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Hauptmann Latour

Karl Federn: Hauptmann Latour - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorKarl Federn
titleHauptmann Latour
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year
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
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created20110111
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Fritz Talbot Freiherr Latour von Saint-Aubin war als junger Hauptmann kurz vor dem Krieg aus dem Grossen Generalstab zu einem Feldartillerieregiment im östlichen Deutschland versetzt worden. Niemand konnte sich dieses plötzliche Ende einer bevorzugten Karriere erklären. Talbot selbst schwieg. Sein Vater, der als verabschiedeter Generalleutnant in Baden-Baden lebte, vermochte nichts zu erfahren. Von seinem Sohn erhielt er auf seine Frage nur eine lustige Karte zur Antwort, die ihn nicht aufklärte. Eine Verwandte, die an einem kleinen Hof lebte, setzte den Generalleutnant von dem Gerücht in Kenntnis, wonach die Liebe einer hochgestellten Dame zu dem jungen Offizier und das unliebsame Aufsehen, das die Sache erregt hatte, der Grund gewesen wäre. Talbots Mutter, die Baronin Eileen Latour, die Irin war und alles Schlimme, das sich in ihrer Familie ereignete, auf englische Einflüsse zurückführte, war überzeugt, dass eine Urlaubsreise ihres Sohnes nach England, von der er erst im April 1914 zurückgekehrt war, mit seiner Versetzung im Zusammenhang stehen müsste.

Der Einzige, der sich über die Sache nicht aufzuregen schien, war Talbot Latour selbst.

Seine neuen Vorgesetzten erfuhren aus der Konduite des hageren schwarzhaarigen Offiziers neben vielem Lob auch, dass er ein schwieriger Untergebener sei. Er übernahm die dritte Batterie des Regiments und hatte sich bald in die neuen Verhältnisse gefunden. Im Dienst verlangte er von seinen Leuten sehr viel, versöhnte sie aber durch sein Verhalten ausser Dienst und trug nie etwas nach. An den langen Sommerabenden in der kleinen Garnison sass er mit den neuen Kameraden auf der Terrasse des Kasinos und erzählte Geschichten aus Berlin und aus der grossen Welt, die sich zum Teil sogar wirklich ereignet hatten. Den jungen Damen des Städtchens las er Shakespeare vor, eroberte Herzen, für die er keine Verwendung hatte, und trank mitunter etwas mehr als nötig war. Sonst war er sehr ernst und sagte die merkwürdigsten und paradoxesten Dinge, ohne eine Miene zu verziehen. Manchmal schien er geistesabwesend und als hätte er seine Umgebung völlig vergessen, gab sich aber immer bald einen Ruck und war wieder wie vorher. Hauptmann Kuntze, der die zweite Batterie führte, meinte, Latour leide an »versetztem Generalstab«.

In den Wochen nach dem Attentat von Sarajewo, als die Möglichkeit eines Krieges, der Aufmarsch der Armeen, die Aussichten des deutschen Heeres das tägliche Gespräch bildeten, fiel es auf, dass Talbot allen Erörterungen darüber auswich und nur mit Anekdoten und Versen des Bonifazius Kiesewetter antwortete. Daran konnte kein Zweifel sein, dass an dem Tage, an dem die Batterie verladen wurde, sein Gesicht strahlte; aber was er empfand oder dachte, verriet er mit keinem Wort.

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