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Haushahn und Paradiesvogel

Carl Wilhelm Salice Contessa: Haushahn und Paradiesvogel - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl Wilhelm Salice Contessa
titleHaushahn und Paradiesvogel
booktitleFantasiestücke eines Serapionsbruders
publisherUnion Verlag Berlin
year1977
senderholgerko@web.de
created20050611
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Erstes Kapitel

»Ich glaube gar, Karoline, du schläfst ein!« rief der Professor.

»Ach nein«, gähnte seine Frau, »ich mache nur die Augen zu, hört sich so besser. Immer weiter! Es klingt recht schön.«

Der Professor las weiter:

»Da hatte der Verstand noch nicht geschieden,
was ewig eins aus einem Urquell stammt;
da war noch zwischen Kopf und Herzen Frieden,
kein Trieb der Brust vor dem Gesetz verdammt;
verstanden wurde noch die Schrift hienieden,
die goldnen Zuges durch den Äther flammt;
es nannten Mensch und Engel sich Genossen,
und Welt und Himmel war in eins verflossen.«

Auf dem Hofe draußen fingen die Hühner an zu gackern. Die Professorin stand auf und lief schnell hinaus, und als sie zurückkehrte, reichte sie ihm das weiße Ei in der weißen Hand entgegen. »Noch ganz warm!« rief sie.

»Wenn dein Paradiesvogel noch solche Eier legte!« Der Professor jedoch antwortete nicht darauf, sondern sah sie unwillig von der Seite an und fuhr fort:

»Doch als der Welt die Sünde ward geboren,
brennt aus dem Leben wilder Streit hervor;
selbst wider sich und die Natur verschworen,
häuft Götzen sich's aus Erdenkot empor,
und im Geräusch des Marktes schnell verloren,
verhallt die ew'ge Harmonie dem Ohr;
zerbrochen ist die goldne Himmelsleiter:
kein Engel naht dem Menschen als Begleiter!

Nur in der Dichtung dunkelklaren Träumen
blüht eine Ahnung jener alten Zeit,
nur in der Töne Kinderlallen keimen
verlorne Laute der Unendlichkeit,
und nieder steigt, gesandt aus Himmelsräumen
vom Vater, der zum Mittler sie geweiht,
die Liebe steigt herab den Erdensöhnen,
das Leben mit dem Himmel zu versöhnen.«

Hier wurde der Professor von neuem durch einen greulichen Lärm unterbrochen, der sich kreischend, flatternd, krähend und klappernd in dem Nebenzimmer erhob. Sehr erzürnt sprang er auf; Karoline folgte ihm. Welcher Anblick, als er die Tür öffnete! Der Haushahn, der wahrscheinlich der Professorin nachgelaufen war, jagte seinen Paradiesvogel – er war ein Geschenk von einem aus Indien zurückkehrenden Jugendfreunde, und der Professor hielt ihn als eine große Seltenheit sehr hoch – der Hahn jagte den Paradiesvogel mit hartnäckiger Wut in dem Zimmer umher. Der Gehetzte, dem die Professorin heimlich vor kurzem erst die Flügel verschnitten, flatterte ängstlich von Tisch zu Tisch und kehrte dabei mit den zwei langen Schwanzfedern alles, was sich darauf befand, an die Erde.

Der Professor stand erst eine Weile in sprachloser Erstarrung, dann aber ergriff er eine Elle, die ihm just zur Hand lag, und setzte dem Haushahn im höchsten Zorne nach. Seine Frau, nun ebenfalls für ihren Liebling besorgt, folgte ihm auf dem Fuße. »Mein Vogel!« schrie er. »Mein Hahn!« schrie sie. Bei dieser Jagd geriet der Paradiesvogel unter die Tassen, die auf der Kommode standen, und die Professorin schrie noch lauter, bald: »Meine Tassen!« bald »mein Hahn!« Der letztere aber benutzte den Waffenstillstand, welchen die fallenden Tassen seinem Feinde abdrangen, um die Höhe eines großen Kleiderspindes zu gewinnen, von wo er, trotzig mit den Flügeln schlagend, sein Siegeslied auf den Professor herabkrähte. Dieser griff seinen Vogel und brachte ihn schleunig in den Bauer zurück, welchem er entschlüpft war. Er warf dabei grimmige Blicke nach dem Hahn hinauf und fluchte ein wenig, aber ganz leise; denn je öfter er zugleich nach dem Unglück hinschaute, welches an der Erde, und nach seiner Frau, die daneben auf den Knien lag, in stiller Hast die Scherben auflesend, desto beträchtlicher kühlte sein Zorn sich ab und schwand zusammen.

»Noch heute soll mir das verwünschte Tier aus dem Hause!« rief die Professorin endlich und stand auf.

Der Professor stellte sich, mit einiger Bangigkeit, aber doch entschlossen vor die Tür des Vogelbauers.

»Was hab' ich davon? Nichts als Schaden!« fuhr sie fort. »Das ganze unnütze Vieh ist nicht so viel wert als die Tassen, die es mir wieder zerbrochen hat!«

»Zehntausend Taler bezahlen mir ihn nicht!« entgegnete der Professor gelassen. – Sie lachte laut auf: »Zehntausend Taler! Für einen hätte ich ihn längst verkauft, wenn sich nur ein Käufer dazu finden wollte. Schämen solltest du dich, solche unnütze Brotesser zu unterhalten, während wir kaum selbst das tägliche Brot haben! Kein Mensch will mehr deine Kollegia besuchen und –«

»Laß gut sein, mein Kind«, unterbrach er sie schnell, »die Sammlung meiner Gedichte liegt fertig im Manuskript. Nur das, wovon ich dir eben ein Bruchstück vorgelesen, soll noch hinzu. Sie werden und müssen Aufsehen erregen, und wir sind geborgen. Wenn ich nur erst einen Verleger dazu habe!«

»Den wirst du nimmer finden! Ja, wenn der Buchhändler das Gold ausmünzen könnte, womit du in deinen Gedichten so freigebig bist, dann war' er freilich ein gemachter Mann; aber wer wird solche Makulatur kaufen wollen? Welcher Mensch liest heutzutage Gedichte?«

Der Professor hob den Kopf und blickte sie von der Seite an. »Makulatur!« rief er, »Makulatur!« und die helle Glut überlief sein Gesicht. »Doch wie möchte ich mit dir mich streiten! Seitdem unser Kind verlorenging, haben wir uns nie verstanden, und in entgegengesetzter Polarität weicht unser ganzes Leben auseinander.«

Er wollte mit diesen Worten stolz aus dem Zimmer schreiten, als die Tür sich öffnete und der Kammerrat Aber, ihr Nachbar, hereintrat. – »Ei, ei«, sprach er bedenklich, nachdem er Karolinen die Hand geküßt, »rote Gesichter, Zornfalten zwischen den Augenbrauen, beklemmter Atem! Was gibt's? Gott Hymen hat wieder einmal eins von seinen beliebten Pechkränzlein in die Wirtschaft geworfen? Das ganze Haus in Flammen? Wir wollen, löschen; bringen gute Nachricht.«

»Die müßte vom Himmel fallen!« sagte die Professorin. »Auf Erden wächst das Kraut nicht mehr für uns.«

»Der erste Teil kommt auch grade vom Himmel«, erwiderte der Kammerrat, »denn der liebe Gott hat unsern alten Professor der Geschichte diesen Morgen zu sich gerufen; der zweite Teil aber kommt wenigstens von oben, denn der Minister ist heut hier angelangt. Sie müssen nun, Wertgeschätzter, gleich morgen in aller Frühe ihm Ihre Aufwartung machen und ihn, als Kuratoren der Universität, um die erledigte Professur submissest angehen.«

Der Professor erblaßte. »Also meinen Sie wirklich, werter Freund – daß ich – zum Minister –«

»Allerdings meine ich!« rief jener. »Schnallenschuhe, seidne Strümpfe, Haarbeutel, Chapeaubas! Ich habe durch die dritte Hand schon wacker vorarbeiten lassen: die Stelle kann Ihnen nicht entgehen.«

Der Professor lief, während jener redete, ängstlich mit großen Schritten im Zimmer hin und wider. »Welchen Dank sind wir Ihnen schuldig!« sprach Karoline. Der Kammerrat ergriff mit einem langen, Dank begehrenden Blick ihre Hand und wollte sie zärtlich an seinen Mund ziehen; da schob sich plötzlich der Professor zwischen beide, drängte den Kammerrat von Karolinen hinweg, indem er ihn hastig, fast grimmig umarmte, und mit einem Tone, als spräch' er: Hole dich der Teufel! wiederholte er: »Welchen Dank sind wir Ihnen schuldig!«

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