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Wilhelm Meyer-Förster: Heidenstamm - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeidenstamm
authorWilhelm Meyer-Förster
firstpub1901
year1903
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHeidenstamm
pages3-50
created20050228
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel.

»Und das ist die Photographie.«

Marie nahm das Bild, das Albrecht ihr reichte.

Einige Sekunden betrachtete sie es mit einem seltsamen, fast gleichgültigen Gesichtsausdruck, dann legte sie es beiseite.

»Marie,« sagte er und beugte sich vor, »du bist kein Kind mehr. Nimm die Sache, wie sie ist. Es liegen fünf Jahre dazwischen, du mußt das bedenken.«

»Ich bedenke es,« sagte sie stumpf.

Er ging im Zimmer auf und ab und blickte dann lange aus dem Fenster. Als er sich wieder umwendete, sah er Marie mit dem Bilde in der Hand, auf das sie niederschaute, ohne Albrechts Blick zu sehen.

Als er näher trat, fuhr sie zusammen wie jemand, der bei einem Unrecht ertappt ist. Erst zögernd, als ob sie nicht recht wüßte, was sie tun sollte, dann mit einer hastigen Bewegung legte sie das Bild wieder auf den Tisch.

»Ich glaube, wir können mit dieser Lösung sehr zufrieden sein,« sagte er, »in aller Interesse. Er hat sich fünf Jahre drüben in Nord und Süd umhergetrieben, ohne was zu erreichen. Bis er schließlich und eben noch zur rechten Zeit eingesehen hat, daß ihn einzig und allein eine Heirat wieder in die Höhe bringen kann. Stimmt das?«

»Ja,« sagte sie scheu.

»Also.« Nach einer Weile begann er von neuem.

»Joseph ist siebenundzwanzig Jahre alt, oder achtundzwanzig; aus eigner Kraft, wie andre Leute, die man nach drüben schickt, wäre er nie zu etwas gekommen. Ich dächte, das wäre vollständig klar, nicht wahr?«

Er fragte präzis und scharf wie immer, er erwartete eine Antwort.

»Ja,« sagte sie mit einem Murmeln.

»Er ist ein Yankee geworden wie alle, natürlich. Es gibt Leute, die meinen Bruder immer sehr hoch taxiert haben, als eine Art Idealisten. Pah!« Er lachte verächtlich. »Uebrigens, ich habe durchaus keinen Anlaß und keine Lust, den Sittenrichter zu spielen: er konnte einfach nicht anders. Ehe man ertrinkt, greift man nach – nach – na, was? Ein Strohhalm wäre ein allzu lächerlicher Vergleich.«

Er nahm das Bild der schönen Miß Belmont und betrachtete es lange.

»Eine schöne Person, weiß Gott. Und ein Sack Dollarnoten als Mitgift, man kann sich das gefallen lassen. Wie?«

Wieder nickte sie stumpf, sie hatte kaum gehört, was er sagte.

Es folgte eine lange Pause, in der Marie, immer noch neben ihm sitzend, aus dem Fenster schaute nach den weißen Wolken jenseits der Dächer, mit einem leeren Blick.

Die Nachricht von Josephs Verlobung war schon vor Wochen eingetroffen, das Bild der Miß Belmont war aber erst heute angelangt.

Albrecht wandte seine Augen nicht von ihr ab. Nein, ein Kind war Marie nicht mehr, sie sah fast alt aus. Das volle Gesicht war schmäler geworden, blaß und müde, alles Kindliche war daraus geschwunden, und nur um den Mund lag noch ein weicher Zug von Jugend.

Er stand endlich auf:

»Ich muß nun gehen. Wenn ihr es gestattet, komme ich zum Abendbrot. Wo ist das Bild?«

»Laß es mir hier. Bitte.«

»Weshalb?«

»Bitte.«

»Hm. Wie du willst. Adieu, Marie.«

»Adieu, Albrecht.«

Er hielt ihre Hand fest. Nun, wo sie aufrecht neben ihm stand mit ihrer großen, schlanken Figur und den runden Linien ihrer schönen Gestalt, erschien sie wieder jugendlich, wie ein Mädchen, das lange krank war, das aber vielleicht wieder genesen und neu aufblühen mag.

»Am treuesten von allen, Marie, habe ich es mit dir gemeint, und werde es immer tun. Das weißt du.«

Sie nickte, sie wagte es nicht, irgend eine seiner Fragen ohne Antwort zu lassen; denn sie wußte, daß er andernfalls auf einer ausdrücklichen Erwiderung seiner Worte bestehen würde.

»Also bis Abend, Marie.«

»Bis Abend.«

Er preßte ihre Hand fest in seiner erstickten Leidenschaft und ging.

Eine Zeitlang stand Marie ganz still im Korridor, ohne sich zu bewegen. Sie lauschte auf seine Schritte, die die Treppe hinab verhallten, aber auch dann bewegte sie sich noch nicht von der Stelle. So stand sie jedesmal, wenn Albrecht fortgegangen war, als ob er immer noch gegenwärtig sei und vor ihr stände und irgend etwas fragte. Erst ganz langsam löste sich diese Starrheit.

Es war immer noch dieselbe kleine Wohnung, nur daß das Haus draußen grauer geworden war, die Tapeten vergilbter und die Oelfarbe an den niedrigen Türen fleckiger.

Sie trat in das Wohnzimmer, an dessen einem Fenster die Mutter saß, apathisch wie immer, die Hände im Schoß und das verwelkte Gesicht auf die Straße gerichtet. An ihr waren die fünf Jahre vorübergegangen, ohne ihr müdes Herz zu erregen, kaum daß sie bemerkt hatte, Joseph sei fort.

Auch die Geldsorgen, die vor zwei Jahren über die beiden einsamen Frauen hereingebrochen waren, als trotz aller Sparsamkeit das kleine Kapital versiegte, hatte Marie allein getragen. Es war damals die Rede davon, daß sie die Wohnung aufgeben und in eine kleine Stadt am Harz übersiedeln wollten, aber Albrecht gab das nicht zu. Marie hatte seine Hilfe anzunehmen sich geweigert, er zwang sie dazu.

Sie setzte sich der Mutter gegenüber an das zweite Fenster und nahm eine Arbeit zur Hand.

Jedesmal, wenn unten auf der Straße jemand vorbeiging, den die alte Frau kannte, nannte sie laut den Namen:

»Da geht Goßler.«

»Da geht Johanna Frerichs.«

Oft erblickte sie stundenlang kein bekanntes Gesicht, kam dann aber endlich jemand vorbei, dessen Namen sie wußte, so lag in dem Tone nichts Ueberraschtes oder Erfreutes, es war immer derselbe kurze, matte Ausspruch:

»Da geht der Oberst.«

Weiter sprach sie nichts. Waren Besucher anwesend, die – über dieses Lebenszeichen der Frau erstaunt und erfreut – daran anzuknüpfen versuchten und etwa sagten: »Johanna Frerichs hat kürzlich ihren Mann verloren,« – »der Oberst wird nächstens nach Berlin übersiedeln,« – und so weiter, so reagierte sie nicht. Sie wandte nicht einmal den Kopf und blickte nach wie vor auf die Straße.

Es gab alte Herren, einstige Kameraden ihres Gatten, die hinauf grüßten, ohne je von ihr einen Gegengruß zu erhalten. Andre Bekannte gab es, die sich förmlich scheuten, vorüberzugehen, und lieber einen Umweg machten, um der einsamen Beobachterin zu entgehen. Sie wußten vielleicht nicht, daß sie der alten, gebrochenen Frau damit die letzte Freude schmälerten, wenn das auch nur eine starre, tote Freude war.

»Da geht Lydia.«

Marie schaute hinaus.

Ja, da ging Lydia. Mit ihrem Manne und dem Kinde. Lydia, die ein kleiner, dürrer Backfisch war, als Marie mit Joseph Heidenstamm sich verlobte.

Das Bild lag vor ihr auf dem Nähtisch. Auf der Mahagoniplatte des altmodischen Tisches zwischen Strickgarn und Wäschebündeln erschien die blanke amerikanische Photographie in dem langen Imperialformat wie verirrt.

Ein blendendes Gesicht, bildschön, mit blitzenden, lachenden Augen, die vollen Lippen leicht geöffnet, als ob sie mit jemand plaudere, der ihr gegenüberstand. Vielleicht mit Joseph. Kein feierliches Gesicht, wie es junge Damen ziehen, die alle paar Jahre einmal sich photographieren lassen, wenn das ersparte Taschengeld dazu reicht, – ein lustiges, fast spöttisches Lächeln, das sich um den Photographen keinen Augenblick kümmert.

Mit großer, fester, schrägliegender Schrift stand auf dem unteren Rande, halb in das Bild selbst hineingeschrieben: »Jane Belmont«.

Joseph verlobt, der Tragödie letzter Akt. Der Vorhang konnte nun fallen.

Je länger sie auf das Bild schaute, je stiller wurde es in ihrem Herzen.

Es war Jahre her, daß sie von Joseph nichts mehr gehört hatte, er war fast verschollen gewesen. Sein letzter Brief an sie war von Hamburg aus datiert an dem Tage, als er von Deutschland Abschied nahm: »Du bist frei, Marie, du wirst nie mehr von mir hören, Marie. Denke, ich wäre tot.«

Nur aus seinen seltenen Briefen an Albrecht erfuhr sie noch bisweilen von ihm.

Vielleicht hatte, ihr selbst unbewußt, in ihrem zerstörten Herzen immer noch ein phantastischer Gedanke geschlummert: eines Tages werde Joseph wiederkommen, einer von den vielen, die drüben ihr Glück gemacht haben, und nun, wie der Prinz im Märchen, alles zum Guten wenden.

Ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen: Joseph hatte wirklich sein Glück gemacht, drüben.

Immer starrte sie auf das Bild: ein guter Tausch, wahrhaftig, diese schöne, glänzende Amerikanerin für ein altes, verblühtes Mädchen!

Marie war fast ruhig gewesen, als vor drei Wochen Albrecht die Nachricht brachte, Joseph habe sich verlobt mit einer Miß Belmont, einer der reichen Damen von Boston.

»Es ist für ihn das Beste,« sagte Albrecht, »der einzige Ausweg, den er noch hat,« und Marie hatte mit starren Augen dazu genickt: »Ja, das Beste.«

In der einsamen Nacht war freilich Verzweiflung über sie gekommen, ein letztes, herzzerreißendes Weh, ein letzter Abschied von Hoffnung und verlorenem Glück. Aber dann hatte sie sich zusammengerafft: »Er hat gelitten wie keiner, er ist zu Grunde gerichtet wie keiner, nun endlich kann er sich noch einmal aufrichten. Gott segne dich, Joseph! Gott schütze dich, Joseph, lebewohl, Joseph!«

Aber dieses Bild riß die Wunden von neuem auf. Mit einer vagen Idee hatte sie beim Empfange jener Nachricht Josephs Braut sich als ein gealtertes Mädchen vorgestellt, das den ruinierten Offizier mit ihrem Gelde erkaufte.

Menschliche Herzen sind sonderbar. Sie können vieles und Schweres ertragen, aber sie zucken in unerträglichem Schmerze zusammen, wenn man eine scheinbar gleichgültige Stelle berührt, die der Eitelkeit. Sie hatte Joseph alles vergeben, auch dieses Letzte und Schwerste, das sie und den Geliebten für immer trennte, sie hatte für ihn und sein Glück gebetet; und dieses Bild riß alles Vergeben und alle Gebete in Stücke.

Er nahm die Amerikanerin, weil sie jung war, schön, blühend, er begnügte sich nicht mit dem Gelde, er suchte auch eine neue Liebe!

Armes, eitles, verwundetes Herz! Sie hatte für sein Glück gebetet, aber für ein Glück mit Einschränkung, ein Glück neben einer gealterten Frau, ein trauriges, jämmerliches Glück. Sie war in jener Nacht, da sie für ihn betete, fast stolz gewesen auf ihr Sichselbstbesiegen, auf diese sittliche Kraft, die alles vergibt und feurige Kohlen auf das Haupt des andern sammelt. – –

Immer lächelte Miß Janes Bild sie an. Sie beugte sich über das Bild mit Augen voll Haß und Verzweiflung, aber die schöne Amerikanerin lächelte unbeirrt weiter. Sie war ja so weit, viele tausend Meilen, einen Ozean weit.

Marie träumte. Jetzt, zu dieser selben Stunde sitzt Joseph neben seiner schönen Braut, und sie läßt ihn erzählen.

»Erzähle mir, Joseph, von früher, von Deutschland, von deinen Siegen auf der Rennbahn, von den deutschen Offizieren. Sind sie alle so hübsch und schlank wie du? Ja? Und dann von deiner früheren Braut. Wie hieß sie doch? Ja, Marie. Ein häßlicher Name. War sie schön? Schöner als ich? Nein? Nicht wahr, sie war nicht so schön wie ich. Und außerdem, jetzt ist sie alt. Wie alt? Rechne mal nach, Joseph. Vierundzwanzig?! Großer Gott! Und ich bin achtzehn! Ich bin jung und blühend, umarme mich, Joseph! Küsse mich!«

Marie fuhr auf mit einem Schrei.

Mit einem entsetzten Blick sah die alte Frau sie an. »Marie?! Kind – was – hast – du?!«

Marie zog mit beiden Händen Strähne von Haar über Schläfen und Wangen, bis sie nach einem langen, stieren Blick aufwachte. Sie sah die furchtvollen Augen der Mutter auf sich gerichtet und atmete tief auf. »Nichts, Mama, nichts, es ist nur – es ist nichts, nichts.«

Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und nahm mechanisch eine Arbeit zur Hand. »Nichts,« sagte sie leise vor sich hin und nach einer Pause noch einmal: »Nichts.«

Ein langes Schweigen folgte, das an diesem dumpfen Nachmittage die alte Frau nur einmal unterbrach:

»Da geht Frerichs.«

*

Albrecht von Heidenstamm zeigte fast gleichzeitig mit seinem Bruder in der »Kreuzzeitung« seine Verlobung an.

»Also doch!« sagte die ganze Verwandtschaft. »Also endlich!«

Jeder Mensch hatte diese Verlobung erwartet, denn aus rein verwandtschaftlicher Rücksichtnahme war Herrn von Heidenstamms jahrelange Fürsorge für die beiden einsamen Frauen nicht zu erklären gewesen.

Wo immer das »junge« Brautpaar einen Besuch abstattete, gratulierten die Damen Marie in einer eigentümlich artigen und reservierten Form: o, sie machte wirklich eine brillante Partie! Der Oberstleutnant von Heidenstamm war ein Mann der großen Carriere, ohne jede Frage. Seine Reitersiege lagen nun freilich hinter ihm, die Triumphe der Rennbahn überließ er jüngeren Kameraden, aber wenn je auf deutschen Rennplätzen von den glänzenden Reitererfolgen vergangener Zeit die Rede war, so vergaß man sicherlich nicht, den Oberstleutnant von Heidenstamm – und allerdings auch seinen verschollenen Bruder – in erster Reihe zu nennen.

Außerdem: er war gut situiert. Er hatte ein leidliches Vermögen zusammenzuhalten verstanden und konnte seiner Frau eine behagliche Zukunft bieten.

Und was hatte dieses Fräulein Marie als Ausgleich für so viele Vorzüge ihres Bräutigams in die Wagschale zu legen? Nach der Ansicht aller Sachverständigen, das heißt der meisten Damen ihrer Bekanntschaft, nichts! Gar nichts! Im Gegenteil!

Erstens, sie war verblüht, ja, durchaus. Eine dieser norddeutschen Schönheiten, die in ihrer Glanzzeit nach Statur und Gesichtsfarbe aussehen, als ob sie zwanzig Jahre lang sich nie verändern und alle Stürme der Zeit überdauern würden und die eines Tages nach dem ersten Rauhfrost ruiniert sind. Und zweitens: diese Vergangenheit! »Eine junge Dame, die einmal verlobt war und deren Bräutigam auf Nimmerwiedersehen verschwand! Wie lange ist es her? Acht Jahre? Zehn Jahre? Erst fünf? Nicht möglich! Sie war damals achtzehn alt, und jetzt ist sie mindestens achtundzwanzig!«

Aber durch Vergleich und Nachrechnen konstatierte man, daß in der Tat erst fünf Jahre seit Josephs Niederbruch ins Land gegangen seien und daß mithin des Oberstleutnants Braut knapp vierundzwanzig Jahre zähle. Indessen:

»Man ist so alt, wie man aussieht, und sie sieht aus wie dreißig.«

Höchst merkwürdig und lächerlich, dieses Ballspiel: erst des einen Bruders Braut, dann des andern, erst des jüngeren, dann des älteren! Der Oberstleutnant hatte einen seltsamen Geschmack.

Er hätte ganz andre Partien machen können.

Marie mußte viel lächeln und freundliche Worte sagen in dieser Zeit. Sie wurde von Haus zu Haus gefahren und allenthalben präsentiert als die besondere Sehenswürdigkeit, die jede Braut darstellt, und die mit Muße zu betrachten ein verbrieftes Recht der Gesellschaft ist.

Sie hatte immer dieselben Worte zu wiederholen, und das Lächeln um ihren Mund bekam ein starres Gepräge.

Wie ein warmer Sonnenstrahl oft der halbverblühten Blume nach kalten Tagen noch einen letzten Glanz leiht, so geht es den Mädchen, denen eine späte Brautzeit noch einmal den Schimmer der Jugend zurückgibt, aber bei Marie war es, als ob ein hartes Unwetter auch den letzten weichen Zug von Jugend um den Mund zerstört habe.

Albrecht selbst fiel das auf.

Um dieses Mädchen hatte er geworben, als sie noch eine halbgeschlossene Knospe war, er sah sie Josephs Braut werden und sah sie von Joseph verlassen, er war seitdem beständig um sie gewesen und hatte das langsame Verwelken, das Anderswerden ihres Gesichtes nur undeutlich empfunden.

Er hatte fünf weitere Jahre um sie geworben, und nun endlich am Ziele, das Mädchen in seinen Armen, ihr Mund an seinem Munde, das erste Sehnen gestillt, war es ihm, als ob Schuppen von seinen Augen fielen! Ein altes, verblühtes Mädchen, dessen letzter warmer Hauch unter seinen heißen Umarmungen erstarrt war!

Betrogen! Er hatte sich selbst betrogen!

Bisweilen, wenn er in einem Uebermaß ungestillten Verlangens und tiefen Grimms sie aufrüttelte:

»Marie! Sieh mich an! Starr nicht so vor dich hin!« streckte sie sich in seiner Umarmung empor, erschreckt und voll Angst, eine heiße Röte schoß in ihr Gesicht, und die Augen leuchteten in einem hellen Glanze von bebender Furcht. Es war, als ob plötzlich das Gesicht wieder jung, die Gestalt wieder straff und die tote Seele wieder wach sei. Dann umschlang er sie in einer wilden Erregung:

»Marie, ich habe dich lieb! Ich habe dich immer geliebt. Du gehörst nun zu mir, ich trage dich auf Händen, raff dich auf! So, ja, so, küß mich!«

Aber das Strohfeuer sank in Asche zusammen.

*

An einem Herbsttage, vier Wochen vor der Hochzeit, gingen sie zusammen durch den Buchenwald, der sich um die Stadt zieht und dessen gelbbraune Blätter langsam und ohne Hast niederflatterten. Sie sprachen darüber, ob es nicht besser sei, die Verlobung wieder rückgängig zu machen.

»Ich liebe dich, Marie,« hatte er an jenem Abende zu ihr gesagt, als er Marie an ihrem Nähtische gefunden hatte, immer noch das Bild der schönen Miß Belmont vor sich. »Ich habe dich immer geliebt und du mich nicht, ich weiß. Du hast ihn nicht vergessen, ich weiß, aber er hat dich vergessen. Ich fordere ja nichts, Marie, ich will nur der sein, der dein Leben beschützen und immer um dich sein darf. Ich bin einsam, und du bist einsam, laß uns unsern Lebensweg zusammengehen.«

Und Marie, müde und hoffnungslos, hatte eingewilligt.

Und eine einzige Minute später hatte sie gewußt, daß alles, was er knieend und stammelnd gesagt hatte, Lüge war.

Denn er hatte sie an sich gerissen wie ein Wahnsinniger, sie an sich gepreßt und ihren Mund geküßt zum Ersticken. O, er forderte! Er wollte nicht nur der sein, der ihr Leben beschützte!

Eine Lüge. Die Lüge eines Menschen, der alles Werben erschöpft hat und resigniert nur noch um Dulden fleht, kaum selber wissend, was er sagt und verspricht.

Sie erinnerte ihn daran, und er nickte.

»Ja, du hast recht.«

In einem verzweifelten Ringen dieser wenigen Wochen, in dem die tote Gleichgültigkeit des Weibes Siegerin geblieben war, hatte das zehnjährige Sehnen des Mannes sich erschöpft. Er liebte sie nicht mehr. Zuweilen von einer inneren Angst gepackt, versuchte er den Brand in sich selbst noch einmal zu schüren, leidenschaftliche Worte zu finden, aber diese Worte stockten und sanken in sich selbst zusammen.

Strohfeuer. Auch bei ihm.

Sie starrten düster vor sich hin, wenn sie an die Zukunft dachten: ein Zusammenleben bis ans Ende, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre, oder noch länger. Vielleicht malten sie es sich schlimmer aus als nötig, es gibt so manche konventionelle Ehe auf noch schwankerer Basis, die schließlich sich erträglich gestaltet. Sie sprachen das auch aus, ohne doch zu einem entscheidenden Entschluß zu kommen.

Zweimal verlobt gewesen und zweimal die Verlobung wieder gelöst – das ist mehr, als die Welt einer Dame verzeihen kann. Mag sie es tun auf ihre eigne Verantwortung hin, aber für die Gesellschaft ist eine solche Dame in Zukunft tot, existiert nicht mehr. Es ist das Ende, der Schluß, basta.

Marie fürchtete diese Verurteilung der Welt nicht, aber der Oberstleutnant legte mehr Wert auf die Meinung der Gesellschaft. Man kann vieles ertragen, nur nicht das Gefühl, lächerlich zu erscheinen. Unmöglich, ein solcher Eklat, ganz undenkbar!

Und ein Gefühl der Ritterlichkeit, die mehr oder weniger jeden Mann beseelt, sagte ihm: »Du kannst Marie das nicht antun. Es wäre nicht mehr und nicht weniger als eine Vernichtung ihrer ohnehin so ärmlichen, kleinen Lebensstellung.«

Ein Mitleid überkam ihn, das für kurze Zeit die halbzerrissenen Fäden von ihm zu ihr neu spannte und sein schroffes Wesen milderte.

Er zog ihren Arm, der schlaff in seinem Arme lag, dichter an sich und preßte ihre schmale Hand:

»Wir sind Toren, alle beide, Marie. Es gibt für uns kein Zurück, wir müssen vorwärts. Wir müssen versuchen, zwei gute Kameraden zu werden, ja?«

Es lag etwas Weiches in seiner Stimme, das sie bisher nie darin gehört hatte, und diese leise Regung von Milde und sanfter Güte wirkte so überraschend auf sie, daß Tränen in ihre Augen kamen.

Der Wald um sie her stand in tiefem Schweigen. Sie gingen dieselben Wege, die Marie einst mit Joseph gegangen war.

Blatt um Blatt flatterte in dem kühlen, sonnenlosen Lichte des grauen Tages zwischen den Stämmen zu Boden, und draußen auf den weiten Feldern lag eine freudlose Stimmung von Spätherbst und nahem Winter.

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