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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel.

(Das Ende einer Genossenschaft, die im Begriffe war erst richtig zu prosperieren. Fischer erinnert sich einer kleinen, verjährten Angelegenheit.)

Fischer war nach dem Verlassen des Lokales durch die Straßen getaumelt, zwischen zwei Bedürfnissen schwankend. nach Schlaf und weiterer Befriedigung seiner unersättlichen Trunksucht. Es lag etwas Unstetes in der Art, wie er trank. Von leiblichem Genuß konnte keine Rede sein, es war die Sucht nach Betäubung. Irgend etwas Schauerliches, Geheimnisvolles, das er zu hüten hatte, und das er hütete, selbst in den Stunden ärgster Volltrunkenheit, meldete sich in letzter Zeit unausgesetzt, fürchterlich mahnend, zum Wahnsinn treibend. Wenn er für einige Stunden vergessen wollte, mußte der Fusel seine Sinne umnebelt halten, daß er dalag wie ein Toter, gleichviel wo, nur fest, tief, unweckbar mußte er schlafen können.

Wenn er dann erwachte und allmählich sich Ring um Ring zur Kette seiner grauenvollen Erinnerungen fügte, fuhr er mit entsetztem Schrei auf, von der Angst gepeinigt, er könnte vielleicht doch im Schlafe etwas verraten, oder er könnte im Rausche der gestrigen Nacht irgendwas verbrochen haben. Er traute sich alles zu, ohne daß ihm die Erinnerung des nächsten Tages vielleicht Kenntnis seiner Tat gebracht. Wenn er oft nach einem in irgendwelchem Felde verschlafenen Rausche die brennenden, verklebten Augen aufzureißen sich bemühte, war sein nächster Blick der auf Hände und Kleidung, ob nicht Blut daran klebte. In letzter Zeit, wenn er daheim 348 schlief, hatte seine Familie Ruhe von ihm gehabt, da er angekleidet auf die sein Lager bildenden Lumpen fiel und in einen todähnlichen Schlaf versank, nach dem Erwachen aber gleich das Haus verließ, um die Branntweinschenken aufzusuchen und dort in ordinären Zoten, wüsten Schimpfworten und hitzigen Debatten über nichtige Dinge sich der Täuschung hinzugeben, sein Leben sei wirklich von keinen anderen Interessen erfüllt als denen eines gewöhnlichen Trunkenboldes.

Heute traf ihn ein neues Erschrecken in der Botschaft vom Tode seines Kindes. Das einzige zärtlichere Gefühl, dessen diese verwüstete Natur noch fähig war, wandte sich dem Knaben zu, wenngleich die Zuneigung noch sehr weit von einer väterlichen war, wenigstens in ihren Äußerungen. Ganz plötzlich kam ihm das Bewußtsein einer grenzenlosen Vereinsamung. Nun hatte er kein Kind mehr, nichts, das ihn noch ein wenig mit der Menschheit, der Gesellschaft verband. Etwas wie Reue wallte in seinem verhärteten Herzen auf, aber die Reue fürchtete er wie ein schreckliches Gespenst. Nein! Nicht daran denken! Ändern ließ sich nichts mehr. Da Fischer jedoch für jeden Unfall, für alles Unangenehme, für alle Laster und Verbrechen jemanden mit der vollen Verantwortlichkeit belasten mußte, mit Ausnahme seines Selbst, wandte er allen Groll gegen die unglückliche Frau, deren schwerstes Verhängnis die Zugehörigkeit zu diesem Manne war. Hatten sich mildere Gefühle geregt, die dumpfe Rachsucht, der erstickende Groll löschten sie für immerdar.

Die Abendluft hatte die Fuseldünste etwas vertrieben und das Gehirn geklärt, deshalb mußte dieser abnormale Zustand in sein richtiges Geleise gebracht werden und der Besuch weiterer Spelunken war etwas Unerläßliches. 349 So kam es, daß nach kurzer Zeit der Tod seines Kindes und die beabsichtigte Mißhandlung dessen Mutter bald vergessene Dinge waren. Ärger taumelnd als zuvor, johlend und zeitweise stehenbleibend (von Stehenbleiben nur in allgemeiner Wortanwendung gesprochen), um ein Bedürfnis zu verrichten, gelangte er in ganz andere Straßen, als er vielleicht anfänglich beabsichtigt, und plötzlich fand er sich schon weit entfernt von den letzten Ausläufern des Bezirkes, jäh an den Abgründen der »Lahmlacken«, wie die Ziegelofenteiche genannt wurden.

Welche Macht hatte ihn gerade hiehergetrieben? War es die lose Macht des Rausches, die unbestimmbare des Zufalls, die unentrinnbare des Verhängnisses? An alle Orte der Welt, selbst die fürchterlichsten, wäre er lieber gelangt, nur an diesen einzigen nicht. Wie mit verbundenen Augen hatte er sich hiehertreiben lassen, zu einer bösen Stunde, zu einer bösen Zeit, wie einmal vor Jahren. Geradeso hatte der Mond in dem Wasser gespiegelt, die Rufe der Unken hatten geradeso durch die Stille getönt. Und auf der Oberfläche der »Lahmlacken« waren die vom Mondlicht beleuchteten Kreise die einzigen, schnell enthuschenden Künder einer eben begangenen Kainstat.

Es gibt ein Entsetzen, das nur das Fieber, die Delirien des Säufers und die Todesangst zu verursachen vermögen. Jenes fahle Entsetzen, dessen Grundstimmung ödeste Hoffnungslosigkeit ist, das die Gesichter der Leichen verzerrt und das dem Tode wehrt, mit versöhnender Hand sein Opfer zu segnen.

Und von diesem unsagbaren, nicht zu schildernden, markdurchkältenden Entsetzen fühlte sich Fischer erfaßt, da er auf die spiegelnde Oberfläche des Teiches starrte. Denn auf ihr wiegte sich ein menschlicher Körper, ein fahles, 350 eingesunkenes Gesicht hob sich von dem blaublitzenden Grunde ab und fürchterlich geöffnete Augen starrten zum ruhigen Monde empor.

Kein Schrei vermochte sich den verzerrten Lippen des vor Entsetzen wahnsinnig gewordenen Säufers zu entringen.

Er hätte sonst zu grauenhaft unmenschlich geklungen. Das Übermaß einer menschlichen Empfindung erstickte jede, selbst die tierischeste Äußerung.

Und immer mußte er wie mit gebannten Blicken hinab in das schimmernde Wasser starren. Tief zwischen den abgegrabenen Böschungen lag es und mit der stets gleichbleibenden furchtbaren Regungslosigkeit sah das bleiche Antlitz daraus empor. – – – – – – – – – –

Eine Frau, die vor Torschluß noch rasch einen kleinen Einkauf bei Herrn Schwarz besorgen wollte, prallte im untersten Korridor gegen einen Mann, der unverständliche Worte lallend und mit den Händen scheinbar etwas abwehrend in der Luft herumfechtend nach dem Zugang zum Keller wankte.

Die Frau hatte im ersten Moment die Gestalt Fischers erkannt, der offenbar nach alter Gewohnheit stark betrunken wieder einmal heimkam.

Aber bei dem schwachen Schein der Laterne, die Gang und Hausflur zugleich sehr spärlich zu erhellen bestimmt war, hatte sie einen Blick in das Gesicht des Taumelnden getan.

Und was dieses dem flüchtigen Blick offenbarte, bewies in fürchterlich deutlicher Schrift, daß der Mann gezeichnet war. »Kain, wo ist dein Bruder Abel?« – Nimmer ein Trunkener, nein, ein Wahnsinniger suchte die Schwelle seines Heims auf, das, durch seine Schuld verödet und verfinstert, ihm durch die geöffnete Türe entgegenstarrte.

351 Wo waren seine Kinder? Ach! und wo war sein Weib? – Öde Finsternis außen und unerhellbare, ewige Finsternis innen.

Dieses armselige, trostlos elende Heim – was es noch an guten Geistern beherbergt hatte, sie waren ausgezogen, unwiederbringlich dahin.


Das kinderlose Ehepaar, das die Hausbesorgerstelle bekleidete, unterschied sich in keiner Weise von dem Typus des Durchschnitts-Haustyrannen. Eine gewisse Jovialität und Gutmütigkeit zierte diese zwei Leute und ihre Regierung war eine mild autokratische. Bei Zinsnöten ihrer Untertanen (kein seltenes Ereignis) vermittelten sie bei dem Hausverwalter stets zugunsten der bedrängten Partei und erwirkten ihr die Erlaubnis, die schuldige Miete in Wochenraten abtragen zu dürfen. Die Kinder wurden nicht mehr als billig bei ihren Spielen sekiert, und da die »geöffnete Hand« weder bei dem einen noch bei dem andern Mieter auf irgend etwas gestoßen wäre, das einigem Metallwert geglichen hätte, stellte sich das Ehepaar Brinka auf den Standpunkt der Unnahbarkeit und Unbestechlichkeit, welche Tugenden es nie verfehlte, in das gehörige Licht zu rücken.

Der Mann war Maurer und einige Tage im Jahre konnte man ihn im weißen »Janker« und ditto »Fürta« das Haus verlassen sehen. Es schien jedoch, als ob bei ihm ein neidisches Schicksal unablässig bemüht gewesen wäre, der bürgerliche Tugend der Arbeit Hindernisse entgegenzustellen.

Einmal fiel dem wackeren Brinka ein Ziegel auf die Hand, ein anderesmal verletzte ihm ein vom Stiele losgesprungener Hammer das Auge, ein drittesmal fiel er vom Gerüst und verrenkte sich die Hüften oder verstauchte sich 352 den Knöchel; dann wurde wieder zu wenig gebaut, so daß zwischen Angebot und Nachfrage bezüglich von Arbeitskräften ein bedauerliches Mißverhältnis herrschte, das seine schärfste Spitze ausgesucht gegen Brinka kehrte.

Die Frau mit ihren 85 Kilogramm Lebendgewicht behauptete, es »auf der Brust« zu haben, so daß sie sich nur mit leichteren Hantierungen begnügen mußte. Für die schweren und gröberen war ein altes Weiblein als Aushilfe aufgenommen, das bedenklich hustete und infolge einer überstandenen Nervenkrankheit unablässig mit dem Kopfe wackelte.

Bei jedem Huster, den es ausstieß, meinte Frau Brinka: »Mein Gott, Sie hab'n S' guat, Mahlerin, Sie können Ihna aushuasten, während i glaub', mi derwürgt's. Kan Megerzer bring' i außi, bei mir geht die Krankheit einwendi.« Diese seltsame »einwendige« Krankheit hinderte die Frau nicht, mit vorzüglichem Appetit eine ganz gediegene, substantielle Krankenkost zu verzehren.

Im übrigen, wie gesagt, waren die beiden Leute nicht unleidlich und standen bei sämtlichen Parteien in großem Ansehen. Die arme Frau Fischer hatte manchmal Gelegenheit, für die rauhe Gutmütigkeit der Hausbesorgerin dankbar zu sein.

Sonst lebten sie in einer gewissen Abgeschlossenheit, wie Leute, die sich ungern die Geheimnisse ihrer Häuslichkeit beschnüffeln lassen.

Was sämtlichen Parteien am meisten auffiel, war die große Not an Hauskellern. Die meisten mußten sich mit einem einzigen Loche begnügen, manche besaßen gar keinen. Das Ehepaar Brinka verweigerte die Herausgabe von Kellern unter den nichtigsten Vorwänden. Darauf aufmerksam gemacht, daß doch einige sehr große Räumlichkeiten, die stets 353 mit schweren Schlössern versperrt waren, frei sein müßten, erwiderten sie, daß der Hausverwalter verschiedenes darinnen eingelagert, und andere unglaubwürdige Ausreden mehr.

An dem heutigen Abend nach Torschluß saßen Brinka und seine Frau im Zimmer bei Tische und führten ein sehr lebhaftes, aber leises Gespräch. Ab und zu stärkten sie sich durch einen Schluck aus den vor ihnen stehenden Weingläsern.

»Waßt, Alte,« sagte der Mann, die eben gestopfte Pfeife in Brand setzend, »i bin gar net damit einverstanden, mit dem Fischer. Es ist wahr, er is tüchti, und an Strafwag'n abrama versteht er net ohne. Aber er wird mit jedem Tag tepperter vor Saufen.«

»Das machert m'r weniger Sorg'n,« sagte seine Frau sinnend, »aber der unglückselige Wimmer. Tuat der so was! I möcht' net guatsteh'n, daß er am Ende plaudert, wo's eahm eh schon alles aus sein muaß.«

»Da hast es ja, alles geht schief, weg'n dem ölendigen Schnapssaufen von dö Leut'. Kan Mensch hätt' anmal a Idee g'habt von dem . . . .,« er deutete mit dem Daumen zum Fenster hinaus nach der Richtung des Feldes, wo der Mord geschehen, »kan Mensch, am wenigsten d' Polizei. Wo d'r Teufel was einbrenna will, schickt er a Frau'nzimmer hin. Und muaß dös Mensch no an Schnaps mithab'n! Für'n Seppl grad g'nua, daß er d' größten Patzen macht. Jetzt vorderhand hab' i no ka Sorg'. Der und d' Polizei ham ka Zeit auf dö Klanigkeit z' denken, dö mir da ausmachen.«

»Sixt, daß d'r Fischer was ausplauscht, glaub' i grad am wenigsten«, lenkte die Frau das Gespräch auf seinen ursprünglichen Gegenstand. »Der hat was am G'wissen. 354 Wann er ah manchmal beinah' vom Sessel g'fall'n war vor Rausch, i hab' eahms ankennt, daß eahm was druckt. Aber anmal nur a Alzerl, daß er verraten tät – das gibt's net. Der is g'wöhnt, auf a jed's Wartl aufz'passen. I verlass' mi mehr auf eahm, wie auf an andern.«

»I waß net, i kann nix Rechts sag'n, aber i g'spann was, daß dö G'schicht' g'fehlt ausgehn kunnt. Wann i nur schon d' Keller laar hätt' – wann amal da d' Polizei was g'neißt, san m'r d'rin im Wakschaffel.«

»Heut kummt ah no was dazua. D'r blade Heanzer hat an Wind g'schickt.«

»Einikumma! Einikumma tuat g'nua, wia aber wegabringa? A Möbelwag'n war z'weni. Und mit dö Keller is dös a eigens Zeug. Dö Leut' g'spannen m'r scho' z' viel, daß da was net richti is.«

»Denk' d'r nur,« sagte die Frau, »gestern macht m'r net die Blaschke an Bahöll, weil ihr d'r Keller z'klan is? Und wann i aner net trau', so is's dö Bisgurn. Seitdem, als sie si net über ihr'n Mann mehr traut, hat s' ihre Goschen überall.«

»Der Mann g'fallt m'r ah net«, ergänzte Brinka den Gedankengang seiner Frau. »Der is zu viel ausg'wechselt, als daß er mir g'fall'n tät. Was der damals auf d'r Polizei z' tuan hat g'habt, geht m'r heut no net ein. Und das Bett, was er si aus sein' Keller g'holt hat mit den Fremden, kann ah a Maker sein.«

»Ah! den Teppen fürcht' i gar net.«

»Lern' m'r meine Leut' net kennen. Grad vur dö, wo m'r am wenigsten an was denkt, muaß m'r si hüat'n.«

355 Plötzlich ertönte über den Häuptern des Ehepaars die Glocke.

»No, wer wird denn dös sein jetzten? Anmal a Spirgeld? Das war was Seltsames,« meinte Brinka, indem er den Haustorschlüssel vom Schlüsselbrett nahm und eine Kerze anzündete. »Is m'r eh liaber jetzt wia später geg'n d' Fruah. Muaß aus heut aufbleib'n, und 's Haustur spirr i ah nimmer zu.«

Er schritt hinaus und öffnete das Tor. Ein ihm gänzlich unbekannter Mann drängte herein. Ehe Brinka noch seiner Verwunderung oder Mutmaßung, daß es sich um einen Irrtum bezüglich des Hauses handle, Ausdruck geben konnte, fühlte er sich gepackt, der Torflügel ward aufgerissen und im Nu standen einige Wachleute und Zivilbeamte im Hausflur.

»Kein Aufsehen machen«, flüsterte einer dem vor Überraschung starren Hausmeister zu.

»Tor nicht zusperren,« sagte ein anderer, als Brinka den Schlüssel umzudrehen versuchte, »es bleibt so, wie es ist. Und jetzt in Ihre Wohnung!«

Der Schrecken Frau Brinkas war kein geringerer als der ihres Mannes, da die Wachleute, diesen in der Mitte, hereinkamen. Mit aufgerissenen Augen starrte sie bald auf die Organe der Sicherheit, bald auf ihren Eh'gemahl, dem einer der Detektive eben Handfesseln anlegte.

»Bei Ihnen will ich bezüglich der Fesselung eine Ausnahme machen,« wandte er sich an die Frau, »rate Ihnen aber im Guten, sich vollkommen ruhig zu verhalten. Zwei Mann werden hier zu Ihrer Überwachung bleiben und jedes Zeichen einer Verständigung unter sich wie mit jemand anderem zu verhüten wissen.«

In kurzem glich das Haus einer kleinen Festung, die einen Ausfall beabsichtigt. Zwei Mann wurden vor die Kellertüre 356 postiert, zwei bewachten den Stiegenaufgang, die andern begaben sich in den Hof und behielten durch die Glasfenster des Windfanges das Tor im Auge.

Lange mußten sie so in vollkommener Stille ausharren. Niemand von den Parteien durfte eine Ahnung von der seltsamen Einquartierung besitzen, bis auf eine, die bei Inszenierung des Kriegsplanes eine Rolle zugeteilt erhalten hatte. Es war dies niemand anderer als Blaschke, der erst nach langem Zögern und Widerstreben sich dazu bereit gefunden hatte. Man hatte ihm die bindendsten Zusagen machen müssen, daß sein Name unter keinen Umständen mit den Ereignissen der heutigen Nacht in Verbindung gebracht würde. Nicht ohne Grund befürchtete er, daß er die Rolle, die ihm aufgedrungen worden, mit seinem Leben bezahlen könnte, kam eines der Bandenmitglieder auf seine Mitwirkung.

Sein Amt war, im dunkeln Zimmer bei geöffnetem Fenster zu sitzen und auf nahende Schritte und eventuelle Pfiffe zu horchen, dann rasch vom Gangfenster in den Hof zu husten. Damit war seine Tätigkeit zu Ende.

Endlich um drei Uhr früh vernahmen die vor Aufregung fast zitternden Wachleute von oben ein starkes Husten. Man stand in Bereitschaft. Das unversperrte Tor wurde schnell und leise und nur sehr unvollständig geöffnet. Vier Gestalten hoben sich undeutlich von dem schwach vom Mondlicht erhellten Hausflur ab. Auch ihnen ward nicht Zeit gelassen, sich in die Situation zu finden. Einige Bündel, die sie trugen, verhinderten überdies eine richtige Gegenwehr. Sie wurden gefesselt in die Hausmeisterwohnung gebracht, wo zwischen dem Ehepaar und seinen Gästen ein keineswegs erfreuliches, stummes Wiedersehen stattfand.

»D' Polizeipritsch'n«, sagte nur einer. Das Wort 357 genügte, um die Ursache der Überrumpelung auszudrücken. Niemand als ein Verräter konnte der Polizei die umfassenden Aufklärungen gegeben haben, daß diese solche wohlvorbereitete Anstalten treffen konnte. Und wer mochte der Verräter sein? Seppl, dessen Kopf oder lebenslängliche Freiheit verwirkt waren, und der keinen Rächer mehr zu fürchten hatte.

Wachmänner legten sich abermals auf die Lauer. Nur stand einer bei dem zu einem kleinen Spalt geöffneten Tor. Plötzlich ertönten vom weiten schrille Signalpfiffe und bald darauf stürmte ein Trupp Bursche gegen das Haus, deren einer in ganz eigentümlicher Weise an der Glocke anriß. Ein Eingeweihter konnte wissen, daß dem draußen Harrenden Gefahr drohe und Brinka würde sich sicher mehr als gewöhnlich beeilt haben, seine Pflicht als Hauscerberus zu erfüllen.

Der Wache stehende Polizist hatte gleich, nachdem er die Signalpfeifen seiner Razzia haltenden Genossen vernommen, das Tor gänzlich geschlossen und nach einigen Augenblicken geöffnet.

Herein stürmten sechs Gestalten, die es eilig zu haben schienen, die Hausmeisterwohnung zu erreichen. Keiner hatte des den Torwart vertretenden Wachmannes geachtet, der sich fürsorglich tief in den Winkel zurückgezogen hatte.

Die Bändigung dieser Gesellen war eine schwerere als man gedacht. In dem halbdunklen Hausflur begann ein schweigender aber erbitterter Kampf. Zwei Wachleute bluteten bereits, andere lagen mit den Verbrechern zu einem Knäuel geballt.

Endlich nahte Verstärkung in einem starken Trupp von Wachleuten, die eine Razzia auf die im Freien herumlungerndem Strolche unternommen und sie zum Scheine 358 verfolgt hatten, um sie nach ihrem gewöhnlichen Zufluchtsort zu treiben.

Die gefährlichsten Köpfe der Bande nebst dem Hehlerpaar waren nun für längere Zeit unschädlich gemacht. Die geheimnisvolle Tätigkeit der Verbrecher, ihr spurloses Verschwinden bei Verfolgungen, die Unmöglichkeit, jemals der gestohlenen Waren ansichtig zu werden – alles hatte seine einfache Lösung gefunden.

Der schrille Pfiff eines Wachmannes, auf der Straße ausgestoßen, ließ bald ein massiges Gefährte vor dem Hause erscheinen, das sich als ein Zellenwagen entpuppte. Dieser nahm die ganze illustre, gefesselte Gesellschaft auf, um sie nach dem einstweiligen Arreste zu überführen, indes ein Teil der Wachleute zu Fuß die Nachhut bildete.

Nur einer fehlte noch, dessen Aufenthalt ein so ungewisser war, daß man seine Inhaftnahme für morgen aufschieben mußte. Es war Fischer, der als zur Bande gehörig und als berüchtigter Streifwagendieb gleichfalls arg kompromittiert war.

Einen oder den anderen zu erwischen und zu überführen, wäre schon früher gelungen. Aber es hieß, sich mit einem Schlage der ganzen Gesellschaft zu bemächtigen und sie in ihrem Schlupfwinkel aufzuspüren, sonst wären die Allergefährlichsten gewarnt worden, und man hätte Zeit gehabt, die Spuren zu verwischen, die zu den Hehlern führten.

Die bei der Kellerstiege postiert gewesenen Wachleute machten die Mitteilung, daß sie unten eine Stimme und ein Geräusch gehört hätten, als ob Gegenstände zertrümmert würden. Das konnte nur aus Fischers Wohnung kommen. Man ward besorgt um die Frau, die sich mit dem Wüterich allein in der Wohnung befand. So war er also heute doch 359 daheim! Da hieß es, sich mit der Festnahme des gefährlichen Trunkenboldes zu beeilen. Lichter wurden angezündet und ein Detektiv, von zwei Wachmännern gefolgt, begab sich leise über die Stiege hinab.

Plötzlich hielt er, vor der Türe angekommen, inne und winkte den Polizisten zurück, sich möglichst stille zu verhalten. Aus der Wohnung Fischers drangen heisere Töne hervor, drohend gesprochene Worte und zeitweiliges Auflachen. Die drei Lauscher hörten ganz deutlich jedes Wort, das der Mann darinnen sprach.

Unzusammenhängendes Zeug, die Paroxysmen des Fieberwahnsinns; Beschwörungen, an eine unbekannte Person gerichtet, zärtliche Worte an seine toten Kinder, schreckliche Drohungen gegen sein Weib. Hin und wieder ein gellendes Auflachen, ein Gebrüll wie in fürchterlicher Todesnot, dann wieder Flüstern und Murmeln.

Die drei Männer sahen sich bedeutsam an, sie kannten die Delirien des Säuferwahnsinns und wußten, was bevorstand. Eine bange Frage lag in ihren Blicken: was ist mit der Frau geschehen? Vor allem bedurfte man zur Bändigung des Wahnsinnigen Stricke und die Assistenz noch einiger Männer.

Ein Wachmann eilte nach kurzer, leiser Beratung hinauf in die Hausmeisterwohnung und kam bald wieder mit einem glücklich gefundenen Seil und in Begleitung von drei Kameraden zurück.

»Tauch unter,« sprach Fischer drinnen eine imaginäre Persönlichkeit an, »tauch unter wia's erstemal! Jetzt erst kummst aufi aus'n Wasser? Du kannst net sag'n, i hätt' di 'neing'worfen, und niemand hat's sunst g'seg'n. Soviel Staner hab' i in deine Säck' gefüllt, soviel schware Staner. Wer hat's herausg'nummen, daß d' wieder in d' Höh kummen 360 bist und jetzt ob'n am Wasser umerenand schwimmst? Ah! den Durst, den Durst! Ganz brennert bin i einwendi. Franzerl – Franzerl, hörst, oder schlafst schon? Geh', sei brav, hol' dein Votan an Schnaps. – He! Franzerl, was is? Du bist tot? Und dein Muata hat di sterb'n lassen? Karnalie, wart, i wir d'r's zag'n. Wo is d'r Bua? Wo is 's Lintscherl, he? Wo is d'r Bua? Luader, elendigs, wannst di ah versteckst, i find' di do. Wo bist denn, Hundling, kumm her! Da, da hast, so, da hast – no ane – no ane . . . . – und krachend schlug ein Gegenstand auf die Erde, dann noch einer – – – –

Auf einen Ruck war die Türe geöffnet. Die Lichter erhellten den Raum, der ein Bild sinnloser Zerstörung bot. Der ganze armselige Hausrat lag vernichtet da, das Lager war in kleine Fetzen zerrissen; und mit blutigrot geränderten Augen, einer scheußlichen Bestie ähnlicher als einem Menschen, stand Fischer allein in der Mitte des Zimmers und suchte die Trümmer noch einmal zu zertrümmern. Er hatte sein zerstörendes Werk in vollständigster Dunkelheit verrichtet. Das einfallende grelle Licht blendete ihn im ersten Augenblick. Aber bald hatte er die gefürchteten Uniformen erkannt. Man kam ihn zu holen, in den Kerker, zum Galgen . . . . Ein Schrei ergellte, so wütend, daß die Männer einen Augenblick zurückbebten, dann begann das Schreckliche.

O Menschheit, möge nicht allzu oft ein Kampf dich schänden, wie er nun geführt ward, ein Kampf, der an Wildheit und Abscheulichkeit das härteste Gemüt erbeben machte.

Zehn Leute, die ihre Freiheit nachdrücklich genug verteidigt hatten, waren kurz zuvor mit verhältnismäßig leichter Mühe unschädlich gemacht worden. Ihre Festnehmung war Kinderspiel gegen die dieses einzigen Menschen. Auf einen einzigen Sprung hatte der Tobende zwei Männer zur Erde 361 geschmettert, daß sie sich kaum zu erheben vermochten. An den andern vorbei mit der Gelenkigkeit einer Wildkatze raste er über die Kellerstiege hinauf.

Ein Klirren zerschlagener Fensterscheiben, das Krachen splitternden Holzes – er hatte den Windfang im Anpralle aus den Angeln gerissen, und nun raste er in dem durch eine Mauer gegen die Felder abgeschlossenen Hofe umher. Ein unmenschliches Brüllen und Wutgeheul, die stille Nacht erfüllend, entfloh unablässig seinen Lippen und scheuchte die Schläfer von ihrem Lager. An den Gangfenstern erschienen die erschreckten Bewohner, oder kamen mit Lichtern über die Stiegen herabgerannt.

So oft man sich des Tollen bemächtigte, er riß sich los, fuhr den Wachleuten an die Kehle, biß sich in ihre Hände fest, fetzte ihnen die Uniform in großen Stücken vom Leibe, wälzte sich mit ihnen auf der Erde, bis es endlich gelang, ihn förmlich in das Seil einzuschlingen und ihn zu binden, wie man keinen Simson hätte fesseln brauchen, um ihn unschädlich zu machen. Ein Wachmann stürzte von der Aufregung übermannt ohnmächtig nieder.

Die ganze Einwohnerschaft des Hauses stand in Nachtkleidung um die Gruppe, erblaßt und bebend. Einige Frauen bekamen bei dem abscheulich brutalen Schauspiel hysterische Weinkrämpfe – in Verbindung mit dem Gebrüll des Gefesselten, den unwillkürlichen Flüchen der Wachleute und den erregten Auseinandersetzungen der männlichen Bewohner eine Symphonie von höllischer Wirkung.

»Marrand Josef,« schrie plötzlich eine Frau auf, »wann der mit sein' Weib unt' beisamm' war – – – –«

»Sie is net unten,« keuchte einer der Wachmänner, denn von einem ordentlichen, zusammenhängenden Sprechen war für längere Zeit keine Rede, »waß niemand, wo s' is?«

362 Kein Mensch konnte Auskunft geben. Man atmete nur im ersten Moment erleichtert auf, daß sie nicht in Gemeinschaft mit dem Wahnsinnigen sich in ihrer Wohnung befand, denn sie wäre von diesem buchstäblich in Stücke zerfetzt worden.

»Is das a Unglück, was über a Familie kummt,« sagte eine andere Frau, »heut die Aufregung mit dem Buam, wie s' eahm abg'holt ham, das war beinah so schrecklich wie das jetzt . . . . mein Gott und Herr«, unterbrach sie sich.

»Was is? Was gibt's?« frug man.

»Mir is a schreckliche Idee kommeu«, fuhr sie schluchzend fort. »Das arme Weib – hat si sicher was antan. War ka Wunder, nach dem heutigen . . . . .«

Der Blick eines Hausnachbarn fiel in diesem Moment auf den »Kapral« der auf dem Randsteine des Hausflurs saß und dessen Kinnlade auf- und zuschnappte wie die eines Nußknackers.

»Was is denn, Kapral?« schrie er ihn an.

»O Jekisch, Maria, Josefe,« brach dieser los, »o i dumme Kerl, i Viech b'soffene . . . .«

»Was hat er denn?« tönte es durcheinander.

»Fischerweib arme is gangen nach Ziegelofen, hab' i begegn't, fallt mi erst ein. Is gangen, i hab' i ihr seg'n, wie bin i kummen abends ham, weil i hab' g'holt Fischer.

Hat nix g'habt am Kupf, kane Tichl, nix, gar nix, hat mi net anschaut und is rennt schwind – o Jekusch, Jekusch, Jekusch! waß i jetzt, wo is. Am Lamlacken, ertrunken . . . .«

Der Detektiv und die Wachleute sahen sich betroffen an. Jetzt ward ihnen klar, was die Delirien Fischers bedeutet hatten. Er hatte sein ertrunkenes Weib gesehen – und sie für jemand gehalten, den er wohl einst in das stille, entlegene Wasser gestoßen. Das Opfer hatte sich an seinem Mörder furchtbar gerächt. 363

 

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