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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

(Ludwig zeigt, daß er nichts als ein junger Mann ist und steigt trotz dieses Umstandes sehr in Herrn Tänzingers Gunst.)

Acht Tage nach dem denkwürdigen Benefiz erklärte Ludwig seiner von Überraschung und Schmerz überwundenen Quartiergeberin, daß er auszuziehen gesonnen sei. »Ja, warum?« brachte die arme Frau endlich mühsam heraus.

»Ich gehorche einem Wunsche Herrn Tänzingers,« sagte Ludwig, »der sich für mich verwendete, so daß ich in nächster Nähe der Universität ein Zimmer mit voller Pension zu fast lächerlichem Preise erhalte. Natürlich habe ich den Sohn der Familie, der ich jetzt förmlich als Mitglied angehöre, für die Matura vorzubereiten und soll ihm künftig als eine Art Mentor dienen.«

Die Ambros verstand von allem, was Ludwig vorbrachte, ungefähr so viel, als hätte er ihr einen hochoffiziösen »Leiter« der »Neuen Freien Presse« oder des »Fremdenblatt« vorgelesen, sie wußte nur – und für eine liebende Frau überdies genug – daß sie ihn verlieren solle.

Anton war bei der Nachricht dieser Aufkündigung weniger überrascht und weniger erschüttert gewesen, als die arme Frau Ernestine. Erstens war er ein Mann, zweitens mehr auf einen solchen Wechsel vorbereitet, und drittens nagte an seinem Herzen ein Leid, das ihn allen Veränderungen, so sehr sie an liebgewordenen Verhältnissen rüttelten, kälter gegenüberstehen ließ.

Man denke nicht, daß ihn die Trennung von seinem 285 Vetter nicht schmerzte. Er fühlte einige Grade jener Kälte mehr, die uns die Vereinsamung erleiden läßt. Sein treues, mitteilungsarmes Herz litt unter dem Gedanken: nun bist du ganz allein. Weder die Aussicht, von den Fittigen der Liebe der Ambros im Notfalle geborgen zu sein, noch die tröstliche Versicherung Huxtls, daß es zwischen ihm und Anton ewig »alt« bleiben werde, genügten, um den Verlust ganz wettzumachen.

Anton hatte zu Ludwig bei dessen Eröffnung gesagt:

»I hab' nia an Bruadern g'habt, nia g'wußt, was dös haßt. Aber seitdem du bei mir warst, hab' i's kennen g'lernt. I kann m'r's denken, daß d' nia daherpaßt hast, und wünsch' d'r nur, es möcht' d'r recht guat gehn wia si's g'hört. In aner Art is 's ah besser so, denn . . . . . .« Anton brach ab, er wollte Ludwig nicht merken lassen, daß er wisse, wie auch dieser in die Netze der unersättlichen Ambros sich verfangen.

Tatsächlich büßte Ludwig das bekannte Ende jener Nacht, da ihm Huxtls Benefiz verleidet ward, mit mancherlei Gewissensanfechtungen. Der Rausch war verflogen und da ihn der Alltag wieder in seine Arme nahm, vermeinte er mit seiner Unerfahrenheit den besten Teil seines Selbst dahingegeben zu haben. Er vermochte die ersten Tage vor Scham gar nicht der Frau ins Antlitz zu blicken, die ihn in ein ersehntes und doch so frivoles Mysterium eingeweiht. Die Ambros war danach geartet, mit ihrem Gewähren den letzten Schleier sinken zu lassen, der Frauenwürde deckt. Armes Weib! Sein Instinkt wurde von den Männern benützt, ihre Instinkte ausleben zu lassen, und dann in schnöder Abkehr ihm zu verstehen zu geben, daß es nicht mehr sei, als ein Werkzeug momentaner Lust. Woran das lag? – Jedenfalls in erster Linie daran, daß sich das sinnliche Geschöpf, von 286 einem unheilvollen Triebe erfaßt, jedem Manne in die Arme warf, so daß der Unerfahrenste diesen unerquicklichen Eindruck erhalten mußte. Weiters, daß es in den Mitteln seiner Liebkosungen nicht Maß zu halten wußte und dem Manne schon in der ersten Umarmung eine Übersättigung schuf, der auch eine gröber organisierte Natur auf die Dauer nicht standzuhalten vermochte. Der Ambros fehlte jene Art kalter Koketterie, die einem Weibe gestattet zu entzücken, ohne sich auszugeben und genügend Genuß für sich selbst zu bewahren.

Ludwig fühlte von nun an eine peinliche Verlegenheit in Gegenwart der Frau, die ihm die erste Liebesnacht gewährte. Und seltsamerweise stieß auch er sich an der Ähnlichkeit mit Milly, so sehr diese Ähnlichkeit von allen benützt wurde, das junge Mädchen vermittels der Phantasie in der andern zu liebkosen. Sie deuchte ihm fast eine Entweihung. So fand die Ambros eine Nebenbuhlerin an Milly, ohne daß weder die eine noch die andere eine Ahnung davon hatte, in welchen seltsamen Reigen sie miteinander verflochten waren.

Ludwig fühlte eine Art Erleichterung, daß ihm nun der Quartierwechsel gestatte, ein Verhältnis abzubrechen, das ihn nur bedrückte. Er schämte sich jetzt fast seiner früheren keusch-verliebten Empfindungen für diese Frau.

Also Ludwig war zur Zeit bereits ein Vierteljahr von seinem ersten Heim, das ihm die Großstadt mitleidig geboten hatte, getrennt. Er logierte jetzt im quartier latin, wie sich's gehörte, hatte ein schönes, helles, geräumiges Zimmer und stand mit der Familie (einer Judenfamilie, wie wohl nicht erst erwähnt zu werden braucht) auf dem besten Fuße, lebte in vollster Freundschaft mit seinem Zögling und besuchte in gewissen Zeitabständen Anton. Trotz der dringenden Einladung Frau Ernestinens hatte er bis nun es vermieden, 287 zu einer Stunde zu kommen, in der sie, wie er wußte, allein zu Hause war.

Aber Jugend bleibt Jugend und je mehr die Erinnerung an die bei der hübschen Frau genossenen Freuden antiquierte, desto reizender erschien sie, wie es ja mit allen Erinnerungen der Fall zu sein pflegt. Da ihn heute sein Weg wieder nach dem Hause Herrn Tänzingers führte, um klein Waldemars etwas stützigen Kopf für die Aufnahme des nötigen Wissens zu präparieren, beschloß er, früher bei der Ambros vorzusprechen, um, wie er sich vorlog, an Anton eine kleine Post zu bestellen, die er seinem Hirn erst mühsam abquälen mußte und die im letzten Momente noch immer mit einer plausibleren vertauscht werden konnte.

Die Ambros, auf den überraschenden Besuch nicht gefaßt, befand sich in einem Zustande der Toilette, der mit der Zurschautragung von rosigem Fleisch nicht kargte.

Wie man weiß, besaß diese Frau eine Gabe, die wir uns nur in Verbindung mit Unschuld und Jugend und Schamhaftigkeit denken können. Sie vermochte bei passenden und unpassenden Gelegenheiten zu erröten.

Möglich, daß sie in gewissem Sinne wirklich Schamhaftigkeit besaß. Von den Qualitäten einer Jungfrau war sie gewiß nicht.

Auch ihr junger Besucher befand sich im Banne einer Verlegenheit, die ihn nicht minder erröten ließ, wie seine Empfängerin. Er vergaß daher auch den so mühsam einstudierten Vorwand und blickte, obwohl er es nicht wollte, auf das rosige Fleisch, das allerorten durch die zerrissene und aufgetrennte Bluse hervorlugte.

Die Frau war die erste, die zur Beherrschung der Situation gelangte. Sie bat Ludwig nach der ersten Begrüßung um Entschuldigung, bot ihm einen Stuhl an, und wechselte 288 hinter der geöffneten Schranktüre das zerrissene Kleidungsstück mit einem tadellosen anderen.

Die Unterhaltung schleppte sich erst mühsam fort. Ludwigs Auge konnte sich nimmer so leicht an den Anblick von Ärmlichkeit und Unordentlichkeit gewöhnen. Auch fand er, daß die Ambros doch nimmer in der ersten Jugendblüte stünde und im Geiste verglich er sie mit Milly, die denn freilich in ihrem vornehmen Heim, in ihrer gewählten Kleidung und im Liebreize ihrer achtzehn Jahre einen ganz anderen Eindruck zu machen imstande war.

Frau Ernestine bot Ludwig an, einen Jausenkaffee mit ihr zu sich zu nehmen. Er konnte die Einladung nicht gut abschlagen. Nach einer halben Stunde saßen sie nebeneinander auf dem kleinen Sofa, und da jegliche Bewirtung eine Stimmung gleich zum Besseren lenkt, hatte auch Ludwig bald das erste Unbehagen abgetan. Er erkundigte sich zuerst um die ihm bekannten Hausgenossen, auch um Huxtl, von dem er erfuhr, er sei schon acht Tage im Spitale, da sich einige nicht unbedenkliche Folgeerscheinungen seiner maßlosen Drahrereien zeigten. Besondere Angst habe er wegen seiner Kehle, die so rauh und heiser sei, wie nur eine Trinkerkehle.

Da Ludwig sich nun doch eines Vorwandes entsann und der Frau eine belanglose Bestellung an Anton auftrug, schüttelte diese bei Erwähnung desselben bedenklich den Kopf.

»I waß net, was i von eahm denken soll,« sagte sie»er g'fallt m'r die letzte Zeit gar net. Seitdem Sie weg san, is er no finsterer und menschenscheuer wia sunst. Es druckt eahm was, und i man' allweil, er kann das Madl net vergessen.«

Ludwig erbat sich nähere Aufklärung.

»Er hat a Madl kennt,« berichtete die Ambros, »die er 289 gern g'habt hat und die er heirat'n hätt' woll'n. Aber zu dem war s' net z'hab'n. A anfacher Arbeiter war ihr do z'minder und wo s'jetzt is, waß er net. Aber denken, glaub' i, tuat er no allweil an sie, wenn er ah drüber nix redt. I man', i hab' Ihner 's letztemal, damals – wissen S,'« sie errötete abermals mit Ludwig um die Wette, »a Andeutung g'macht. I waß net, ob i mi net am Ende täusch'. Aus eahm is ja ka Wort herausz'bringen.«

Ludwig saß sinnend da und überlegte im Geiste den Geschmack, den sein Verwandter in bezug auf ein Weib haben könne. Das so Naheliegende, bei einiger Kombinationsgabe Unausweichliche erriet er nicht. Es ist die Folge der Sprunghaftigkeit aller Gespräche, daß sie eine Spur zu irgendeiner Offenbarung gleich im Anfange zerstören. Einige Worte über diesen Gegenstand mehr, und wie eine Erleuchtung hätte es über den Studenten kommen müssen, welche Beziehungen zwischen Milly, Anton und der Ambros bestanden. So jedoch erinnerte er sich nicht einmal mehr der Beziehung zwischen ersterer und letzterer, hatte selbst an das Versprechen, das er gab, vergessen, da nichts ihn mahnte es zu halten.

Die Ambros lenkte geschickt das Gespräch auf andere Dinge, die ihr geeignet als Übergang zu einem Thema erschienen, das allein ihre Gedanken beherrschte.

Da sie als erfahrene Strategin der Liebe wußte, daß einem solchen Gegner wie Ludwig gegenüber der Angriff die beste Taktik sei, ließ sie es nicht daran fehlen, erst vermittels des alten, bewährten Mittels der Erinnerungen das Gedenken an eine bewußte Nacht aufleben zu lassen, und dann, als die Augen des jungen Novizen in einem eigentümlichen Glanz zu leuchten begannen und das Rot der Verlegenheit dem Purpur des Verlangens wich, das Beste und Einfachste 290 zu tun was möglich war. Sie umschlang Ludwig wie das erstemal, preßte ihre Lippen an die seinen und ließ sich auf das alte, knarrende Sofa zurücksinken. – – – –

Viel zu früh für die Bedürfnisse der sinnlichen Frau nahm Ludwig Abschied, nachdem er alle möglichen Eidschwüre geleistet, nun öfters und so bald als möglich wiederzukommen. Merkwürdig, heute war dieses Gefühl des Unbehagens von ihm gewichen. Eine gewisse Geckenhaftigkeit, eine Art Don Juanlust hatte ihn ergriffen. Er war auf dem besten Wege, nun selbst Weiber zu verführen und nicht sich wie ein Knabe verführen zu lassen.

Mit einiger Verspätung langte er im Hause Herrn Tänzingers an. Schon außen war ihm eine gewisse Verwirrung aufgefallen. Ein Wagen hielt vor dem Tore, die Hausbesorgerin sprach äußerst aufgeregt mit einigen Frauen der Nachbarschaft. Vor dem Lokale standen Gruppen von Stammgästen, die, auf den Wagen deutend und lebhaft gestikulierend, jedenfalls verschiedene Meinungen verfochten, wie dies ja das einzige Tagewerk all der Herrschaften war.

Ludwig, von dem niemand Notiz nahm, gelangte zur Wohnungstüre und fand daran einen Zettel mit dem Inhalte: »Nicht läuten, leise klopfen!« Er befolgte diese Anordnung und als das Dienstmädchen öffnete, tat es dieses sehr leise und vorsichtig. Sie zog Ludwig bei der Hand in das Vorzimmer, flüsterte ihm zu, ein wenig zu warten, man habe seinem Erscheinen schon mit Ungeduld entgegengesehen. Jetzt sei der Arzt da und er werde wohl bald weggehen. Bevor der erstaunte Lehrer noch eine Frage tun konnte, was das alles zu bedeuten habe, war das Mädchen davongehuscht und er stand da im Vorzimmer, ohne sich dessen bewußt zu sein, was er unter so fremdartigen Umständen hier zu suchen habe.

291 Nach einer Weile ertönten gedämpfte Schritte und Herr Tänzinger nahte sich mit einem alten Herrn, allem Anscheine nach der Arzt, von dem das Mädchen gesprochen.

Tänzinger grüßte Ludwig mit einem Winken der rechten Hand und ihn dem Arzt vorstellend, sagte er: »Das ist er.«

Der Doktor sah den jungen Studenten mit einer zerstreuten Art der Prüfung an und nickte.

»Wie gesagt,« wandte er sich abschiednehmend an Herrn Tänzinger, der sehr bleich, trostlos und bekümmert aussah, »vor allem strengste Ruhe, absolute Stille und Geräuschlosigkeit. Es wird sich empfehlen, wenn Sie nicht aus gewissen Gründen etwas dagegen haben, eine barmherzige Schwester an das Bett zu rufen. Ich komme morgen früh wieder und werden meine Anordnungen genau befolgt, so will ich Ihnen Hoffnung machen. Ich kann nicht verhehlen, daß der Zustand des kleinen Fräuleins ein ernster ist. Sollte das Irrereden so fortdauern, möge man der Patientin von der Medizin geben. Und dann Umschläge, stetig mit peinlicher Gewissenhaftigkeit.«

Nachdem er dem trostlosen Vater die Hand geschüttelt und die Verbeugung Ludwigs erwidert, entfernte er sich.

Dieser hatte aus den Worten des Arztes entnommen, daß Sidonie sehr schwer erkrankt sei. Herr Tänzinger winkte Ludwig schweigend zu, ihm zu folgen, und ging voran in dasselbe Zimmer, in dem sonst der Unterricht erteilt wurde.

»Herr Herdlicka,« sagte Tänzinger, nachdem er dem jungen Mann einen Platz angeboten, während er selbst unruhig im Zimmer auf- und abwandelte, in gepreßtem Tone, »mein Goldkind, meine kleine Sidonie ist sehr schwer krank.«

Ludwig vermochte augenblicklich nicht eine tröstende Phrase auszusprechen, das Ereignis kam so überraschend und stand in so grellem unangenehmem Gegensatze zu Ludwigs 292 augenblicklicher Stimmung, daß er nur Herrn Tänzinger anzustarren vermochte, der fortfuhr.

»Sehr krank, sage ich, und wenn Gott mich strafen will, hat er das Mittel gut ausgewählt. Meine kleine Sidonie, mein liebes Kind, mein Stolz, kann morgen als Leiche daliegen und ich werde ein einsamer Mann sein.«

Sonderbar, daß der alte Mann sich im Augenblicke nicht seines männlichen Namenserben erinnerte.

»Der Arzt sagt, es sei ein Nervenfieber. Ach, Herr Herdlicka, wer hätte es vor drei Tagen noch geahnt? Fiel Ihnen etwas auf an meiner Kleinen?«

Ludwig besann sich und sagte, er glaube, das Fräulein sei stiller gewesen als gewöhnlich.

»Hat sie mit Waldemar herumgezankt?«

»Nein, ich glaube – nein, ganz bestimmt nicht. Jetzt fällt mir ein, daß es bei meinem letzten Hiersein nicht der Fall war. Ich glaube, ich war sogar verwundert darüber.«

Herr Tänzinger nickte so trübe beistimmend, als wollte er sagen, daß ihn die Krankheit seines Kindes nun nicht mehr in Erstaunen versetze.

»Sie phantasiert und tobt«, nahm er dann wieder das Wort. »Sie liegt im Zimmer gegen den Hof zu, dort ist es still und kein Lärmen kann sie stören.

»Und, Herr Herdlicka, Sie phantasiert von Ihnen und ruft Sie immer. Dann streitet sie mit Waldemar, weil er Ihnen nicht folgen will. Nur von seinem Papa spricht mein Goldkind nichts . . .« Er hielt inne, und der Zuhörer merkte zu seiner Erschütterung, daß Tränen die Stimme des Vaters brachen.

»Nur von seinem Papa nichts,« und Herr Tänzinger achtete dessen nimmer, daß seine Worte ein einziges Schluchzen waren. Er hatte jedenfalls seinen Schmerz zu sehr 293 zurückgedrängt und er brauchte einen Teilnehmer desselben. Wer hätte diesem kalten, schläfrigen Geschäftsmanne eine solche Heftigkeit der Empfindung zugetraut?

»Sie haben es meinem Goldkinde angetan«, fuhr nach einer Pause Herr Tänzinger gefaßter fort. »Sie ruft nach Ihnen und Ihr Name ist immer auf ihren Lippen. Sie sind unschuldig daran und ich weiß, was die Schuld daran trägt. Ich habe mich meinen Kindern zu wenig gewidmet und habe sie immer fremden Händen überlassen, während ich im Geschäfte Geld einstrich. Für wen aber habe ich es getan? Nur für meine Kinder, nur für sie, aber es trägt mir jetzt Kummer ein und Selbstvorwürfe. Meine arme, kleine Sidonie ließ ich heranwachsen, wie es nicht hätte sein sollen. Wann sah ich sie jemals? Nur eine kurze Zeit des Tages, und ich hätte sollen den ganzen Tag in ihrer Nähe sein. Aber sie mußte etwas zum Lieben haben, dann in ihrer Einsamkeit sind Sie aufgetaucht, und ohne Ihr Wissen haben Sie ihrem alten Papa, der sie so lieb hat, das Herz seiner kleinen Sidonie entwendet.«

Ludwig wollte auf die seltsamen Vorwürfe etwas erwidern, doch Herr Tänzinger winkte ihm noch zu schweigen.

»Es ist noch ein kleines, unschuldiges Kinderherz, aber da Sie einen Platz darin haben, will ich Sie daraus nicht verdrängen. Mein Vertrauen zu Ihnen ist ein großes. Sie wissen gar nicht, wie groß, dazu müßten Sie mich besser kennen. Hoffen wir, daß meine kleine Sidonie gerettet wird. Nun kommen Sie mit mir, um das arme Kind zu sehen.«

Er ging wieder Ludwig voran, und mit der äußersten Vorsicht und Behutsamkeit betraten beide das verdunkelte Krankenzimmer. Erst konnte Ludwig nichts gewahr werden als eine Flut goldroten Haares auf der weißen Decke. Eine Frau, jedenfalls aus der Nachbarschaft, in der Eile 294 als Wärterin aufgetrieben, legte in Eiswasser getauchte Tücher auf die Stirne der Kranken. Diese lag im Momente still da, das Gesicht war verzerrt, die Augen blickten starr ins Leere. Allmählich ward sich Ludwig, der aus einiger Entfernung nach dem Krankenlager starrte, der Veränderung bewußt, die in dem schönen Gesichte der kleinen Sidonie sich ausdrückte.

Die Kranke begann wieder zu reden.

»Papa, Papa!« rief sie und dann folgte eine Flut unzusammenhängender, wirrer Worte, die allmählich sich zum Schreien steigerten.

Aber Herr Tänzinger stand mit feuchten Augen da, und flüsterte Ludwig zu:

»Sie hat doch an ihren Papa gedacht, mein Goldkind.« Jetzt folgte Ludwigs Name, so sehnsüchtig, daß der Lauscher wie gebannt nach dem Bette hinhorchte und vermeinte, einen solchen Klang noch nie vernommen zu haben. Jedenfalls mußten die Fieberphantasien Sidoniens von einem Kampf mit Waldemar erfüllt sein, und wie einmal, rief sie auch jetzt in ihrer Bewußtlosigkeit.

»Was sagst du? Ich bin verliebt? Sage es noch einmal! Was hast du gesagt?« Und wieder folgte die Anrufung Papas, der dazu ausersehen war, in dem Kampfe zwischen Waldemars Unbotmäßigkeit und Sidoniens Autoritätsansprüchen, den Schiedsrichter zu spielen.

Nach einem kurzen Aufenthalt im Krankenzimmer gingen Herr Tänzinger und Ludwig wieder leise hinaus.

»Ich weiß nicht, ob ich es nicht besser verschwiegen hätte,« sagte ersterer im Vorzimmer zu dem jungen Lehrer, »aber sie ist ein Kind und ihre Zuneigung nichts Unrechtes. Sie kenne ich als wackeren, jungen Mann, der gewiß zurzeit vergessen haben wird, was er heute gehört und gesehen. 295 Die Liebe zu Kindern macht ernste Männer sehr schwach und weibisch. Bitte, kommen Sie jetzt jeden Tag. Wenn mein Goldkind zum Bewußtsein kommt, meint der Doktor, daß Ihre Nähe ihr große Freude machen wird. Sie haben es der Kleinen angetan, und ich weiß nicht, wie das kommt.« Er schüttelte schwermütig den Kopf.

Ludwig, dem die Worte, die er von Sidonie eben vernommen, eine Erinnerung an den Nachmittag wachriefen, da Waldemar wegen seiner Behauptung, seine Schwester sei in Herrn Herdlicka verliebt, von dieser gepufft und gezaust worden war, bemühte sich, durch Erzählung dieser Szene die ganze Harmlosigkeit der Worte und scheinbaren Zuneigung, die sich in den Fiebergesprächen äußerte, darzulegen.

Er versprach, jeden Tag zu kommen und sich um den Zustand der kleinen Patientin zu erkundigen. Seine Lehrtätigkeit entfiel natürlich einstweilen, bis eine sichere Genesung Sidoniens in Aussicht stand.

Als Ludwig dann durch die lärmenden Straßen schritt, war er sich nicht im klaren darüber, was er eigentlich dachte. Das sonderbare Benehmen Herrn Tänzingers, sein Vertrauen zu ihm, das ein geradezu familiäres genannt werden mußte, die ganz ungereimte Vermutung, Sidonie sei in ihn verliebt, eine Art von Stolz, die er über diese Entdeckung hegte, (die Eitelkeit jedes jungen Mannes läßt noch weit dümmere Deutungen zu), verwirrten seine Gedanken dermaßen, daß er sich für heute zu keiner Tätigkeit mehr bereit genug fand und er sich irgendwo in die Stille zu flüchten vornahm. Er beschloß, einen Spaziergang in der ländlichen Peripherie der Stadt zu unternehmen und seine Entdeckungsreisen in der Umgebung des Bezirkes um eine neue zu vermehren, indem er die Richtung gegen »die Spinnerin am Kreuz« einschlug.

296 Wenn etwas seine leichtverzeihliche Genugtuung über die Verliebtheit des schönen Kindes in seine Person herabzustimmen vermochte, war es der Umstand, daß er in Sidonie eben nur ein Kind sah. Er wußte nicht, wie rasch sie vermöge der dem Geschlecht ihrer Rasse eigenen Entwicklung heranreifte, daß sie als Kind auf das Krankenlager geworfen wurde, von dem sie als Jungfrau wieder erstehen sollte.

Die Ereignisse der letzten Stunde hatten seinen Geist dermaßen eingenommen, daß er des kurz vorher stattgehabten Schäferstündchens ganz vergaß, und als er sich dessen erinnerte, dieses wieder nur mit allen Anzeichen der Scham und des Widerwillens tun konnte. 297

 

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