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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

(Ludwig findet, daß seine Schülerin ein besseres Herz, als Ausdauer für Studien besitzt. Er trifft einen Freund unter Umständen wieder, die ihn als Helden erscheinen lassen.)

Nach getroffener Vereinbarung begann Ludwig schon in den nächsten Tagen mit dem Unterrichte bei Fräulein Milly. Einer unergründlichen Vorstellung zufolge gedachte diese, ihr Lehrer müßte, mit einer Art Zauberkunst begabt, ihr in der ersten Stunde die Exekutierung eines Liedes beibringen. Die ziemlich nebelhaften Vorstellungen, die sie vom Klavierspielen einerseits, vom Lehren andererseits besaß, sowie die kindische Freude an dem eingelangten, tadellos politierten Instrumente ließen sie vor Ungeduld kaum den Augenblick des ersten Unterrichtes erwarten.

Skeptischer stellte sich Milly schon dem Französischen gegenüber, da dieses in Verbindung mit einem Buche und Schreibhefte stand. Die arme Milly stützte ihre Kenntnisse des Lesens und Schreibens auf einen so unvollkommenen, mangelhaften Volksschulbesuch, und hatte im Laufe der Jahre von den Elementarkenntnissen dieser schönen Künste so viel eingebüßt, daß ihr gelindes Grauen sehr verständlich ist. Sie stand nicht so vereinzelt mit ihrer Verachtung bedruckten und gebundenen Papiers. Wie viele Leute gibt es nicht, die behaupten, sie hätten schon »g'fressen, wenn sie ein Büachl sehn«?

Doch auch diese Klippe hoffte sie mit Hilfe ihres Lehrers zu umschiffen. Wozu hätte er sonst einen so schönen 144 Schnurrbart und so warme, dunkle Augen besessen. Er mußte überdies als Lehrer die geeignetsten Mittel kennen, auch den unfruchtbarsten Köpfen das Wissen beizubringen.

Als sich Lehrer und Schülerin zum ersten Unterrichte trafen, verabsäumte die junge Dame nicht, ihre Wünsche bezüglich eines rasch zu erwerbenden, reichhaltigen Repertoires bekanntzugeben.

»Warten S', am liabsten möcht' i z'erst das Couplet können«, und sie sang ihm mit klarer Stimme einen eben in Mode stehenden Gassenhauer vor.

Ludwig schüttelte bedenklich den Kopf, eröffnete eine mitgebrachte Rolle und bewies ihr an der Hand einer Klavierschule die Art und Weise des Studiums.

Millys Gesicht verlängerte sich.

»Was, die Punkteln und Stricheln und Kraxen soll i verstehn lerna?«

»Wie denn nicht? Das wäre, als verlangten Sie ein Buch lesen zu können, ohne die Bedeutung der einzelnen Buchstaben zu verstehn.«

Die Einführung Fräulein Millys in die Mysterien der Töne nahm ihren Anfang.

Nach der ersten halben Stunde Übung und Erklärung rief sie erschreckt: »Ja sag'n S' mir, das soll so fortgehn?«

»Monatelang«, versicherte vollen Ernstes der Lehrer, ohne vor den trostlos auf ihn gerichteten Augen vor Scham und Reue in den Boden zu sinken.

»Gengan S', hörn S' auf!« hatte sich Milly wieder gefaßt, nachdem ihr die Eröffnung für einige Zeit die Rede verschlagen; »wann werd' i denn nachher was Ordentlichs spiel'n können?«

145 »Das hängt von Ihrem Fleiß, Ihrer Ausdauer und dem Talente ab. Kunst will gelernt sein.«

»Aber a Künstlerin will i ja do gar net werd'n, nur . . .« und die ungeduldige Schülerin erklärte nochmals sehr eingehend ihre Vorstellungen vom Klavierspiel.

Ludwig in seiner Ehrlichkeit wagte eine Berufung auf Herrn Tänzinger, dem er sich für die Erfolge seiner Lehrbestrebungen gewissermaßen verantwortlich fühle.

»Lassen S' Ihner net auslachen!« unterbrach Milly seine mit viel Ernst und Gravität vorgebrachten Einwände. »Hörn S', san Sie a Kinderl. Was schert si der drum, ob i so lern' oder so. Das is ja nur zu mein' Vergnüg'n, und der alte Plumpsack versteht vom Klavierspiel'n so viel wie a Pflasterer vom Feinsticken. Lernen S' m'r nur a paar fesche Liader, und wann's ah a bißl happert, so sing' i ja dazua. Sie nehmen die G'schicht' gar so schwer. I will do net a Konservatoristin werd'n, die mit der Taschen und d'langen Zöpf' umeranander rennt.« Diese Vorstellung schien ihr unendlich belustigend, und indem sie mit den Fingern wahllos in den Tasten umherfuhr, zwang sie das Instrument zu den greulichsten Disharmonien. »Segen S', a so spiel'n die Fuchteln,« erläuterte sie ihre Demonstration, »anmal aufi, anmal abi, daß an' der Schiach angeht.«

Ludwig, dessen Rechtlichkeitsgefühl und Lehrerehrgeiz zu ausgebildet waren, begann sich mit seiner unbotmäßigen Elevin gehörig herumzuzanken. Er war wirklich ein klein wenig Pedant. Auf ihn paßte das Sprichwort: »Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten.« Welche Perspektive muß sich seinen glücklicherweise noch ahnungslosen und noch in Schlitzhöschen herumlaufenden künftigen Zöglingen eröffnen! Wie viele Folterinstrumente der Konjugation und der Syntax wird der einstige Professor in Anwendung 146 bringen, um manches Bubengesicht zu veranlassen, sich mit einem, durch abgewischte Tränenbäche verschmierten Backenpaar zu präsentieren?

Fräulein Milly, die durch die heutigen Fingerübungen hinlänglich ermüdet war, beschloß, den Frieden anzubahnen und schlug Schluß des Unterrichtes sowie der Debatte vor.

»Für heut hab' i in Gusto aufs Klavierspiel'n schon verlurn,« meinte sie, »im Anfang is die G'schicht' a bißl schwer. Nächstesmal aber fangen m'r ord'ntli an. Ah mit'n Französischen, wissen S', aber heut hab' i Kopfweh.« Dieses große Argument aller Frauen, ob vornehme Dame oder Waschweib, wenn es sich darum handelt, eine unangenehme Sache abgebrochen zu wissen, nötigte auch Ludwig zur Resignation in der von ihm verfochtenen guten Sache. Er wollte sich daher empfehlen.

»Was fallt denn Ihner ein?« frug Milly erstaunt, »jetzt werd'n m'r do erst jausnen.«

Die ziemlich schwachen Proteste Ludwigs überhörend, bestellte sie wieder Wein und nötiges Zubehör.

Zum Schlusse zündete sie eine Zigarette an und nötigte ihren Lehrer ein gleiches zu tun.

Dieser, der sonst unter keinen Umständen zu einem solchen Versuch zu bewegen gewesen wäre, stürzte sich heute in dies Abenteuer und fand, daß es vortrefflich ging. Aber es war auch eine köstliche, leichte, duftende Sorte, und besser geeignet, einem Neuling in der Rauchkunst zu behagen, als Herrn Holzingers Virginia, die Ludwig am nächsten Tage zerbrochen in seiner Brusttasche gefunden hatte.

Im Laufe des Gespräches kam er auf die Szene mit dem kleinen Franzerl zu sprechen, und konnte Fräulein Milly herzlich lachen, so vermochte sie auch ausgiebig zu weinen.

147 »Mein Gott, so a armes Hascherl!« rief sie voll ehrlichsten Mitleidens. »Und der grausliche Mensch, der schimpft dös Kind no z'samm? So schlecht geht's derer Frau mit die armen Batscherln? Ja, um Gotteswilln, da muaß ma do was tuan. Warten S' . . .!« Sie eilte zu ihrem Schreibtisch, der diese Bezeichnung wohl wegen seiner charakteristischen Form, aber nicht wegen seines Gebrauches verdiente, kramte allerlei Zeug heraus, das in einen Schreibtisch ungefähr mit demselben Rechte hineingehörte wie eine Bibliothek auf ein Backstubenregal, bis sie eine Brieftasche gefunden, der sie eine Banknote entnahm. »Da hab'n S',« sagte das gutherzige Mädchen, Ludwig die Note überreichend, »vorderhand, daß das erste Elend a bißl wegg'ramt is. Und sagn S der armen Frau, daß i schon schaun werd', daß i ihr immer a bissel was zum Flicken z'sammenrichten kann. I z'reiß ja do hübsch was mit der Zeit. Segn S', Sie san a guater Mensch, das g'fallt mir von Ihner. Ham S' dem Buam schöne Weimber kauft – Sie, wann das d'r Schwarz wußt', der möcht' grün und gelb werd'n, daß er sein G'fraßt net ums teure Geld hat verkaufen können.« Und dabei die letzte Träne ihrer schönen Augen trocknend, war sie gleich bereit, sich das von Neid entstellte Gesicht des menschenfreundlichen Greislers vorzustellen, was natürlich nur von befriedigendster Wirkung sein konnte. Dann schenkte sie Ludwig ein neues Glas voll, nötigte ihn, es auf einen Zug zu leeren, sich eine frische Zigarette anzuzünden und ihre Wißbegierde bezüglich vieler, ganz unwissenswerter Dinge zu befriedigen.

»Sag'n S', was tan S' immer am Sunntag?« wollte sie wissen.

»Sonntags? Mit Ausnahme eines kleinen Spazierganges arbeiten. Meine Zeit ist so strenge eingeteilt, daß ich keinen Tag entbehren kann. Die Unterrichtsstunden bei 148 meinen Schülern, die ich meinem Studium entwende, wollen wieder eingebracht werden.«

»Jessas, und i mit meiner dummen Plauderei halt' Ihner vielleicht ah no ab? Dann können S' vielleicht bis in der Nacht aufbleiben?«

»Das ist ohnehin stets der Fall. Vor zwölf Uhr, oft vor zwei komme ich nicht zu Bette.«

»Ja, das wär' ja recht schön, wann S' nur net dabei studieren müaßtn. I kriaget an Kopf wia a Wasserschaffel. Tanzen bis in der Fruah könnt' i schon aushalten. Aber so in die Büacheln lieg'n . . . .«

»Nun heute zum Beispiel wird es wohl ziemlich spät, ohne daß ich ein Buch zu Gesicht bekomme. Man hat mich genötigt, einem Kommers beizuwohnen, von dem ich mich nicht gut ausschließen kann. Ich fürchte nur, morgen ein gehöriges Kopfweh zu bekommen.«

»Kommers?« frug Milly. »Was is das?«

»Ein studentischer Unterhaltungsabend,« erklärte Ludwig, »an dem in gewöhnlichen Fällen viel gesungen und noch mehr getrunken wird. Es sind Landsleute und da habe ich gewissermaßen die Verpflichtung, einmal mitzuhalten.«

Ein längeres Schweigen trat ein. Die Dunkelheit war jäh hereingebrochen und der junge Mann glaubte die Augen des Mädchens auf sich gerichtet zu fühlen. Er hatte wohl die Empfindung, daß sein längeres Verweilen mancher Auslegung fähig war, die weder zu seinen noch zu Millys Gunsten zu deuten war. Aber in diesem schönen, traulichen Beisammensein lag soviel zauberhafter Reiz, daß er fürchtete, die schöne Stimmung durch einen jähen Aufbruch zu stören.

Was Fräulein Milly dachte? Jedenfalls waren ihre Gedanken nicht minder angenehmer Natur. Sie war zu jung und ihr Gegenüber zu anziehend, als daß sie nicht zu 149 ganz bestimmten Vergleichen hätte angeregt werden sollen. Daß bei diesen Herr Tänzinger eine keineswegs schmeichelhafte Rolle spielte, mag dahingehen, denn bezüglich seiner war von Anfang an auch nicht die kleinste Illusion möglich. Aber ein Anderer trat auf den Plan, ein Anderer, der Milly in letzter Zeit wieder eingehend beschäftigt hatte, und sie dachte, ob ihre Antwort minder ablehnend, minder klug und minder schwesterlich gewesen, wenn er die Züge seines Vetters getragen hätte.

Als sie dem Mädchen läutete, um ihm aufzutragen, die Lampe anzuzünden, erhob sich Ludwig zum Aufbruch und ließ sich durch keinerlei Vorstellungen mehr zurückhalten. Er empfand vor dem eintretenden Dienstmädchen eine unbestimmte Scham und dachte, sie müsse seinem Gesichte Gedanken ablesen, die er sich selber nicht zu gestehen wagte. –

Um die Zeit, die ihm noch übrig blieb, etwas nützlich zu verwenden, ging er nach der Bibliothek, verbrachte dort zwei Stunden und lenkte dann seine Schritte nach dem Kneiplokale der Verbindung, deren Einladung er angenommen.

Mit ziemlich benommenem Kopfe brach er von dort spät nachts auf. Der weite Weg, den er bis nach Hause zurückzulegen hatte, tat jedoch seine Wirkung, und der junge, nicht trinkfeste Studiosus fühlte die Nebel von seinem Hirn schwinden.

Es war eine klare, sternerhellte Nacht, und für eine Bummelei wohl geeignet gewesen. Aber Ludwig fühlte nur das Bedürfnis zu schlafen, und versuchte deshalb seinen Weg so weit als möglich abzukürzen. Das konnte einigermaßen beträchtlich geschehen, wenn er quer über die Felder und Wiesen schritt, so daß er die Diagonale der Hauptstraße und der Gasse nahm, in der er wohnte. Auf diesem Wege 150 gelangte er an der Planke eines Materialplatzes vorbei. Ein schmaler, ausgetretener Fußpfad trennte sie von dem zirka einen Meter tieferliegenden Feld. Jemand, der Nachts diesen Weg ging, befand sich in vollster Dunkelheit, nichts trennte seine Gestalt von dem grauen, vermorschten Bretterwerk.

Plötzlich hielt Ludwig inne und horchte gegen die Felder zu. Nicht allzuweit von ihm, linker Hand, ertönte eine Stimme, die dem Horcher nicht unbekannt dünkte.

»Püls, Rauber, Diab! Was, aussackeln willst mi? Da hast a Watschn, laß d'r's weichen, daß d' was Heiligs hast. Was, mein Uhr . . . .?« Nun folgte ein entsetzlicher Aufschrei, so fürchterlich, daß der sonst nicht unerschrockene einsame Wanderer wie gelähmt sich an die Planke lehnte und keiner Regung fähig war. Zu seinem Heile, wie ihm später klar wurde. Noch hielt er sich an das graue, dunkle Holz gedrückt, als von der Stelle, aus der der Schrei erklungen, eine Gestalt sich in eiligem Laufe der Planke zu näherte.

Doch nahm sie nicht den Weg, auf dem sie mit Ludwig unbedingt hätte zusammentreffen müssen, sondern in gerader Richtung an der anderen Seite der Umzäunung vorbei gegen den erhellten Horizont zu. Scharf hob sich hiebei die Silhouette des Flüchtenden davon ab. Ludwig nahm den Eindruck derselben mit der Treue eines Photographenapparates auf. Es war wie ein scharf aufgeworfenes Schattenbild. Eines merkte der ungesehene Beobachter noch, daß die Gestalt hinke. Einen Augenblick überlegte er, ob er nicht den Flüchtenden verfolgen solle. Doch mahnte ihn der noch in seinen Ohren nachgellende Schrei an das vielleicht schwerverletzte Opfer des Verbrechers und darum eilte er der Richtung zu, 151 in der er die begangene Tat vermutete. Die Stelle lag nicht allzuweit hinter dem Hause Nr. 37. Als er ungefähr dort angelangt war, bemerkte er eine wohlbeleibte Gestalt, die sich mühsam erhob, einige Schritte wankte und gleich darauf wieder zu Boden sank. Mit ein paar Sprüngen war Ludwig bei dem Unbekannten. Er beugte sich nieder. Ein dumpfes Röcheln drang ihm entgegen. Als er nach dem Liegenden niedertastete, fühlte er, wie seine Hände von etwas Warmem, Flüssigem überflutet wurden. Schaudernd erkannte Ludwig Blut.

Was tun mit dem Schwerverletzten, vielleicht Sterbenden? Hilfe holen und den armen Mann allein lassen? Vielleicht dreihundert Schritte wären nach seinem Hause zurückzulegen gewesen. Der Erstochene röchelte immer noch; von Zeit zu Zeit schüttelte es ihn.

Der Ratlosigkeit Ludwigs wurde ein Ende bereitet, als er von der Straße her Schritte und die Stimme eines Singenden vernahm.

»Holla!« schrie er. »Holla! Hilfe! Rettung!«

»He? Was gibt's?« rief es herüber.

Ludwig beeilte sich dem Antwortenden entgegenzueilen und mit beiden Armen Eile zu signalisieren.

»Kumm schon, kumm schon,« ertönte die beruhigende Antwort und im nächsten Augenblicke war mit einigen mächtigen Sätzen der Helfer zur Stelle.

»Eilen Sie!« drängte Ludwig, den Unbekannten mit sich ziehend, »ein Verbrechen ist geschehen, man hat jemand erstochen.«

»Ui!« dehnte der andre, »das is da nix Neuchs. A Püls vielleicht, jedenfalls weg'n an Schlitt'n. No, schau'n m'r halt, Mensch is Mensch.«

152 »Der Erstochene dürfte keiner dieser Klasse sein. Ich glaube, es handelt sich um einen Raubmord. Aber da sehen Sie selbst!«

Die beiden waren an der Stelle angelangt, wo noch immer, wenn auch leiser röchelnd, der Erstochene lag.

»Warten S', i werd' mein Wachsstöckl anzünden, a so is's do zu finster.« Und rasch ein Zündholz anstreifend, setzte der zweite Retter eine der kleinen Kerzen in Brand, die spät Heimkommende benützen, den Weg über die Stiege zu erleuchten. Bis jetzt hatte Ludwig sich nicht Zeit genommen, in das etwas zur Seite geneigte Gesicht zu schauen. Aber als der Schein des Wachslichtes darauf fiel, fuhren sowohl Ludwig als sein Genosse mit einem Rufe des Erstaunens zurück.

»Der Holzinger, meiner Seel!« entfuhr es Huxtl, denn er und niemand anderer war der zur Hilfe Herbeigerufene.

»Sie kennen ihn auch?« frug Ludwig.

»Na, hör'n S', i und neamd kennen in der Weanastadt . . . .!«

»Was tun?« drängte Ludwig.

»Er lebt no, da lieg'n lassen können mir 'hn net. Mir trag'n 'hn mitanander in mein Haus zum Hausmaster und i fab'l dann g'schwind zur Polizei. Packen S' vielleicht unterm Kopf an, recht langsam, und i nimm eahm vurn.«

Als Ludwig sorgsam seinen Arm unter das Haupt des Verwundeten schob und sich bemühte, ihn dann unter den Schultern zu fassen, schlug dieser die Augen auf. Huxtl, der noch das brennende Licht hielt, glaubte am besten zu tun, Herrn Holzinger einen guten Abend zu wünschen und 153 ihn um sein Befinden zu befragen. Er tat dies einesteils in der guten Absicht, den Schwerverletzten über die Gefährlichkeit seiner Lage zu täuschen, andernteils in dem gedankenlosen Bestreben, die unheimliche Stille, die die Nähe des Todes mit sich bringt, zu beleben.

Holzinger aber starrte in das Gesicht des über ihn gebeugten Ludwig. In seinen brechenden Augen spiegelte sich das Erkennen. Es war zu wetten, daß unter andern Umständen der Kürschner seinen Eintagsfreund am nächsten Morgen nimmer erkannt hätte. Aber, schärft das Ende die Sinne der Menschen, oder sehen sie wirklich schon aus einer klareren Welt – Holzinger hatte den jungen Studenten erkannt, den er noch vor kurzer Zeit so schnöde seiner Freundschaft beraubte. Schier dankbar und um Verzeihung flehend war der Ausdruck, mit dem er seine Blicke auf den Samariter richtete. Auch Huxtl erkannte er, und wohl in Erinnerung an dessen heiteren Beruf, den Holzinger sehr zu schätzen gewußt hatte, irrte in die Augen ein flüchtiges Lächeln, dann aber öffneten sie sich unnatürlich weit, den Körper durchbebte ein Zucken – und in demselben Augenblicke, als das Kerzchen erloschen aus Huxtls Hand fiel, war der fidele Kürschnermeister nimmer.

»Aus is's mit eahm,« sagte Huxtl tief ergriffen, ein Zustand, der sehr, sehr selten den famosen Liederdichter streifte. »Aus is's. Jetzt hat's kan Zweck mehr, daß mir 'hn forttrag'n. Aner von uns muaß jetzt bei eahm bleib'n, und aner auf d' Polizei, oder er find't vielleicht wo an Wachter. Aber dö san ah nia z'hab'n, wann mar an braucht. Wolln Sie dableib'n, oder ham S' a Angst?«

Ludwig verneinte und trug Huxtl auf, nur sobald als möglich die Polizei zu verständigen.

Nun kniete er allein neben dem Toten und vor seinen 154 Augen stand die Szene, da der ihm fremde Kürschner ihn mit aller Gewalt zum Duzfreunde machte. Wie ein Augenblick alles so von Grund aus verändern konnte! Niemals mehr hatte Ludwig gehofft oder gewünscht, den Mann zu sehen, der ihm eine, damals so brennend empfundene Schmach zugefügt. Und in seltsamer Umkehrung aller Gefühle kam es über Ludwig wie ein Lächeln über seine damalige Empörung. Armer Holzinger!

Zwei Bursche standen plötzlich wie aus der Erde gezaubert vor der schweigsamen Gruppe.

»Was gibt's denn da?« frug der eine.

Ludwig sah auf. In der Nähe des Toten fühlte er keine Angst vor den Lebenden.

»Ein Ermordeter«, antwortete er mit Bedeutung. »Es ist nur zu hoffen, daß den Mörder sein Schicksal erreicht.«

»Was?« nahm der andre das Wort, »umbracht?«

»Und beraubt,« setzte Ludwig hinzu. »Die Polizei kann jeden Augenblick eintreffen.«

»Druck'n m'r uns«, sagte der erste leise. »Mit die Henkerer möcht' ich heut ka Hand anhängen.«

Und im Augenblicke waren sie verschwunden. Schritte störten Ludwig nach einer Weile wieder aus seinem Sinnen. Es war ein Wachmann. Fast wäre er über den Toten gestolpert.

»Ah, da bin i ja recht«, wandte er sich an den Studenten, der aufgesprungen war. »Ham Sie a Courage, das muaß m'r Ihner lassen. Auf dem Feld da is wirkli a G'fahr. Und bei an Toten ah no . . . .«

»Der Tote war mein Schutz,« entgegnete Ludwig, und berichtete von der kurz zuvor stattgehabten Begegnung.

»Da müaßt' m'r unser fufzig herumstrafen, um das 155 G'sindel in Schach zu halten«, brummte der Wachmann. »Sollt ah niemand so spät über die Felder gehn. Merken S' Ihner den Rat!«

»Was ich heute erlebt, wird mich künftig vorsichtiger machen«, versicherte Ludwig.

»Also der Holzinger is', hat mir der Huxtl g'sagt. Is wirkli selber schuld dran mit sein' Umdrahn. Wo er nur herkommen is? Wia ham S' eahm denn g'funden?« frug er dann.

Ludwig berichtete den ganzen Verlauf. Wie er Herrn Holzinger schimpfen hörte, dann von dem Schrei, und wie er den Täter an sich vorbeiflüchten sah.

»Was, Sie ham ihn g'segn?« warf der Wachmann ein und faßte in der Erregung den Erzähler am Rockärmel.

»Ganz deutlich, natürlich nur in der Silhouette. Das Gesicht konnte ich nicht erkennen.«

»Hm, hm! das is was wert, vielleicht könnten Sie viel dabei helfen, daß m'r den Mörder derwischt. Aha! Kummen schon.«

Der Ausruf galt einer Gruppe, die von der Straße herbeikam. Wachleute, Detektive, ein Kommissär und ein Arzt. Den Beschluß bildeten zwei Männer mit einer verdeckten Tragbahre.

Auf einen Wink des Kommissärs wurden mitgebrachte Fackeln in Brand gesetzt.

Vor allem neigte sich der Arzt zu dem Toten, öffnete den Rock und das Hemd, betrachtete die Wunde, horchte auf den Herzschlag und erklärte den Toten für wirklich ganz gerichtsordnungsmäßig tot, was um so anerkennenswerter erschien, da man sonst vielleicht in dem Wahne leben konnte, 156 daß ein Mann mit einer sieben Zentimeter tiefen Brustwunde und mit gebrochenen Augen Scheintod simuliere.

Unter Fackelbeleuchtung wurde die Blutspur zurückverfolgt, bis an den Ort, wo die Tat stattgefunden haben mußte. Zur Vorsicht wurden gleich einige sichtbare Fußspuren ausgemessen, dann wurden die Zeugenaussagen Ludwigs und Huxtls angehört.

»Es läßt sich heute, das heißt im Augenblicke, nichts tun«, sagte der verhörende Beamte. »Ich werde die Herren um ihre Adresse ersuchen, und bitte Sie, sich bereit zu halten, morgen, das heißt noch heute, einer Vorladung auf die Polizei Folge zu leisten. Ihre Beobachtung«, wandte er sich an Ludwig, »kann besonders von Wert sein, da Sie, wenn auch nur flüchtig, den Täter gesehen. Ich bitte jedoch dringend, vor dem polizeilichen Verhör niemandem etwas von dem mitzuteilen, was die Person des Mörders betrifft, das heißt, Sie haben gar keinen gesehen, verstanden, meine Herren? Also Ihre Adressen bitte.«

Huxtl nannte die seine zuerst mit allen nötigen Einzelheiten. Ludwig blickte überrascht auf, als er den Namen hörte. Als sich der Beamte an ihn wandte, sagte er daher seinen Namen und: »Ganz genau dieselbe Adresse wie der Herr.«

Huxtl sah mit einem solchen Blick der Verblüffung seinen unbekannten Wohnungsgenossen an, daß der Kommissär mit Schreiben inne hielt und mißtrauisch frug. »Die Herren bewohnen, wie ich höre, eine Wohnung und kennen sich nicht?«

»Ah, dös is net ohne, da legst di nieder und stehst nimmer auf!« brach Huxtl los. »Sie san also der Student, der mit'n Tonl wohnt? Jetzt leb'n mar beinah zwei Monat' in an Quartier und kennen uns net. Is grad ka Wunder,« 157 fügte er hinzu, »denn, wann i hamkumm, fangt schon der Hahn zum krahn an. Aber meiner Seel', die G'schicht' is guat.«

Da sich auf diese Weise der Sachverhalt vollkommen geklärt hatte, stand den beiden Mietern der Ambros frei, ihre Wohnung aufzusuchen. Sie verweilten indessen noch so lange, bis die Leiche des Ermordeten auf die Tragbahre gebettet und fortgetragen wurde.

Im Hause war aber schon die Bewegung auf dem Felde bemerkt worden, der Fackelschein drang in die der Straße entgegengesetzten Wohnungsfenster. Die Ambros, die in der Küche schlief, war durch das beim Küchenfenster einfallende Licht aufmerksam geworden, hatte sich rasch angekleidet und auf den Gang begeben, von wo sie die ungehinderte Aussicht auf die nächtliche Szene hatte.

Wie erstaunte sie, Ludwig und Huxtl gemeinsam ankommen zu sehen! Ihr Staunen und ihr Entsetzen bei der Nachricht von dem Verbrechen aber kannte keine Grenzen. Ludwig stand in ihren Augen als ein vollkommener Held da.

»Mit an Erstochenen am freien Feld, bei stockfinsterer Nacht, so was war no net da.«

»Plausch net, Tinerl,« sagte der unverwüstliche Huxtl, »weil's d' schon auf bist, koch glei an Kaffee. Es geht eh schon auf vieri, und meiner Seel', an Schlaf hab' ich kan' mehr. No pfiat di g'sund, die Ausfragerei auf d'r Polizei hab' i g'fressen, und von Ihner erst«, sagte er zu Ludwig, »werd'n s' den Raubmörder am Präsentierteller verlangen. Soll'n die ganzen Pülcher, wia s' san, z'sammenfangen, in d' Donau schmeißen und der Mörder is sicher dabei. Um die andern war ah net mehr schad'. Geln S', Sie trinken ah an Schwarzen mit.«

Ludwig dankte für die Einladung und beschloß ebenfalls 158 wach zu bleiben. Die heute empfangenen Eindrücke hätten ihn ohnehin nicht schlafen lassen.

Er ging nach seinem Kabinett, um das blutige Gewand abzulegen, welches der Ambros, als sie es bemerkte, fast eine Ohnmacht eingetragen hätte.

In der Türe stand Anton, der, durch die Stimmen erweckt, fragen kam, was es gebe. Er ward blaß, als Ludwig sein Abenteuer erzählte. »Um Gottes willen,« sagte er nur, »das hätt' ah di treffen können.« 159

 

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