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Haushahn und Paradiesvogel

Carl Wilhelm Salice Contessa: Haushahn und Paradiesvogel - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Wilhelm Salice Contessa
titleHaushahn und Paradiesvogel
booktitleFantasiestücke eines Serapionsbruders
publisherUnion Verlag Berlin
year1977
senderholgerko@web.de
created20050611
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Sechstes Kapitel

Karolinens erster Blick, als sie am andern Morgen aufgestanden war, suchte die Gesichter ihrer Gefährten, der zweite im Spiegel ihr eigenes: sie fand zu ihrer Beruhigung, obwohl ein wenig verwundert, daß es noch dieselben und alten waren. Dem Kammerrat schien es ebenso zu gehen. Desto mehr aber kamen beiden nach dieser Entdeckung die Abenteuer der verflossenen Nacht wie ein wunderlicher Traum vor, dessen letzte Spuren sie vor den Strahlen der Morgensonne, die eben den Hausgiebeln ihre Ankunft verkündigte, vollends hinschwinden zu sehen erwarteten. Sie fingen eben an, sich gegenseitig darum zu befragen, als der flinke Jonathan hereintrat und sie, ein lebendig vor ihren Augen herumwandelnder sprechender Beweis von der Wirklichkeit des Erlebten, wider ihren Willen überzeugte.

Der Kammerrat, dem der neue Gesellschafter als eine sehr verdächtige Person erschien, hätte sich gern hier schon seiner wiederum entledigt; allein der Mensch bezeigte, trotz einer auffallenden Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit in manchen Dingen, doch so viel guten Willen und behende Dienstbarkeit, daß selbst die Professorin sich für ihn verwendete, obwohl sie, bei der allzugroßen Ähnlichkeit mit ihrem Manne, sich einer gewissen Scheu vor ihm noch immer nicht erwehren konnte.

Der Tag ging ohne weitere Reiseabenteuer hin und neigte sich schon beträchtlich, als sie von der Höhe eines Bergrückens auf einmal ein weites Tal im mannigfaltigsten Schmuck der Farben zu ihren Füßen liegen sahen und der Kutscher ihnen den weißen Turm des Badeorts, des ersten Ziels ihrer Reise, tief unten im Grunde zeigte. Jenseits des Tales aber hob sich weithingedehnt das hohe Gebirge, vom Abendlicht in dunkel glühendes Violett gekleidet, mächtig empor.

Der Professor hatte zu Fuß den Berg erstiegen; jetzt gesellten sich, aus Furcht vor der steilen Hinabfahrt, auch seine Frau und der Kammerrat zu ihm, der letztere von Jonathan geführt und, des Schwindels wegen, mit zugemachten Augen.

Und in der Tat, sie hatten wohlgetan, sich lieber ihren Füßen als dem Wagen anzuvertrauen; denn dieser, im letzten Nachtquartier nur notdürftig hergestellt, erlag jetzt den Stößen des holprichten Weges von neuem, eben als sie das Städtchen erreichten, wodurch die Gesellschaft genötigt wurde, ihren Einzug darin ebenfalls zu Fuß zu halten.

Da man nicht wußte, wie bald es möglich sein würde, den Wagen nachzubringen, so griff der Kammerrat nach dem Flaschenfutter und seiner Pfeife, der Professor vor allen Dingen nach seinem Paradiesvogel, Karoline nach ihrer Reisetoilette und dem Haushahn, und nachdem sie ihrem Mann noch ein paar Schachteln unter den Arm geschoben, setzte sie an der Spitze des Zuges sich in Bewegung.

Sie mußten bei der großen Promenade vorbei.

Der heitre Abend hatte dort viel elegante Welt versammelt. Die seltsame Karawane zog aller Augen auf sich. Einige Herren, begierig sowohl den Inhalt der beiden großen Käfige, als auch die schöne Trägerin des einen näher kennenzulernen, kamen aus der Haupt-Allee herüber, und da sie den buntgefiederten Vogel erblickten, erinnerte sich einer von ihnen, eine Abbildung desselben einst gesehen zu haben, und schrie plötzlich: »Ein Paradiesvogel, ein Paradiesvogel!« Dieser Ruf flog schnell die Promenade hinab, hundert Kehlen wiederholten: »Ein Paradiesvogel, ein Paradiesvogel!« Der Professor sah sich mit seinen Begleitern bald überall von Neugierigen umringt, bescheidene und unbescheidene Fragen stürmten von allen Seiten auf ihn ein, und nur mit Mühe gelang es ihnen, sich Platz zu machen durch das Gedränge. Als sie aber das Ende der Promenade erreichten, hatte das Gerücht von dem wunderbaren Vogel auch schon unter der dort auf dem Platze spielenden Jugend um sich gegriffen: sie wurden also auch hier, nur noch lauter, von dem Geschrei: »Ein Paradiesvogel, ein Paradiesvogel!« empfangen und verfolgt; der Haufe wuchs mit jedem Augenblicke, alle Fenster öffneten sich, die Leute eilten aus den Häusern herbei, das halbe Städtchen kam in Aufruhr, bis sie endlich, eines Gasthofes ansichtig werdend, schnell sich dort hinein retteten. Der Kammerrat bat den Wirt inständigst, die Haustür zu verschließen. Doch lange noch erschallte es draußen auf der Straße: »Ein Paradiesvogel, ein Paradiesvogel!«

»Ein sauberer Einzug!« rief Karoline mit zornglühendem Gesicht, als sie sich auf ihrem Zimmer allein sahen. – Der Professor suchte den scheu gewordenen Vogel mit liebkosenden, jedoch ganz leisen Worten zu beruhigen.

»Den Hals dreh' ich diesem abscheulichen Tiere noch heute um!« fuhr jene fort. »An allem Unglück ist es schuld!«

Der Kammerrat stopfte eine Pfeife, setzte sich auf das Sofa und sprach: »Die Schuld an allem Unglück ist der Vorwitz. Wer sich in die Gefahr begibt, der kommt darin um. Ein vernünftiger Mensch bleibt zu Hause und ich in Zukunft auch!«

»Aber ein Beweis ist doch«, sagte der Professor, als seine Frau am Schluß einer langen Philippika das Zimmer verließ – »ein Beweis, daß man hier den Wert eines Paradiesvogels zu schätzen versteht.«

Am folgenden Morgen erschien eine Einladung zum Tee von einer fremden Fürstin, die ebenfalls hier das Bad gebrauchte. Die Professorin machte in der Überraschung dem goldbeblechten Bedienten einen tiefen Knicks.

Doch, setzte dieser hinzu, möchten der Herr Professor ja den Paradiesvogel nicht vergessen mitzubringen.

»Siehst du, mein Kind«, rief der Professor triumphierend, »was es mit einem Paradiesvogel auf sich hat!«

Bestens geschmückt, der Professor mit Haarbeutel und seidenen Strümpfen, begaben sich alle drei gegen Abend nach der Wohnung der Fürstin. Jonathan folgte mit dem Vogel. Als die Flügeltür sich öffnete, schien die zahlreich versammelte Gesellschaft sie schon zu erwarten. Alles drängte sich mit neugierigen Blicken um sie her. Die Fürstin begrüßte sie mit vieler Herablassung, fragte nach dem Zweck ihrer Reise und nach der Art, wie sie zu dem seltnen Vogel gekommen. Darauf wurde ein Tisch in die Mitte des Zimmers geschoben und der Käfig daraufgesetzt, um allen zugleich bequem zu werden. Die Damen überboten einander in Ausrufungen des Entzückens über das prachtvolle Gefieder; ein sehr beliebter Dichter, der sich in der Gesellschaft befand, bezeigte laut seine ungemeine Zufriedenheit, hier endlich durch den Augenschein die alberne Fabel widerlegt zu sehen, daß der Paradiesvogel keine Füße habe und immer in den Lüften schwebe; einige andere Herrn aber, des Anschauns müde, traten an den Professor bescheiden an und ersuchten ihn, doch nun auch etwas von den Kunststücken zum besten zu geben, die ohne Zweifel in des Vogels Vermögen ständen; und als jener mit einigem Unwillen versicherte, der Wert desselben bestehe in etwas ganz anderm als in Kunststücken, die er nicht verstehe, zog die Fürstin ihn auf die Seite und sprach: sie wisse wohl, wie der Besitz eines solchen Vogels von unschätzbarem Werte sei, und wie besonders die Eier desselben von wunderbarem Wohlgeschmack und äußerst nährender Kraft wären; wenn er daher einige von diesen Eiern ihr überlassen wolle, so werde sie mit Vergnügen sich zu einer sehr reellen Erkenntlichkeit verpflichtet fühlen. Dem Professor brach der Angstschweiß aus, und kaum hatte er die Entschuldigung hervorgestottert, daß der Vogel in seinem jetzigen Zustande der Gefangenschaft keine Eier lege, da näherte sich ihm eine Deputation der jungen Frauenzimmer in der Gesellschaft, an ihrer Spitze der Fürstin Tochter, eröffnete ihm den Entschluß der anwesenden Damen, beim nächsten Balle mit Paradiesvogelfedern in den Ohren zu erscheinen und ihre zuversichtliche Hoffnung auf seine Artigkeit, daß es jeder von ihnen vergönnt werde, sich auf der Stelle eine oder zwei der kostbaren Federn auszurupfen. – Der Professor wußte nicht, was er anfangen sollte, und war keines Wortes mächtig. Die jungen Frauenzimmer, seine ängstlich verlegenen Bücklinge für höfliche Einwilligung haltend, eilten nach dem Käfig; die andern Damen blieben nicht zurück; jede wollte die erste sein, ihn zu öffnen und die Rupfung zu beginnen. Der Professor stürzte herbei, und da all sein Abwehren, all sein Bitten und Beteuern vergeblich war, machte er in der Verzweifelung endlich mit Gewalt sich Platz, ergriff den Käfig und rannte damit wie ein Besessener zur Tür hinaus, nicht ohne noch das schadenfrohe Lächeln seiner Frau und des Kammerrats im Vorüberstreifen wahrgenommen zu haben.

Von diesem Augenblick an war der Paradiesvogel um seinen ganzen Ruf gekommen. Kein Mensch wollte mehr von einem so unnützen Tiere wissen, das weder Kunststücke machen, noch Eier legen, mit dessen Federn sogar man sich nicht einmal schmücken konnte. Auf der andern Seite hatte auch dieser Abend dem Professor alle vornehmen Gesellschaften plötzlich verleidet, und obgleich Karolinens muntres und gefälliges Betragen und ihr hübsches Gesicht, noch mehr aber der Reichtum des Kammerrats, von welchem indem Nachricht eingelaufen war, ihnen die Ehre neuer und wiederholter Einladungen zuzog, so blieb doch während der ersten acht Tage jede Mühe verloren, ihn noch einmal wieder zum Mitgehen zu bewegen.

Zum Unglück fiel bald nach ihrer Ankunft übles Wetter ein; besonders hauchte gegen Abend gewöhnlich ein heftiger naßkalter Wind von dem Gebirge herab, der jeden Spaziergang untersagte. Unter diesen Umständen, ohne Bücher, und da er sein Gemüt viel zu zerstreut fühlte, um an der Vollendung seines neuesten, zu diesem Ende mitgenommenen Gedichts zu arbeiten, blieb dem Professor, in seiner Einsamkeit von langer Weile heimgesucht, nichts als die Zuflucht zu Jonathans Unterhaltung übrig.

Die unheimliche Empfindung, welche die Gegenwart des letzteren im Anfang bei ihm erregt hatte, war allmählich verschwunden und hatte sogar einer Art von Zuneigung gegen ihn Platz gemacht. Jetzt entdeckte er zu seinem großen Erstaunen auch einen in allem, was nicht das praktische Leben berührte, vielseitig gewandten und in den meisten Fächern des menschlichen Wissens wohlbewanderten Geist in ihm, der, wie es schien, oft wider seinen Willen, ja fast ohne sein Wissen in hellen Blitzen aufleuchtete. Allein was dabei des Professors Verwunderung noch höher trieb, war eine gewisse rohe Sinnlichkeit, die, zuweilen in der Tat an wirkliche Bestialität grenzend, jene geistige Bildung durchbrach und gewissermaßen in Stücke riß. Vorzüglich ward der Ausdruck seiner Begehrlichkeit bei dem Anblick irgendeiner Leckerei oder eines Glases guten Weins mitunter in Worten und Bewegungen zur seltsamsten Karikatur. Diese letztere Neigung sah ihm der Professor am willigsten nach, da sie mit seiner eignen schwachen Seite wunderbar zusammenfiel.

Daher kam es denn auch, daß eines Abends, als jener ihm mit feuriger Zunge eine höchst anlockende Beschreibung von einem trefflichen Weine machte, den der Wirt im Keller habe, er der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihn auf der Stelle zu kosten. Jonathan ward gesandt, eine Flasche davon herbeizuschaffen und hierauf freundschaftlich eingeladen, sie mit leeren zu helfen, da der Professor solcher edlen Gabe sich stumm und allein zu freuen durchaus nicht vermochte.

»Du herrlicher Sohn der Erde und der Sonne!« rief Jonathan, als er das erste Glas getrunken, und hob das zweite gegen das Fenster, durch welches ein brennender Abendhimmel schaute – »Ponderables Feuer! Verkörperter Himmelsgeist!

Du steigst herab, gesandt aus Himmelsräumen
vom Vater, der zum Mittler dich geweiht,
du steigst herab, den armen Erdensöhnen
das Leben mit dem Himmel zu versöhnen!«

Der Professor sah ihn erstaunt und betroffen an. »Woher zum Teufel, Lieber«, rief er endlich, »woher haben Sie das?«

»Woher?« entgegnete Jonathan. »Ja, wertester Herr Professor, wenn ich das wüßte! Es streifen gar mancherlei Dinge durch meinen Kopf, von denen ich nicht weiß, woher ich sie habe. Geht es denn aber uns Menschen überhaupt gerade mit dem Besten, was in uns ist, nicht ebenso?«

Der Professor schüttelte den Kopf und trank. Jonathan schenkte ihm schnell ein frisches Glas ein und fragte: »Wie schmeckt Ihnen der Wein?« Der Professor meinte nie einen bessern getrunken zu haben; Jonathan meinte dasselbe. Gegen diese Übereinstimmung der Meinungen aber konnte die erste Flasche sich nicht lange halten. Jonathans Vorsicht hatte schon für eine zweite gesorgt, die er aus dem Nebenzimmer herbeilangte.

Die Unterhaltung stieg indes mit jedem Glase zu höherer Lebendigkeit. Der Professor fing nach seiner Gewohnheit an, Gedichte zu rezitieren, welches Jonathan auf gleiche Weise aus dem Stegreif beantwortete, und ob jenem gleich hierbei sehr auffallende Reminiszenzen aus seinen eignen Gedichten merklich wurden, so verwunderte er sich doch jetzt fast gar nicht mehr darüber; bald nachher, als er seinen Gesellschafter ein Trinklied anstimmen hörte, welches er selbst ganz kürzlich erst gemacht, dünkte ihm dies sogar vollkommen, als müßte es so sein. Denn immer außerordentlicher entwickelte sich ein so behendes Zusammentreffen ihrer beiderseitigen Empfindungen und Gedanken, daß einer stets dem andern die Worte aus dem Munde nahm und, wie zwischen zwei im magnetischen Rapport stehenden, jedem des Gefährten innerstes Wesen gleich einem aufgeschlagenen Buche vor Augen zu liegen schien, in welchem er sprechend las. Der Professor glaubte sich selbst zu hören, wenn Jonathan redete, und so wieder umgekehrt; und indem die dritte Flasche, die der letztere nebst einer vierten mit ziemlich unsicherm Tritt herbeigeholt hatte, zugleich mit den Dingen um sie her auch das Bewußtsein der Persönlichkeit ins Schwanken zu bringen begann, kam es dem Professor in der Tat vor, als säh' er sich selbst am Tisch sich gegenüber sitzen; ja, als vollends Jonathan nach einer beträchtlichen Pause, die in der Unterhaltung entstand, ihn plötzlich fragte: »Liebster Jonathan, was fehlt Ihnen? warum so nachdenkend?« – da zweifelte er nicht mehr, daß er wirklich Jonathan und dieser der Professor sei und antwortete sehr ernst: »Bester Herr Professor, mich beschäftigt eine wichtige Untersuchung. Ich denke eben darüber nach, ob ich wirklich ich bin und ob es nicht möglich ist, zugleich ich und zugleich du zu sein!«

Jonathan zog die Augenbrauen in die Höh', wie der Professor zu tun pflegte, wenn er sprach. »Mein guter Jonathan«, hub er an, »das sind Fragen, an welchen sich die Weisen aller Zeiten die Köpfe eingestoßen haben. Ich rate Euch, sie nicht weiter zu verfolgen, denn sie führen direkt zur Narrheit. In der Tat«, fuhr er nach einem Augenblick Nachsinnen lächelnd fort, »wenn ich bedenke, wie ich außer dem Professor, der ich wirklich, auch noch zugleich Jonathan, eigentlich aber eine gewisse dritte Person bin, die ich trotz der kleinen Nuance von Besoffenheit, in der meine Seele schwimmt, Euch doch nicht nennen mag, so macht mir diese Dreieinigkeit den Kopf so schwindlig, daß mein ganzes Wesen mir – –«

»Wie ein Schatten, wie ein Traum vorkommt!« fiel der Professor ein. »Richtig, Jonathan!« rief jener, »das war's, was ich sagen wollte. Schatten! Traum! Ich konfundiere mich sogar dergestalt auch mit andern Dingen der Außenwelt, daß es meinem Bewußtsein schwer wird, aus diesem Haufen Spreu mich selbst, gleich einem edlen Gerstenkorn, herauszupicken.«

Der Professor nickte beifällig und sprach: »So ist mir auch zumut, teurer Professor! Doch muß ich gestehen, von der dritten Person und der Dreieinigkeit, die Sie vorhin erwähnten, finde ich in mir keine Spur, sondern –« – »Das hat auch seine gute Ursach'«, unterbrach ihn Jonathan, »die ich aber, wie gesagt, nicht sagen mag!« – »Sondern«, fuhr der Professor fort, »es ist vielmehr eine Zweieinigkeit, ein Doppeltes, was ich in mir fühle, zu welcher Doppelansicht denn, wie mir eben in dieser Stunde der Begeisterung klar wird, meine ganze Natur überhaupt eine große Neigung zu haben scheint: denn doppelt sehe ich diese Flasche, doppelt seh' ich dieses Glas, und doppelt sitzen Sie, geehrter Freund, in diesem Augenblick mir gegenüber!«

»Wie könnt' ich's anders sehn und fühlen, Geliebter!« rief Jonathan. »Ich fühle mich eins und doch auch zwei in meiner Liebe zu dir, ja nur indem ich doppelt mich fühle, bin ich eins, denn du bist die Ergänzung meines Wesens, und also bin ich wahrhaft ich und du zugleich!«

»O Ideal der wahren Freundschaft!« schrie der Professor auf, »du edler Dualismus edler Seelen! du allein nicht verwerflicher, denn du strebst zur Einheit, ja du bist sie selbst! Wie begeisterst, wie entzündest du mich und hebst mich zugleich mit dem Geliebten hinaus über das Leben in die Unendlichkeit!«

Er erhob sich bei diesen Worten, um über den Tisch seinen Freund zu umarmen, allein er stieß dabei so heftig an den Tisch, daß dieser anfing zu schwanken: Jonathan, welcher ihn halten wollte, verlor darüber selbst das Gleichgewicht und fiel, denselben nach sich ziehend, vom Stuhle. Der Professor jedoch, unerschüttert und nur seinen Zweck im Auge, ließ sich auf der Stelle neben den Liegenden nieder, richtete ihn auf, und so, beide nebeneinander an der Erde sitzend, umarmten sie sich zärtlich.

Jonathan fischte aus den Gläser- und Flaschentrümmern die einzige ganz gebliebene auf, fand noch eine Neige darin, trank und reichte sie dem Professor hin. »Wenn jetzt«, rief dieser mit einem kleinen boshaften Lächeln, indem er die Flasche an den Mund setzte, »wenn jetzt die Frau Professorin dazu käme, sie würde doch eine ungemeine Freude haben!«

»Ich wünsche nicht, daß es geschehe!« entgegnete Jonathan. »Die Weiber haben keinen Sinn weder für Begeisterung noch für Freundschaft, und wenn meine Frau uns also sitzen sähe – es ist dir nicht entgangen, Geliebter, daß ich ein wenig unter ihrem Pantoffel stehe – –«

»Wie überhaupt in unsrer schmählichen Zeit die Idee unter dem gemeinen Leben!« ergänzte der Professor.

Jonathan fing an zu singen: »Gaudeamus igitur, coelibes dum sumus!« Jubelnd stimmte der Professor mit ein. Da öffnete sich plötzlich die Türe und herein trat die Professorin wirklich, begleitet von dem Kammerrat und dem Doktor Schachtheimer, den sie in der Gesellschaft getroffen hatten. Bei dem Anblick des letzteren kroch Jonathan schnell und ängstlich unter eins von den Betten, die im Zimmer standen; der Professor aber schaute mit großer Freundlichkeit den Eintretenden entgegen und bat, gleichfalls Platz zu nehmen.

»Ums Himmels willen, was ist das?« rief Karoline.

Mit lallender Zunge sprach der Professor: »Sie suchen den Herrn Gemahl? Dort ist er unter dem Bett. Belieben Sie zu hören, wie er bellt!«

In der Tat steckte Jonathan den Kopf unter dem Bette hervor und knurrte und bellte wie ein Hund. »Du, du!« rief der Doktor Schachtheimer drohend; sogleich zog jener den Kopf zurück und war still.

Karoline rang die Hände und schien ganz außer sich. Der Doktor aber sprach mit einem schadenfrohen Lachen: »Da hat sich ja das Ideal wirklich einmal zur Erde niedergelassen!« Und lachend half ihm der Kammerrat den Professor emporheben und zu Bett bringen, wo ihm, unter beständigem Protestieren, daß es sich für ihn nicht schicke, bei der Frau Professorin zu schlafen, endlich die Augen zufielen und er ruhig der morgenden Gardinenpredigt entgegenschlummerte.

Jonathan war, als man nachsah, gleichfalls eingeschlafen. Der Kammerrat beschloß, ihn zur Strafe die Nacht auf seinem Biwak zubringen zu lassen.

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