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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel.

(Der krumpe Seppl beweist, wie sogar erhabene Geister einer süßen Schäferstunde wegen, alles aufs Spiel setzen können, und zeigt seine schöne Person unvorsichtigerweise als Silhouette.)

Josef Wimmer, der »krumpe Seppl« oder die »g'flickte Polizeipritsch'n«, dessen ebenso glücklichen als feinsinnigen Humor kennen zu lernen das zweite Kapitel Gelegenheit gab, da er in reizender Abwechslung »Vatta Danzinger« und die »G'füllte« zur Zielscheibe seiner Neckereien erkor – also der »krumpe Seppl« schlenderte, vielmehr humpelte über die Wiesen, deren einer er offenbar im Schatten einer Feuermauer seinen Schlaf anvertraut hatte, dafür zeugten einige »Schliafhanseln« an seiner Bekleidung, überhaupt ein gewisses Derangement der Toilette. Der Frühling echot nicht nur in der Brust der Dichter und Sonntagskinder, nein, er hielt auch Einzug in das Gemüt Seppls, der mit glänzendem Auge in den sonnigen Nachmittag sah.

Im übrigen haderte er auch ein weniges mit der Welt. Seit einiger Zeit verfolgte ihn bei allen Unternehmungen ein gewisses Pech. Gestern beim »Kopf- und Wappenspiel« hatte er eigensinnigerweise stets auf »Kopf« gehalten und ebenso eigensinnigerweise war immer der Adler obenauf. Bei »Vatta Zeigefinger« (wie ein Spirituosenhändler geschmackvollerweise benannt wurde, da ihm einst ein wütender Betrunkener den Zeigefinger glatt weggebissen) hatte er weder mit einem Anlehen auf einige »Unblachte« noch mit dem Kaufangebot eines »gefundenen« Gegenstandes Glück gehabt. 298 Es lohnte sich wirklich nimmer der Mühe, seines Lebens halbwegs anständig froh zu werden.

Zu allem Überfluß mußte er die Gesellschaft seiner Herzenserkorenen entbehren. Diese hatte nämlich, in Unkenntnis eines Paragraphen des Strafgesetzbuches, gegen denselben gefehlt, und war deshalb, wie Herr Wimmer seit der Zeit oftmals grollend zu bemerken liebte, »ganz unschuldi eindraht« worden.

Seiner Darstellung der Sachlage nach sollte es sich um den »Pick« handeln, den ein Wachmann, eine Quartiergeberin, verschiedene andere Personen, und in weiterer Übertragung der Staatsanwalt, Richter usw. auf seine Erwählte hatten.

Wie jedoch die Polizei, Staatsanwaltschaft und alle Übrigen die Sache zu verdrehen beliebten, handelte es sich um einen Diebstahl an der Quartiergeberin. Der Gerichtshof einigte sich schließlich dahin, die Auffassung des »Pick« zu akzeptieren und Herrn Wimmers bessere Hälfte durch einige Monate den Anfechtungen mißgesinnter Personen und Behörden zu entziehen. Daß ein gänzlich Unbeteiligter die Folgen dieser Weltenthaltsamkeit zu teilen hatte, kam dem Gerichtshof nicht in den Sinn. Der»krumpe Seppl« äußerte schon im ersten Viertel der seiner Geliebten zudiktierten Strafhaft, daß er sich irgendwie, irgendwann und irgendwo was »aufreißen« müsse. Unbeschadet aller Treue, die zu wahren er versprochen hatte, verlangte die Natur doch ihre Rechte. Der alte Adam ließ sich nicht ertöten.

So in der Auseinandersetzung zwischen Gewissen und Menschentrieb begriffen, gelangte er auf die staubige Landstraße.

299 Auf ihr kam der Stadt entgegen ein junges Mädchen in der Tracht der niederösterreichischen Landbewohnerinnen. Am linken Arm trug es ein Bündel, jedenfalls seine Habseligkeiten enthaltend. Die Kleine, allem Anschein nach höchstens fünfzehn Jahre zählend, blieb einen Augenblick rastend stehn.

»He, wohin, Schatzerl?« frug Wimmer die Wanderin.

Diese sah verschüchtert auf den nichts weniger als Vertrauen erweckenden Burschen. Aber offenbar im Gefühle höchster Verlassenheit, das den Menschen wieder zu Menschen drängt, und wären sie noch so unliebenswürdig, antwortete sie der Frage.

»Z'Wean zua, auf d' Alserstraßen.«

Der »krumpe Seppl« meckerte vergnügt, was er und noch einige Freunde lachen zu nennen beliebten.

»Geh, hörst! Auf d'Alserstraßen? Tragst do dein Binkl auf der Seiten, net, wia si's g'hört, vurn, wannst auf d' Alserstraßen willst.«

Das arme Ding sah ihn überrascht und verständnislos an. Es vermutete wohl einen Scherz, konnte ihn aber in Seppls Worten nicht finden und ward darum um so ängstlicher. Obwohl nur wenige Bahnstunden weit herkommend, war das Kind armer, schwergeplagter Taglöhnerleute mit Städtern fast in keine Berührung gekommen. Es war wie so viele andere in die Großstadt gesendet worden, dort sein Fortkommen zu finden oder, wie es heißt, »sein Glück zu machen«. Und angesichts des ersehnten Ortes an der äußersten Grenze der mächtigen Stadt trat dem harmlosen Mädchen, wie als Mahner umzukehren, niemand Geringerer entgegen als Josef Wimmer, der sich unter vielen andern 300 Hervorragenden seines Standes zweier ebenso schöner als bezeichnender Spitznamen rühmen durfte.

Dieser grinste noch vor Vergnügen über die Bestürzung des »Landknödels«, wie er die Kleine bei sich titulierte, und da sein Humor von ausführlicher, epischer Breite war, und der »Witz« mit der Alserstraße ihm der Fortsetzung wert dünkte, fuhr er fort:

»I hab' ah a Bekannte auf d'r Alserstraß'n, auf Nummero ans. Sie tuat durt, scheint m'r, Stiag'n und Gäng' reib'n, zur Abwechslung Kartandln pick'n und g'fallt's ihr so weit recht guat auf ihr'n Platz, nur daß die Kost so anfach is. Und kan Ausgang gibt's. Sie möcht' desweg'n gern furt, aber die Herrnleut' lassen s' net aus. Hat ah sein Schlechts, wann mar denen Herrnleut'gar so guat g'fallt.«

»Mir wär's nit z'weg'n vieler Arbeit, und Ausgang braucht i just a net, wann nur zun verdeana war«, meinte die Gefoppte harmlos.

»Und wo willst denn du hin auf d' Alserstraßen?« forschte Seppl.

»Auf Nummer vierzig, zu oana Bas vom Vodan. Bei der kann i a Weil wohna, bis i oan Deanst g'fund'n han wir.«

»No, und wia haßt denn, Schatzerl?«

»Kathl. – Kathl Umlauft.«

»Von wo kummst denn?«

»Von . . . .« Kathl nannte ein Dorf in der Nähe Wiens.

»Und da bist z' Fuaß gangen? Um a paar Sechserln hätt'st mit der Eisenbahn fahr'n kinna.«

»O, oa schöns Trumm bin i mit an Wag'n von 301 Eislerbauern g'roast. Sel hat mi nix kost't, z' Fuaß geh' i erst seit der Fruah. Um drei bin i von *** wegmarschiert.«

»Da mußt aber schon damisch müad sein. Jetzt hast extra no an weiten Weg vur dir.«

»Is wahr?« fragte Kathl erschrocken, »da bin i do schon z'Wean.«

»Dös schon, Herzerl, aber Wean is so groß, daß d'ganz guat no a drei, vier Stünderln hast, bis d' in d' Alserstraß'n kummst. Du derbarmst mi, waßt, und i wir d'r an Weg zag'n, der um d' Halbscheid kürzer is. Gib her, i trag d'r a bißl dein Binkl. Schwar is er grad net,« meinte er, nachdem er das Bündel prüfend gehoben, das ihm die ahnungslose Kathl gereicht, »schwar is er net, aber er muaß di do net klan druckt hab'n. A so a schwach's Ding wia du! Muaßt no net lang aus d'r Schul sein, was?«

»Zwoa Jahr schon«, sagte Kathl.

»Was hast denn alls in dem Binkel?«

»No – a Wäsch, was zan essen und a Flasch'n guat'n Wacholder für d' Bas.«

Seppl spitzte die Ohren. Alles Spirituose hatte für ihn sozusagen einen guten Klang. Trieb ihn anfänglich die Langeweile, eine Unterredung mit dem Mädchen zu beginnen, in weiterem Verlauf eine gewisse Gutmütigkeit, so war das vorerst unbewußte Verlangen, das arme Landkind zu bestehlen, jetzt zu reifem Vorsatz erwacht. Vor allem hieß es, dasselbe an eine einsame Stelle zu locken. Seppel wies daher auf das freie Feld, in die Gegend, wo sich ein welliges Terrain befand, das erst in weiter Ferne von Neubauten und Fabriksschloten überragt wurde.

»Durt is d' Alservurstadt«, sagte er. »Wannst auf dem Weg da weitergangen warst, war's g'wesen wia mit d'r 302 Kirch'n um's Kreuz. Da schneid'n mar in ganzen Bod'n ab. So kumm mit!«

In allernächster Nähe vor sich sah Kathl die ersten Häuser, die Ausläufer der Wienerstadt. In der von Seppl angegebenen Richtung aber nur Felder, weiter Hügelland, und ganz, ganz weit wieder Häuser. Ihr anfängliches Zutrauen wich einer unbestimmten Befürchtung.

Man hatte ihr den Weg so genau beschrieben, und unter anderen Verhaltungsmaßregeln, wie die, beim Eintritt in die Stadt den nächstbesten Wachmann zu befragen, war die am meisten eingeprägte, sich nicht mit einem Manne in ein längeres Gespräch einzulassen, jede Begleitung abzulehnen, überhaupt möglichst allein, oder in zahlreicher Gesellschaft ihren Weg fortzusetzen.

Kathl wendete daher gegen den Vorschlag Seppls schüchtern ein, sie wolle nur so rasch als möglich in die Nähe von Häusern kommen, und der Weg über die Felder sei ihr zu »ent'risch«.

»Von mir aus«, sagte Seppl in der Art eines gekränkten Biedermanns. »Wannst aber vier, fünf Stunden in Wean herumg'hatscht bist, und muaßt d'r eppa zan Schluß an Komfortabler nehmen, der di zwa Guld'n kost't – – mir kann's recht sein.«

Das sparsame Kind des Landes horchte hoch auf. Zwei Gulden für etwas ihm Unbekanntes! – – –

»Zwa Guld'n? Ja, warum denn?«

»Waßt, Madl, dös is a so«, explizierte der freiwillige Cicerone. »Jetzt gehst du weiter und kummst zu an Wachter. Der mant: Gengan S' dö Straßen furt, so weit als kinna, dann rechts, die zweite Gass'n nmi, dann die erste Gass'n rechts, dann wieder links, so weit als geht – und dann fragen S' wieder! Und mit dem rechts und links und gradaus, 303 umi, hintri und füri wirst so damisch, rennst umaranand, bis d' in zwa Stund' wieder zu dem Bojazza kummst, der d'r dann dö G'schicht a zweitsmal so patschert derzählt, nur sagt er dann wieder ganz was anders. So stehst da und platzt, weil's di schon gar nimmer auskennst, no so bleibt nix übri, als du nimmst an Anspanner, der di auf d' Alserstraß'n führt. Manchmal tan s' es ah umsunst, aber da braucherst no a Jahrl zu so aner Gratisfuhr.«

Man wird zugeben, daß der »krumpe Seppl« eine gewisse Anschaulichkeit in Beschreibung von unangenehmen Situationen entwickelte. Man hält aber auch nicht ungestraft an einer Idee fest, und wäre diese ursprünglich noch so harmlos scherzhafter Natur. War anfänglich eine komische Ideenverbindung durch das einfache Wort »Alserstraße« nicht ganz unabweisbar – durch dessen öftere Wiederholung mußte sie die Reihe von Wirkung bis zur Ursache zurücklaufen. Merkwürdig genug, daß die Ideenassoziation sich nur auf das eine Gebiet beschränkte, und der inhaltsreiche Name der Straße die Perspektive nicht erweiterte. Kurz, die Absichten des hilfreichen Beraters gewannen an Breite, ohne in der Tiefe zu verlieren. Er kalkulierte: das eine hindert nicht das andere. Ergo treffe ich zwei Fliegen auf einen Schlag.

Das Mädchen war unschlüssig und ängstlich geworden. Aber die Aussicht, durch die Begleitung des Burschen eine Weg- und Geldersparnis zu erzielen, machte alle Bedenken verstummen. Kathl erklärte sich bereit, ihrem Führer zu folgen.

Wohl über eine halbe Stunde waren die beiden gegangen, als sie zu einem langgestreckten Hügel gelangten. Ringsum war alles still. Die Gegend einsam und wenig begangen.

Plötzlich erklärte Seppl, eine kurze Rast schiene sehr 304 angezeigt. »I bin erst aus'n Spital kummen,« machte er seiner Begleiterin weiß, »und no a bißl schwach. G'essen hab' i heut ah no weni, und so packt's an halt so für'n Augenblick . . . .«

Des Mädchens Teilnahme wurde durch diese plausible Erklärung des Rastbedürfnisses geweckt. Es besaß ja in seinem Bündel noch Eßvorräte und es war nur natürlich, seinem uneigennützigen Begleiter, der trotz seiner angeblichen Spitalschwäche das Bündel rüstig trug, einen Imbiß anzubieten.

Kathl schlug daher dem Burschen eine kurze Rast vor, und erklärte ihre Absicht, einige Eßwaren zu gemeinsamer Stärkung zu verwenden.

Seppl folgte natürlich ungesäumt der Einladung. Beide ließen sich ins Gras nieder und Kathl öffnete ihr Bündel. Es war wenig genug, was sie zum Vorschein brachte. Einen dürftigen Anzug, einige Wäschestücke, ein Stück Selchfleisch, einen halben Laib schwarzes Brot, etliche Kolatschen mit Powidl und Topfen. Was am meisten die begehrlichen Blicke Seppls auf sich zog, war die Flasche mit Wacholderbranntwein. Im übrigen war er enttäuscht, es hatte sich wahrlich nicht gelohnt, wegen solcher Lappalien so viel Kriegslist aufzubringen. Seine weiteren Absichten richteten sich von nun an nur auf die Branntweinflasche und – die Person der armen unschuldigen Kathl. Nichtsdestoweniger ließ er sich das Angebotene gut schmecken.

Es gibt Dinge im Leben, die so natürlich sind, daß wir den Einrichtungen zu deren Erledigung auf Schritt und Tritt begegnen, ohne jemals auch nur das mindeste Erstaunen über ihr Bestehen zu empfinden. Dieses wird erst geweckt, wenn man gezwungen ist, auf eine nähere Erörterung des 305 Bedürfnisses einzugehen, das an zivilisierten Orten oft ganz umfangreiche Einführungen erfordert.

Im freien Felde, ohne das forschende Auge eines Zeugen verschiedenen Geschlechts auf sich gerichtet zu fühlen, erledigt man die heikle Angelegenheit manu brevi. In diesem beneidenswerten Falle befand sich Kathl augenblicklich nicht. Mit einem besorgten Blick auf ihr Besitztum und ihren Begleiter, erbat sie sich die Erlaubnis für kurze Zeit, über den Rasenwall zu steigen. Ihr errötendes Gesicht und die hilflose Art, wie sie ihre Entfernung plausibel machen wollte, veranlaßten den »krumpen Seppl« auf eine Weise zu grinsen, daß das Mädchen im ersten Augenblick einen Krampfanfall vermutete.

Kaum allein, zog Seppl sein Taschenmesser und mit einer Virtuosität ohnegleichen hatte er die festverkorkte Flasche geöffnet und ließ in vollen Zügen die brennende Flüssigkeit durch die ausgepichte Kehle rinnen. Beides spielte sich so rasch ab, daß Kathl bei ihrer Rückkehr nicht das mindeste bemerkte. Die Flasche lag ebenso wohlverkorkt wie zuvor da.

Mit Wimmer war aber eine eigentümliche Veränderung vor sich gegangen. Sein Gesicht glühte, und die Augen leuchteten in dem eigentümlichen, nur Trunkenen eigenen Glanze.

Das Mädchen, welches die Dämmerung herannahen sah, drängte zum Aufbruch und machte sich daran, das Bündel wieder zu schnüren. Aber ihr Begleiter, bei dem trotz seiner Ausgepichtheit der rasche Trunk des starken Naturbranntweins seine Wirkung getan, suchte sie mit lallender Zunge zu längerem Bleiben zu bewegen. Dabei hafteten seine Blicke mit funkelnder Begehrlichkeit an dem erst in Entwicklung begriffenen Körper des Landkindes, das, von plötzlicher 306 unheilvoller Ahnung ergriffen, sich mit seinen Vorbereitungen beeilte.

»Laß stehn, Schatzerl,« lallte Seppl, »leg'n m'r uns a bißl nieder, auf d' Alserstraß'n kummst allweil zeiti' g'nua. Bist eigentli a sauberer Kerl, muaß i d'r sag'n. Hast eppa schon an Liabhaber, ha?«

Kathl nestelte, ohne eine Antwort zu geben, fieberhaft an den Schnüren.

»Wirst do schon wissen, daß's zwaerlei Leut' gibt. Tua net so! Zu was war'n s' denn auf der Welt? Geh, kumm zuwa a bißl, siecht uns eh ka Katz da.« Dabei zog er das Mädchen am Arme neben sich nieder.

»Ruah geb'n,« flehte dieses, »lassen S' mi gehn! Es wird schon so spot, mein Gott, und i woaß gar net, wo m'r san.«

»Im Himmel, Mauserl. Wirst spitzen, wia schön als im Himmel is. Da is guat. No was ruckst denn allweil weg? Bleib nur da. So leg' di schön nieder.« Und indem er das zitternde Mädchen um die Schultern faßte, warf er es der Länge nach zur Erde.

Kathl, der das Entsetzliche ihrer Lage zum Bewußtsein kam, schrie laut um Hilfe und versuchte sich aufzurichten.

»Was schreist denn, blöde Karnalli? Halt di ruhig, sag' i, sunst . . . .«

Aber die vor Angst Verzweifelte schrie um so stärker, je brutaler Seppl in seinen Angriffen ward, der sich übrigens um die Hilferufe wenig zu bekümmern schien. Hier war seine Domäne. Wenn wer kam, konnte es höchstens ein Genosse sein, der dann mit denselben Absichten dieselbe Ausführung des Verbrechens verband.

An aller Rettung verzweifelnd, starrte das arme Opfer um sich, die letzten schwachen Kräfte versagten, ein gellender 307 Ruf noch . . . . Da, hob sich nicht, auf dem Walle stehend, eine Gestalt dunkel ab von dem rosigen Abendhimmel? Kathl hatte noch die Empfindung daß diese Gestalt sich loslöste und von ihrem erhöhten Standpunkte sich herabzustürzen schien. Ein Ringen über ihr, das Geräusch von schallenden Schlägen, ein wüstes Fluchen – und als Kathl sich aufsetzte und empor sah, stand ein hübscher junger Mann an ihrer Seite, der vorerst wie hypnotisiert dem flüchtigen Seppl nachblickte. Eine geraume Weile dauerte es, bis das arme, auf den Tod erschrockene Ding fassen konnte, es sei ihm ein Retter entstanden.

Kathl zog rasch das zerknitterte, zerrissene Kleid über die Beine und versuchte aufzustehen. Es gelang ihr aber nicht. Sie zitterte am ganzen Körper und lenkte erst nach einiger Zeit die Aufmerksamkeit ihres Retters auf sich, der ihr freundlich in die Höhe half und beruhigend auf sie einsprach.

Endlich fand Kathl Worte und, was für ein Weib noch wichtiger ist – Tränen. Sie erzählte ihrem Retter von der Begegnung mit dem wüsten Burschen, wie er sich erbötig gemacht, als Führer zu dienen, von der kurzen Rast und ihren Folgen, die dem armen Kinde die Röte in die Wangen trieben. Dann wollte Kathl ihr Bündel aufnehmen, aber es war verschwunden. Diese Entdeckung rief neuerliche Bäche von Tränen hervor, und die Verzweiflung des armen Landmädchens erreichte ihren Gipfelpunkt.

Ludwig, denn er war der heldenmütige Retter in höchster Not gewesen, den sein Spaziergang zu rechter Zeit hergeführt hatte, ließ sich den Inhalt beschreiben und als er über das Inventar im Reinen war, tröstete er die Weinende, indem er Ersatz versprach. Diese Zusage konnte in Anbetracht der Armseligkeit der geraubten Schätze keine übereilte genannt werden.

308 »War es Zufall, war es Fügung,« sprach Ludwig mehr zu sich als zu dem Mädchen, »nun werde ich meinen Mann nimmer verkennen. Gesehen habe ich ihn schon einmal, denn Leute wie er vergißt man nicht so bald. Aber wo war es das erstemal? –

Ich führe Sie jetzt auf dem kürzesten Wege zurück und wir werden die Anzeige bei der Polizei erstatten«, wandte er sich an Kathl, die noch immer zur Erde starrte, als ob diese in unrechtmäßigem Appetit ihr Bündel verschlungen hätte und nur durch starres, hypnotisierendes Fixieren zur Rückgabe zu bewegen gewesen wäre. Plötzlich bückte sie sich und hob ein Messer auf.

»Do is sein Messer. Mit dem hat er 's Brot und 's G'selchte g'schnitten. Er muaß's rein verlurn hab'n bei der Rafferei.«

So war es tatsächlich, nur fand der Verlust früher statt, sonst hätte Ludwig wohl einige Zoll Eisen zwischen den Rippen gehabt, denn es war, wie sich dieser bei näherer Betrachtung überzeugte, ein wackeres Klappmesser mit langer geschweifter Klinge und scharfer Spitze. Vergeblich hatte der überraschte »Pülcher« während des Ringens nach der Tasche gefühlt. Zu Ludwigs Glück hatte er nach der Manipulation an der Wacholderflasche in der Eile »danebengesteckt« gehabt und so war es ins Gras gefallen. Den Schlägen des andern gegenüber hatte er keine Widerstandskraft besessen und, das Bündel mit seinem kostbaren Schnapsinhalt aufraffend, hatte er »Pali angesagt«, das heißt, das Weite gesucht. Sehr zu seinem Nachteil, denn wie er so dahinfloh und seine Silhouette sich vom brandroten Horizonte abhob, hatte Ludwig niemand anderen erkannt als die Gestalt, die nach Herrn Holzingers Ermordung mit derselben Eile zu entkommen strebte. Dieser, an Schnelle 309 blitzartige, unverwischbare Eindruck des dahinhumpelnden Schattenbildes hatte seine Auferstehung gefunden.

Ludwig, in der nicht ungerechtfertigten Besorgnis, der verwegene Bursche könne mit Assistenz zurückkehren, in welchem Falle das Abenteuer eine bedenkliche Wendung für ihn wie für das Mädchen nehmen konnte, trieb zu schnellem Verlassen des Ortes. Erst als sie die ersten Häuser hinter sich hatten, atmeten beide erleichtert auf.

Im Polizeikommissariate angelangt, legte Ludwig den Vorfall dar. Wenn er gehofft hatte, man werde sich beeilen, unverzüglich die Ausforschung des Täters anzuordnen, täuschte er sich. Ehe die zwei noch vor den Kommissär gelangten, ließen ihn die anwesenden Wachmänner den Tatbestand erzählen.

»Das Madl is aber ah z' blöd'« meinte einer, »wann's auf so an Marker fliagt, daß d' Alserstraßen bei dö Ziagelöfen liegt. Siecht die Häuser vur ihr und laßt si so was einreden. Und dann so an Strotter no derzähln, daß s' an Schnaps im Binkel hat. War rein notwendi, daß m'r so a Weibsbild von daham abholert, daß ihr ja nix z' Weandorf g'schiecht.«

Auch der Kommissär nahm sich des Falles nicht so heiß an, als es den Umständen nach anzunehmen war, wenigstens Ludwig glaubte. Endlich machte dieser Gebrauch von seiner Entdeckung.

»Herr Kommissär,« sagte er, »es handelt sich in diesem Falle noch um ein anderes Verbrechen, das bisher ungesühnt geblieben.«

Der Beamte, der noch nicht lange an Stelle des früheren 310 Kommissärs an diesem Posten amtierte, und dem Ludwig persönlich unbekannt war, forderte nähere Aufklärung.

»Ich spielte vor einiger Zeit«, fuhr Ludwig fort, »in einem nächtlichen Drama eine gewisse Rolle als Augenzeuge. Ich meine den Mord an Herrn Holzinger.«

Der Kommissär fuhr erregt von seinem Sitze empor und starrte Ludwig überrascht an.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß der Mann, der heute das Attentat an diesem Mädchen versuchte, und der Mörder Herrn Holzingers . . .«

»Eine Person sind?« rief der Beamte.

»Gewiß. Ein seltener Zufall brachte mich auf diese Entdeckung.«

Nun erzählte Ludwig von der Flucht des Verbrechers, und wie er diesen an dem eigentümlichen Laufen und in der so oft erwähnten Silhouette wieder erkannte. Dann zog er das von Seppl verlorene Messer hervor und überreichte es dem Polizeibeamten, der fast mit Gier die Klinge aufschnappte und nach Spuren des Blutes suchte, die aller Voraussicht nach an diesem Messer zu finden sein mußten.

»Und nun eine Hauptfrage,« nahm der Kommissär das Wort, »würden Sie den Mann wieder erkennen? Ich meine von Gesicht aus.«

»Ich kenne ihn schon längere Zeit, bin mir nur nicht bewußt, wo ich ihn gesehen habe. Es ist eine Gestalt und ein Gesicht, die man nur einmal zu sehen braucht, um sie für immer im Gedächtnis zu behalten. Der Mann ist geradezu abschreckend häßlich, blatternarbig, einäugig . . . . . .« Immer qualvoller ward Ludwig das Nachsinnen darüber, bei welcher Gelegenheit er den Burschen schon gesehen.

»Solcher Leute wird es nicht allzuviele geben, und ihn zu finden ist nur eine Frage der Zeit.«

311 Ein Wachmann trat ein und erstattete mit halblauter Stimme eine Meldung. Während des Gespräches schlug an Ludwigs Ohr das Wort: »Pritschen.« Und als ob es der Zauberschlüssel gewesen, in die unklare, dämmernde Erinnerung zu dringen, stand auf einmal vor seinen Augen in voller Klarheit die Szene, die sich in Herrn Tänzingers Lokal abgespielt, als er sein Empfehlungsschreiben überreicht hatte. Noch hörte er die Worte des betrunkenen, scheußlichen Weibes:

»G'flickte Polizeipritsch'n, henk' di auf!« Das einzige Wort, das aus des Wachmannes Meldung ihm wie etwas Bekanntes entgegengedrungen war, in Verbindung mit dem Begriffe Polizei hatte Seppl ans Messer geliefert.

»Hallo! Ich hab's, Herr Kommissär!« tönte Ludwigs Stimme in die Unterredung der zwei Sicherheitsorgane. »Der Bursche nennt sich, oder man nennt ihn den »krumpen Seppl« oder »g'flickte Polizeipritsch'n«.«

»Ah!« rief der Beamte mit solchem Tone der Befriedigung und rieb sich so vergnügt die Hände, daß man annehmen konnte, Seppl sei ein sehr guter Bekannter, dem glücklich ein Bein zu stellen gelungen war, »jetzt haben wir ihn einmal fest. Dem läßt sich so was zutrauen.«

In dieser neuen Beleuchtung erhielt auch der »Fall« Kathls eine erhöhte Wichtigkeit.

Um das Mädchen vor weiteren Fährlichkeiten zu schützen, wollte man ihm sogar ein Sicherheitsorgan in Zivil zur Begleitung mitgeben.

Ludwig jedoch, der ohnehin in nächster Nähe des Hauses wohnte, das Kathl als ihr Ziel bezeichnet, beschloß, seinen Ritterdienst zu Ende zu führen und das Kind wohlbehalten den Händen seiner Verwandten auszuliefern.

Auf viel kürzerem und sichererem Wege, als die 312 fruchtbare Phantasie des »krumpen Seppl« ersonnen, nämlich mittels der Pferdebahn, gelangte Kathl in die Alserstraße, die für Herrn Wimmer bisher nur geeignet war, sehr lächerliche und kitzelnde Vorstellungen auszulösen, und die jetzt bereit schien, ihm auch deren Reversseite zu zeigen.

Ludwig überdachte, zu Hause angelangt, auf seinem Diwan liegend, die heutigen Ereignisse, und mußte sich gestehen, daß er für einen so kurzen Aufenthalt in der Residenz der aufregenden Erlebnisse mehr als genug gehabt.

Eine unangenehme Empfindung überkam ihn bei dem Gedanken, wie er nun wieder, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehend, das Opferlamm des Molochs Sensation werden würde. Wenn das dem feschen Huxtl passiert wäre, der zur Stunde in seinem Spitalkittel das Zimmer des Krankenhauses durchschlürfte und sich vergeblich bemühte, seiner Kehle auch nur einen reinen Ton zu entlocken! 313

 

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