Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Wilhelm Salice Contessa >

Haushahn und Paradiesvogel

Carl Wilhelm Salice Contessa: Haushahn und Paradiesvogel - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Wilhelm Salice Contessa
titleHaushahn und Paradiesvogel
booktitleFantasiestücke eines Serapionsbruders
publisherUnion Verlag Berlin
year1977
senderholgerko@web.de
created20050611
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

Der Professor schämte sich den andern Tag vor sich selber, und das triumphierende Lächeln des Kammerrats sowie die Tröstungen des Doktors, in welchen er nur versteckte Bosheit sah, verletzten ihn um desto empfindlicher, je mehr er fühlte, wie sehr er beiden das Recht dazu in die Hände gegeben hatte. In seinem Unmut darüber ertrug er die Vorwürfe seiner Frau und ihre schonungslosen Anspielungen nicht mit gewohnter Gelassenheit: es kam oft zu harten Worten, welche die Spaltung zwischen beiden Gemütern noch mehr vergrößerten. Der Doktor schien geflissentlich bemüht, den leise glimmenden Funken der Erbitterung durch mancherlei hingeworfene Äußerungen zur hellen Flamme anzufachen. So entfernten sie sich immer weiter voneinander und entschiedener, als es bis jetzt geschehen, ging jedes seinen eignen Weg.

Da Jonathan gleich am andern Morgen nach jenem Auftritt verschwunden war und sich nicht wieder sehen ließ, streifte jetzt der Professor ganze Tage lang, Pflanzen und Steine suchend, einsam in der Gegend umher. In dieser Einsamkeit aber trat auf dem düstern Grunde seiner Unzufriedenheit das Bild der Sängerin im Walde um desto mächtiger und mit erneueter Glut der Farben hervor, und seine ganze Seele war ihm zugewandt in heißer Sehnsucht. – Karoline flog indes, berauscht von dem Zauber der Gesellschaft und von der Huldigung, die ihr der männliche Teil derselben darbrachte, von Vergnügungen zu Vergnügungen. Der Kammerrat und der Doktor waren dabei ihre unzertrennlichen Begleiter, und wenn jener oft ziemlich sauer dreinsah, war dieser hingegen unablässig bemüht, ihr neue Triumphe zu bereiten und in allen Stücken gefällig zu sein.

So hatte er sich unter anderm viele Mühe gegeben, ihren Hahn zu einigen artigen Kunststücken abzurichten. Die Gelehrigkeit des Schülers entsprach der wunderbaren Geschicklichkeit des Meisters. Als daher einst, auf seinen Antrieb, die Professorin in einer Abendgesellschaft damit hervortrat: der Hahn, manierlich krähend, die Stunden anzugeben, gravitätisch aus einem Haufen beschriebener Zettel auf jede Frage eine passende Antwort herauszuscharren verstand, mit liebäugelndem Kopfdrehen den Damen das Futter aus der Hand zu picken wußte, ja als endlich sogar aus einigen ihm untergelegten Eiern in kurzer Zeit lebendige Küchlein zum Vorschein kamen, da ward ihr der ungemessenste Beifall zuteil, das kunstreiche Tier selbst aber, zu ihrer Freude und zu großem Ergötzen des Doktors, auf Unkosten des ungeschickten Paradiesvogels bis in den Himmel erhoben.

Auf diese Art schien der Professor sowohl als seine Frau den eigentlichen Zweck ihres Hierseins gänzlich aus dem Gesicht verloren zu haben. Sogar die Ankunft des Doktors vermochte Karolinen nicht dem Strudel der Vergnügungen zu entreißen: sie war vielmehr sehr zufrieden, als jener ihr zwar eine gemeinschaftliche Entdeckungsreise versprach, sie aber zugleich bis in den folgenden Monat, als der zu einem Besuch des Gebirges schicklichsten Zeit, vertröstend hinausschob.

Nicht so der Kammerrat. Ihm schwebten die Schätze des alten Königs noch unverrückt vor Augen, und er hatte während dieser ganzen Zeit nach verschiedenen Seiten hin gehorcht und gefragt. Doch so viel man ihm auch von dem Dasein eines mutwilligen Bergkobolds zu erzählen wußte, der unter mancherlei Gestalten sich das Vergnügen machte, Reisende zu necken, Vorwitzige zu bestrafen und Dürftige zu beschenken, so wenig wollte man jemals von dem alten Könige und seinem Grabe gehört haben. Ein Fremder, der sich für einen ehemaligen Hauptmann in neapolitanischen Diensten ausgab, hatte allein einige Kenntnis um die Sache. Ob ihm gleich der Eingang zu dem Grabe des alten Königs nicht minder unbekannt war als allen andern, so eröffnete er doch dem Kammerrat bei genauerer Bekanntschaft, wie er nicht zweifle, mittelst seiner trefflichen Wünschelrute den rechten Fleck zu treffen. Der Kammerrat erwiderte auf der Stelle Vertrauen mit Vertrauen. Beide verbanden sich zu einem Versuche, der jedoch ohne Zuziehung des Professors und seiner Frau gemacht werden sollte, und sobald das Wetter sich günstig wies, trat der Kammerrat unter dem Vorwande einer kleinen Reise nach einem benachbarten Städtchen die Bergwanderung mit seinem Gefährten an.

»Er entläuft uns nicht!« sprach der Doktor mit einem seltsamen Lächeln, als Karoline scherzend einige Bemerkungen über den so geheimgehaltenen Zweck dieser Reise machte. »Ich halt ihn fest!« fuhr er fort, »und früher sollt Ihr mit ihm wieder zusammenkommen, als Euch lieb sein wird.« – In seinen Augen flackerte bei diesen Worten die unheimliche Glut empor, vor der Karolinen graute und welche sie seit dem ersten Tage ihrer Bekanntschaft nicht wieder an ihm wahrgenommen hatte. Allein eben mit der Vollendung ihrer Toilette zu dem heutigen großen Konzert beschäftigt, achtete sie nicht weiter darauf.

Der Doktor hatte, trotz seinem oft geäußerten Widerwillen gegen alle Musik, dennoch ihrem Wunsche nachgegeben und wollte sie begleiten. Jetzt entschloß sich auch der Professor dazu fast mehr noch durch die Abwesenheit des Kammerrats, dessen Aufmerksamkeiten gegen seine Frau doch nicht aufhörten ihm die Galle zu erregen, als durch das Verlangen bewogen, wieder einmal gute Musik zu hören. Nach der Ankündigung des Konzerts durfte man sich etwas mehr als Gewöhnliches davon versprechen.

Eine Symphonie von Beethoven rauschte ihnen bei dem Eintritt in den hellen Saal entgegen. Sie zog den Professor bald allgewaltig mit sich fort durch das romantische Labyrinth ihrer Harmonien. Die verborgensten Gefühle seines Innern richteten im Sturm der Töne mitklingend sich in seinem Busen auf und entrückten ihn seinen äußern Umgebungen. Desto unwilliger aber fühlte er sich durch eine darauf folgende sogenannte Bravourarie mit ihren Rouladen, Trillern und Stakkatos wieder in die Wirklichkeit zurückgerissen, und während der Saal von Beifallsklatschen widerhallte, flüsterte er aufgebracht dem Doktor zu: »Welche elende Seiltänzerkunststückchen! Welche Entweihung!«

Ein Violinkonzert diente nicht, ihn zu besänftigen sowenig als eine Szene aus einer beliebten neuern Oper mit ihren Gassenhauermelodien und ihrer armseligen Harmoniespielerei. »Cherubschwert in Knabenhänden!« zürnte er von neuem: »Heilige Sanskritta in Poissardenmunde!« – Der Doktor nahm die Baumwolle aus den Ohren und lächelte über des Professors Zorn.

Da schwebten die Kronleuchter in die Höhe und verschwanden in der Decke des Saals. Halbdurchsichtige Glaslampen traten an ihre Stelle, ringsumher eine rosenfarbene Dämmerung verbreitend; die übrigen Lichter verlöschten; alles ward still. »Sie kommt! da ist sie!« lief ein Geflüster durch die Menge. Eine hohe verschleierte Gestalt erschien, die Harfe im Arm. Kein Atemzug regte sich. Dem Professor klopfte das Herz in froher Ahnung. Die Harfe erklang, erst leise, dann immer lauter und mächtiger; in rauschenden Akkorden anschwellend bis zum gewaltigsten Fortissimo schlugen die Töne wie Meeresbrandung an jede Brust, daß sie erbebte. Karoline sah sich nach dem Professor um; ihre Wangen glühten. Indem mischte sich der Gesang in das Harfenspiel: da drückte sie die gefalteten Hände an die hochklopfende Brust. Tränen drangen aus ihren Augen, und sie rief leise: »Sie ist es!«

Auch dem Professor blieb kein Zweifel, daß es die Sängerin im Walde sei. Er vernahm die Worte nicht, die sie sang; nur den entzückenden Tönen lauschte er, die wie Himmelstau niedersanken in sein lechzendes Herz. Er bemerkte es kaum, daß der Doktor neben ihm auf einmal seinen Sitz verließ und sich durchdrängend nach der Türe eilte.

Die Sängerin hatte geendet und verschwand. Doch kein Laut regte sich im ganzen Saale; bis endlich die Lichter wieder entbrannten und die Empfindung, von der alle Herzen voll waren, jetzt erst zum Bewußtsein kommend, sich in dem ungemessensten Beifall entladete. Die Frage »Wer ist sie?« flog nun von Mund zu Mund. Allein obwohl den meisten ein Gerücht von ihrem ergreifenden Gesang und dem mächtigen Harfenton schon früher zu Ohren gekommen war, so hatten doch wenige nur sie wirklich gesehen und gehört, und keiner von allen wußte zu sagen, wer sie sei, noch woher sie stamme.

Karoline stand auf und verließ den Saal. Der Professor folgte ihr. In dem Gedränge aber ward er bald von ihr getrennt, und nur nach langem Suchen fand er sie in einem Nebenzimmer im Gespräch mit der Sängerin. Bei seinem Eintritt berührte diese Karolinens Stirn mit einem leisen Kusse: »Glaube, liebe, hoffe!« sprach sie und entzog sich schnell durch eine Seitentür seinen Blicken.

Karoline war in der heftigsten Bewegung. Sie verlangte auf der Stelle nach Hause zurückzukehren. An ihrem Busen bemerkte der Professor eine Passionsblume, eine Rosenknospe und eine kleine Ranke von Immergrün. Sie waren, wie sie sagte, ein Geschenk der Unbekannten und von dem unschätzbarsten Werte. Worin dieser jedoch eigentlich bestand, das wollte sie ebensowenig gestehen als überhaupt den Inhalt ihres ganzen Gesprächs mit jener. Sie machte sich, in Tränen zerfließend, nur immer selbst die härtesten Vorwürfe, daß sie, in eitler Lust befangen, ihres unglücklichen Kindes ganz vergessen, und bestand darauf, sogleich mit dem morgenden Tage die so lange aufgeschobene Reise ins hohe Gebirge zu unternehmen, um das Grab des alten Königs aufzusuchen, wo sie ja, nach der Verheißung der Unbekannten sowohl als des Doktors, Aufschluß über das Schicksal ihres Theodors finden sollte. Der Professor mußte noch denselben Abend einen gebirgskundigen Führer dingen, und Karoline traf emsig alle Vorkehrungen zur Wanderung.

Der Doktor ließ sich nicht wiedersehen und war selbst am folgenden Morgen nicht in seiner Wohnung zu finden. Man mußte sich daher entschließen, ohne ihn zu reisen. An seiner Stelle aber fand sich unerwartet Jonathan wieder ein, welcher sogleich bereit war zur Begleitung. Ihm sei, versicherte er, jeder Baum und jeder Stein bekannt im Gebirge, und er werde sie sicher an den rechten Ort führen. Doch warne er sie, weil es jetzt noch Zeit sei: wer das Reich des goldnen Tages verlasse, der verfalle den unterirdischen Mächten, die keines Menschen Freunde seien.

Karolinens Entschluß aber stand zu fest, als daß diese Warnung, mit so ungewöhnlichem Ernste sie auch ausgesprochen wurde, ihn hätte erschüttern können.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.