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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eilftes Kapitel.

(Blaschke verblüfft die Welt durch Anwendung eines uralten Hausmittels. Er findet Verurteilung und Anerkennung zu gleichen Teilen.)

Es ist mit den Sensationen wie mit einem Feuerwerk: Aufflammen, Strahlen, Bewundern und Vergehn. Diese vier Phasen eines Feuerwerks lassen sich auf alle Dinge anwenden, die die Menschheit als epochal, hervorragend, faszinierend und wie die Bezeichnungen lauten mögen, ansieht.

Die letzte Scholle war von berufenen und unberufenen Händen auf den Sarg des mit vielem Pompe begrabenen Kürschnermeisters geworfen worden, als sich auch das Interesse an ihm und allen mit seiner Person verbundenen Vorgängen als schlafenslustig erklärte. Es entwickelten sich allerorten neue Keime, neue Ansätze zur Aufregung der nächsten Woche. Jedes Haus hat seine Spezialitäten. Das Haus Nummer 37 konnte sich rühmen, deren mehr als eine zu besitzen.

Kaum hatte die gewitterhafte Spannung der Gemüter etwas nachgelassen, als sich unter den Parteien die Nachricht verbreitete: »Heut kummt der Blaschke ham aus'n Kriminal.« Die Frau hatte es einer Nachbarin im Vertrauen mitgeteilt, und die Folge war, daß männiglich sich auf die Auseinandersetzung des wiedervereinigten Ehepaares freute. Das heißt, von Auseinandersetzung im gewöhnlichen Sinne konnte keine Rede sein, da der männliche Teil wegen seiner unmännlichen Schwäche von vorneherein bestimmt schien, schweigend zu dulden. Man hatte sich im Laufe der Zeit abgewöhnt, über 176 seine Feigheit und die unnatürliche Beschränkung seiner Willenskraft noch einige Entrüstung zu äußern.

Zwei Monate einfachen Kerkers – hatte das Urteil für Blaschke gelautet. Dasselbe, nur verschärfte Ausmaß hatte Fischer erhalten.

Wenn man die Roheit, Bösartigkeit und Gefährlichkeit des letzteren gegen die Harmlosigkeit und Gutmütigkeit Blaschkes ansah, war er mit einer sehr gelinden Strafe davongekommen. Als mildernd kam seine bisherige Unbescholtenheit und der Zustand arger Trunkenheit während des Exzesses in Betracht. Dann war Fischer so schlau gewesen, sich an dem ihn arretierenden Wachorgan nicht zu vergreifen, ein Umstand, den der unselige Blaschke nur zu sehr außer Auge gelassen.

Dessen Verteidiger hatte gegen die dezidierten Zeugenaussagen des Wachmannes einen harten Stand gehabt, aber seine Waffen waren auch keine rostigen. Mußte man aus den Aussagen der beleidigten Obrigkeit über den Angeklagten den Eindruck eines Bildes von Verworfenheit, Gewalttätigkeit und Unverbesserlichkeit erhalten, so versäumte der Verteidiger nicht, in einer flammenden Rede Blaschke als das Opfer vernachlässigter Erziehung, widriger Lebensverhältnisse und geringer Widerstandskraft gegen Feuerwasser zu bezeichnen. Er war ein junger, ehrgeiziger Mann, der mit diesem Falle die Sporen zu verdienen hoffte. Aus seiner Rede nur einen kurzen Auszug:

»Ich darf mich auf das Zeugnis sehr ehrenwerter Personen berufen, auf das Zeugnis aller Herren Wachmänner, sowie der Hausnachbarn des Angeklagten, daß mein Klient in seinen nüchternen Stunden ein argloser, braver, friedfertiger Mann ist, und selbst im Zustande der Trunkenheit als nichts weiter denn als ein lauter, aber durchaus 177 ungefährlicher Krakeeler bezeichnet werden muß. Ich kann dem Herrn Zeugen bei aller Achtung vor seinem Stande als Organ der öffentlichen Sicherheit den einen Vorwurf nicht ersparen, daß er in seinen Anschauungen über Störung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit zu summarisch vorging. Eine gewisse Spezialisierung ist da am Platze, wo es sich darum handelt, die leicht verpuffende Krakeelsucht und Aufregung eines noch mit seinem Sonntagsrausche behafteten Quartaltrinkers von der Exzessivität eines gefährlichen, brutalen, verkommenen Gewohnheitstrinkers und Gewohnheitsskandalmachers zu unterscheiden.

»Hoher Gerichtshof! Unsere moderne, humane Zeit unterscheidet sehr wohl das Delikt von seiner Absicht und von dem Milieu, aus dem es herausgewachsen.

»Sehen Sie in meinem Klienten das Opfer – (Schluchzen im Zuhörerraum, es kommt von der anwesenden Frau Blaschke) ich sage, sehen Sie in meinem Klienten das Opfer seines traurigen Familienlebens. Der Zustand der Trunkenheit darf gewiß keinen Freibrief für Verbrechen bilden, mögen diese leichter und schwerer, und möge erstere eine fast bis zur Besinnungslosigkeit erhöhte sein. Ja es möge diese krankhafte Schwäche ihre, wenn auch bedeutend gemilderte Bestrafung finden, wenn sie eine der Allgemeinheit schädliche Tat zeitigt.

»In diesem Falle kann aber meinem Klienten als Strafausschließungsgrund der Umstand zugebilligt werden, daß er anfänglich keine Neigung besaß, gegen das behördliche Organ eine Auflehnung zu versuchen. Seinem geschwächten Urteilsvermögen mochte die barsche, rauhe Art der Aufforderung, sich zu entfernen, als eine Beleidigung erschienen sein . . . .«

Dann kam der Verteidiger auf das Familienleben des Angeklagten zu sprechen und als er die liebenswürdigen 178 Seiten Frau Blaschkes zu schildern anhub, malte er al fresco ein Bild dieser Megäre, daß allen Zuhörern das Blut in den Adern gerann und der arme Blaschke auf seinem Sitze noch mehr zusammensank, als es bisher der Fall war.

Da aber warf Frau Blaschke dem Verteidiger einige so saftige Invektiven an den Kopf, daß ihm jegliches weitere Wort im Munde stecken blieb und er diesen nur als Ausdruck maßlosesten Erstaunens geöffnet halten konnte.

Das Publikum amüsierte sich vortrefflich über ein Impromptu, das für die strengen Räume der heiligen Justitia eine köstliche Neuerung bildete.

Der Vorsitzende vermochte erst nach Minuten den lähmenden Bann abzuschütteln, der sowohl auf ihm als auf dem ganzen würdigen Gerichtshof lag. Dann raffte er sich auf, indem er der noch immer keifenden und scheltenden Frau Blaschke eine Ordnungsstrafe diktierte und sie gleich abführen ließ. –

Vielleicht noch niemals im Leben hatte der gebrochene Gatte mit mehr Staunen und Bewunderung auf einen Mann gesehen als in diesem Augenblicke, da ein verwegener Justizsoldat sich anschickte, dem Befehle des Vorsitzenden zu gehorchen. Und siehe, der Saal stürzte nicht ein, der Kühne bildete keine formlose Masse. Nein, er wagte es, mit rauher Hand nach der Ruhestörerin zu greifen und diese so mir nichts dir nichts hinauszuzerren. Ein uneruierbarer Spaßvogel rief laut:

»Freisprechen den armen Kerl! Der is g'straft g'nua. Oder glei lebenslängli, is no besser!«

Wurde der Gerichtshof durch diese Szene wirklich milder für den Angeklagten gestimmt, oder handelte er in einem Zustande der Sinnesverwirrung – kurz, Blaschke kam, entgegen dem Antrage des Staatsanwaltes auf halbjährigen 179 schweren Kerker, nur mit zwei Monaten einfachen Kerkers davon. Mit Rücksicht auf das Kapitalverbrechen, daß er den Wachmann beim Ringkragen gefaßt und diesen herabzureißen versucht hatte (so sagte der Zeuge nämlich unter Diensteid aus), eine sehr milde Bestrafung.

Nun, da er heute zurückkehren sollte, war alles im Hause gespannt, welche Entwicklung die wieder angeknüpfte eheliche Vereinigung nehmen werde.

Frau Blaschke hatte es sich nicht nehmen lassen, in echt weiblicher Besorgnis und in Erfüllung ihrer vor dem Altare beschworenen Pflichten, den Gemahl abzuholen. War sie von der unbestimmten Ahnung erfüllt, dieser könnte vielleicht die weite Welt seinem traulichen Heim vorziehen und ohne mit den Gefühlen seiner Frau zu rechnen einem verwerflichen Freiheitsdrange nachgeben – kurz, Frau Blaschke beschloß, das Band, welches sie mit ihrer schlechteren Hälfte auf immer unlöslich verband, nicht im mindesten locker werden zu lassen.

Als sie nun mit dem glücklich wieder Errungenen an den neugierigen Nachbarn vorbeischritt, lag auf ihrem Gesicht ein Ausdruck erhabener Festigkeit, der zu sagen schien: das Gesetz hat das Seine getan – nun werde ich das Meine tun.

Am meisten verwunderte sich jedermann über das gefaßte, ja sorglose Benehmen des Opfers, das zu seiner früheren Schwächlichkeit und Gedrücktheit einen äußerst wohltuenden Kontrast bildete.

»Schau'n S' Ihnern an! Den Fum, was er si gibt, als wann er net wußt', was jetz'n kummt. A Kuraschi hat er, das muaß m'r eahm lassen; oder macht's die G'wohnheit. Mein Gott! Jeder Hund g'wöhnt die Schläg'. I an seiner Stell' gangt liaber drei g'sunde Zähnd reißen lass'n, wia mit dem Drachen allan in die Wohnung,« bemerkte eine Nachbarin zur andern.

180 Als das Ehepaar in seiner Behausung verschwunden war, bei welcher Gelegenheit der weibliche Teil, in schönem Verzicht auf alle Vorteile der Galanterie, dem männlichen den Vortritt ließ, jedenfalls um im letzten Augenblick einem Fluchtversuch vorzubeugen, strömte fast lautlos die ganze Horcherschar auf dem Gange zusammen, lauschend, nach der geschlossenen Türe horchend, flüsternd, wispernd oder sich pantomimisch verständigend.

Die erwartete Symphonie begann alsbald. Man hörte Herrn Blaschke vor allem sagen:

»Hol' m'r was z'essen und an Liter Bier! I bin voller Hunger und Durst. Die Kost war m'r a bißl zu anfach.«

Jetzt, als wären diese Worte das ersehnte Zeichen gewesen, begann Frau Blaschke in der alten, schon bekannten Tonart.

»Gauner, Lump, Fallut, Kerl elendige, Zuchthausbrude, Schnapssaufe, Pilge, i werden dir geb'n Piwo und Rostbratl, daß de vergeht Hunge und Durst. Da hast ane . . .« ein klatschender Schall . . . .

Doch was war das? Alles sah sich betroffen an. War solches möglich? Blaschke sagte:

»So, böhmische Bisgurn, Teufelsbraten, Mistvieh! Das war d' letzte, die du mir g'schmiert hast. Heut fang' i an. Das hast als a conto ane, da a zweite, wart', der Stecken lahnt da grad recht – huit! Tuat's wohl? Gelt ja, da kannst singen. Das wird jetzt so lang für di Fruahstuck, Mittagmahl und Nachtmahl sein, so lang's dein Mäul anmal aufmachst, ehnder als i di frag'.«

Das Geräusch, das der niederfallende Stock verursachte, nötigte manche der Zuhörerinnen rein sympathetisch den Rücken zu krümmen und die Schultern einzuziehn. Und jetzt 181 hörte man zum ersten Male Frau Blaschke Angst- und Schmerzensrufe ausstoßen und – bitterlich weinen.

Dann ward die Türe aufgerissen. Und vor der vor Schreck und Überraschung erstarrten Horcherschar stand Blaschke – noch immer das Exekutionsinstrument in der Rechten –, blickte siegestrunken und höhnisch zugleich die Versammlung an, und hielt folgende kurze Ansprache:

»So, meine verehrten Herrschaften, heut ham S' erlebt, daß i den Spieß umdraht hab', und mein' Alte abbindert hab' nach Noten, wia i's schon lang hätt' tuan soll'n. Wann unter dö hochverehrten Damen ane is, dö an derselben Krankheit leid't wia mein Hauskreuz, so soll s' ihr'n Mann zu mir schicken und i gib eahm's Rezept samt der Medizin gratis, weil i so a verfluacht guater Kerl bin. Und no ans, meine verehrten Herrschaften: sollt' i anmal a Wurt, a klane Äußerung hör'n, oder lassen S' ane geg'n mein' Alte fall'n, weg'n dö zwa Monat', dö i – eh schon wissen –, so merken's Ihner, daß das strafbar is und i schon waß, was i z' tuan hab'. Jetzt ham S' a Idee, wia die Sach'n stengan, daß S' ruhig schlafen können. So, pfiat Ihner g'sund, gengan S' ham und sag'n S', es war nix. Küss' die Hand allerseits.«

Und noch einmal einen spöttischen Blick auf die wie begossen dastehende Gesellschaft werfend und den Stock einigemal hin- und herschwingend, ging er in die Küche zurück, die Türe mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit allen vor der Nase zuschlagend.

Jetzt hob ein Lärmen und Schnattern an, die Zungen wurden mit einer Rührigkeit in Bewegung gesetzt, daß man meinte, das Mundwerk der vorhin noch so schweigsamen Damenwelt sei ein Mechanismus, der erst aufgezogen, jetzt mit aller Gewalt abschnurre.

182 »So a Kerl,« zeterte eine Frau Trnka, die wohl mit gutem Recht die kleine, boshafte Rede hauptsächlich auf sich bezog, »so a abg'strafter Püls, der Schnapsbruader, schamt si net, a Weib z'schlag'n wia an Hund, und dann prahlt er si no damit, anstatt daß er si in an Winkel versteckert, daß eahm neamd siecht. Soviel Schand' hätt' i, daß i in dös Haus nimmer kummert. Dös arme Weib kann guate Zeiten mitmachen mit dem Falotten, der unter seine Zuchthausbrüaderln no dazuag'lernt hab'n wird, was er no net g'wußt hat. Passen S' auf, wann heut wieder in derer Gegend a Murd vurkummt, sag'n S' i hab' Ihner's g'sagt, mehr will i net g'sagt hab'n.«

Die Familie des »Kapral«, die sich selbstverständlich vollzählig als Auditorium eingefunden, fühlte sich durch die eben stattgehabte, ebenso unerwartete als sensationelle Exekution höchlichst amüsiert. Der Herr Kapral selbst meinte, daß für jeden Hausdrachen von der Qualität und Intensität der Blaschke die Prügelstrafe zu Recht bestehen sollte und verquickte seine Ansicht über diesen Gegenstand mit vielen Beispielen aus seiner Militärzeit, wo er die Rekruten nach Noten geprügelt, bis sie anständige Soldaten wurden. Er erregte mit seinen Ausführungen lebhaften Widerspruch seitens der Damenwelt, die ihm zu bedenken gab, daß zwischen einem Rekruten und einem schwachen, zarten Weib ein gehöriger Unterschied bestehe.

»Schwache Weibsbild? Hohoho!« hohnlachte der Kapral. »So Kürassier, so Bisgurn böhmische, die wann möchte in Höll' kummen, möchte selbst Teufel und seiner Großmutter Höll' haß machen. Ware schön, daß Weib hat g'schlag'n Mann? Nix, nix, Frau Nachbar. Weib muß halten Guschen oder kriegen Buck'l vull Wichs. To je dobro

183 »Sö ham's notwendi, von aner böhmischen Bisgurn z'reden,« nahm die erste Frau wieder das Wort, »schlagt eahm selber der Böhm ins G'nack als wia. Wann i hör' ›Pane Kapral‹, hab' i eh schon g'fressen.«

»Bin i Weane, Frau Nachbar, und geburn am Juri . . .« sagte tiefgekränkt der Kapral.

»Hat 'hn schon. Da hört si alles auf. Am Juri is er gebor'n, der Bamschabl! Am Turi hat er sag'n woll'n. Durt hätten s' Ihner brauchen können. Sag 'n S' lieber am Tabor, Sie Powidlschädl Sie.«

Es war die verwundbarste Stelle des Kapral, wenn man ihn an seine nichts weniger als deutsche Abstammung erinnerte.

»Hab' i mi ang'wöhnt vielleicht bei Militär,« suchte er diesen Defekt zu entschuldigen, »wo hab' i kummandiert lauter su G'sindel, behmisches, herg'rastes. Aber Sie, Frau Nachbar, san a net auf deutsches Bam g'wachsen, denn wann kummt Ihne Frau Mutter am Besuch mit Häfen Powidl und zwa Lab Brot . . .«

Diesesmal lag in den Worten des Exkommandeurs ein Stachel, der nicht verfehlte, sich tief in das ehrgeizige, stolze Herz der Frau Trnka einzubohren. Sie als Frau eines Lokomotivführers, sie, die Zimmer, Küche, Kabinett hielt und letzteres nur an einen Herrn (der überdies ebenfalls Lokomotivführer war) vermietete, wollte nicht an die Tatsache gemahnt sein, daß ihre Mutter ein schlichtes Bauernweib aus einem kleinen kerntschechischen Dorfe war. Ihr Urwienertum verdankte sie dem Umstand, daß eine in der Residenz wohnhafte, verheiratete, aber kinderlose Tante sie zu sich genommen und erzogen hatte. Bei dem lächerlichen Verhältnisse der zwei 184 stets sich in den Haaren liegenden Volksstämme bezüglich der Namen, die oft kerndeutsch klingen, während die Träger ultratschechisch sind, und wieder umgekehrt, kam es, daß Herr Trnka ein leibechter, fescher Wiener war und an der »böhmakelnden« Schwiegermutter nicht allzuviel Gefallen fand.

War dieser Umstand dem Kapral bekannt oder nicht, sprach er aus einfältiger Bosheit oder boshafter Einfalt, kurz, es gelang ihm, mit seiner Bemerkung Frau Trnka aus dem Felde zu schlagen, die nicht kurzerhand ihre Mutter verleugnen konnte. Sie begnügte sich, den Kapral mit einem Blick tiefster Verachtung zu strafen, und den Kampf wieder auf das Gebiet zu lenken, dem er seinen Anfang verdankte.

»Um das handelt si's net, sondern nur um die Roheit von euch Männern, euchern Zurn und euchere Branntweinräusch an an Weib ausz'lassen. A jeder Mann a Schuft, der si an aner Frau vergreift. Das is ah a Kunst? Pfui Teufel!«

»Ah, wer wird Weibsbild schlagen?« frug im Tone ehrlichster Verwunderung der Kapral. »Wann is Weibsbild a Weib, wird me nit hau'n. Was aber is Teufel und Drachen, dann haut me, bis is Engel, so wie jetzt Blaschkin. Hörn S' no ane Laut? No is do gut.«

Der Hausbesorger, der wie der Kapral den ganzen Tag über wenig mehr zu tun hatte, als bei allen Gelegenheiten »dabei« zu sein, dann noch zwei oder drei Nachbarn, die ihr Beruf zu Hause hielt, die jedoch bei erwähnten Gelegenheiten bereit waren, die Arbeit für die Dauer des interessanten Ereignisses zu unterbrechen, repräsentierten das starke Geschlecht der zungenfertigen Versammlung. Die drastischen Ausführungen des Redners fanden ihren vollen Beifall und wurden mit herzlichem Gelächter belohnt.

»Da gibt's ah was z'lachen,« meinte eine andere, sehr 185 energisch aussehende Frau höchst empört. »Ös Männer seid's aner wia der andere. 's Weib soll arbeiten, spar'n, Kinder erziag'n und ös wollt's nur faulenzen, saufen, Kinder machen und zum Schluß 's Weib prügeln. Schamt's enk, über so was zum lachen.«

»Es is net so arg, wia Sie's machen, Frau Hochfellner,« nahm der Hausmeister das Wort. »Wann's der Mann versteht, braucht eahm nur an für allemal d'Hand auskumma, nacha is guat. Segn S', mein' Alte hat ihr erste Fotzn kriagt, wia m'r g'heirat' hab'n. Das war ihr' Brautnacht. Zwa Stund' lang hat s' ganz teppert g'schaut, daß i meiner Seel scho a Angst g'habt hab', i hätt' ihr im Hirnkastl was lädiert. Aber g'holfen hat die Medizin, a zweit'smal hab' i's nimmer notwendi g'habt.«

Diese, das Erziehungssystem wie die maßvolle Männlichkeit des ehrenwerten Hausbesorgers gleich ehrende Erklärung gab Anlaß zur Flucht der angesammelten Damenwelt.

»Gengan m'r!« sagte Frau Trnka, »glaub'n S', geg'n so Mannsbilder kummen's auf? Es wird ja allweil schöner. Gott sei Dank, daß's do no Ausnahmen ah gibt. I bedankert mi für so an Mann. Für heut hab' i schon g'fressen, So was muaß m'r no ruhig anhören ah.«

Sie schritt würdevoll die Stiege hinab, gefolgt von einigen anderen, und in kurzem war der Gang so leer und friedlich, als wäre er niemals Zeuge so merkwürdiger, historischer Ereignisse gewesen.

Einige Stunden später sah man Herrn Blaschke mit allen Anzeichen einer guten Laune das Haus verlassen. Er hatte sich in Gala geworfen, wie die hinter den Küchenfenstervorhängen herauslugenden Frauen bemerkten, und tat 186 sich offenbar viel zugute darauf, als Sieger paradierend einherschreiten zu dürfen.

Man mag über die Charaktereigenschaften der Frau Blaschke gänzlich ungeteilter Meinung sein und mancher im innersten Herzen eine tiefe Befriedigung empfinden über die wenig zärtliche Art, wie ihr Gemahl die ewig streitbaren Gelüste seiner schwächeren Hälfte zu bändigen wußte, eines muß ihr zugestanden werden: sie war eine wackere, arbeit- und sparsame Frau, die einen wohlgeborgenen Notgroschen besaß und bemüht war, ihrem Manne das ihm Zukömmliche zu beschaffen. Unermüdlich tätig, von peinlichster Sauberkeit, Akkuratesse und Pflichtbewußtsein, hatte ihr nur des Weibes schönste Zier gefehlt: Sanftmut. An und für sich nicht sehr mit weiblichen Reizen begabt, bedeutend älter als ihr Mann, hätten dennoch ihre guten Eigenschaften in Verbindung mit einem nachsichtigen, gütigen weiblichen Wesen hinreichend genügt, sie mit dem geduldigen und braven Blaschke ein harmonisches Eheleben führen zu lassen.

Also dieser schritt leicht und tändelnd und von keinerlei Gewissensbissen und Anfechtungen beschwert dahin.

»Jetzt geht er sicher in ane von seine Butiken und prahlt si mit seiner Heldentat«, meinten einige jener Weiber, die Zeit genügend zu besitzen scheinen, um sich nicht das kleinste Vorkommnis entgehen zu lassen.

Aber sie irrten diesesmal gewaltig. Blaschke lenkte seine Schritte nach dem Polizeikommissariate. Dort erregte sein Erscheinen kein geringes Aufsehen. Der Lage der Dinge nach mußte er doch diesem Orte auf die Entfernung einer Stunde ausweichen.

Blaschke wünschte unverzüglich dem Kommissär vorgeführt zu werden.

»Ja, was woll'n S' denn von eahm?« hieß es.

187 »Dös wir i eahm schon selber sag'n. Nur g'schwind, i hab' net viel Zeit zum Umeranandreden.«

»Na ja, für Ihner wird m'r g'schwind a Extrawurst braten« sagte der Wachmann, dessen Erscheinen vor einigen Wochen für Blaschke so verhängnisvoll gewesen. »Sie ham's ah Not, gar so wichtig z'tuan.«

Blaschke faßte den Sprecher scharf ins Auge und sagte mit Betonung:

»Was Sie manen oder net, is für mi ganz gleich. I kann Ihner nur ans sag'n und an guaten Rat geb'n. Je ehnder als von der Gegend da wegkummen können, desto besser is für Ihna. I sag' das nur, weil i verschiedenes derhurcht hab' und dö, dö auf Ihna an Pick hab'n, san g'fährliche Leut'. Dö werd'n mit Ihner net herumrafen.«

»Sie, wann S' mir drohn woll'n.«

»I Ihner drohn? Lächerlich! An guaten Rat hab' i Ihner geb'n woll'n, ob S' folg'n oder net, steht bei Ihner. Übrigens hab' i ka Mandat, weiter z'reden, schaun S' nur, daß i bald 'n Herrn Kommissär siech.«

Diese durchaus würdige Rede verfehlte wenigstens bei den andern Wachleuten ihren Zweck nicht, und bald stand Blaschke vor dem Begehrten.

Der Kommissär blickte erst dem Angemeldeten erstaunt entgegen.

»Ja, Blaschke, was führt Sie zu mir?« frug er überrascht.

»Meld g'hursamst, daß i meine zwa Jahrln, ah Pardon! Monat' abig'rissen hab'«, meldete Blaschke, in hnmoristischer Weise seine militärische Erziehung zum besten gebend.

»Hörn S' auf!« lachte der Kommissär. »Sie haben's notwendig gehabt. Jetzt ist Ihnen wohl leichter?«

188 »Und ob, Herr Kommissär! Wia neugeburn fühl' i mi. Seg'n S', ich glaub' für manche Leut' is das Anser-Haus a urndliche Wohltat. Die Reichen spaziern weg'n eahnere angegriffenen Nerven in a Heilanstalt oder Sanaturium, wia m'r's haßt, und unsereraner, no, Sie wissen eh.«

»Blaschke, Blaschke! Aber Sie müssen bedenken, nun sind Sie einmal bestraft. Jetzt ein zweitesmal . . .«

»Passiert so was nimmer. Und dann is dös, was i ang'stellt hab' ka Schand, wia m'r sagt. Ja, wann i g'stohl'n oder einbrochen hätt' – aber so. – Ja richtig, weil i beim Stehl'n und Einbrechen bin, i hätt' Ihner was zum sag'n, wo S' Aug'n machen werd'n. Und das soll Ihner ah a Beweis sein, daß i trotz meiner Straf' ka schlechter Kerl bin.«

»Das weiß ich. An Ihrer Rechtlichkeit habe ich nie gezweifelt. Nur der unselige Branntwein . . .«

»Jetzt hörn S' zua, Herr Kommissär. Ans nach'n andern. Hent' hat mein' Alte die ersten Salz kriagt,« berichtete Blaschke mit stolzer Genugtuung, »aber schon aus'n Haringfassel.«

»Ah! was Sie nicht sagen?« und der Gestrenge sah den Erzähler mit Blicken an, die so viel uneingeschränkten Beifall und eine Art Achtung ausdrückten, daß Frau Trnka in Ohnmacht gefallen wäre bei diesen Zeichen der Billigung seitens einer gebildeten und Respektsperson.

»Geln S', Herr Kommissär, da schaun S'. No und für's zweite: a Branntweiner sieht mi nimmer.«

»Jetzt, Blaschke, wenn Sie den einen, nicht leichten Sieg errungen haben, will ich hoffen, daß der zweite, viel, viel bösere Feind von Ihnen auch bezwungen wird.«

189 »Mein Wurt drauf. Wissen S', ans hat die Schuld am andern g'habt. Jetzt wann mar beim Wirbel anmal den richtigen Faden find't, nocha geht's schon leicht. Also weg'n dem allan bin i net herkumma. San mar allani? Hört uns neamd?«

»Ja – ja. Aber was soll das Geheimtun?«

»Na, soviel Herr Kommissär. Sie wissen, bevur i zum G'richt kummen bin, bin i mit a paar in Untersuchung g'sessen. Schlecht pflanzt ham s' mi net, weil i gar so niederprackt und musidamisch war. Weil mi dös verdrossen hat, hab' i meistens g'schlafen, das haßt manichsmal hab' i nur so tan, als wann i's tan hätt'. Verstengan S'?« –

»Hm! Ich glaube, ich fange an, zu verstehn.«

»Seg'n S', da hab' i manches derhurcht und aufg'fangt und weil mi die G'schicht' interessiert hat, hab' i immer mehr g'schlafen. I sag' Ihner, das reinste Murmeltier bin i wurd'n. Jetzt, bevur i Ihner was anvertrau, geb'n S' mir Ihner Wurt Herr Kommissär, daß S' mi bei kaner G'legenheit nia und nirgends verraten. I möcht' ka Zeugenschaft um kan Preis der Welt ableg'n, denn bei dö Leut', von denen i Ihner derzähl, kummt's auf an Stich mehr oder weniger net an.«

»Weiß ich, weiß ich«, sagte nachdenklich der Kommissär. »Erst vor einigen Tagen hat es einer verspüren müssen.«

»Ah, Sie manen den Raubmurd am Holzinger? Seg'n S', seit i heut in der Fruah außikumma bin, hab' i mit neamd g'red't, wie mit meiner Alten, und der ihr erst's und anzig's Wurt war nur: ›No, kumm nur ham!‹ Wissen S', sie hat halt an Zurn auf mein' Verteidiger g'habt, der wirklich mehr aus der G'schicht' g'macht hat als 190 dran war. Der hat s' ja als 'n ledigen Drachen herg'stellt aber all's, was recht is, sie is do a brav's Weib und seit die ersten und letzten Hieb' werd'n m'r leb'n wia die Täuberln. I bin ganz abkumma von dem, was i hab' sag'n woll'n. Ob S' es glaub'n oder net, mir ham drin dö ganze G'schicht' g'wußt, daß der Holzinger is umbracht wurd'n. Heut hab' i no ka Wort drüber g'hört und g'redt, außer jetzt mit Ihna.«

Der Kommissär nickte, als höre er die Bestätigung einer alten, längst bekannten Tatsache.

»Und i glaub', a jeder von dö, von dö i Ihner erzähl'n will, kunnt' beizeiten ganz guat sein Messer spiel'n lassen, wußt' er, wer Ihner do an Deuterer geb'n hat. Also, jetzt losen S' zua.«

Und in gedämpftem Tone berichtete Blaschke dem hoch Aufhorchenden von Dingen, die jedenfalls eine große Wichtigkeit besitzen mußten, denn der Hörer konnte sich nicht enthalten, dem Erzähler warm die Hand zu drücken.

»Blaschke, Sie haben uns einen Dienst erwiesen, der Ihnen nicht hoch genug angerechnet werden kann. Aber zu Ihrer Sicherheit, nehmen Sie mein Wort, daß Ihr Name niemals in Verbindung mit diesen Sachen genannt wird. Ich wäre fast versucht an Fügungen zu glauben. Also halten Sie im Hause Augen und Ohren gut offen. Wenn Sie etwas zu melden haben, kommen Sie nicht hieher, sondern benachrichtigen Sie mich brieflich, und wir treffen uns irgendwo in einem Gasthause, sonst möchte man gleich Argwohn schöpfen. Es läßt sich einstweilen noch nichts unternehmen, denn wir müssen das ganze Gesindel auf einen Schlag in die Falle bekommen. Schau, schau, wer hätte das gedacht? Auf den Mann hätte ich geschworen, denn er leistete Konfidentendienste. Man lernt doch niemals aus.«

191 Und der Kommissär schüttelte fortwährend in maßloser Verwunderung den Kopf.

»Und no ans, Herr Kommissär, der Wachmann, Sie wissen eh – der hat auf mi an größern Pick, wia'hn i ham kunnt. I hab' eahm an guten Rat geb'n, für den er mir dankbar sein sollt'. A so aber will er si no reib'n an mir. Er mant, er allan kann's zwingen. Sag'n S' eahm, zu scharf macht schartig. 's san net alle so wia i. Wann eahm anmal was passiert – i waß, wia er bei die Heraußtrigen ang'schrieb'n is.«

»Ich versichere Sie, daß ich ihm bezüglich Ihrer Person die geeigneten Ansichten beibringen werde. Also adjö, lieber Blaschke, merken Sie unsere Verabredung. Nur schreiben, nimmer herkommen.«

Wenn etwas geeignet war, das jäh erwachte Selbstbewußtsein Blaschkes zu stärken und festigen, war es die stattgehabte Unterredung. Er ging mit so hocherhobenem Haupte, so triumphierender Miene an den Wachleuten vorüber, grüßte so leutselig, vertraulich, fast herablassend, daß sich der Älteren und Erfahreneren sofort der Gedanke bemächtigte, der entlassene Sträfling, der er doch war, müsse sich der ausgezeichnetsten Gunst seitens des Herrn Kommissärs erfreuen. 192

 

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