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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

(Schildert ein ergötzliches Ereignis bei »Vatta Danzinger«. Anton macht einen seltsamen Fund und der kleine Franzerl bringt seinen Vater so in Verwirrung, daß er sinnlose Aussprüche gebraucht.)

Auch die Gäste bei»Vatta Danzinger« konnten sich rühmen, ihre Aufregung gehabt zu haben, und bei der liebevollen Pflege, die die Stammkunden dem Humor angedeihen ließen, war es nicht zu verwundern, daß sie während und nach dem gleich geschilderten Ereignisse behaupteten, sie hätten sich beinahe zu Tod gelacht.

Diese Leute, die vor einer Beschäftigung welcher Art immer eine geradezu fanatische Abneigung hegen, deren geschwächte sittliche wie körperliche Kraft schon bei dem Gedanken an irgendeine ernste Betätigung erlahmt, werden von einem Hang nach Zerstreuung beherrscht, der sie oft das Geringste und Unwichtigste mit breitspurigster Aufmerksamkeit behandeln läßt.

Da hatte sich nun heute eine höchst merkwürdige, ungewohnte, und für den Geschmack der Besucher dieses gesegneten Etablissements äußerst komische Szene ereignet.

Am gestrigen Nachmittage war das aus einem früheren Kapitel durch seinen lustigen Streit mit dem »krumpen Seppl« bekannte Weib hereingekommen, hatte sein gewohntes Quantum mit bewußter Mischung getrunken und war plötzlich unter krampfhaften Zuckungen zu Boden gestürzt. Die andern Menschen nicht ganz klar zutage tretende Komik des Vorfalles lag nach Ansicht der meisten 193 Augenzeugen darin, daß das unselige Geschöpf, von plötzlichen Geburtswehen ergriffen, coram publico – einem Kinde das Leben gab.

Welche Aufregung, welche Geschäftigkeit und welcher Schwall von zündenden Witzen, einer zynischer und gefühlloser als der andere. Zur teilweisen Ehrenrettung dieser armen Gemeinschaft sei es gesagt, es gab auch menschliche, mitleidende Glieder derselben, die es sich wenigstens zur Pflicht machten, die vertierten Spötter zur Ruhe zu weisen und deren Mitgefühl für den unschuldigen neuen Weltbürger zu erwecken.

Vergeblich. In diese von Branntwein verwüsteten Gehirne fand die Vernunft keinen Eingang mehr. Besondere Heiterkeitsausbrüche erregte der Hinweis auf eine, mit poetischer Freiheit als Tatsache angenommene Vaterschaft Herrn Tänzingers.

»Vatta! Vatta! Schau d'r dein klan Moritz an! Gott über de Welt, schön wie der Tate.«

»Vatta, d'r Sturch is da. Du Schlankl du. Die saubersten Frauenzimmer suacht er si aus, daß s' eahm zum Vodan mach'n.«

»Trara!« imitierte einer die Feuerwehr.

»Jessas, jetzt kummt d' Madam' Maier mit der Dampfspritz'n.«

Als polizeiliche »Assistenz«, dann später die avisierte Rettungsbahre erschien, wollte das Gejohle kein Ende nehmen, da die Räumung des Lokales angeordnet wurde. Dasselbe war von einer riesigen Menschenmenge umlagert, die das sonderbare Geschehnis erörterte.

Schulmädchen besprachen unter sich den Fall mit den Mienen erfahrener Frauen.

»So a Beschti!« meinte eine der lieblichen 194 Menschenblüten, »wann i heut anmal waß, es is so weit, geh' i do net zum Branntweiner.«

Eine andere meinte ernsthaft: »I waß net, was das für Weiber san? Wann d' Muatta in d'r Hoffnung is, waß s' es bis auf d' Stund, und dann is d' Madam da. – No freili, bei so an Schlitten . . . .« und sie spuckte verächtlich aus.

Ein kleiner Knirps, offenbar »Hörer der dritten Volksschulklasse«, machte gegen die Mädchen einen Witz. Die eine fuhr ihn an:

»Sauschnabl kecker! Du brauchst ah schon was von dö Sach'n z'wissen. G'hörst selber no zu der Tuttl bei der Muatta, Hundsbankert, so a Mistkerl geht no in d' Taferlklass'.«

»Halt d' Goschen, Sauschlampen. So viel wia du versteh' i ah no. Vierter-Klasserhatschen.« –

»Das san Kinder heut, da kann m'r a Freud hab'n«, meinte eine Frau zur andern, mit der sie bisher im eifrigen Gespräch gestanden und die geheimsten Details des interessanten Ereignisses verhandelt hatte, ohne Rücksicht auf die sie umstehenden Kinder.

»Wann dö mir g'höreten, die Bankerten d'rschlagert i«, sagte beistimmend die andere. »Geht's ham, Mistfratzen, und lernt's 'n Katechismus«, wandte sie sich zu den jugendlichen Ohrenzeugen.

Einige trollten sich unmutig, andere aber verhöhnten die Frauen.

»Alte Kleschen, mach' an Buckl. – Zaundürre Koberin, kannst mi . . . .« und andere Titulaturen regnete es nur so von seiten der hoffnungsvollen Staatsbürger.

Kurz, es war ein Ereignis gewesen, bei dem alle Beteiligten und Unbeteiligten auf ihre Kosten kamen.

195 Die zweite Sensation bildete das Erscheinen Fischers, den man in herzlichster Weise beglückwünschte, daß die so böse aussehende Affäre einen so unerwartet günstigen Verlauf genommen.

»Sixt, Fischer,« sagte ein Freund, »wannst dös g'wußt hätt'st, hätt'st kinna dem Grünzweig alle zwa Gluahn einhaun. A Kerl wia du hat meiner Seel a Glück. Übrigeus«, setzte er ganz leise hinzu, »hätten schon an' um di g'fragt. Halt aber d' Goschen, waßt, das nähere wirst schon no hör'n.«

Selbstverständlich ward nicht verabsäumt, den glücklich Wiedergekehrten von den Ereignissen der letzten Zeit zu unterrichten. Vor allem von dem Morde an Holzinger. Eigentümlicherweise fühlte sich Fischer von der Nachricht mehr berührt, als ihm zuzutrauen war. Längere Zeit saß er stumm vor sich brütend da, dann begehrte er ein volles Glas stärksten Branntweines und leerte es auf einen Zug.

»So, dös tuat guat«, meinte er aufseufzend, und seine Augen nahmen augenblicklich ein eigentümliches Flackern an.

»Was, wann mar zwa Monat' nix als dös ölende Hochquellg'schlader hat saufen müassen«, sagte der Freund.

»Hundling,« rief Fischer, »red' mar nix mehr von der Zeit, sunst hau' i d'r a Läufel o!«

»Na, tua d'r nix an. Besser no als lebenslängli oder am Galing«, versetzte lachend ein anderer.

Wenn es möglich war, durch einige Worte einen Mann zu veranlassen, ein fast blutig gerötetes Antlitz mit einem aschfahlen zu vertauschen, war es in diesem Augenblicke der Fall.

»Hörst, Fischer, man siecht, daß d' kan' Brannti mehr 196 vertragst. Dir wird ja urndli schlecht drauf. Renn' außi und steck an Finger ins Mäul, wird dir besser.«

Fischer aber, wie plötzlich erholt, lachte auf und nannte seine Freunde eine »Saubagasch, a ölendige« und ließ sich nun das Ereignis des gestrigen Tages erzählen. Er wälzte sich fast vor Lachen. »Schaut's d'r nur an, jetzt ham m'r do scho a Findelhaus! Die Welt is do bucklert.« Er selbst dachte wohl nicht daran, daß es sein Fleisch und Blut gewesen, dem er in einem seiner besinnungslosen Augenblicke das Dasein gab, die verfluchte Anwartschaft auf ein Leben voll vererbten Elends.


Anton erinnerte sich, schon geraume Zeit seinen Schutzbefohlenen keine Aufmerksamkeit entgegengebracht zu haben und begab sich daher am Abend desselben Tages, der Fischer im Kreise seiner Getreuen bei »Vatta« sah, zu dessen Familie.

Als er in das durch eine Lampe sehr spärlich erleuchtete Kellerloch trat, fand er die Kinder nicht anwesend. Auf seine diesbezügliche Frage schluchzte die Frau. »'s Lintscherl hab'n s' mir vor drei Täg ins Spital trag'n. Hamkummen wird s' nimmer, Herr Brenner, i waß, hamkummen wird s' nimmer. O, Gott! wia sie's wegg'holt hab'n, hat mi das Tschapperl so ang'schaut . . . . i kann den Blick nimmer vergessen, Herr Brenner. Sie hab'n ja das klane arme Würmerl guat kennt – net wahr, niemals net, daß's g'raunzt oder lamentiert oder g'want hätt'. Geln's ja, es hat an' nur mit seine Guckerl so trauri ang'schaut. Aber dasmal – das hat mir ins Herz g'schnitten, wia s^ mi ang'schaut hat, grad als wollt's sag'n: Muatter, Muatter, was woll'n s' denn mit mir, daß s' mi wegnehmen von dir?«

197 Die Stimme der armen, schwergeprüften Frau erstarb in übermächtigem Schmerze. Ein tiefes, erschütterndes Schluchzen machte ihren Körper erbeben, daß der alte, wackelige Stuhl schier rhythmisch knarrte.

Anton, der ergriffen von dieser traurigen Neuigkeit dastand, wagte kein Wort des Trostes. Erst nach langer Pause frug er um den Knaben.

»Der is mit aner Wäsch liefern gangen, die i zum Ausbessern kriagt hab'. Ihner Herr Cousin hat mir's zuabracht, es is, glaub' i, a Bekannte von ihm, wo er Stunden gibt. Anmal hat er mir ah zehn Gulden bracht, denken S' Ihner. O, Herr Brenner, tausendmal Vergelt's Gott, was Sie und die andern schon für uns tan hab'n. Aber mein Gott, ganz vergessen hätt' i, daß i Ihner an Sessel antrag'n hätt'. Da steht no aner, in Schlaf dürfen S' mir net austrag'n.«

Ach! wie sollte ihr der Schlaf kommen, wo vielleicht zur selben Stunde ihr sterbendes Kind nach der Mutter rief, die nicht kommen konnte.

Auf dem Stuhle, der Anton angeboten ward, befand sich unter anderen Dingen eine alte Pappeschachtel mit dem armseligen Spielzeug der Kinder als Inhalt. Diese Schachtel stellte Frau Fischer auf den Tisch, zu dem sie auch den Sessel hinschob, Anton zum Sitze nötigend. Dieser, dem Drängen nachgebend, setzte sich und begann mechanisch in der sogenannten »Spielerei« umherzuwühlen. Es war wirklich allerwertlosester Kram, dem eben nur die Phantasie eines Kindes irgend welchen Wert verleihen konnte. Stoffläppchen, Knöpfe, ein sogenanntes »Krowotenpferd« mit zwei Beinen, eine »Puppe« selber Provenienz, wie sie nämlich die herumziehenden »Juri« um einige Kreuzer feilhaben. Dann viele Dinge, die direkt von der Straße aufgelesen 198 sein mußten. Plötzlich blitzte etwas im Lichte der kleinen Lampe auf. Es waren die metallenen Initialbuchstaben einer zwar alten, abgegriffenen, aber noch sehr gut erhaltenen Börse. Anton nahm sie zur Hand und betrachtete sie genauer. Wo mochte er dieses Stück schon gesehen haben? Es erschien ihm wie eine Erinnerung an eine ferne Zeit, das Initial war seltsam geformt, und schien aus Silber zu sein. Es war kein Fabrikat letzter Zeit, die Börse mochte ein Alter von vielen Jahren besitzen. Wo nur konnte er sie gesehen haben? Lange mußte es schon sein. Aber so sehr er nachdachte, es fiel ihm nicht ein. Er fragte Frau Fischer über die Herkunft des Gegenstandes.

»Das Geldtaschl? Ja, wann S' mi da frag'n – – – es liegt schon a paar Jahr' umeranander, i glaub', mein Mann hat's anmal hambracht, vielleicht hat er's g'funden. Viel wert war's schon damals net, und i waß, daß er's nia braucht hat. 's is immer in an Winkel wo g'leg'n, bis die Klan' g'funden und als Spielerei g'nummen hab'n.«

Anton wollte die Börse wieder achtlos zurücklegen, bedachte sich noch und öffnete sie. Die erste Abteilung bildete nur eine Art Visitiere und man mußte die Finger fest dazwischenzwängen. Ein Papier knisterte. Er zog es mit einiger Mühe heraus. Es bildete nur die Umhüllung von etwas. Als Anton dieselbe aufschlug, fand er darin eine feine schmale Locke goldhellen Haares.

Er zeigte Frau Fischer den Fund.

»Das is ja grad, wia wann's die Haar von wem Toten war'n. Entweder von aner Frau oder an Kind.«

»Kunnten ah von aner Geliebten sein«, meinte Anton nachdenklich. »A Andenken an wem jedenfalls. Kann i m'r das Börsl g'halten? Vielleicht kumm i do no drauf, wo i's 199 schon g'seg'n hab'. Denn bekannt is's mir, aber halt von wo, von wo?«

»G'halten Sie's. Wann schon als nix anders so als Andenken an d'klane Lintscherl. Sie hat oft damit g'spielt.«

Anton steckte mit einem Dank das Geschenk zu sich, nachdem er früher dessen Inhalt an alter Stelle versorgt hatte.

»Was is denn mit eahm?« frug er nach einer Weile mit Beziehung auf Fischer, den er weder mit Namen noch mit seinem Titel als Gatte zu bezeichnen pflegte. »Muaß do ah schon bald herauskummen oder er is schon heraus, wia der Blaschke, von dem ich heut an Stückl g'hört hab', das mi wirkli g'freut.«

Frau Fischers Gesicht überzog ein ganz leises, flüchtiges Lächeln, dann wurde es sehr traurig.

»I g'freu mi net, wann er wieder kummt. Vielleicht is er a andrer Mensch word'n drin', aber i kann's net glaub'n. Jetzt fangt der alte Jammer von vorn an.«

Anton erkannte die Anspielung.

»Frau Fischer, wann er nur anmal si wieder an Ihner vergreift, nur anmal – verschweigen S' es net. Aber dann, unser Herrgott soll eahm gnädi sein.«

»Na, na!« fuhr die Frau entsetzt empor. »Sie woll'n weg'n meiner mit dem Menschen anbinden? O, Sie glaub'n net, wia g'fährlich er is. Tan S' das net, i bitt' Ihner, denn sein Zorn liaßt er dann wieder nur an mir aus, und was da g'schehert – i will gar net dran denken.«

Der junge Arbeiter saß stumm da. Er würdigte nur zu gut die Befürchtungen des gemarterten Weibes, das wohl die furchtbare Brutalität des verkommenen Menschen mehr an seinem Leibe verspürt, als es zu sagen wagte. 200 Nichtsdestoweniger nahm er sich vor, bei einer passenden Gelegenheit den Unhold in einer Weise zu züchtigen, die er sich lange merken würde.

»Aus an' Grund«, fuhr die Frau fort, »bitt' i Ihner, fangen S' nix an mit eahm. I wollt' drüber nia was sag'n, denn die G'schicht' is zu dumm, daß m'r von ihr red't, aber bei so an Menschen muaß ma auf alles g'faßt sein. Denken's Ihner nur,« und eine flüchtige, feine Röte trat auf ihr verwelktes, kummervolles Gesicht, »er wirft mir vur – – i – i haltet mit Ihner.«

Anton blickte einige Sekunden mit verständnisloser Miene auf die Sprecherin, als hätte diese etwas gänzlich Unverständliches, Sinnloses gesprochen. Dann, als er auf den Sinn ihrer Äußerung kam, klopfte er sich mit voller Gewalt auf den Schenkel und sprang auf.

»Dr Branntwein muaß eahm a damisches Loch in'n Schädel brennt hab'n, wann er auf so a Idee kummt. I glaub', der g'hört in a Narrnhaus und das war ah 's g'scheiteste, da hätten S' vur eahm endli a Ruah. So a Idee . . .!«

Hätte sich ein junger Mann einer sechzigjährigen Dame von Stand gegenüber mit solchem Eifer über die Absurdität einer solchen Vorstellung geäußert, er hätte trotz der Berechtigung seiner Abwehr derselben einen kleinen Stachel in dem Busen der Dame zurückgelassen. Sie würde im umgekehrten Falle den jungen Mann selbst tüchtig ausgelacht haben, aber der süße Reiz des Schmeichelhaften wäre geblieben.

Frau Fischer war trotz aller Verwüstung, die Krankheit und Elend an ihrem Körper verübt, eine noch junge Frau, die gewiß mit Bedauern das Zeugnis ihrer Reizlosigkeit hätte entgegennehmen können. Aber Armut, Sorge, Krankheit 201 lassen keinen Raum für derartige, echt weibliche Empfindsamkeiten. Sie ermöglichen erst das Verständnis für eine durchaus uneigennützige, menschenfreundliche Handlungsweise. Darum verehrte die Frau um so mehr den jungen, edelmütigen Schützer ihrer Kinder und sie rechnete es ihm hoch an, daß er sie selbst für unbegehrenswert und die angedeutete Vorstellung für abgeschmackt hielt.

Anton streckte nun Frau Fischer die Hand zum Abschied entgegen.

»Wegen der Lintscherl machen S' Ihner kane Sorg'n, san S' froh, daß Sie s' von da außibracht ham. Passen S' auf, wia si di Klane erhol'n wird! Dort hat s' a guate Pfleg', a guat's Essen und die Dokter werd'n si schon Müah geb'n, daß sie s' außireißen. Es hat ihr ja nix g'fehlt als Luft, Pfleg'und 's Papperl. Das g'freut mi vom Ludwig, daß er Ihner so hat helfen können. Mir hat er gar nix davon g'sagt. No, san S' fürs erste do wieder a bißl aus'n Wasser. Unser Herrgott wird's schon machen, schon weg'n die Kinder. Adje!«

Als er die Türe öffnete, stand in ihrem Rahmen eine Gestalt. Es war Fischer, aus dessen gerötetem Gesicht mit aller Deutlichkeit das Unmaß des genossenen Branntweins herabzulesen war.

Anton stutzte eine Weile, dann, ohne dem Mann einen Gruß zu gönnen, ging er an ihm vorbei.

Fischer trat nun vollends ins Zimmer vor sein erschrockenes und verstörtes Weib.

»Na, Karnalie,« begann er boshaft, »jetzt hast dein guate Zeit g'habt, was? War d'r recht, wann i so ganz furtblieb'n war, gelt ja? Waßt, wann i dazua aufg'legt war, und mir mehr an deine Baner g'leg'n war, i hauert di jetztr, daß d'r für zwa Monat' dö Lust auf dein Liabhaber 202 vergangt. Muß di eh schon juck'n dein Buckl, nach so aner langen Zeit. Schau mi net so an, Kalbl, sunst vergiß i mi do no am End. A Tern oder a zwa täten d'r net schaden. Wo san d' Kinder, ha? Laßt es vielleicht herumstrabanzen, daß aus eahna nix wird?«

»^s Lintscherl is im Spital«, wagte die unglückliche Frau zitternd zu gestehen.

»Im Spital? Im Spital? Du – Du . . .«

Er erhob schon die Faust. Dann aber, als ob er sich besänne, ließ er sie wieder fallen.

»Is ah recht. Mein Schuld is's ja net. Wann dir an den Bankerten net mehr liegt, mi geht er nix an. Wo is aber der Bua, den, glaub' i, hab' i do ganz allani g'macht, den laß i m'r net abstreiten.«

»Liefern is er gangen, mit aner Wäsch ausbessern. I bin grad ferti wurd'n und mir brauchen a Geld.«

»So, da bringt er a Geld?« sagte Fischer, den das Wort plötzlich besänftigt zu haben schien. »Wia geht's eahm denn, is er wenigstens g'sund?«

Obwohl sich das gemarterte Weib über den Umschwung in der Gesinnung des heimgekehrten Gatten und Vaters klar war, obwohl es wußte, daß er sich des Geldes bemächtigen und dann weggehen würde, fühlte es doch, wie seinem Herzen eine Last genommen wurde. Wenn nur ein geringer Teil des Verdienten übrigblieb, daß sie morgen dem Knaben etwas zu essen kaufen konnte!

Gleich darauf trat Franzerl mit geröteten Wangen und vor Freude blitzenden Augen ein. Er bemerkte im Halbdunkel des Zimmers erst gar nicht den Vater.

»Mutter, Mutter,« rief er beim Eintritt, »da schau, 203 wia viel Geld als i kriagt hab'. Du, durt is schön, sag' i d'r. Wia dö Tür offen war, hab' i ins Zimmer g'schaut, da war's wia im Himmel.« Er legte das Geld, eine Banknote und einige Silbermünzen, auf den Tisch.

»He, Franzl, kannst dein' Vodan net a Grüaß Gott sag'n?« tönte es fürchterlich dem vor Glück fassungslosen Kinde entgegen.

Das eben noch so gerötete Gesichtchen erblaßte wie vor tiefem Schrecken und die Augen richteten sich zaghaft auf den Vater.

»Grüaß di Gott, Voda«, kam es zögernd über seine Lippen.

»No, und d'Hand kannst m'r do ah geb'n? Oder hat d'r d'Muatta g'sagt, du därfst es net tuan?« Fischer sandte einen stechenden Blick nach seiner Frau.

»O na«, sagte Franzerl bestimmt und gab dem Vater die Hand.

»Jetzt sag', von wo hast denn das viele Geld? Was soll d'Muatter verdient hab'n?«

Dem Kleinen, dem bei der Erinnerung an die schöne Wohltäterin wieder ganz warm wurde, erzählte: »Das is von aner Fräul'n, die wia a Engel is. Sie hat vom Herrn Ludwig g'hört, daß uns so schlecht geht . . .«

»Wer is der Herr Ludwig? Da find' i ja lauter neuche Bekannte.«

»A Student,« nahm die Frau für den Knaben das Wort, »er is a Verwandter vom Brenner Anton und wohnt mit ihm bei der Ambros. Bei der Fräul'n, für die i die Wäsch' ausbessern tua, is er Klavierlehrer, und er hat bei ihr für uns g'redt. Mein Gott, von was hätt'n m'r denn g'lebt?«

»Da habt's aber schon besser g'lebt wia i. Hörst, das is ja a Zehner, da zahlt die Fräul'n net schlecht. Bei der muaß i mi bedanken. Wie haßt s' denn und wo wohnt s' denn? Ha?«

»Das därf i net sag'n«, entrang es sich Franzerl mühsam.

»So? Dein' Vodan därfst es net sag'n? Und warum denn net?«

»In Herrn Anton ah net.«

»Den ah net? Das bleibt si mir gleich, obst es dem sagst oder obst es bleib'n laßt. Möcht' wissen, warum die G'schicht' so hamli is. Da steckt was dahinter.«

»O na!« rief Franzerl, der im Eifer für die Verteidigung der gütigen Fee seinen Mut zusammennahm. »Die Fräul'n is herauskumma, hat den Binkel vom Dienstmadl aufmachen lassen und die Wäsche ang'schaut. Dann hat s' g'sagt, daß alles sehr gut g'macht is und daß d'Muatter recht g'schickt sein muaß. Sie hat mi um manches ausg'fragt, um'n Herrn Anton, um d'Frau Ambros, und dann hat s' g'mant, sie will net hab'n, daß wer was erfahrt von dem, was s' für uns tuat. I soll nur brav sein und d'r Muatta a Freud machen (Fischer lächelte boshaft seine Frau an) sie hat ah ihr Muatta gern g'habt und ihr'n Vodan ah, sie is no klan g'west, wie sie s' verlurn hat und dann hat s' a bißl g'want, drauf wieder g'lacht und dann hat m'r 's Dienstmadl was zum essen geb'n und dann hab' i das Geld kriagt.«

Nachdem sich Franzerl dieser seiner schönen, durch die jeweilig eingestreuten »danns« reich verzierten oratorischen Leistung entledigt, schwieg er diplomatisch, in der Voraussetzung, soviel gesagt zu haben, daß der Vater vielleicht vergessen werde, über den Hauptpunkt weiter zu fragen. Darin täuschte er sich aber, denn Fischer hub an:

205 »Bei dem all'n siech i net ein, warum Neamd davon wissen soll, wann s' a unglückliche verfolgte Famülie unterstützt. So viel i heraushör', kennt s' den Brenner und die Ambros. Von woher, geht m'r net recht ein. Sie will jedenfalls net, daß die wissen, wo s' wohnt. Und wannst eahna a Wurt sagst, reiß' i d'r d'Uhrwaschln aus, denn dann war's habe die Ehre mit'n Geld«, wandte er sich an den Kleinen. »Aber mir kannst es schon sagn, mir, dein' Vodan.« Der Appell an die schuldige kindliche Offenheit war von einer so drohenden Gebärde begleitet, daß es eines festeren, als dieses verschüchterten, kleinen Kinderherzens bedurft hätte, um den Mut zu standhafter Weigerung zu finden. Überdies begriff Franzerl, daß ihm doch nur das Verschweigen vor Anton und der Ambros zur Pflicht gemacht wurde. Fühlte er aber keinerlei Gewissensbisse, gerade seinem treuesten Wohltäter gegenüber etwas geboten Verschwiegenes zu hegen? Nein! Man müßte den Einfluß unterschätzen, den ein gütiges, schönes, weibliches Wesen auf ein Knabenherz ausübt. Es lähmt schon in dem Kinde die Urteilskraft wie später und oft mehr im erwachsenen Manne.

Also gab er sein Geheimnis preis.

»Fräulein Milly Zögler, Maria . . .«

Weiter kam er nicht. Er starrte nur mit entsetzten, weit aufgerissenen Augen den Vater an.

Der war auf das Bett gesunken und so sitzend bot er einen Anblick so schreckhaft und grauenerregend, daß dem Knaben das Herz pochte vor Furcht. Er dachte, jeden Moment müsse sich der Vater auf ihn stürzen und ihn erwürgen.

»Jessas, Maria und Josef!« schrie Frau Fischer auf, »was hast denn? Is dir net guat?«

Fischers Lippen murmelten unhörbar einen Namen, man erkannte es nur an seinen fahlen Lippen, daß er 206 unaufhörlich ein und dasselbe Wort herauszustoßen bemüht war, um es wieder zurückzudrängen, als wäre es mit einem bösen unheilvollen Ereignis verknüpft.

Endlich schien er sich die Herrschaft über sich selbst langsam zurückzuerringen.

»Was gluaht's mi denn so an?« fuhr er heiser Weib und Kind an. »Schlecht is m'r auf anmal wurd'n, i bin nix mehr g'wöhnt und hab' a bißl was trunken.«

»Geh, i schick' in Buam um was z'essen und vielleicht trinkst a Glasl Wein dazua, dann legst di nieder«, riet mit noch vor Angst bebenden Lippen die Frau ihrem Mann. O seltsames Rätsel, Herz der Gattin und Mutter! In diesem Augenblicke sprach nur das Mitleid mit dem unseligen Manne.

»Was willst denn mit mir,« schrie er aufspringend, »bin i a klaner Bua? I wir d'r was sag'n, i geh' jetzt furt und wir no öfters furtgehn und spät oder gar net hamkummen bei d'r Nacht. I rat' d'r aber, wann's d' g'fragt wirst, ob i jetzt bei d'r Nacht immer daham bin, sagst ja. Verstehst? Ja, i bin immer in mein Bett – sunst, du kennst mi.«

»Um Gott^s will'n, was hast denn vur?«

Statt aller Antwort trat der Unhold so nahe an sein Weib heran und hob die Faust so dräuend, daß ihr jedes weitere Wort auf den Lippen erstarb. Sie frug nur, als er schon bei der Türe stand: »Sag', brauchst net a Geld? Nimm d'r was mit!«

»Na, i brauch' nix, i hab' m'r drin was derspart, i hab' gnua derweil. Das Geld g'halt's enk.« Dann ging er hinaus.

207 Oben angelangt, schritt er zur Türe der Hausmeisterwohnung, klopfte an und öffnete.

»Mein Gott, der Fischer,« sagte eine weibliche Stimme, »was woll'n denn Sie da? Für so Leut' is ka Platz in unsern Quartier.«

»D'Hex sagt gradaus und d'Katz bellt«, war die Antwort Fischers auf den freundlichen Empfang. Man hörte einen leisen Schrei der weiblichen Stimme, ein Männerarm zog den noch in der Tür Stehenden in die Küche und erstere schloß sich rasch hinter dem Besucher. 208

 

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