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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

(Zeigt Ludwig, daß der Teufel nie so schwarz ist als er geschildert wird, und läßt ihn eine Gönnerin finden.)

Herr Lazar Tänzinger hatte mit der Frühpost einen Brief erhalten, dessen Inhalt er eben mit etwas mehr Interesse studierte, als es sonst vielen andern Briefen gegenüber der Fall war. Er enthielt die Schilderung eines jungen, hilfsbedürftigen Studenten, der sich seinerzeit, vielmehr ehestens, mit einem Empfehlungsschreiben vorstellen würde. Besondere Rücksichtnahme auf bewußten Jüngling anempfohlen.

Herr Tänzinger sonderte den Begriff Rücksichtnahme in drei Kategorien:

  1. In Beziehung auf seinen Vorteil.
  2. In Beziehung auf den Kultus.
  3. In Beziehung auf seine verschiedenen Geschäftsfreunde (gewissermaßen schon in der ersten Kategorie enthalten).

Der Brief schien auf den Empfänger einen günstigen Eindruck gemacht zu haben und offenbar streckte dieser die Persönlichkeit des ihm noch unbekannten Musensohnes auf das Prokrustesbett seiner Kategorisierung, denn etwas wie Befriedigung huschte über das Gesicht Herrn Tänzingers, als er das Schreiben in der Brusttasche seines schmierigen Rockes verbarg und dann mit der Rechten einige Kupfermünzen in Empfang nahm, die ihm eine Hand über die Barriere entgegenstreckte.

49 Wer Herr Tänzinger war?

Ein Bezirkskrösus, wie schon einmal erwähnt wurde, Eigentümer einiger vierstöckiger Häuser, dreier in verschiedenen Bezirken zerstreuter Branntweingeschäfte, deren einem er persönlich vorstand, Aktionär einiger Unternehmungen und . . . die Art noch vieler anderer Geschäfte zu bestimmen, hätte nur er selbst vermocht oder irgendeine mit dem Buchfache vertraute Person, der er seine Bücher zur eingehenden Durchsicht vorgewiesen.

Seine Tageszeit verbrachte Herr Tänzinger mit wenigen Ausnahmen von 5 Uhr morgens bis 10 Uhr abends in seinem Lokal. Zwei Aufwärter, die sich mit ihm in die Ehre teilten, sehr herabgekommenen Gentlemans Feuerwasser gegen schmierige Kupferstücke zu vertauschen, verdienten auf den Kreuzer so viel, als der Chef ihnen kontraktlich bewilligt hatte. Ob er sich scheinbar einem Schläfchen hingab, ob er mit Geschäftsleuten unterhandelte oder sich mit seinen Kunden herumstritt – »Vatta Danziger« oder »Vatta Tränzinger«, wie ihn letztere in einer Art Vertraulichkeit benannten, hatte seine Augen in jedem Winkel des Lokales.

Es schien, als wären die Knöpfe und Nähte seiner Unaussprechlichen, seines Gilets, seiner Hemdärmel nichts als Augen, begabt, dicke Mauern zu durchdringen.

Herr Lazar Tänzinger schwitzte förmlich Fett, Fusel, Geld, Bonhomie, Tätigkeit, Faulheit, Geifer, Wachsamkeit, Arroganz, Schmierigkeit, Behäbigkeit, Schlafsucht – kurz, er triefte von allem.

Ein von einem halben Kreuzer begleitetes »Saujud« 50 quittierte er schmunzelnd. Einem von »gnä Herr« begleiteten Anbohrungsversuche in der Höhe desselben Betrages wußte er mit würdiger Verachtung zu begegnen.

Schlägereien ereigneten sich in seinem Lokale nur selten. Auch dann konnten sie ihm weder persönlich noch pekuniär irgendwelchen Schaden zufügen. Eine fast mannshohe Barriere trennte ihn und die flüssigen Schätze von den verehrten Gästen, die durchwegs der Art waren, daß er keinem auch nur über den Weg getraut hätte. Kam es zeitweilig einmal zu einer Balgerei, so setzte es höchstens für die Beteiligten blutige Köpfe. Einem größeren Rummel machten die beiden kräftigen Aufwärter mit gelegentlicher polizeilicher Assistenz ein rasches Ende.

Bei barer Bezahlung, dieser Punkt verstand sich von selbst, mochte der »Vatta« mit seinen »Kindern« manchmal recht angenehm plaudern, besonders wenn diese das gebrannte Wasser nicht schonten. Doch nie vergaß er seine Würde, wenn es sich darum handelte, die momentan günstige Stimmung für ein Gratisstamperl auszunützen. Stets stand ihm ein Heer ganz achtungswerter, freiwilliger Helfer zur Verfügung, wenn es Holz zu schneiden und in den Keller zu bringen, Gänge zu machen, Hofreinigen und dergleichen galt. Die Entlohnung all dieser freiwilligen Verrichtungen geschah in Form der bewußten, gebrannten Flüssigkeit, je nach dem Grade der Arbeitsleistung. So geschah es, daß Leute, die nicht »um die Burg« zu irgendwelcher Tätigkeit zu bewegen gewesen wären, sich für den zehnten Teil dessen mühten, was sie sonst bei halbwegs gutem Willen anderwärts in barem Gelde erhalten hätten.

Ludwig hatte sich am nächsten Tage, nach einer von düsteren Träumen erfüllten Nacht, in seine besten Kleider geworfen, um mit viel Resignation und wenig Hoffnung 51 im Herzen dem Gefürchteten seine Aufwartung zu machen. Es läßt sich aus diesem Stimmungsumschwunge entnehmen, wie wenig dazu gehört, die Welt der Tatsachen mit einem Scheine zu erfüllen, der, von Tausender Herzen zurückgestrahlt, die Realität der Dinge gehörig verändern kann. Genug, Ludwig begab sich auf den Weg, in der festen Überzeugung, sich der Macht eines brutalen, wucherischen Tyrannen zu überantworten.

Vor dem Hause Herrn Tänzingers angelangt, drang ihm aus der geöffneten Türe des Branntweinladens ein wüster Lärm und erstickender Fuselgeruch entgegen. Mit einem Blicke größten Abscheues eilte er daran vorüber in den Hausflur und stieg klopfenden Herzens die Stiege zu Herrn Tänzingers Privatwohnung empor, die eine leuchtende Messingtafel im Vestibül als im 1. Stock befindlich anzeigte.

Vor der Türe hielt er einen Augenblick inne, strich sich mit der Hand über die Kleider, drehte seinen schön entwickelten Schnurrbart, klopfte mit dem Taschentuche seine Schuhe ab, dann läutete er beherzt an.

Ein Dienstmädchen mit mehlbestaubten Händen und Gesicht vergewisserte sich erst durch einen Blick aus dem Guckerl über die Persönlichkeit des Besuchers, dann öffnete es und frug Ludwig, zwischen der Türe stehen bleibend und die Schnalle in der Hand behaltend, um sein Begehr.

Ludwig frug um den Hausherrn. Ob er schon zu sprechen wäre. Die Maid grinste. »Schun? Ise schun seit fünf Uhr in G'schäft. Mussen S' abischau'n.«

Da Anton bei Schilderung aller Schändlichkeiten Tänzingers den gänzlich unwichtigen Punkt vergessen hatte, daß dieser mit eigener Hand die Gläser fülle und kredenze, war Ludwig einigermaßen in Verlegenheit, wo er das Geschäft 52 zu suchen habe, dem Herr Tänzinger seit so früher Morgenstunde seine Tätigkeit widmete. Er erbat sich daher diesbezüglich nähere Auskünfte.

»Alle wann S' vun Einfahrt gengens, rechts in Türl, in Branntweineg'schäft, sitzte unten und bediente durt Gäst. Fragen S' nur um Herrn, sitzte bei Budel am Eck, ganz hintere.«

Diese unendlich einfache, sprachgerechte und mit einem stets vergnügter werdenden Grinsen seitens der mehlbestaubten Jungfrau vorgebrachte Auskunft hätte allein, ohne entsprechende Vorbereitung, genügt, den armen Petenten aus allen Himmeln zu stürzen. Dies war jedoch schon gestern in gründlicher Weise besorgt worden. Nichtsdestoweniger übte die Nachricht, daß der reiche Wohltäter (von noch gestern Nachmittag) in dieser abscheulichen Butike die Gäste bediene, noch niederschmetternde Wirkung genug aus. In seinem Geiste begannen die wirrsten Vorstellungen über seine künftigen Obliegenheiten Platz zu greifen.

Er sah sich Ziffern schreibend, Flaschen schwenkend, Gläser füllend am Schankpulte und wurde am Ende des Monates mit einigen Kupfer- und Silberstücken aus der Schanklade entlohnt. Der arme Ludwig sah so verwirrt und geistesabwesend drein, daß das Dienstmädchen ebenfalls auf höchst abenteuerliche Vermutungen bezüglich des Geisteszustandes des vor der Tür Stehenden geriet.

»Darf i net su lang uffnlassen,« sagte sie besorgt, »sunst krieg' i Schimpfens von Fraln.«

Ludwig wollte sich mit einem kurzen Dank für die Auskunft entfernen, gleichzeitig den Vorsatz hegend, von ihr keinen Gebrauch zu machen, als aus der Mitteltür des Vorzimmers ein Mädchen gestürmt kam.

»Agnes! Agnes!«

53 Die Kleine, dem Anscheine nach vierzehnjährig, obwohl in Wirklichkeit noch zwei Jahre dazu fehlten, erblickte den Besucher, der eben mit schwerem Herzen den Rückweg antreten wollte.

»Agnes, was will der Herr?«

»Waß i net, will mit gnä Herrn reden.«

Ludwig fühlte sich veranlaßt, stehen zu bleiben und die junge Dame höflich zu grüßen.

Diese fixierte ihn starr mit ihren großen brennenden Augen und mußte von dem Anblick des netten, bescheidenen, interessanten jungen Mannes befriedigt sein.

»Sie wünschen mit Papa zu sprechen? Bitte, treten Sie gefälligst ein. – Agnes, gehen Sie in die Küche! – Was wünschen Sie von Papa? Er ist im Geschäfte, wissen Sie das wohl? – Agnes, warum gehorchen Sie nicht? Ich befahl Ihnen, in die Küche zu gehn.«

»Darf i nit fremden Mannsbild hereinlassen, hat gnäHerr g'sagt,« murrte Agnes.

»Agnes,« kreischte das kleine Fräulein in höchster Entrüstung, »Sie müssen immer widersprechen. Ich werde aber schon Papa sagen, wie ungehorsam Sie sind. Gehen Sie! gehen Sie . . . . .!« und sie stampfte wild mit dem Fuße auf den Boden.

Das Mädchen entfernte sich brummend und achselzuckend und warf zur Beschwichtigung ihrer erregten Gefühle die Türe zu.

»Sie verzeihen,« wandte sich die kleine, strenge Hausherrin wieder an Ludwig, »aber man muß sich mit den Dienstboten so ärgern. Was wünschen Sie von Papa?«

Ludwig machte die Fragerin mit dem Zwecke seines Besuches bekannt.

»Also empfohlen sind Sie Papa worden? Dann handelt 54 es sich um Waldemar, der einen Hauslehrer braucht. Papa hat in letzter Zeit schon einige Male davon gesprochen. Sie muß er nehmen,« entschied dann energisch das Fräulein.

Ludwig wagte zu bemerken, daß dies wohl von der persönlichen Vorstellung bei Herrn Tänzinger abhängig sei, sprach aber nicht davon, wie nahe er daran war, von besagter Vorstellung ganz abzukommen.

»O gewiß, Papa muß Ihnen die Stelle geben. Ich werde es ihm sagen.« Und ihre Augen funkelten Ludwig an, der mit einem Gemisch von Staunen und Bewunderung die kleine, herrische Person betrachtete.

Schön war das Mädchen mit seinem prachtvollen Rothaar, dem tadellos weißen, schön geschnittenen Gesicht und den Augen, so schwarz und herausfordernd, daß sie imstande waren, andere zum Niederschlag zu zwingen. Ein Mund, kirschrot und voll, drückte so viel Energie und Verachtung jeglicher Autorität aus, daß man vermuten konnte, niemand habe bisher sich ihr zu widersetzen versucht, und allem Anscheine nach am wenigsten Papa selbst.

»Sie gefallen mir sehr gut,« fuhr die Kleine fort, »mir gefallen hübsche, schwarze Männer überhaupt, wenn sie gut gekleidet sind und nicht nach Tabak riechen. Juden mag ich nicht – wirklich, ich mag sie nicht. Papa lacht zwar darüber, aber es ist mir ernst. Gehen Sie gleich hinunter und stellen Sie sich Papa vor. Bei Tische werde ich mit ihm reden, und wissen Sie, was ich will, das will er auch. Sie sind ein hübscher Mann, wissen Sie? Morgen werden Sie Waldemar auch sehen. Also gehen Sie nur!«

Während der ganzen abgehaspelten Rede, die den jungen künftigen Hauslehrer fast betäubte ob ihres seltenen Freimutes, ihres herrischen Tones und der naiven Schmeicheleien, hatte die Kleine den dreisten, funkelnden Blick nicht 55 von ihm abgewandt. Selbst Ludwigs klares, ruhiges Auge vermochte ihm kaum zu begegnen.

Andere würde die drollige Frechheit ergötzt haben, Ludwig aber fühlte etwas wie Abneigung gegen den rothaarigen Kobold, wie sehr sein Sinn für Schönheit auch durch ihn gefesselt wurde.

Er empfahl sich jetzt dem »Fräulein« und schritt die Stiege hinab, Herrn Tänzinger in seinem Geschäfte aufzusuchen.

Als er die vom Hausflur dahin führende Tür geöffnet, tat er einen Schritt hinein und blieb dann stehen wie ein Mensch, der zum ersten Male die Dunstkammer eines Dampfbades betritt. Welch scheußliche Luft, welcher Gestank von Schnaps, Schmutz, schlechtem Tabak, welches Stimmengewirr, Getöse, welche Bäche Speichel auf dem Boden, kurz welch höllisches Chaos von Dingen, deren eines schon geeignet war zum Brechen zu reizen!

Kopf an Kopf gedrängt standen die Menschen, die Bänke waren von Schlafenden okkupiert.

Und an der schon geschilderten Barriere drängten sich die Gäste, in den erhobenen Händen die Gläser oder Flaschen, neue Füllung von den Schankknechten heischend, die wie gehetzt von einem Fasse zum andern rannten und deren jeder statt zwei, zehn Hände benötigt hätte.

Ludwig stand da wie vor den Kopf geschlagen. Es war ihm unmöglich, sich auch nur annähernd den Ort denken zu können, an dem er den Inhaber dieser Höllenbutike erspähen konnte. Endlich lenkte er die Blicke eines noch nicht ordnungsgemäß betrunkenen Gentlemens auf sich. Der näherte sich ihm, nachdem er durch einige Püffe die Dazwischenstehenden auf die Seite gedrängt und grüßte höflich, indem er den Hut zog.

56 Ludwig dankte verlegen. Er fühlte sich so plötzlich in ein Milieu versetzt, welches er bisher nicht einmal vom Hörensagen kannte, daß er keinen Ton zu einer Anrede fand, um sich Auskunft zu erbitten, wo er den Inhaber dieses Etablissements zu sehen bekommen könne. Doch der andere eröffnete auf ungemein geschickte Weise die Konversation.

»Geln S', Sö san net aus d'r Lepoldstadt?«

Eine verneinende Kopfbewegung.

»I hab' g'mant, i muaß Ihner schon wo g'seg'n hab'n. Kenna tan m'r uns b'stimmt, ober jetzt waß i faktisch net, wo i Ihner hintuan soll. Kummen S' epper zum Liachtblau?«

Ludwig mußte sich zu dem Geständnis entschließen, weder Herrn Lichtblau, noch den Frager jemals getroffen noch gesehen zu haben.

»Segn S', dann hab' i mi g'irrt. I bin sunst a taker Kerl, aber meiner Seel, Ihner hätt' i jetzt verkennt. Sie schaun so viel an' Bekannten von mir gleich.«

Da eine solche Verwechslung höchstwahrscheinlich schien und eine andere Erklärung für den sonderbaren Irrtum sich nicht finden ließ, so würgte der an diesem Schuldtragende einige Laute hervor, die als Zustimmung gelten konnten.

Tatsache war, daß sich Ludwig erbärmlich schlecht fühlte. Seine Nase remonstrierte ganz gewaltig gegen die ihr aufgedrungenen Zumutungen und verleitete auch den Magen zur Revolution.

»Mir scheint gar, Ihner is schlecht,« nahm der neue Bekannte das Wort, offenbar froh, dem Gespräche eine Wendung gegeben zu haben, die sich ausnützen ließ. »Warten S', i wir Ihner glei was bringen, was Ihner hilft. Hab'n S' 57 vielleicht a Klangeld bei Ihner? Geb'n S' her, Sö werd'n seg'n, was für a Mischung i kenn'.«

Ludwig hatte die Regung des Ekels doch mit Mühe niedergekämpft. Nase und Magen schienen mit ihrem Eigner Waffenstillstand geschlossen zu haben. Nichtsdestoweniger verlangte ihn bald hinaus. Er fand endlich soviel Worte, sein Begehren auszusprechen.

»In Danzinger woll'n S' hab'n? Na, do kumman S'. Aber da brauchen S' an' wia i bin. Nehmen S' Ihner aber liaber a Sechserl außi, denn trinken müassen S' was, sunst schaut Ihner der wamperte Hundling net anmal an. Wann Sö nix trinken, so geb'n S' es halt mir, nur daß dös Kind an Nam' hat,« schloß der Ratgeber und Führer treuherzig.

Ludwig nahm mechanisch das verlangte Geldstück aus seiner Börse und reichte es seinem Geleitsmann.

»Jetzt passen S' auf!« sagte der moderne Virgil, seinen Dante am Rockärmel packend. Mit dem freien Arm teilte er Stöße aus, packte einen oder den andern beim Rockkragen oder dem, was die Stelle eines solchen vertrat, und »tauchte« ihn zur Seite, fortwährend schreiend. »He, Platz. Platz! – Geh doni, g'scherter Henkl! – Wimmerl, hülf m'r, daß i den Herrn durchbring', – Saubehm, hast kane Aug'n? – Halten S' Ihner an an mi! – G'flickter Kaleßpolster, geh doni, sag' ich d'r oder . . .!«

Durch die Menge gezogen, die hinter ihm wieder zusammendrängte, am Rockärmel festgehalten, mit verschobener Krawatte, zerdrücktem Kragen und ins Genick verschobenem Hute, landete Ludwig mit seinem resoluten Führer an jener Stelle der Barriere, hinter welcher der Gesuchte thronte.

»Vatta Danzinger, a Flaschl Rostopschin mit Rum. Oba vül Rum, für den Herrn da.«

»Vatta« erkannte auf den ersten Blick, daß er eine zahlungsfähige Kundschaft vor sich habe, schenkte daher das Verlangte ein und stellte es vor Ludwig hin, der eine ablehnende Gebärde machte, die sein Begleiter als Aufforderung betrachtete, zuzulangen.

»Soll'n leb'n! Auf Ihner G'sundheit!« sagte er und leerte die Flasche auf einen Zug. Dann war er plötzlich – verschwunden.

»Fünf Kreuzer,« mahnte Herr Tänzinger den vermeintlichen Gast.

»Ich habe ihm ja schon das Geld gegeben,« stammelte Ludwig, dem angst und bange wurde, dachte er an die Weise, wie er sich vorzustellen gezwungen war.

»Hm! Das ist möglich,« sagte der Geschäftsmann gleichmütig, »der hat Sie beschwindelt. Müssen eben noch einmal zahlen.«

Die Umstehenden lachten vor Vergnügen über den guten Witz.

»D'r Kanal-Poldl is do a Hundling,« meinte einer anerkennend.

Selbst »Vatta« schmunzelte. Er kannte seine Kinder. Da war ein Grüner hineingefallen.

Ludwig war flammend rot vor Beschämung, diesen Leuten als Zielscheibe ihrer Heiterkeitsausbrüche zu dienen. Er entnahm seiner Börse das Geld und legte es auf das als Pult dienende Brett, das die Barriere nach oben abschloß.

»Wie kommen Sie dazu, sich von dem Menschen betrügen zu lassen? Kennen Sie ihn?«

Ludwig faßte Mut.

»Er hat sich nur angeboten, mich zu Ihnen zu führen,« 59 sagte er, gleichzeitig zog er sein Empfehlungsschreiben aus der Tasche und reichte es Herrn Tänzinger.

Der nahm den Brief entgegen, erbrach ihn und kaum hatte er einen Blick in den Inhalt getan, als er die Durchgangstüre des Schankpultes öffnete und den Studenten in den abgetrennten Raum ließ.

»Da sind Sie in die richtigen Hände gekommen,« meinte er, »und ist nur ein Gottswunder, daß Sie noch haben Ihre Börse. Sie hätten müssen vom Gange hereingehen, aber das konnten Sie nicht wissen. Jakob!« wandte er sich zu einem der Aufwärter, diesen durch eine Geste auf einen baumlangen Slowaken aufmerksam machend, der mit unermüdlicher Beharrlichkeit eine voluminöse Flasche emporhielt und dabei rief: »Um desset Kraizari Palinka, prossim, desset Kraizari

»Schauen Sie doch auf die Gäste. An was denken Sie nur?« Der Getadelte beeilte sich, dem stets sein desset Kraizari Singenden die Flasche abzunehmen und zu füllen, währenddessen die Augen Tänzingers halb auf dem in seiner Hand befindlichen Brief, halb auf einem Manne ruhten, der sich mit dem andern Aufwärter herumzankte, weil ihm ein halber Kreuzer fehlte und er deshalb nichts eingeschenkt bekam.

»Geben Se ihm nix!« rief er zu den Streitenden hinüber, »wenn er hat kein Geld, soll er nach Haus gehn.« Der Mann rief etwas herüber. »Nix, Nix!« wiederholte Herr Tänzinger, »keinen halben Kreuzer. Er soll später kommen, bis er ihn hat zusammengebettelt.« Dann nahm er endgültig das Schreiben vor und vertiefte sich angelegentlich in dessen Inhalt, den er, wie der Anfang des Kapitels beweist, schon genau genug kannte.

60 Man darf deshalb nicht versucht sein zu glauben, daß diese Beschäftigung all seine Geisteskräfte während der Dauer der Lektüre vollständig absorbiert hätte. Unter den stets gesenkten Lidern, die dem ganzen Gesicht den Ausdruck einer immerwährenden Schläfrigkeit gaben, wie denn das ganze Gehaben und die langsame, geifernde Sprechweise Tänzingers ihm den Habitus des Faulen, des Schläfrigen verliehen, lugten nichtsdestoweniger die Augen mit nie ermattender Schärfe in dem ganzen Raume umher.

Wie jeder Despot, jeder Schmutzian und jeder Ausbeuter stets Kreaturen besitzt, die trotz der vollständigen Aussichtslosigkeit ihrer Speichelleckerei eine Art Ehrengarde bilden, und unbekümmert um Fußtritte und Angespieenwerden in feiger, kriechender Aufdringlichkeit sich um den jeweiligen Machtmenschen sammeln, so fand auch Tänzinger in den ihn Umlagernden eine unerbetene Schutzwache. »Geht's, halt's d'Goschen da hinten, wann aner lest! Macht's kan so an Wirbl! Wia soll denn nur aner was verstehn bei dem Krawall?«

In dieser Art bemühten sich diese Wackeren ein gänzlich unfruchtbares Wohlwollen des Lesenden für ihre armselige Persönlichkeit wachzurufen, obgleich sie im nächsten Augenblick, wenn es unbeachtet geschehen konnte, bereit gewesen wären, ihre Zähne in die Waden desjenigen zu schlagen, um dessen Zufriedenheit sie sich jetzt so ergebenst bewarben.

Für diesen selbst waren die Ehrenmänner weder im Sinne der Schmeichelei noch der Gefährlichkeit vorhanden. Nur Bargeld mußten sie haben. Jetzt drängte ein neuer Besucher herzu, ein Mann mit weißen Janker (der ließ nämlich die ursprüngliche Farbe vermuten), einem grünlichgrauen Hut (Form ebenso undefinierbar wie Farbe), einem Flinserl im Ohr und einem strickartig gedrehten Halstuch, dessen Knoten 61 und flatternde Enden die rechte Halsseite schmückten. Gesicht blatternarbig, Zähne braune Stumpfen, fehlendes Auge, rote Nase, fehlendes Fingerglied der Rechten, verkürzter Fuß. Das waren so gleich auf den ersten Blick die Merkmale dieser schönen Persönlichkeit. Als er an das Pult trat, verlangte er »an Kurn mit Rum um vieri«.

Einer der Schankburschen brachte ihm das Gewünschte. Er leerte das Glas und sah den Lesenden.

»Was lesen S' denn da Schön's, Vatta?« frug er mit einer weichen Vertraulichkeit, die der kindlichen Zärtlichkeit sehr nahe verwandt erschien.

Keine Antwort selbstverständlich.

»Mir scheint, da hab'n S' an schön Liabsbriaf kriagt, weil Ihner der Trenzerling gar so aus'n Mund rinnt. A Bild von an Mann san S' ja. Wann i a alte Jüdin mit neunz'g war, Ihner nehmert i glei.« Und höchlichst ergötzt animierte er mit einem Zwinkern des einzigen Auges die Umstehenden sich den Kundgebungen seines Humors anzuschließen.

»Sö, Vatta, i wußt' Ihner ane, a Pracht von an Weib. No, es is wahr, d'Sparkassa hat's am Buckel und nur an Zahnd, aber keppeln kann s' damit mehr wia zehn andre. In Leb'n hat s' si no net die Füaß g'waschen, weil s' schon fünfundzwanz'g Jahr auf d'Fußwaschung wart't. 's Alter hätt s' schon, sie is grad in die besten Jahr. Wann s' a Kind mit Ihner kriagt, muß dös in a paar Jahrln ausschaun, wia die Miß Pastrana beim Präuscher in Prater.«

Jetzt fing der Schäker an, die Geduld zu verlieren. Der Beifall, den er aus dem Gelächter Vereinzelter zu ziehen berechtigt war, genügte ihm noch nicht. Außerdem ärgerte ihn die verächtliche Ruhe, mit der ihn Tänzinger schwatzen ließ.

62 Dieser las den Brief offenbar nur deshalb so ruhig und aufmerksam, um ihn zu ärgern.

»Kannst net reden, wamperter Saujud?« änderte er die anfänglich zärtliche, später neckende Tonart. »Alter Vitrioltandler, wann a Gast mit dir red't, so kannst do dein Gosch'n aufmachen.«

Das wirkte für die übrigen schon belustigender. Am meisten unter allen lachte Ludwigs famoser Führer, der, durch die Heiterkeit der andern angelockt, sich wieder in die Nähe des Ortes wagte, den er vor kurzem so rasch zu verlassen Anlaß hatte. Es gelüstete ihn, auch seinen Senf dazuzugeben.

»Geht's, laßt's 'hn! Wann er lest, kann er do net red'n, sunst müaßt' er d'Gluahn zuadrahn, und dann siecht er nix zun Les'n, dös müaßt's do einseg'n.«

»Geh, Vatta, wannst a Stamperl herreibst, steck' i d'r zwa Spreizln unter d'Aug'n, daß d'r net zuafall'n,« meinte ein anderer.

Noch einer: »A Knopf beim Hosentürl war g'scheiter. Paßt's auf, da werdt's anmal was fliag'n seg'n.«

»Geh, Tepp! Seit wann fliag'n denn Regenwürm'?«

Ein erschütterndes Gelächter sämtlicher »Herren« begleitete diesen Witz.

Der»krumpe Seppl« oder »d' g'flickte Polizeipritsch'n« oder kurz gesagt, Josef Wimmer, der vorbeschriebene Ankömmling mit den verschiedenen Schönheitsmerkmalen, fuhr in erhöhter Stimmung fort:

»Ans möcht' i wissen, wia si dö blade Mastsau dö Heahneraug'n schneid't?«

»Und wiar ah zu seiner Kalle ins Bett kräult63 warf der schon wieder ganz couragiert gewordene Leitstern Ludwigs ein.

Ein betrunkenes Weib, in einem Zustande, der baldige Mutterschaft verkündete, drängte nun herzu.

»No, G'füllte, hast scho wieder dein Kitt'l? Wann dös Kind net aus Rostopschin is und zum brenna anfangt, wann m'r d'r a Zündhölzl hinhalt, haß' i Feitl.«

»Grauperter Hundling, wann's von dir war, müaßt's schon lang in d'Luft 'gangen sein. Aber du bringst eh kans mehr z'samm, Taub'nschnaster hatscherter. Wann dein Muatta g'wußt hätt', was s' für an Wechselbalg herumzahrt, hätt's di auf aner G'stätten verlurn. G'flickte Polizeipritsch'n, häng di auf!«

»B'soffene Saug'stätten! Di und den wamperten Juden z'sammspirrn, daß's fangt, dös müaßt' a Zucht geb'n. Sag, wo hast d' den Bankerten z'sammklaubt? Der Mann muaß ah an Gusto g'habt hab'n, wia a Banlstierer oder Kanalrama.«

»Schöner war er wia du. So ane, dö di möcht', möcht' i kinna. D'r Graus'n kunnt an ankumma. Du g'hörerst ins Museum zu dö Mißgeburt'n!«

Ludwig hatte längst nimmer acht auf sich selbst, noch auf den seit kurzer Zeit wieder seinen Regalen zugewandten Hausherrn.

Mit maßlosem Erstaunen hörte er diese Sammlung von Ekelhaftigkeiten an, aus dem Munde von Menschen kommend, wenigstens Geschöpfen, die dafür galten, aber in dem schauervollen Chaos von Fusel, Niedrigkeit, Unflätigkeit den letzten Rest ihrer armseligen Menschenwürde vollständig begraben hatten.

64 Und jenes Weib mit den gedunsenen Zügen, den verschwommenen, ausdruckslosen Augen, der zum Brechen reizenden Ausdünstung des ganzen verwahrlosten, lumpenbehangenen Körpers, dieser wie durch ein Wunder zusammengehaltene Moder – sollte in kurzer Zeit Mutter werden. Ließ sich dieser geheiligte Name in Zusammenhang mit einem solchen Scheusal bringen?

Und wie vertiert, wie namenlos herabgesetzt noch unter dieses Weib mußte der Mann sein, der sich einem solchen Wesen mit einiger Neigung zu nähern vermocht hatte, daß sich die Sinnlichkeit nicht erbrach angesichts solcher Abscheulichkeit!

Man kann es getrost verraten. Der Vater des zu erwartenden Kindes war niemand anderer, als der im Gefängnis sitzende Fischer. Wie er schon seinem Arrestgenossen gestanden, liebte er etwas zum »Anhalten«.

Tänzinger hatte mit gutem Bedacht sich den Anschein gegeben, als lese er das Schreiben wie einer, der dessen Inhalt genau studiere. Dann tat er, als wäre dieser kein besonders dringlicher, für ihn wenigstens nicht, und andere kamen erst in zweiter Linie. Also hatte er sich mit Bedienung einiger Gäste zu tun gemacht. Obwohl er zur Aufnahme des Mentors seines hoffnungsvollen Sprößlings entschlossen war, bevor ersterer die empfehlenden Zeilen überreicht, fand der geriebene Geschäftsmann es geraten, seine Entschließung noch nicht dem harrenden Bewerber kund zu tun.

Der junge Mann mußte auf diese Art belehrt werden, daß ihm mit seiner Akzeptierung ein Los zugefallen sei, das andere als den Inbegriff alles Erstrebenswerten gepriesen hätten.

Zweitens wirkt ein kleinerer Gehalt, mit großer Geste bewilligt, in den Augen eines schüchternen, vielmehr 65 eingeschüchterten Menschen mehr als ein doppelt so großer, den man ohne bewußte Geste verleiht.

Drittens wurde ihm vor Augen geführt, daß nur die Empfehlung seitens des Kultusvorstandes andere, qualifiziertere Bewerber aus dem Felde zu schlagen vermocht hatte.

Herr Tänzinger ahnte zur Stunde noch nicht, welch mächtigen Protektor sich sein Hauslehrer ohne Absicht errungen. Dieser selbst gab auf das Gerede eines verzogenen, verwöhnten, herrischen Kindes auch nicht das geringste.

Wie erstaunten daher beide, als plötzlich durch die Türe des Nebenraumes, der halb als Comptoir, halb als Magazin diente, das Mädchen hervorschoß und mit einer Flut von Worten den alten Herrn völlig wirblig machte.

»Siehst du, Papa, ich habe es ja gewußt, daß du den Herrn aufnehmen würdest. Ich habe es ihm auch gleich versprochen (nicht wahr, mein Herr) aber ich wollte nicht erst bis zu Tische warten, um dich zu fragen. Waldemar weint und schreit jetzt oben, er wolle keinen Lehrer. Ich habe es ihm aber gezeigt. Papa, Waldemar benimmt sich ungezogen, daß es nimmer zum Aushalten ist. Auch Agnes will nicht gehorchen, wenn man ihr was sagt. Sie brummt immer nach; findest du nicht, Papa, daß der Herr was sehr Feines hat? Ich mag keine Leute, die nicht passend angezogen sind, auch dürfen sie nicht nach Tabak riechen. Du weißt, ich vertrage Tabakrauch nicht . . .«

So ging es in abermals einem Atem ohne Absetzen, wobei es nur ganz wunderbar scheinen mußte, daß Fräulein Sidonie, welche keinen Tabakrauch zu vertragen vorgab, die verpestete Luft des Lokals so wenig zu verspüren schien, als befände sie sich in einem Laubwald.

Herr Tänzinger warf auf den Schützling seines 66 Töchterchens einen fragenden Blick. Ludwig erklärte in kurzen Worten den Sachverhalt.

»Wenn mein kleines Goldkind so auf Sie versessen ist, kommen Sie morgen nachmittags um drei Uhr in meine Wohnung, damit wir das Nähere besprechen. Nimmer da herein,« setzte er schmunzelnd hinzu. Dann nahm er eine Flasche herunter, schenkte ein Gläschen mit einer grünen Flüssigkeit voll und reichte es Ludwig. »Das trinken Sie, ich sehe Ihnen an, daß die Luft hier für Sie nicht gut ist. Das wird dem Magen aufhelfen. Nur unbesorgt, von dem trinke ich selbst.«

Es war wirklich ein köstlicher Tropfen und verdankte seinen Ursprung nicht den weiten Kellermagazinen des Hauses.

Der nunmehrige Hauslehrer und Gnadensonner des redegewandten Fräulein Sidonie empfahl sich mit Danksagung und Verbeugung und verließ schleunigst durch die rückwärtige Türe den Ort, den jemals wieder zu betreten er mit heiligen Eiden verschwor. 67

 

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