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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Kapitel.

(Seppl setzt seine Dummheiten fort und sieht zu spät ein, daß er gefoppt wurde.)

Man war in letzter Zeit in Polizeikreisen wie in den Kreisen der anständigen Bewohnerschaft des Bezirkes äußerst nervös geworden. Die öffentliche Sicherheit litt in bedenklichem Maße. Die Fälle standen förmlich auf der Tagesordnung, daß bald hier, bald dort ein raffinierter Einbruch verübt, eine ahnungslose Gesellschaft von verdächtig aussehenden Burschen belästigt, ein einsamer Passant oft fast unter den Augen der ohnmächtigen Polizei angefallen wurde. Ausräumung von Geschäftslokalen, Beraubung von einsam die Straße ziehenden Güterwagen, Überfall von Frauen und kleinen Mädchen, die ihr Weg über ein Feld führte, ausnahmsweise sogar eine Brandstiftung, regten das Publikum wie die Polizei gleicherweise auf.

Wüst aussehende, verkommene Burschen lungerten im Verein mit aufsichtslosen Schulknaben an allen Ecken und Enden umher, die Großen als unheilvolle Berater des heranwachsenden Verbrechergeschlechtes.

Schulpflichtige Mädchen begleiteten diese Vaganten und in der Roheit und Niedrigkeit ihrer Ausdrücke überboten sie so manche erfahrene, langgediente Dirne.

Es war unangenehm einer solchen Horde zu begegnen, und unmöglich ihr auszuweichen.

Irgendein kleiner Knirps ward ausgesendet, einen des Weges daherkommenden Passanten zu molestieren. Es hielt 314 schwer, angesichts der Beleidigungen und Schmähungen eines so verwahrlosten, kleinen Bösewichts die Hand nur im Sacke zu ballen. Wehe, wenn einer seinem ehrlichen Zorn Luft zu machen versuchte! Dann bekam er es mit den Großen zu tun, die irgendeinen an den Haaren herbeigezogenen Anlaß benützten, ihrer Roheit freiesten Lauf zu lassen. Aus gewöhnlicher Langeweile eröffneten sie, in einem Graben verborgen, gegen eine vorbeiwandelnde Person ein Steinbombardement, unbekümmert darum, daß nicht selten sehr gefährliche Verwundungen dessen Folge waren.

Die kleineren Mitglieder dieser strolchenden Banden waren das Entsetzen der Lehrer, die angesichts der ganzen Klasse die unflätigsten Beschimpfungen anhören mußten und, wie die Polizei in ihrem Wirkungskreis, vollständig machtlos waren.

Es gibt nichts, das annähernd so rasch um sich greift, so zerstörend und verwüstend wirkt, als Verrohung.

Die kleinen Buben werden anläßlich irgendeiner brutalen Tat von den Großen belobt – und dieses Lob immer aufs neue zu verdienen ist das Bestreben des Taugenichtses.

Weniger wundern konnte man sich allerdings über die Verderbtheit der kniehösigen, ohrfeuchten, künftigen Zierden der Gerichtssäle, als sehr, sehr oft über deren Erzeuger und Ernährer.

»Hast schon recht, Peppi,« sagt so eine Mutter oder ein Vater, »lass' d'r von dem Tepp'n nix g'fallen. (Gemeint ist der Lehrer.) Wann er di no anmal hierbleib'n laßt, geh' i hin und gib eahm a Watschen.« Oder der Junge erzählt von einem recht verderbten Streich, den er dem Lehrer gespielt. Der Vater schmunzelt und sagt anerkennend: »Da hast scho recht g'habt. Wann er dir was tuan will, sag' m'r's nur, dann 315 wir i eahm's zag'n. Gehst überhaupt net in d' Schul, is am besten.«

Also die Polizei war sich klar geworden darüber, daß etwas zu geschehen habe, der Verbrecherbande (um eine solche und wohlorganisierte handelte es sich) habhaft zu werden. Ohne die werktätige Hilfe des so schwer gekränkten und ungerecht beurteilten Blaschke wäre dieses Vorhaben wohl noch lange nicht zu verwirklichen gewesen.

Seit dem Tage, da er in so energischer Weise seinen Ruf als schmählicher Pantoffelheld und unverbesserlicher Trunkenbold Lügen gestraft und die wichtige geheime Unterredung mit dem Kommissär gehabt, war er mit der Polizei in steter Verbindung geblieben, und dort einlangende Briefe enthielten mit kurzen Worten und ohne orthographische Bedenklichkeiten die wichtigsten Nachrichten.

Bei seiner damaligen Einlieferung ins Polizeigefangenhaus hatte Blaschke durch Zufall ein Gespräch zweier Mitgefangenen erhorcht. Was ihm daran besonders auffiel, war der Name eines sehr guten Bekannten, der in der Auseinandersetzung der beiden eine ziemliche Rolle zu spielen schien. Die Sprechenden hatten auf den scheinbar fest Schlafenden wenig Rücksicht genommen und noch weniger den Verdacht gehegt, daß sie belauscht würden. Es waren zwei Taschendiebe, die im Moment betreten wurden, als sie ihre Finger in fremde Säcke versenkten.

Wenngleich sie an verschiedenen Orten und nicht zu gleicher Zeit operiert hatten, waren sie doch gute Bekannte und erzählten sich nun von ihren widrigen Schicksalen.

Das ganze Gespräch hätte den mit sich selbst genug beschäftigten Blaschke nicht weiters interessiert, wäre ihm nicht der bewußte Name aufgefallen. In weiterer Folge erfuhr er auch, welche Bedeutung derselbe hatte. Es war mit 316 einem Wort die Rede von dem biederen, wackern Hausmeister des Hauses Nummer 37, der mit den Geschicken der Verbrecherbande in ganz eigenartiger Weise verflochten erschien, die später geschildert werden soll.

Die Behörden waren sich über die Mitglieder der Kompagnie keiner Täuschung bewußt. Man kannte sie so ziemlich alle, wie den Dandy mit der silbernen Uhrkette und dem Flinserl im Ohr. Man traute ihnen nicht mit Unrecht jedes Verbrechen zu, und hatte nur keinen Anlaß, jemals einzuschreiten. Die höhnischen, lauernden Blicke der herumlungernden Tagediebe drängten sich den vorüberschreitenden Wachleuten förmlich als Zeugen auf, aber die moralische Überzeugung genügte nicht, wo die Beweise fehlten. Immer mehr häuften sich in letzter Zeit nach längerer Pause die verwegensten Anschläge auf Eigentum und Sicherheit.

Blaschke hatte einige Male Besuch gehabt, entweder war es ein Arbeiter mit rußigen Händen im blauen Werkstattanzug, oder ein anscheinend etwas alkoholisierter Bauarbeiter, und jedermann würde sich verwundert haben über die Wichtigkeit des Gegenstandes, der in ziemlich gedämpfter Sprechweise beraten wurde. Einmal ging sogar Blaschke mit seinem Besucher in den Keller, und beim Heraufkommen trugen beide die Teile einer alten Bettstätte, die der letztere wohl zur Vermehrung seines Wohngerätes dem Freunde abgekauft.

Unter anderen, die sich auf der polizeilichen Liste sehr Verdächtiger befanden, nahm seit langem der »krumpe Seppl« eine keineswegs untergeordnete Stellung ein. Der verschlagene, heimtückische Bursche, der noch niemals in irgendeinem Einverständnisse mit einer ehrlichen Arbeit betroffen wurde, lebte zuzeiten ganz kavaliermäßig, insofern sich dieser Ausdruck auf verhältnismäßig große Ausgaben anwenden läßt. Jedenfalls viel größere Ausgaben, als sie ein arbeits- und 317 einkommenloses Dasein erklärlich machte. Bei aller sonstigen Schlauheit hatte sich diesmal Wimmer im wahrsten Sinne des Wortes die Schlinge selbst bereitet. Bedeutend schneller, als er nur ahnen konnte, war er ausgeforscht und am Rückwege von »Vatta Danzinger« von drei Geheimpolizisten in unauffälligster Weise in einer stillen Seitengasse festgenommen worden.

Die Vorsicht war auch keine überflüssige. Denn als die Detektivs ihren Fang in dem sie langsam begleitenden Einspänner wohlgefesselt untergebracht hatten, tauchten auf den schrillen, eigentümlichen Pfiff, den Seppl, ohne daß man ihn hindern konnte, ausgestoßen hatte, wie aus dem Nichts einige Bursche auf, die mißtrauisch die Straße auf- und abspähten.

Unterdes rollte der Wagen rasch davon.

Auf der Wachstube fand man es geraten, den nicht sehr nüchternen Arrestanten sofort einem Verhör zu unterziehen, das sich vorerst nur auf das harmlosere Sündenregister Seppls beschränkte. Von dem Morde war gar keine Rede, um vor allem Geständnisse zu erhalten, die auf die Diebs- und Einbruchsgenossenschaft sich bezogen.

Man hoffte, die erste Überraschung, die Trunkenheit würden Seppel vielleicht manches ausplaudern lassen, was er bei kühler Überlegung wohlweislich für sich behalten hätte. Man ignorierte auch die Schimpfworte, in denen sich der aufgebrachte Seppl gegen die Detektivs, die Wachleute, den Kommissär, die ganze Institution der Polizei bis auf die »Großschädlerten« hinauf erging und bemühte sich nur, ihm den Glauben beizubringen, er sei das Opfer der Denunziation irgendeines Genossen und er würde durch Offenheit und Vermeidung aller Winkelzüge mit einem blauen Auge davonkommen. Da seine Beteiligung an verschiedenen 318 Einbrüchen als eine mehr oder minder belanglose dargestellt wurde, mußte Seppl wirklich glauben, irgendein Schuft habe ihn »verzunden«. So schlau und verschlagen der Verbrecher auch war, seine augenblickliche Stimmung machte ihn den Einflüsterungen der gewohnten Klugheit minder zugänglich.

Sein Rausch, die durch so schnelle Überrumpelung erzeugte Verblüfftheit, der erste Schreck, es könne sich vielleicht um ganz andere, ernstere Dinge handeln – die Wahrscheinlichkeit einer Denunziation –, das Bestreben, durch Eingeständnis kleinerer Delikte die Enthüllung der großen, schweren zu verhüten – alles wirkte zusammen, ihn Dummheiten begehen zu lassen, für die er sich nachträglich am liebsten den Schädel eingerannt hätte.

Am wenigsten dachte er, merkwürdig genug, an die Geschichte mit dem »Landknödel«. Es war ja ein so geringes Verbrechen in seinen Augen, das er begangen und begehen wollte, daß ihm die Erinnerung daran keinerlei Beschwernis verursachte.

Wohl aber herrschte im Augenblick ein Gefühl vor, das alle anderen überwog: Rachsucht. Er reservierte einstweilen im Kontobuche seines Hasses dem ihm noch unbekannten Namen des Denunzianten den gehörigen Platz.

Es war keine Kleinigkeit, mit bloßen Andeutungen und hingeworfenen Namen etwas halbwegs Zusammenhängendes aus dem verschlagenen Burschen herauszulocken. Aber dem scharfen Beobachter entging nicht, wie bei Erwähnung gewisser Personen sein eines Auge tückisch aufblitzte (das andere war gelegentlich einer Rauferei eingeschlagen worden), und wie die Lippen ein hämisches Lächeln umflog, als wollten sie sagen: auch ich kann zurzeit mit Auskünften dienen.

»Schaun S', Wimmer,« sagte der verhörende Kommissär, sich gemütlich zurücklehnend und Seppl so gütig wie einem 319 kranken Roß zusprechend, wobei er sich jovialerweise des Wiener Dialektes bediente, »ich werd' Ihnen was sag'n. Geht's so oder so, anmal kommen wir doch auf eure G'schichten. Zünd't der nix, so der andre. Übrigens stehn mir auf eu're G'ständnisse gar net soviel an, es san noch andre Leut', die a bissel was wissen, grad g'nug für manchen von euch.«

Seppl beschränkte sich auf die Versicherung, daß ihm die ganze Welt was tun könne, was er für seine Person keinem zweiten angedeihen lassen mochte.

»Ja, ja, mein lieber Wimmer,« die Jovialität fing an, dem Beamten Beschwerden zu verursachen, »is alles recht. Wann Ihnen an der Welt so wenig liegt, so der Welt mehr an Ihnen. Und passen S' auf! Ein, zwei Jahrln und sieben oder zehn – Sie, das is a Unterschied.«

Wieder beschränkte sich Seppl auf die vorhergegangene Versicherung.

»No, mir is recht. Sie springen eini, und d' andern lachen si den Buckel voll. Mir tut's lad um Ihnen, wirklich, Sie san grad net der Schlechteste und . . . . .«

Der Sprecher hielt inne und merkte, daß er sich arg verrannt. Denn Seppl grinste ihm mit so vielem Hohn ins Gesicht, daß der Inquirierende sich gestehn mußte, die Sache beim verkehrten Ende angefaßt und den hartgesottenen Sünder mit einem plumpen Kniff auf die Gefahr aufmerksam gemacht zu haben.

»No, es is guat,« verbesserte er sich, »von Euch is anmal nix herausz'bringen. Führ'n S' ihn ab,« wendete er sich an zwei bei der Türe harrende Wachleute, »und bringen Sie dann Herrn Brinka herein. Der wird wohl von den Streichen Herrn Wimmers mehr wissen. Gehn S', gehn S'!« 320 drängte er den vor Staunen fast mit offenem Munde dastehenden Seppl.

»Wos?« schrie der, »dös is der Hund? Aha! denkt hab' i so was. – Der hat mi verwamst? D'r Brinka?«

»Ein Ehrenmann, der uns schon manchmal einen Fingerzeig geben konnte«, sagte der Herr Kommissär, der sich vorsichtig der Jovialität entledigt hatte wie eines unbequemen drückenden Schuhes.

Die glückliche Tatsache war, daß Brinka, der Hausmeister des Hauses Nummer 37, einmal mit Wimmer in einen freundschaftlichen Austausch der Empfindungen geraten, bei welchem einer dem andern den Rat erteilte, »seine Baner zu nummeriern,« und der damit endete, daß Seppls glattes, liebreizendes Antlitz die Spuren sehr entwickelter Fingerzeige trug. Bei seiner rachsüchtigen, nievergebendem rohen Natur genügte der Hinweis auf die an und für sich absurde Möglichkeit, Brinka wäre der Denunziant, um Wimmer in ein Chaos von Dummheiten zu verwickeln, für die er, wie schon gesagt, später sich gerne den Schädel eingerannt hätte, wenn, was jedoch hinzuzufügen vergessen war, – ihn diese Dummheiten noch weiter beschäftigen konnten.

Seppl, in dem die Geister des Alkohols noch immer einen Rundtanz aufführten, und dessen Bosheit wahre Orgien zu feiern bereit war, nahm nun keinen Anstand, Enthüllungen zu machen, die von größter Wichtigkeit waren, und die gestatteten, das lange eingefressene Übel mit der Wurzel zu entfernen. Was Blaschke ziemlich nur als Mutmaßung mitgeteilt hatte, fand durch die Aussagen Wimmers ihre Bestätigung.

»Und wann i meine zwa Jahrln sitzen muaß,« rief Seppl triumphierend, »und wann's dreie, viere war'n, liegt m'r nix dran. D'r Brinka, der Schuft . . . no wart!«

321 »Jetzt noch eines, Wimmer,« begann der Kommissär behaglich, als erinnere er sich im Gespräche mit einem vertrauten Freunde irgendeines heiteren, liebenswürdigen Vorfalles aus langvergangener Zeit, »wir sind noch nicht ganz fertig. Hm! Erklären Sie mir, was war das für eine Geschichte vor zwei Tagen mit dem Landmädchen, das Sie mit Ihrer Liebe beglücken wollten und dem Sie als teures Andenken seinen Binkel mitgehn ließen?«

Jetzt riß Seppl das eine Auge auf, so weit er es vermochte, und starrte den Sprechenden an. Er ahnte, daß er in eine Falle gelockt worden war, und daß seine Lage eine schlimmere sei, als er bisher vermutet.

»Nun?« drängte liebevoll der andere.

»Nix war's«, sagte endlich Wimmer mit einem süßen Lächeln. »I wollt' das Mädl auf an kurzen Weg in d'Stadt führn, no, dann hab' i a Bußl verlangt dafür, und da is die blöde Gans davong'rennt und hat den Binkel vergessen. War' überhaupt dafür g'standen,« fügte er verächtlich hinzu, »kane zwanz'g Kreuzer war dös Glumpert wert.«

»Bis auf den Wacholder, der sehr gut geschmeckt zu haben scheint, nicht?«

»Dös is wahr«, gab Seppl zu und blickte forschend in das ruhige Gesicht des Polizisten.

»Aber Sie haben einen etwas bösen Tausch gemacht«, fuhr dieser fort und spielte harmlos mit einigen Papieren. »Sie haben bei dieser Gelegenheit etwas Wichtiges, sehr Wichtiges sogar verloren, das ich an Ihrer Stelle längst in das tiefste Wasser geworfen hätte. Da schaun Sie!« Und er zog unter den Papieren, mit denen er bisher wie absichtslos gespielt, das Messer hervor, das Seppl vor zwei Tagen so ungeschickt neben die Tasche gesteckt.

Dieser erbleichte einen Augenblick. Stets beunruhigender 322 ward der Verlauf des Verhörs. Aber noch immer hatte er keine Ahnung des Letzten, Schrecklichen.

Die Sache mit dem Landknödel, so kalkulierte er blitzschnell, verschlechterte seine Angelegenheit, aber war nicht so arg, um deshalb den Mut und die Fassung zu verlieren. Das Messer war ihm entfallen und von dem unerwarteten Retter, dem er die Klinge bis ans Heft ins Herz gewünscht hätte, gefunden worden. Daß eine halbwegs eingehende Personsbeschreibung auf seine Spur geführt haben mußte, war ganz klar. Wenn an vielen kleinen menschlichen Schwächen, so an einer litt Wimmer nicht. Eitelkeit war ihm fremd, und er war sich der verschiedenen, nicht zur Verschönerung beitragenden Merkmale seiner Persönlichkeit bewußt. Bis jetzt war also noch kein Grund zu irgendwelcher Besorgnis gegeben.

»Das ist ein Messer,« fuhr der Kommissär noch immer in dem leichten, tändelnden Plaudertone fort, »mit dem man sich recht gut wehren kann, wenn man augegriffen würde.«

Seppl nickte beifällig. Das war eine Ansicht, die Kopf und Fuß hatte.

»Wann mi aner anpackert, dem gangt's net guat«, versicherte er aus Herzensgrunde.

»Man kann jedoch auch damit selbst anpacken, nicht?« Und die Augen des Verhörenden ruhten fest auf dem Gesichte des »krumpen Seppl,« der nun, die letzte, schreckliche Gefahr blitzschnell begreifend, von einem Zucken der Kinnladen befallen wurde.

»Sagen wir, in einer dunkeln, einsamen Nacht, auf freiem Felde, begegnet mau jemandem, dessen heitere Stimmung der unsrigen verdrießlichen nicht angenehm ist. Überdies trägt der Mann eine goldene Uhr bei sich, die man selbst nicht hat, dann besitzt er Geld, das einem selber gerade 323 ausgegangen ist. Aber man hat dafür was Besseres, man hat – ein langes, scharfes, spitzes Messer. Nun, habe ich recht?«

Wenn ein einziges, aufgerissenes, entsetztes, boshaft schimmerndes Auge eine ganze Geschichte erzählen kann, so war es das Auge Seppls. Aber mit keinem Laut unterbrach er die Schilderung eines Vorganges, den er nur zu gut kannte.

»Also, man verlangt von dem einsamen, in rosiger Weinlaune befindlichen Manne Geld und Uhr. Der will nicht, er streitet und wehrt sich. Da, in solchem Falle ist ein wackeres Messer das beste Beruhigungsmittel. Natürlich eilt man nachher, sobald als möglich, von dieser Stelle wegzukommen, denn man könnte Ungelegenheiten haben, die Leute könnten sagen, man habe einen Mord begangen. Man läuft also davon, wird aber von einem Beobachter gesehn. Blitzschnell nur, Sie wissen das aus den Zeitungen. Nicht?«

Noch immer blieb der Angesprochene stumm.

»Nach einer Zeit hat der Beobachter Gelegenheit, ein Mädchen aus den Händen eines Mannes zu retten, der dem armen Kinde Gewalt antun will. Hätte der Mann sein Messer nicht verloren, sondern in seiner Tasche gehabt, wäre der Helfer in der Not eine Leiche gewesen. Der Mann muß aber entfliehn, denn der andere ist jung und stark, und wie er dem Fliehenden nachblickt, weiß er: das ist ja derselbe, den ich schon einmal für einen Augenblick auf der Flucht sah, als – Herr Holzinger ermordet wurde. Nun, ist die Geschichte nicht int'ressant?«

Der Kommissär war auf der Hut, denn er kannte genug seine Leute, um zu wissen, wie gefährlich ein in die Enge getriebener Verbrecher sein kann.

Er hatte sich nicht getäuscht. Mit einem Sprunge wollte 324 sich Seppl auf den Beamten stürzen, mit wilden Flüchen und Ausbrüchen sinnlosen Zornes.

Aber im Nu war er von den Wachmännern erfaßt und gefesselt worden.

»Hamtückischer Hund!« rief er. »Schuft! Mi so ausbratln, daß i dö andern in d'Tinten bracht hab? Wart nur wann nöt i, aber a andrer tunkt d'r's ein . . . . .«

Ein Wink, und Seppl wurde hinausgezerrt. Der Kommissär lehnte sich erschöpft, aber doch behaglich in seinen Stuhl zurück und zündete eine Zigarre an. Das war einmal ein ereignisreicher Tag gewesen.


Die Bekanntgabe von der Habhaftwerdung des Mörders Herrn Holzingers erweckte allgemeine Befriedigung und man konnte sich nicht genugtun in Erörterung der seltenen Umstände, die an dem Unhold zum Verräter wurden. Überall wurde das Ereignis diskutiert und wie bei solchen Gelegenheiten immer, fanden sich Leute genügend, die dem Mörder die Außerachtlassung der einfachsten Vorsichtsmaßregeln sehr zum Vorwurf machten.

Daß jedes Gasthaus ein solch Konventikel von Besserwissern beherbergte, steht außer aller Besprechung.

»Wann nur a so Murdsviech net dran denkert, an umz'bringen«, sagte ein Fleischhauer am Stammtisch,« wann er net anmal waß, was er nocha z'tuan hat. Das Messer g'halt i ja gar nimmer. Da nimm i a Strickl, bind's an an Stan und trag's in d'Donau.«

Bei dieser gewiß außerordentlich bemerkenswerten Darlegung der technischen Fehler in Wimmers Vorgehn fallen einige Punkte besonders auf. Vor allem, daß der Kritiker die Mordabsicht unbewußt mit dem Vorhaben, ein Schwein abzustechen, zu verwechseln schien; dann eine Art von Bedauern 325 darüber, daß der Mörder in die Hände der Gerechtigkeit fiel, und schließlich die Besorgnis, daß das Messer ohne den Ballast eines angebundenen Steines die Neigung besessen hätte, an der Oberfläche des Donauspiegels umherzuschwimmen.

»Zu was braucht er do erst d'Donau?« nahm ein anderer das Wort, »da mach' i a Landpartie und vergrab's wo im Wald, durt soll'n s' es suach'n.«

Auch dieser Vorschlag, der für Seppl leider allzusehr post festum kam, verblüffte einesteils die Zuhörer durch seine Einfachkeit, erregte aber auch Widerspruch.

»S'Messer war 's wenigste g'wesen,« sagte ein dritter, »a Messer hat bald a jeder. Aber renna hätt' er net soll'n, dös war's ja. An dem hat eahm ja der derkennt. Hätt' er si schön langsam g'schlichen, war's guat g'wesen. Aber na, rennt der Trott'l grad a so, wia er damals g'rennt is. Dös bricht eahm 's G'nack.«

»Und was braucht er denn ah grad durt mit dem Madl anz'fangen? Der blöde Hundling! Da zahr i's ehnda am Laacher-Berg«, fiel ein Gemütsmensch ein.

Es kam keinem in den Sinn zu sagen: Gut, daß eine Bestie unschädlich gemacht wurde, gut, daß sein Vorhaben an dem Kinde unausgeführt blieb, nein, es war nichts als ein unfruchtbares Interesse vorhanden, Mittel und Wege zu ersinnen, die den Mörder vor einer Entdeckung bewahrt hätten.

»Na, hat d'r Scharfrichter wieder anmal a Arbeit. Kann er si in d'Händ' spucken. Seit'n Hackler war eh nix mehr los«, wechselte einer das Thema.

»Meiner Seel, wann i a Karten kriagert, das schauert i m'r an, wann s' den Hund aufhenken tan.«

»Dös is ja z'blöd mit dö Karten. Wer kummt denn da dazua? A paar Zeitungsjuden und a paar Hochgsch . . . . . 326 's Volk hat von gar nix was. Wia s' no bei der Spinnerin am Kreuz g'henkt ham, war's besser. Wenigstens ham d'Leut' a G'schäft g'macht.«

»Da kunnt er von den Höchen grad überi schaun, wo er dös Mensch hat drankriag'n wöll'n, is gar net weit davon« lachte der Fleischhauer.

Dieser Witz fand so allgemeinen Beifall, daß jeder in anderer Weise das Bild ausmalte, wie der Gehenkte nach der Stelle starren mußte, an der er ein Liebesstündchen zu erzwingen vorhatte.


Ludwig, der sich zu seinem größten Unbehagen abermals als Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit und Neugierde betrachtet fühlte, verfluchte den Mörder schon aus diesem Grunde. Bei seinem Hang für vornehme Zurückhaltung war ihm die, wenn auch schöne Rolle in einer Vorortetragödie äußerst zuwider. Rascher, als er gedacht hätte, war die Erinnerung an die Zeit, wo er noch Bewohner des Hauses 37 war, geschwunden. Er wollte fast nimmer daran denken, daß er gezwungen war, mit einem schlichten Arbeiter sich in ein Kabinett zu teilen.

Er wich auch diesem Gegenstande soviel als möglich aus, wenn besonders Universitätskollegen die Rede darauf brachten. Die menschliche Eitelkeit macht sich jeden Stand, jedes Geschlecht und jedes Alter tributär.

Aber die Tage vergingen und das Interesse an dem Falle verlor sich nach kurzem wie das erstemal, um aller Voraussicht nach noch zweimal aufzutauchen: bis zur Gerichtsverhandlung und zum letzten traurigen Akt. –

Ludwig war jetzt fast ständiger Gast im Hause Herrn Tänzingers.

Fräulein Sidonie war außer Gefahr und fand, als sie 327 zum ersten Male zu Bewußtsein gekommen war, ihren Papa und Ludwig beim Bette stehen.

Sie vermochte nur beide lächelnd anzublicken und ihnen die abgemagerten Hände entgegenzustrecken. Mit dem Sprechen war es noch nichts, dazu war sie viel zu matt und schläfrig. Hätte Sidonie Kraft zu prüfen und sich zu verwundern besessen, sie hätte staunen müssen, wie herabgekommen ihr sonst so mit Leibesumfang gesegneter Vater geworden. In diesen wenigen Tagen hatte Herr Tänzinger viel von seinem angesammelten Fette verloren. Tag und Nacht war er in Gemeinschaft mit der wartenden Klosterfrau an dem Bette seines in Delirien liegenden Lieblings gesessen, hatte beinahe keine Nahrung zu sich genommen, und die wenigen Viertelstunden, während deren er seinen Platz am Krankenlager verließ, benützte er dazu, im Geschäft nach dem Rechten zu sehen, die Aufwärter wegen Pflichtverletzung und Unaufmerksamkeit abzukanzeln, einige seiner Gäste zu bedienen und mit unendlichem Hochgefühl ihre Kreuzer in Empfang zu nehmen.

Erst als seine Tochter außer Gefahr war, ließ er sich von Ludwig die näheren Umstände erzählen, unter denen er den »krumpen Seppl« als Mörder erkannte.

»Dem hab' ich's vom ersten Moment zugetraut«, sagte Herr Tänzinger, »und kenne noch einige, denen ich es zutrauen würde.« – »Vatta« kannte wirklich seine »Kinder«. –

In dem Maße, als Sidonie in der Rekonvaleszenz fortschritt, mußte Ludwig um so länger bei ihr sein. Sie verlangte, er solle ihr vorlesen, mit ihr Domino spielen und schließlich sogar in der Krankenstube Waldemar unterrichten, der während der ganzen Zeit der Krankheit seiner Schwester Tage verlebt, von denen er nicht wußte, wie er sich zu ihnen stellen solle. Einesteils liebte er seine Schwester trotz ihrer Tyrannei sehr und weinte, wenn er hörte, sie könne vielleicht 328 sterben. Andererseits aber hatte er jetzt Tage der köstlichsten Freiheit gehabt, denn er brauchte weder zur Schule zu gehen, noch die verhaßten Hauslektionen mitzumachen. Kaum erlangte nun seine Schwester ein wenig die Fähigkeit, sich über die bisherige Vernachlässigung der Studien Waldemars klar zu werden, als ihr energischer Geist sie antrieb, dies Versäumnis gutzumachen.

Jedoch solchem Verlangen widersetzten sich Papa wie Ludwig ganz energisch, denn es war vorauszusehen, daß die alte Störrigkeit Waldemars die Patientin zu unerhörten Aufregungen veranlassen würde.

»Ich war wohl sehr krank?« frug sie einmal Ludwig.

»Danken Sie Gott« sagte dieser, »daß Sie noch dieses fragen können. Ihr armer Papa war trostlos, denn Sie machten ihm viel Schmerz und Sorge.«

»O! Papa hat mich sehr lieb, ich weiß es. Und ich ihn auch. Hat Waldemar geweint?« forschte sie.

»Ich muß ihm alle Ehre widerfahren lassen, er hat sich als liebender, besorgter Bruder gezeigt.«

»Ich werde nimmer so garstig zu ihm sein,« gelobte das Fräulein mit vielem Gefühl, »und ihn nimmer an den Ohren ziehen und schlagen.«

Ludwig erklärte diese Vorsätze für äußerst löblich, um so mehr, als er, wie er jedoch nicht gestand, viel dabei profitierte.

»Und haben Sie sich auch um mich geängstigt, ja?« frug Sidonie und blickte Ludwig forschend an.

»Wir alle taten es, ich bin selbstverständlich nicht ausgeschlossen.«

»So haben Sie mich also auch so lieb, wie Papa und Waldemar?«

Zum Glück für Ludwig kam in diesem Momente Herr 329 Tänzinger herein, der seinem Goldkinde verschiedene Überraschungen gekauft und mit glänzenden Augen, die gegen deren sonstigen schläfrigen Ausdruck sehr kontrastierten, auf die muntere Patientin sah.

Ludwig erhob sich zum Aufbruch.

»Sie gehen schon?« frug Sidonie bedauernd.

»Ich habe eine Stunde zu geben«, erklärte der junge Mann.

»Bei wem?« frug so nebenbei und ganz achtlos Herr Tänzinger.

»Nun bei Fräulein Zögler.«

»Ah so!« und Ludwig glaubte zu merken, daß die Nennung dieses Namens einen unangenehmen Eindruck gemacht.

»Wie ist's, ich habe mich, glaube ich, noch nie erkundigt – macht das Fräulein Fortschritte?«

Ludwig gestand offen, daß die Fortschritte keine so gewaltigen seien, daß es der Rede wert wäre.

»Wer ist das Fräulein?« frug Sidonie neugierig.

»Mein liebes Kind, eine Waise, deren Eltern ich gekannt, und die ich ein wenig beaufsichtige« log der alte Sünder.

»Ist sie arm?«

»Nein – sie hat nach dem Tode ihrer Eltern eine Erbschaft gemacht, die ich ihr verwalte.«

Selbstverständlich waren diese Lügen, die er in Gemeinschaft mit Milly ausgesonnen, mehr für den jungen Lehrer als für seine Tochter bestimmt.

In Wahrheit schämte sich Herr Tänzinger angesichts seines unschuldigen Kindes vor sich selbst. Es stand zu erwarten, daß der alte, grauköpfige Seladon in sich ging und 330 Milly bald sich um einen anderen Verehrer umzusehen gezwungen war.

»Ich lasse das Fräulein grüßen«, rief Sidonie noch beim Abschied Ludwig nach, der an der trostlosen Miene des ausschweifenden Papa abermals zu erkennen glaubte, dieser aufgetragene Gruß sei ihm sehr verdrießlich.

In seiner Unschuld richtete er aber, bei Milly angelangt, dennoch das Aufgetragene aus und fand, daß das Fräulein darüber sehr belustigt sei.

»Kennen Sie die kleine Sidonie nicht?« frug er.

»Ah, woher soll i s' kennen?«

»Kommen Sie denn niemals in das Hans Herrn Tänzingers?«

Milly sah die arme Unschuld mit dem dicken Schnurrbarte eine Weile sehr angelegentlich an, dann lachte sie wieder und nannte Ludwig mit ihrem Lieblingsausdruck ein »Kinderl«.

Darauf folgte eine Art »Unterricht« wie gewöhnlich, später die obligate Jause mit Plauderstündchen und als Ludwig sich empfahl, flüsterte Milly ihm eine Bitte zu.

»Geln S', Ihner wird das net so schwer sein, wenn die Verhandlung kummen wird, daß i a Karten dazua kriag.«

»Ich weiß nicht, welchen Einfluß ich geltend machen könnte. Und welches Interesse nehmen Sie an so Schauerlichkeiten? Sie, so jung und lebensfreudig, geeignet nur für alles Schöne und Heitere.

Ich bedauere, daß ich durch Verhältnisse gezwungen ward, eine Rolle in diesem traurigen Drama zu spielen und fürchte die Gerichtsverhandlung, bei der ich leider der Hauptzeuge sein werde, wie etwas ganz Abscheuliches.«

»Gengan S', Sie san selber abscheulich, weil S' an gar ka Freud' vergunnen«, schmollte Milly.

331 »Aber Fräulein«, rief Ludwig entsetzt, »das nennen Sie Freude?«

»No, so sag'n m'r was anders. Aber mi interessiert so was. Wissen S', i schauert ah gern zua, wann s' eahm aufhenken, hu! Das muaß schrecklich schön sein.«

Arme Milly, auch du mit deinem mitleidigen Herzen hegst jene schreckliche legitime Bestie in dir? Aber deine Sehnsucht nach diesem Nervenkitzel, die du übrigens mit sehr, sehr feinen Damen, wirklichen Wohltätigkeitsbazardamen teilst, soll sich nicht erfüllen. Denn zur Stunde als du das sprichst, hat sich Wimmer alias der »krumpe Seppl,« oder die »g'flickte Polizeipritschen« selbst gerichtet. Er hat Gelegenheit gefunden, während seines Ganges zum Untersuchungsrichter sich aus einem Fenster des Korridors in den Hof hinabzustürzen, wo er mit gebrochenem Genick liegen blieb. Damit sind für die Welt wie für dieses Buch die Akten über den »krumpen Seppl« abgeschlossen und seine anziehende Persönlichkeit taucht nimmermehr auf. 332

 

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