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Wilhelm Meyer-Förster: Heidenstamm - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeidenstamm
authorWilhelm Meyer-Förster
firstpub1901
year1903
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHeidenstamm
pages3-50
created20050228
sendergerd.bouillon
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Siebentes Kapitel

Seit länger als einem Jahre beabsichtigte die Frau Baronin von Heidenstamm, in Gesellschaft ihres Gemahls die Europatournee anzutreten. Man hatte sich schon zu verschiedenen Malen drüben angesagt: bei Lady Eleanor Southdown in London – Schulkameradin der Baronin, Tochter des Bostoner Krösus Jeremy M'Adam, vermählt 1892 mit Lord William Southdown –, bei den Heidenstamms in Berlin, bei Nest Millman in Florenz, einer Cousine der Baronin, in Paris, in Rom, beinahe in ganz Europa. Aber Europa muß sich gedulden, denn die schöne Jane hatte so viel zu tun, ihren jungen Gemahl in Amerika selbst den drei Dutzend Freundinnen vorzustellen, daß an eine Abreise vorerst nicht zu denken war. Alle diese Freundinnen wurden von des Bräutigams einstigen Erfolgen in Kenntnis gesetzt:

»Joe war der beste Reiter auf dem europäischen Kontinent, nicht wahr, Joe?«

Und Joseph zuckte die Achseln mit einem Lächeln, als wollte er sagen: »Es nützt nichts, zu widersprechen, sie erzählt es jedem.«

Uebrigens hatten die New Yorker Zeitungen und der »Boston Herald« bei Gelegenheit der Verlobung ausführlich über den Baron Heidenstamm berichtet: seine enormen Erfolge auf der Rennbahn, sein denkwürdiger Endkampf in der »German army«, Sportsman allerersten Ranges, eine der Größen des europäischen Turfs.

Und das einzige Land England ausgenommen, gibt es keinen Platz in der Welt, wo man Sport, Reiten und Pferde höher taxiert als in Nordamerika. Für einen Trotter, ein Wagenpferd Namens Axtell, wurden in dem Winter nach Josephs Heirat mehr als viermalhunderttausend Mark gezahlt, während das beste Rennpferd jener Tage, das merkwürdigerweise den Namen »Hannover« trug, einen noch höheren Wert repräsentierte.

»Wenn wir die Europatournee beendet haben, gehen wir nach England und kaufen Rennpferde,« sagte die Baronin. »Wer sich darauf versteht, kauft in Newmarket zehnmal billiger als in Kentucky, und mein Mann versteht sich darauf. Wir begründen einen Rennstall, wie ihr ihn hierzulande noch nicht gesehen habt. Wir werden eventuell auch in Chantilly Pferde kaufen, denn die normannischen Vollbluts sind die zweitbesten der Welt. Nicht wahr, Joe?«

»Sicher.«

»Wir werden alle europäischen Rennställe besuchen und deren Besitzer kennen lernen, Joe kennt die Herren ja ohnehin. Kennst du den Herzog von Portland, Joe?«

»Ja.«

»Den Duc de Feltres?«

Er nickte.

»Wir gehen nach Wien, wo Joseph 1887 die Große Steeplechase für den Fürsten Esterhazy gewann. Auf Ungarn freue ich mich. Alle die Magnaten kennen zu lernen, das muß wundervoll sein. Vielleicht, Joe, kaufen wir auch in Ungarn Pferde?«

»Vielleicht.«

Sie war eine geschäftskluge Dame, die sich von dieser Reise und von der sportlichen Erfahrung ihres Gatten pekuniäre Vorteile ebensogut wie Ruhm und Ansehen versprach.

Die Geschichte Frangipanis mußte er ihr wiederholt erzählen.

»Armer Schelm,« sagte sie dann und küßte ihn, »du hattest alles auf eine Karte gesetzt, das darf man nicht. Du hast nie rechnen gelernt. Ihr Kavaliere versteht davon nichts, von nun an rechne ich für dich. Mit einem so kleinen Vermögen Rennpferde kaufen, das ist doch Torheit! Armer Joe, du hast schwer dafür büßen müssen.«

Sie sprach ohne jede Befangenheit mit ihm über Marie.

»Sie muß sehr lieb gewesen sein,« sagte sie, »ich freue mich, sie kennen zu lernen, wirklich, Joe, aufrichtig. Welch eine Fügung des Himmels, daß sie nun doch noch geheiratet hat, und noch dazu Albrecht. Es ist viel besser so, als wenn wir sie drüben besucht hätten und hätten sie noch ledig gefunden. Aufrichtig, Joe, es wäre mir peinlich gewesen. So ein armes Ding! Nun ist alles gut, und ihr gebt euch die Hand, und wir werden alle vier die schönsten Tage zusammen verleben.« Mit einem komischen, aber ernstgemeinten Seufzer fügte sie hinzu: »Niemand heiratet seine Jugendliebe.«

»Du auch nicht, Jane?«

»Auch nicht, Joe.«

Sie sagte das mit einem so wehmütig-lustigen Gesicht, daß Joseph sie an sich zog und sie küßte.

Wie in einem fernen Nebel schwand Maries Bild. Er hielt sein schönes Weib im Arm, in der alles Leben und Feuer war, an der alles ihn entzückte: die prachtvolle Figur mit der vollen üppigen Büste, das schwere, dunkle Haar, die lachenden Augen, die immer gleiche sonnige Heiterkeit.

Sie setzte sich auf sein Knie und legte ihre runden weichen Arme um seinen Hals:

»Ihr wäret nicht glücklich zusammen geworden, Joe, glaub mir das. Wenn das damals in der ›army‹ mit Frangipani auch alles glücklicher gekommen wäre. Du hättest immer wieder das Glück versucht, und schließlich wärst du doch dabei kopfüber gegangen. Denke dann: die arme Frau!«

Er schüttelte den Kopf, in der alten Erinnerung verloren: »Nein. Ich hätte es nicht wieder versucht. Nie.«

»Und wenn nicht! Joe, das wäre fast noch schlimmer gewesen. Der Gewinn hätte eben hingereicht, deine Schulden zu bezahlen und die Aussteuer zu kaufen. Dann hättet ihr euch einschränken müssen an allen Ecken und Enden, und Kinder wären gekommen, und deine Frau wäre in Mühen und Sorgen verblüht und – glaub's nur, Joe, es war besser so. Ganz abgesehen davon« – sie lachte und küßte ihn zärtlich –, »daß du nie Jane Belmont zur Frau bekommen hättest.«

Joseph versuchte zu lächeln, aber ein Frösteln ging über ihn hin.

Er hatte sich wenig verändert. Seine Gestalt war breiter geworden, vielleicht ließ ihn der elegante Zivilanzug so erscheinen. Seine Augen hatten immer noch das Lässige, Gutmütige, und das Gesicht sah noch so jugendlich aus, daß alle Damen erstaunt waren, wenn die Baronin das wahre Alter ihres Gemahls raten ließ.

»Achtundzwanzig!« Das wollte niemand glauben.

Merkwürdig, wie spurlos diese Jahre an ihm vorübergegangen waren. Sein Gesicht, das in der Sonne von Mexiko verbrannt war, wurde da oben in Boston wieder hell; und sein Wesen, das in der Arbeit um das Dasein etwas Hastiges, Rasches, Energisches angenommen hatte, wandelte sich auffallend rasch rückwärts zu seiner alten, legeren Form. Nur ein leiser Rest des Yankeetums, das auf jeden da drüben abfärbt, blieb zurück, so schwach und undeutlich, daß es dem Auge Janes und der Amerikanerinnen nicht zum Bewußtsein kam.

Trist und ärmlich wie den meisten, die in seiner Lage ins Dollarland kommen, war es ihm nie ergangen. Die kleinen Unterstützungen, die sein Bruder und Rochus ihm zukommen ließen, hielten ihn zunächst über Wasser, seine Kenntnis des Pferdes half ihm dann durch und brachte ihm mehr als einmal gute Stellungen und bedeutende Gewinne. Er war nicht Geschäftsmann genug, um eine Chance auszubeuten, andernfalls hätte er in Kentucky und zwei Jahre später in Kalifornien ein Vermögen machen können.

Jane Belmont lernte er kennen, als er mit Leland Stanford, dem kalifornischen Erzmillionär, und dessen Rennpferden nach New York kam. Stanfords Name war damals in aller Munde, er hatte die große, nach seines Sohnes Namen getaufte Universität aus eignen Mitteln dem Lande geschenkt, er war selbst schriftstellerisch tätig und galt als Rennmann und als Züchter für die erste Autorität.

Er führte Joseph Heidenstamm in die New Yorker Gesellschaft ein, und wenige Wochen später hatte das schönste und reichste Mädchen von Boston den Kavalier für sich erobert.

»Greifen Sie zu, lieber Freund,« sagte der Senator Stanford, »es ist eine Partie, wie Sie im Leben keine bessere finden werden. Miß Jane liebt Sie, das ist sonnenklar. Nur nicht zögern!«

Die Yankees meinten es gut mit Joseph Heidenstamm, sie hatten ihn immer liebenswürdig aufgenommen und behandelt, vielleicht weil er in seinem ganzen Wesen das schroffe Gegenteil ihrer selbst bildete.

Jane Belmont war ein Weib, das keinem Manne gleichgültig bleiben konnte, auch Joseph nicht, aber seine Liebe zu ihr erwachte doch erst spät. Der Wendepunkt war für ihn der Tag, da er Albrechts Brief mit der Mitteilung erhielt, daß Marie sich seinem Bruder verlobt habe.

Er begriff es nicht, er war wie vor den Kopf geschlagen! Er hatte geglaubt, ohne sich dieses Gedankens je recht bewußt zu werden, Marie werde ledig bleiben in aller Zukunft. Es schien ihm, als sei sie die Hüterin jener glücklichen Jugenderinnerungen, die sie gleichsam rein zu bewahren die Priesterinpflicht habe. Auf ihn, Joseph, kam es nicht an: er war ein Verbannter, Ruinierter, ein Mensch auf schwankendem Boden, den das rauhe Leben hin und her warf. Ob er ein reiches Mädchen heiratete oder nicht, schien fast gleichgültig. Er war nie ein Heiliger gewesen, im Gegenteil, aber Marie war in seiner Erinnerung die Heilige. Sie umschloß gleichsam wie ein Kelch von Kristall alles Schöne und Gute seines Lebens, seiner Kinderzeit, seiner Jugend, seiner glücklichsten Tage.

Albrechts Braut!

Er begriff es nicht.

Damit war alles zerstört, alles. Ihr süßes Bild, das in der Entfernung des Raumes und der Zeit immer zartere, feinere Linien angenommen hatte, das für ihn in den schwersten Tagen ein Halt und in den schlimmsten Stunden da unten in Mexiko und drüben in dem verruchten Francisco ein Schutz gewesen war, das lag gestürzt, zerschmettert.

Die erste Träne seit undenklicher Zeit kam in sein Auge.

Als er Jane den Brief gab, las sie und sah ihn dann mit einem seltsamen Blick an: »Du bist traurig, Joseph?«

Er antwortete nicht, seine Kehle war wie zugeschnürt.

Sie nahm seine Hände: »Joseph, glaubst du, ich verstehe das nicht? Die erste Liebe vergißt man nie, und wenn man eines Tages hört, daß sie nun auch zu einem andern gegangen ist, dann tut das weh. Das ist doch so menschlich begreiflich. Engel sind wir alle nicht, Joe, du auch nicht, du erst recht nicht.« Sie sah ihn mit ihren großen, verständigen Augen nahe an. »Du darfst ihr nicht böse sein, weil sie dir nicht böse sein darf. Nun komm, Joe, wir fahren nach Monmouth Park, das bringt dich auf andre Gedanken.«

Sie fuhren nach Monmouth Park, und Joseph kam wirklich auf andre Gedanken.

Er saß in dem kleinen Buggy, Jane links neben ihm, und er hatte alle Hände voll zu tun, um die Zügel des Trabers zu regieren, der ihm fast die Arme ausriß. Es gibt nur ein Land in der Welt, wo man zu fahren versteht! Was sind die ungarischen Jucker, mit denen die Kavaliere in Wien und Budapest kutschieren, oder die Orloffs in Moskau, oder die irischen Hacks in Hyde Park verglichen mit diesen amerikanischen Wunderpferden?! Sie fegen in einem Tempo, daß den Insassen Hören und Sehen vergeht, und man muß ausgezeichnete Nerven und eine sehr sichere Hand haben, um in einem wilden Trubel nebenher hastender Wagen die Linie zu halten.

Joseph saß wie aus Erz gegossen, den Kopf leicht vorgeneigt, die sehnigen Arme fast kerzengerade ausgestreckt, und Jane lehnte neben ihm in ihrem hellen, duftigen Musselinkleide, über das der Straßenschmutz fortspritzte, als ob Pariser Musselinkostüme den Wert eines Kattunfetzens hätten.

Ihre Augen blitzten vor Freude: »Bravo, Joe, allez!« und ihre schneeweißen scharfen Zähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen wie eine Elfenbeinreihe: »Allez, Joe, hol sie! Den da! Da vorn! Den Fuchs! By Jove, das ist Jay Goulds Trotter! Hol ihn!«

Sie holten ihn, sie holten alle! Der kalifornische Traber ging wie eine Maschine, und die eiserne Faust seines Lenkers zuckte nicht.

Bisweilen schnalzte Joseph leise mit der Zunge, dann spitzte der Hengst die Ohren und blickte Jane mit noch helleren Augen. Und als sie die riesige Menge der zum Rennen kutschierenden Wagen passiert hatten und mit freier Fahrt geradeaus sausten, lehnte sie sich zufrieden zurück, streifte mit dem weißen Handschuh gleichgültig über die Spritzflecken auf dem Musselin und schaute mit einem bewundernden Blick auf ihren Begleiter:

Ein Mann! Ein ganzer Mann! Wie hübsch er aussah mit den leicht gerunzelten Augenbrauen, unter denen die Augen groß und ruhig geradeaus blickten!

»Joe?«

Er schaute einen Moment zur Seite: »Jane?«

Mit einer leisen, fast unmerklichen Bewegung rückte sie ihm näher: »Ich habe dich lieb, Joe.«

Noch einmal blickte er nach ihr hin und lächelte, dann mußte er wieder alle Aufmerksamkeit dem Pferde zuwenden, das wie ein Pfeil vorwärts zog und einer neuen Wagengruppe sich näherte.

›Wahnsinn,‹ dachte Joseph, ›alle Sentimentalität! Nimm das Leben, wie es ist. Neben dir sitzt das schönste Mädchen, und die andre hat dich längst vergessen!‹ Und er beugte sich vorwärts, die Arme um eine Handbreit vorschiebend. Der Hengst ging rascher, von seinem Gebiß flogen leichte Schaumflocken, und wieder blieb Wagen um Wagen hinter ihnen. Er fühlte neben sich das warm pulsierende Leben des schönen Weibes, hörte ihren Atem, und plötzlich, mit einer kurzen, raschen Wendung sah er ihr ins Gesicht.

»Jane?«

»Joe?«

»Ich habe dich lieb!« Er stieß es zischend zwischen den Zähnen vor.

»Joe, paß auf! Um Gottes willen!«

Um ein Haar hätte der leichte Wagen mit einem Sulky karamboliert, aber schon war die Gefahr vorüber, hatten sie den andern passiert.

»Sieh nicht wieder zur Seite, Liebling, um keinen Preis. Aber sag es noch einmal: Ich habe dich lieb.«

»Ich habe dich lieb!«

Sie wiederholte es in einem zärtlichen, entzückten Tone:

»Ich habe dich lieb!«

Und mit heißen Wangen, sich näher aneinander schmiegend, sagten sie beide abwechselnd in kleinen Pausen immer dieselben glühenden Worte, während der Staub der Landstraße um sie her sauste, rechts und links Wagen vorbeiflogen, Flüche erschallten und Pferdeköpfe, Räder, Menschen wie ein Hexensabbat auf der vollgedrängten Chaussee um sie her wirbelten.

In Monmouth Park auf der Rennbahn begrüßen sie tausend Leute. Das ganze vornehme New York war draußen, und Miß Jane kannte dieses ganze vornehme New York. Ihre wunderbare Toilette war ruiniert, von hundert Schmutzflecken und Staub überdeckt, aber nichts ist so chic als diese vernichteten Rennkostüme. So kann man nur aussehen, wenn man hinter einem Trotter saß, der die englische Meile in 2:10 geht. Und neben einem Kavalier, der 2:10 zu fahren versteht. Und wer versteht das? Von tausend nicht einer!

Joseph ging neben ihr in einem Rausch. Er sah, wie alle Welt ihn und seine schöne Gefährtin bewunderte: »Vollblut alle beide! Nicht eine dieser künstlich zusammengeschraubten Verbindungen, wie sie sonst die niedergebrochenen europäischen Seigneurs mit den amerikanischen Erbinnen eingehen.«

Nun stand er wieder auf der Höhe, dort, wohin er gehörte. Wieder Gentleman großen Stils, reich, und vor ihm ein wirkliches Leben: zunächst weite Reisen, dann auf den großen Gütern der Belmonts die Anlegung eines erstklassigen Gestüts, eine Tätigkeit, die scharfe Arbeit und volle Kraft erforderte. Jane verlangte von ihm, daß er arbeitete: »Nur nie müßig gehen, Joe, das ist für uns beide die Hauptsache; ein Mann, der nichts leisten würde, wäre für mich nicht gemacht.«

Er hatte schon jetzt Vermessungen angestellt, die Paddocks abgrenzen lassen und genaue Berechnungen gezogen. »Mit deutscher Gründlichkeit und amerikanischen Mitteln etwas leisten dürfen, das lohnte sich zu leben, by Jove.«

Weiter und immer weiter schwand Maries Bild. Es versank in einem Strudel von neuem Leben, Genießen und von einer – ja, einer neuen Liebe! Er hatte Jane Belmont vom ersten Tage an, da er sie kennen lernte, gern gehabt: ihr schönes Gesicht, die volle Gestalt, ihr offenes Wesen, aber ihre Verlobung war mehr ein Zusammenfinden gewesen, ein Geschäft auf gesunder, guter Basis, als eine zwingende Neigung. Jane selbst in ihrer offenen, heiteren Weise leugnete das nicht. »Wir passen zusammen, Joe, und das ist die Hauptsache. Du bist ein Mann, wie ich ihn mir immer gewünscht habe.« Im Vergleich zu den Heiraten ihrer meisten Freundinnen, die entweder nach Europa verhandelt wurden an die finanziell und körperlich ruinierten Kavaliere, oder in New York Millionäre oder Milliardäre zum Manne nahmen, war Janes Verbindung eine Art »Liebesheirat«.

Ein Mann mit dem besten Namen, vornehm, jung, hübsch, ein glänzender Reiter, ein liebenswürdiger Mensch – sie hatte ihn wirklich gern. Es war eine so vernünftige und dabei reizende Heirat, wie sie von hundert reichen Mädchen kaum eine abschließt.

Und das im Anfang etwas kühle, kluge, liebenswürdige Verhältnis zwischen ihr und Joseph wurde mit den Wochen und Monaten immer wärmer. Während die Ehen ihrer Freundinnen nach der kümmerlichen Komödie der Hochzeitswochen zu Eis erstarrten, fühlte Jane zu ihrem jungen Gatten sich immer näher hingezogen. Damals auf der Fahrt nach Monmouth Park hatte das Liebesspiel zwischen ihnen begonnen, aber es war doch nur ein Spiel gewesen, ein flüchtiges Auflodern der sinnlichen Leidenschaft. Jetzt langsam kamen sie einander immer näher. Sie waren beide junge Menschen, und die Glut, die unter Janes etwas kalter, angelsächsischer Schönheit schlief, wachte auf. Es gab zwischen ihnen keinen Liebessturm, der mit alles besiegender Gewalt zwei Menschen zusammenführt, dazu fehlte es durchaus an einem Anlaß, denn sie gehörten einander nach Gesetz und eigner freier Bestimmung, der zu widersprechen niemand auf der Welt ein Recht oder auch nur einen Anlaß hatte. Niemand stand zwischen ihnen, und die einzige, die wie ein dunkler Schatten sie durch die Macht der Erinnerung hätte trennen können, hatte diese Macht selbst zerbrochen und war eines andern Mannes Frau geworden.

Janes Liebe behielt immer einen etwas nüchternen Zug, der nach einer heißen Liebesstunde in einem sarkastischen Lächeln sich äußerte, einem Lächeln, das halb verlegen, halb ironisch sie selbst und Joseph verspottete. Aber es kamen immer wieder Stunden, in denen sie dieses Lächeln vergaß und in einem Rausch von Jugend und Verlangen ihn umschlang. Dann wieder das Lächeln, und dann wieder Liebesglut. Sie fing an, Joseph wirklich zu lieben – in ihrer Art, mit ihm glücklich zu sein – in ihrer Art. Und in ihren stürmischen Umarmungen begann er zu glauben, daß jene Liebe damals in der kühlen norddeutschen Stadt eine Art Kinderliebe gewesen sei, ohne Feuer und ohne Gewalt. Eine Vorfrühlingsliebe, sehr weich und sehr fein, aber so schwächlich und zart, daß sie keine Lebensdauer hat. Wie die kleinen Blumen, die in warmen Märztagen sich siegesfroh hervorwagen und von dem ersten Frost zerknickt werden, kraftlos und ärmlich.

Nur nachts im Traum sah er alles wieder wie einst.

Marie!?

Er fuhr dann auf und blickte wirr um sich.

Marie – – –

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