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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

(Beweist Herrn Tänzingers guten Geschmack in bezug auf Schönheit. Ludwig ist bezaubert und gibt unbedenklich ein Versprechen. Das goldene Wienerherz zeigt sich in schöner Weise.)

Der junge Hauslehrer überlegte, noch auf der Straße stehend, welche Verrichtungen sich heute wohl abtun ließen und beschloß in Ermanglung von etwas Dringenderem, sich bei seiner neuen Schülerin vorzustellen.

Er war jetzt mit Stundengeben beinahe überladen, bedachte jedoch, daß der monatliche Zuschuß für seine Verhältnisse kein geringer sei und Herr Tänzinger als sein Mäzenas den wärmsten Anspruch besaß, daß seine Wünsche genau erfüllt würden.

»Fräulein Milly Zögler, Mariahilferstraße Nr. . . ., 3. St., 20,« las er nochmals von seinem Notizbuch ab.

Im dritten Stockwerk des betreffenden Hauses klingelte er an der bezeichneten Türe. Ein ältliches Dienstmädchen öffnete und frug umständlich nach dem Begehren des Besuchers.

Ludwig nannte seinen Namen und fügte gleichzeitig den Herrn Tänzingers hinzu, als denjenigen, auf welchen er sich als Empfehlung stützte.

Das Mädchen besah sich den Fremden noch einmal genau, jedenfalls um zu der Überzeugung zu gelangen, ob die Persönlichkeit desselben sein Vertrauen rechtfertige, wenn es ihn einige Minuten allein im Vorzimmer ließ. Die Musterung schien ein günstiges Resultat erzielt zu haben, 99 denn die treue Hüterin übernahm die ihr gereichte Visitkarte und erstattete die Meldung.

Durch die halbgeöffnete Türe hörte Ludwig eine helle Frauenstimme im reinsten Dialekte fragen:

»No hörn S', Sie Urschl, warum machen S' denn so G'schichten und führ'n eahm net glei eini? Sie wissen ja do, daß i schon a paar Täg auf eahm wart'. Sie ham ah nix als lauter Einbruch und Raubmord in' Kopf. Sie san a rechter Batschachter Lini, das muaß i sag'n.«

Dann ward die Türe vollständig aufgerissen und in ihr erschien ein junges, blondes Mädchen im reizendsten Negligé, das seinem Besucher ungeniert und herzlich entgegenrief:

»Kummen S' nur herein! Sie san jedenfalls der Herr, der mir Klavierspieln und Französisch lerna soll?«

Ludwig verbeugte sich zustimmend und sprach einige gewählte Begrüßungsworte, indem er dem Mädchen in den kleinen, allerliebsten Salon folgte. Die Augen des Fräuleins ruhten mit lächelnder Prüfung auf dem neuen Lehrer.

»Nehmen S' Platz, ja? Herr, Herr . . . Jetzt hab' i den Namen vergessen.«

»Hrdliczka, gnädiges Fräulein«, sagte Ludwig.

»Hrdliczka,« lachte diese. »Hörn S', wia kummen Sie zu dem Namen? An Böhm schaun S' net gleich.«

Ludwig errötete. Der Name war in seinem Leben ein fataler Punkt, ein unangenehmes Vermächtnis seines Vaters, der sich nicht minder gekränkt hatte, als sein Sohn, mit solch einem Makel behaftet zu sein.

Fräulein Milly in ihrer Gutherzigkeit merkte den üblen Eindruck ihrer harmlosen Spötterei, denn sie fügte sogleich hinzu:

»Namen hin, Namen her. Auf den kummt's net an, wann nur d'Person was wert is. Und i muß Ihner sag'n, 100 daß S' net übel ausschaun. Auf so an feschen Lehrer hätt' i net denkt.«

Ludwig, vollkommen versöhnt, dankte für die günstige Meinung und blickte nun seinerseits die neue Schülerin näher an. Er war für den Augenblick frappiert durch die Ähnlichkeit, die sie mit einer Bekannten besaß, welche Bekannte niemand anderer war als Frau Ambros.

Fräulein Milly bemerkte den Zug der Überraschung auf dem Gesicht des jungen Mannes.

»Segn S' so was B'suuders an mir, oder kennen S' mi vielleicht von wo?« frug sie lächelnd.

»Wenn nicht Sie, gnädiges Fräulein, so doch ein Ebenbild von Ihnen, ich muß aber gleich bemerken, weniger jung und weniger schön als Sie.«

»Hörn S', daß Sie net guat schmeicheln können«, quittierte Milly lachend das Kompliment, aber anscheinend sehr freudig berührt. »Möchten S' vielleicht a klane Jausen? Ja? An Korb dürfen S' m'r net geb'n. Lini!« rief sie hinaus, »bringen S' an Wein und Schinken und a Bacherei.«

Das Mädchen erschien nach einer kleinen Weile mit einer Tablette, auf der sich eine entkorkte Flasche, zwei Gläser, ein Teller mit Fleisch und eine Glastasse mit Konfitüren befanden.

Milly nötigte ihren Gast zu ungeniertem Zugreifen, füllte die Gläser und benahm sich als Wirtin so reizend, mit soviel Freimut, Heiterkeit und Herzlichkeit, daß Ludwig sein junges, unerfahrenes Studentenherz unrettbar gefangen genommen fühlte.

In kurzer Zeit war eine lebhafte Unterhaltung im Gange. Das junge Mädchen hörte mit vielem Anteil zu, als Ludwig von seinem kleinen, ereignislosen Provinzdasein erzählte, und von den Umständen, unter denen er die 101 Bekanntschaft Herrn Tänzingers gemacht. Er überwand seine Eitelkeit und berichtete auch von seinem Gasthausabenteuer sehr wahrheitsgetreu.

In den Zügen seiner Zuhörerin wechselte Heiterkeit mit tiefster Entrüstung.

»Das san G'schäftsleut' heutzutag,« rief sie ehrlich empört, »die an Gast, weil er net zwölf Stunden im Tag im Wirtshaus herumlahnt, auf a so a Art behandeln. I hätt' guate Lust, i kehret anmal in der Butik ein und leichert mir den Wirt und sein' Frau samt dem b'soffenen Kürschnermaster aus.«

Der junge Lehrer lächelte erfreut über den schönen Eifer der jungen Dame für seine Sache.

»Ich war im Anfange so empört, daß ich wie ein Nachtwandler in den Straßen umherirrte. Aber dann ist mir nur das Komische der ganzen Szene im Gedächtnis geblieben. Der Kluge lacht am besten.«

»Da ham S' recht,« sagte Milly, »so Leut' stengen net dafür, daß man si ärgert. Es ist a rohes, ungebüldetes Volk, a zehnte Bezirkerraß.«

»Mir ist nur eines verwunderlich,« nahm nach kurzem Bedenken Ludwig wieder das Wort, »wie Herr Tänzinger bei seinem Vermögen noch Lust daran finden kann, den ganzen Tag in einer solchen Höhle voll der ärgsten Abscheulichkeiten zu verbringen. Ich würde es um keinen Preis auch nur eine Stunde vermögen.«

»Gengen S', der blade Wastl,« sagte Milly unbekümmert, »um an halben Kreuzer steckt der d'Nasen in a Kanalloch.«

Ludwig sah erstaunt auf. »Er ist doch ein guter Bekannter von Ihnen . . .« meinte er zögernd.

»Mein Gott, ja,« antwortete das Mädchen mit einem 102 flüchtigen Erröten der Verlegenheit, »was man so halt an guaten Bekannten haßt. Er hat si um mi ang'nommen, wie meine Eltern g'storb'n san, und meine Erbschaft, die i g'macht hab', tuat er für mi verwalten.«

»Ich hege alle Hochachtung für ihn und habe auch Anlaß es zu tun.«

»Batscherl,« sagte Milly, froh, über ein Thema hinweg zu gelangen, das ihr peinlich schien, »segn S' denn net, daß er Ihner guat brauchen kann? Umsonst tuat der nix, da können S' Ihner verlassen drauf.«

»Mögen seine Beweggründe welche immer sein, ich bin ihm zu sehr zum Danke verpflichtet, um ihnen nachzuspüren.« Und mit einem Vertrauen, über welches er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, berichtete Ludwig von der heutigen Szene in der Wohnung Herrn Tänzingers.

»Das is sehr guat«, beteuerte Milly unter Ausbrüchen lebhaftester Heiterkeit. »Sie schaffen eahm an, daß er dem Buam 's Lederzeug anstreicht, wia wann das so was Klanes wär', und er folgt Ihner. Das hätt' i dem bladen Sechter net zuatraut. Denn auf seine Kinder halt' er was. Da ham S' Ihner ord'ntli eintegelt bei ihm. Und der rote klane Teufel is, scheint mir, verliabt in Ihna. No, werd'n S' net so rot desweg'n, es is ja nix Unrechts, aber a Geduld g'hört dazua mit so Fratzen.«

Millys Freimütigkeit und die Ungeniertheit ihrer Ausdrücke setzten Ludwig in höchstes Erstaunen. Es stand ihr aber alles so gut und die Liebenswürdigkeit ihres Wesens versöhnte mit allen Unliebenswürdigkeiten, die sie sprach, daß der bezauberte junge Mann sich gestand, noch niemals ein entzückenderes Wesen gesehen zu haben.

Wäre letzteres weniger der Fall gewesen, hätte er sich zweifelnd gefragt, wie sich die Urwüchsigkeit des schönen 103 Mädchens mit dem Luxus vertrage, der es umgab. Die Erbschaft bildete wohl eine ziemlich plausible Erklärung, aber dem Kenner mußte sich ein Eindruck aufdrängen, der die ganze Erbschafts- und Vormundschaftsgeschichte als unwahrscheinlich erscheinen ließ.

Doch Ludwig war kein Kenner, und wenn er einem jungen, schönen Mädchen mehr Vertrauen entgegenbrachte als dieses ein alter Jurist oder ein Lebemann getan hätte, war das an der Bezauberung seines unerfahrenen Herzens gelegen.

»Jetzt sagen S' mir anmal,« frug Fräuleiu Milly plötzlich, »Sie ham was von aner Person g'redt, die mir so ähnlich schaun soll, daß S' im Anfang ganz paff drüber war'n. Wer is das?«

»Ich meinte meine Hauswirtin, eine junge, hübsche Frau, die in der Tat soviel Ähnlichkeit mit Ihnen besitzt, als es der Unterschied an Jahren und der Umgebung zuläßt.«

Milly blickte rasch, wie erschrocken, den Sprecher an.

»Wo wohnen S' eigentlich?«

Ludwig nannte die Gasse.

»Hausnummer . . . .?«

»Siebenunddreißig.«

»Und die Frau heißt Ambros?«

»Sie kennen Sie?« frug Ludwig erstaunt.

Milly beantwortete die Frage nicht sogleich.

»Sie ham mir ah erzählt, daß Sie mit Ihnern Cousin z'sammen wohnen,« forschte sie weiter, »wie haßt der?«

»Anton Brenner«, antwortete Ludwig, verwundert über die Fragen.

»Anton – Anton«, murmelte Milly vor sich hin und es schien, daß sie etwas lange und peinlich überlegte. »104 Natürlich kenn' ich die Ambros,« sagte sie nach einer Weile unvermittelt, »bin ja auf dem Grund aufg'wachsen. Es is ka feine Gegend, und wundert mi, daß Sie's dort aushalten.«

»Es sind zweierlei Rücksichten maßgebend,« sagte Ludwig verlegen, denn Millys Bemerkung war sehr berechtigt. »Ich bin zu großer Einschränkung genötigt und kann kein Geld für ein teures Quartier aufwenden. Kann ich etwas erübrigen, so fühle ich mich verpflichtet, so bald als nur möglich meiner Mutter einen Teil dessen zukommen zu lassen, was sie durch harte Arbeit aufgebracht und auf mein Studium verwendet. Sie wird alt und bedarf schon der Ruhe.«

»Das is schön von Ihner«, anerkannte Milly. »Und das zweite . . . .?«

»Die andere Rücksicht ist die auf meinen Verwandten, der mir mit soviel Freundschaft und Herzlichkeit entgegengekommen, daß ich es ihm nicht genug danken kann. Wäre Herr Tänzinger mir weniger wohlwollend erschienen, so bin ich versichert, an Anton einen Helfer gefunden zu haben, der in seinen Wohltaten nicht ermüdet wäre.«

Milly sah gedankenvoll vor sich hin und nickte wie zustimmend.

»Und deswegen möcht' i Ihner do raten, von dort wegaziag'n. Es ist wegen der Ambros,« setzte Milly auf einen fragenden Blick Ludwigs hinzu, »ja, just weg'n der. Um Ihner wär' do schad', für die Frau passen Sie gar net.«

Ludwigs anscheinende Verständnislosigkeit belustigte sie.

»O, Sie liabe, liabe Unschuld,« rief das schöne Mädchen lachend aus, »hat denn die Ambros no gar net nach Ihner g'fischt? Die muaß do an jeden Mann hab'n, der in ihr' Näh' kummt. Und auf d'jungen, feschen, da is s' ja gar 105 aus. Ihre Bettgeher san ihre Liabhaber . . . . Ja, sag'n S' mir nur, Kinderl, von wo kummen denn Sie her?« brach sie los, als Ludwig mit einem Ausdruck so unfaßbarer Verwunderung die Sprecherin ansah, als hörte er etwas, wofür ihm jegliches Verständnis mangelte.

Milly bereute fast diese Worte. So unbegreiflich ihr die Harmlosigkeit des Studenten vorkam, soviel Achtung zollte sie ihr und es regte sich auch in ihr Scham, daß sie als Weib dem Manne als der undelikatere, ja rohere Teil gegenüberstand. Sie beschloß so viel gutzumachen, als nur anging.

»I hab' Ihner do a bißl in Verlegenheit bringen woll'n. Aber was i da g'sagt hab', is net so g'mant. I wollt' nur sag'n, daß die Ambros hübsch gnua is, daß S' Ihner in sie verliab'n könnten.«

»Sie können um mich unbesorgt sein,« log Ludwig, denn bevor er Milly gesehen, war er wirklich ziemlich ernstlich in seine hübsche Quartiergeberin verliebt, in der Weise, wie eben ein junger, wohlerzogener Mann verliebt sein kann.

Millys Versuch, ihre erste Äußerung auf das Gebiet des Scherzhaften zu ziehen, gelang dem unerfahrenen Menschen gegenüber so ziemlich vollständig, obwohl sich Ludwig gestand, in seinem Vertrauen auf die Tugendhaftigkeit der Ambros doch etwas wankend geworden zu sein.

Er wollte nun wissen, wie die Bekanntschaft zwischen der Frau und dem Mädchen bestand.

Milly erzählte, daß sie schon als Kind die Ambros gekannt, da diese noch unverheiratet war, wie sie Nachbarn gewesen und wie sie sich später flüchtig noch einige Male gesehn. Wenn sie nicht viel dazulog, so verschwieg sie wohl manches, befriedigte aber ihren Zuhörer vollkommen. Zum 106 Schluß meinte sie: »Net wahr, aber an G'fall'n werden S' mir tuan?«

»Was Sie nur befehlen«, beeilte sich Ludwig zu versichern.

»Hörn S' auf, befehl'n! I bitt' Ihner nur drum, daß S' der Ambros nix sag'n, daß mir uns kennen. Und ah geg'n Ihnern Cousin erwähnen S' nix. Überhaupt geg'n niemand, is am sichersten.«

»Kennen Sie vielleicht Anton auch?« forschte Ludwig.

»Ah woher. Aber er könnt' doch geg'n d'Ambros a Wort fall'n lassen und wissen S', i hab' Grund, daß i nimmer mit ihr z'sammkommen will. Also ja?« und sie hielt ihm die Hand hin, in die er unbedenklich einschlug.

»Das Versprechen kann ich Ihnen um so leichter geben, als ich mit Frau Ambros nur das absolut Notwendigste bespreche und mein Cousin keine besonders neugierige Natur ist. Erzähle ich einmal etwas von meinen Angelegenheiten, hört er mit so viel Teilnahme zu, daß ich glaube, er hat es während des Sprechens wieder vergessen. Überhaupt besitzt er ein so verschlossenes, mitteilungsarmes Wesen, wie ich es selten noch bei einem Menschen seines Alters gefunden. Fast wäre ich versucht zu glauben, er trüge ein Leid in sich, das er niemandem gestehen will.«

»Wirklich?« frug Milly mit einer Teilnahme, die für einen Fremden zu warm erschien.

»Man würde nicht glauben,« fuhr Ludwig begeistert fort, »welch gutes mitleidiges Herz er besitzt, wollte man aus seinem gewöhnlichen Wesen schließen.«

Er schilderte nun die Lage der armen Frau und der Kinder Fischers, und wie hilfsbereit Anton ihnen begegne.

In Sinnen versunken hörte Milly den Schilderungen des tiefen Elends und des schönen Mitleidens zu. So 107 bewegt und alle Eindrücke spiegelnd sonst ihr Gesicht war, jetzt lag darauf eine träumerische Vergessenheit, die einem Beobachter nichts zu sagen imstande war.

Endlich fiel es Ludwig ein, nach der Uhr zu sehen. Er hatte volle zwei Stunden hier verbracht und ihm schien es kaum der vierte Teil dieses Zeitraums. Er vereinbarte noch mit seiner Schülerin Tage und Stunden des Unterrichts und empfahl sich.

Auf dem langen Heimwege wußte er nichts Besseres zu tun, als sich Gestalt und Wesen des jungen Mädchens zu vergegenwärtigen und ertappte sich auf so ungereimten Gedanken, wie es gewöhnlich Leuten seines Alters geht, die im Begriffe sind, sich rettungslos zu verlieben.

Als er gegen seine Wohnung zuschritt, bemerkte er von weitem schon eine Kindergestalt, die sich am Boden an der einen Feuermauer zu schaffen machte, offenbar was suchend.

Nahe gekommen erkannte Ludwig den kleinen Franzerl. Der hatte sich beim Nahen der Schritte rasch erhoben und umgewandt und stand erschrocken, wie einer bösen Tat sich bewußt. In der Rechten hielt er eine verfaulte Weintraube. Der Greisler hatte einen halben Korb voll derselben, da sie ihm übriggeblieben und ungenießbar geworden waren, kurzerhand an die Mauer hingeleert unter den Mist, die Abfälle und die menschlichen Exkremente, die trotz einer verbietenden, an die Mauer schablonierten Aufschrift dennoch dort abgelagert wurden.

Aber unbekümmert um den ekelhaften Ort, wo er sie fand, hatte Franzerl die ihm so köstliche, sonst unerreichbare Frucht aus all dem Unrate ausgelesen und war dabei von Ludwig überrascht worden.

Ein Blick hatte diesen über die Tatsache belehrt. In einem Tone, der Abscheu und Mitleid zugleich ausdrückte, 108 befahl er dem Kleinen, das aufgeklaubte, verfaulte Zeug schleunigst wegzuwerfen.

Mit schamgeröteten Wangen und doch auch wieder zögernd gehorchte das Kind.

»Um Gottes willen, Franzerl, du hast doch nicht die Absicht gehabt, das zu essen!« rief Ludwig erschüttert aus.

Franzerl hielt die Hände vors Gesicht und begann zu weinen. Erst leise, dann aber so qualvoll, wie es nur Kinder können, deren armer, ungesättigter Magen seine Leiden dem kleinen, begehrenden Herzen mitteilt.

Was konnte er dafür, daß es ihn außer dem ohnehin karg zugemessenen Brot nach irgend etwas gelüstete, was unsere Hygieniker als zum Aufbau des Körpers absolut notwendig bezeichnen! Die kindliche, natürliche Sehnsucht nach Obst, Süßigkeiten konnte der arme kleine Kerl nur auf die Art befriedigen, daß er diese aus Kot und Jauche hervorholte.

Minder zufriedene und minder forschende Naturen, als jene, die in der Armut entweder die göttliche Vorsehung oder die Macht des Kapitals vermuten, würden sich einfach gefragt haben, ob dieser halbe Korb Weintrauben nicht einem besseren Zwecke zugeführt werden konnte, als zu verfaulen. Zwei Tage vorher noch und der kleine Franzl hätte sich das wirklich Genießbare herausholen können. Jeder Geschäftsmann hat mit einem bestimmten Prozentsatz Verlust zu rechnen. Könnte dieser nicht auch noch, wenn nicht geschäftlich, so doch menschlich nutzbar gemacht werden?

Besser, eine noch so unnütze Kreatur zu speisen, als etwas verderben zu lassen; geschweige denn ein Kind zu nötigen, wie die Hunde des Orients verwesenden Abfall zu verschlingen. – – – – – – – – – – – – –

In dem Augenblicke, als der über solches Elend im 109 tiefsten erschrockene und empörte junge Mann beruhigend das Haupt des schluchzenden Kindes streichelte, trat der Greisler aus dem Laden und ließ vergnügt die Blicke straßab und straßauf wandern.

Er war ein mittelgroßer, untersetzter Mann mit kleinen, im Augenblick vergnüglich schmunzelnden, sonst aber kalten, erbarmungslosen Augen und einer geröteten Nase. Den Kopf zierte eine runde Geschäftsmütze, der Oberleib stak in einem sogenannten Ärmelgilet, unter dem wohlgemästeten Bauche war das blaue Fürtuch gebunden. Offenbar fühlte er sich sehr behaglich, denn das Händereiben war sicherlich mehr auf Rechnung einer vorzüglichen Stimmung als der linden Herbstkälte zu setzen. Als er Ludwig erblickte, grüßte er mit der Höflichkeit eines soliden Geschäftsmannes, der kleinste zahlungsfähige Kunden zu schätzen weiß. Tatsächlich war ihm der Student durch einige abendliche Einkäufe bekannt.

Nun fiel sein wohlwollendes Auge auch auf den Knaben und die Wirkung dieser Kenntnisnahme war, daß der Blick ein minder freundlicher war.

»Warum blatzt denn der Bua?« frug er.

»Weil ich ihn veranlaßte, das widerliche Zeug, das Sie offenbar hier ausgeleert hatten, wieder wegzuwerfen. Das arme Kind wollte sich aus dem Unrat einige Weintrauben herausholen.«

»Der Hurmbankert, der ölendige,« entrüstete sich Herr Schwarz (so hieß der ehrenwerte Geschäftsmann), »i hab' eahm scho anmal g'sagt, wann i wieder dö Schweinerei siech, reiß' i eahm dö Uhrwasch'ln aus. Drecksau, verfluchte,« wandte er sich an Franzerl, »graust's d'r net, in dem Dreck herumz'stier'n? A Bagasch gibt's do (zu Ludwig), daß's an in Mag'n umdraht. Weinbeer' fress'n will er. Soll froh 110 sein, wann er a Laberl hat. Dös is a Bruat von so Leut', der Voda im Landesg'richt, d'Muatta a Filoutiererin, die nix arbeit'n wüll, und d'Bankerten werd'n ah anmal nette Pflanzerln, wann s' schon jetzt als a Klauer nix Besser's wissen, als wia a Banlstierer in jed'n Haufen umaranandkrabbeln.«

Franzerl hatte sich bei Annäherung des gefürchteten Mannes näher an seinen Freund gedrückt und starrte mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen den Zürnenden an. Der Hausinspektor und der Greisler – das waren die zwei Elemente, die er in ihrer Unerbittlichkeit zu fürchten gelernt hatte.

Ludwig, gereizt durch die Brutalität des herzlosen Mannes, wandte sich gegen diesen:

»Gönnen Sie dem armen Knaben die Überreste, die für Sie unbrauchbar sind, – nicht daß er für die Stillung seines Hungers – für eine Stillung, die einem Schweine zukommen würde – Ihre niederträchtigen Beschimpfungen in Kauf nehmen muß.«

Herr Schwarz hatte beide Hände, indem er sie rieb, auf seinem angemästeten Bauche vereinigt und hörte der empört herausgestoßenen Strafpredigt ruhig zu.

Seine grauen Äuglein blickten nicht mehr zufrieden und wohlwollend den unberufenen Anwalt des kleinen »Sünders« an, sondern mit einem Ausdruck, so erbarmungslos und höhnisch, daß sie ganz gut an Stelle der Danteschen Lapidarschrift gelten konnten: Laßt alle Hoffnung fahren.

»Sie hab'n leicht z'reden, junger Herr, weil Sö net wissen, was a G'schäftsmann is. In aner Wochen kunnt' i mein' Laden zuaspirr'n. Zag'n S' derer Bagasch in klan Finger, hat s' Ihner glei als a Ganzer. I brauch' meine Kreuzer, d'r Hausherr und die von d'r Steuer frag'n mi 111 a net, wo i s' hernimm. A zwa Guld'n fufz'g oder sechz'g stengan no auf d'r Tafel, verd'n Sie m'r dö zahl'n? G'wiß net. I hab' a Famülie und muaß für se arbeit'n, sunst kunnt's verhungern wia s' wüll.

»I bitt' Ihner, wann S' da wollten dem ganzen notigen Volk helfen, müßt'n S' an Geldscheißer hab'n. Soll si' d'r Magistrat kümmern.

»'s Weib soll ins Spital und d' Kinder in d' Kost. Wann der Raubersbua a bißl vifer war, kunnt' er mit Planeten oder Zündhölz'ln hausiern gehn. Andre machen's ah so. Mi geht die ganze G'schicht nix an, i wüll nur mein Geld hab'n. Wann dö Bankerten so g'naschtig san, daß s' durchaus Weinbeer' essen wöll'n, soll'n s' si z'sammklaub'n von mir aus. I wir do net meine guaten Körb' voll hergeb'n, die i m'r in d'r Fruah von Hof oder von Naschmarkt hamführ'. Leben S' nur a Zeitlang in dem Grätzl, so werd'n S' schon anders reden. Adjes, i man', i hab' Ihner mein' Manung g'sagt.«

Nach diesen Worten begab sich Herr Schwarz in seinen Laden zurück in der glücklichen Überzeugung, einen Anschlag auf seine lautere, unanfechtbare Gesinnung als Geschäftsmann gebührend zurückgewiesen zu haben.

Ludwig gebot dem Kinde ihm zu folgen und führte es auf die Hauptstraße. Dort trat er mit ihm in ein Obstgeschäft, kaufte einen ganzen Pack Weintrauben, Äpfel und Birnen, gab ihn dem kleinen Franzerl nebst einigen Kupfermünzen für Brot, und geleitete den Knaben wieder heim.

Auf dem Rückwege frug er ihn um das Befinden der Mutter und der kleinen Schwester. Die zögernden, knappen Antworten des armen Burschen enthüllten dem vor Mitleid und Staunen fast erstarrten Manne ein Bild so krassen Elends, daß er an der Wahrheit der Schilderung fast 112 gezweifelt hätte, würde sie ihm nicht durch die vorerlebte Szene schlagend bewiesen worden sein.

Er verhieß beim Haustore zum Abschied noch dem Knaben, er wolle sich bemühen etwas ausfindig zu machen, was eine ausgiebigere Hilfe verspräche, und entließ das überglückliche Kind mit seinem köstlichen Geschenk.

Die Ambros und Anton, denen er zu Hause das kleine Ereignis mitteilte, waren außer sich über die schnöde Herzlosigkeit des Geschäftsmannes und Lebensmittelwucherers Schwarz, der sich aus den Kreuzern der Allerärmsten ein schönes Einkommen zu schaffen wußte, und der wegen seiner Brutalität und seines Geizes allgemein gehaßt und gefürchtet war.

»Net um an luckerten Heller wird mehr bei eahm kauft«, entschied Anton. 113

 

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