem er ihm bedeutungsvoll in die Augen sah:

»Ich nehme Sie beim Wort, verehrter Herr, verlassen Sie sich darauf!«


Sie hat ihm ein schönes, ein köstliches Geschenk gemacht und auf den Lebensweg mitgegeben, die alte Heimat: ein liebendes und geliebtes Weib!

Georg Unger nahm seine Elsbeth mit hinüber über den Ozean, und Ernst Junius bezahlte seine Dankesschuld mit seinem liebsten Kinde. Aber sein und seiner Familie Dasein war fortan leicht und sorgenfrei. Das alte Kordeleitsche Haus ist in seinen Besitz übergegangen, es hallt wider von Lust und Lachen, und der freundliche, sonnige Garten wird von spielenden Kindern belebt. Kaum drei Jahre nach dem Tode des alten Kordeleit schrieb Georg Unger an die Angehörigen seiner Frau, daß seine definitive Übersiedelung nach Deutschland nur noch eine Frage der Zeit wäre, da sein Onkel vor wenigen Tagen gestorben und nur noch der Termin abzuwarten sei, bis das weitverzweigte Geschäft ohne beträchtlichen Verlust aufgelöst und der Landbesitz in andere Hände übergegangen wäre. Seit er in der alten Heimat geweilt und dort sein Lebensglück gefunden hätte, wäre er nie mehr in Pernambuco heimisch gewesen, trotzdem er Elsbeth an seiner Seite hatte – rasch wolle er drüben alles abzuschließen suchen; er könne es kaum mehr erwarten, und seine Frau mit ihm, wieder Heimatluft zu atmen.








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