Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Adolph >

Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Neunzehntes Kapitel.

(Familienleid und Familienglück können in einem Hause ganz gut nebeneinander bestehen, was nicht erst zu beweisen ist. Der Kapral zeigt sich als strenger Tugendrichter.)

Wenn ein Haus imstande wäre, Memoiren zu schreiben oder von seinen Erlebnissen und Erinnerungen zu plaudern, so müßte das Haus Nummer 37 bekennen, daß es während der kurzen Zeit seines Bestehens schon manche ganz bemerkenswerte Dinge erlebt. Es war ein ganz tüchtiger Ansatz zu einer Chronik gegeben. Aber werden in unserer Zeit noch Chroniken eines Gebäudes geschrieben? Wenn in früheren Tagen in einem Hause sich ein Verbrechen ereignete, kam es nicht selten vor, daß es jahrelang, ja oft lebenslang keine Bewohner mehr erhielt. Unsere Gegenwart ist da, ich will nicht sagen robuster, sondern zerstreuter. Höchst selten wird es einmal einem Menschen einfallen zu sagen, in dem und dem Hause ist vor Jahren dieses und dieses Verbrechen vorgefallen.

Die Nomaden, die durch die Zelte von Eisen und Ziegeln schwärmen, kennen die Geschichte derselben gar niemals. Wer wäre auch da, sie zu erzählen? Höchstens das Haus selbst, und das ist stumm bis zu dem Augenblick, da sich zeigt, es habe Neigung, jedem der einzelnen Teile, aus dem es besteht, volle Freiheit der Bewegung zu gewähren.

Ja, es wird, wie gesagt, keine Chroniken mehr geben, die in früheren Zeiten ein Gebäude interessant machten. Wenn heute eines den Ansatz zu halbwegs ehrwürdigem 333 Alter besitzt, wird es, das schon schwindsüchtig zur Welt kam, lebensmüde, und endet sein Dasein als junger Greis.

Es sei also nichts weiter mehr gesagt, als daß das Haus Nummer 37 an einem Tage Zeuge mehrerer hochbedeutsamer Ereignisse war.

Plötzlich, wie durch die milde Frühlingsluft herangeschwebt, war ein trauriger, schwarzer Gast erschienen, der Schrecken aller Väter und Mütter. An die Ärmsten kam er zuerst heran, Blüte um Blüte vernichtend – der sogenannte Würgeengel der Kleinen.

Die staatliche Prophylaxis steckte damals in den Kinderschuhen. Man hatte noch keine blasse Ahnung von der epochalen Erfindung des hygienischen Spucknapfes, der in unseren Tagen dem staunenden Fremden sofort in jedem öffentlichen Lokale in die Augen fällt, wenn er geneigt ist, in dem hintersten Winkel unter einer Wandbank Nachschau zu halten.

Aber man war durch Spekulation darauf gekommen, daß die Fliegen vermöge ihrer Neigung herumzuschwärmen, sich bei Verrichtung ihrer Leibesbedürfnisse an einen bestimmten Ort gebunden erachten.

In weiterer Konsequenz dieser Erfahrung ward den Lebensmittelverkäufern aufgetragen, auf strengste Sauberkeit in ihren Lokalen zu achten und die vor dem Geschäfte aufgestellten Lebensmittel durch Glasstürze und Organtindeckel gegen die Einflüsse der Straße zu schützen. Selbstverständlich mußte auch Herr Schwarz sich bequemen, die behördliche Vorschrift als auf sich angewendet zu betrachten.

Der über diese obrigkeitliche Einmischung ergrimmte Greisler kam der Aufforderung insoferne nach, als er einige alte, ungereinigte Quargelstürze über etliche zermürbte 334 und bestaubte Bäckereien stülpte und verschiedene andere Lebensmittel mit alten Organtinfetzen verhängte.

Während dieser halbamtlichen Tätigkeit fluchte er ganz schauerlich, und ließ es vor allem an dem staatsbürgerlichen Respekt vor einer vorgesetzten Behörde fehlen.

»Dös is, weil's denen Herrn drin z'guat geht«, schimpfte er. (Unter »drinn'« versteht jeder Wiener die Bureaus irgendeiner staatlichen Körperschaft.) »Weil s' nix Bessers z'tuan ham, dö Paragraphenhutscher, als an G'schäftsmann zun sekiern, der was sein' Zins und seine Steuern zahl'n muaß. Weg'n dö paar ölendigen Hundsbankerten, dö a Straukn und a bißl Halsweh ham, kann si unseraner malträtiern lassen. Natürli, do drin zuzeln si alle Tag was anders aus'n Finger, nur daß s' mehr Papier verschmiern kinna und eahna d'Zeit vergeht. Soll'n hergehn und dö ganzen Fliag'n o'fanga, wird eahna glei d' Zeit net z'lang werd'n.

Herentgeg'n, mir soll so aner von der Steuer kumma, den wir i drüber aufklär'n, wer mir eigentli san! Sein' Zins und sein' Steuer muaß unseraner pünktli zahln, da gibt's nix. Und dann soll m'r si weg'n derer Saubagasch, dö eh nix als aufschreib'n lassen möcht' und nochend nix zahl'n, sekiern lassen? Eppa wir i a jed's Quargl in Stanniol und Seidenpapier einwickeln und a Zertifikat vom Quarglb'schauer beileg'n, daß ka Fliag'n drauf . . . . . bald hätt' i was g'sagt.«

Zu den Eigentümlichkeiten der meisten ehrenwerten Staatsbürger gehört es, jedes Ansinnen an die gemeinbürgerliche Opferwilligkeit als ein Attentat auf sich zu betrachten, insbesondere wenn es sich um einen pünktlichen Zins- und Steuerzahler handelt. Dieser verbindet mit dieser Pünktlichkeit den Begriff höchster Menschentugend.

335 Außer solcher ziemlich unfreiwilligen Tugend ist er zu keinerlei Opfern bereit, und wären sie noch so geringe!

Herr Schwarz (es gibt im gemütlichen Wien leider sehr viele solcher Herren Schwarz) hatte vorsorglicherweise seine Kinder beizeiten, gleich bei Auftreten der Seuche, zu einer Verwandten seiner Frau aufs Land gegeben. Sie waren geschützt und die andern bekümmerten den Greisler nicht.

Das Haus Nummer 37 war bisher von den schwarzen Fittigen des Kinderwürgers verschont geblieben. Mag sein, weil es so isoliert lag. Aber der grause Engel nahte auch ihm und vielleicht, weil er gleich von unten beginnen wollte oder weil ihm schon so wacker vorgearbeitet worden begann er in der Wohnung Fischers sein Werk.

Franzerl hatte jetzt, da wegen der Ansteckungsgefahr die Schließung der Schulen angeordnet war, fast kein anderes Geschäft, als seine kleine Persönlichkeit zu amüsieren. Darum lief er barfuß und barhaupt, nur mit dem gewohnten Hemd und Höschen bekleidet auf den Wiesen und Feldern umher und lachte mit der Sonne um die Wette. Er fand, daß die Welt im Ganzen sehr schön sei und es sich lohne, ihr ein freundliches Gesicht zu zeigen. In letzter Zeit ging es ihm wirklich herrlich. Er konnte sich beinahe alle Tage sattessen, was für einen kleinen, hungrigen Kindermagen gerade soviel bedeutet wie für den eines Großen, ja noch viel mehr. Der Vater kam nur mehr äußerst selten nach Hause und tat dann nichts Gutes, aber auch nichts Böses. Er schimpfte und schlug die Mutter nimmer, nötigte auch Franzerl nicht, ihm auf den schnapsduftenden Mund einen Kuß zu geben, – auf welche Betätigung kindlicher Zärtlichkeit Fischer im Zustande der Trunkenheit manchmal bestand – und vor allem war er jetzt frei. Sogar das 336 Lintscherl, das früher seinem Bewegungsbedürfnisse ein manchmal recht stark empfundenes Hindernis war, konnte ihm dieses nicht mehr sein, denn es war ja im Himmel, wie alle Nachbarinnen in einer Anwandlung sentimentaler Trösterlaune versichert hatten. Ein ganzer Entdeckerdrang hatte ihn erfaßt. Was bargen auch die »Wiesen« für Schätze, nun der Schnee endgültig verschwunden, und volles, sprossendes Grün sich zeigte! Verschiedenfarbige Glasscherben funkelten im Sonnenlicht, ein abgebrochener Regenschirmgriff, ein halber, fast vermoderter Fächer, – aus einer Bernsteindrechslerei die Abfälle und viel dergleichen Dinge, mit denen die Wiese beehrt wird. All das war wunderhübsch, und wenn es auch nicht zum Essen tauglich war, so doch zum Spielen.

So war es einige Tage gegangen, bis vorgestern. Da kam er, wie übermüdet vom Spiele heim, klagte der Mutter, daß ihm der Kopf so brenne, und der ganze Körper sei so kalt – und heute lag der kleine, arme Kerl ganz kalt auf seinem Lumpenlager und spürte nichts mehr von Hunger und Angst vor dem Greisler, nichts mehr vom blendenden Lichte der Frühlingssonne und dem dumpfen Odem des Kellerloches.

Zu rasch hatte es ihn hingerafft, noch ehe der gerufene Armenarzt erscheinen konnte, so rasch, daß die von fürchterlicher Angst und qualvoller Hoffnung zermürbte Mutter es noch immer nicht zu fassen vermochte und sie sich vergeblich bemühte, einen winzigen Funken von Leben zu neuer Flamme zu entfachen.

Der Armenarzt, an den sie sich mit rasenden Bitten hing, vermochte kaum seinen Abscheu über diese feuchte Mörderhöhle zu unterdrücken. Er beschloß, unverzüglich über den sanitätswidrigen Zustand dieser »Wohnung« zu berichten. 337 Der armen Mutter konnte er nur einige vage Trostworte bieten, verstärkt durch die Ankündigung, daß die kleine Leiche binnen einiger Stunden nach der Totenkammer gebracht würde.

Es war nachmittags, als sämtliche Parteien des Hauses durch ein so gellendes Geschrei erschreckt wurden, daß alle sich schleunigst auf die Korridore begaben, um der Ursache desselben nachzuforschen. »Der kleine Fischerfranzl ist gestorben und wird jetzt in die Totenkammer geführt«, lief es von Mund zu Munde, und man eilte hinunter auf die Straße, wo der einfache, schwarze Fourgon stand. In einem Särglein war er schon geborgen, der kleine Franzerl, als er in den Wagen zur Fahrt nach der Leichenhalle gehoben wurde.

Und diese Zeremonie ward begleitet von einem so fürchterlichen, herzzerreißenden Schreien der Mutter, daß ihr alles entsetzt Platz machte und niemand sie zu hindern wagte, als sie sich an die zwei Männer hing, deren trauriges, trostloses Handwerk es war, die Leichen gestorbener Elendsanwärter von ihrem Heim nach der Totenkammer zu bringen.

»Franzerl, mein Franzerl! Mein Anzigs, mei' Bua, mein liaber. O Gott, o Gott! Franzerl, bleib' da, bleib' bei deiner Muatta! Geh net weg von mir, mein armes, armes Batscherl! O, du liaber Himmel! Alls nimmst m'r weg, das Letzte, das Anzige – – –«

»Gengan S', Frau, san S' g'scheit,« tröstete einer der Männer, indem er hinter dem geborgenen Sarg die Tür schloß, »es nutzt Ihner alls nix. B'halten können S' 'hn ja eh net. Denken S' Ihner, er is guat aufg'hob'n. G'habt hat er eh nix, soviel ham m'r schon g'seg'n. Mir is ah ans vur drei Wochen g'sturb'n und i waß, wia's tuat. Muaß halt dreinbeißen in den sauern Apfel, also trösten 338 S' Ihner, Frauerl. – Fertig, aufsteig'n.« Damit schwang er sich mit seinem Gefährten auf den Kutschbock, und in kurzem war der Wagen davongerollt.

Es gibt ein Leid, das so katastrophal wirkt, daß selbst ein verhärtetes Gemüt sich seiner Wirkung nicht entziehen kann. Alle Hausbewohner, die erst nur stumpfneugierige Zeugen dieser schlichten und doch so fürchterlichen Tragödie waren, weinten, und zur Ehre der anwesenden Männer sei es gesagt – auch ihnen rollten die Tränen unaufhaltsam über die Wangen. Die Kinder schmiegten sich fester in die Rockfalten der Mütter, als ahnten sie etwas von jener fürchterlichen Macht, die stündlich auch sie in ihr schwarzes, unbekanntes Reich zwingen konnte.

Mit scheuen Blicken sah man auf das schwache, durch Entbehrung und Sorgen, Leid und Entsagen ausgemergelte, frühgealterte Weib, diese Niobe, die in millionenfacher Wiederholung aus der klassischen Zeit der Sage bis in unsere Zeit des nüchternen, prosaischem schönheitsbaren Weltleides ragt, aber dem Urbild gleichend an Größe und erschütternder Wahrheit des Mutterschmerzes.

Mit einem irren, verständnislosen Blicke sah Frau Fischer dem davonrollenden Gefährte nach, auf die tobenden Ausbrüche ihres Jammers folgte eine fast unnatürliche Abspannung. Still wandte sie sich und ohne jemanden anzublicken, ohne auf eines der vielen mitleidigen Worte zu reagieren, begab sie sich in ihr trostloses, verödetes, unheimliches, durchkältetes Zimmer.

»Bescheide dich!« sagte das neue Haus und roch noch stärker nach Kalk, und die Wände schienen noch feuchter, als weinte das Gebäude mitleidig mit der armen Mutter. »Wir sind die Produkte einer leichtherzigen und doch harten Zeit, bestimmt zu frühem Verfall. Denke nicht daran, daß 339 ich mit Schuld daran tragen mußte an dem Tode deines Kindes. Schuld drückt auf Schuld, bis sie den unschuldigen Wehrlosen erdrückt. Bescheide dich! Nicht uns ist es gegeben, die Zeit zu bestimmen. Entstehn und Vergehn! Ich, wie du und deine Kinder, sind zu einem raschen Verfalle vor der Zeit bestimmt gewesen, ehe wir noch ins Leben traten. Rasch! heißt heute die Losung. Wer nicht mitkann und zu schwach ist, fällt.

Siehe, in eine meiner Stuben ist ein neues Leben eingezogen, als das deines Kindes endete. Getröste dich! Alles ist Wechsel und Vergehn. Ja, es ist eingezogen mit dem Unrecht der Schwachen unserer Zeit. Wer weiß, wie schnell, und auch dieses kleine Leben schwindet wie ein Stämmchen, dem die Hast der Welt verwehrt ein Baum zu werden.«

Das brave, neue, schwindsüchtig gebaute Haus mochte mit dem Mitleid des Todeskandidaten, der im fremden Leid das seine ehrt, so gesprochen haben. Aber, da es keine Sprache für Menschenohren besaß, konnte die unglückliche Frau die gutgemeinte, tröstende Philosophie nicht vernehmen.

Sie saß nur regungslos auf dem einzigen wackeligen Stuhl und starrte immer und immer auf das Lager, als müsse ein Wunder die Gestalt, den warmen, lebenden Körper ihres Lieblings, vor ihren Augen erwecken.

Stunde um Stunde verrann, es kam die Dämmerung, es kam die Nacht. Endlich wie ein Schatten löste sich etwas von dem Bette und wankte nach vorne. Die Türe öffnete sich und schloß sich nimmer hinter der Gestalt, die herausgehuscht war, um nie, niemals wieder zurückzukehren.


Ja, in einer Wohnung des Hauses herrschte freudige 340 Aufregung, obwohl das Ereignis, das sich vollzogen, die Vermehrung um eine winzige Persönlichkeit des ohnehin nicht kleinen Clans des wackeren »Kapral« bedeutete.

Man hatte keinerlei Vorbereitungen zum Empfang des neuen Ankömmlings getroffen, aus dem einfachen Grunde, da keine zu treffen waren.

Kleidung, Windeln? Man zerriß und zerschnitt, was nur irgend auf dem Leibe eines Familienmitgliedes entbehrlich war. Nahrung? Die Brust der Mutter bot sie hinlänglich.

Und so umstand alt und jung das Lager und blickte mit sichtlichem Vergnügen das Bündel verschiedenfärbiger Flicken und Fetzen an, dem nur das rote Gesicht, welches daraus hervorguckte, zu der Ehre des Namens »Wickelkind« verhalf.

Die Mutter war dasjenige der weiblichen Mitglieder, welches zum Vater des Kindes in einem legitimen Verhältnis zu stehen vorgab.

Der »Kapral« hatte das freudige Ereignis zum Anlaß genommen, in der Früh außer Haus zu gehen und gegen mittag in einem schier unmöglichen Zustande zurückzukehren. Beim Anblick des stillen Familienglückes auf dem Lager am Fußboden, in einem Winkel des Zimmers, da der kleine Erdenwurm in vollen Zügen an der Mutterbrust lag, übermannte ihn die Rührung. Er schwankte nicht nur bedenklich zwischen Lachen und Weinen, er schwankte unfigürlich, absolut, wie eben ein Mann, den nebst dem Freuden- noch ein Alkoholrausch bezwungen.

»Hihihihi!« lachte er. »Klane Wuzl, g'scheite, liebe. Schmeckte, he? Wie e anzahrt, hate guten Zug, wirde Kampl fesche, lustige.«

»Fall' m'r net eppa auf das Kind!« mahnte die 341 Wöchnerin. »An Rausch hat er wie a Kanon, daß er si net halten kann. Geh a bißl doni!«

»Abe na!« machte der »Kapral« erschrocken, »möcht' ich do net den klane Pampeletschen z'sammendrucken. Wie trinkte, wird ganz Vatta. Pf, pf, pf, pf!« imitierte er das Geräusch des Säugens. Jedenfalls durch das Beispiel des unschuldigen, kleinen Trunkenboldes angeregt und sich seiner Verpflichtung als Mensch, der den Tag zu feiern beschlossen, bewußt werdend, zog er aus dem Rocksacke die für alle Fälle gefüllte Flasche, nahm einen tüchtigen Zug, gab sie dann der stillenden Mutter, die auch einen Schluck nicht verschmähte. Sodann wanderte sie im Kreise herum, daß jedes seinen Anteil an dem köstlichen Tropfen hatte, und als der »Kapral« mit freudig glänzenden Augen um sich gesehen und konstatiert hatte, daß alles zufrieden und in nötiger Feststimmung sei, suchte er sein Liegerplätzchen auf dem Fußboden, drehte sich in hockender Stellung einige Male um sich, wie es Hunde zu tun pflegen, wenn sie sich ein gutes Lager bereiten wollen, und bald darauf schnarchte er, daß es ein Vergnügen war.

Selbst sein gesegneter, durch die nötige Bettschwere erzeugter Schlaf wurde durch etwas gestört, was einem Schreien sehr ähnlich klang. Als er die Augen öffnete, war er mit Ausnahme von Mutter und Säugling allein im Zimmer. Noch halb verschlafen sah er um sich. »He, was ise?« frug er.

»Waß net,« antwortete die Wöchnerin, »a Weib schreit so. Wird do nix g'scheg'n sein?«

Mit einem Ruck, der jeden Schlaf abschüttelte, wie ein Baum, der geschüttelt wird, seine reifen Früchte, stand er auf den Füßen.

Von unten herauf drangen Stimmen. Er eilte zum 342 Fenster und war nun Zeuge der vorbeschriebenen Szene. Zu den wenigen löblichen Eigenschaften, die den »Kapral« zierten, gehörte ein starkentwickelter Familiensinn, Liebe zu Kindern und Achtung für Mütter. Dazu gesellte sich eine natürliche Weichherzigkeit.

Mit erblaßtem Gesichte, schreckhaft geöffneten Augen, starrte er hinunter. Jedes Wort der Wehklage traf sein Herz wie ein zermalmender Schlag.

Und als sich alles verloren und der Wagen mit der kleinen Leiche verschwunden war, wankte er zurück, setzte sich neben die vor Neugierde schon lange ungeduldige Frau und erzählte ihr, von Schluchzen unterbrochen, den traurigen Auftritt.

»Also d'Fischerin war's? Jetzt is ihr der Bua ah g'sturb'n. Desweg'n hab' i allerweil Franzerl ruafen g'hört. Was hat eahm denn g'fehlt?«

Mittlerweile kam wie ein Bienenschwarm in den Stock die ganze »Familie« hereingeschwärmt.

Die Kinder wollten ein jedes mit voller Ausführlichkeit erzählen.

»An was is er denn so g'schwind g'sturb'n?«

»An der Diphtheritis«, riefen alle wie aus einem Munde.

»Mein Gott, mein Gott! Das is a böse Krankheit. Kinder, daß's acht gebt's. Wann das wo anfangt . . . . . . . .«

»Bei der Frau Ziegler san ah die zwa Madln krank«, sagte ein Junge. »Alle, was jetzt krank werd'n, kumma ins Choleraspital.«

Man sah förmlich, wie jeder bei Nennung dieses grauenvollen Namens zusammenzuckte.

Der »Kapral« war rasch zur Hand, diese ungewohnte, trübselige Stimmung zu zerstreuen.

343 »Ah was, wann is Blut g'sund, gibt nix Difritis. Nur kan Fürchtmich ham. Fischerbu war imme krank und kasweiß, ise ganz was anders g'west. Abe wir ich jetzt sein Vatta suchens, sitzt bei Branntweine ganz vull Rausch grußmächtigen, wer ich ihm sagen, geh ham! jetzt ise zweite Kindl ah futsch, Tagdieb grausliche, bsuffene, geh' ham zu arme Weib.«

Man stimmte lebhaft dieser löblichen Absicht zu, und der »Kapral«, nachdem er die Flasche behufs neuer Füllung wieder in der Rocktasche geborgen und sämtliche Kupferkreuzer für diesen Zweck zusammengesammelt hatte, machte sich auf den Weg, mit dem bestimmten Versprechen, baldigst wiederzukommen.

Er traf Fischer in einer Schenke besserer Sorte, sofern es sich um die Besucher handelte, welche nicht alle Stunden des Tages dort verbrachten. Der wüste Trunkenbold befand sich in einem Zustande, daß sogar der »Kapral«, welcher in Beziehung auf Gesellschaft sicherlich nicht verwöhnt und dem der Schnaps ebenso sehr Bedürfnis war wie Fischer, eine Regung des Abscheues nicht zu unterdrücken vermochte.

Die leere Flasche zwischen den Knien, saß er auf einer Bank und gröhlte halblaut einen Gassenhauer vor sich hin. Das blaugedunsene Gesicht, die verglasten Augen, das verwirrte Haar, der zottige, über den Mund hängende, strohgelbe Bart, die verwahrloste Kleidung – alles trug zur Erhöhung des scheußlichen Aussehens des verkommenen Menschen bei.

Der Ankömmling ward von einigen herumstehenden Gästen jubelnd begrüßt.

»Serwas, Pane Kapral! Kummst ah wieder z'ruck? Hast dein Kittl schon ausg'schlafen? Geh', sauf amal!« – »Da von mir ah, trink nur fest, kost't nix, d'r Fischer zahlt 344 all's.« – »Der muaß an Geldtag g'habt ham, schau' 'hn nur an, der hat's heut kinna.« So tönte es von allen Seiten auf den »Kapral« ein, der sich nicht weiter zum Bescheidtun nötigen ließ.

»Halt's d'Goschen, ös Hund. – Wer – waß was von mir? Ha? – Singt's – liaber, heut san m'r lustig . . . .« ließ sich Fischer vernehmen, indem er die Augen aufzureißen sich bemühte, um die verschwommenen Gestalten zu erkennen. »Wer is denn dös da?« lallte er, mit zwinkernden Blicken den »Kapral« anstarrend.

»Kennste mi nit, Fischer? I bine kumma, di suchen, mußt hamkummen, schwind.«

»Ah du – bist's, Pane Ka–p–ral, wia kummst denn – du her? Hamkumma soll i, zu meiner Alten? – Han? – Dö hat – di eppa herg'schickt, daß d' – mi suachst? Han? No wart, Karnalie, i geh' ah ham, dann – aber – hast nix z' lachen – gar nix – i geh' jetzt zitta ham, erst no a Flaschl . . . .«

»Es wird schon genug sein, Herr Fischer«, wagte das Schankmädchen einzuwenden. »Sie sind ohnehin schon seit vormittag hier . . . .«

»Jüdische Klesch'n, a Flaschl no, sag' i, oder i reiß' d'r d' Zoten aus. Da für meine Freunde ah no, für – alle, da is Geld, schuldi bleib' i nix – einschenken! Sunst drah i dö Gifthütten um.«

»Schenken's eahm ein,« sagte einer, »wann er recht gnua hat, geht er so wia so, soll er auf d'r Gassen lieg'n bleib'n. Sunst aber macht er an Bahöll, daß's höcher nimmer geht, Sie kennen 'hn ja.«

Die erschreckte Kellnerin tat, wie ihr geraten. Auf einen glucksenden Schluck rann die brennende Flüssigkeit hinunter. Man darf von dem biederen »Kapral« keineswegs 345 erwarten, daß er etwa das angebotene Getränk ausgeschlagen und sich seiner Botschaft unter Anwendung allen Vorrates sittlicher Entrüstung entledigt hätte. Nein, die Gelegenheit, auf Regimentskosten zu zechen, kam nicht allzu häufig. Deshalb ließ er sich wohlweislich erst einige Füllungen geben, ehe er an Fischer herantrat, der wieder stumpfsinnig vor sich hingrölend dasaß.

»Ja, Fischer, wie i g'sagt hab', mußt hamkummen zu Weib, abe nit schlag'n, waßte, is arme Batsch, hat schrien und wante, o jekusch, daß i hab' ah want. Mußte wissen, Kind is hin von dir, is sturben heute der klane Franzel, is schun in Tutenkammer . . . .«

Fischer, in dessen verwüstetes, umnebeltes Gehirn die zwei Begriffe Franzerl – gestorben Eingang gefunden haben mochten, bemühte sich neuerdings, die Augen aufzureißen. Es lag etwas wie Schreck in den verblödeten Blicken.

»D'r Franzerl? – Was – du sagst, d'r Franzerl is – g'sturb'n?«

»Sturben und mastot«, bestätigte der andre mit einem betrübten Kopfnicken.

Für eine kurze Zeit schien die Nachricht den betrunkenen Mann etwas ernüchtert zu haben.

»Mein Franzl g'sturb'n, mein Kind, mein Bua?«

»Mußte dir tresten!« sagte der mitleidige Hiobsbote.

»Dös Luada hat den Buam sterb'n lassen, mein' Buam, mein' Franzl? Dös Hirn haur i ihr ein.«

»Hate nit sie sterb'n lassen, red' nit su, is allani sturb'n, so schwind, o so schwind, hame nix wußt ganze Haus. Hab' i su schön schlafen, hör' i su in halbe Schlaf schrein, wia wann wirdte Schwein abstuchen. Hör' i: Franzl, Franzel! schau' i bei Fenster hinaus, stehte unten schwarze Wagl und bringen Manne klane Truchl mit Franzl. O 346 Jeschisch, Maria, Jusefe! hat arme Weib macht Spetakl, hat rafte mit Manne, was ham gnummen ihr Kindl und wante, daß alle Leut' hab'n ah wante, meiner Seel, wie ich steh' da am Fleck.«

»Dös is nöt wahr«, fuhr Fischer aus einem dumpfen Brüten auf, in dem Schreck und Schlafbedürfnis gleichermaßen um die Herrschaft rangen. »Dös is – nöt wahr, sag' i d'r. I werd' jetzt – glei ham schau'n, dös gibt's net, wo sollt' – der Bua so g'schwind – sterb'n? Hast d'r an Bärn aufbinden lassen – alter Schwammatandler, behmischer. Wann's aber wahr iswann's wahr is – und mein' Alte hat m'r – den – Buam wirkli sterb'n lassen, dann soll s' si anschau'n – dann – hilft ihr ka Herrgott net, ka Herrgott, sag' i.«

»Rabiate Kedl! Was kann Weib arme davur? Haste du Schuld, nit sie. Arme Batsch hate arbeitn und wanen und du biste in Branntweinhäusl kugelt umerenanda, he? Hab' i nit recht? Sag', hab' i nit recht? Pfui, scham di. Möcht' Weib schlag'n, weil Kind is g'sturben.«

Zu jeder anderen Zeit hätte Fischer den unberufenen, obwohl harmlosen Moralprediger zu Boden geschlagen. Jetzt jedoch achtete er gar nicht auf ihn, sondern brütete nur vor sich hin, dann erhob er sich schwerfällig und taumelte hinaus, bei welcher Gelegenheit er beinahe den geschlossenen Flügel der Doppelglastüre mit sich genommen hätte. Niemand kümmerte sich um sein Fortgehen, um so mehr, als er zuvor einen Gulden auf das Schankpult geworfen hatte, und daher für die Gesellschaft noch reichlich zu trinken blieb. Der »Kapral« nützte die Gelegenheit nach Herzenslust aus, und da er fühlte, seine Botschaft mit aller nötigen Feinheit ausgerichtet zu haben, blieb er so lange, als noch ein Gratiströpfchen zu haben war, ließ sich seine Flasche füllen und wankte dann hochbeseligt heimwärts. 347

 

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.