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Haus Nummer 37

Karl Adolph: Haus Nummer 37 - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleHaus Nummer 37
authorKarl Adolph
year1908
firstpub1908
publisherWiener Verlag
addressWien
titleHaus Nummer 37
pages423
created20081002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

(Ludwig fängt an, einzusehen, daß jegliche Popularität ihre Schattenseiten hat, wenn sie auch Feinde zu Freunden macht.)

Die Nachricht von dem Morde verbreitete sich mit Windesschnelle (wie es im Reportertone heißt) nicht nur im Bezirke, sondern in der ganzen großen Residenzstadt. Kein Wunder! War es doch eine Tat, begangen an einem geachteten Geschäftsmann, Bürger, Armenrat &c. &c. Ein Totschlag war in diesen Gegenden nichts Neues. Das Messer spielt in den Niederungen der Gesellschaft immer eine bestimmende Rolle, gewissermaßen als die ultima ratio der in ihrem Liebesempfinden oder in ihrem hochentwickelten Ehr- und Selbstgefühl gekränkten Herren »Püls«.

Aber in dem Falle lag die Sache ganz anders und die beleidigte Gerechtigkeit rief laut nach Sühne. Die Polizei tat ihr möglichstes, denn es war, wie man sagt, ein Primafall, bei dem die Nüchternheit der Gerichtspraxis sich zum effektvollsten Pathos aufschwingt. Die Zeitungen, diese ewig hungrigen Schakale auf der Spur nach »Sensationen«, bemächtigten sich besonders eifrig dieses Spaltenfutters. Welche Macht haben sie, im Empfinden einer Millionenbevölkerung eine unnatürliche, gewitterhafte Spannung zu erregen! Es genügt, der gedankenlosen Lesermasse schwarz auf weiß zu suggerieren: das ist ein Sensationsfall, und unter tausend springen neunhundertneunundneunzig hinein. Wäre Herr Holzinger bei einer solennen Wirtshauskeilerei am Platze geblieben, er wäre nicht minder tot, nicht minder tragisch tot 160 gewesen, wenn anders das Totsein jemals etwas Belustigendes hat. Im Gegensatze zu dem irgendeiner anderen obskuren Persönlichkeit hätte sein Ende noch immer genügend Aufsehen gemacht.

Was aber dem Verbrechen die, wenn man so sagen darf, richtige Weihe gab, war der Umstand, daß der Messerstecher sich der Uhr und Börse seines Opfers bemächtigt hatte. Kurz, es war ein Raubmord, herausstaffiert durch alle Elemente des Sensationellen und Mysteriösen. Das Gerücht, dieses vom Schneeball bis zur Lawine anschwellende Unding, erfand die abenteuerlichsten und albernsten Beziehungen des Getöteten zu seinem Mörder. Herr Holzinger war gewiß nicht das, was man einen ernsten, sittlichen Charakter nennt; er war ein Schlemmer und Verschwender, sonst aber nichts. Eine Durchschnittsfigur des »alten Drahrers«, dem sein gutgehendes Geschäft erlaubte, das Wirtshaus als sein zweites Heim zu erwählen. »Schad' is net um eahm«, sagten viele. »Glaub'n S', daß dös a Raubmord war? Auf verheirat'te Weiber und klane Madeln hat er g'spitzt, die no in d'Schul' gangen san.« – »Sein Weib waß, was s' ausg'standen hat. Pfänd't hätten s' bald werd'n soll'n, weil er alles durch d'Gurgel g'jankt hat.« – »Mein Gott, wann S' mi frag'n – ma soll an Toten nur Guats nachreden, so war er ja a natraler Kerl, aber halt der Wein und die Karten. Nimmer literweis sondern fasselweis hat er g'soffen.«

Wenn es jedoch einen Ort gab, an dem das Andenken des ermordeten Kürschners mit den Gefühlen reinster, heiligster Pietät geehrt wurde, war es das Stammgasthaus, das dieser noch gestern um eilf Uhr nachts verlassen hatte. Die fürchterlichste Bestürzung hatte sich des Personals und sämtlicher Stammgäste bemächtigt. Das Lokal war, 161 seit sich die erste Kunde von dem Morde verbreitet hatte, dicht gefüllt. Man drängte mit stummem Grausen um den Stuhl, den der »tote Gast« gestern noch mit seinem stattlichen Lebendgewicht beschwert hatte. Niemand durfte sich seiner bedienen und so sah er in der Tat aus wie der leere Stuhl Banquos beim Königsmahle.

Der Wirt wandelte mit ernsten, leisen Schritten einher, als dürfte der Tote im Extrazimmer aufgebahrt liegen. Bei jedesmaligem Einlangen eines Stammgastes drückte er diesem die Hand mit einer feierlichen Ergriffenheit und sah ihm mit einem Blicke in die Augen, wie wohl ein Bruder dem andern, aus der Ferne zum Leichenbegängnisse des Vaters herberufenen.

»Der Holzinger hin! was sagst?«

»I bin d'r krank – i sag' d'r, wia i dös g'hört hab', obst es glaubst oder net, i hab' g'mant, i fall' um. Und bei dir war er no gestern . . . .«

Worauf der Wirt in wortlosem Schmerz sich begnügte, mit den Achseln zu schupfen und sich abzuwenden.

Am meisten fühlten sich, die gestern noch an demselben Tisch mit dem unglücklichen Holzinger gesessen und sich seiner letzten Worte und Weisheitssprüche erfreut hatten.

»Meiner Seel,« sagte einer, »wann i an eahm denk', wana kunnt' i wia a klans Kind. So a rarer, fescher Mann! Den Hundling wann s' nur derwischerten, für den is der Galing längst z'weni.«

Einer, der nachweislich sich darauf berufen durfte, mit Holzinger den letzten Schnapser, den allerletzten, wie er mit traurigem Stolz betonte, gespielt zu haben, konnte nicht genug Worte und Zuhörer finden, diese Partie bis in ihr unwesentlichstes Detail zu schildern.

Die beiläufig dreiunddreißigste Erzählung dieser 162 historischen Schnapspartie lautete annähernd folgendermaßen: »Segn S', meine Herr'n, durt sitzt der Holzinger (abermaliges Bestaunen des leeren Stuhles), da sitz' i. ›Waßt was,‹ mant er, ›wannst a Schneid hast, schnapsen m'r uns an Liter außi, Brandl. Von siebene abi, net nachzähln, zwanz'g und vierzig aufschreib'n. Vergeb'n, zwa bei'n andern obi.‹ Is guat, sag' i. Der Schan hat no selber d'Karten bracht und mit'n Hangerl 's Taferl putzt, weil 'hn der Holzinger a ölendige Drecksau g'haßen hat und 's Wirtshaus a verfluchte Waschblauhüttn, wo's net anmal reine Aufschreibtaferln gibt.«

Alles lachte gerührt mit dem Erzähler, der fortfuhr: »Von siebene, wia g'sagt, is abigangen. 's erstemal macht er an Schnapser, i geh' am Strich; dann macht er an Anser, ich geh' wieder am Strich. Gib i m'r, weil i beim Teiln war, in Vierz'ger, a fremd's Aß und an Zwanz'ger. Er is zum Ausspieln . . .«

Man konnte unmöglich sich ehrfürchtigere, belehrungshungrigere, gespanntere, verständnisvollere Zuhörer vorstellen, als sie in diesem denkwürdigen Momente dem Erzähler wurden. Der ließ eine ganz kleine, raffinierte Kunstpause entstehn, ehe er fortfuhr: »und i denk' m'r, jetzt kannst in Scherm a aufhab'n, mein Liaber. Wann der Holzinger Aß und Zehner von die Atout hat, und er z'reißt m'r mit sein' Aß mein' Zwanziger, schaust g'sund aus, Pepperl. No, er spielt aus – was glaubt's, was?«

Stummes Beratschlagen mit sich selbst, niemand wagt voreiligerweise eine Meinung. Nur einer meinte schüchtern:

»Ja, wann i wüßt', was der andre im Blatt hat g'habt – – –«

»Sö, 'tschuldigen schon, Herr, i kenn' Ihner net und waß ah net, ob Sö scho a Karten außer aner von d'r 163 Tramway in d'r Hand g'halten hab'n. Die Dam'von mein' fremden Aß spielt er aus, i stich und drah zua. In Zwanz'ger von die Pick sag' i an, spül' die Dam' aus, legt er m'r die Treffdam' darauf. I spiel' in Köni noch, legt er m'r in Treffköni zu. Hat er an Zwanz'ger z'rissen. I spül' mein Vierz'ger an, muaß er mir an blanken Zehner draufgeb'n, no, mehr hat der Peppi net braucht. So war d'r Holzinger a anmal g'schnapst. Meine Herrn, was ich Ihner g'lacht hab', d'r Wirt was, no und erst der Holzinger selber. ›Du Hundling du verdächtiger‹, mant er, ›glaubst, daß i dös Bummerl schnabeln wir, da hast di groß täuscht, schaut's so an Galingstrick an‹. Aber richti hat er's g'schnabelt, ob er wölln hat oder net. Meiner Seel und Gott, wann i da a Idee g'habt hätt', nur a Spur von aner Idee, daß mar den armen Hascher nimmer seg'n werd'n, i hätt' eahm dös Bummerl g'winna lassen, daß er no d'letzte Freud g'habt hätt'.«

Mit dieser wehmütigen Pointe schloß der Erzähler seinen lichtvollen, fesselnden Vortrag.

»Und i«, nahm der Wirt das Wort, »hätt' 'hn gar net weglassen soll'n. Waß i, was m'r gestern eing'fall'n is,« meinte er kopfschüttelnd, »aber i hätt' auf mein' Ahnung hör'n soll'n. Wia er geht und pfiat si von mir, gibt's m'r quasi an Riß, als hätt' was in mir g'sagt: pfiat di Gott, du guater, alter Freund, i siech di nimmer.«

Und der wackere Wirt stäubte tief ergriffen das Tischtuch mit dem Hangerl ab, dann wischte er sich über die Stirne, als lauerten darunter gar böse, gottlose Gedanken, die nur eines geringen Anlasses bedurften, um sich in eine Tat der Verzweiflung umzusetzen.

Mit fiebernder Begierde wurde das Anlangen der Abendblätter erwartet. In friedlichen Zeitläuften, das heißt, 164 wenn sich nichts besonderes Lokales ereignet, vermag der Durchschnittswiener sich des Zeitungslesens wie eines überflüssigen Luxus zu enthalten. Er verlangt starke gewürzte Kost, Aufregendes, besonders mit ihm in irgendwelcher Verbindung Stehendes. Sei es ein Blumenkorso, bei dem ihm gestattet wurde, Spalier zu bilden, eine »schöne Leich«, eine belanglose Gerichtsverhandlung, in der er oder eine Hauspartei Zeugenschaft abzulegen genötigt war; sei es ein Jubiläum, eine goldene Hochzeit, ein Veteranen- oder Feuerwehrfest: soweit die äußersten Kreise reichen, die ein solches Ereignis nach sich zieht, soweit reicht das unverminderte Interesse daran, und wäre es nur vermöge einer äußerst losen Stammgasthausverbindung. Nun erst ein Mord!

Der politische Indifferentismus der breiten Masse der Wiener Bevölkerung gestattet ihr die heißeste Anteilnahme an Ereignissen, die in Wirklichkeit aller Berechtigung entbehren, das Interesse mehr als flüchtig zu erregen. Das Entsetzen der Masse über eine Mordtat hat nichts gemein mit dem des Menschenfreundes. Es ist nicht der Abscheu vor dem Unnatürlichen, der Abscheu vor dem Morde an und für sich, nein, es ist die loyale, sakrifizierte Bestialität, die sich darin Luft macht, Strafen für ein Verbrechen zu erörtern, die unsere Optimisten und Fortschrittsenthusiasten sehr energisch nötigen müßten, klein beizugeben. Gestattet der Menge die Freiheit der Selbstjustiz, die Form des Lynchens – Menschenfreund, verbirg vor der Scheußlichkeit dieser Vorstellung rasch dein Haupt!

Die Zeitungsausträgerin erschien mit ihrem Pack, und dem Gedränge nach zu schließen, das sich um sie entwickelte, mochte man darauf schwören, das Weiblein würde um irgendeines abscheulichen Verbrechens wegen gelyncht.

»Vurles'n! Vurles'n!« schrie der Chorus der Gäste. 165 Keiner wollte eine Sekunde später als der andere von den offiziellen Einzelnheiten unterrichtet sein. Der Wirt, der das Blatt in der Hand hielt, räusperte sich und begann »hochdeutsch« zu lesen:

»Raubmurdt im zehnten Bezircke! Äuin hochgeochdetter Wiener Birger, der Kirschnär Hehr Friderich Hohlzinger, wurde gestern Nochd das Obfer ännes Raubadentattes. Die Stehle, an der der Murdt geschah, is dos sogenahnte Sauföld im zehnden Bezirg . . . .«

Kein Laut regte sich im Verlaufe der weiteren Vorlesung, die über die schon bekannten Vorfälle unterrichtete. Plötzlich hielt der Leser, der einen Absatz vorher überflog, bevor er ihm das klassische Ausdrucksmittel seiner Stimme lieh, inne, als dürfe er entweder nicht seinen Sinnen oder den gedruckten Zeilen trauen.

»Entschuldigen die Herren,« wandte er sich an seine Gäste, »nur an Moment. Hol' g'schwind d'Frau obi«, befahl er dem mit aufgerissenem Munde dastehenden Pikkolo, der mit größter Eile dem Auftrage folgte, denn er wollte kein Wort der Fortsetzung versäumen. Nach einigen Minuten kam er mit der vor Aufregung fassungslosen Wirtin wieder. Er mochte sie in gedrängter Weise von der Veranlassung seines Auftrages unterrichtet haben, denn die Frau rief, ehe sie sich ihrem Gatten gegenübersah, aus: »Is schon 's Abendblatt da?«

»Hurch zua, Resl,« sagte der Wirt, »da wirst spitzen. So a Zufall war ah no net da.« Er fuhr mit der Vorlesung fort, die keine geringere Tatsache ans Licht brachte, als daß ein fixer Interviewer von Ludwig die Art und Weise erfahren hatte, in der er mit Herrn Holzinger bekannt wurde. Sei es, daß Ludwig in Beobachtung des Sprichwortes: man solle den Toten nur das Beste 166 nachsagen, sei es, daß er aus irgendeinem andern Grunde den Ausgang der kurzen Bekanntschaft verschwiegen, – kurz, der Ermordete ward in der Beleuchtung des biedersten, wackersten, menschenfreundlichsten Despoten geschildert, der je sich herausnahm, über das Wohl eines jungen Musensohnes zu entscheiden.

Bezeichnend ist, daß die absichtliche Gedächtnisschwäche Eines, die so vieler Anderer nach sich zu ziehen vermochte. Der Wirt eilte, mit der Vorlesung zum Schlusse zu kommen und unterrichtete seine Zuhörer über die bekannte Szene in so eingehender Weise, daß jeder, der die ursprünglichen Vorkommnisse nicht kannte, sich Herrn Ludwig Hrdliczka als den nettesten, gebildetsten und belehrendsten jungen Mann, Herrn Holzinger und das Wirtspaar als die wohlwollendsten, humansten, der Wissenschaft geneigtesten Leute vorstellen mußte.

Die menschliche Narrheit besitzt soviel Kanäle, durch die sie ungehinderten, harmlosen Abfluß erleidet, daß unter zehn Handlungen irgendeines beliebigen Menschen ungeniert neun als Don Quijoterien bezeichnet werden können. Den Höhepunkt erreichte diese Suggestivnarrenstimmung, als der Pikkolo mit allen Anzeichen höchster Aufregung durch das Fenster auf die Straße wies und ausrief: »Durt'n geht er.«

In der Tat, dort ging er, Ludwig der Held des Tages, der bisher so unberühmte junge Mann, dessen Bild nun bestimmt war, die Titelseite aller oder mindestens der meisten illustrierten Tages- und Wochenblätter zu zieren. Wenn er imstande gewesen wäre, seinen Samaritanerdienst von Herzen zu bedauern, so wäre dies heute der Fall gewesen. Einvernahme beim Lokalaugenschein inmitten einer ungeheuren Menschenmenge und eines unerhörten Wacheaufgebotes, Einvernahme auf der Polizei, Konfrontation mit einem Haufen 167 wahllos aufgegriffener Verdächtiger – kurz, Ludwig war heute abgespannt und gehetzt, als wäre er der flüchtende und verfolgte Mörder gewesen.

Wie sehr erstaunte, vielmehr erschrak er nicht, als er sich plötzlich von einer Menschenschar umringt sah, von zwei Schwalbenschwänzen unter den Armen gefaßt fühlte und sich zu seiner ungemessenen Verwunderung, ohne daß er wußte wie, in demselben Lokale befand, das zu meiden er mindestens so viel Anlaß hatte, als einst Sancho Panza die Schenke, in der er geprellt worden war.

»Dös is er, meine Herrn, schaun S' Ihner an!« rief der Wirt. Beiläufig gesagt, eine unnütze Aufforderung, denn alle Augen waren mit einem solchen Ausdruck der Neugierde auf den unglücklichen, jungen Mann gerichtet, als sei er eine neuentdeckte Art von Lebewesen. Das Bedrohlichste jedoch war ein wüstes »Hoch!«-geschrei und die angsterweckende Nähe vieler Liter-, Halbliter-, Viertellitergläser, deren einige direkt mit Ludwigs Nase in Berührung kamen. Jeder der Gäste verlangte von dem seltenen Schaustück, es solle von seinem Glase herzhaft Bescheid trinken, eine Anforderung, der vielleicht Huxtl mit Vergnügen nachgekommen wäre. (Nebenbei erwähnt, nützte dieser an anderem Orte seine doppelte Popularität weidlich aus, und gab niemandem Anlaß, über eine vermeintliche Zurücksetzung gekränkt zu sein.)

»Geht's, seid's denn alle Narren wurdn?« schrie der Wirt. »Wia kann denn der Herr da von Euchern Gwascht trinken? Was eahm guat tuat, wird er von mir kriag'n. Der wird an Fensterschwitz saufen? Nix da, der Herr is mein Gast.«

Und er enteilte, um wieder mit einer gesiegelten Flasche zu erscheinen, die allerdings einen köstlichen Inhalt vermuten ließ. Vielleicht hätte das wohlwollende Vorhaben des Wirtes 168 ein günstiges Resultat erzielt, aber plötzlich sah man, wie der geehrte oder erst zu ehrende Gast bleich im Gesichte wurde und in die geöffneten Arme von mindestens zehn Personen sank. Ludwig war in aller Form ohnmächtig geworden. Die Aufregungen der Nacht, Mangel an Schlaf und Ruhe, geringe Nahrungsaufnahme und zum Überfluß die ungewohnten Ovationen in gerade diesem Gasthaus – kurz, alles zusammen hatte sogar die starken Nerven des jungen Provinzlers angegriffen.

Als er zu sich kam, troffen Haare und Kleider von Wasser und Essig, es mag dahingestellt bleiben, ob nicht der eine oder der andre im Eifer die Ölkaraffe erwischt hatte. Man schrie hin und her, was zu tun sei.

»Ausziag'n und künstlichen Atem schöpfen lassen!« rief einer. »Nix da, frottiern und an haßen Wein eintropfen«, ein anderer. Ein dritter riet an, Eisbeutel »aufs Hirn« zu legen, und ein vierter wollte sich der Mühe unterziehen, dem Opfer den Finger in den Rachen zu stecken, »daß's eahm reckt zum Speib'n.«

Wie es jedoch unter hundert Narren mindestens einen gibt, dem zum vollen Maß noch einige Prozent fehlen und der mit diesem Manko ganz kluge Sachen zu verrichten imstande ist, also fand sich auch einer, der Energie genug besaß, mit folgendem vernünftigen Vorschlage durchzudringen: man solle den jungen Herrn ganz einfach in einen Wagen stecken und nach Hause führen. Das Notwendigste werde ihm wohl Bettruhe sein.

»Dö Fuhr mach' i!« rief ein herkulischer Fiaker mit einem so rotbraunen Gesicht, daß dieses eher einem polierten Kupferkessel glich als dem Antlitz eines Angehörigen der weißen Rasse. »Dö Fuhr mach' i!« wiederholte er noch einmal.

»Muaß aber wer mit eahm fahr'n,« fügte ein Gast 169 besorgt hinzu, »wer waß, was eahm im Wag'n g'scheg'n kann.« Wäre es nach dem Sinne aller, die sich anboten, gegangen, so hätten sich drei oder vier mit dem Opfer in den Wagen gesetzt, zwei zum Kutscher auf den Bock und zum Überflusse hätten noch zwei sich auf die rückwärtige Wagenachse postiert.

So gelang jedoch die Auswahl von nur zwei, aber sehr vertrauenswürdigen Begleitern, und Ludwig wurde trotz lebhaften Protestes mit einer Sorgfalt in den draußen harrenden Fiaker getragen, als wäre er eben von einer schweren Operation in sein Bett zurückzubringen. Zu seiner maßlosen Beschämung mußte er sich, zu Hause angelangt, dieselbe liebevolle Prozedur gefallen lassen.

Der Kutscher erklärte der vor dem Tore rasch angesammelten Menge ganz laut und energisch, daß er »so a Fuhr immer um a Vergelt's Gott« mache, und es war hundert gegen eins zu wetten, daß er wußte, seine Tat, sein Name und seine Nummer würden am nächsten Tag »in an Blattl« verzeichnet stehn.

Die Ambros war nicht wenig entsetzt, als ihr von einigen Kindern die eilige Mitteilung gemacht wurde, wie man ihren Mieter heimbringe.

In der noch fortwährend nachwirkenden Aufregung dieser Nacht dachte sie nichts weniger, als daß an Ludwig vielleicht ebenfalls ein Mordanschlag vollführt worden sei.

Als sie jedoch die wahre Ursache erfuhr, war sie nicht wenig außer sich über die Rücksichtslosigkeit und Schamlosigkeit dieser Leute, die sich nach dem, was vor kurzem stattgefunden, noch getrauten, dem jungen Menschen ins Gesicht zu sehn.

Ludwig eilte, sein Bett aufzusuchen, und die mildtätige, besorgte Frau Ernestine nötigte ihn dann, eine Schale Tee zu sich zu nehmen. Und wenn ihre Hände das Kissen des 170 Studenten glätteten oder ihm die Schale reichten, oder seine Hände ergriffen, um zu konstatieren, daß diese sehr heiß seien – war es kein Wunder, daß Ludwig sich gestand, er möchte einmal sehr lange nicht allzugefährlich krank sein, um von einer schönen Frau oder einem schönen – Mädchen gepflegt zu werden.

Als er endlich so allein in seinem Bette lag, alle Ereignisse überdenkend, die sein kurzer Wiener Aufenthalt ihn erleben ließ, ging ihm neben dem Gefühl für den furchtbaren Ernst des Lebens das Gefühl für den Humor desselben auf. Er war ein scharfer Geist, und beschloß für künftig, um sich nicht ärgern zu müssen – lieber zu lachen. Endlich schlief er ein und wachte nicht eher auf, als bis der Lichtschein der brennenden Lampe ihn erweckte und er an seinem Bette Anton sitzen sah, der mit besorgter, brüderlicher Miene um das Befinden seines Verwandten frug. Selbstverständlich lautete die Antwort beruhigend genug und Ludwig beteiligte sich an dem gemeinsamen Nachtmahle mit dem Appetit eines Menschen, der einmal außer seiner gewöhnlichen Lebensregel gehandelt hat und das Versäumnis einzuholen gewillt ist.

Etwas fiel dem fleißigen Studenten aufs Herz, die Versäumnis eines ganzen Arbeitstages, bei seiner karg berechneten Zeit schwer ins Gewicht fallend.

Fast war er geneigt Fräulein Milly für morgen abzuschreiben, doch nein! da hätte er sich jener köstlichen Stunden beraubt, deren er fast nimmer entraten konnte.

Als er am nächsten Tage zu Herrn Tänzinger kam, war dieser (ein Ausnahmefall) in der Wohnung. Er bemerkte dem Lehrer gleich, daß er für heute von einem Unterricht absehen möge, forderte ihn dafür auf, eine Erzählung der gestrigen Ereignisse zum besten zu geben.

»Haben Sie mir alles genau erzählt?« frug der Hausherr.

171 Ludwig sann nach: »So genau ich mich erinnern kann.«

»Haben Sie von dem Gesichte des fliehenden Mörders nichts bemerkt?«

»Es war nur der Eindruck einiger Sekunden, zudem finstere Nacht. Wie die Figur eines Schattenspieles schwand die Gestalt an mir vorbei.«

»Ich stellte diese Fragen nicht so aus Neugierde,« sagte Herr Tänzinger, »aber ich glaube, einiges dazu beitragen zu können, daß man den Mörder erwischt. Er kann sich jetzt bei mir im Lokale herumtreiben. Sonst wissen Sie kein Kennzeichen?«

»Es mag sein, daß ich mich täusche, aber mir schien es, als ob der Flüchtling hinke. Wie gesagt, das war nur ein Eindruck, und ich wollte nicht, daß eine Untersuchung zu viel Gewicht auf dieses Moment legte. Man muß bedenken, der Mann eilte über ein Feld voller Ungleichheiten, auch mag er sich den Fuß verletzt haben.«

»Hm! Hm! Also krumm. Es gibt gar nicht so wenige, aber auch nicht sehr viele, die einen krummen Fuß haben. Ins Geschäft kommen zum Beispiel drei oder vier. Der eine hat einen Klumpfuß, der andre ein verkürztes Bein, der dritte . . . . hm! Schade, daß Sie Ihrer Sache nicht so sicher sind. Aber eines möchte ich Ihnen sagen, ich bin erst durch diese Affäre daraufgekommen, wo Sie wohnen. Bis jetzt hatte mich der Gegenstand gar nicht beschäftigt. Aber diese Gegend ist kein Wohnort für Sie. Ich denke, aus Sparsamkeit allein werden Sie doch nimmer Rücksicht nehmen müssen.«

Ludwig unterrichtete Herrn Tänzinger kurz von seinen Verhältnissen und sagte, daß er dieses Studienjahr noch verweilen möchte. Auch locke ihn die freie Aussicht und vor 172 einem künftigen Heimgange über die Felder in später Nacht wolle er sich hüten.

»Gut, wie Sie wollen,« sagte Tänzinger, »ich habe Sie gewarnt. Also heute lassen Sie den Unterricht. Der gestrige Nachmittag hat Ihnen übel genug bekommen.« Auf das erstaunte Gesicht Ludwigs hin setzte er schmunzelnd hinzu: »Weiß alles, weiß alles. Für mich gibt's nichts Verborgenes. Jeder Gast ist bei mir eine lebende Zeitung.«

Ludwig empfahl sich, herzlich froh, der heutigen Quälerei mit seinem Schüler und dessen Schwester enthoben zu sein. Ach, er ahnte nicht, Papa hatte beide für die kurze Dauer der Unterredung eingesperrt, da er aus Erfahrung wußte, daß Sidonie, sein Goldkind, dem Lehrer mit ihren Fragen mehr Qual verursacht hätte, als gestern die ganze neugierige Wirtshauskorona.

Wäre Ludwig Wiener gewesen, hätte er wohl behauptet, die ganze Sache wachse ihm nachgerade schon zum»G'nack« heraus, denn als er um eine Stunde früher als sonst zu Fräulein Milly kam, wartete diese schon in fieberhafter Erregung auf ihren Lehrer. Sie kam ihm schon im Vorzimmer entgegengestürzt und wollte ihm fast nicht Zeit lassen, den Überrock abzulegen.

»Jetzt kummen S' nur g'schwind eini und derzähl'n S' m'r alles. Hörn S', was Sie für a Kampl san! Hätt'n S' Ihner das vor a paar Wochen denkt? Gengen S', an Stich hat er nur g'habt? D'Leut' sag'n wieder, er soll ausg'schaut ham wia a Nudelsieb. Aber Sie ham eahm ja g'segn, is's wahr?«

Wider Willen mußte Ludwig lächeln. »Ich kann Sie versichern, Fräulein, der eine Stich hat genügt, um aus dem kräftigen, lebensfrohen Mann binnen einer Viertelstunde einen Toten zu machen. Schenken Sie ihm die andern Stiche.«

173 »Gengen S' net zum Klavier heut,« rief Milly als sie sah, daß ihr Lehrer das Instrument öffnen wollte, »heut bin i zu kan parlez-vous und zu kan Umerklempern aufg'legt. 's Madl richt' die Jausen und Sie setzen Ihner nieder, dann erzähl'n S' m'r alles, vom Anfang bis zum End. Hu! das Ganze is so schauerlich, wia i's gern hab'. Aber an Ihnerer Stell' hätt' i do net sein mög'n. Mein Gott, mitten in der Nacht auf so an verruafenen Feld mit an Erstochenen! Wia i das gestern im Abendblatt les, dann Ihnern Nam', hab' i glaubt, i fall' um.«

Was wollte Ludwig tun, und wer in der Welt wäre gewesen, dem er weniger etwas abzuschlagen geneigt gewesen wäre? Er begann also mit der Erzählung seines Abenteuers und in den Mienen seiner Zuhörerin spiegelten sich alle durch den Bericht hervorgerufenen Eindrücke wider. »Das also ist alles, womit ich Ihre Neugierde befriedigen kann,« schloß er, »und bitte ich von diesem Thema künftig absehen zu wollen. Sie glauben gar nicht, welche Folgen es nach sich zieht, wenn man mit einem Sensationsfalle in Verbindung steht.« Um diese Folgen recht anschaulich zu gestalten, fügte er die Schilderung seines gestrigen Erlebnisses im Gasthause bei. Wider Erwarten lachte Milly jedoch nicht. Sie starrte vor sich hin und frug ganz jäh und unvermittelt.

»Glaub'n S', daß das Erstechen was recht Furchtbares is? Wann an' das Messer so hineinfahrt – dann das viele, viele Bluat . . . . . . .«

»Kommen wir von dem Thema ab«, bat Ludwig. »Von den Lippen eines so schönen, heiteren Mädchens sollte nur Heiteres kommen. Spielen Sie mir einige Übungen vor, sonst müßte ich bedauern, den ganzen Nachmittag verloren zu haben.«

174 »I mag net heut die faden Skalen spielen, aber warten S', i hab' mir was g'lernt, das is fescher.«

Sie sprang auf, eilte zum Klavier und indem sie sich etwas unbeholfen begleitete, sang sie:

»Wann i anmal stirb, stirb, stirb,
Müassen mi d'Fiaker trag'n
Und dabei Zithern schlag'n.
Allweil fidel, fidel, fidel,
Allerweil kreuzfidel,
Ja, meiner Seel.«

Das is schon a alt's Liad, i glaub', das hat no der Großvota als klaner Bua g'sungen. Sag'n S', möchten S' mit meiner Leich gehn, wann i anmal erstochen wurd'?«

»Welche Ideen Sie haben!« rief Ludwig fast erschreckt. »Wer möchte den traurigen Mut haben, Ihnen ein Leid zu tun.«

»Geln S', mir kann niemand harb sein?« und sie lächelte so siegessicher und verführerisch, und dünkte in diesem Augenblick Ludwig so kindlich und unberührt, daß er murmelte: »Nein! Gar niemand, gar niemand. Es gehörte ein verhärtetes Herz dazu . . . . .« 175

 

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