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Haushahn und Paradiesvogel

Carl Wilhelm Salice Contessa: Haushahn und Paradiesvogel - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Wilhelm Salice Contessa
titleHaushahn und Paradiesvogel
booktitleFantasiestücke eines Serapionsbruders
publisherUnion Verlag Berlin
year1977
senderholgerko@web.de
created20050611
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Fünftes Kapitel

Seit mehrern Jahren hatte der Professor die Mauern der Stadt nur auf kurzen Spaziergängen hinter sich gelassen; jetzt sah er – er saß auf dem Rücksitz – mit einem behaglichen Gefühl die Entfernung zwischen ihnen und ihm in jedem Augenblick wachsen, die schwarzen Türme immer mehr in grauen Duft sich kleiden und endlich hinter einer kleinen Anhöhe, die der Wagen hinabrollte, ganz verschwinden. Der Morgenwind wehte ihm frischen, freien Mut entgegen, neue Lebenskraft stieg aus der Erde empor, die noch von dem Segen eines nächtlichen Gewitters dampfte, und der Lerche gleich, die über ihm in den blauen Lüften hing, hätte er in lauter Jubelliedern aufschweben mögen zum Himmel.

Seine Gefährten aber hatten noch die ganze Stadt mit allen ihren dortigen Verhältnissen und Bekanntschaften bei sich im Wagen und ergingen sich, von dem heitern Morgen gleichfalls angeregt, mit lebhaften Worten und besonderm Wohlgefallen darin; der Kammerrat machte verschiedne Neuigkeiten frei, die vorgestern der Besuch des Fremden, gestern die Reiseanstalten in seinem Busen gefangengehalten hatten, und es verdroß den Professor sehr, da weder seine zahlreichen Ausrufungen noch mehrere Stellen aus seinen Gedichten, die ihm in der Begeisterung über die Lippen flössen, das Gespräch der beiden zu unterbrechen imstande waren. Ja, als es ihm endlich einmal gelingen wollte, in dem Gehölze, durch welches eben der Weg führte, die Aufmerksamkeit seiner Frau auf die anmutige Wirkung des Morgenlichts in den Baumgruppen zu lenken und der Kammerrat, einige verdorrte Fichten darunter gewahrend, sogleich mit einer Abhandlung über die Möglichkeit, dem Raupenfraß zu steuern, dazwischenfiel, übermannte ihn der Ärger dergestalt, daß er seinen Sitz verließ und auf dem Bock neben dem Kutscher Platz nahm.

Ein neuer Verdruß jedoch harrte seiner schon an dem Ort, wo Mittag gemacht wurde. Denn hier erst, da er die Sorge des Ein- und Aufpackens lediglich seiner Frau und dem Kammerrat überlassen hatte, hier erst also bemerkte er, daß hinten auf dem Wagen über dem Käfig seines Paradiesvogels noch ein anderer befestigt war; und als er näher hinzutrat, krähte ihm der feindselige Haushahn, die Flügel auf dem Boden streifend, mit besonderer Erbitterung daraus entgegen. Doch schwieg er für diesmal, indem er auf ein Mittel sann, sich dieses seines Widersachers bei erster Gelegenheit zu entledigen, und ließ seinen Grimm bloß an dem zähen Rinderbraten aus, der unterdessen in der Wirtsstube für die fremden Gäste aufgetragen worden war.

Den wirksamsten Trost für diese und ähnliche Unannehmlichkeiten fand er stets wieder in dem Wechsel der Gegenstände, den ihm die immer mannigfaltiger werdende Gegend, die Nähe des Gebirges verkündend, in rascher Folge vorüberführte, und endlich in dem Anblick dieses Gebirges selbst, das schon am nächsten Morgen von einer Höhe herab sich seinen Blicken offenbarte, wie ein lichtblaues, ausgezacktes Band den Horizont umsäumend. »Dahin! dahin!« rief er seiner Frau zu und zeigte ihr mit dem Finger das Ziel ihrer Reise: Karoline schrie laut auf vor Freuden. »Ah«, sagte der Kammerrat mit zufriednem Lächeln, »nous y voilá donc!« und nahm eine Prise. Beide glaubten schon da zu sein; allein der Kutscher vertröstete sie auf morgen oder übermorgen. »Wenn wir nur erst den großen Wald dort im Rücken haben!« fügte er hinzu.

Immer höher hob sich nun das Land umher; ernst und feierlich trat das mächtigere Geschlecht der Berge unter die anmutigen Hügel; von ihren waldigten Gipfeln blickten hin und wieder die weißen Trümmer alter Burgen; klare Bächlein gleiteten still durch grüne Matten oder hüpften schäumend und rauschend über Felsenblöcke dahin. Karolinen ergötzte das ungewohnte lebendige Spiel der Farbe und Gestalt, und selbst der Kammerrat fand, zu seiner eignen Verwunderung, eine Art von Behagen daran.

Es war schon ziemlich spät am Nachmittage, als sie den großen Wald erreichten. In dem letzten Wirtshause hatte man ihnen zwar geraten, lieber den andern Tag zur Fortsetzung der Reise zu erwarten; der Wirt hatte bedenklich den Kopf geschüttelt, von der Leichtigkeit sich zu verirren, und von seltsamen Geschichten gesprochen, welche dort erst kürzlich wieder vorgefallen waren; allein da der Kutscher durchaus auf dem Weiterfahren bestand, des Weges wohl kundig zu sein versicherte und noch vor der Dämmerung das jenseits gelegene Städtchen zu erreichen versprach, so hatte man sich darein ergeben.

Der Tag war heiß; eine erquickende Kühlung wehte ihnen aus den hohen Laubgewölben entgegen; gastlich schien der Wald sie einzuladen in seine Schatten. Aller Furcht und Sorge ledig, fuhren sie hinein. Der Professor, den die Hitze des Tages ein wenig niedergedrückt hatte, sog jetzt den frischen belebenden Waldduft mit vollen Zügen in sich, der seine ermattete Phantasie wieder mächtig unter der Asche hervorhauchte.

Bedeutungsvoll erklang ihm der Ruf der Vögel und das weitschallende Klopfen des Baumspechts; die Bäume ringsumher belebten sich ihm allgemach ; sie neigten sich grüßend vor ihm, ihr leises Flüstern ward ihm mit jedem Augenblick verständlicher, und er kam sich endlich auf seinem erhabenen Sitze wie der König und Herr des Waldes vor, der mit seinem Blick alles beherrschte, was sein Auge ersah. – Währenddessen begannen die Pferde immer langsamer fortzuschreiten; endlich blieben sie ganz stehen. Der Professor sah sich um und bemerkte, daß sein Mitregent, der Kutscher, sich dem Schlummer überlassen hatte. Nicht unwillig darüber – denn er war ihm wachend doch bei seinen Phantasien, Betrachtungen und Selbstgesprächen, die er gern mit einer lebhaften Gestikulation begleitete, zuweilen behinderlich gewesen –, nahm er demselben leise die Zügel der Herrschaft aus den Händen, weniger jedoch um sie zu führen, als um sie zu halten: die Pferde setzten sich von selbst wieder in langsame Bewegung – er wagte nicht, sie anzutreiben – und gingen bedächtig wie und wohin sie es für gut befanden.

Karoline und der Kammerrat bemerkten, in ein interessantes Gespräch über die häusliche Gewinnung des Runkelrübensyrups vertieft, den Wechsel der Regentschaft nicht, und der Professor fuhr und dichtete ruhig weiter.

Allein nach einer Weile ward der Weg, auf welchem sie fortschritten, stets enger und holprichter, stets näher und näher rückten die Bäume von beiden Seiten; der Professor mußte sich sehr oft bücken, um den herabhängenden Zweigen auszuweichen.

Endlich streifte einer derselben dem Kutscher den Hut vom Kopfe, und er erwachte. Brummend und fluchend stieg er ab, ihn zu holen; doch kaum hatte er die Zügel wieder ergriffen und sich umgesehen, als er ausrief: »Aber zum Henker, Herr Professor, wo fahren Sie hin? Das ist der rechte Weg nicht! – Wer weiß, in welchen Spitzbubenschlupfwinkel dieser hier führt!« – Es war nichts anderes zu tun, als gerade wieder umzukehren; die verlassene Hauptstraße konnte nicht weit sein.

Eine Stunde waren sie bereits wieder gefahren, und immer noch keine Spur davon! Der Kutscher fing von neuem an zu fluchen; der Kammerrat suchte, aus dem Wagen gelehnt, sich zu orientieren, und Karoline schalt ihren Mann aus über seinen Vorwitz, hier den Weg finden zu wollen, er, der in seinem Leben noch nie den rechten Weg gefunden habe und überhaupt gar nichts vom Fahren verstehe. Der Kutscher dachte noch einmal wieder umzukehren, aber der Kammerrat bestand darauf, die einmal eingeschlagne Straße zu verfolgen, da sie doch irgendwohin und hoffentlich irgendwohinaus führen müsse, nämlich aus dem Walde.

Die Sonne sank indes immer tiefer und färbte endlich nur noch die Wipfel der Bäume mit ihrem immer röter werdenden Golde. Der Wald wollte sich nirgends lichten, sondern ward nur stets dichter und wilder und der Weg stets ungebahnter und schlechter. Endlich lag ein steiler Hügel vor ihnen, über welchen er hinweglief. Dort oben hofften sie eine Aussicht zu gewinnen. Mit großer Anstrengung, und indem der Kammerrat und der Professor selbst Hand anlegten, gelang es, den Wagen hinaufzubringen; doch ihre Hoffnung war abermals getäuscht; die Bäume verhinderten jede Aussicht, und der Kutscher, der einen erkletterte, brachte bloß die Versicherung zurück, daß, soviel die schon einfallende Dämmerung zu sehen erlaube, ringsum Wald und überall nur Wald zu sehen stehe. Unten im Tale aber, fügte er hinzu, habe sich Licht gezeigt, sei jedoch gleich wieder verschwunden. Zwischen neuer Hoffnung und neuer Furcht schwebend, steuerte man nun den Berg hinab. Das Licht zeigte sich von neuem, und bald noch eins und noch eins. Man pries sich glücklich, denn ohne Zweifel hatte man ein Dorf erreicht. Allein als sie an den Fuß des Berges gelangten, machte schnell das erwartete Dorf einigen mutwilligen Irrlichtern Platz, die auf einer sumpfigten Waldwiese ihren Tanz hielten. Ihre Zahl mehrte sich zusehends, indem der Wagen zwischen ihnen hinfuhr, ja plötzlich lief von dem Saum des Waldes ein großer Feuermann herüber und machte sich das Vergnügen, den Wagen in geringer Entfernung eine ansehnliche Strecke zu begleiten.

»Was ist das?« rief Karoline ängstlich und halblaut.

»Brennbare Dünste!« erwiderte der Kammerrat mit ungewisser Stimme.

»Ein interessantes Schauspiel!« sagte der Professor, während unter seiner Mütze die Haare sich emporzurichten anfingen und ein unangenehmer Schauer seinen Rücken hinablief. »In solchen Gebirgsgegenden indes eine sehr gewöhnliche Erscheinung!« fügte er, sich selbst beruhigend, hinzu und bestrebte sich zu lächeln.

Es war nun völlig dunkel geworden; eine schwarze Wolke nur, die sich über die Wipfel vor ihnen allmählich heraufschob, sendete von Zeit zu Zeit einige helle Blitze in die Nacht hinein. Der begleitende Feuermann war verschwunden. Der Kammerrat schaute öfters aus dem Wagen und äußerte seine Besorgnis wegen der Koffer. »Ach und mein Paradiesvogel!« rief der Professor. »Das verwünschte Tier!« unterbrach ihn Karoline, »das ist eben an allem Unglück schuld!« Plötzlich aber wurden sie mit Erstaunen gewahr, daß sich die Gesellschaft, sie wußten nicht wie, um eine Person vermehrt hatte, die neben dem Kutscher saß. Der letztere sprach mit dem unbekannten Reisegefährten, und sie hörten, daß er ihn Herr Professor nannte. Karoline glaubte bei dem Schein der Blitze mit Entsetzen zu bemerken, daß er in der Tat an Gestalt und Kleidung ihrem Manne glich; als er endlich auch den Mund öffnete, erkannte sie deutlich sogar ihres Mannes Sprache.

Dem Professor, welchem dies alles gleichfalls nicht entging, klappten die Zähne wie im Fieberfrost aneinander, und ihn deuchte, der ganze Wald fange an, sich mit ihm im Kreise herumzudrehen. Mit einem wahren Lachen der Verzweiflung rief er, nach dem Professor Nr. 2 sich umschauend: »Ein seltsamer Gebirgsscherz! Zugleich, meine Herren, ein anschauliches Beispiel von der Gewalt des Dichtungsvermögens. Jeder Mensch setzt sich selbst; ich habe mich aber außer mir selbst gesetzt! Es sind meine eigenen poetischen Phantasien, die Sie dort auf dem Bock sitzen sehen, durch die dem Dichter inwohnende Kraft der Objektivierung auf der Stelle, wo ich selbst vorhin saß, verkörpert. Subjekt im Objekte! Eine wirkliche Menschwerdung des Göttlichen! Ich habe schon lange erwartet, daß mir das einmal widerfahren würde.«

Als er es aber gesprochen hatte, packte ihn mit einem Male ein so gewaltiges Grauen vor seinen eignen verrückten Worten und vor dem Produkt seiner Schöpfungskraft hinter ihm, daß er schnell den Rücksitz verließ und sich zwischen seine Frau und den Kammerrat eindrängte.

Indem erhub sich ein unerhörter Sturm und fuhr durch den Wald, daß die Baumwipfel knarrend und krachend sich fast zur Erde neigten. Ferne Stimmen schrieen dazwischen in den mannigfaltigsten Tönen. Die Pferde wurden scheu und wollten nicht von der Stelle. Und immer wütender rasete der Sturm, und immer näher kamen die Stimmen, und endlich waren sie ganz nahe und zogen heulend, krächzend, schnalzend, miauend und blökend über ihnen durch die Luft. Der Professor Nr. 2 auf dem Bock jubelte laut mit darein. Neben dem Wagen hin aber rauschte, rasselte und klapperte es vorbei wie eine Reuterschar, und im roten Licht der Blitze sahen sie fremdartige und entsetzliche Gestalten eilig vorüberziehn. Dem höllischen Getöse widerstanden die Pferde nicht länger; sie rannten, weder des Zurufs noch des Zügels mehr achtend, in tollem Schrecken quer durch den Wald.

Karoline barg in Todesangst das Gesicht in ihre Hände. Der Kammerrat bejammerte laut schreiend seinen Vorwitz, der ihn in solch verwünschtes Gebirge getrieben, das ja doch eigentlich keinem vernünftigen Menschen hold sei! Wenn sie hier nicht den Hals brächen, so müßten sie doch wenigstens alle verrückt werden! Den Professor hatte das Entsetzen gänzlich stumm und starr gemacht. – Plötzlich krachte der Wagen und neigte sich auf die Seite. Die Pferde waren damit an ein Felsstück gerannt: ein Rad war gebrochen. In diesem Augenblick sprang seitwärts aus dem Gebüsch eine seltsame Gestalt hervor, eine Fackel in der Hand, und fiel entschlossen, mit lautem Zuruf den Pferden in die Zügel. Sie standen und zitterten. Die Gestalt näherte sich dem Wagen. Es war eine Frau von hohem Wuchs und ziemlich wildem Ansehen, doch nicht ohne Spuren ehemaliger Schönheit auf dem braunen Gesicht; sie trug ein buntfarbiges Tuch um die Stirn gebunden, unter welchem hervor das schwarze Haar in zwei starken Flechten auf den Busen niederfiel; ein blautuchner Mantel hing von den Schultern herab; der eine Zipfel war unter dem rechten Arm durchgezogen und unterhalb der Brust befestigt.

»Was wollt ihr hier«, fragte sie, »so weitab von der Straße? Wie kommt ihr hieher?« Der Kammerrat, zuerst wieder des Worts mächtig, entgegnete zitternd: »Auf eine sehr unschuldige Art, Teuerste, und wahrlich ganz wider unsern Willen! Ich wünschte, ich hätte diesen verwünschten Wald nie mit meinen Augen gesehen!« – »Nun, so steigt nur aus!« fuhr jene fort. »Wenn unsere Männer zurückkehren, werden sie euch gegen ein gut Trinkgeld wohl den Wagen instand setzen und euch aus dem Walde geleiten. Kommt indes hinüber zu unserm Feuer. Die junge Frau da scheint vor allem einer Herzstärkung benötigt zu sein.« – Sie reichte mit diesen Worten Karolinen freundlich die Hand und half ihr aussteigen. »Nur getrost, Frauchen!« sprach sie. »Fürchte dich nicht. Du kommst unter ehrliche Leute.« Der Kammerrat bemerkte zögernd, daß es doch wohl geratner sein möchte, bei dem Wagen zu bleiben: ein Blick aber, den sie aus den schwarzen Augen auf ihn schoß, brachte seinen Mund zum Schweigen und seine Beine in Bewegung. Er kletterte schnell über den Professor hinweg aus dem Wagen. Der Professor folgte ihm, näherte sich dem Kutscher und fragte ihn leise: wer denn der Mensch gewesen sei, der neben ihm gesessen? Wie er auf den Bock gekommen, und wo er anjetzt geblieben? »Das weiß der Gottseibeiuns«, rief jener, »wenn Sie es nicht wissen! Ich dachte, Sie wären es selbst.« Indem aber kam der in Rede Stehende um den Wagen herumgelaufen und begrüßte die Gesellschaft, Verzeihung erbittend, daß er es gewagt, ohne ihre Erlaubnis, sich auf den Wagen zu setzen. Er sei gar zu müde gewesen, und da der Kutscher auf sein bescheidenes Anfragen mit dem Kopfe genickt, welches freilich, wie er hinterdrein bemerkt, im Schlummer geschehn sei, so habe er sich stillschweigend ohne weiters neben ihn auf den Bock geschwungen. – Die Frau mit der Fackel beleuchtete seine Gestalt und rief: »Ei, Jonathan, Jonathan, wo kommst du einmal wieder her?« – »Gott grüß Euch siebenmal, siebenmal, Frau Rebekka!« erwiderte jener freundlich. »Der Mond hat sich auch seine Hörner noch nicht abgelaufen, und die alte Erde taumelt noch immer ein wenig schief einher: Ihr wißt ja, daß ich der wahre Überall und Nirgends bin.«

Bei dem Fackelschein konnte Karoline wahrnehmen, daß seine Ähnlichkeit mit ihrem Manne sich, außer Sprache und Gestalt, auch auf die Gesichtszüge erstreckte. Nur war er ein wenig kleiner und von einer ausnehmenden Behendigkeit der Bewegungen. Er wandte sich an den Kammerrat mit einer Verbeugung und bot seine Dienste an. Er sei ein privatisierender Kammerjäger, eigentlich aber seiner Profession ein Universalgenie – fügte er lächelnd hinzu –, und die werte Gesellschaft werde, auf ihrer weitern Reise, in ihm den klaren Profit in der Tasche haben.

Der Kammerrat nickte mit dem Kopfe, denn er wagte ihm, bei seiner Bekanntschaft mit der Rebekka, keine verneinende Antwort zu geben. Der Professor konnte den Menschen noch immer nicht ohne heimliches Grausen ansehen, und doch fühlte er ein lebhaftes Verlangen, ihn näher kennenzulernen.

Die Fackelträgerin hob die Fackel hoch empor, faßte Karolinen unter den Arm und schritt vorwärts. Die andern folgten. »Hier gilt kein Widerstreben«, flüsterte der Kammerrat dem Professor zu, »das Spitzbubengesindel hat uns in Händen.« Karolinens Führerin leitete diese behutsam über die Steine und Baumwurzeln hinweg; an allzu rauhen Stellen trug sie auf ihrem Arm sie leicht hinüber. – Der Sturm hatte sich gelegt; kein Blatt rührte sich an den Bäumen, freundlich blickten die Sterne durch die Laubwipfel; lautlos ruhte der Wald.

Bei dem Umbiegen um eine Bergecke standen sie an dem Eingang eines kleinen Tals, rings von buschigen Hügeln und Felsen umgeben. In der Mitte desselben brannte ein großes Feuer. Als sie sich näherten, bemerkten sie eine alte Frau, die vor einigen Töpfen dicht am Feuer hockte; neben ihr drehte ein Knabe den Bratspieß, mit einer Art kleinen Wildbrets wohlversehn, welches der Kammerrat für Mäuse oder Hamster hielt. Ein halb erwachsenes Mädchen saß dabei und strickte an einem Netz. Mehrere andere fast nackte Kinder sprangen umher.

»Da ist Mutter!« rief das Mädchen, legte ihre Arbeit beiseite und kam Frau Rebekken entgegen; ein kleiner Knabe folgte ihr. Die Kinder hingen sich an ihre Kleider; sie gab dem Mädchen die Fackel und nahm den Knaben auf den Arm. »Nun, Heimchen«, fragte sie jene, »sind die Kinder fein artig gewesen?« – »Mutter«, sagte das Mädchen hastig, »Nachtigall ist wieder da.« Die Mutter lächelte. »Endlich!« sprach sie. »Nun, so geh und bitte, daß sie uns etwas singt!« Heimchen sprang mit der Fackel in das Gebüsch, sie aber befahl einem jungen Menschen, der eben herzutrat, sich nach dem Wagen zu begeben und dem Kutscher behülflich zu sein. Er ergriff einen brennenden Kienast und entfernte sich.

Frau Rebekka holte geschäftig einige Teppiche herbei, die sie auf die Erde breitete und ihre Gäste darauf niedersitzen hieß. Dann brachte sie ein Fläschchen, goß daraus einige Tropfen in einen Becher voll Wasser, und Karolinen bittend, davon zu trinken, sprach sie: »Das ist ein gar köstlich Elixier! Die Kräuter dazu wachsen nur auf des alten Königs Grabe, und nicht jeder weiß sie zu finden.«

»Auch Ihr wißt von dem alten Könige?« rief Karoline verwundert aus. – »Was sollt' ich nicht!« entgegnete jene. »Stamme ich doch von ihm.«

Indem keuchte des Kammerrats neuer Diener mit dem Flaschenfutter und einigen Vorräten heran, die er aus dem Wagen mitgenommen hatte. Der Professor fiel begierig darüber her und ließ den Becher in die Runde gehen. Dem Anblick der fröhlichen Kinder, die alle, trotz der dunkeln Hautfarbe, von ausgezeichnet schöner Bildung waren, wich seine Furcht allmählich; Hunger und Durst bestanden wieder auf ihrem alten Rechte.

Da klangen Harfentöne von den Felsen hinter ihnen herab, bald mächtig anschwellend in rauschenden Akkorden, bald in leisem Geflüster zerfließend in die Nacht. Der Professor setzte den Becher hin und lauschte. Alles, was noch von Furcht und Bangigkeit an ihm haftete, löste sich immer mehr, je länger er zuhörte. In süßer Wehmut und stillem Verlangen erbebte sein Innerstes. Es war ihm, als ob die Klänge sein Herz aus der Brust locken und es mit sich dahinführen wollten auf ihren schmeichelnden Wellen.

Endlich fiel der Gesang einer vollen weiblichen Stimme darein; die Harfentöne schmiegten sich begleitend an sie an:

»In Waldes grünen Schatten,
in stiller Nacht,
ist von des Tags Ermatten
die Seele mir erwacht.
Was Licht und Leben trennt, das findet,
das wird in Träumen sich bewußt;
am letzten Abendstrahl entzündet
ein Morgenrot sich in der Brust.
In Waldes grünen Schatten,
in stiller Nacht!«

Die Sängerin schwieg; die Töne verklangen leise.

Der Professor hatte die Augen geschlossen, um ungestört in dem Nachhall zu schwelgen, der noch durch seine Brust zitterte.

Frau Rebekka, die Karolinen gegenüber knieend ihre Blicke unverwandt auf sie geheftet hielt, ergriff jetzt ihre Hand. »Schönes Frauchen, blankes Frauchen«, sagte sie, »du hast mir's angetan: meine Augen können nicht von dir lassen.«

Die alte Frau, die am Feuer saß, drehte sich um und rief: »Schmeichle ihr nur! Du hast's wohl Ursach'.« – Sie erhob sich und kam auf Karolinen zu. »Sie hat dir groß Leid zugefügt«, fuhr sie fort, »und deinen schönen Augen viel Tränen gekostet.« Und als Karoline erstaunt nach der Bedeutung dieser Worte fragte, ergriff sie ihre Hand, betrachtete aufmerksam die innere Fläche derselben und rief mit wunderlichen Gebärden: »Herrliche Linien! Klar und eben, unverworren! Prächtiger Baum! Goldne Krone! Laß gut sein, Fräulein, dir steht ein großes Glück zu! Nicht Ehr' und Ruhm, nicht Gut und Geld, aber etwas muß es sein, das höher ist denn alles!« – »Ach«, seufzte Karoline, »das wäre nur das Wiederfinden meines Kindes!«

»Dein Kind, dein Kind!« rief die Alte mit dumpfer Stimme: »Verloren! Verloren! Weh dir! Weh mir! Tief unten liegt es. Der Abgrund hat's verschlungen. Sieh, sieh, da stürzt es! Von Klippe zu Klippe, hinunter, hinunter! Ich sah es fallen. Zerrissen, zerschmettert. Fahr hin, schöner Knabe, fahr hin! Brich, Mutterherz!«

Rebekka verhüllete ihr Gesicht mit dem Mantel und schluchzte. »Um Gottes willen«, rief Karoline, »was ist das? Was wollt Ihr? Ihr wißt von meinem Kinde! Wo ist es? Wo habt Ihr's? Ist es tot? tot?« Da fühlte sie sich lind umfaßt, und hinter ihr sprach eine Stimme: »Es lebt!« Und als sie sich wandte, sah sie eine herrliche Jungfrau, die neben ihr kniete und mild lächelnd ihr in die Augen sah. »Es lebt, dein Kind lebt!« wiederholte sie, »du wirst es wiedersehen.«

»Ach, Nachtigall, du weißt nicht!« begann Rebekka schmerzlich, »du weißt nicht – –« Die Jungfrau unterbrach sie ernst: »Ich weiß alles, aber ich sage euch: es lebt, sie wird es wiederfinden.« – Sie richtete sich mit diesen Worten empor und stand nun hoch und schlank, von einem lichtblauen Mantel in reichen Falten umschlossen, – sie war auf ähnliche Weise wie Rebekka gekleidet – in heller Beleuchtung des Feuers, auf dem nächtlichen Hintergrunde gleich einer himmlischen Erscheinung da.

»Ei, das ist ein feines Kind!« flüsterte der Kammerrat dem Professor zu. Dieser aber antwortete nicht und hörte auch nicht, denn jede Kraft der Sinne schien sich lediglich in seinen Augen zusammengedrängt zu haben, um das Wunderbild zu erfassen und festzuhalten. An der Harfe, die neben ihr lag, erkannte er die Sängerin.

Am Eingang des Tals ward es laut. Die Kinder schrien: »Sie kommen! sie kommen!« Noch einmal neigte sich die Jungfrau gegen Karolinen, und mit der Hand nach dem Himmel hinauf zeigend, sprach sie: »Vertraue und hoffe! Wir sehen uns wieder.« Dann entfernte sie sich eilig und verschwand hinter den Felsen.

Ein kleiner Trupp Männer und Weiber zog das Tal herauf, der zwei beladene Esel vor sich hertrieb. Alles lief den Rückkehrenden entgegen. Auch Rebekka sprang auf, küßte Karolinen auf die Stirn und rief: »Leb wohl, blankes Frauchen! Vertraue und hoffe! Du wirst bald mehr erfahren.« – Mit diesen Worten gesellte sie sich schnell zu einem schönen großen Manne unter den Ankommenden, welcher ihr Anführer zu sein schien.

Der Kammerrat bemerkte, daß einige von den Männern Waffen unter ihren Mänteln trugen; seine Furcht regte sich von neuem. Höchst erfreulich klang ihm daher die Nachricht, daß bereits einige Leute bei dem Wagen zurückgeblieben wären, und sie durch ihre Hülfe bald imstande sein würden, die Reise fortzusetzen. Wirklich kam auch gleich darauf ein junger Bursche herbeigelaufen, der sie dazu aufforderte.

Der Kammerrat, durch den Anblick der bewaffneten Männer zu ungewöhnlicher Freigebigkeit gestimmt, legte seine Börse auf den Schoß der alten Frau, um welche der größte Teil der Gesellschaft, in einer fremden Sprache sich mit ihr unterredend, herumstand; dann trieb er so ängstlich und ungestüm zur Abfahrt, daß Karoline weder sich einmal noch der Alten nähern, noch Frau Rebekka aufsuchen konnte, die sich nicht mehr sehen ließ.

Zwei Männer gaben ihnen das Geleite; und als sie den Wagen erreicht hatten, führte einer, mit der Fackel voranleuchtend, sie bis an den Saum des Waldes, wo der Turm des Städtchens in geringer Entfernung vor ihnen lag.

Im Wagen herrschte große Stille. Der Kammerrat erhielt auf die Bemerkungen, die er dann und wann mit halblauter Stimme wagte, keine Antwort von seinen Gefährten. Karoline war einzig mit den Worten der Alten, der seltsamen Übereinstimmung derselben mit ihrem gestrigen Traum, und mit der frohen Verheißung des schönen Mädchens beschäftigt. Dem Professor war zumut wie einem Trunkenen; in verworrenem Treiben wogte und schwankte die ganze Außenwelt um ihn her, und es war ihm, als sänke allmählich alles unter seinen Füßen in einen dunklen Klumpen zusammen, über welchem allein in ruhiger Klarheit das herrliche Bild der Jungfrau siegend stand.

Selbst der Kutscher und Jonathan, der wieder auf dem Bock Platz genommen hatte, unterbrachen das allgemeine Schweigen kaum durch einzelne Worte, und so erreichten sie endlich das Städtchen und ihr Nachtquartier.

»Schlechte Polizei!« rief der Kammerrat, als er in den sichern Hafen des Wirtshauses eingelaufen war, »schlechte Polizei! Sollte man's glauben, daß in unserm so hoch kultivierten Staate noch Zigeunerbanden hausen!«

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