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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

(Der fesche Huxtl übt ein angenehmes Stellvertreteramt aus und Ludwig ist gezwungen, sich den Schutz seiner Gönnerin zu verbieten. Er findet, daß Herr Tänzinger seiner Gerechtigkeit wegen zu loben sei.)

Drei Wochen befand sich Ludwig am Orte seiner neuen Studentenlaufbahn und führte ein Leben wie ein gehetztes Postpferd. So drückte sich nämlich Frau Ernestine Ambros aus, wenn sie ihren Mieter in aller Frühe davonjagen und spät abends heimkehren sah. Und bis zwölf oder zwei Uhr früh lugte der Lichtschimmer durch die schmale Türritze in das Zimmer. Wie die Ambros dessen gewahr werden konnte, da sie doch ihr Witwenlager in der Küche aufgeschlagen hatte? Ganz einfach, sie ließ die Türe zum Zimmer offen und ersah auf dem Fußboden den dünnen, grellen Lichtstreifen.

Ja, sie war mit der Lage der Dinge äußerst unzufrieden. Das heißblütige, sinnliche Weib war gezwungen, sich die größte Entbehrung aufzuerlegen. Anton war stets ein ziemlich widerwilliger Liebhaber gewesen, von einer Herbheit seiner Liebkosungen, die diesen Namen kaum verdienten. Wenn ein Weib sich den Mann erringt, trägt die Hingabe ihre Strafe in sich. Der Mann wird eines Besitzes überdrüssig, der ihm beinahe aufgezwungen ward. Nun waren es schon viele Wochen, daß sie vergeblich auf den leisen, tappenden Schritt eines unbeschuhten Fußes lauschte, obwohl sie vorsorglicherweise nach wie vor die Angeln der Türe ölte und diese während der Nacht halb geöffnet ließ. Wie oft fuhr 85 sie aus einem von heißen, sinnlichen Träumen erfüllten Schlafe auf, wähnend, sie ruhe an der Seite des Geliebten!

In letzter Zeit hatte sich in ihren Gefühlen eine Umwandlung vollzogen und die Gleichgültigkeit Antons ward auch ihr gleichgültig. Wie sehr sie ihm auch zugetan war, trotz seiner eigentümlichen Schroffheit und seines kurz angebundenen Wesens oder vielmehr wegen desselben, so hatte ihre Neigung seit Ludwigs Ankunft eine bedeutende Abkühlung erfahren.

Ja, Frau Ernestine war in ihren jungen Mieter verliebt oder, was für sie dasselbe war, sie wünschte ihn zu besitzen. Das ideale Moment ihrer Liebe erstreckte sich auf die feinen, gewählten Manieren Ludwigs, auf den Nimbus, der in ihren Augen den Studenten umgab, ihre reale, derbe Liebe galt seinem hübschen Gesicht, dem schwarzen Schnurrbart und den braunen Augen.

Ein wenig fühlte sie ihre Eitelkeit verletzt, da sie zu bemerken glaubte, daß sich der junge Student nicht viel aus ihr mache.

Darin täuschte sie sich jedoch. Auf Ludwigs unerfahrenes, bisher streng behütetes Jünglingsherz hatte die reife, hübsche und anmutige Frau einen starken Eindruck gemacht. Seine Bewunderung zu zeigen, hielt ihn aber eine fast knabenhafte Schüchternheit ab; dann umwob in seinen Augen alle Frauen, besonders junge und hübsche, ein gewisser Zauber der Würde und Unnahbarkeit, den zu zerstören er nicht den Mut besaß.

Über die moralischen Qualitäten seiner begehrenswerten Quartiergeberin war er vollständig im unklaren. Anton, der der einzige gewesen wäre, ihn darüber aufzuklären, vermied jedes Gespräch über die Frau, die ihm mit jedem Tage unleidlicher wurde, je mehr er sich in eine fast krankhafte Sehnsucht nach ihrem jüngeren, schöneren Ebenbild verbohrte. 86 Einmal hatte Ludwig mit bemerkbarem Erröten die Sprache auf ihre gemeinsame Quartiergeberin gebracht und der Meinung Ausdruck gegeben, Frau Ambros sei eine selten hübsche und liebenswürdige Frau.

Anton hatte darauf seinen Cousin fest angeblickt und ihm geraten, sie für weniger hübsch und liebenswürdig zu halten.

Mochte die Ambros eine Witterung davon haben, daß ihr untreuer Geliebter seinen Verwandten gegen sie in Schutz nehme, mochte ihr Unmut darüber ein größerer oder geringerer sein, das ändert nichts an der Tatsache, daß sie sozusagen zwischen zwei Stühlen auf der Erde saß und ihr Bett so lange wie noch nie seit dem Absterben ihres seligen Gatten wirklich den Namen eines Witwenbettes verdiente.

Dieser Zustand war auf die Dauer unhaltbar. Frau Ernestine war nicht geschaffen zum Entsagen. Für sie war alles, was in ihre Netze kam, Fisch, und da ein Liebhaber sich von ihr schnöde abgewendet, der andere sozusagen noch in der Luft hing, gedachte sie der Beweise einer rührenden Zuneigung und Verehrung seitens eines dritten, der auch nicht zu verachten war.

Daher lugte sie eines Nachmittags behutsam durch die Türspalte in das Zimmer, um den günstigen Augenblick für ihr Auftreten nicht zu versäumen, gleich einer Schauspielerin, die das Stichwort erwartet.

Huxtl, der schon bekannte Volkssänger und Liederdichter, hatte schon seit langem seine begehrlichen Blicke auf Frau Ambros geworfen. Nicht im mindesten schüchtern und vollständig vertraut im Umgange mit Weibern, machte er ganz unzweideutige Anspielungen. Er dutzte seine Quartiergeberin wie beinahe alle Menschen, mit denen er mehr als einmal zusammentraf. Er war kein übler Bursche, so Mitte 87 zwanzig, aber schon ein klein wenig verlebt. Abends, wenn er am Brettl stand und einem ebenso dankbaren als geschmacksarmen Publikum seine Couplets entgegenschmetterte, war er wirklich das, was man einen verfluchten Kerl nennt. Er hatte auch viel Glück bei den Weibern, einer gewissen Sorte nämlich, böhmische Dienstmädchen, Fabriksarbeiterinnen, Animiermädchen der Nachtkaffees und ähnliche.

Er ließ in seinem Äußeren mehr einen Schauspieler vermuten und tat sich darauf viel zugute. Er ahmte auch die lässige Würde eines Bühnensternes gerne nach und ließ bei Gelegenheit durchblicken, daß er das Brettl mit den Brettern zu vertauschen gesonnen sei. Möglicherweise hätte es ihm nicht an Talent gefehlt; woran es ihm aber ganz bestimmt fehlte, war – Fleiß. Das Auswendiglernen eines Couplets oder einer kleinen Rolle in den bei den Volkssängern »eine Szene« benannten, ulkigen, meist zotigen »dramatischen« Darbietungen verursachte ihm Kopfweh. Und wie auch anders, da er stets bis zum Morgengrauen zechte, natürlich auf fremde Kosten, sei es auf die merkwürdiger Kunstenthusiasten, oder die eines verliebten Fabriksmädchens, oder einer betrunkenen Dirne, deren geistige und andere Bedürfnisse der fesche Huxtl (so nannte man ihn) zu befriedigen wußte.

Daß ihm bisher gerade die eine widerstand, deren Eroberung sonst keine allzurühmliche war? Das frug sich der fidele Charakterkomiker und Liedersänger so manchesmal.

In dieser tiefpsychologischen Erwägung begriffen, langte er eines Nachmittags genau zur Stunde, als die Ambros durch den Türspalt spähte, nach seinen Kleidern und schickte sich an, den unteren Teil seines Menschen für die Blicke der Mitwelt tauglich zu gestalten, als die Ambros hereintrat.

88 »Kumm nur zuwi, Tinerl!« rief der keineswegs genierte Huxtl seiner Wirtin zu, die eben eintrat.

»Gengan S', in den Aufzug trau'n S' Ihner no, a Frau'nzimmer anz'rden?«

»Stad sein, Tinerl! Laß anmal a g'scheit's Wörterl mit dir reden.«

»Wie oft hab' i Ihner schon g'sagt, daß mir no lang net per du san?« war die Entgegnung.

»Das kannst halten wia's d'willst, i sag' anmal »du« zu dir. Paßt si ah besser, wann die Frau'nzimmer vor an Mann an Respekt zag'n. Wann i heut anmal verheirat't sein wir, wir i zu meiner Alten du sagen und sie zu mir: Sie. Is am End' d'r G'hörtsi. Also was i mit dir reden will. Kumm a bißl her.«

Was die Tinerl ihrem ungenierten Verehrer sonst hartnäckig abgeschlagen – heute trat sie an sein Bett, und, aus Vergeßlichkeit jedenfalls, ließ sie die Röte edler Schamhaftigkeit in der Küche zurück, aus der sie eben hereingetreten.

»Geh, sag m'r, Tinerl, warum bist denn geg'n mi so g'schamig? Hab' i d'r was tan?«

»Erst richten S' Ihner her, wia's si g'hört, sonst bleib' i net da. Decken S' Ihner zua mit d'r Tuchat.«

»Guat, aber setz di zu mir her, aufs Bett. Das ane Pratzerl lass' m'r – so – waßt, daß du a Frau'nzimmer bist, die i gern hab'n kunnt?«

»Gengan S' weiter, wem hab'n denn Sie net all's gern?«

»Was m'r gern hab'n haßt. Di aber wirkli, ganz aufrichti und ehrli. Na, so lass' do dein' Hand, i beiß' dir's net o. Ja richtig, daß i net vergiß, du hast ja am Kaminet an zweiten Zimmerherrn, hab' i g'hört?«

»So? Das ist schon drei Woch'n her.«

89 »No, mein Gott, i kann ja do von an Tag zum andern net wissen, was für a G'lumpert bei dir Unterstand hat.«

»G'lumpert?« fuhr die Ambros auf. »Mit Ausnahm' von Ihner wußt' i ka G'lumpert in meiner Wohnung. Der Herr is a Cousin vom Anton und a Student.«

»Huiii!!« machte der Volkssänger. »So nobel gibst es du? No, dann waß i, warum d'r unseraner net guat gnua is. Aber merk d'r's, so Leut' san nix für a Frau'nzimmer wia du bist. Es bild't's enk glei a Massa drauf ein, und was is so a Student? Nix. I waß, i spiel' manchmal an, da kunntst di krump lachen, wia i da als armer Student am Brettl umaranandschiab, halb ausg'hungert, mit lange Haar und an alten Frack – – –«

»Da werd'n S' Ihner täuschen. Der meine is a ganz andrer. Jung, sauber, pickfein anzog'n – – –«

»Geh, hör auf! Und der logiert si da ein in dem Haus? – Da hast eahm also schon zagt, wo d'r Adam 'n Apfel z'suachen hat.«

»Schamen S'Ihner, glaub'n S', alle Männer san so nixnutzi wia Sie?«

»Pst! stad sein, Weiberl! Mir machst nix vur. I bin ka heuriger Has'. Daß du a Heilige bist, wirst a net behanpten woll'n. Also red'n m'r g'scheit,« fuhr er gemütlich fort, »und laß m'r den Studenten Studenten sein, oder was er wüll. I wir a Couplet auf di dichten: ›D'fesche Tini‹, oder ›Sie, das is was für's G'fühl‹. Jetzt red nix mehr! A Weiberl, wia du bist, is für ka Kloster gebur'n.«

»Sie, jetzt wir i aber bald harb. Lassen S' mei' Blusen in Ruah! Na, so a Frechheit – geb'n S a Ruah, sag' i Ihner oder – – – –«^

»Aber Tschapperl, jetzt halt anmal ruhig!«

90 Und die Ambros ließ alle weiteren Einwendungen, als nutzlos und der Sachlage unangemessen, ruhen – – –.

Ihre Sehnsucht aber weilte bei Ludwig, der es durchaus nicht verstehen wollte, daß man schöne Frauen durch Nichtbeachtung in die Arme des »schönen Huxtl« zu treiben vermochte, selbst wenn sie diesen als minderwertigen Ersatz eines Besseren betrachteten.


Unterdessen plagte sich dieser Bessere mit dem verzweifelten Vorsatz, Herrn Tänzingers Leibeserben zu einer künftigen Zierde des Barreaus zu präparieren. Für nichts geringeres hatte ihn der Papa ausersehen.

Als Ludwig nach Erledigung aller Formalitäten sich endlich als Mentor des jungen Herrn Waldemar betrachten durfte, war der kleine Schüler anfänglich nicht zu bewegen, seinen Lehrer als Autorität zu behandeln. Aber jegliche offene Auflehnung wurde von Fräulein Sidonie vermittels einiger Püffe, Zerren an den Ohren (die kurzgeschnittenen Haare gestatteten ein anderes nicht) im Keime erstickt.

Waldemar hatte ein typisches Hebräergesicht. Große, runde, äußerst schlaue Augen, große Ohren, wulstige Lippen und pechschwarzes, so kurz in die Stirne geschorenes Haar, daß man nicht wußte, ob es glatt oder gekraust sei.

Man konnte vermuten, daß in fünfzig Jahren Waldemar ganz gut Lazar Tänzinger heißen könnte; und wenn das Schicksal einen der Stammgäste des letzteren bis dahin konservieren wollte, der Stammgast sich beim Anblicke des Sohnes gerührt an den ehemaligen »Vatta« zu erinnern vermöchte.

Wußte Fräulein Sidonie auch den aktiven Widerstand ihres Bruders gegen seinen Lehrer zu bezähmen, so war der passive, auf den sich der hoffnungsvolle Jüngling beschränkte, 91 desto erfolgreicher, um den armen Hauslehrer schier zur Verzweiflung zu bringen.

Herr Tänzinger hatte bei Abschluß des Vertrages folgendes gesprochen: »Mein Waldemar ist ein sehr aufgewecktes, aber etwas verschlossenes und stütziges Kind. Ich bezahle Sie, daß Sie ihm alles Nötige beibringen, damit er vorläufig ans Gymnasium kommen kann. Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Ich kann mich darum nicht bekümmern. Ich bin bei Dingen, die meine Kinder betreffen, kein Knauser (tatsächlich fand Ludwig seine Erwartungen bezüglich des Salairs übertroffen), aber ich verlange auch etwas für mein Geld. Ich halte mich nur an das Resultat. Daß man für anständige Bezahlung auch anständig arbeiten muß, werden Sie einsehn.«

Der unglückselige Lehrer! Engelsgeduld gehörte dazu, die störrische Art zu überwinden, mit der Klein-Waldemar sich der Vervollkommnung seines Wissens entgegenstemmte.

Bruder und Schwester führten einen erbitterten Kinderstubenkrieg um die Person des Lehrers.

Eines Tages platzte der männliche Teil der Kombattanten heraus: »Du bist verliebt in Herrn Hrdliczka, weil er keine roten Haare hat wie du, und – – weil du ihn immer so – so – anschaust,« schloß der kleine Logiker, wenn auch nicht im streng wissenschaftlichen Sinne.

Ein, zwei, drei Ohrfeigen, einige Püffe, ein bedenkliches Ziehen an beiden Ohren war die Antwort.

»Warte! Ich werde Papa erzählen, was für unanständige Dinge du sprichst. Du bist zornig auf Herrn Ludwig, weil er deine Faulheit nicht dulden will, gelt ja? (noch eine Ohrfeige) und weil er aus dir etwas machen soll, daß du einmal ein Musterschüler wirst (noch immer mit der Rechten das Ohr haltend, mit der Linken Püffe austeilend). Papa 92 muß mit dir strenger sein, ja, das werde ich ihm sagen. Nichtsnutziger Fratz, sage das noch einmal, was du gesagt hast! Ha? Trau dich doch! Was hast du eigentlich gesagt? Wiederhole es! Wie, ich bin verliebt? Da!« (noch eine Ohrfeige) – und als dürften sich alle ausgeteilten, körperlichen Mißhandlungen auf ihre Person vereinigt haben, stob Fräulein Sidonie aus dem Zimmer, schluchzend und trostlos, von der ernsten Absicht erfüllt, bei Papa bittere Klage über Waldemar zu führen.

Ludwig befand sich in einer äußerst peinlichen Lage. Einerseits die aufdringliche Protektion der Schwester, andererseits die versteckte Feindseligkeit des Bruders. Und mit keinem der Geschwister sollte er es sich verderben. Sidonie regierte in Wahrheit das ganze Haus. Ihr dreister Blick, ihre befehlende Stimme allein genügte schon, selbst den Unerschrockensten einzuschüchtern. Ihr Vater war ihr blindlings ergeben, denn die Tochter glich der geliebten, frühe verstorbenen Frau. Sidonie hätte den kühlen, nüchternen Geschäftsmann sogar in Dingen des Handels beeinflussen können, außer seiner Familie und dem Kultus das heiligste Gebiet für Herrn Tänzinger. Er befand sich seinem Kinde gegenüber in einer Art Hypnose. Wie manches brave, erprobte Dienstmädchen, wie manche Gouvernante ließ er seinethalben ziehen! Die Person, die jetzt den Namen Erzieherin führte, war ein armes, geduldiges, stets demütig lächelndes Wesen und daher das geeignetste Werkzeug für die herrischen Launen ihres sogenannten Zöglings.

Sidonie hatte aus eigener Machtvollkommenheit, unbekümmert um die zarte Mahnung des »Fräuleins«, sich ihren Platz neben dem Bruder gewählt, wenn dieser von seinem Lehrer unterrichtet ward.

War es Absicht, war es kindlicher Unverstand, häufig 93 streifte ihr Haar das seine, drängte sich ihre Brust an seinen Arm, oder sie verstand es mit den Gebärden reizendster Kindheit ihr Knie mit dem seinen in Berührung zu bringen.

Und immer fühlte sich Ludwig durch den dreisten, auffordernden Blick gebannt. Wie rein auch sein Gemüt, sein Gewissen war, er lernte allmählich mehr seinen Blick vor den auf ihn gerichteten Augen niederzuschlagen.

An demselben Tage, da die Ambros ihrem Ideal durch Stellvertretung des fidelen Huxtl ein Schäferstündchen gewährte, kam Herr Tänzinger in das Zimmer seiner Wohnung, wo der rudimentäre Ansatz des künftigen Juristen unter Assistenz zweier unerbittlicher Zwangsvollstrecker väterlichen Willens gepflegt wurde. Ludwig stand, hochrot, inmitten des Raumes, und Fräulein Sidonie als vollstreckende Gewalt des lehrerlichen Zornes bemühte sich zur Abwechslung einmal das kurzgeschorene Haar des Bruders dem Bereich ihrer Finger einzuverleiben.

Papa schien die Szene nicht befremdlich zu finden. Ein Wink – und die kämpfenden Geschwister verließen den Schauplatz ihrer Auseinandersetzungen.

Herr Tänzinger ließ sich auf das breiteste Fauteuil nieder, kreuzte die Hände über den dimensionalen Bauch und ließ seine Blicke mit fast gutmütigem Interesse auf dem Lehrer ruhn.

»Wie? Der Waldemar! – Nun wie tut er sich? He?«

Ludwig brach jetzt los.

»Es tut mir leid, Herr Tänzinger, aber ich habe berechtigte Klage gegen Ihren Sohn zu führen. Güte und Strenge versagen bei ihm. Ich will keinerlei Verantwortung tragen . . .«

»Nu, nu! Sind das Sachen, die mich interessieren? Wenn ich eine Lieferung übernehme und zahle darauf – 94 nützt mir das Lamentieren was? Was für Verantwortung übernehmen Sie? Daß er ins Gymnasium kommt, mein Waldemar. Oder haben Sie mehr versprochen? – Nu? Mehr verlange ich nicht. Das ist Ihre einzige Verantwortung.«

»Wenn es auf meine Tätigkeit allein ankäme, ich übernähme die Verantwortung. Ich stoße aber auf Hindernisse, die ich nicht im entferntesten erwarten durfte. Der Knabe ist aus einem mir unbekannten Grunde mein Feind. Ich bin mir nicht bewußt, diese kindliche Feindseligkeit verdient zu haben. Ich weiß nicht, ob er einem anderen Lehrer mehr Zutrauen, mehr Liebe entgegenbrächte, aber ich weiß, daß ich unter solchen Umständen außerstande sein werde, das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.«

Herr Tänzinger spielte mit seiner messingenen Uhrkette. Im Geschäft trug er nur eine solche als Fessel einer gewöhnlichen Water-bury. Da er seine »Kinder«, wie schon betont, äußerst genau kannte, hielt er den Besitz einer halbwegs versilberbaren Uhr und Kette für sträflichen Luxus.

»Nu, und – – – ? betonte er einigermaßen erstaunt.

»Ich verlange,« fuhr Ludwig fort, »daß Ihre väterliche Autorität mir zu Hilfe komme. Das werden Sie mir nicht versagen, im Interesse Ihres Kindes.«

»Ich Ihnen zu Hilfe kommen? Mit was?« fragte gedehnt der immer erstauntere Papa.

Ludwig überlegte eine Weile und sagte dann zögernd: »Meine Forderung mag Sie vielleicht verletzen, aber ich beharre darauf: Ganz einfach Ihren Sohn durch eine väterliche Züchtigung daran zu erinnern, daß sein Vater nicht gesonnen ist, ein schönes Stück Geld an einen Lehrer für einen unfolgsamen, boshaften Schlingel zu verschleudern. Hier meine Meinung, ganz einfach und ungeschminkt. Die schwesterliche Autorität, die mein Wirken unterstützt, genügt 95 mir nicht, im Gegenteile, ich mag nicht mehr länger Zeuge der Balgereien beider Geschwister sein, so verbunden ich mich auch Ihrem Fräulein Tochter für ihre freiwillige Assistenz erachte.«

Ludwig schwieg erschöpft und wartete den endgültigen Entscheid des aufgerufenen Vaters und Schiedsrichters ab.

Dieser hatte ganz ruhig, fast teilnahmslos zugehört, selbst das Spiel mit der Uhrkette eingestellt. Nach einer Pause nahm er das Wort. »Das heißt, Sie können mit Waldemar nicht fertig werden?«

»So wenig wie mit einem durchlöcherten Fasse, wenn ich es voll Wasser füllen sollte.« Ludwig erinnerte sich im Augenblicke der Danaiden, die er fast beneidete.

»Und Sie wären bereit, den Posten fahren zu lassen, aus, sagen wir, aus Ehrlichkeit?«

»Gewiß. So sehr ich den Verlust meines Einkommens beklagen würde. Es wäre die Hälfte meiner Einnahmen, die ich verlieren müßte.«

Herr Tänzinger sah eine Zeitlang sinnend vor sich hin. Dann frug er unvermittelt:

»Sie sind auch Musiker?«

»Jawohl.«

»Was spielen Sie?«

»Welche Instrumente?«

»Ja.«

»Violine, Cello, Klavier, Orgel . . .«

»Püh! Genug, genug. Also Klavier. – Gut, wir werden ein paar Worte reden in aller Güte. Sie werden Waldemar weiter unterrichten. Nix unterbrechen!« und er erhob wie beschwörend beide Arme. »Sie werden Waldemar ans Gymnasium bringen – unterbrechen Sie mich nix, ich weiß, was ich sage. Ich werde mit ihm ein Wort in aller Güte 96 reden und Waldemar wird ein folgsamer Junge sein. Mit dem wären wir fertig. Damit Sie noch haben ein Nebeneinkommen, will ich Ihnen eine Empfehlung an ein Fräulein geben, die will etwas Französisch und Klavierspielen lernen. Sie ist eine Bekannte von mir und hat mich gebeten, ihr einen Lehrer zu verschaffen. Da ich ihre Geldangelegenheiten besorge, werden Sie durch mich das Salair beziehen, sagen wir zehn Gulden monatlich, die Woche zwei oder drei Stunden Unterricht. Teilen Sie sich die Zeit ein, wie Sie können. Nu und jetzt sind wir fertig. Ich muß ins Geschäft hinunter.«

Ludwig war verblüfft über die unzerstörbare Ruhe des Mannes, der im Gegensatze zu den meisten Vätern die unhöfliche, im gereizten Tone gegebene Anregung, das Hinterteil seines Lieblings zu zerbläuen, mit keinem Hinauswurf beantwortete. Mechanisch notierte er sich Namen und Adresse seiner neuen Schülerin und da die Unterrichtsstunde noch nicht beendet war, erwartete er den Wiedereintritt Waldemars.

Nach zehn Minuten ungefähr erschien dieser allein, mit geröteten Wangen und Spuren eben getrockneter Tränen. Mit einer Willigkeit, die nicht zu übertreffen war, folgte er dem Unterrichte, ab und zu einen scheuen Blick auf seinen Lehrer werfend, der einen ganz besonderen unheilvollen Einfluß auf den sonst so nachsichtigen Papa ausüben mußte. Und dieser konnte in seiner wortfaulen, kurz zugreifenden Art auch dem kleinen Waldemar begreiflich machen, daß noch ein Herr im Hause sei. Sidonie war zur großen Erleichterung Ludwigs heute nicht mehr im Zimmer erschienen.

Als er jedoch bei seinem Weggange durch den dunklen Korridor zum Vorzimmer schritt, öffnete sich eine Türe und das Mädchen stand vor ihm. In seiner stürmischen, hastigen Art sprudelte es hervor:

97 »Papa behauptet, ich störe Sie beim Unterrichtgeben, und wünscht, ich solle nimmer zu Ihnen kommen. Er behauptet, Sie hätten es gesagt – ist das wahr? Es ist nicht wahr, was? Und ich wollte nur Waldemar lehren, artig zu sein. Aber ich werde das nächstemal doch wieder kommen. Sie haben doch nichts dagegen, nicht wahr? Was? Ich werde Papa sagen, ich wolle Latein lernen. Gewiß, warum soll ich nicht Latein können? Waldemar hat von Papa zwei Ohrfeigen bekommen, weil er Ihnen nicht gehorcht. Das war sehr vernünftig. Es ist das erstemal, daß Papa Waldemar geschlagen hat. Das hat er nur Ihnen zuliebe getan. Ja, nur Ihnen zuliebe. Papa hält viel auf Sie und er hat das letztemal zu Herrn Diamant gesagt, Sie wären ein unbezahlbarer, junger Mann. Oder vielleicht können Sie mir Violinspielen lehren. Sie haben ja selbst gesagt, daß Sie es können . . . . .«

Als Ludwig nach Verlauf einer Viertelstunde beim Haustor stand, lag auf seinem Gesichte ein so ratloser Zug und sprach sich in seinen Zügen eine solche Verwirrtheit aus, wie sie alle empfanden, die von Fräulein Sidonie in das zermalmende Räderwerk ihrer Beredsamkeit gezogen wurden. 98

 

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