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Wilhelm Meyer-Förster: Heidenstamm - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeidenstamm
authorWilhelm Meyer-Förster
firstpub1901
year1903
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleHeidenstamm
pages3-50
created20050228
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel

Der Kaiser kam nicht!

Man hatte ihn bestimmt erwartet, denn es ist eine alte Sitte, daß die Majestäten selbst der Entscheidung des größten Rennens der Armee beiwohnen. In letzter Stunde war der Kaiser verhindert worden.

Die allgemeine Enttäuschung war groß, namentlich bei den Damen, bei den zahlreich anwesenden Fremden und vor allen bei denjenigen Offizieren, die als Reiter an dem Armeerennen sich beteiligten. Keine größere Ehre, als den kostbaren Siegespreis aus des obersten Kriegsherrn Händen entgegennehmen zu dürfen!

Aber in dem Kaiserpavillon, der am äußersten linken Flügel der Tribünenreihe leicht und elegant sich erhebt, wo man einen weiten Blick hat über die Rasenflächen der unvergleichlich schönen Rennbahn, über den Kiefernwald in der Ferne und die Hoppegartener Häuser zur Linken, hatte sich, wenn der Kaiser selbst auch nicht anwesend war, eine illustre Gesellschaft versammelt. Prinz Leopold stand in Husarenuniform neben dem Herzog von Bayern; ganz vorn saßen die Damen und betrachteten die beiden kostbaren Silbergeräte, die für den Sieger und den Zweiten bestimmt waren; weiter im Hintergrunde erblickte die Menge, die sich neugierig vor dem Pavillon drängte, die Hofchargen, den Oberlandstallmeister, den greisen Fürsten Hohenlohe, die Adjutanten, die Kammerherren und ganz im Hintergrunde die Lakaien und Jäger.

Die Kapelle des Eisenbahnregiments – merkwürdig, daß just diese und nicht die Kapelle eines der Gardekavallerieregimenter konzertierte – spielte ein lustiges Potpourri von Studentenliedern, und immer noch schien die Sonne von einem italienisch blauen Himmel auf das bunte Gewoge des weiten Rennplatzes herab.

Nun endlich zog man die Nummern auf: neunzehn Reiter! Ein kolossales Feld, wie man es seit Jahren nicht auf der Hoppegartener Rennbahn gesehen hatte!

Gleich darauf begann der Ansturm auf den Totalisator, dessen Schalter unmittelbar nach Bekanntwerden der Starterliste für das wettende Publikum geöffnet wurden.

Hunderte, Tausende drängten sich heran, sie standen vor jedem Schalter in langen Reihen, und die Maschinen, die die Tickets (zu zwanzig Mark und zu fünfzig Mark) abstempeln, machten ein seltsames Geräusch, das sich aus der Ferne anhörte wie das Knattern vieler Gewehre, während das Rufen der Menge sich mit diesem Knattern mischte.

Numero siebzehn! Numero siebzehn! Numero siebzehn! Numero siebzehn! Numero acht! Numero sechs! Numero siebzehn! Numero siebzehn! – alle Welt wettete Numero siebzehn, Frangipanis Nummer, Heidenstamms Nummer.

An dem Hauptschalter, wo jedes Ticket einen Einsatz von fünfzig Mark bedeutet, verlangte ein dicker Herr vierzigmal Numero siebzehn, und als er mit zwanzig blauen Scheinen bezahlte, geriet das umstehende Publikum in eine Art von Paroxysmus.

»Frangipani gewinnt! Todsicher!« Man stürzte vorwärts und drängte verzweifelt, um an die Schalter heranzukommen, in den Kassen türmten sich die Goldstücke zu Bergen.

Numero siebzehn! Numero siebzehn! Immer dasselbe!

Bis die Wett-Berechner unruhig wurden: »Man kann Frangipani vernünftigerweise nicht weiter wetten! Man bekommt für zwanzig Mark, falls er siegt, kaum dreißig zurück. Das ist ein Gewinn von zehn bei einem Risiko von zwanzig! Ein Nonsens in einer Steeplechase!«

Man begann auch die andern Pferde zu wetten, deren eventueller Gewinn enorme Quoten versprach, aber das große Publikum blieb wie immer dem Favorit treu und legte auf seinen Sieg weitere Unsummen an der Kasse des Totalisators nieder.

Wie er es versprochen hatte, löste der alte General von Dewitz acht Tickets zu zwanzig Mark, die er seinen Nichten und Marie zum Präsent machte. Sie betrachteten die kleinen grünen Karten, die einem Eisenbahnbillet zum Verwechseln ähnlich sahen, mit neugieriger Freude und schoben sie in ihre Handschuhe, unter Lachen und allgemeiner Aufregung darüber debattierend, was jede einzelne mit ihrem Gewinne anfangen wolle.

Die Glocke zum Aufsitzen läutete, der Starter begab sich mit seinem Gehilfen in die Mitte der Rennbahn, und die ersten Reiter, zwei Rathenower Husarenoffiziere, erschienen hoch zu Pferde auf dem Sattelplatze.

Als Albrecht von Heidenstamm auf Madagaskar auf den Platz ritt, war das Publikum erstaunt.

»Wer ist das?«

»Ein Generalstabsoffizier! Ein Hauptmann?!«

»Seit wann reiten denn auch die Generalstabsleute auf der Rennbahn?!«

Bis man ihn erkannte und es von Mund zu Munde lief:

»Das ist Heidenstamm, der ältere! Josephs Bruder. Der frühere Kürassier.«

»Richtig, natürlich, der ist es. War früher ein verdammt guter Rennreiter.«

»Und ob!«

»Was reitet er?«

»Madagaskar.«

»Ach, den Schinder!« Und man ging über den älteren Heidenstamm zur Tagesordnung über und wartete ungeduldig auf den jüngeren.

Aber Joseph ließ seine zahllosen Verehrer noch eine beträchtliche Weile in unruhiger Erwartung.

Denn als er eben hatte aufsitzen wollen, nahe am Gestütshofe, wo man den Lärm und das Tosen der Menschenmasse nur ganz fern hörte, klopfte ihm jemand auf die Schulter:

»Guten Tag, Joseph.«

Es war ein baumlanger Mensch in einem merkwürdig uneleganten Zivil, den Joseph auf den ersten Blick nicht erkannte. Er sah den Fremden erstaunt, unwillig an, aber dann ging die helle Freude des Erkennens über sein Gesicht.

»Rochus! Zum Donnerwetter, du! Weiß Gott, ich hatte dich nicht gleich – wie siehst du aus!«

»Aus? Wieso?«

»Wo kommst du her?«

»Wo soll ich herkommen? Aus Pillkehmen komm' ich. Gestern nacht weggefahren, heute mittag auf Schlesischem Bahnhof angelangt, heute abend wieder zurück. Aus Freundschaft, mein lieber Joseph, für dich. Dieses Rennen muß ich sehen, und wenn sie zu Hause mir das Donnerwetter auf den Hals laden. Ich habe niemand zu Hause etwas von der Reise gesagt, dem Alten nicht, keinem. Sie halten mich nämlich verflucht kurz. Ich freue mich, Junge, daß ich dich wenigstens einen Moment treffe und spreche.«

»Aber weshalb bist du nicht auf die Tribüne gekommen? Oder auf den Sattelplatz drüben? Wir hätten doch die paar Stunden bis jetzt zusammen sein können.«

»Ne, ne, Unsinn. In dem Anzug! Der Alte hat mir einen neuen bestellt in Insterburg, aber ehe das Zeugs fertig ist, muß ich in diesem miserabeln Filz herumlaufen. Das ist nämlich ein Winteranzug, stell dir das vor, bei der Hitze!«

Joseph fühlte etwas in der Kehle emporsteigen, das ihn am Sprechen hinderte.

Sein Freund Rochus, der es von allen Kameraden immer am treuesten und besten mit ihm gemeint hatte, dieser große, schwitzende Mensch in dem beinahe ordinären Kostüm! Das war der frühere brillante Kürassier!

»Rochus!« sagte er nur und schüttelte schweigend die breiten Hände des Freundes, die trotz der kolossalen Hitze in einem Paar sehr eleganter grauer Handschuhe steckten. Vielleicht waren es gerade diese Handschuhe, die durch den Kontrast die ganze übrige Erscheinung in ein so fabelhaft gewöhnliches Licht rückten.

»Ich stehe da rechts,« sagte Rochus, »da kommt kein Mensch den ganzen Nachmittag vorbei, mich sieht keiner, und ich selbst sehe famos. Der hier ist mein Adjutant« – er klopfte einem halbwüchsigen Bengel derb auf die Schulter –, »ich schicke ihn vor jedem Rennen hinüber, und er muß mir die Totalisatorbillets holen, ein ulkiges Geschäft, was? Uebrigens, ich habe immenses Glück, schon achtzig Mark gewonnen. Für dich, lieber Joseph, ist das eine Bagatelle, aber ich armer Schlucker lebe in Pillkehmen von des Alten Gnaden. Vorwärts, Junge, lauf; wie ich es dir aufgeschrieben habe: fünf Tickets Numero siebzehn – zwanzig Mark, macht zusammen hundert. Da hast du einen blauen Lappen, fix!«

Joseph ließ sich aufs Pferd heben und gab Rochus die Hand.

»Wenn ich gewinne, Rochus, bist du heute abend mein Gast. Dann wollen wir einen lustigen Abend feiern, im Monopol. Meine Braut, die Dewitz', ein paar reizende Mädels, der alte General, vielleicht mein Bruder und noch ein paar Herren. Willst du?«

Rochus schüttelte den Kopf: »Leb wohl, Joseph, du mußt jetzt hinübertreten, es ist die höchste Zeit. Um acht fährt mein Zug, und nach dem Rennen hast du keine Zeit, dich um mich zu kümmern. Soll mich wundern, ob und wann wir beide uns mal wiedersehen.«

Joseph bat noch einmal und dringender, aber Rochus wehrt mit einer etwas rauhen und unsicheren Stimme ab:

»Nicht doch, Joseph, ist ja Unsinn. Der Anzug und mein Alter, – wenn ich morgen früh nicht zu Hause bin! – leb wohl, Joseph, viel Glück.«

Er reichte ihm die Hand, ohne Joseph anzusehen, dann lösten sich ihre Hände, und erst langsam, dann im Trabe ging der Hengst vorwärts.

Joseph fuhr sich mit dem Handrücken flüchtig über das Auge, dann stemmte er die Füße in die Bügel und richtete sich auf: »Nur nicht nachdenken, nicht irritieren!«

»Frangipani!«

»Endlich!«

Eine weite Gasse tat sich in dem Meer von Menschen vor dem Pferde auseinander, und Joseph ritt in die Gasse hinein. Der Hengst wurde unruhig, aber sein Reiter nahm die Zügel fester und klopfte ihm auf den Hals.

Tausend Augen waren auf ihn gerichtet, und ein Gewirr von Stimmen brandete unter ihm.

»Ein famoser Hengst!« – »Ein schönes Pferd!« – »Die Muskeln! Der weite Schritt! Die Hinterhand!« – »Der gewinnt und kein andrer!«

Dreimal ritt Joseph in weitem Kreise durch die Menschenmasse, dann gab der Zielrichter die Ordre, hinauszureiten, und in langer Reihe verließen die neunzehn Reiter den Sattelplatz, immer noch von einer Zuschauermauer umdrängt, bis sie die weite freie Rasenbahn erreicht hatten.

»Bravienka« war die erste, die zum Start kanterte, dann folgten »Lanterne«, »Madagaskar«, »Frangipani« und in dichtem Rudel der Rest. Am Totalisator vollzog sich der letzte Ansturm, die Krimstecher und Operngläser der Zuschauer wurden in Bereitschaft gesetzt; man sah, wie der Starter in der Ferne seine rote Fahne hob, wie das kolossale Feld sich ordnete, sich in Bewegung setzte, und dann –

»Ab!«

Zehntausend Menschen wiederholten das Wort, das große Rennen um den Ehrenpreis des Kaisers hatte seinen Anfang genommen.

Wie in einem Sturm plötzlich eine sekundenlange tote Ruhe eintritt, so breitete sich über Tribünen und Sattelplatz eine Stille, die eigentümlich zu dem vorausgegangenen Lärm im Gegensatz stand. Die Totalisatormaschinen hörten alle zugleich auf zu klappern, das Schreien verstummte, und die Gespräche brachen ab. Zunächst suchte jeder Zuschauer mit bloßem Auge oder Fernglas zu konstatieren, welchen Platz das von ihm gewettete Pferd beim Start erwischt hatte.

»Bravienka führt!« rief einer, und wie ein tausendstimmiges Echo riefen oder murmelten die andern:

»Bravienka führt.«

Die langen, hohen Tribünen, auf denen Kopf an Kopf die Menschen sich drängten, boten ein interessantes Bild. Wer unten an der Barriere stand, konnte dem Rennen den Rücken zuwenden und brauchte nur dieses Menschenmeer auf den Tribünen zu beobachten, um genau zu wissen, was hinter ihm vorging, und welchen Verlauf das Rennen nahm. Wie wenn ein Wind über ein Kornfeld geht, so waren diese Tausende fortwährend in Bewegung. Sie setzten sich nieder, standen auf, setzten sich wieder, bogen sich rechts, links vor, um besser zu sehen, sie gestikulierten – es war wie eine Bühne in den großen Ausstattungstheatern, wo eine Unzahl Schauspieler, auf einen geringen Raum zusammengedrängt, sich beugt und hebt und bewegt.

Jedesmal, wenn die Pferde an einen Sprung herangingen, trat eine gewitterschwüle Stille ein, und jedesmal, wenn sie das Hindernis überwunden hatten, entlud sich die Spannung in einem Brausen von Worten und Ausrufen. Jeder einzelne sprach vielleicht nicht viel lauter als gewöhnlich, aber die Tausende von Stimmen vereinigten sich zu einem Konzert, das, jeder kleinsten Erregung des Rennens folgend, in seinem Auf- und Abschwellen wie der Wogenanprall an der Meeresküste weithin vernehmbar war.

Dann plötzlich ein einziger Aufschrei, der für jemand, welcher nicht das Rennen, sondern die Zuschauermasse beobachtete, etwas Nervenerschütterndes, Unheimliches hatte.

Es war etwas geschehen, Reiter waren gestürzt.

»Lanterne!«

»Und Roland! Und Johannisburg!«

»Noch einer!«

Mit einer grausigen Deutlichkeit spiegelten sich diese Unglücksfälle in dem Schreien und Gestikulieren der Tribüne wider.

Aber gleich darauf wurde alles wieder ruhig: Reiter und Pferde, die an der Steinmauer kopfüber gegangen waren, hatten wie gewöhnlich keinen Schaden genommen und standen wieder auf den Füßen.

Einer oder der andre, der seine Wette mit diesem Sturz verloren sah, schaute noch einen Moment mißmutig auf den »ungeschickten Reiter« und den »miserabeln Gaul«, aber alle andern Blicke eilten weiter mit dem Felde der Reiter, das lang auseinandergezogen dem Bach sich näherte.

Bravienka sprang zuerst, die kleine Stute ging wie immer tapfer wie kein zweites Pferd, und als sie fünf Längen vor den übrigen in den Wald einbog, begannen auf den Tribünen die vorlauten Prophezeiungen aller derer, die ein Rennen bereits für entschieden ansehen, wenn kaum die erste Hälfte des Weges von den Pferden zurückgelegt ist.

»Bravienka gewinnt!«

Und wie jeder Ruf in der aufgeregten Masse ein Echo findet, so wiederholten ein paar Dutzend Stimmen:

»Bravienka gewinnt!«

Ganz oben in der schattigen Ecke stand der kleine Isidor Rosenthal auf seinem Stuhle, rechts und links von seinen Frauen gestützt, und schaute geisterbleich nach dem Walde drüben: »Bravienka gewinnt!« Er wollte die zwei Worte wiederholen, aber er brachte es nur zu einem Bewegen der Lippen. Wenn dieser Frangipani nicht gewann, wenn Bravienka oder irgend ein andres Pferd siegte, dann war Isidor gerettet, war wohlhabend war – er würde Gutes tun für die Armen, er würde tausend Mark geben, sofort. Der kalte Schweiß stand dem kleinen Mann auf Stirn und Händen, aber er blieb auf seinem erhöhten Posten, die unerhörte Aufregung hielt ihn oben.

Zehn Bänke tiefer, in einer der vornehmen Logen, saß Marie und schaute durch Josephs Krimstecher, den er ihr mitgegeben hatte, nach den Reitern. Der letzte Blutstropfen war aus ihrem Gesichte gewichen, aber ihre Hände in den weißen Handschuhen hielten das Glas, ohne zu zittern. Sie sah durch das Vergrößerungsglas Joseph ganz deutlich, wie er, vornübergelehnt, ruhig auf Frangipani saß. Er ritt mitten im Rudel, an sechster Stelle, während die andern dicht hinter ihm folgten.

Irgend jemand in ihrer Nähe sagte: »Heidenstamm wird das Rennen gewinnen, er rührt sich nicht auf Frangipani, er wartet, bis der rechte Moment kommt. Sacrebleu, wie dieser Frangipani springt!«

Wie ein Windhund war der große Hengst über den Flechtzaun gehuscht, jetzt ging es zum zweiten mal an den Bach heran, Bravienka sprang zuerst, und dann: ein Tosen auf den Tribünen! Alles beugte sich vor, schrie, lärmte:

»Frangipani!«

Es war verblüffend, wie Joseph Heidenstamm mit einem Ruck seinen Hengst vorwärts geworfen hatte, drei, vier Pferde im Nu passierend, jetzt dicht hinter Bravienka, jetzt neben ihr, jetzt vor ihr, an der Spitze!

Das Publikum jubelte, war außer sich!

»Heidenstamm! Heidenstamm!«

»Er reitet wie ein Gott!«

Die kleine Stute blieb immer weiter zurück, sie hatte des Guten genug; das allzu schnelle Rennen war ihr selbst zum Unheil ausgeschlagen.

Die letzte Hürde, das letzte Hindernis nahte. Wird Frangipani hinüberkommen? Man hat es hundertmal erlebt, daß der sichere Sieger an diesem letzten kleinen Sprunge zu Fall kam!

Er hob sich, er sprang – ein tiefes Aufatmen aller – er war glücklich hinüber, der Sieg war so gut wie entschieden.

Und in diesem Augenblick trat jene Wendung in dem Rennen ein, die allen, welche Zeugen des Schauspiels waren, unvergeßlich geblieben ist, über die man heute noch spricht, und von der man erzählen wird, solange ein Armeerennen auf dem grünen Rasen von Hoppegarten zur Entscheidung gelangt.

Dicht hinter Frangipani hatte ein zweites Pferd die Hürde gesprungen, nicht Bravienka, die jetzt weit zurücklag, sondern –

»Ja, wer? Wer ist das?«

Ein Pferd, das niemand beachtet hatte, ein Reiter, den niemand kannte! Bis blitzschnell ein Erinnern durch die Zuschauer flog:

»Der Generalstabsoffizier! Madagaskar? Der andre Heidenstamm!«

»Aber Frangipani gewinnt!«

»Nein!«

»Doch!«

»Madagaskar!«

Sie ritten Kopf an Kopf, beide ohne Peitsche, beide nur mit den Händen ihre Pferde vorwärts schiebend.

Einen Moment sah es so aus, als ob trotz allem der Favorit leicht gewinnen werde, als ob er nur, nachlässig und des Sieges sicher, für einige Sekunden sich habe überrumpeln lassen, und einen Moment hatte Joseph selbst diese Empfindung. Mit einem Blick zur Seite hatte er seinen Bruder erkannt, – konnte dieser schäbige irische Steepler, den Albrecht ritt, Frangipani schlagen?! Unsinn!

Aber in der nächsten Sekunde rieselte ein tödlicher Schrecken durch ihn hin: Frangipani war fertig, er reagierte nicht mehr!

Mit dieser unvergleichlichen Treue und Tapferkeit, die das englische Vollblut auszeichnet, ging der todmüde Hengst immer noch in langen Galoppsprüngen neben dem Gegner, aber diese letzte, maschinenmäßige Anstrengung des Pferdes schien durch keine Kunst des Reiters mehr einer Verstärkung fähig.

Madagaskars Zähigkeit glich einer starren Feste, an der das letzte, heldenmütige, verzweifelte Ringen des Gegners zerbricht.

Von den Tribünen und dem Sattelplatze her scholl zu den beiden Reitern ein betäubender, ohrenzerreißender Lärm: »Frangipani! Frangipani!«, als ob die vielen Tausende, die ihr Geld auf den Favorit gewettet hatten, durch ihr Gestikulieren und verzweifeltes Zurufen Reiter und Pferd zu einer letzten Kraftanstrengung hetzen wollten.

»Frangipani!«

Es klang aus vieler Munde wie ein Wehschrei, wie ein Verzweiflungsschrei, aber Zoll um Zoll schob sich Madagaskar, mit eiserner Kraft geritten, an dem unglücklichen Gegner vorbei.

»Albrecht!« – es war ein halb erstickter Ruf.

Er wandte sich um, und einen Moment lang, den Bruchteil eines Momentes, begegneten sich die Blicke der Brüder: ein Blick des Erstaunens und ein Blick der Todesangst.

Und einen Moment, den Bruchteil eines Momentes, schien es, als ob Madagaskar langsamer würde, als ob der kurze Vorsprung sich verringerte, als ob sein Reiter unsicher geworden sei, nicht recht wisse, was er tun solle, aber gleich darauf gewann der Irländer seinen Vorteil zurück.

Jetzt war er eine gute halbe Lauge voraus, dreiviertel Längen.

Noch einmal klang es mit einem dumpfen, verzweifelten Rufe:

»Albrecht!«

Und dann, fünf Sekunden später, war das große Rennen um die »Armee« beendet.

Unmöglich, die nun folgenden Scenen zu beschreiben:

Die Buchmacher befanden sich in einem Freudentaumel; die wenigen Leute, die Madagaskar gewettet hatten, stürzten wie Wahnsinnige an die Kassen des Totalisators, um die Höhe ihrer voraussichtlich kolossalen Gewinnsumme zu erkunden; und was Isidor Rosenthal betrifft: er war ganz still; er stieg von seinem Stuhl und setzte sich zwischen Frau und Schwester und weinte Glückstränen.

Sehr betrübte Gesichter gab es bei den Dewitz', in deren Loge die jungen Mädchen auf ihre grünen Zwanzig-Mark-Tickets starrten, die jetzt genau so wertlos geworden waren wie ein abgefahrenes Eisenbahnbillet.

Aus Rücksicht auf Marie gaben sie ihrer bitteren Enttäuschung keinen lauten Ausdruck; nur der alte General beugte sich nach einer verlegenen Pause vor, legte die Hand auf Maries Schulter und sagte mit einem gutgemeinten Scherz:

»Zum wenigsten bleibt die ›Armee‹ in der Familie. Bei den Heidenstamms.«

Sie nickte und lächelte mit schneeweißem Gesicht.

Sie hörte um sich her in den benachbarten Logen aufgeregt reden, sie sah unter sich die Menschen hin und her rennen, und sie hörte zu, wie jemand sagte:

»Gehen wir heute abend zu Kroll oder in den Ausstellungspark?«

»Ich denke zu Kroll.«

»Schön. Man kann da im Garten sitzen und frische Luft atmen. Es ist eine fürchterliche Hitze heute.«

»In vierzehn Tagen reisen wir nach Ostende.«

»Sehr vernünftig. Man kann gar nicht früh genug aus Berlin heraus.«

Mechanisch verfolgte sie das gleichgültige Gespräch, das nun auf Ostende und die Vorzüge dieses ausgezeichneten Bades überlenkte.

Dann fiel ihr ein, daß Joseph und sie auf ihrer Hochzeitsreise auch nach Ostende hatten reisen wollen. In ungefähr zwei Monaten hätten sie heiraten und die Reise antreten können.

Ein erstes Zittern lief über sie hin.

Sie wußte nur, daß für sie und Joseph mit dem Verluste dieses Rennens die Heirat sich um Jahre hinausschob; daß aber für Joseph ganz etwas andres auf dem Spiele gestanden hatte und verloren gegangen war, davon hatte sie keine Ahnung.

Die Pferde, die im Renntempo weit über das Ziel hinausschießen, ehe der Reiter sie langsam und vorsichtig abstoppen kann, kehrten jetzt zurück und gingen im müden Schritt an den Tribünen vorbei. In dem Augenblick, wo Albrecht von Heidenstamm auf Madagaskar in die Umfriedigung des Sattelplatzes ritt, intonierte die Musik die Nationalhymne, und in demselben Augenblick begann der stürmische Jubel des Publikums, das den Sieger jauchzend empfing.

Man hatte viel Geld verloren, aber man hatte dafür auch ein Rennen gesehen, einen Endkampf, wie er selten auf dem grünen Rasen der Rennbahn sich dem Auge bietet.

Zwei Brüder, die unter neunzehn Offizieren als die beiden Ersten ins Ziel ritten! Der beste Reiter früherer Jahre und der beste der Gegenwart in einem verzweifelten, großartigen, unvergleichlichen Kampfe! Von zweien kann immer nur einer der Sieger sein, selbstverständlich, aber der Ruhm des Tages gehört beiden Heidenstamms gleichermaßen!

Und als Joseph näher kam und nun in die Menschenmasse des Sattelplatzes langsam hineinritt, empfing ihn ein fast noch größerer Enthusiasmus. Er hatte gekämpft wie ein Löwe, das Publikum wollte seinen Liebling für die bittere Enttäuschung trösten.

»Bravo, Heidenstamm!«

»Bravo, Joseph!«

Es war ein so fanatischer Jubel, der ihn umdrängte und umtoste, daß er nach allen Seiten hin grüßend danken mußte.

Er hatte die klare, ruhige Empfindung: das ist das letzte Mal. Du wirst hier nie wieder über den Platz reiten, alle diese Menschen sehen dich nicht wieder.

Aber als er um die Ecke bog und der Wage sich näherte, staute sich die Masse vor ihm so, erreichte das Bravorufen der umdrängenden Offiziere und Damen, der Volksmenge einen solchen Grad, daß über sein blasses, hageres Gesicht ein letzter Schimmer flog, ein Rest jenes glücklichen, halb kindlichen Lächelns, mit dem er sonst nach seinen unzähligen Siegen gedankt hatte. Der Gedanke durchzuckte ihn: ›Es hat sich doch gelohnt, dieses Reiterleben!‹

Und noch einmal, ein allerletztes Mal umbrauste ihn das Zurufen der Tausende, als er von der Treppe des Kaiserpavillons hinabschritt, neben Albrecht, beide ihre silbernen Ehrenpreise in den Händen tragend, die Seine Königliche Hoheit mit Worten großer Anerkennung ihnen gereicht hatte.

Dann war er allein.

Er kleidete sich um und legte die elegante Uniform wieder an. Stück für Stück seines Rennanzuges schob er auf den Stuhl neben sich, bis er zuletzt die Mützen tauschte. Die alte, verbrauchte Reitpeitsche nahm er noch einmal zur Hand, ehe er zur Tür hinausging. Mit dieser Peitsche, die er als kleiner Junge zum Geschenk bekommen hatte, waren alle großen Siege erfochten: die Badener Steeplechase, die Badener »Armee«, die »Armee« zu Charlottenburg, hundert andre. Er nahm sie in beide Hände und zerbrach sie über dem Knie.

Es war fünf Uhr nachmittags, drei Rennen folgten noch.

Joseph ging die Treppe zur Tribüne hinaus nach der Loge.

Marie reichte ihm mit einem fragenden Blick voll tiefer Angst die Hand, die andern waren verlegen und wußten nicht recht, was sie sagen oder ob sie ihn trösten sollten.

Mit einer merkwürdigen Ruhe erwiderte er des Generals Fragen nach dem Verlaufe des Rennens.

»Ja, Frangipani war müde,« – »ja, der Vorstoß kam von meiner Seite zu früh, ich hätte noch warten sollen, vielleicht wäre die Sache dann anders gekommen.« – »Ob der Hengst gut und gesund aus dem Rennen hervorgegangen ist? O gewiß. Müde, natürlich, aber sonst – ja, Marie, was ich sagen wollte, du mußt mich entschuldigen. Ich habe meinen Freund Rochus getroffen, der heute abend wieder nach Ostpreußen zurückfährt, ich muß mich ihm ein paar Stunden widmen. Erlaubst du?«

Sie atmete tief auf. Er schien so ruhig, vielleicht war die ganze Sache nicht entfernt so schlimm, als sie es sich vorgestellt hatte.

»Adieu, Marie.«

»Adieu, Joseph.«

Er reichte dem General und den jungen Damen, die ihre gute Laune wiederfanden, die Hand und ging festen Schrittes den schmalen Gang zwischen den Logen der Tribünen entlang.

Aber am Ende des Ganges machte er noch einmal Halt und schaute zurück. Sie sahen ihn nicht mehr, denn die Brüstung der zweiten Logenreihe und die Insassen dieser Logen verdeckten ihn.

Marie saß etwas vornübergeneigt und starrte hinunter, wohl um Joseph beim Vorbeigehen dort unten noch einmal zu erblicken. Die andern um sie her schwatzten eifrig und schienen irgend ein interessantes Thema zu erörtern, sie saß in deren Mitte wie eine Einsame.

Und nun wird sie einsamer werden.

Mit starren, brennenden Augen schaute Joseph hinüber: betrogene Marie. Um alles betrogen, um ihr Glück und ihre Jugend. Durch einen Spieler.

Ein Nebel legte sich vor seine Augen, aber er zerteilte ihn gewaltsam und riß sich empor und schaute noch einmal zu ihr hin und ging.

*

Er ging durch die dichtgedrängte Menge an der Tribüne, an der zweiten Tribüne vorbei, wo jetzt unmittelbar vor dem neu beginnenden Jockeyrennen nur wenige Leute sich aufhielten, dann zwischen den Rennpferden hindurch, die, zum Teil in Decken gehüllt, in weitem Kreise umhergeführt wurden, durch das Ausgangstor, dessen Kontrollbeamte die Hand zum Gruß an den Cylinder legten, und nun die Chaussee entlang an der endlosen Wagenreihe vorbei, deren Kutscher in Hemdärmeln im Grase saßen und Karten spielten.

Seine Lackstiefel bedeckten sich in dem Mehlstaub der sonnigen Landstraße mit einer grauen Schicht.

Er hatte die letzten Wagen passiert, der Lärm des Rennplatzes tönte immer ferner, bis er ganz verhallte. Joseph bog von der Chaussee ab in den Kiefernwald, um aus dem fußhohen, widerwärtigen Straßenstaub loszukommen, und gleich darauf wunderte er sich über sich selbst, daß ihm dieser Staub überhaupt störend zum Bewußtsein gekommen war.

Der Wald war nur schmal, er bildete einen Streifen zwischen der durch Barrieren eingefriedigten Rennbahn und der Landstraße.

Ein dumpfes Trommeln von Pferdehufen ließ ihn zur Seite blicken: dicht neben ihm jagten acht Pferde heran mit Jockeys im Sattel, deren seidene Blusen in dem raschen Galopp sich blähten.

Sie waren im Nu vorbei und verschwanden in der Ferne.

Nun war er allein. Er blieb einige Augenblicke stehen, die linke Hand an die linke Schläfe gelegt, und sann nach:

Wie war er hierher gekommen? Er wußte es selbst nicht recht, er war wie in einem somnambulen Schlaf den Weg gegangen.

Dann nickte er vor sich hin: »Ganz gut so, ja, ganz gut so.«

Und er wollte seinen Weg fortsetzen, als es neben ihm in den trockenen Kiefernnadeln knisterte. Er schrak nervös zusammen, da legte sich eine breite Hand auf seine Schulter:

»Du hast einen verdammt raschen Schritt, lieber Joseph, man hat seine Mühe, mit hundertfünfundneunzig Pfund Gewicht hinter dir her zu kommen.«

»Rochus.«

»Wenn du die Absicht hast, zu Fuß nach Berlin zu spazieren, so begleite ich dich, obwohl es ein höllisch weiter Weg ist. Wenn du erlaubst.«

»Ich möchte allein gehen.«

»Ne.«

»Tu mir den Gefallen, Rochus, und laß mich allein.«

»Nein, mein Junge.«

Sie schritten schweigend nebeneinander her, Erklärungen waren von des einen und des andern Seite nicht nötig.

Am Ende des Waldes kreuzten sie die Frankfurter Chaussee und gingen dann durch die Wiesen an den Mönchsheimer Rennställen vorbei, bis sie den großen Kiefernwald erreichten, der sich stundenlang zwischen Dahlwitz und Friedrichshagen hinzieht.

Joseph blieb an der Waldgrenze stehen:

»Ich bitte dich, geh jetzt zurück.«

»Nein.«

»Ich sage dir noch einmal, ich will allein sein.«

Der andre schüttelte nur den Kopf, da geriet Joseph in eine Art Wut:

»Ich bin nicht in der Stimmung, mit einem andern zu gehen. Laß mich jetzt in Ruhe!«

Aber Rochus blieb an seiner Seite; so gingen sie weitere tausend Schritte, als Joseph sich plötzlich umwandte und ihn mit beiden Fäusten an der Brust packte:

»Du! verstehst du nicht?!«

Langsam schloß der andre seine großen Hände um Josephs Handgelenke, und ohne ihm wehzutun, aber mit der überlegenen Kraft seines riesigen Körpers drückte er die Fäuste nieder.

»Du magst sagen und tun, was du willst, Joseph, ich lasse dich nicht allein. Du bist fertig, Joseph, ich weiß es, ich sehe es, du brauchst mir nichts zu erzählen. Darum, mein armer Junge, braucht man noch immer nicht das Letzte zu tun. Die Welt ist groß, und einer wie du findet auch anderswo seinen Platz. Man kann da später vieles wieder gut machen. Ich habe in Pillkehmen jetzt oft über so was nachgedacht, man hat da viel Zeit zum Nachdenken. Das Leben ist eine verfluchte Sache, mein lieber, kleiner Joseph, aber man muß sich davon nicht unterkriegen lassen.«

»Rochus, – es – es ist aus!« Er zitterte wie ein Kind, seine Kraft war zerbrochen.

»Natürlich ist es aus, aber nicht ganz, verstehst du. Aus ist es mit uns allen beiden, aber nicht ganz, verstehst du, weißt du. Ich werde dir das alles klar machen, ich habe jetzt viel darüber nachgedacht.«

Und während sie durch den schweigenden Wald schritten, dessen Stämme oft so dicht stehen, daß die Spätnachmittagssonne nicht mehr hineindringen kann, gab der lange Exkürassier seine neue Philosophie zum besten, von der Joseph wenig hörte und nichts verstand, die aber mit dem langsamen, schweren Tonfall und den breit angesprochenen Darlegungen etwas Beruhigendes, Einschläferndes hatte, etwas Treuherziges und Warmes.

Als es Abend wurde, kamen sie aus dem Walde heraus, den Rochus, obwohl sie längst Weg und Steg verloren hatten, mit der Sicherheit eines Jägers kreuzte. Ein Eisenbahnzug rasselte vorbei, die weiten Wiesen bis Köpenick hin lagen in einem weichen Schimmer von Abendsonne, ein paar arme Weiber mit großen Holzbündeln gingen lachend und schwatzend an den beiden vorüber.

Von den Einwohnern des großen Ortes angestarrt, schritten sie die lange Hauptstraße von Friedrichshagen entlang, bis sie nach der Fähre kamen.

»Wollen wir hinüber, Joseph?«

»Ja.«

Der Müggelsee lag vor ihnen mit seiner weiten ruhigen Fläche, unter den vielen Seen der Mark der größte. Ein paar Jungen waren weit in den See hinausgeschwommen, und einige junge Damen hatten es von der nahen Badeanstalt aus ihnen gleichtun wollen, waren aber lange vorher umgekehrt. Ein Fischreiher flog über das Wasser, ein Dampfer kam aus der Spree und zog, den See durchschneidend, einen langen Rauchstreifen hinter sich her; große Segel der Lastkähne glühten in den schrägen Strahlen der niedergehenden Sonne.

Irgendwo spielte jemand Handharmonika, sonst war alles still, nur von der Damenbadeanstalt tönte bisweilen ein lachendes Kreischen über Wasser und Schilf.

»Joseph, es wird bald Nacht.«

»Hm.«

Ein ganzes Dutzend Mädchen kam aus dem Bade, die Wäschepacken unter dem Arm, und lief dicht an die beiden heran. Ihre Haare waren noch feucht und die Gesichter von dem allzu langen Baden blaß. Sie lachten und tollten; als sie aber Joseph gewahr wurden, hielten sie im Laufe an, steckten die Köpfe zusammen und gingen mit Würde an ihm und seinem unbeachteten Begleiter vorüber. Erst nach zwanzig, dreißig Schritt Entfernung wagte die eine sich umzudrehen, dann noch eine, dann wieder andre. Ihre Schritte wurden langsamer, und es dauerte eine lange Weile, ehe die neugierige Schar von dem Anblick sich trennen konnte und ihre hellen Sommerkleider in den letzten Büschen in der Richtung auf die Fähre verschwanden.

Rochus sah nach seiner Uhr:

»Es ist acht. Jetzt fährt mein Zug aus Berlin.«

Joseph blickte auf. »Du hast den Zug verpaßt.«

»Ja.«

Wieder gingen sie schweigend eine Stunde und länger. Sie folgten dem Laufe der Spree, die sich breit zwischen Kiefernwälder hinzieht und im Abendrot in wundervollen Farben spiegelte. Dann wurden diese Farben matter, der Himmel im Westen vor ihnen begann zu dunkeln, es wurde langsam Nacht.

Als sie nach der kleinen Stadt Köpenick kamen, brannten die Straßenlampen.

»Ich denke, wir fahren mit dem Schiffe heim, Joseph? Heda, du! Junge, wo ist die Dampferstation?«

Der Junge lief herzu, von drei andern gefolgt, alle vier geleiteten den fremden Offizier und dessen Begleiter durch die Stadt. Vor einem niedrigen Hause inmitten einer Straße machten sie Halt:

»Da 'rin.«

Sie mußten einen dunkeln Hausflur passieren, dann kamen sie in einen schmalen, langgestreckten Garten, an dessen Ende, zwischen zwei weinbewachsenen Lauben, sich der Anlegeplatz der Dampfer befand. Der Kellner, ein alter, vergrämter, schmutziger Mann, kam sofort dienstbeflissen herbei.

»Wann fährt der nächste Dampfer nach Berlin?«

»In einer Stunde, ein Vergnügungsdampfer, der von Grünau kommt.«

»Dann müssen wir warten, Joseph.«

»Hm.«

»Geben Sie uns was zu trinken, Bier, und was zu essen.«

»Schinken, Braten, Aal grün mit Gurkensalat, Rühreier –«

»Aal, ja, aber rasch.«

Sie setzten sich in die Laube am Wasser und blickten auf ein lampiongeschmücktes Segelboot, das in dem schwachen Winde sich auf der breiten Wasserfläche langsam fortbewegte. Etwas Weißes kam aus dem Dunkel herangeschossen, um ebenso rasch wieder zu verschwinden, ein fünfsitziges Rennboot, dessen Insassen wohl für die nahe bevorstehende Kaiserregatta trainierten.

›Billiger Sport,‹ dachte Rochus, aber er hütete sich, das Thema laut zu erwähnen. »Man ist doch hungrig geworden,« sagte er, »und verteufelt durstig. Es war ein netter Mensch. Trink mal, Joseph.«

Dann überlegte er in dem langen Schweigen, das nun folgte, wie und wann er nach Pillkehmen zurückkommen sollte, mit welchen Gesichtern man ihn empfangen würde, welcher Heidenlärm von dem Alten erhoben werden würde, und daß aller Wahrscheinlichkeit nach seitens des erbitterten alten Herrn die straffen Zügel noch außerordentlich viel schärfer gefaßt werden würden. Er holte sein Portemonnaie aus der Tasche und zählte unter dem Tisch, ohne daß Joseph es bemerken konnte, den Inhalt: »Sechs, sieben, zehn, zwölf, zwölf fünfzig – zwölf Mark fünfzig und ein Retourbillet.«

›Am besten wäre es,‹ dachte er, ›man käme überhaupt nicht wieder nach Hause, aber was soll man anfangen?‹

Dann blickte er auf Joseph und vergaß seine eignen Sorgen.

Als die Lichter des Dampfers in Sicht kamen, stellte sich der Kellner ein, um die Herren zum Aufbruch zu mahnen und sein Geld zu erbitten, das Rochus mit Hinzufügung eines »fürstlichen« Trinkgeldes erlegte. Dann kaufte Rochus zwei Dampferbillets und zählte mit einem raschen Blick noch einmal: »Sieben Mark sechzig – und damit heute ins Hotel und morgen nach Pillkehmen!«

Das Schiff legte unter den Klängen der Musik an, es war so von Menschen überfüllt, daß die neuen Passagiere Mühe hatten, Plätze zu finden. Schließlich wurden Rochus und sein Begleiter auf dem Vorderdeck inmitten einer lustigen Mädchengesellschaft plaziert, die kichernd zusammenrückte und in den ersten zehn Minuten ihre überaus lebhafte Konversation auf ein Flüstern beschränkte.

Die große Schiffsglocke bimmelte, die Räder setzten sich in Bewegung, und die Lichter des kleinen Gasthausgartens von Köpenick verschwanden langsam in der Nacht.

Joseph lehnte sich rückwärts über die Lehne und starrte in das gurgelnde, schwarze Wasser, das pfeilschnell vorüberglitt. Wäre Rochus nicht gekommen, dann wäre nun schon alles vorbei. Ein verfehltes Leben geendet und Marie frei. Sie hätte geweint, sie wäre untröstlich gewesen, aber sie hätte begriffen, daß das der einzige Ausweg war, und schließlich, vielleicht erst nach Jahren, würde sie aufgehört haben, um einen zu weinen, der das nicht verdiente!

Mein Gott, weshalb kam Rochus dazwischen!

Jetzt eine Bewegung, ein einziger Sprung, und das Versäumte war nachgeholt.

Aber man macht sich nicht lächerlich. Man springt nicht von einem Spreedampfer ins Wasser, während die Musik spielt. Gesetzt gar den Fall: man wird »gerettet,« wieder herausgeholt, man steht pudelnaß auf dem Deck und wird von Gevatter Schneider und Handschuhmacher angeglotzt.

Ein grimmiges Lächeln verzerrte sein Gesicht, unbarmherzig malte er sich die Situation aus: die Kinder weinen vor Schreck, und die Mamas trocknen den durchnäßten Herrn mit ihren Taschentüchern.

Die Musik spielte, wie bei jeder nächtlichen Sommerfahrt, sentimentale Volkslieder, die Passagiere sangen mit, erst nur vereinzelt, dann im Chor. Auch die vielen hellgekleideten Mädchen um Rochus und Joseph stimmten schließlich ein.

Lied folgte auf Lied. Dazwischen tönte das gleichmäßige Rauschen der Räder und das dumpfe Arbeiten der Schiffsmaschine. Die dunkeln Spreeufer glitten vorüber, nur hin und wieder kam man an Häusern und Gärten vorbei, in denen noch Lichter glänzten.

Eine unendliche Trauer füllte Josephs Herz. Rochus, dessen glühende Zigarre in dem Dunkel leuchtete, saß still neben ihm, aber von Zeit zu Zeit hörte Joseph ihn summend die Melodien begleiten.

Die Kinderzeit wurde wieder wach, längst vergessene Sommernächte, in denen man alle diese Lieder gesungen hatte, zusammen mit den andern Kindern, glückliche Stunden ohne Sorgen, ohne verzweifeltes Ringen, einfache, harmlose Stunden, die man nie vergißt.

Leise, unbewußt sprach er die Worte des Liedes mit, ohne die Lippen zu bewegen. Zwei Mädchen auf der Bank gegenüber hielten sich umarmt, und ihre reinen, hellen Stimmen klangen aus dem Chor der vielen andern zu ihm herüber.

Am Brunnen vor dem Tore –«

›Wäre Marie hier,‹ dachte er. ›Diese eine Stunde noch! Sie säße hier neben mir zwischen all den andern Mädchen und hielte meine Hand, und es wäre noch ein letztes Glück.‹

Brücken kamen, ein hellerleuchteter Eisenbahnzug brauste über sie hin, der Strom wurde enger, und hohe Häuser mit riesigen Fabrikschornsteinen säumten die Ufer. Berlin begann.

Die Musik spielte immer noch, aber nur noch vereinzelt sangen die Mädchen, bis auch die letzten verstummten.

Man suchte nach den Mänteln und Blumen, die man draußen gepflückt hatte, kleine Kinder, die eingeschlafen waren, wurden aufgeweckt und begannen laut zu lärmen, der Straßenlärm tönte herüber, und immer dumpfer wurde die Luft, je weiter das Schiff stromabwärts in das Innere der großen Stadt glitt.

»Es ist doch schön,« sagte Rochus, indem er seine letzte Zigarre hervorholte.

»Was?«

»Dieses Berlin. Der Lichterglanz und der ganze tolle Lärm. Man paßt doch nur in die großen Städte. Und mich wollen sie in Pillkehmen begraben!«

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