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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

(Darinnen spielen eine Equipage sowie ein Handwagen eine gewisse Rolle; handelt von einem rührenden Wiedersehn alter Freunde, und nimmt ein nicht aufregendes, schlichtes Ende.)

410 Zehn Jahre! Was bedeuten sie dem Freien und was dem Gefangenen? Jenem ein rasches Vergleiten, diesem das endlos traurige Verrinnen ungeduldig gezählter Minuten. Zehn Jahre! – Es liest und hört sich so leicht. Der human denkende Zeuge einer Gerichtsverhandlung atmet freier auf, wenn das Verdikt der Geschworenen die Todesstrafe ausschließt. Nur zehn Jahre! sagt er befriedigt, und in der nächsten Minute ist er im Einvernehmen mit seinem staatsbürgerlichen Gewissen im klaren darüber, daß zehn Jahre gerade die richtige Sühne seien für ein Verbrechen, das den Tod eines Menschen verschuldet, für ein Verbrechen, das der Augenblick gezeugt und geboren.

Zehn Jahre! Eine Generation ist gegangen und eine neue emporgetaucht. Die Männer von damals haben sich dem Greisenalter genähert und die einstigen Säuglinge tragen den Schulranzen.

Das neue Haus, das Haus Nummer 37, ist nun unter seinen Nachbarn ein altes Haus geworden, das, einem alten, immerwährend kränklichen Menschen gleich, stete Anforderungen an Aufmerksamkeit stellt. Es gibt bei den verschiedensten Anlässen zu erkennen, daß es des Daseins müde ist und in all seinen Teilen nicht recht zusammenhalten mag. Seine Fassade will auch nicht mehr unter die seiner neuen Brüder 411 passen und verliert sich sozusagen selbst. Jeder Sturmwind trägt ein Stück des mehligen, zerrinnenden Mörtels weg.

Auch seine alten Bewohner haben sich verflüchtigt, neue haben ihre Stellen eingenommen. Die modernen Nomaden der Großstädte verlernen immer mehr, sich an ein bestimmtes Heim gefesselt zu fühlen. Der alte, lustige »Kapral« war ein Opfer seines Freundes, des Feuerwassers, geworden. Aber gemäß seinem, allem Lärm und Streiten abholden Gemüte war sein Ende kein tobsüchtiges Delirium, sondern ein stilles blödsinniges Erschlaffen. Obwohl er samt seinem Elan schon lange einige Dutzend anderer Wohnungen »trocken gewohnt«, endete er dennoch, an das Haus Nr. 37 geschmiegt, an dessen Feuermauer.

Blaschke mit seiner gezähmten Widerspenstigen hat kurz nach den geschilderten Ereignissen, die mit der Aushebung des Diebs- und Hehlernestes endigten, das Haus und den Bezirk verlassen.

Niemand von den neueren Bewohnern ahnte mehr etwas von den Tragödien, die sich an dem Orte abgespielt, der ihre Heimstätten barg. Die Abgestumpftheit der Großstadtleute.


Die Ringstraße, dieses Wunderbild eines modernen Straßenzuges, dieses Konglomerat verschiedenster Baustile in seltenster Übereinstimmung; dieses wahrhafte Titanenwerk eines Jahrzehnts und einiger Künstler, die, von einer Intuition beherrscht, die architektonischen Vorstellungen räumlich und geistig getrennter Epochen zu einem wundersam harmonischen Gesamtbild vereinigten, war an dem schönen Herbstnachmittage erfüllt von Bummlern und hastenden Menschen und Personenfuhrwerk aller Art.

Auf einer Bank hatte es sich ein Mann von wohl dreißig Jahren oder mehr bequem gemacht und ließ 412 teilnahmslos die Blicke auf dem vorüberwogenden Menschenstrome ruhen.

Der Mann war nett, ja gut gekleidet, wenngleich in einem Schnitt, der mit der Mode nicht Schritt gehalten zu haben schien. Sein Gesicht war bleich und von sehr hübschem Ausdrucke. Das Kinn blank rasiert, der Schnurrbart gut aufgedreht, – alles in allem bot der einsam Sitzende ein angenehmes Bild. Nur der Ausdruck der Augen war von fast tötlicher Schwermütigkeit, wie bei gewissen Menschen, die ihr Leben niemals gelacht haben.

Er schien mehr aus Müdigkeit als aus Teilnahme für den Korso Platz genommen zu haben. Der Blick, der ab und zu eine Persönlichkeit oder einen vorüberrollenden Wagen streifte, verriet völlige Gleichgültigkeit.

Aber plötzlich belebte die unnatürlich bleichen Wangen ein Anflug von Röte und wie gebannt verfolgten die Augen eine Equipage, die in nicht zu schnellem Tempo herankam.

Die Insassen waren eine entzückend schöne Frau mit schwerem, prachtvoll rotem Haar, das in unserer Zeit erst Mode geworden, ein Herr mit tief schwarzem Voll- und Schnurrbart und dunklen träumerischen Augen. Dem Paare gegenüber saß ein dicker, alter Herr mit völlig weißem, zugestutzten Vollbart und kleinen, schläfrigen Augen; die Hände hielt er nach typischer Hebräersitte unter dem Kragen des schwarzen Straßenrockes, mit den Daumen im Ärmelausschnitt des Gilets.

Der Mann hatte sich unwillkürlich von der Bank erhoben und starrte den jungen, männlichen Insassen der Equipage an. War es Zufall, war es eine Art Suggestion, auch dieser blickte herüber, und zwei Augenpaare begegneten sich für einen Moment. Als wäre in den Blicken der beiden ein Fluidum enthalten gewesen, das schwellende Hitze zu 413 vermitteln imstande war, also erglühten die Wangen der zwei Männer im tiefsten Purpur.

Was mochte der eine, Aufrechtstehende erhofft haben? Als er ersah, wie die Augen des in dem Wagen Sitzenden sich mit einem scheuen Ausdrucke abwandten, fiel er wieder auf die Bank zurück und legte die Hand an die Stirne. Es mußte ein tiefer, gewaltiger Schmerz sein, der diese einfache Bewegung verursachte. Zwei schwere Tränen tropften über die Wangen, sich auf dem Rocke überkollernd, nieder auf den Kies.

Das Gefährte war längst verschwunden und noch immer verharrte der Einsame in seiner Lage. Dann erhob er sich müde und schritt von dannen. Wie unbewußt setzte er Fuß vor Fuß und geriet im Weiterschreiten gegen die Wieden.

Auf der Wiedener Hauptstraße kam ein Mann vor einen Handwagen gespannt, lustig pfeifend daher. Auf dem Wagen befanden sich drei Körbe von beträchtlicher Größe und jedenfalls mit einem Inhalt von ebenso beträchtlicher Schwere.

Vor einem Gasthause hielt der Mann, warf das »Scheibbandl« von der Achsel auf den Wagen zurück, nahm das Kapperl ab und wischte mit dem Handrücken die schweißbedeckte Stirne.

Es mag im Leben vielerlei Zufälle geben, wie wir gleich ersehen werden, aber daß der schwitzende Mann gerade vor dem Gasthause hielt, um seine heiße Stirne zu kühlen, mag getrost auf eine höhere Überlegung gesetzt werden. Denn er machte alle Anstalten, über die Schwelle des einladenden Lokals zu treten, als er vor ihr mit einem Passanten zusammen prallte, der niemand anderer als der einsame Wandrer war, den wir vor kurzem auf der Ringstraßener Bank gesehen haben.

»He, Schurl, kannst net aufpassen, daß d' in d'Leut' 414 einirennst? – – – Jessas! Dös is do net – – meiner Seel'! Tonl! Tonl! bist es du wirkli?«

Der Wagerlmann starrte dabei unverwandt mit allen Zeichen der Verwunderung und Erkennensfreude denjenigen an, der ihm fast noch immer in den durch eine schützende Reflexbewegung geöffneten Armen lag.

»Tonl,« fuhr er fort, »du bist's, meiner Seel und Gott! I, und in Tonl net kennen nach hundert Jahr!«

»Huxtl!« konnte nur Anton stammeln, denn er war der einsame, traurige Spaziergänger.

»Ja, der Huxtl, hast recht, alter Spezi. Jetzt red' derweil kan anders Wurt und kumm da mit eini. No, dö Tinerl wird schaun – ka aber! Mit gehst, mit mir do eini, i laß di net aus, und wann i di aufs Wagel leg'n und anbinden müaßt'.«

Anton gehorchte dem willkommenen Zwang und bald saßen die beiden an einem einsamen Tisch.

»Z'erscht was jausna, Bruada. Dann red'n m'r weiter. He, Wirtshaus! A G'selchts, zwa Portionen, aber große, und an Liter Marker. Schau net lang, Raubersbua, und bring her, was i sag'.«

Der Kellnerjunge, dem anfänglich der Mann mit dem Kapperl nicht sonderlich imponiert zu haben schien, beeilte sich, das Gewünschte herbeizuschaffen.

»So,jetzt ham m'r den klan' Hackelputz unten,« erklärte nach einer Weile befriedigt Huxtl, »jetztn können m'r reden. Net von dir armer Hascher! Wirst net viel mitg'macht hab'n durt'n. Herrgott nomal, Tonl, was is dir damals eing'fall'n? I will d'r kan Vorwurf machen, was g'scheg'n is, is g'scheg'n, und d'r Huxtl war nia aner von dö, dö an armen Tenfel no Staner nachwerfen wöll'n. Ich sag' nur, das Madl war's net wert. Jetzt, dös is vorbei und g'scheg'n. 415 Hin und weg is a Dreck, sagt m'r. Aber spitzen wirst, wannst hörst, mit wem i z'sammg'spannt bin. Rat'st was? Han?«

Anton schüttelte den Kopf. »I hab' m'r's Denken ganz abg'wöhnt in die Jahr, Huxtl, denn das is was Fürchterlich's. Die erste Zeit wohl, da hab' i nur denkt und denkt, Tag und Nacht, da ham s' mi müassen z'ruckhalten, weil i m'r was antun hab' woll'n. Aber später – da wirst a Maschin, dö nix denkt und red't, nur arbeit't.«

Der brave, leichtsinnige Huxtl sah den Freund mit Blicken so innigen Mitgefühles an, daß dieser plötzlich weich wurde.

»Lach mi net aus, aber m'r wird so schwach und z'mörschert da drin, durt treib'n s' an die Wildheit gründli aus,« schluchzte er leise, bemüht, die Tränen unauffällig zu trocknen.

»Du, Wasserabschlag'n is in den Lokal verboten,« sagte Huxtl mit einem schwachen Versuch zu scherzen, »das heb' d'r auf, wannst zu meiner Alten kummst, dö hilft d'r dann mit. Daß d' net drauf kummst, wer dö is, mein' Alte? D' Ambros, mein Liaber, da schaust, gelt ja?«

»Dö Ambros? Ja, da hätt' i do wirkli draufkommen soll'n«, sagte Anton mit mehr Anteilnahme, als er bis jetzt für die Welt gezeigt, »sie war a guater Kerl und wirst wohl mit ihr glückli sein.«

»Und ob«, bestätigte der andere nicht ohne Stolz. »Natürli hat s' müassen in die richtigen Händ' kummen, du waßt do no, sie war a bißl a Kalfakter und kannst ah a Liad davon singen.«

Anton errötete flüchtig und sagte dann mit traurigem 416 Lächeln: »Dö Zeiten san vorbei, brauchst di nimmer z'fürchten.«

»Geh, du Tepp, glaubst, i hab' so a Idee? Und wann a, d'r Huxtl is grad net neidi. Wirst schau'n, wannst es sixt. Blad is wurd'n, da wirst spitzen, aber no immer so sauber wia früher.«

»No immer wia früher« wiederholte Anton sinnend, »dann – dann schaut s' derer ah no ähnli,« fügte er zögernd hinzu.

»Ah was, net soviel,« schnippte Huxtl. »Jetzt schaut s' aus wia a Muatter, schad', daß s' kane werd'n kann, dö Doktorn sag'n, es geht net. Sunst, wann's auf mi ankummert, am Huxtl, he!«

Und der Ex-Volkssänger lachte vergnügt.

»Sag' m'r nur,« frug Anton, sich plötzlich besinnend, »du bist nimmer bei dein G'schäft?«

»Volkssänger manst? Na, da is scho lang gar damit. Mir zwa ham jetzt a Wäscherei und Feinputzerei. Mein' Alte arbeit't mit a paar Mad'ln, fesche Kampln dabei,« unterbrach er, sich die Fingerspitzen küssend, »und i fahr' liefern, daß m'r d' Zeit vergeht und mir an Hausknecht dersparn. Ja mein Liaber, mit'n feschen Huxtl is aus und g'scheg'n. Der is schon lang bei an Tandler ausverkauft wurd'n. I hab' mein' Stimm' verlur'n, no, 's viele Drahn, verstehst? und bin a Zeitlang in Spital g'leg'n. Dann war's nix mehr mit'n Singen, kannst d'r denken. In der Zeit stirbt d'r d'r Tschickerl. Z'viel g'soffen und draht. Meiner Seel', Tonl, um den hat's mir lad tan. Hätt'st hör'n soll'n, was er vor sein' Tod' no g'sagt hat. Urndli red'n hat er nimmer kennen, 's Schilé war total hin, kan Unterfuatta und kan 417 richtigen Fad'n, der no g'halten hätt'.Tuberkulose. Zerrissenes Gilet = zerstörte Lunge. Im Spital hab' i 'hn no hamg'suacht, an Tag bevur er g'sturb'n is. Mant er no: »Hörst, Bruader, dös is guat. Der Tschickerl sterb'n! Höcher geht's nimmer, du, der Tschickerl sterb'n! So was gibt's net.« Das hat er nur so ganz stad und schwerfälli sag'n könna. Am nächsten Tag war's aus. Denn alles, was der arme Tschickerl anmal g'sagt hat, es kann net sein, is do g'scheg'n.

Und er muaß si's selber denkt hab'n, daß's sein kann, denn er hinterlaßt m'r in Testament zwatausend Guld'n. Kannst d'r denken, daß i's brauchen hab' können. Weil i aber do a bißl g'scheiter bin wurd'n und i m'r g'sagt hab', so geht's net weiter, verdienen kann i m'r bei der Volkssängerei nix, hab' i halt die Ambros g'fragt, ob sie's mit mir alt machen möcht'. Sie hat natürli net na g'sagt und so ham m'r g'heirat'. Um das Gerstl vom Tschickerl hab' i unter der Hand a guats Wäscherg'schäft kauft und so leb'n m'r jetzt ganz schön mitanand.«

Anton hatte diesem Berichte schweigend gelauscht, und welch bittere Gedanken ihn auch bewegen mochten angesichts eines Glückes, das er auch einst an der Seite eines geliebten Mädchens erhofft, er äußerte kein Wort, sondern starrte nur vor sich hin.

»I hab' heut wem g'seg'n,« begann er nach einer Weile mit einem bitteren, fast verächtlichen Lächeln, »der mi nimmer hat kennen woll'n.«

»He, wem manst?«

»An, den du a kennt hast und der mir anmal liaber war, wia a rechtschaff'ner Bruader.«

»Ah, i waß scho. Dein Cousin, was? Sixt, der hat a 418 Glück g'macht. Hat 'n Tänzinger sein Madl g'heirat't, die ganz verschossen war in eahm. I sag' d'r, so a Hochzeit war no net am Grund, wia die im Judentempel.«

So teilnahmslos Anton bis jetzt das Gespräch geführt, jetzt fuhr er aus seiner gedrückten Stellung empor.

»Was?« rief er, und seine Augen blitzten, »g'heirat't und jüdisch ah no? Is er a Jud word'n?«

»Natürli. Glaubst, d'r Alte hätt' sunst die Heirat zualassen? I hab's so zuafällig erfahr'n, das soll erst an Höll'nspektakel geb'n hab'n. Aber der rote Teufel hat net nachlassen. Also hat d'r Alte endli eing'willigt unter der Bedingnis, daß dein Cousin a Jud wird.«

»Und er hat woll'n? Er is aner wurd'n?«

»Na, net wird er woll'n. Bei dem Geld! Hat a Haus mitkriagt vom Schwiegervotan, und so ah no hübsch a bißl was. Da nimmt aner scho was mit in Kauf. War eh seit jeher a halberter Jud. Bitt di, hör m'r auf! Was macht denn 's liabe Geld net alles.«

»Und er war schuld an all'n«, flüsterte Anton halb für sich. »Auf ihm hab' i so traut und baut. Wia si die besten Leut' ändern können.«

»Geh, denk net an dö Sachen. Kann m'rs vorstell'n, daß er di net hat kennen woll'n. Gebert a schöns Dunnerwetter vom Schwiegervotan. Waßt, ich glaub' net, daß der Junge grad a schlechter Kerl wurd'n is. Aber – – no, i brauch' net mehr z' sag'n. Er g'hört net zu unseran und wann er si früher anmal mit uns verstanden hat, so is das schon lang wieder vergessen. I hab' nur heut no an Pick auf eahm weg'n der G'schicht nach mein Benefiz, waßt eh no, obwohl's meine Alte immer no ablaugn't. Jetzt, das is ah vorbei, red'n m'r drüber nix.

Waßt, jetzt brech'n m'r auf. I liefer nur net weit von 419 da mein' Wäsch' ab und dann fahr'n m'r ham nach Ottakring. Bleibst vorderhand bei uns, ohne Widerred'. Tät d'r schwer fall'n, glei wo anz'kummen. Müassen erst beraten, was g'scheg'n soll. Glaubst gar net, wia oft i und mein' Alte von dir g'redt hab'n und a guater Kerl is s' do immer g'wesen, das steht.«

Anton, von dem leichtbegreiflichen Schamgefühl aller aus der Strafhaft Zurückgekehrten erfüllt, so lange sie nicht hartgesottene, oft bestrafte Verbrecher sind, weigerte sich erst beharrlich. Aber endlich mußte er sich dem Zureden, noch mehr den vorgebrachten Gründen Huxtls fügen. Also brachen die beiden auf und nachdem der Geschäftsmann seine Agenden erledigt, begaben sie sich nach dessen Wohnung.

»He, Tinerl,« rief Huxtl in die Türe eines Raumes, dem ein starker Bügeldunst entströmte, »kumm überi in d' Wohnung. I hab' an Bekannten mitbracht. So kumm nur Tonl ins Zimmer«, fügte er, zu Anton gewandt, hinzu. Der folgte dem Voranschreitenden. Es war ein gemütlicher, sehr behaglicher Raum, zwar in der primitiven Art von Noblesse ausgestattet, der dem Volke als der Inbegriff aller Möblierungskunst erscheint, aber dabei sehr traulich und anheimelnd.

Nach einer Weile erschien die Ambros, vielmehr die jetzige Frau Huxtl. Sie war wirklich bedeutend stärker geworden, aber nicht in dem Maße, wie ihr Gemahl für gut befunden, ihre Dicke zu schildern. Das Gesicht war aber noch immer das schöne, freundliche der ehemaligen Quartiergeberin, das Haar noch immer so leuchtend blond, und sie war trotz allem noch immer das alte Ebenbild der unglücklichen Milly. Das mochte Anton finden, als er der Eintretenden entgegenstarrte.

Im ersten Momente hatte Frau Ernestine Anton nicht 420 erkannt. Dann aber, als dieser sich erhob und ihr unsicher entgegenschritt, stieß sie einen Schrei halb der Verwunderung, halb des Schreckens aus.

»No, Tinerl, was sagst?« frug Huxtl, äußerst befriedigt von dem, seiner Meinung nach sehr gelungenen Coup.

Aber rasch hatte Frau Huxtl die erste Überraschung überwunden. Sie ergriff die ihr schüchtern gebotene Hand und blickte Anton in das bleiche Gesicht. Als sie die so tottraurigen Augen auf sich gerichtet sah, übermannte sie ihre natürliche Güte und Liebe, von der sie bekanntlich einen reichen Fond besaß. Im Überströmen ihrer Empfindung schloß sie den in die Welt Zurückgekehrten in die Arme und schluchzte herzbrechend.

»Toni, Toni, – o! warum hat das so kommen müassen?«

Anton blickte höchst hilflos darein und zwang sein Gesicht zu einem krampfhaften Lächeln.

»War m'r wohl bestimmt,« murmelte er, »bin nur froh, daß mein' Mutter das net erlebt hat.«

»Gott sei Dank, ja, Toni, aber – es is – es is uns ah schwer – gnua g'fall'n. I hab' damals – glaubt – mi trifft der Schla–a–ag . . .«

»Geh, Tinerl, mach eahm net 's Herz schwer, desweg'n hab' i'hn net herg'führt. Mir woll'n eahm a bißl hamurisch machen, net no tramhaperter. Mach di kommod, Tonl, tua als ob's d' daham warst. Nur kan Schenierer. War jo nix so Unrechts, was d' ang'stellt hast. Mein Gott, dein Natur war halt a gache. I waß eh all's. Hätt' dös dumme Ding net erst nach'n Messer griffen! Am End' hätt' ihr's ah passiern können.«

421 Anton, als ob die fürchterliche Szene aufs neue vor seinen Augen stünde, blickte finster vor sich hin. Dann drängte er die weinende Frau Huxtl von sich.

»Rühr'n S' mi' net an, solang i in der G'luft steck'. Huxtl, wannst m'r a G'wand leichen kannst, i möcht' nur das von mir bringen. Da, – da,« und er zeigte auf verschiedene Stellen seines Rockes, »überall war – ihr – ihr Bluat drauf. O Milly, Milly!« schrie er in so fürchterlicher Qual auf, daß sich die zwei Eheleute erschüttert anblickten.

Aller lange zurückgehaltene Schmerz, die ganze, so lange abgestumpfte Erinnerung brach aufs neue hervor beim Anblick dieser Frau, die ihn mit ihren Zügen an die tote, ermordete Geliebte, an einige glückliche Kindertage und an die Zeit langer verborgenen Leiden gemahnte.

Mit einem Zartgefühl, das nur seinem harmlosen, gutmütigen Herzen entsprang, entfernte sich auf einen stillen Wink Huxtls das Ehepaar. Beide fühlten, daß sie im Augenblicke nur störende Zeugen eines Schmerzes sein würden, der zehn Jahre, einer schleichenden Krankheit gleich, in diesem unglücklichen Herzen gehaust.

Ja, es waren echte Kinder jenes einst vielgepriesenen, heiteren, leichtsinnigen, gutmütigen Wiens, auf die in Wahrheit das Wort vom goldenen Herzen paßte. Ich habe sie geschildert mit voller Liebe, wenngleich in allen Schwächen und Fehlern, die einesteils das Erbe der Menschennatur, andernteils das Produkt der übermächtigen Verhältnisse sind.

Der wortkarge, jähzornige aber grundgute Anton; die leichtlebige, aber warmherzige Milly; der liederliche, nachtschwärmende, jedoch großmütige Huxtl, die sinnliche, untugendhafte Ambros, deren einziger Fehler war, daß sie alle Register der Liebe zu jeder Zeit aufzog, nicht zu vergessen 422 des armen, schlemmenden, schwatzhaften, aber treuen und dankbaren Tschickerls – sie sind eben Wiener aus jenem Blute, das heute beinahe im Zerrinnen begriffen ist.

Als die Dunkelheit herangebrochen, erschienen Huxtl und Frau Ernestine mit Licht im Zimmer und fanden Anton auf einem Stuhle sitzend, vor Müdigkeit und tränenbenetzt eingeschlafen. Bei ihrem Eintritt fuhr er empor und starrte erst eine Weile verwundert um sich. Er vermeinte sich in seiner Zelle.

»No, Tonl,« sagte Huxtl ermunternd, »Zeit zum Nachtmahl'n is. Mir werd'ns uns recht g'müatli machen. Waßt, abgehn laß m'r uns nix, wann m'r si in ganzen Tag plagt, haßt's abends guat leb'n. Geh, Alte, deck auf und bring 's Essen eini!«

In kurzem war der Tisch gedeckt und dampfende Schüsseln und volle Biergläser erhöhten die Traulichkeit des Gemaches.

Als dann die Zigarette in ihre Rechte getreten war und die drei Personen Zeit zu einem gemütlichen Gespräche fanden, lenkte Huxtl dasselbe auf die Zukunft und die ferneren Absichten Antons.

»I waß selber net, was i tuan soll. I hab' no net drüber nachdenkt. Für d'erste Zeit hab' i Geld, was i von mein' Verdienst außikriagt hab', dann hab' i woll'n auswandern von da. Irgendwohin, wo mi niemand kennt.«

»Nix da,« sagte Huxtl, »i und mein' Alte ham scho mitanander g'redt, was g'schegn soll. I möcht' d'r ah net raten, da in a Werkstatt z'gehn. I waß, wia dö Leut' san. Kummt d'r aner auf dein Klampfl, so san glei a paar da, dö d'r ka Ruah gebn. Und wia i di kenn', is scho a Rafferei firti, vur so was muaßt di hüat'n. Alsdann manen m'r so: 423 Du bleibst bei uns. Arbeit Schock, mir hätten jetzt eh bald an no aufnehmen müassen, mir wird's z'viel. Nimmst d'r a Kaminet im Haus und du hast die Kost und an Lohn bei uns. Wia's d'r's später ändern wirst, kann m'r no net sag'n. 's anzige is, bei uns hast a Ruah. Du kennst'n Huxtl. Wann da nur ans 's Maul aufmachert, liegt's scho draußen. Is guat? Sag' ja und d' Gschicht' is g'spitzt. Und du Alte, bringst dann an Liter Marka, daß m'r drauf anstößen. Gilt's, Tonl?«

Der konnte, nichts tun, als wortlos die Hand dem Freunde hinzustrecken.

»Also is guat. Muring geht's an, wirst dann glei auf andere Gedanken kummen. Geh, Tinerl, schiab umi zum Wirt, kannst glei zwa Liter mitnehmen. Dr Wirt soll d'r Flaschen leichen . . .«

 

Ende.

 

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