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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

(Huxtl hat ein Benefiz, das infolge verschiedener Umstände nicht eintönig verläuft und Ludwig Gelegenheit gibt, seinerseits ein angenehmes Stellvertreteramt auszuüben.)

Im Gegensatz zu Ludwig, dem die Folgen seiner Verbindung mit dem blutigen Ereignisse jener bekannten Nacht sehr unangenehm deuchten und der froh war, daß die Sache einigermaßen ins Einschlafen geriet, war Huxtl unausgesetzt bemüht, dadurch seine Popularität zu erhöhen. Er konnte zufrieden sein. Bei den Interviews nahm er großmütig den heroischen Teil Ludwigs auf seine Schultern und erlebte die Genugtuung, in einem illustrierten Blatt seinen Charakterkopf zu finden mit der Überschrift: »Unser fescher Huxtl als Samaritaner.« Er hätte kein Künstler sein müssen, wäre bei ihm nicht die Eitelkeit und der Sinn für Pose höchst entwickelt gewesen.

Um diese momentane, in Verbindung mit seiner langerworbenen Popularität günstige Stimmung auch praktisch auszubeuten, beschloß er im Einvernehmen mit dem »Direktor« seiner Gesellschaft ein Benefiz auf gleiche Teilung zu geben, das heißt sein Anteil sollte so groß sein, wie der der übrigen Mitglieder zusammen. Der Lizenzinhaber ging darauf bereitwillig ein, da er wußte, bei einem Huxtl-Benefiz auf seine Rechnung zu kommen.

Der Liederdichter und Charakterdarsteller – wie er sich am liebsten nannte und nennen hörte – legte sich bei solcher Gelegenheit, die seinen Finanzen aufhelfen sollte, 209 gewaltig ins Zeug. Er zog das Publikum, bildlich gesprochen, bei den Rockkrägen und Kittelfalten zur Produktion.

Seine Verehrer und Verehrerinnen waren Legion. Überall verknüpften ihn zarte Liebes- und Freundschaftsbande mit Leuten, die aller Welt zum Trotz behauptet hätten, Huxtl sei der Einzige, der Anspruch auf den Lorbeer des Darstellers, Sängers und Dichters besäße.

Der famose Künstler war in der Auswahl seines Publikums nicht kleinlich. Jedermann, der den Betrag für ein Billet oder seinen Besuch garantierte, war willkommen.

Er lauerte den die Arbeit verlassenden Fabriksmädchen nach Feierabend auf, besuchte Nachtcafés, beschwatzte Kutscher und Straßenkehrer zum Besuch seiner einzigen Produktionen; besuchte Damen, die bis nachmittag zu schlafen pflegen, überfiel in den »besseren« Straßen des Bezirkes vom Einkauf heimkehrende Dienstmädchen, rannte von einer Tanzschule zur andern, die er ohne Bezahlung einer Gebühr mit der Absolvierung eines Walzers beehrte und frequentierte den Besuch aller im weiten Umkreis bekannten Branntweinschenken, wobei er jedoch weniger auf deren Kunden als deren Besitzer und Schankgehilfen reflektierte.

Bei den Honoratioren erschien er im Kostüm und mit der Miene eines Komiteemitgliedes für einen erlesenen Wohltätigkeitsball, nannte Greislerstöchter »gnädiges Fräulein«, Fleischhauers- und Kaufmannsgattinnen »Gnädigste« und einflußreiche Hausmeister »Herr von . . . .«. Er verstand es, einen bissigen, widerborstigen Köter ein »schön's, brav's Hunderl« zu nennen, einen knieschwachen Militärveteranen ob seiner ritterlichen Haltung bei der letzten Leich zu bewundern und vor der bekannten Hauskatastrophe Frau Blaschke ein süßes Zuckergoscherl und armes Hascherl zu nennen.

210 Er verstand es ferner, bei den Wirten nebst Absatz eines Billetts einen Gratispfiff Gespritzten zu erreichen und die am Aufschreibepult beschäftigte Kassierin durch einen Blick oder ein gehauchtes Wort tödlich mit den Pfeilen Amors zu verwunden.

Wie einst Wallenstein seinem kaiserlichen Herrn eine Armee aus dem Boden zu stampfen versprach, so auch Tschickerl seinem Busenfreund, aber eine kleine Armee von zahlenden Zuhörern.

Tschickerl war außer sich vor Freude über das Benefiz, das ihm Veranlassung gab, sich öffentlich als Intimus und Mäcenas des berühmten Volkslieblings zu zeigen.

»Hörst d'r, Bruada, da müass'n mar was Ferms machen. Pass' auf, da soll'n d' Leut' spitzen. Du muaßt dar a paar haarneuche Coupleterln ausdenken, a paar saftige Schlager, verstehst das?«

»Wia's d' in Komfortabler . . . . – waßt eh no, und wia's d' arretiert bist wurd'n.«

»Geh, net!« flehte Tschickerl, den die Erinnerung an jenes Abenteuer immer mit unbehaglichen Empfindungen erfüllte. »Lass' dö Tanz, braucht ka Mensch was z'wissen davon! Es war do übrigens nix dabei, auf d'r Polizei die drei Staner Straf', und 'n Anspanner hab' i an Fünfer geb'n. Der hätt' mi drum no was anders neintuan lassen. – Na, waßt, was i man'? A Couplet, wia's d'r in Holzinger bei d'Haxen anpackst und wollt's 'hn hamzahrn, so was Ähnlich's, verstehst, Huxtl? Dann an harben Refrain, den singen alle mit, i fang' allerweil an. So, waßt dar. »Seg'n S', das is das End vom Liad!« Bruada, der Refrain is net ohne, pass' auf, der schlagt ein.«

211 Und nach einer Melodie eigener Erfindung sang Tschickerl mit seiner krähenden Stimme die tiefsinnigen Worte einige Male dem Freunde vor, der versprach, von dem schönen Gedanken Gebrauch zu machen. – – –

Abends zu ganz ungewöhnlicher Stunde sprach zu beider Erstaunen Huxtl im Kabinette der zwei Verwandten vor. Anton riet gleich auf einen Ausnahmsfall, während Ludwig dem seltenen Besucher die löbliche Absicht unterlegte, er wolle die bei einem traurigen und ganz ausnahmsvollen Fall geschlossene Bekanntschaft erneuern.

Huxtl machte dem Widerstreite beider Versionen ein rasches Ende.

»Tonl,« sagte er schlicht, »i hab' am Samstag mein Benefiz.«

Anton, dessen bisheriger einziger Freund Huxtl gewesen und der ein Verehrer der urwüchsigen Volksmuse war, rief ein befriedigtes »Gehst net doni?« aus. Der Wiener pflegt in einen gewöhnlichen Ausdruck verschiedene Grade der Empfindung zu legen. Das »Gehst net doni?« vermag den Wunsch auszusprechen, irgendein geehrter Gegner möge schleunigst vor einer angedrohten, fürchterlichen Rache Reißaus nehmen; es mag einen vorwitzigen Straßenjungen auf eine besondere Fährlichkeit aufmerksam machen; es mag als kosende Abwehr gelten, wenn der Wiener Jüngling einer Wiener Jungfrau allzu stürmisch in seinen Herzensattacken erscheint. Aber es kann auch als Ausdruck höchsten Erstaunens, gemischt mit höchster Befriedigung, gelten, und in dieser letzten Art war das »Gehst net doni!« Antons zu nehmen.

»No, und ös seid's do sicher dabei?« forschte Huxtl, indem er seinen Blick auf Ludwig konzentrierte, als vermöge dieser in seiner schlichten Person das »ös« zu 212 repräsentieren. Es lag auch noch etwas anderes in diesem Blicke, nämlich die Frage, ob es angezeigt sein möchte, den Studenten, dessen Bekanntschaft keine unrühmliche zu nennen war, gleich heute zu duzen.

Jedenfalls schlug die Erwägung zugunsten dieses Vornehmens aus, denn Huxtl wandte sich an Ludwig: »Lernst wenigstens an Weana-Schan kennan. A Gaude wird's geb'n, daß 's höcher nimmer geht. Und wannst d'r in Tschickerl seg'n wirst . . . .«

Sicherlich von der tiefinnersten Überzeugung ausgehend, daß jegliche nähere Beschreibung der Qualitäten Tschickerls eine Abschwächung der Wirklichkeit bedeuten würde, brach Huxtl dieses Thema ab und sagte zu Anton: »Alsdann, Tonl, ös zwa, die Ambros, der Tschickerl und a meiniger Cousin mit seiner Kleschen werd's am Ehr'ntisch sitzen. – Geh, g'halt d'r deine paar Dübeln!« sagte er, als Anton Miene machte, die Börse zu ziehen. »I sag' d'r nur, pickfein wird dö G'schicht'. A ganz extraneuchs Programm, ferme Schlager, und 's Lokal nimm i beim »lustigen Kampl«, gengen mehr als vierhundert Personen eini.«

»Fix no' mal!« sagte erfreut Anton, der es stets vorzog, seinen Stimmungen einen sozusagen extraktlichen Ausdruck zu verleihen.

Ludwig, den es interessierte, einmal einer Volkssängerproduktion beizuwohnen, sagte sein Erscheinen zu und Huxtl entfernte sich, den Kopf voll von Adressen illustrer Persönlichkeiten, die seinem Benefiz ein Relief zu verleihen imstande wären.

Sehr erfreut war die Ambros über die Aussicht auf den Festabend, denn sie sagte sich nicht mit Unrecht, daß 213 bei dieser Gelegenheit eine Annäherung zwischen ihr und Ludwig stattfinden könne.

Gleich nach Weggang des Volkssängers trat sie bei den zwei jungen Leuten ein und frug sie, ob Huxtl wegen der Einladung zu seinem Ehrenabend dagewesen sei?

Sie konnte kaum die hohe Befriedigung verhehlen, als ihr Ludwig von dem getroffenen Arrangement berichtete, und daß er entschlossen sei, der Einladung Folge zu leisten.

Anton, der der hübschen Frau gegenüber jetzt noch wortkarger und kürzer zu sein pflegte als sonst, aus Gründen, für welche er sich selbst keine Rechenschaft abzulegen vermochte, schien die Verlegenheit nicht zu bemerken, die sich Ludwigs bemächtigte, als er einen vollen, feurigen Blick der schönen Witwe auffing.

Der Student pflegte nicht allzuoft zu träumen; aber in dieser Nacht war es ihm, als wäre Fräulein Milly und die Ambros eins, und er wurde von einer geküßt, ohne sich sagen zu können, von welcher.

Dank der unermüdlichen Agitation des für sein Benefiz tätigen Huxtl, war der Saal des Gasthauses zum »lustigen Kampl«, ein großer, häßlicher, schreiend dekorierter Bau mit Riegelwänden, bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Die Anwesenden sahen mit sichtlicher Spannung den Vorträgen entgegen. Das Hauptinteresse konzentrierte sich selbstverständlich auf den Helden des Abends, der in tadellosem Frack, blendend weißer Hemdbrust, ditto Krawatte, durch den Saal strich, jede entgegengestreckte Hand drückend, manchmal die einer Schönen galant küssend, aus jedem dargereichten Bier- und Weinglas herzhaft Bescheid tuend – kurz, der Inbegriff erhabener, schöner Männlichkeit, des Künstlers und Herzenbrechers.

Das Publikum war das denkbar gemischteste. Da saß 214 ein Arbeiter im blauen Hemd, fadenscheinigen, lichten Werktagsrock, ohne Weste, in den geschwärzten, derben Händen das Programm haltend, dessen Inhalt er seiner Geliebten in der langsamen, zögernden Art eines Menschen vorlas, dessen starke Seite ein fließendes Lesen gerade nicht ist. Sein Nachbar war ein Gigerl des Standes nichtstuerischer Taugenichtse in lichtgelbem Sako, karrierten Hosen, grellbunter Weste, von der sich eine schwere, silberne Uhrkette mit vielen Anhängseln sehr wirkungsvoll abhob.

Die Haare waren glatt an die Kopfhaut gepickt, mit einer so regelrechten, geraden Teilung, daß auch nicht ein Härchen die ihm angewiesene Richtung verließ. Das linke Ohr zierte das obligate Flinserl und die magere, arbeitsunbekannte Hand einige massive, feuervergoldete Ringe. Aus der Art, wie er sich gab, erriet man, daß er eine Persönlichkeit sein müsse. Und dem war in der Tat so, das bewies Huxtls respektvolle Vertraulichkeit dem gefürchteten »Verdächtigen« gegenüber, für dessen unsichtbare Geschäfte sich die Polizei sehr interessierte, um so mehr, als der Kavalier strenge Wahrung seines Geschäftsgeheimnisses sich angelegen sein ließ. Tatsache war ferner, daß er mit den Vertretern der heiligen Hermandad anscheinend auf bestem Fuß stand, ein liebenswürdiges, durch gegenseitiges Mißtrauen genährtes Verhältnis, das dem geehrten Anwärter einer Zuchthauszelle zu dem Luxus verhalf, der Polizei mehr in der Rolle des wohlwollenden Beobachters gegenüberzustehen.

Nach einem besonders gelungenen Einbruche, der die intensivste Tätigkeit aller behelmten und zivilistischen Sicherheitsorgane in Anspruch nahm, verfehlte der Herr mit dem Flinserl im Ohr und der schweren Uhrkette über der Weste niemals, gelegentlich den auf besonders exponiertem Posten auf- und abpatrouillierenden Wachmann mit nachlässig 215 wohlwollender Vertraulichkeit zu befragen, ob er »no kan' von dö Diabshund derwischt« hätte. Dann pflegte der Befragte verlegen zu schmunzeln, dem Kavalier kameradschaftlich auf die Schulter zu klopfen und mit einem bezeichnenden Augenzwinkern zu sagen: »Schurl – wann Sö wollten . . . drei, vier Jahrln kummerten anmal z'guat. Ewig geht's do net. Net?«

Aber Schurl wollte nicht. Er sagte höchstens einmal: »Schaun S', daß S' dö Banda derwischen. Unseraner kann si abends net anmal außitrau'n. Is ja ka anständiger Mensch seines Lebens sicher.« Dann lachte zuerst der Wachmann, später der biedere, um Sicherheit und Eigentum besorgte Staatsbürger. –

Weiters saß da an dem Tische ein korpulenter Herr mit sogenanntem Kaiserbart, listigen, kleinen, aber unbarmherzigen Augen, mit einem Ärmelgilet als markantestem Toilettestück, eine mächtig große, beinahe schwarz angerauchte Bernsteinspitze im Munde, sparsam an einer Zigarre rauchend. Das war Herr Schwarz, der Greisler und Menschenfreund des Hauses Nr. 37.

Dann zwei Fabriksmädchen, das eine groß, schlank, von beinahe auffallender Schönheit mit schwarzen, träumerischen Augen, den ganzen Eindruck jedoch durch eine geschmacklose, turmähnliche Phantasiefrisur störend. Das andere, klein, etwas verwachsen, überhaupt unscheinbar bis auf einen lieblichen, frischen Mund von köstlichster Zeichnung und klarem, zu Herzen dringendem Blick.

An einem andern Tische saß eine ganze Kollektion von Damen in Toiletten, deren schreiende, imitierte Kostbarkeit hinlänglich ein Pendant zu den geschminkten Gesichtern und dunkel unterstrichenen Augen ihrer Besitzerinnen bildete, um jedermann zu versichern, diese Damen seien die Hingabe und 216 Liebenswürdigkeit selbst. Sie tranken mächtige Quantitäten Bier oder Wein, aßen Backhühner mit Kompott und rauchten Zigaretten. Ihnen begegnete Huxtl mit kavaliermäßiger Galanterie. Es waren Damen aus besseren Bezirken, und, wie sie versicherten, erst um ein Uhr gewillt, ihrem Berufe nachzugehen, Besucherinnen von Lokalen, die bis in die Frühstunden offen halten.

Dann hatten sich hier Rendezvous gegeben: Dienstmädchen, die Ausgang hatten, mit ihren Geliebten, meist Arbeitern oder Kommis bei Kaufleuten dritter, vierter Sorte; vazierende Kellner, Fleischhauergehilfen, kenntlich an ihren roten Gesichtern und Händen, ihrem riesigen Appetit, den goldenen Ringen an den wurstförmigen Fingern und last not least an ihrem selbstbewußten nichts scheuenden »Mir san mir«-Wesen; kleine Beamte, mit Familie, die den ganzen Abend vor zwei Glas Bier verbrachten; und in der Menge verstreut Leute, denen man die Art ihrer Beschäftigung nicht ansehen konnte. Gut gekleidete Strolche und Zuhälter, die auf ihre erst später erscheinenden »Damen« warteten. Verwegene, bleiche, gezeichnete Gesichter mit boshaften, kalten Augen, die auf die geringste, unbeabsichtigte Beleidigung hin drohend aufblitzten, der Schrecken aller Lokalbesitzer und nächtlichen einzelnen Passanten, auch der Wachleute, die in einsamer Nacht in noch einsamerer Gegend die Runde zu machen hatten; diese modernen Raubritter und Wegelagerer der Großstadt, deren sich die Gesellschaft nur durch die drakonischsten und unbedenklichsten Mittel erwehren könnte.

An einem Tische mit einem Angehörigen dieser Gilde lebhaft aber leise plaudernd saß Fischer. Seit er aus der Haft entlassen war, trieb er sich den ganzen Tag herum, unbekannt wo; lebte ganz gut, unbekannt wovon, und kümmerte sich um Weib und Kind gar nimmer. Das Lintscherl war einige Tage 217 nach seiner Einlieferung ins Spital gestorben und er hatte darüber keinerlei Erregung gezeigt, als ihm seine Frau weinend und gebrochen vor Mutterleid die Mitteilung von dem Tode des armen Wesens machte. Er hatte nur etwas gebrummt wie: »Ist gut aufg'hob'n, verplatzte, narrische Nocken« und war nach flüchtigem, seltenem Aufenthalt in seiner Wohnung wieder gegangen. Nun saß er in der Erwartung eines vergnüglichen Abends da und vertrieb sich einstweilen die Zeit mit einem offenbar anregenden Gespräche, das er mit häufigen Zügen aus dem Weinglas anfeuchtete.

An einem Tische, unmittelbar vor dem Podium, mit dem Vormerk »reserviert« saßen am Ehrenplatze die Ambros, Ludwig und Anton neben einem jungen Paar, auf den ersten Blick als Liebesleute kenntlich, deren männlicher Teil sich der Ehre einer nahen Verwandtschaft mit dem Volksdichter und Liedersänger rühmen durfte. Tschickerl, der selbstverständlich auch der Gesellschaft angehörte, befand sich höchst selten auf seinem Platze, solange die Vorstellung noch nicht begonnen. Man sah ihn im ganzen Saale herumstreichen, wichtigtuend und beweglich wie ein Hampelmann.

Alle Augenblicke verschwand er in der Garderobe der Künstler, zu der ihm seine Eigenschaft als »Wurzinger« ungehinderten Zutritt verschaffte. Dann wieder hielt er lange, eingehende Besprechungen mit dem Wirt und den Kellnern, ab und zu einen zärtlichen Blick auf den Kranz werfend, der in einem kleinen Nebenzimmer auf dem Tische lag. Er war im letzten Momente von Tschickerl am Naschmarkt gekauft worden und sollte ein Lorbeerkranz sein. Allein seiner Form und ursprünglichen Bestimmung nach war er für ein Leichenbegängnis eher geeignet, denn als ein Zeichen der Huldigung für einen Lebenden. Daran änderten selbst die knallroten Schleifen nichts, auf denen mit schwarzen 218 Buchstaben die Inschrift gedruckt war: »Hoch der fesche Huxtl!« Dann: »Ham's an Idee?«, mit welcher Frage gemeinhin einem Jubilar oder Geburtstagskinde nahegelegt wird, den Spender irgendeines Geschenkes oder eines Glückwunsches zu erraten.

Die Ambros hatte sich heute stattlich herausgeputzt, wie eine Prinzessin (so hatte ihr Huxtl bewundernd gestanden), und präsentierte sich so recht als die schöne Frau, die sie war, wohl geeignet, an der ihr zugewiesenen, exponierten Stelle Ehre einzulegen und die Bewunderung aller Männer zu erwecken. Vor ihr auf dem Tisch stand ein ungeheures, einem riesigen bunten Kohlkopfe nicht unähnliches Bukett in der graziösen Anordnung der berühmten Hochzeits- und Namenstagsbuschen. Eine sinnige Aufmerksamkeit Huxtls für seine hübsche Quartiergeberin, denn er war nicht gesonnen, die Rolle eines verschwiegenen Ritters zu spielen. Nein! alles sollte sehen, welch schöne Geliebte und Gebieterin seines leicht entzündlichen Herzens er zurzeit besaß.

Selbst Antons Blicke ruhten mit einem Ausdrucke des Staunens und Wohlgefallens auf ihr, denn er sah sie zum ersten Male in einem ganz neuen Licht und es regte sich etwas in ihm von eifersüchtiger Anwandlung. Die Freude über die ihr zuteil werdende Bewunderung und über die Nähe Ludwigs, der seinen Platz ganz dicht neben ihr hatte, verlieh ihrem Äußern einen fast keuschen, jungfräulichen Reiz.

Endlich! Der Klavierspieler setzte sich an sein Instrument und exekutierte einen rauschend sein sollenden Eingangsmarsch. Das Stimmengewirr verstummte ein wenig, und man begann sich zurecht zu rücken.

In diesem Augenblicke drängte Tschickerl, der um nichts von der Produktion zu versäumen, zu seinem Tisch zu gelangen suchte, ungestüm zwischen den Stühlen nach vorwärts. 219 Da er dabei nicht allzu rücksichtsvoll vorging und die an ihren Tischen Sitzenden sich's so behaglich als möglich machten, konnte es nicht anders kommen, als daß Tschickerl an einige Gäste sehr unsanft anrannte.

»Raubersbua, verhatschter,« sagte einer der weniger Geduldigen, »wannst nomal an mi anstößt, hau' i dar 's Hirn ei'.«

»Sö an' 's Hirn einhaun? Bruada, in Tschickerl aner 's Hirn einhaun! Sö Affentoni, Sie g'scherter, spüln Ihner mit Ihnerer Großmuatta, net mit mir, Pintsch verdepschter, Spitalbojazza . . . . . .«

Im selben Momente fühlte er jedoch seinen Schmalranftler, den er trotz der Hitze im Saale aufbehalten hatte, bis über die Augen von einer wuchtigen Faust eingedrückt. Es dauerte geraume Zeit, bis er mit Mühe die mißhandelte Kopfbedeckung in ihre normale Lage zu bringen vermochte. Er ärgerte sich rasend, als von allen Tischen der nächsten Umgebung ein beifälliges Lachen erscholl und man auf seine Kosten die unerhörtesten Witze riß.

»Schaut's den klan' Stößl an, den z'sammg'matschten. Wia der frech war!« – »A so a Damerling, mir scheint, a Vetschina raukt er ah schon? Du, das sag' i deiner Muatta und 'n Herrn Lehrer.« – »Keck is er wia a Wanzen, und schimpfen möcht' er ah. Du, 's Hemat hängt d'r hintn außi . . .«

Wer weiß, wie die Sache geendet hätte, denn Tschickerl, der gewichtige Freunde in der Nähe wußte, wollte in seiner Art zu remonstrieren anfangen, da ertönte das Glockenzeichen zu Beginn der Vorstellung. Und diesen hätte er um keinen Preis versäumt. Er machte nur rasch gegen die feindliche Gruppe ein Zeichen mit der Hand nach seinem Halse, womit er andeuten wollte, er stelle es den Herrschaften frei sich 220 aufzuhängen, und nach einigen nochmaligen Anläufen gelangte er endlich an seinen Platz.

Die Zugehörigkeit zu diesem Tische schien ihm die köstlichste Revanche für die erlittenen Kränkungen und er dachte mit einem Gefühl des Triumphes an den Neid und das Staunen seiner Beleidiger, wenn sie ersehen mußten, mit wem sie es zu tun gehabt hatten. Der arme Tschickerl bedachte jedoch nicht, daß niemand, außer aus allernächster Nähe, von seiner Anwesenheit Notiz nehmen konnte, denn wegen seiner Kleinheit ragte er mit dem Kopf nur um ein Unbedeutendes über den Tisch.

Die erste, wenn man die Klavierpiece einrechnet, zweite Nummer begann mit dem Entreechor. Dieser gibt allen Mitgliedern der Volkssängergesellschaft Gelegenheit, unisono dem Publikum zu versprechen, stets für den »Hamur« die »G'müatlichkeit« und für »Wean« mit seinem legendären goldenen Herzen, seiner»Resch'n« und »Patzwachheit« einzutreten.

Drei Herren und drei Damen traten auf, stellten sich in Reihe und warteten die einleitenden Takte der Klavierbegleitung ab.

»Bravo! Bravo!« erscholl es stürmisch und die Hände gerieten in solche Flackerbewegung, daß man mit dieser nutzlos aufgewendeten Kraft den größten Motor hätte ins Treiben bringen können. Diese Huldigung galt selbstverständlich in erster Linie dem Benefizianten, der mit der lächelnd starren Miene des geschmeichelten Bühnensternes auf die zu seinen Füßen wogende Menge blickte. Das Entreelied ist eine Kunstform, die von vornherein verhütet, daß man sich erst mit jeder einzelnen Person des Chores auseinandersetzen muß. Abwechselnd im Zusammenklang, dann jedes einzeln, lassen alle Mitglieder ihre Persönlichkeit hervortreten, es ist 221 gewissermaßen das künstlerische Kreditiv, welches einem wohlgesinnten Publikum überreicht wird. Den Haupteffekt bildet der Schluß, wobei die größtmögliche Stimmentfaltung, von dem Klavierspieler durch den größten Aufwand seiner Händetätigkeit verstärkt, unerläßliche Notwendigkeit ist.

Das Ensemble bestand außer Huxtl aus dem Direktor, einem großen starken Manne mit von vielem Schminkgebrauch faltigem, bleifarbigem Gesicht; dem Komiker und dummen Liebhaber, einem jungen, unscheinbaren Menschen, dessen einzige komische Seite durch eine aufgestellte, schnuppernde Nase erklärt schien; ferner aus der Frau des Direktors, so groß wie er, aber von der Dicke einer Kletterstange; dann aus zwei jungen Mädchen, das eine hochbusig, dekolletiert, brünett, frech, sonst nicht übel, das andere zart, blond, mit einem lieben, schüchternen Wienergesicht und einfach weiß gekleidet.

Nachdem der Chor unter obligatem Beifall geendet, kam wieder eine Klaviereinlage, dann längere Pause, die nur durch das Auftreten des Direktors unterbrochen wurde, der mit heiserer Stimme in die lärmende, um das Klavierspiel unbekümmerte Menge schrie. »Als dritte Programmnummer folgt das Auftreten des Liedersängers und Benefizianten Herrn Arnold Huxtl.«

»Hoch! Hoch! Bravo, Huxtl!« ertönte es allseits. Endlich erschien der Erwartete. Eine Viertelstunde war es ihm unmöglich, zu beginnen. Der wie rasend sich gebärdende Klavierspieler schien auf ein Instrument ohne Saiten einzuschlagen. Man schrie unausgesetzt Bravo! strampfte mit den Füßen, klatschte sich die Hände rot, daß diese in ihrer bewegten Masse aussahen wie in der Luft boxende Mohnblumen. Die Weiber winkten mit Taschentüchern und Servietten, die Männer mit Bier- und Weingläsern, und oben stand der Gefeierte, sich unausgesetzt verneigend, der 222 Versammlung gerührt zuwinkend – kurz, es war ein unsagbar schöner Moment, der das Leben wert machte, gelebt zu sein.

Endlich trat die für einen seriösen Vortrag wünschenswerte Ruhe ein und Huxtl begann. Mit einer sehr hübschen, klangvollen Baritonstimme sang er einige der gangbaren Dutzendcouplets über Schwiegermütter, Juden, gemütvolle Ehemänner, dann etwas Sentimentales, das die Tränendrüsen des weiblichen Publikums in Aktion versetzte, und einiges sehr, aber schon sehr Gepfeffertes.

Als er abtrat, wiederholte sich der demonstrative Beifall. Die Ambros war rot über und über vor Befangenheit. Denn der Sänger hatte mit nicht mißzuverstehender Bedeutsamkeit öfter nach dem Ehrentische geblickt, manche zarte, heißt höchst eindeutige Pointierung einer geschmalzenen Strophe, von einem humoristischen Augenaufschlag und einem feurigen Blick begleitet, an sie gerichtet, daß die Glückliche bereits aller Augen auf sich zu lenken begann. Die Männer schauten mit Bewunderung oder verständnisvollem Lächeln, die Weiber mit Neid und Eifersucht auf des feschen Huxtl Herzenskönigin.

Man möge ihre geringe Feinfühligkeit nicht verdammen, wenn die hübsche Frau Stolz und Freude empfand und sie in der ungeschickten Art des Volkes äußerte. Soweit und solange es Weiber gibt, wird, wenn auch auf verschiedene Art, die Bewunderung eines gefeierten Helden der Frau schmeicheln, weil dadurch ein Abglanz der hundertfältigen Huldigung des Helden auf sie fällt. Ohne ihn zu lieben, fühlte Frau Ernestine, daß sie dem losen Volkslieblinge gut sei, und daß ihre gewohnheitsmäßige Hingabe in diesem Falle einen reichen Lohn gebracht.

Wenn noch jemand von ähnlichen Gefühlen erregt wurde, waren es Anton und Tschickerl. Ersterer in seiner 223 ruhigen Art, wo nur die freudig glänzenden Augen den Anteil an den Triumphen des Freundes bewiesen, der andere dadurch, daß er auf den Stuhl stieg, unausgesetzt »Bravo, Huxtl« schreiend und so intensiv paschend, daß er zum Schluß halb ohnmächtig von seinem erhöhten Standpunkte wieder den sicheren Boden erreichte. Ludwig, dem der größte Teil der zotigen Anspielungen unverständlich war und der überhaupt den Vorträgen keinen Geschmack abgewinnen konnte, war nur ein teilnahmsloser Zuhörer. Ihn interessierte mehr die Beobachtung des Milieus, der Urwüchsigkeit und Ungeniertheit des Auditoriums.

In steter Reihenfolge wechselten nun die verschiedenen Darbietungen, es folgten humoristische Vorträge des Komikers, Duoszenen, Vorträge der Sängerinnen. Dann lautete abermals die Ankündigung:

»Originalcouplets, gedichtet und vorgetragen von Herrn Arnold Huxtl.« Diesesmal war alles still und voller Erwartung, denn man kannte die Spezialität Huxtls, Aktualitäten und bekannten Vorkommnissen der letzten Zeit in vollstem Maße Rechnung zu tragen.

Huxtl ließ, nachdem er aufgetreten, eine kleine, raffinierte Kunstpause vorübergehen. Dann begann er mit dem Vortrage von Couplets, voll witziger Andeutungen und Hinweise auf lokale Ereignisse, von denen er wußte, daß sie seinem Publikum geläufig waren. Unter anderem sang er:

»Daß ein Verschleißer von Likör
Und Rum ausschenkt an Fusel,
Daß d' »Kinder« si beim »Vatta« hol'n
An mugelsendstrumm Dusel –
Das kann uns alles net schenieren,
Das san bekannte Sachen.
Die soll'n, wie s' woll'n die Gurgel schmier'n,
Da kann m'r gar nix machen, 224
Doch mit'n Findelhaus d' Konkurrenz
Sollt' man net angehn lassen.
Z'was brauch'n wir bei uns heraus
A zweite – Alserstraßen

Die Anspielung auf das Ereignis in Herrn Tänzingers Lokal war eine zu verständliche, um nicht lauteste Heiterkeit, besonders bei den weiblichen Zuhörern zu erwecken, die aus lauter Kichern und einander Zuwinken nicht herauskamen. Am meisten brüllte Fischer, der schon ziemlich angetrunken war, vor unbändigem Lachen.

»Is do a Sauhundling der Huxtl«, sagte er zu seinem Nachbar.

»Is scho recht,« gab der flüsternd zur Antwort, »wannst aber den G'stank anfangen willst, muaßt di tummeln. Unsre Leut' passen schon. Schau, der Gawlier-Gustl scheankelt schon d'längste Zeit umi.«

»Jetzt glei«, erbot sich Fischer.

»Aber na wart jetzt no, vielleicht singt er was, über dös du di beleidigt stelln kannst. Aber nur an Wirbl, kan Raserei, das sag' i d'r. Du waßt, was m'r wölln.«

Mittlerweile hatte Huxtl, um dem fortwährenden Verlangen nach neuen Zugaben zu genügen, ein neues Couplet begonnen.

»Seg'n S', das is das End vom Liad«

sprach er den Titel.

Diese Ankündigung überwältigte Tschickerl derart, daß er aufspringend in die erwartungsvolle Stille mit einem krähenden »Bravo, Huxtl, Bravo! Jetzt kummt's!« hineinplatzte. Unwilliges Zischen und Murren ertönte. Von einem Tische erscholl es: »Schmeißt's die klane Krot' außi. Allweil hat er d'Goschen offen. So a Mißgeburt.« Ludwig meinte 225 vor Scham in die Erde sinken zu müssen, als er sah, wie sich aus allen Enden des großen Saales die Aufmerksamkeit auf den Ehrentisch richtete. Anton faßte ruhig Tschickerl beim »G'nack« und nötigte ihn mit einigen barschen Worten zur Ruhe. Huxtl, um die Erregung zu beschwichtigen, begann nochmals.

»Seg'n S', das is das End vom Liad.«

Es war der Refrain eines sentimentalen Liedes, in der Manier jener geschraubten, halb hochdeutschen, halb Dialektlieder, die, wenn sie populär werden, die reine Pest sind. Das Volk hat ein unklares, ungeleitetes Bedürfnis nach reiner Poesie, und erblickt sie in Darbietungen, aus denen das possenhafte und zotige Element ausgeschaltet erscheint, und die, mit einem sentimentalen Mäntelchen umhängt, an das »patzwache« Herz des Wieners greifen.

Aber auch in diesen Liedern findet man Spuren einer wirklichen Poesie und die Holprigkeit des Textes verbessert die Kunst des Vortragenden. Sogar der automatische Klavierspieler bemüht sich, mit seiner Begleitung dem Poem eine künstlerische Note zu geben. Dazu eine atemlos horchende, naive, urwüchsige Zuhörerschar – und es ergibt sich im ganzen oft ein rein künstlerischer Effekt.

Nach zwei aktuell belanglosen Strophen folgte nun die pièce de résistance, denn Huxtl wäre, wie gesagt, kein Künstler gewesen, hätte er ein Ereignis unbesungen gelassen, bei dem er eine Rolle gespielt. Nur diesem Sinn für Ausschrotung der eigenen Popularität verdankte es Ludwig, daß es nicht abermals zu einer Szene kam, wie in dem Gasthaus zweifach unseligen Andenkens. Denn hätte das Publikum eine Ahnung davon besessen, welcher Held den heutigen Abend durch seine Anwesenheit verherrliche, es hätte ihn 226 vielleicht gezwungen, das Podium zu besteigen und sich anstaunen zu lassen.

Also Huxtl kam zu der Strophe, die nicht etwa die rührende Szene behandelte, wie er den schwer verwundeten Holzinger bei »d'Haxen« packte – sehr zum Leidwesen Tschickerls – die aber nicht im mindesten geeignet war, den Anteil zu verschleiern, den der Vortragende an dem traurigen Ereignis gehabt. Er sang.

»'s war a Mann vom alten Schlage
Ehrlich, bieder, brav und guat.
Hat kan' Menschen nia nix z'lad tan,
War a g'sundes, harbes Bluat.
Aber in der Nacht, so dunkel,
Schleicht der Mord an ihn heran;
Und beim bleichen Sterngefunkel
Findet sterbend man den Mann.
Der vor kurzem noch voll Wonne
G'jubelt hat – ein Herz voll G'müat –
Nimmer grüßt er d' Morgensonne.
Segn S', das is das End vom Liad.«

Der Beifall nahm bedrohliche Dimensionen an. Fischer saß da, mit so unheimlichem Ausdruck, daß sein Gefährte besorgt war, er möchte an unrechter Stelle mit seiner Rolle herausplatzen.

»Jetzt do net, sei g'scheit! Kummert ja rein außi, als hätt'st du den Mann umbracht.«

In den flackernden Augen des Gemahnten leuchtete etwas, das den andern betroffen machte und das er auf Rechnung des reichlich genossenen Weines setzte.

Übrigens blieb sich's ihm gleich, bei welcher Gelegenheit Fischer den bestellten Skandal provozierte. Fühlte er sich, oder äußerte er sich als beleidigt, so konnte ihm die Sache nicht gefährlich, höchstens als Ausdruck einer hochgespannten Empfindlichkeit angerechnet werden, denn zur Zeit 227 der Ermordung Holzingers saß Fischer noch im Landesgerichte.

Soeben begann Huxtl wieder:

»In an' Kellerloch voll Jammer
Sitzen Weib und Kinder z'samm',
Weil die Armen schon seit gestern
Keinen Bissen z'essen ham.
Denn der Vota, der zu sorgen
Hätt' die Pflicht, schert si net drum,
Wankt bis Abends schon seit Morgen
In den Branntweinhäus'ln um.
Eines Tages geht ins Wasser
's Weib mit d'Kinder, lebensmüad.
Und der Voter tobt im Narrnhaus –
Segn S', das is das End vom Liad.«

Es war wohl nur ein Zufall, daß Huxtls Blick gerade bei dieser Stelle sich auf Fischer richtete, denn er hatte bis nun keine Ahnung von seiner Anwesenheit gehabt.

Der obligate Beifall wurde durch eine heiser brüllende Stimme übertönt. Denn ohne weitere Nötigung seines Kameraden, so rein impulsiv war Fischer aufgesprungen, daß der Stuhl mit lautem Gepolter umfiel und eine volle Weinflasche umgestürzt wurde, deren Inhalt sich über das Tischtuch ergoß.

Die Faust gegen den Sänger geballt, brüllte er unausgesetzt. »Soll dös eppa mi angehn? Ha? Bin i da g'mant?«

»Ruhig! Ruhig!« ertönte es von allen Seiten. »Stad sein!« – »Schmeißt's 'hn außi den Falloten!« – »Außi mit eahm!« – »Gebt's eahm a paar Watschen!«

»Ob das mi angeht? frag' i nomal« brüllte der von Wein und Zorn Erhitzte. »Was hat der mit meiner Famülie z'tuan? Wann i aufisteig, gib i dem Hundling a Fotz'n, daß eahm d'Zähnd beim G'nack außischaun.«

228 »Stad sein! – Außi!« tönte es abermals im Chorus. Der Nachbar Fischers wollte diesen scheinbar beruhigend auf den mittlerweile aufgehobenen Stuhl drücken, doch der rohe Krakeeler spielte jetzt keineswegs eine eingelernte Rolle. Er gab seinem Beruhiger einen Stoß, daß der niederfiel und wollte gegen das Podium eilen. Man warf sich ihm entgegen. Das bei Raufereien Unmittelbare, Blitzschnelle, für schwache Nerven Entsetzliche, spielte sich in einem Augenblicke ab. Das Klirren von Gläsern und Eßgeschirr, das Gepolter stürzender Stühle, das Keuchen ringender Männer, das Kreischen und hysterische Weinen erschreckter Frauen und Kinder, dazwischen einige gellende, markdurchschütternde Pfiffe – alles vereinigte sich mit den Hilfe!- und Polizei!-Rufen des Wirtes und der Kellner zu einem grauenhaften Chorus. Um Fischer hatte sich ein Knäuel ringender Menschen gebildet. All die verdächtigen, lauernden Elemente, die offenbar nur dieses Zeichen zum Beginne erwartet hatten, vergrößerten den Wirrwarr durch unausgesetztes Stoßen und schrilles Pfeifen.

»Er hat a Messer in der Hand!« riefen einige aus der kämpfenden Gruppe. »Stechen will der Hund? No wart! Derschlagt's eahm.«

Die Unbeteiligten und Ängstlichen standen auf den Tischen und Stühlen, plötzlich verbreitete sich der Ruf: »D'Polizei, d^Polizei!«

Ein Wacheaufgebot in der Stärke von sechs Mann drängte rücksichtslos in den Saal. Sein Erscheinen wirkte etwas ernüchternd, man begann innezuhalten und versuchte der uniformierten Gruppe Platz zu machen. Von allen Seiten wurde mit Erklärungen auf die Wachleute eingedrungen, man schilderte den Anfang des Skandales und wollte dessen Urheber den Händen der Gerechtigkeit ausliefern. Doch wo war dieser? Verschwunden im Vereine mit noch vielen anderen, 229 deren Tätigkeit es zu danken war, daß die Aufregung eine so ungeheure wurde.

Die Polizisten stellten nun einige Fragen, wer alles an dem Exzesse beteiligt war, und hatten nicht übel Lust, zur Betätigung ihres Amtseifers einige ganz harmlose Gäste, denen im Gedränge die Hemdkrägen heruntergerissen worden waren, als Exzedenten mitzunehmen.

Unter allen Gästen am ungehaltensten über die Störung war der Elegant mit der schweren silbernen Uhrkette und dem Flinserl im Ohr. Ganz in der Nähe der amtierenden Wachmänner äußerte er, daß er von diesen gehört werden mußte. »Zeit war's scho anmal, daß die Luft rein wurd't von derer Bagasch. Seines Lebens is m'r net sicher. Herentgeg'n, i ziag' weg von da auf d'Ringstraßen oder in d' Kärntnerstraßen, i kann meine Renten wo anders ah verzehrn.«

Es war in diesen Worten eine unerhörte Fopperei der Wache gelegen, die ihren Mann als den mutmaßlichen Chef einer organisierten Verbrecherbande nur zu gut kannte. Doch hieß es gute Miene zum bösen Spiel zu machen, bis einmal die Zeit kam, anders mit dem witzigen Herrn zu reden. Nach einigem Verweilen entfernten sich die Polizisten wieder und die Gemüter beruhigten sich allmählich.

Huxtl, der seinen Festabend nicht mit einer schrillen Dissonanz geschlossen wissen wollte, gab dem Klavierspieler ein Zeichen, der mit frischem Mut und frischen Kräften die Tasten zu bearbeiten begann. Das wirkte elektrisierend. Alles bestellte frische Füllung der Gläser, die Kellner räumten die Scherben der zerbrochenen hinweg und die Vorstellung nahm ihren Fortgang, indem Huxtl noch einige Zugaben gewährte.

Während des Tumultes waren die an dem Ehrentisch 230 sitzenden fünf Leute in größter Gefahr gewesen, erdrückt zu werden. Alles hatte instinktiv gegen die Estrade als erhöhten Ort hingedrängt. Tschickerl fand, daß unter dem Tische der sicherste Ort sei.

Als Ludwig jetzt aufatmend die Ambros ansah, erschrak er über ihr Aussehen. Sie war totenbleich und kämpfte augenscheinlich gegen eine Ohnmacht. Der selbst von seinem Erschrecken kaum noch erholte junge Mann goß rasch Wasser auf die Hand und rieb ihr die Schläfen, dann nötigte er ihr einen Schluck Wein auf.

Anton war der Zustand der Frau entgangen. Er stand da, finster und mit zusammengebissenen Zähnen. Er bereute, nicht mit einem Sprunge sich unter die Kämpfenden geworfen und ihnen den Mann entrissen zu haben, für sich allein. Ihm wäre er nicht aus den Händen gekommen. Er bedachte nicht, daß es eine Unmöglichkeit war, aus dem Winkel, in den er gedrückt war, sich um Handbreite hervorzurühren. Aber das bisher träge fließende Rauferblut, das Erbe seines Vaters, war ins Wallen gekommen. Er ballte die Fäuste und blickte wie visionär in die Leere. Kampf, Kampf, Blut, Verwundung, Tötung – er wußte nicht, was alles. Nur die unbestimmte Lust der Vernichtung, seiner selbst oder eines andern, beherrschte ihn. Wie aus einem Traum erwachend fuhr er mit der Hand über Stirne und Augen und fand sich wieder. Jetzt sah auch er die Ambros an, die sich wohl schon einigermaßen erholt, der aber dennoch der Schrecken über das Erlebte deutlich in den starren, aufgerissenen Augen stand. Sie hatte sich an Ludwig gelehnt, der beruhigend auf sie einsprach.

»Was is denn?« frug Anton mit so ehrlicher Verwunderung, daß ihn Ludwig betroffen anblickte. »Mein Gott! so derschrocken? Richtig. Na, da san S' kane von 231 die Festen. Schaun S' die Fräul'n an«, und er wies auf die Tischnachbarin, die schon wieder munter mit ihrem Liebhaber plauderte und sich die Nadeln in dem verzausten Haar befestigte. »Was, Fräul'n, da därf m'r net so verzagt sein?«

»A Hetz war das«, gab diese lachend zur Antwort. »Nur a bißl fest z'sammdruckt bin i wurd'n, i hab' glaubt, der Pepi (ihr Geliebter) kräult m'r in' Mag'n.«

»War net ohne,« sagte dieser mit einem zärtlichen Blick auf seine mutige Gefährtin, »wann's schon haßt z'sammdruckt werd'n, so glei mitanander.«

»Werd's enck scho no gnua z'sammdrucken,« sagte der eben herbeigetretene Huxtl, »no mehr als gnua, und 's Merkwürdigste is, ans davon wird dicker.«

»Gengan S', Sie graußlicher Mensch, nix als so Sachen können S' reden, Urndlichs net«, schmollte lachend das Mädchen.

»Tua net so, als ob's net wahr war. Jessas, Tinerl,« rief er beim Anblick der Ambros ehrlich erschrocken, »wie schaust denn du aus? Ganz weiß is's ja!«

»I geh' z'Haus«, flüsterte diese.

»Z'Haus? Warum net gar! Jetzt, um halber zwölfe. Wann die Vurträg' aus san, geht erst die Hetz' an. Heut wird draht, daß 's höcher nimmer geht. Zu was war denn mein Benefiz? He! Kellner,« wandte er sich an einen eben vorüberschießenden Aushilfsaufwärter, »g'schwind an Liter Gumpers und a Flaschen Gis

»Ja, ja, dablieb'n wird,« rief Tschickerl, der unter dem Tisch hervorgekrochen war, »alle, wia m'r san, dann ruck'n m'r mit a paar Spezi im Extrazimmer z'samma und a G'stanz soll's geb'n, wia m'r no kane g'habt hab'n. Weg'n 232 den klan Wirbel da vielleicht? Da hab' i schon andre mitg'macht, da hat's Bluat geb'n. Die Leut' hätt'n 'hn nur soll'n zu mir kummen lassen, da hätt's g'seg'n, wia i mit dem umganga war. A Balling hätt' sie ah net mehr draht. Also g'scheit sein und dableib'n.«

»Na, auf kan Fall, i kann net. Mir is so schlecht.«

»Aber a Glasl Wein und guat is«, drängte Huxtl.

»Nix als an d'Luft,« flüsterte die zitternde Frau, »mir is soviel net guat.«

Es wäre auch ohne den erlebten Schrecken kein Wunder gewesen, denn von dem Lärmen, Schreien, Applaudieren, dem dicken Tabaks- und Menschendunst konnte sich ganz gut ein erklärliches Unwohlsein einstellen.

»Aber allan wirst do net hamgehn, wann d'r was g'schiecht«, gab Huxtl zu bedenken.

»Das soll auch nicht sein,« nahm Ludwig das Wort, »meine Absicht ist ebenfalls nach Hause zu gehn, ich bin das lange im Gasthaus bleiben nicht gewohnt und muß morgen frisch sein. Ich werde Frau Ambros wohlbehalten heimbringen.«

Gegen diesen Vorschlag war vernünftigerweise nichts einzuwenden, der junge Mann war ja Aftermieter bei der Frau und wie ihr stand es ihm frei zu gehen, wann ihm beliebte.

Ein Aufleuchten, kurz wie ein Augenblick, belebte das Auge der Ambros. Aber sie hütete sich wohl, ihre Freude zu verraten. Sie fühlte durch die Aussicht, allein mit dem begehrten Manne heimzukehren, alles Unwohlsein und alle Nachwehen des überstandenen Schreckens behoben.

Sie rüstete sich zum Aufbruch und hatte nur die 233 Befürchtung, daß Anton ebenfalls den Vorsatz fassen könne mitzugehn. Doch der dachte überhaupt nicht daran, und Huxtl hätte eine größere Verringerung seiner intimen Gesellschaft nicht zugegeben.

Merkwürdigerweise verdroß ihn nur, daß die Ambros fehlen sollte, ohne daß sich eifersüchtige Befürchtungen an ihren Weggang mit dem Studenten geknüpft hätten. Dessen Gesellschaft selbst bedauerte er nicht, aufgeben zu müssen. Es lag eine zu große Kluft zwischen diesen beiden, an gesellschaftlicher Stellung, Temperament und Lebensanschauung verschiedenen Leuten.

Ludwig taxierte: Verbummelter Mensch.

Huxtl taxierte: Öder Bimpf.

Der Volkssänger mußte sich beeilen, in der letzten Nummer, einer komischen Szene, betitelt »Hund und Katz« (nebstbei gesagt, ein an Zoten überreiches Literaturerzeugnis), mitzuwirken. Es blieb ihm daher nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und die beiden nach flüchtigem Abschiedsgruß ziehen zu lassen. Es war für ihn die höchste Zeit, der Direktor winkte schon ungeduldig.

Bald darauf verließen Ludwig und die Ambros das Lokal. Die kalte Winterluft tat beiden unendlich wohl. Es war eine schöne, sternenklare Nacht. Die Ambros hängte sich in den angebotenen Arm des galanten Begleiters und sie fühlte ein Zittern, gleich einem jungen Mädchen, das in stiller, menschenleerer Gasse allein mit dem Geliebten geht. Der Weg, den beide vor sich hatten, war ziemlich bedeutend, denn das Gasthaus befand sich am entgegengesetzten Ende des Bezirkes.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte Ludwig, als sie einige Schritte gegangen waren.

234 »O, schon viel besser. Die Luft in dem Lokal, der Schrocken und dann das Drucken – i hab' glaubt, mein letzt's End' is da.«

»Es war wirklich schrecklich. Diese Leute sind ja Wilde. Um eine Erfahrung am Wiener Leben bin ich wieder reicher. Mich sieht aber kein Volkssänger mehr und wenn weiß Gott wer sein Benefiz hätte! Übrigens muß ich sagen, daß ich während meines kurzen Wiener Aufenthaltes eine Enttäuschung um die andere erlebe. Ich hörte immer so vieles von der Wiener Gemütlichkeit, daß ich mir diese ganz anders vorstellte. Ich habe mein Leben noch nicht soviel an Elend und Roheit erlebt, wie diese wenigen Monate.«

»Weil das ah das größte G'lumpertviertel is. Und dann san das meistens alle kane echten Weaner, dö Pülcher. D' Eltern meist lauter zuag'rasts Volk, das bei d'r Taborlina einikummen is. Mein Urgroßvota war no a alter Bürger vom Schottenfeld, da is uns no guat gangen, das haßt, i waß von die Zeiten nix mehr. Aber d' Großmuatta, die i no kennt hah', hat's immer erzählt.«

»Sie mögen recht haben, man darf für den Auswurf der Großstadt nicht diese als solche verantwortlich machen. Wo gäbe es keinen Pöbel? Aber ich kann mich eines Gedankens nicht erwehren, daß die ganze Szene etwas Gemachtes hatte. Zu welchem Zweck, kann ich mir nicht vorstellen. Dieser wüste Trunkenbold . . . . .«

»Wissen S', wer das war? Der Fischer, der Vota vom klan Franzerl.«

Ludwig hielt einen Moment im Weiterschreiten inne. »Das also ist er? Arme, unglückliche Frau! Jetzt erst kann ich den Jammer voll verstehn.«

»Der hat sicher glaubt, das war direkt auf eahm 235 g'macht, was der Huxtl g'sungen hat. Paßt hat's auf eahm, das is wahr.«

»Ich möchte dennoch behaupten,« sagte Ludwig, sich mit seiner Begleiterin wieder in Bewegung setzend, »der ganze Auftritt hat nichts Spontanes, Unmittelbares gehabt. Ich hatte Gelegenheit, Beobachtungen zu machen, die mir bewiesen, daß da andere Elemente daran beteiligt waren. Ich muß mich nur über das Phlegma und die Geistesgegenwart Herrn Huxtls wundern, den die ganze Affäre scheinbar so wenig beunruhigte, als ob sie ihn nichts angegangen wäre.«

»Jessas,« lachte die Ambros, »der is so was g'wohnt. Unter welchem G'sindel is der net schon herumkugelt. A Volkssänger! Sie kennen die Leut' no net.«

»Er hat Ihnen heut vor aller Welt den Hof gemacht,« neckte Ludwig, »daß Sie stolz sein dürfen auf die Aufmerksamkeit, die Ihnen allseits zuteil wurde.«

»Gengan S', der Narrntattel!« sagte die junge Frau, und die Finsternis verbarg ihrem Begleiter das jähe Erröten, von dem sie befallen wurde. Es war wunderbar, daß dieses sinnliche, zur leichtesten Hingabe bereite Weib so oft und schamhaft erröten konnte.

»Ich dachte beinahe,« fuhr der arglose, gegen Frauenlisten noch so unbewehrte Student fort, »Sie hätten auf ihn einen starken Eindruck gemacht, und er benütze den Augenblick seiner Triumphe, um auf Ihr Herz Sturm zu laufen.«

Die Ambros war kein ränkevolles, kein verschlagenes und kein scharfsinniges Weib. Sie besaß nur die Durchschnittsschlauheit und den Instinkt ihres Geschlechtes. Sie glaubte aus Ludwigs Worten eine Äußerung schlecht verhehlter Eifersucht ableiten zu dürfen. Diese Wahrnehmung 236 verursachte ihr fast Herzklopfen. So konnte entweder nur volle Teilnahmslosigkeit sprechen oder – eine unschuldige Diplomatie, die auf kürzestem Wege die Wahrheit erforschen will. Da sie ebensowenig gewandt in galantem Wortgeplänkel war als derjenige, der so unmittelbar eine delikate Sache angriff, da zudem ihre stets begehrende, heiße Sinnlichkeit ihr alle Vorteile eines unbedenklichen Entgegenkommens gewährte, frug sie. »Täten Sie's an seiner Stell' net ah? Aber gengen S', Sie san ja a Weiberfeind, das waß i.«

»Ich ein Weiberfeind?« frug Ludwig erstaunt, »ich denke, zu der Vermutung noch keinen Anlaß gegeben zu haben. Viel eher läßt sich dieses von Anton sagen, und ich gestehe, daß mich sein Benehmen gegen Sie öfter in Erstaunen versetzt, ja mich geradezu empört hat.«

Das war ein Gebiet, auf das Frau Ernestine dem jungen Manne zu folgen nicht bereit war. Es störte sie, daß im Augenblicke von Männern die Rede war, die ein Anrecht auf sie besaßen, denen sie sich förmlich als Sklavin ergeben und in deren Belieben es zu jeder Stunde lag, ihre Rechte geltend zu machen. Wenn es die Ambros jemals bereut hatte, mit ihren Gunstbezeigungen allzu freigebig gewesen zu sein, so in diesem Augenblicke, da sie fühlte, auf ein junges, unverdorbenes Gemüt Eindruck gemacht zu haben; da sie zum ersten Male seit Jahren wünschte, noch unschuldig zu sein.

Sie wich dem heiklen Thema aus, so gut es anging, indem sie sagte, Ludwig täusche sich in seinem Cousin, dieser liebe ein Mädchen, das er niemals besitzen könne (Antons Absichten auf Milly waren ihr kein Geheimnis) und daß er deshalb gegen andere Frauen so schroff sei.

»Da hat er mir gegenüber noch niemals davon gesprochen,« 237 sagte Ludwig überrascht und ergriffen, »ich will ihn darum befragen.«

»I bitt' Ihner, net!« bat die Ambros erschreckt, »da möcht' i liaber nix g'sagt hab'n. Sie kennen ihn net, an der Sach därf m'r net anrühr'n. Versprechen S' mir, über das mit ihm nix z'reden.« Ludwig versprach es, obwohl verwundert.

»Geln S',« nahm sie nach einer Pause wieder das Wort, »Sie war'n no net verliabt?«

»Ich habe bis jetzt weder die Zeit noch den Mut gehabt, an derlei zu denken. Bis ich einst so weit bin, es tun zu dürfen . . . .«

»Gengan S', machen S' net so, als ob S' no a klaner Schulbua wär'n. Net denken därfn!«

»Hm!« lächelte Ludwig, »wenn man's genau nimmt, nicht viel mehr. Hinter dem Schuljungen stand der Lehrer, hinter dem Studenten steht die Pflicht.«

»Da g'falln Ihner gar kane feschen Frauenzimmer?«

»Gefallen? O, ich bewundere sie und in meiner Heimat habe ich keine einzige so hübsche Frau gesehen, wie man sie hier täglich zu Hunderten sieht. Sie sind gleich ein Beweis für Wiener Frauenschönheit.«

»O, Sie!« machte die Ambros, »Sie woll'n m'r nur was Schönes sag'n. I bin oder werd' schon bald a alte Frau. Bei mir dürfen S' an Schönheit net denken.«

»Warum nicht?« sagte der junge Mann feuriger, als er selbst dachte, es zu sein. Manchmal, wenn sich seine Begleiterin fester an ihn preßte, kam er mit dem Ellbogen an ihre Brust, und diese Berührung verursachte ihm Schwindel. Er fühlte die Aufregung, ohne sie sich recht erklären zu können. Aber es kam ihm zum erstenmal zum Bewußtsein, wie köstlich es sei, mit einer schönen Frau 238 allein zu sein und über Liebe zu reden. Dabei war ihm jeder sinnliche Gedanke vollkommen ferne. Er kannte Sinnlichkeit ja noch gar nicht.

»Warum net?« antwortete sie, »weil's do viel, viel Schönere und Jüngere gibt als mi. Sie wolln m'r schmeicheln.«

»Nein, ich meine es im vollsten Ernste. Und wie Sie heute der Gegenstand der Bewunderung aller Männer waren – o ich habe es wohl bemerkt! – ist der Beweis, daß ich mit meinem Urteil nicht allein dastehe. Übrigens dürfte dieses nicht allzu wertvoll sein für Sie, ob ich Sie nun für schön finde oder nicht . . . .«

»Grad was Sie sag'n, hat an Wert«, sagte die geschmeichelte Frau lebhaft. »Sie san ganz anders wia alle Männer, die i kenn', viel feiner und verstengan mehr und können alles so schön sag'n. Und wissen S',« fügte sie naiv hinzu, »mir Frau'n hörn das gern, und gar von an feinen, gebildeten Herrn. Sie san besser wie alle andern mitanand.«

Diese Schmeichelei, so ehrlich und gut gemeint sie war, brachte den schüchternen, jungen Menschen in Verlegenheit, sie widerstritt seinen Anschauungen, nach denen die Frauen nur das Recht haben, Verbindliches anzuhören.

»Sie haben eine zu vorteilhafte Meinung von mir,« sagte er fast beschämt, »wenngleich ich es mir nicht zur besonderen Ehre anrechnen brauche, von Leuten diesen Schlages, wie ich sie heute gesehn, vollständig verschieden zu sein.«

Die Ambros war klug genug, um zu merken, daß ihre Vergleichung eine Unbedachtsamkeit, ja Dummheit war. Im Bestreben, diese gut zu machen, lenkte sie das Gespräch wieder zu dem vorangeschlagenen Thema.

»I wir a bißl batschert g'redt hab'n, aber was tuat's, 239 wenn S' nur glaub'n, daß i's guat g'mant hab'. Wo san m'r denn stehn blieb'n? Ja, richti, also g'falln Ihner d' Fraunzimmer! Da sollten S' do a klane Liabschaft hab'n. A Student und so sein wia a Klosterfrau!«

»Zu einer Liebschaft gehört vor allem etwas sehr Notwendiges.«

»Und was denn?«

»Lust daran und ein weibliches Wesen.«

»So möchten S' Ihner gar net verliab'n?«

Die Frage klang enttäuscht und zu gleicher Zeit begierig.

»Und wenn ich auch wollte, ich verstehe gar nicht die Kunst, eine Liebeserklärung zu machen. Kenne auch niemand, von der ich annehmen dürfte, sie würde mir keinen Korb geben.«

Die Ambros blieb plötzlich stehen. Sie waren schon bald in der Nähe ihrer Wohnung. Links und rechts von der Straße öde, finstere Felder.

»Ich wüßt' ane«, sagte sie mit gepreßter, von Aufregung etwas heiserer Stimme, und ihr Atem berührte fast Ludwigs Gesicht.

Der fühlte in unbestimmter Ahnung fast sein Herz stille stehn. Das Verhängnis des Jünglings, die reife Frau, trat ihm so lockend, so sinnbetörend entgegen, dazu die tiefe, lautlose Stille dieser schönen Winternacht – er fühlte sich wie im Fieber. Aber er war zu unerfahren, zu wenig eitel, um nicht wieder zu zweifeln, ob er recht verstanden und begriffen habe. Also stand er still und regungslos mit ihr, und beide hörten einander schwer atmen, dann hatte das Weib ihn mit beiden Armen fest umschlungen und flüsterte: »Die ane wär' i. Wannst mi möcht'st, o! wannst mi möcht'st!«

240 Ihre Lippen preßten sich an seine, Ludwig, erschüttert von diesem ihm Neuen, Unbekannten, Mächtigen, seufzte tief auf und küßte zum ersten Male in seinem Leben ein Weib. – – –

Als sie in die kleine Küche traten, zu der die Ambros den Schlüssel unter der vor der Türe liegenden Strohmatte hervorgeholt hatte, standen beide in dem finsteren Raum eine Zeitlang ruhig, kaum wagend, Atem zu holen.

Die Frau horchte nach dem Zimmer. Die Türe war geschlossen, nichts war zu vernehmen. Das junge Ehepaar darinnen schlief schon fest. Eine eigentümliche Scheu, wie sie solche nur als ganz junges Mädchen empfunden, befiel sie, als stünde sie mit dem ersten Erwählten ihres Herzens in der Küche, besorgt, daß die im Zimmer schlafenden Eltern nicht erwachten und sie hörten! Dann griff sie bebend nach der Hand des Geliebten und umschlang ihn aufs neue. Lange standen beide so, aneinandergepreßt, lautlos, glücklich, und in der völligen Dunkelheit und Stille träumte die sündige Frau sich um Jahre zurück. Als hätte ihre Jugend mahnend an sie gerührt und gesagt: »mich bringt nichts, nichts wieder,« übermannte dieses leichte Wesen eine niegekannte Wehmut, und stille schluchzend hing es eine kurze Weile an dem Halse des ratlosen Mannes. Dann drängte die Ambros nach einem langen Kusse ihn nach der Türe.

Ludwig ging durch das Zimmer in sein Kabinett, entkleidete sich im Dunkeln und lag wohl eine Stunde mit offenen Augen. Sein Blut wallte erregt, die Phantasie, dieses Kind der brünstigen Nächte, zauberte ihm Bilder und Gedanken vor, die er noch nie, niemals gedacht. Plötzlich ging leise die Türe, jemand kam herein. Ehe er sich vollständig erheben und fragen konnte, verschloß ein Mund den seinen, eine entblößte Frauenbrust rang sich ihm 241 entgegen und zwei Arme drückten den nur zu Willigen zurück in die Kissen.

»Sei stad! I bleib' bei dir, heut san m'r allani«, flüsterte es in sein Ohr.

Und Ludwig zog in überquellendem Verlangen die nächtliche Besucherin an sich. 242

 

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