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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

(Läßt uns in kurzen Zügen die Bewohner des Hauses Nr. 37 kennen lernen und handelt von Wohltätigkeit.)

Es gibt Häuser, die ihre Schicksale haben wie die Menschen, Schicksale, die des Erinnerns wert sind. Man braucht nicht zu denken, daß ein hohes, ehrwürdiges Alter die conditio sine qua non ist, um erzählen zu können. Wie viele hochbetagte Menschen gibt es, deren Erlebnisse über eine glücklich temperierte Alltäglichkeit nicht hinausgehen und wie viele Kinder, deren kurzes Dasein schon eine Tragödie bildet von grauenvoller Größe.

Das Haus Nummer 37, seinen Lebenstagen nach ein Wickelkind gegen viele seiner Genossen im großen Wien, hatte schon eine erkleckliche Anzahl von aufregenden Vorfällen zu erleben Gelegenheit gehabt. Schon, als noch nicht das Dach aufgesetzt war, mußte es sich gefallen lassen, daß dem ersten Stock einige Dippelbäume entfernt und durch neue, bessere ersetzt wurden. Dann stürzte ein Teil des Gerüstes ein und begrub drei Maurer. Später gab die Stiege nach und erschlug einen armen, mit seinem Frühstück beschäftigten Bauwächter. Drei Zimmermalermeister hatten einer nach dem andern ihre Kunstfertigkeit versucht. Der letzte hatte nach hoffnungslosem Bemühen, auch nur einen Kreuzer Geld zu erlangen, wie die zwei andern die Arbeit eingestellt und großmütigerweise die Ausfertigung der angefangenen Piecen einem eventuellen Nachfolger hinterlassen.

36 Ein Tischlermeister, der sein ganzes Vermögen in Holz und Arbeitslöhnen dem Neubau geopfert, hatte sich an dem Pfosten einer noch uneingemauerten Türe erhängt. Dann ruhte die Arbeitstätigkeit ein halbes Jahr, bis wieder angefangen und ohne sonderliche Beschleunigung, aber auch ohne weitere Zwischenfälle das Haus fertig gebaut und zum Vermieten tauglich gemacht wurde.

Jetzt stand es stattlich da mit seinem Mezzanin und drei Stockwerken und hatte bisher noch keinerlei Reparatur bedurft, trotzdem es schon länger als ein halbes Jahr bewohnt war.

Im dritten Stockwerke wohnte außer der Ambros und dem schon bekannten Blaschke noch ein Stückschneider samt Frau und biblischer Kinderzahl. Das kleine Gangkabinett war an ein altes Ehepaar vermietet, das bei Tage Lumpen sammelte und trank und abends raufte.

Die vierte Wohnung hatte ein Drechsler inne, der seine Werkstätte am Küchenfenster aufgeschlagen. Zu beschreiben, wer außer ihm und seiner Frau die Wohnung noch bewohnte, ist unmöglich. Man kann getrost annehmen, daß er es manchmal selbst nicht wußte. Seine beiden Appartements, Zimmer und Küche, bildeten ein wahres Bienenhaus, oder besser gesagt, ein Rattennest. Jede Woche neue Bettgeher und Bettmädchen. Wohngenossen, deren polizeiliche Anmeldung meistens unterlassen wurde, da dies gar nicht der Mühe wert war. Den ganzen Tag wurde gekocht, gelärmt, getanzt, gesungen und wenn die Türe sich zeitweise öffnete, quoll dem eben Vorübergehenden eine Flut von übeln Gerüchen und ohrzerreißenden Tönen entgegen, daß man sich am liebsten Nasen und Ohren zugleich verhalten hätte. Das zweite Stockwerk hätte beinahe etwas Patrizisches gehabt, wäre dieser Eindruck nicht durch 37 eine Partei gestört worden, deren Einzug selbst in diesem Hause Sensation erregte. Die »Einrichtung« bestand aus einem bettähnlichen Gestell, vier oder fünf Strohsäcken und einer einstmaligen Kommode. Die Partei setzte sich aus zehn oder zwölf Personen, Männern, Weibern, Kindern, zusammen, und verlieh dem ganzen Gange augenblicklich ein fast italienisches Gepräge. Alle Vorgänge spielten unter den Augen der Öffentlichkeit. Der Korridor wurde förmlich mit der Wohnung vermählt und die Wohntüre schien das überflüssigste Ding der Welt.

Das ganze Konglomerat bildete eine Familie; doch die Verwandtschaftsgrade waren nicht zu ermitteln. Es schien, daß eigentlich niemand zum andern in streng verwandtschaftlichem Verhältnisse stehe, mit Ausnahme eines Ehepaares samt Kind. Ob jedoch ein wirklicher Ehebund vorlag, wußte keine Seele. Die Beteiligten wollten es glauben machen. Aus all den Originalköpfen dieses Clans ragte besonders einer hervor, der des Herrn »Kapral.«

Er behauptet, vor Jahren Korporal gewesen zu sein und schätzte diese Stufenleiter der militärischen Hierarchie so hoch ein, als dürfte er General gewesen sein. Zum Beweise seines einstigen Befehlshabergrades trug er eine alte, verschossene Militärmütze. Einige Parteien behaupteten einmütig, den »Kapral« eines Tages vollkommen – nüchtern gesehen zu haben. Da die Aussage dieser streng moralischen Leute nicht in Zweifel gezogen werden kann, mag sie als geschichtlich erwiesene Bestätigung eines abnormalen Zustandes des Korporals gelten.

Das erste Stockwerk war (wie das zweite mit erwähnter Ausnahme) vollkommen farblos. Lauter Parteien, die den »Zins« als Heiligtum erklärten. Brave Arbeiter, die zur Bestreitung der Mietskosten ebenfalls einige Aftermieter hielten.

38 Das Mezzanin war leer. Es war zur dereinstigen Aufnahme von Geschäftsräumen bestimmt, und verlangte kein Trockenwohnen.

Das Souterrain, vielmehr Keller, enthielt einen einzigen Wohnraum. Er war durch einen weißgetünchten Vorplatz vom Zugange zu den eigentlichen Kellerräumen geschieden. Die Fenster gingen auf die Straße. Es waren jedoch nur zwei verglaste Öffnungen, an Größe den üblichen Kellerfenstern gleich.

Hier hauste die Familie Fischer. – – – – –

Anton verabsäumte am nächsten Morgen nicht, sich um seine Schützlinge zu bekümmern. Noch bevor er zur Arbeit ging, suchte er, mit dem Überrest des Schinkens, den Bäckereien und dem Obst versehen, die arme Frau heim.

Als er eintrat, fand er sie auf einem Schemel sitzend vor dem einzigen Bette, in dem noch die Kinder schliefen. Ein Blick genügte, um die ganze jämmerliche Besitzlosigkeit, das ganze trostlose, niederdrückende Elend dieser Behausung zu konstatieren. Die geweißten Wände zeigten große, dunkle Flecken: die Feuchtigkeit, die unablässig den Mörtel durchdrang und dem Raum eine dumpfe, dunstige Atmosphäre verlieh. Es war, wie gesagt, nur ein Bett vorhanden. Ein anderes Lager war auf rohen, zusammengestellten Kisten errichtet und mit den verschiedenartigsten Lumpen bedeckt, die nur sehr notdürftig die lose Strohlage verhüllten. Ein wackliger Tisch, der jedoch noch auf bessere Zeiten hindeutete, die er in irgendeinem Bürgerhaus gesehen haben mochte, ein ebensolcher Stuhl und ein Küchenstockerl waren im Verein mit den erstbeschriebenen »Möbelstücken« die ganze Ausstattung des Zimmers. Ein Ofen fehlte ganz, und wäre der unnötigste 39 Einrichtungsgegenstand gewesen, da er auch nicht das mindeste Stückchen Kohle als Fütterung erhalten hätte.

Anton war von öfteren Besuchen her dieses Bild gewohnt und dennoch griff ihm der Anblick desselben heute stärker ans Herz als sonst.

Er verglich die unbekümmerte, lachende Armut der Familie des Kapral mit dem widerlichen, faulenden, trostlosen Elend, das ihm hier entgegengrinste. Kein einziger Lichtblick in der öden Nacht der Verkommenheit. Nicht einmal der Anblick der Kinder gewährte ihn, wie sie so bleich und kränklich aneinandergeschmiegt dalagen. Und erst das unglückliche Weib, dem eine feiner organisierte Natur und schwächliche Gesundheit wehrten, die Schicksalsschläge mit tapferem Arm zu mildern.

Baum und Blüten vom Verfall angenagt, jener siech bis ins Mark, diese welk und vertrocknet, und nicht bestimmt, zur reifen Frucht zu werden.

Eine Weile stand Anton in den traurigen Anblick versunken da. Er vermeinte, die Frau wäre eingeschlafen. War dieses auch nicht der Fall gewesen, so mußte doch der Bann einer schläfrigen Müdigkeit auf ihr liegen, so daß sie dem Eintritte eines Fremden kein Interesse entgegenbrachte. Als sie den Blick auf den Besucher richtete, grüßte sie ihn mit einem flüchtigen, traurigen Lächeln und streckte ihm die magere Hand entgegen. Sie war dem Freunde dankbar um ihrer Kinder willen, die ohne seine bescheidene Hilfe manchen Abend öfter, als es ohnehin geschah, hätten hungrig zu Bette gehen müssen.

Anton grüßte ebenfalls schweigend mit einem stummen Druck der Hand und legte die mitgebrachten Speisereste auf den Tisch.

40 »O, mein Gott, Herr Brenner, wia guat Sie san!« murmelte Frau Fischer. »Wia kann i Ihner denn danken?«

»Von dem is ka Red. Aber mir scheint, Sie san die ganze Nacht so dag'sessen?« Als die Frau müde nickte, fuhr sie Anton unwillig an:

»Das is a förmlichs Verbrechen, muaß i Ihner sag'n. Schon weg'n die Kinder. Wann Sie so forttan und über alles Ihner so alteriern, bleibn S' no anmal lieg'n, dann is 's Elend erst firti. San S' froh, wann S' anmal für a Zeit von dem Menschen derlöst san. Jetzt kann er Ihner und die Kinder nimmer malträtiern. Aber aus derer Lucken müassen S' anmal heraus, die is ja z'schlecht für an' Hund. – Nur net gar so nachgeb'n! Sie wissen, i man' Ihner's guat, mir derbarmen halt dö zwa Hascherln so viel.«

Die Frau hatte ergeben, fast teilnahmslos zugehört. Ihre Gedanken schienen gar nicht in der Gegenwart zu sein. Sie flüsterte nur, als ob sie einen einzigen Sinn aus Antons Worten herausgelöst:

»Der Mensch! der unglückselige Mensch!«

»Ja, mein Gott, is denn schad' um eahm? Hungern hat er Ihner eh gnua lassen, das bißl, was er dann und wann hambracht hat, war fürs Leb'n z'weni, fürs Sterben z'viel. Und dö Marterei – i sag' Ihner, san S' froh. Sie werd'n Ihner do so halbwegs durchbringen, nur a bißl anpackn muaß m'r d'G'schicht' können.«

»O, Herr Brenner, wann i arbeiten kunnt', glaub'n S', a Minuten hätt' i den Jammer mitg'macht? Na, na! Mir wär' nix z'wider g'wesen. Schaun S' die Arm' an,« sie zeigte ihm zwei Arme, die dürr und gebrechlich wie morsche Holzstücke aussahen, »schaun S' es an, horchen S', wann mi 's Huasten packt, schaun S' mir zua, wann i an Stock steig' – – – o du mein liaber, liaber Herrgott 41 im Himmel! Wann i allan wär', i fürchtet mi net der Sünd'n und machert a End.«

»Schaun S', das hat gar kan Zweck. Sie san eb'n net allani. I wir nachdenk'n, vielleicht fallt m'r was ein, daß wenigstens für d' erste Zeit a Hülf is. Dö Leut' in den Haus können selber net viel tuan – no, mir werd'n ja seg'n.«

Jetzt erwachte auch der kleine Franzerl und grüßte Anton mit einem freudigen Blick.

»No, Franzerl, schon auf? Da schau am Tisch, was i enk bracht hab'. Es is eigentli von dem Herrn, der dir gestern schon das Geld geb'n hat. Jetzt schickt er euch das ah no. Und was macht denn 's Lintscherl?«

Das Lintscherl, das noch schlief, war ein vierjähriges, kränkliches Mädchen mit gelbem Gesicht, scharfen Zügen und mit von der Rachitis verkrümmten Gliedmaßen. Gewöhnlich saß es teilnahmslos auf dem zerlumpten Lager oder von Franzl behütet auf einem Erdhaufen der »Wiese«. Das stärkt die Knochen, behaupteten alle Nachbarinnen. Kräftige Kost und eine gesunde Wohnung hätten diesen Dienst sicher besser verrichtet. Aber der Erdhaufen war umsonst, also mußte der genügen.

Franzerl blickte, im Bette knieend, mit leuchtenden Augen auf die Schätze. Er hätte gerne gleich das Schwesterchen geweckt, was Anton jedoch verhinderte.

»Net verzweifeln, Frau Fischer«, mahnte er dann nochmals, als er sich empfahl. »Es packt Ihner hart an, i six ja, aber denken S', daß S' für die Kinder da san, net für Ihner allan. Also adje.«

Und im Hinaufschreiten murmelte er immer für sich hin: »Das Elend! das Elend! Wer kann da helfen?«

Der junge Arbeiter war keineswegs eine sehr weichmütige 42 oder gar sentimentale Natur. Jedoch die herben Erinnerungen an eine in strenger Zucht verbrachte Kindheit meldeten sich, wenn er ein Kind leiden sah. Ein zuzeiten ungezügeltes, rohes, gewalttätiges Temperament, das Erbteil seines Vaters, vermochte nicht, die edelsten Regungen menschlichen Erbarmens zu ersticken. Er konnte im Zorne eine fast bestialische Roheit entwickeln, aber ein Blick aus einem kranken, verwelkten, grausam gezeichneten Kindesantlitz konnte ihn zur Weichmütigkeit besänftigen. Wie viel Menschenliebe war in diesem einsamen, verschlossenen Burschen aufgehäuft!

Er blieb dem Hasse nichts schuldig, noch weniger der Liebe. In ihm waren Tugenden und Fehler der Eltern zu gleichen Teilen gemischt. Der heftig aufbrausende Jähzorn, die Härte des Vaters, verband sich mit der Weichheit und Güte der Mutter. Die Einsamkeit unter lauter ihm innerlich fremden Naturen prägte sich seinem Gehaben auf. Es lag etwas Verschlossenes, Hochfahrendes in seinem Wesen, das ihn keine Freundschaft erringen ließ.

In der Werkstätte, wo er arbeitete, vermochten einmal vier Männer ihn kaum zu bändigen, als er sich auf einen Beleidiger werfen wollte. Der Mann wäre verloren gewesen. Eine unbedachte Neckerei hatte die Ursache abgegeben.

Fischer haßte er aus tiefstem Grunde seines Herzens. Dieser mochte das stets gefühlt haben, denn der bei aller Brutalität dennoch feige Säufer hätte nie gewagt, eine Ursache zum Anbinden mit dem jungen, starken, durch keinerlei Laster geschwächten Arbeiter zu geben.

Nichtsdestoweniger vergalt er den ihm entgegengebrachten Haß – an seinem Weibe, dem er, so absurd es in Anbetracht des frühgealterten, ausgemergelten Frauenkörpers scheinen mußte, unerlaubte Beziehungen zu dem 43 uneigennützigen Freunde vorwarf. In diesem dumpfen Grolle äußerte sich nichts als die berechtigte Scham über sein vertiertes Wesen, die er in keiner anderen Weise einzugestehen vermochte.

Als Anton seinen Arbeitsort betrat, war er sich im klaren darüber, daß dreißig, vierzig, fünfzig Menschen mehr zu leisten im Stande seien, als einer, und wenn er sich noch so anstrengte. Er beschloß, unter seinen Arbeitskollegen eine Kollekte zu veranstalten. Es wurde schon bemerkt, daß sein einsames, verschlossenes Wesen ihn keine Freunde finden ließ. Dies gilt nur mit der Einschränkung, daß sich niemand an ihn intimer anschloß. Sonst jedoch brachte man Anton die Achtung entgegen, die seine Rechtlichkeit, Gutmütigkeit und Ruhe verdienten. Seiner wortkargen Art gelang es besser als der wortreichsten Rede, das Schicksal der drei Personen, seiner Schützlinge, zu illustrieren.

Man warf ihm in den Hut nach Maßgabe des Könnens, des guten Herzens und der größeren oder geringeren Freigebigkeit, ohne Kollektebogen oder Bescheinigung zu verlangen, mit der festen Überzeugung, sein Geld für den geeignetsten Zweck dem geeignetsten Manne übergeben zu haben.

Über Auftrag Antons hatte mittlerweile die Ambros im Hause den Appell an das »goldene Wienerherz« versucht. Man gab gern und wenig. Der letztere Umstand ist aber nicht geeignet, den Gebern zum Vorwurf zu gereichen. Die Frauen armer, schwergeplagter Fabriksarbeiter, deren kärgliches Wocheneinkommen den Verlust jeden Kreuzers fühlbar macht, konnten mit bestem Willen nur das Entbehrlichste aufwenden.

Wie Frau Ambros Anton bei seiner Heimkehr erzählte, war die Familie des Kapral am eifrigsten bemüht, mit ihrem Scherflein Ehre einzulegen.

44 Der wackere Veteran selbst, der, mit der leeren Branntweinflasche im Rocksacke, im Begriffe war, das Haus zu verlassen, um eine neue Füllung zu besorgen, kämpfte einen schweren, jedoch kurzen und siegreichen Kampf mit seinem Gelüst, seufzte einmal tief auf und ließ das für seinen Lieblingstrunk bestimmte Geldstück in die Hand der Sammlerin gleiten.

Wenn es wahr ist, daß jede gute Tat ihren Lohn findet, läßt sich vermuten, daß dem braven Kapral dieser noch am selben Abend ward und irgendein Wohltäter seiner Klasse die Stelle der belohnenden Gerechtigkeit vertrat. Denn abends kam der Kapral, dessen wahren Namen zu erforschen bis heute keiner Bemühung gelungen ist und wohl nie mehr gelingen wird, in einem Zustand nach Hause, der eheste Bettruhe als geeignetstes Mittel erscheinen ließ, dem aus den Fugen geratenen Gleichgewichte zu Hilfe zu kommen.

Und noch diesen Abend sendete Anton den Ertrag seiner Bemühungen in das finstere, kalte Kellerloch. Als Franzerl das viele, viele Geld ersah und erfuhr, durch wen es geschickt sei, meinte er:

»Sag', Mutter, wann i groß wir und brav und fleißig lerna tua, wir i ah so reich wia der Herr Brenner?«


Anton traf bei seiner Heimkehr Ludwig mit dem Auspacken des eben angekommenen Koffers beschäftigt. Mit der ihm anerzogenen und natürlichen Korrektheit hatte der junge Student den Tag so gut als möglich benützt, einige Gänge verrichtet und sich so viel als möglich die Stadt angesehen.

Voll Entzücken sprach er von dem Eindrucke, den diese auf ihn gemacht, so daß Anton ganz verwundert solchen Lobeserhebungen zuhörte. Ihm selbst mangelte, wenn nicht der Sinn, so doch die Erziehung, sich für Dinge zu 45 begeistern, die ihm als ganz selbstverständlich dünkten, weil sie einmal da waren, aber deren Schönheit ihn zu keinem weiteren Nachdenken veranlaßte.

Es zeigte sich, daß er als richtiger Durchschnittswiener von den meisten Sehenswürdigkeiten gar keine Idee hatte. Sein Leben verfloß zwischen Arbeitsort und Heim, sogar die sonntägigen Spaziergänge erstreckten sich nicht sehr über den nächsten Umkreis des Bezirkes.

Seine Ungeselligkeit vermied den Anschluß an irgendeine Gesellschaft, ja selbst an eine Person. Eine gewisse Ausnahme machte er nur Huxtl, dem liderlichen Volkssänger und Schwerenöter, gegenüber. So verschieden dessen Persönlichkeit und Anlagen von den seinen waren, so fühlte Anton dennoch eine fast freundschaftliche Zuneigung für den flotten Sohn der Volksmuse. Jeder Mensch erwartet ja instinktiv von einem andern die Ergänzung des eigenen Wesens. Auch war Huxtl in Antons Augen der Vertreter einer Kunst, die selbst zu dem Ungebildetsten spricht: der Kunst des Gesanges.

Und was keiner vermocht hätte, den ernsten, pedantischen, nüchternem sparsamen Arbeiter zu bewegen, gelegentlich eine kleine Bierreise zu unternehmen, das gelang dem liebenswürdigen, leichtherzigen Wesen Huxtls. Daß in solcher Gesellschaft dem jungen Arbeiter keine höheren Anregungen geboten wurden, liegt auf der Hand.

Mit dem schönen Eifer der Jugend und des angehenden Lehrers hatte Ludwig, nachdem er sich über die verwahrlosten Kenntnisse seines Verwandten klar geworden, beschlossen, in der grenzenlosen Wüste der Ungelehrtheit desselben einige grüne Oasen der Gelehrsamkeit anzulegen.

Er ahnte in seinem edlen Bestreben keineswegs, daß er dem Freunde ein Leid angetan, dessen sich dieser 46 plötzlich mit aller Heftigkeit bewußt wurde. Wie im Leben es nur oft sehr geringfügiger Ursachen bedarf, um lange verborgen schlummernde Gaben plötzlich zu erwecken, so genügt oft die Helligkeit einer sekundengleichen Erleuchtung, uns über eine jahrelange Vernachlässigung einer Ausbildung klar zu werden.

Anton erkannte mit erschreckender Deutlichkeit, was er geworden und was er bei einiger Anleitung hätte werden können. Wie, dem Sohne einer armen Wäscherin standen vermöge seiner Studien Wege offen, die der einfache Arbeiter nie zu betreten denken durfte? Zwei Dinge brachten somit sein sonst so ruhiges, teilnahmsloses Leben in Schwankung. Die Liebe zu seinem Jugendideal, die bisher etwas Schwärmerisches, Resigniertes besaß, erhielt eine unangenehme Ergänzung durch einen gleich in seinen Anfangsstadien verbitterten und fruchtlosen Ehrgeiz.

Ludwig, der von den Gemütsbewegungen seines Cousins keine Ahnung hatte, verbreitete sich anschaulich über das Schaffen und Sorgen der ersten Zeit, bis seine Verhältnisse ins Gleichgewicht gekommen.

Für heute beschäftigte er sich noch, die Vorbereitungen zu den morgigen Vorstellungen bei einigen hohen Gönnern zu treffen. Ein halb Dutzend Empfehlungsschreiben ordnete er nach ihrer Wichtigkeit und frug Anton um die verschiedenen Entfernungen der Bezirke von seinem Wohnort.

»An Herrn Lazar Tänzinger, Hochwohlgeboren, in Wien, X, . . . . Straße Nr. 60,« las er laut eine Adresse. »Ein künftiger Gönner, auf den ich am meisten Wert lege. Ich wurde ihm durch den Kultusvorstand bei uns empfohlen. Er soll sehr reich und wohltätig sein,« fügte er erklärend hinzu.

Anton, trotzdem er meistens ernst und verschlossen 47 erschien, hatte nichtsdestoweniger Sinn für Drastik. Daher lachte er jetzt wirklich sehr herzlich.

»Was, der Tänzinger, der wamperte Jud, der kaner schreierten Katz was gibt? Mit sein' Branntwein richt' er den halberten Bezirk z'grund. Reich is er, da hast recht, aber a Wohltäter? – Wer is der Kultusvorstand? Ah richtig, die jüdischen Geistlichen, net? Na, das will i glaub'n. A Jud haßt den andern nur das Allerschönste. Der Tänzinger – habe die Ehre! Wannst di auf den verlaßt . . .«

Der junge, enthusiastische, unerfahrene Provinzstudent war bei dieser Rede erblaßt. Er konnte den Worten seines Verwandten nicht mißtrauen, der doch wohl imstande war, eine Bezirksgröße, wenn auch nur vom Hörensagen, zu kennen.

Auf seine weiteren dringenden Fragen wußte Anton nur von einem schmutzigen, geizigen, herzlosen, wucherischen Schnapsschenker zu erzählen, und machte ohne Willen dem Freunde die Hölle heiß.

Mit bedeutend anderen Gefühlen als gestern legte sich der arme Ludwig heute zu Bette und fühlte eine Hoffnung zusammenbrechen, die er so fest gehegt, wie junge Leute nur eine Hoffnung hegen können. 48

 

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