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Haushahn und Paradiesvogel

Carl Wilhelm Salice Contessa: Haushahn und Paradiesvogel - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Wilhelm Salice Contessa
titleHaushahn und Paradiesvogel
booktitleFantasiestücke eines Serapionsbruders
publisherUnion Verlag Berlin
year1977
senderholgerko@web.de
created20050611
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Zweites Kapitel

Ein Fremder wurde gemeldet, der den Herrn Professor zu sprechen begehre.

Beinahe hätte Karoline laut aufgelacht, als die seltsame, kurze Figur auf ihren merklich ausgeschweiften, dünnen Beinen den ungeheuern Kopf ins Zimmer trug und, dem Professor einen Brief von einem Freunde in Upsal überreichend, sich mit rauher Stimme als Doktor Schachtheimer vorstellte. Sie mußte sich schnell abwenden und nach dem Fenster gehen; der kleine Doktor aber folgte ihr, begrüßte sie freundlich und bat, ein Paar Handschuhe von Asbest, als eine aus Schweden mitgebrachte Seltenheit, von ihm huldreichst anzunehmen. Dabei bemerkte sie, daß ihm mehrere kostbare Ringe an den kurzen dicken Fingern funkelten, auch mochten die hohen Knöpfe auf seinem erdfarbenen Kleide von massivem Golde sein.

Nachdem der Professor den Brief gelesen, näherte er sich dem Fremden mit sichtbarem Respekt, denselben ersuchend, sowohl über ihn selbst, als über alles, was in seinem Vermögen stehe, ganz nach Belieben zu schalten und zu walten.

Man setzte sich; das Gespräch wurde allgemein; der Fremde wußte es durch manche treffende Bemerkung und witzige Anekdote zu beleben. Als er sah, daß Karoline Anstalten zum Tee machte, bat er um Erlaubnis, mit einem Fläschchen echten Jamaika-Rum von ganz besondrer Tugend aufwarten zu dürfen, den er selbst kürzlich aus Westindien mitgebracht; und indem er seine Worte anbrachte, war er bemüht, dasselbe hervorzulangen, welches aber nur nach Beseitigung verschiedener Pflanzenbündel, Mineralien und einiger toten Feldmäuse und Frösche geschehen konnte, die sämtlich in seinen geräumigen Taschen Quartier gefunden hatten. »Meine heutige Jagdbeute!« lächelte er. »Man hat jederzeit sein Steckenpferd. Alleweile sitze ich auf der vergleichenden Anatomie.« – Der Hahn auf dem Kleiderschrank fing hier laut an zu krähen; der Paradiesvogel bewegte sich unruhig in seinem Bauer und schrillte auf eine sonderbare Art. – Endlich kam das Fläschchen zum Vorschein, aus dem reinsten Bergkristall sauber geschliffen. Die Professorin setzte das Teegeschirr auf den Tisch, nicht ohne einen zornigen Blick nach dem Paradiesvogel hinzusenden, welchen der Professor mit einem gleichen nach dem Hahn hinauf erwiderte. Der Geist des Jamaikaners, aus den dampfenden Tassen emporsteigend, verbreitete den lieblichsten Wohlgeruch. Der Doktor hatte nicht zuviel zu seinem Lobe gesagt. Mild erwärmend und erquickend ging er, ein wahrer Lebensgeist, durch alle Adern und setzte alle Nerven in die behaglichste Spannung. Der Kammerrat schwur, solchen Tee habe er nimmer getrunken, und rückte näher an seine schöne Nachbarin. Der Professor fing an, wenn das Gespräch die Gelegenheit herbeiführte, passende Stellen aus seinen Gedichten zu rezitieren; Karoline trällerte mit unter leise ein: »Blühe, liebes Veilchen«, oder »Weinet nicht, es ist vergebens« darein, und der kleine Doktor wußte noch durch manchen Scherz, den er dazwischenwarf, durch Erzählung seltsamer, ja wunderbarer Dinge und Begebenheiten, die er bald in Amerika und bald in Asien, bald in Ägypten und bald in Lappland, selbst gesehen und erlebt haben wollte, die allgemeine Behaglichkeit immer höher zu steigern.

»Ei tausend!« rief der Kammerrat. »Sie haben ja die ganze Welt durchlaufen. Und cui bono? quem ad finem? wenn man fragen darf? Haben Sie denn nun wirklich etwas gefunden, was all der Mühen und Strapazen wert wäre?«

»Suchen und nicht finden!« sagte der Professor. »Das ist das Motto unsers Erdenlebens.«

Der Doktor schwieg einen Augenblick.

»Wenn man«, hub er dann an, »wenn man das irdische Leben sich immer nur in Beziehung auf ein höheres, überirdisches denkt, wenn man der Phantasie erlaubt zum Staube zu sagen: Stehe auf und wandle! worauf er allerdings nicht hören will, und auf den Leib schilt, daß ihm keine Flügel gewachsen sind, wovor er nicht kann, dann haben Sie freilich recht: Suchen und nimmer finden! Denn die goldne Himmelsleiter ist längst zerbrochen, keine Engel steigen mehr auf und nieder, im Geräusch des Irdischen verhallt die ewige Harmonie, und in immer regem Streit mit dem Leben, in nimmer rastender Sehnsucht verzehrt sich des Menschen Herz.«

Die Professorin schaute ihren Mann lächelnd von der Seite an; dieser rückte, ein wenig betroffen, da er fast seine eigenen Worte wieder hörte, den Stuhl näher zum Tisch und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit. Der Doktor fuhr fort: »Der Mensch aber, welcher verständig besonnen, die Grenzsteine anerkennend, die ihm überall gesetzt sind, sich und all sein Wollen und Tun auf die Erde beschränkt, die ihn geboren und erzogen, ein solcher dürfte wohl der Hoffnung leben, daß seinem ernstlichen Suchen auch diesseits noch ein Finden blühen müsse, und ganz eigentlich das Sprüchlein: ,Wolle nur, so kannst du auch', als Motto vor sein Leben setzen. – Antäus gewinnt immer neue Kraft durch die Berührung der Mutter Erde, und nur indem seine Füße den Boden nicht fassen, hoch in den Lüften schwebend, kann sein Feind ihn töten.«

Ein seltsames Feuer loderte bei diesen Worten in seinen tiefliegenden Augen auf, so daß die Professorin seinen Blick nicht ertragen konnte. Indem sie aber sich von ihm wendete, kam ihr das Kristallfläschchen zu Gesicht; sie bemerkte, daß sein Inhalt, trotz allem fleißigen Zuspruch, sich immer noch nicht verringern zu wollen schien, und ein leises Grauen wandelte sie an vor dem unbekannten Gaste.

»Auch ich hoffe zu finden, was ich so lange suchte«, hub dieser von neuem an, »ja ich denke dem Ziel meines Strebens ganz nahe zu sein. Nicht umsonst bin ich zu euch gekommen!«

»Ei sagen Sie doch!« rief der Kammerrat. »Vielleicht ein verborgener Schatz! Bei uns? Wo? Wie? O ich bitte Sie, Werter, sprechen Sie! Lassen Sie uns auch daran teilnehmen! Die Zeiten sind gar zu schlecht, die Bedürfnisse wachsen einem stets höher an den Hals. Sprechen Sie, Teuerster!«

Der Doktor sprang auf: »Seht ihr dort, dort«, rief er – die andern wandten schnell die Köpfe nach dem Fenster, wohin er zeigte, aber sie sahen nichts als die pechfinstre Nacht draußen. »Seht ihr«, fuhr jener begeistert fort, »seht ihr der Berge fernen Zug, der dort am Horizont die blauen Wellen schlägt? Dorthin! Dorthin geht mein Weg! Vor euerm flachen Lande ekelt mir! Die Berge ziehen mich an mit Liebesarmen. Dorthin! Hinein! Hinab!« Er schwieg und warf sich in den Lehnstuhl zurück. Dem Kammerrat wurde ein wenig bange vor dem Begeisterten; der Professor fühlte sich im Innersten wunderbar angeregt. Keiner sprach, und nichts unterbrach die allgemeine Stille, als das Knistern der beiden Kerzen auf dem Tische.

»O ihr armen Menschlein«, begann der Doktor endlich wieder mit ruhigerer Stimme, »ihr Armseligen, denen die Berge nichts weiter sind, als Futterraufen für eure Kühe, Kräuterkasten für eure Apotheken, oder, falls ihr zur eleganten Welt gehört, Belvederes und Landschaftshintergründe für euern Augenkitzel geschaffen, wenn's hoch kommt, seltsame, mitunter etwas beschwerliche Launen der Natur! Wehet auch einmal einen von den Besten unter euch der Atem des Berggeistes aus den dunkelblauen Massen mit geheimnisvollen Schauern an, so weiß er nicht, was er mit seinem Gefühl anfangen soll, und möchte sich in der Verlegenheit lieber gleich daraufsetzen, um mit ihm gen Himmel zu reiten. Aber nicht hinaufwärts zieht dich die unbekannte Sehnsucht, hinabwärts ruft sie dich in den Schoß der Berge, tief in den Schoß der Erde. Es ist der liebenden Mutter leise Stimme, die den Sohn in ihre Arme lockt.«

Er holte seine Brieftasche hervor und blätterte suchend darin. »In mancherlei halb verklungenen und oft entstellten Sagen hat sich eine Ahnung der geheimnisvollen Natur der Berge erhalten. Auch von dem Gebirge hier in eurer Nähe scheint eine solche wenigstens bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts hineingeklungen zu haben; jetzt aber ist sie gänzlich verschollen. In einem alten Manuskript, welches in der Bibliothek eines aufgehobenen Klosters gefunden ward, entdeckte ich ein merkwürdiges, darauf Bezug habendes Bruchstück aus einer Reisebeschreibung. Ich will es euch vorlesen, wenn ihr es hören wollt.«

Der Professor bezeigte sein Verlangen danach, Karoline verwahrte sich nur gegen alle Gespenstergeschichten, der Kammerrat stimmte ihr bei, indem er einige Worte zum Lobe der Aufklärung fallen ließ, und bat sich noch eine Tasse Tee aus.

Mit feierlichem Ernst zog der Doktor ein beschriebenes Papier aus der Brieftasche, entfaltete es, und hub an zu lesen:

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