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Heidehof Lohe

Diedrich Speckmann: Heidehof Lohe - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorDiedrich Speckmann
titleHeidehof Lohe
publisherDie Buchgemeinde Berlin
year
firstpub1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090620
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»Na, Herr Lohmann, auch mal'n büschen verreisen?« fragte der Stationsvorsteher von Elldingen einen stattlichen Bauersmann, der eben den kiesbestreuten Bahnsteig des bescheidenen Heidebahnhofs betrat.

»Nee, nee,« gab dieser zur Antwort, »wollte man eben meinen Hinrich abholen; der kommt heute los.«

»Aha, der Königsulan!« versetzte der andere, »hat der seine drei Jahre schon herum? Gratuliere,« dabei legte er die Hand an die rote Mütze – »so'n forschen Kerl in die Wirtschaft, das sollen Sie bei der Arbeit wohl merken.«

»Naja,« meinte lächelnd der Bauer, »man selbst wird ja auch nicht jünger und schult sich sucht Schutz schon gern mal hinter seinen Jungens.«

Der Beamte steckte sein Dienstgesicht auf, denn der Zug, dessen Nahen eine weiße Wolke über der rotbraunen Landschaft schon lange angezeigt hatte, lief ein, mit schlafenden, gähnenden und gelangweilten Reisenden an den Wagenfenstern. Kaum war er zum Halten gebracht, als auch schon die Tür eines Abteils dritter Klasse aufflog und ein langer, prächtig gewachsener Junge in der schmucken Uniform der hannoverschen Ulanen sporenklirrend in den gelben Kies sprang, ohne das untere Trittbrett zu benutzen. Die Mütze saß verwegen schief auf dem stark gebräunten, mit einem flotten Schnurrbart gezierten Gesicht. Zur Seite baumelte an schwarzweißrotem Bande die bauchige Reservistenflasche. Die Waffe fehlte, dafür ließ die Rechte ein biegsames Stöckchen durch die Luft pfeifen. So eilte der Junge mit den langen und breiten Schritten des Kavalleristen auf den ansehnlichen Bauersmann zu, als dessen verjüngtes Ebenbild er erschien und in dessen grauen Augen sich ein frohes, stolzes Blitzen zeigte.

Der Vorsteher hat die strenge Dienstmiene fahren lassen und macht den Zugführer schmunzelnd auf die Szene aufmerksam. Die Zahl der Köpfe an den Fenstern hat sich verdoppelt, aus den Gesichtern ist der Ausdruck schläfriger Langeweile gewichen. Es ist, als ob von den beiden dort auf dem Bahnsteig ein Hauch warmen, frischen Lebens die Wagenreihe entlang wehte. Ein weißhaariger Herr an einem Fenster zweiter Klasse neigt sich lächelnd zu der greisen Dame ihm gegenüber und trällert: »Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,« und diese nickt und lächelt auch. Und dabei ist's, als läge auf den feinen alten Gesichtern etwas wie ein stiller Stolz. –

– Ja, lieb' Vaterland, du magst ruhig und wir wollen auf dich stolz sein, solange deine Söhne, die den bunten Rock tragen, von der Art dieses Lüneburger Bauernjungen sind. Lieb' Vaterland, magst ruhig sein, solange solche Jungens, wenn sie des Königs Rock wieder mit der Bauernjacke vertauschen, mit starken Händen den väterlichen Pflug anfassen und das blinkende Eisen durch deinen altheiligen Boden führen, lieb' Heimatland, lieb' Vaterland! –

»Abfahren!« rief der Vorsteher, und der Zug setzte seine Reise fort. Aus dem letzten Wagen flatterte ein lustig geschwenktes weißes Taschentuch, und Hinrich sah, wie ein Paar luftige Augen ihn anlachten. Er nahm die Hacken zusammen und legte das Stöckchen an die Mütze, so den übermütigen Scheidegruß eines jungen Dinges von siebzehn Lenzen erwidernd.

Der Vater sah ihn befremdet an. »Kennst du de Deern?« brummte er.

»Hee wat,« lachte der Junge mit dem ganzen Gesicht.

»Dat mutt ja 'ne ganze Freche wän,« knurrte der Alte, dem Zuge nachblickend. »Se is noch jümmer an't Winken.«

»Lat ehr, Vader, dat makt de Jungheit,« entschuldigte Hinrich. »Und düt blaue Dok, dat stickt nu mal de Deerns bannig in de Ogen.«

Die beiden traten in das nahe Gasthaus, und der Vater bestellte eine Flasche Rotwein, »vom besten,« fügte er hinzu. Er hatte mit Freuden gesehen, daß er das trotz der dickbäuchigen Reservistenflasche noch wagen durfte. Als er die Gläser vollgeschenkt hatte, sagte er feierlich: »Nu wöt wi mal anstöten: ›Wer treu gedient hat seine Zeit, dem sei ein volles Glas geweiht! Drum stoßen wir die Gläser an: Es lebe der Reservemann!‹« AIs sie ausgetrunken hatten, sagte der Junge lebhaft: »Heft du't all hört? Wi beide sünd ja nu ok Regimentskameraden worrn.«

»Wat snackst du da för dumm Tüg?« fragte der Alte, der eben wieder einschenkte, nur halb hinhörend. »Du weeßt doch, ick heww bi de hannoverschen Gardükor stahn.«

»Just deshalw,« versetzte Hinrich eifrig. »De Kaiser hett uns Ulanen de Traditschon van din ole Regiment verliehen.«

»Traditschon? Wat is dat?«

»Weeßte, de beiden geltet nu as een Regiment. Prost, Vader-Kamerad!«

Der Vater zögerte anzustoßen, dann nahm er aber doch das Glas, indem er sagte: »Ja, min Jung', gode Kameraden wöt wi nu wedder wän, bi de Arbeit, abers nich van Kommiß wegen. So'n olen hannoverschen Gardükor und so'n preußischen Ulanen, de hewwt nix mit'nander to dohn. Dar steiht sößundsößtig mang. Dor kann ok de Kaiser mit'n Fedderstrich nix an ännern. Prost.«

Als sie die Gläser geleert hatten, sprang Hinrich auf: »Schall ick nu anspannen? Dat Mudder nich so lang to luern brukt!«

»Man to,« sagte lächelnd der Alte. Ja, ein Mutterjunge war er immer gewesen, sein Ältester.

Hinrich trat in den Stall. Da hatten auch einige Grubenholzfahrer ihre Pferde eingestellt, aber er fand seine Braunen auf den ersten Blick heraus. Zwischen sie tretend, drückte er die Mähnenwand von »Pudel« und »Liese« liebkosend an seine Wangen, dann gab er jedem ein Stück Zucker. Um seiner Rappstute Karline den Abschied zu versüßen, hatte er gestern abend in der Kantine für ein paar Pfennige gekauft, aber zwei Stück für die guten Braunen daheim gespart. Ach, das schöne, stolze Tier, das er hatte verlassen müssen! Bei manchem schneidigen Ritt hatte es ihn getragen, vor vierzehn Tagen noch wieder unter den Augen des höchsten Kriegsherrn. Der Hinrich und seine Karline, die hatten zusammengehört, wie ein Ulan und sein Pferd nur zusammengehören können. Aber diese braven Tiere, die ein bescheideneres Lebenslos gezogen hatten, sollten ihn schon trösten. Einen großen Vorzug hatten sie vor der Karline; sie gehörten nicht dem König, sondern dem Lohbauern und seinem Jungen, der natürlich nun ganz das Schirrwerken mit den Pferden bekam.

Vater und John nahmen auf dem Bock des Jagdwagens nebeneinander Platz, und Hinrich sagte: »Üh, Pudel!«

Die Chaussee, die Lohe berührte, machte einen weiten Umweg über das Kirchdorf Wiechel. Mit leichtem Gefährt zog man einen kürzeren Sandweg vor, der in ziemlich gerader Richtung durch die Heide lief. Hinrich wählte diesen denn auch. Bei dem leisen, weichen Fahren erzählte es sich ja viel besser. Und was hat einer nicht alles zu erzählen, der gerade aus dem Kaisermanöver kommt! Bei der Kaiserparade hatten natürlich die dreizehnten Ulanen die ganze übrige Kavallerie ausgestochen, von den Sandhasen, Bummsköppen und der Kolonne Brr gar nicht zu reden. Und natürlich war die zweite Schwadron mit ihrem Flügelmann, dem Gefreiten Hinrich Lohmann, am besten an Majestät vorübergekommen. Da war keine Pferdenase auch nur um eines Strohhalms Breite aus der Richtung gewichen. Und wie schlau hatte derselbe Gefreite auf nächtlichem Patrouillenritt die feindlichen Vorpostenstellungen erkundet! Und der schneidige Reiterangriff am letzten Manövertage – im Ernstfalle wäre die ganze feindliche Division in die Pfanne gehauen! Hinrich erzählte mit Feuereifer, und der Vater hörte lächelnd zu. Ja, solches Heldentum kannte er von seinen jungen Jahren her. Freilich, etwas anders war's doch, als da unten bei Langensalza, auf dem »langen Hög«, die beiden ersten Schwadronen der Gardedukorps sich in Galopp setzten, hinein in das Höllengeknatter der Zündnadelgewehre, dem bajonettstarrenden Karree entgegen. – –

Endlich wandte Hinrichs Bericht sich weniger kriegerischen und blutigen Dingen zu. Er sprach von guten und schlechten Quartieren, von schwerem Weizen- und Zuckerrübenboden, schilderte die großen Güter, die mit Einheimischen die Arbeit nicht zwingen könnten und sich ganze Wagenladungen Polacken schicken ließen. »Glöw man, Vader,« schloß er, »wat da ünnen 'n Godsbesitter oder 'n groten Buern is, de kümmt lichtfardiger dör de Welt, as wi hier. De krüppt up sin Peerd und kiekt van baben hendal to, wat de annern för em quält.«

»Schunge, Schunge,« meinte der Vater, »wenn du mi dor ünnen man nich to grotardig worrn büst! Mi is bange, dat paßt di hier bi us in die Heide gor nich mehr.«

»Och, Vader, denk nich so wat!« sagte Hinrich schnell. »Du kannst gar nicht glöwen, wat ick mi up düssen Dag freut heww. Et giwt up de Welt man enen Lohhoff. Aah, wo fein liggt he dor nerden unten in den gälen Sünnenschien! Kiek doch blot mal an!«

Das Gefährt hatte eben den Kamm einer Hügelwelle, die Höhe des sogenannten Hillberges, gewonnen, und vor ihnen, in einem lieblichen Bachtale, lag breit und behäbig der Hof Lohe, im Schatten zweihundertjähriger Eichen. Um das langgestreckte Wohnhaus bildeten Schafstall, Treppenspeicher, Backofen, Wagenschauer und Häuslingskaten einen weiten Kranz. Zur Linken zogen sich dunkle Nadelholzwaldungen am Wiesensaum hin, während rechts lange Ackerstreifen die sanft gewellten Hügel auf und ab liefen. Im Hintergrunde dehnten sich unabsehbare Heideflächen, zusammen ein Besitz von fast zweitausend Morgen. Und nun das alles im klaren, milden Herbstabendlicht – in den Fenstern des Gehöfts brannte still und goldig das Sonnenfeuer, das Flüßchen im Wiesengrunde blinkte wie Silber, über der Heide lag das sommermüde letzte Rosaglühen ihres Blütengewandes, die weiß leuchtenden Birken still-froh und die dunklen Wacholder ernst-beschaulich standen wie im Traum, und alle Dinge mit ihren Linien und Formen waren so zum Greifen nahe, und doch wieder von so stiller, feierlicher Größe. – Meine Heimatheide, du schlichtes, braunes Land, in solchen Stunden liegt auch auf dir das, was einer, der ein viel stolzeres, schöneres Land zur Heimat hatte, »das große, stille Leuchten« genannt hat. Und in solchen Stunden ist der Bund geschlossen zwischen dir und deinem Sohne. Daß du ihn nimmer loslässest, sondern ihn festhältst, auch in der Ferne, mit den starken Banden der Kinderheimat. Und daß er immer gern wieder im Geist die alten, lieben Jugendpfade wandelt und Einkehr hält in deinen altvertrauten Dörfern und Gehöften und deinen Kindern auf die Hände sieht, und in die Augen, und wenn's glücken will, wohl auch in die Seele ... und daß er da mit Vorliebe nicht nach dem Dumpfen, Schwülen, Stürmischen sucht, sondern am liebsten nach dem Leuchten, dem stillen Leuchten, sei's nun groß oder klein ... Und daß er dann deinen Freunden davon erzählt. Nicht so, daß er dir, du schlichte braune Heide, eine Romantik oder Größe oder sonst etwas dir Fremdes andichtet. Nicht so, daß er deinen schlichten Kindern allerhand Gedanken in das Gehirn schmuggelt, die sie nicht denken, Gefühle in das Herz lügt, die sie nicht fühlen. Nein, das kann er nicht; dafür hat er dich und deine Kinder einfach zu lieb. Er kann und will nichts anderes als schlicht und treu von dir erzählen, von dir und deinen Kindern, seinen Brüdern und Schwestern, wie sie arbeiten und feiern, lachen und weinen, irren und zurechtkommen, lieben und leiden, glauben und hoffen und sterben, kurz, von einem Leben, das seinen Sonnenbrand hat und sein Nebelgrau und sein Nachtdunkel, aber doch auch sein stilles Leuchten.

Dieses stille Leuchten lag an jenem Herbstabend so groß und warm auf der Loher Heide, und es leuchtete in die Augen des heimkehrenden jungen Bauernsohnes. Kein Wunder, daß sie sich weit auftaten, um all den warmen Glanz der Heimat in sich aufzunehmen, daß alle Rittergüter der Welt mit Weizenbreiten und Zuckerrübenfeldern hinter ihm im Nebel versanken, als er ausrief: »Vader, up de ganze wiede Welt giwt't man enen Lohhoff.« Kein Wunder, daß des Alten Brust sich dehnte, von einem Gefühl freudigen Stolzes geschwellt, da er nun den starken Sohn und Erben auf den Hof der Väter heimführte. Dort unten, wo das Abendgold in den Fenstern glänzte, hatten sie gesessen in den Tagen Luthers – das vergilbteste Buch im Pfarrarchiv von Wiechel meldete davon –, wer will aber sagen, ob nicht auch schon in den Tagen Wittekinds und Karls! Und auf diesem uralten Erbe sollten seine Kinder sitzen – das hoffte Vater Lohmann –, solange die goldene Sonne über der weiten Heide auf und unter geht, solange der Herrgott das bunte Treiben seiner Menschenkinder auf Erden überhaupt noch mit ansehen will.

Den Hügel hinab ließ Hinrich die Pferde flott traben. Donnernd ging's über die Holzbrücke, der Kuhjunge sprang eilfertig herzu, und Willkommen knarrend öffnete sich das Hoftor dem heimkehrenden Sohn und Erben. Willkommen winkte mit dem langen Schäferstecken der bucklige Schaperjochen, und Willkommen blärrten seine grauen Heidschnucken, die er eben eintrieb. Willkommen krähte der Hahn oben auf der Hühnerleiter, machte ein paar Kratzfüße und begab sich zu seiner Familie, die schon zur Ruhe gegangen war. Und nun Karo, der Hofhund! Schwanzwedelnd begrüßte er mit gemessener Freude den vom Wagen steigenden Bauern und beschnüffelte den blauen Ulan. Trotz der Urlaubsbesuche hatte er sich nicht gewöhnt, mit den Augen in diesem seinen Jugendgespielen und besten Freund wiederzuerkennen. Aber seine gute Nase half ihm, und nun mußte er mit den tollsten Sprüngen und Verrenkungen und heiseren, kurz abgerissenen Lauten der übermächtigen Freude, die sein treues Hundeherz bestürmte, Luft schaffen. Gerührt beugte Hinrich sich zu ihm, klopfte ihm das Fell und sagte: »Djunge, Djunge, Karo, wat freust du di!«

Die beiden Männer treten durch die Missentür Einfahrtstor auf die breite Diele. Wie ein Mann erheben sich rechts und links die Kühe – ob vor dem tollen Gebaren Karos oder zur Bewillkomnmung des Haussohnes, wer kann das wissen! Und nun da mitten auf der Diele die Mutter. – Was? das unansehnliche, winzige Menschenkind da ist dieses stattlichen Jungen Mutter? Ja, sie ist's, und er hat sie in seine Arme geschlossen, und sie – küssen sich. Ja wirklich, sie küssen sich. Das ist zwischen Eltern und erwachsenen Kindern in Lohe niemals Mode gewesen, aber was hat in dieser Stunde die Mode zu sagen? Da gilt nichts als das Recht der überwallenden Herzen. Und Mutters blaue Schürze fährt in die Augenwinkel, und Hinrich wischt sich eine dicke Träne von der Backe – eine Mutterträne ist's wohl –, und die Geschwister drängen sich heran, und zwischen dem stattlichen Vater und dem bescheidenen Mütterlein, umschwärmt von dem Nachwuchs der Familie, tritt Hinrich Lohmann in die Dönze.

Ehe sie sich setzen, meint der Vater: »Jung', treck man erst den bunten Rock ut und mak wedder'n örndtlichen Buersmann ut di!«

»Up din Kamer liggt allens parat,« fügte die Mutter hinzu.

Sporenklirrend verließ der blaue Ulan die Stube. Die Eltern blickten ihm stolz nach.

Holzschuhklappernd und in grauem Bauernzeug steckend trat er nach einer Weile wieder ein, und Vater und Mutter sahen ihn glücklich an. Er selbst aber schnitt ein klägliches Gesicht, wand sich, machte ungelenke Bewegungen mit den Armen und stöhnte: Mudder, de Jack knippt ganz barbarsch.« »Kind, min beste Kind,« schwögte Mudder Lohmann, »wat hest du di bätert bi't Volk!« Dabei machte sie den vergeblichen Versuch, ihm das Ding über die Brust zuzuknöpfen. »Jawoll, du schast woll,« lachte Hinrich, »dat sünd all de Wöste und Specksieden, de du mi schickt hest.« Ach ja, manches nahrhafte Paket hatte sie in diesen drei Jahren eingenäht und mit der Feder, die niemals schreiben wollte, in ihren zittrigen, liegenden Buchstaben auf die Adresse geschrieben: »An den Ulan Hinrich Lohmann in Hannover, 2. Schwadron. Eigene Angelegenheit des Empfängers.« Das letztere fügte sie nicht der Post, sondern der Unteroffiziere und Kameraden wegen hinzu. Deren Angelegenheiten sollten alle die guten Dinge nicht werden.

Nun waren, Gott sei Dank, solche Umständlichkeiten nicht mehr nötig. Nun streckte der Junge seine Füße wieder unter ihren Tisch. Als er seinen alten Platz auf der Bank am Fenster eingenommen hatte, warf er plötzlich die Arme in die Luft und stieß einen Juchzer aus. Die Mutter fuhr zusammen und sagte: »Djunge, wat hest du mi verjagt!« »Och Mudder,« rief er überglücklich und wußte die langen Arme und Beine nicht zu lassen, »ick kann't gar nich begriepen, dat ick nu jümmer, jümmer bi di bliewen schall.« Und er juchzte noch einmal und schlug mit der Hand dreimal auf den Tisch.

Mutter Lohmann hatte diesen Abend gar keinen Appetit. Nur ihre kleinen grauen Augen waren so hungrig und wurden gar nicht satt, den Jungen anzusehen, das gesunde, braune Gesicht, das flotte Schnurrbärtchen, die breiten Schultern, kurz, den ganzen, großes, lieben Jungen, wie er da vor ihr saß und die Pellkartoffeln wegpackte, die sie mit hurtigen Fingern ihm abzog. »Dat is'n annern Snack, as bi'n Kommiß,« meinte er, indem er behaglich kaute und eine dicke Kartoffel in der sauren Specksoße umdrehte. »Dar blast de Trumpeter jo all tosamen vor de Köken, und denn ward di da so wat rinneschüppt in dat Picknapp, und du kannst sehn, woans du dat utkriggst. Nee, düt hier is'n annern Snack. Mudder, treck mi noch gau'n schnell por Tüften aff!« »Djunge, et ward ja woll rein to väl,« meinte sie besorgt, aber drei dicke Kartoffeln legte sie ihm doch noch auf seinen Teller. Nach diesen wurde noch eine dick mit Butter bestrichene Schnitte hausbackenen Schwarzbrotes weggepackt. Dann aber faltete Hinrich die Hände über dem Magen und sagte: »So, nu bin ick satt.« »Dat glöw ick di to,« meinte lächelnd der Vater.

Nach dem Essen wurde das Gesinde in die Stube gerufen, und Vater Lohmann las den Abendsegen aus dem Starkenbuch. Dabei hatte seine Stimme heute abend einen ganz eigenen Klang. Als ob ein leises, tief heraufkommendes Beben darin wäre. Es war nicht nur ein Gefühl freudigen Stolzes, was ihn heute erfüllte. Einem aus seiner Freundschaft, der auch auf einem großen Heidehof saß, war vor einigen Jahren der einzige Sohn und Erbe da draußen verdorben, gestorben. Ihm aber hatte der Herrgott heute seinen Jungen gesund wiedergegeben, und der konnte ihm noch gerade so fest und frei ins Auge blicken als beim Abschied vor drei Jahren. Heißer Dank quoll ihm aus der Seele herauf und zitterte leise in den Worten des Abendsegens und fand seinen Widerhall in dem stillen Seufzen der Mutter, die ihm gegenüber mit innig gefalteten Händen an des Jungen Seite saß.

In Lohe ging man zeitig zur Ruhe. Auch dieser Freudentag machte davon keine Ausnahme.

Eine Stunde, nachdem Vater Lohmann die Bettdecke über sich gezogen hatte, hob er leise den Kopf aus seinem Rissen und flüsterte: »Mudder, slöppst du?«

»Nee,« kam es aus dem Kissen an der Wand zurück, »de ole Mus makt so väl Spektakel!«

»Mudder,« kam es nun wieder aus dem anderen Kissen, »dat makt nich de Mus, dat makt de Freude, dat du dinen Jungen wedder hest ... Dat harr ick gor nich dacht, dat ener sick up sine olen Dage noch so freuen künn.«

»Dat magst du woll seggen,« bestätigte das Kissen an der Wand. »Ach, wat puckert klopft mi dat Hart!«

»Lat't man puckern! Wenn't vör Freuden puckert, denn is dat den Minschen ganz gesund.« –

Den jungen Reservemann hielt die Freude keine halbe Minute mehr wach. Aber am andern Morgen weckte sie ihn. Um dieselbe Stunde, in der ihn drei Jahre das schnarrende »Aufstehen« des Unteroffiziers vom Dienst aufgeschreckt hat, weckte ihn diesen Morgen die Freude. Er drehte sich auf die andere Seite, voll des Glücksgefühls, daheim und ein freier Mann zu sein. Aber nein, den ersten goldenen Morgen in der Freiheit verträumen – das bringt ein Hinrich Lohmann nicht fertig. Er stößt die schwere Bettdecke mit Kraft von sich und kleidet sich an. Dann schleicht er leise über die Diele und tritt auf den Hof, der noch im ersten Morgengrauen liegt. Karo will ein Freudengeheul anstimmen. Aber Pscht! wird ihm bedeutet, und zur Sicherheit muß er einen Stock ins Maul nehmen. Den trägt er ehrbar seinem jungen Herrn nach, der nun seinen Rundgang antritt. Wie die Herbstnebel brauen und dampfen in den Wiesen! Aber diese gehen ihn jetzt nichts an; der zweite Schnitt ist ja längst geborgen. Aber dort die Stoppelfelder, auf denen das Unkraut durchgrünt, warten auf den Pflug. Ha, sie sollten nicht lange mehr warten! Hinrich fühlt plötzlich eine unbändige Lust, zu pflügen. Rrrrrrr! Aus einem Kartoffelacker geht eine Kette Rebhühner hoch, und Karo kläfft ärgerlich hinterdrein. Gut, daß wir wissen, wo ihr steht! In den nächsten Tagen wird sich schon ein Stündchen finden, mit der Flinte wiederzukommen. So gelangt der junge Bauer an die Grenze des Kulturlandes, und vor ihm dehnen sich die weiten Heideflächen. Diese anderthalbtausend Morgen Schnucken- und Immenweide! Schade darum! Eigentlich müßte eine solche Riesenfläche doch mehr hergeben als einige Zentner Hammelfleisch und Honig. – Halt, was macht denn da drüben der Nachbar mit seiner Heide, dort zwischen den Krüppelfuhren jenseits der Grenze? Er ging näher heran. Ein Dampfpflug! Ach ja, in Delmsloh war vor einem halben Jahre ein neuer Besitzer eingezogen. Hatte der aber Unternehmungsgeist! – Das mächtige Eisen, das jetzt in der Morgensonne blinkte, hatte den Urboden der Heide tief aufgerissen und die böse Ortschicht, welche die tiefe Bewurzelung der Fuhren hindert, zermalmt und verstreut. Ja, jetzt konnten hier Holzungen gedeihen, die etwas einbrachten. Das mußten sie auf der Loher Heide auch machen. Freilich, Vater war ja mehr für die alte Art der Bewirtschaftung. Aber etwas mußte er doch auch mit der Zeit fortschreiten. Sonst kam ihm der Delmsloher ja weit vorbei. Er wollte mal mit Vater darüber sprechen. Ein wenig würde er auf seinen Jungen, der von der Ebstorfer Ackerbauschule so gute Zeugnisse mitgebracht hatte, hören. Man konnte ja nicht ewig in der weise Adams und Evas fortarbeiten. Die Lüneburger Heide brauchte doch nicht immer eine Wüste zu bleiben.

Die Eltern hatten sich nach langem Warten auf den Jungen, den sie am ersten Tage in der Heimat tüchtig ausschlafen lassen wollten, endlich an den Kaffeetisch gesetzt. Da sprang die Tür auf, und er trat ein, die Ulanenmütze im Nacken, im Gesicht etwas vom Glanz der Morgensonne, die Hände in den Hosentaschen, die Hosen in die vom Tau benetzten Stiefel gesteckt und diese fest aufsetzend, als ob ihm die ganze Welt gehörte. »Schön Wäer vandag,« rief er, »wenn ick Kaffee drunken heww, will'ck plögen.«

»Wenn du't bi'n Kommiß nich verleert hest ...,« meinte lächelnd der Vater, mit glücklichen Augen die Prachtgestalt des Jungen musternd.

»Dat will ick di wiesen,« sagte Hinrich. Und nach einer Weile stand er auf, schirrte die Braunen an, und feldauf, feldab pflügte er schnurgerade, tiefe Furchen, den Pflugsterz mit den starken Händen fassend und lustige Weisen pfeifend. Die Pferde brauchten heute keine Peitsche, kaum einen Zuruf. Es war, als ob die Arbeitslust des jungen Bauernsohnes, der hinter dem blinkenden Eisen her mit langen Schritten über die dampfenden Schollen stapfte, auf sie überströmte. Pudel hob sogar mehrere Male ganz gegen seine Art laut wiehernd den Kopf. Mit solcher Lust war diese Ackerbreite, die schon dem Hinnerk Lohmann, der ein Zeitgenosse des Wittenberger Mönchs war, Brotkorn gespendet hatte, wohl niemals gepflügt worden, als diesen Morgen von dem jungen Reservisten und seinen beiden Braunen, die es zu fühlen schienen, daß sie ihm die feurige Karline ersetzen mußten. Ja, das ist wahr, eine Lust war's ihm diese Jahre gewesen, auf königlichem Rosse in die goldene junge Morgenwelt hinauszusprengen. Aber die stolzeste Reiterlust war nicht zu vergleichen mit der Lust, an diesem leuchtenden Septembermorgen, am ersten Tage der neuen Freiheit, das väterliche Erbe zu pflügen, zum ersten Male nach langer Zeit wieder den alten, edlen Beruf auszuüben, der ihm von den Urvätern her im Blute liegt, für den ihm nun einmal die Knochen so stark und breit gewachsen sind.

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