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Harzsagen. Erster Band.

Heinrich Pröhle: Harzsagen. Erster Band. - Kapitel 26
Quellenangabe
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authorHeinrich Pröhle
titleHarzsagen. Erster Band.
publisherVerlag Rockstuhl
year
isbn9783867771702
firstpub1859
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sagen von Ilefeld, dem Hohenstein und Elende.

*

1. Gründung des Klosters Ilfeld.

Von einem bösen Graf Ilger von Bielstein weiß der Volksmund, der bewachte den Eingang in das Gebirge, den man später die Porta Ilefeldensis genannt hat; der Graf mordete und beraubte Jeden, der ihm in den Weg kam. So zog denn auch eines Tages Graf Konrad von Beichlingen, Otto's von Northeim Sohn, diesen Weg; da brach der Jlger aus seiner Burg und erschlug den Beichlinger. Aber kaum war dieser Mord geschehen, da erhoben sich die Kobolde und Berggeister aus ihren Klüften und Höhlen, wälzten das ganze Thal voll Felsen, trieben dann die Behre aus ihren Ufern, sodaß Ilger's Besitzthum in Wellen begraben wurde; alle Wege sperrten sich, nur eine Oeffnung hatte sich in einem Felsen gebildet, durch welche Ilger eben noch kriechen konnte, um auf die andere Seite des Thales zu kommen. Da gelobte er dann, wenn er gerettet würde, zur Sühnung und Buße an dem Orte, wo er den Beichlinger erschlagen, eine ewige Lampe zu gründen. Alsbald öffnete sich das Thal wieder und der Fluß trat ruhig in sein Bett und Ilger ward ein frommer Mann. Aus seiner Stiftung entstand Ilfeld, der Klosterort.

Die Wahl des Ortes, auf welchem das Kloster Ilfeld, das jetzt eine namhafte Gelehrtenschule ist, erbaut ward, wird folgendermaßen erzählt: Einst hat die Gräfin auf dem Schlosse Ilburg mitten im Walde ein großes Licht brennen sehe. Sie weckte ihren Mann deshalb, aber wie der kam, sah er nichts. Die Gräfin hatte es aber eine Stunde lang brennen sehen. Die zweite Nacht sah sie es um dieselbe Zeit, sie weckte den Grafen abermals, der aber sah wieder nichts. Die dritte Nacht, wie die Gräfin es sah, sagte sie dem Grafen nichts, sondern sattelte stillschweigend ein Maulthier und ritt damit auf das Licht zu, belud aber das Thier mit so viel Geld, als es nur tragen konnte. Wie nun das hinauskam, war das Licht ein großes Feuer, das rollte sich zusammen in ein großes feuriges Mühlrad und rollte immer weiter. Die Gräfin mit dem Maulthiere folgte dem feurigen Rade und kam so an eine Stelle, wo es erlosch. Da ließ sie dann von dem Gelde, das sie auf den Esel geladen hatte, eine Kirche bauen, und wie man an der Stelle, wo das Feuer gebrannt hatte, einen Graben in der Erde grub, um die Grundmauer hineinzusehen, wurden noch überdies an der Stelle zwei Tonnen Goldes gefunden, die zum Klosterbau mit benutzt wurden.

*

2. Das Nadelöhr.

Bei dem Kloster Ilfeld, zur linken Hand gleich bei dem Harzfahrwege, steht auf einem hohen Berg ein starker Stein hervor, der in seiner Mitte eine enge und schmale durchgehende Höhle hat. Alle Knechte aus Nordhausen und den umliegenden Oertern, wann sie das erste Mal in den schönen und prachtvollen Harzforst hinter Ilfeld nach Brennholz fahren, müssen dreimal durch dies Nadelöhr kriechen mit großer Mühe und Beschwerde und werden beim Ein- und Auskriechen von ihren Kameraden dazu mit Peitschenstielen tapfer abgeschlagen. Wollen sie diese Kurzweil nicht ausstehen, so müssen sie solches mit Gelde abthun. Auch müssen die neuen Scholaren auf der Schule zu Ilfeld noch jetzt zum Scherz durch das Nadelöhr kriechen, sowie die neuen Schüler zu Osterode durch den Ofen kriechen müssen. – Den Stein, das Nadelöhr, soll ein Riese aus dem Schuh geschüttet haben.

*

3. Der Schimmelreiter vom Bielstein.

Was man jetzt den Bielstein nennt, ist nicht der alte Bielstein, sondern dieser liegt nicht weit davon am Berghange und gleichfalls unweit Ilfeld. Dort soll früher dem Götzen Biel geopfert sein und große Feuer, die ihm angezündet waren, sollen weit ins Land hinein geleuchtet haben. Dies erzählt man in Ilefeld und außerdem, daß ihm Zehnten gebracht wären, welche die heidnischen Priester sich angeeignet hätten und die noch jetzt an das Kloster Ilfeld gegeben werden müßten, auf welches sie übergegangen wären.

Auf dem Bielstein ist seit langer Zeit immer ein Mann ohne Kopf zum Vorschein gekommen. Er hat einen blendend weißen Schimmel gehabt und den Kopf unterm Arm getragen. So ist er nach dem Burgberge geritten, und dicht bei dem Brunnen verschwunden. Ist der Schimmelreiter an einen gewissen Kreuzweg gekommen, so ist er jedesmal abgestiegen und hat sich erst wieder aufgesetzt, wenn er hinübergewesen ist. Früher ist er nur Himmelfahrt erschienen, jetzt wird er aber viel gesehen. Wiehert sein Roß, so hat das stets etwas zu bedeuten; entweder die Witterung ändert sich, oder Dem, der das Wiehern hört, steht ein Unglück bevor. Die den Reiter verfolgen, werden irre geführt.

Viele sagen, der Schimmelreiter um Ilfeld sei der Amtmann Friesenberg oder Friesberg; der reite auf dem Schimmel im Felde umher ohne Kopf und verjage die Felddiebe. Seiner Gottlosigkeit und seines Spukens wegen habe man ihn gebannt und dabei habe er unter die Treppe oder ins Nadelöhr gewollt, doch habe man ihn in einen Sumpf vor dem Baumgarten des Klosters gebannt, da erscheine er oft zwischen den Schweinen, wenn diese sich im Sumpfe wälzten. – Zeigen soll er sich, wie Einige sagen, besonders in der Fastenzeit.

Friesenberg's Bedienter soll Klevesaal geheißen haben und dessen hölzernes Bild befindet sich noch auf dem Amte zu Ilfeld. Mit dem Klevesaal wird dort zwar jetzt von den Mägden groß Gespött getrieben; wenn aber das hölzerne Bild aus dem Amte kommt, so spukt es.

*

4. Die Jungfrau von der Ilburg und Frau Holle.

 

I.

Es ist einmal ein Bergmann gewesen, der ist bei Ilfeld auf den Burgberg hinaufgegangen. Da hörte er im Busche ein Niesen und sprach: »Gott helf dir«; es nieste zum zweiten Male, er sprach wieder: »Gott helf dir«; es nieste zum dritten Male, er sprach abermals: »Gott helf dir ins Himmelreich.« Da stand eine weiße Jungfer mit Schlüsseln in dem Busche und winkte ihm und er hat sich hier einen Schatz gehoben. – Auch einem andern Manne hat diese Jungfrau eine Kanne voll Geld gegeben.

 

II.

Frau Holle hat sich mit der Jungfer mit dem Bund Schlüssel an der Seite am Burgberge bei Ilfeld nicht gut vertragen können, denn Beide haben dort auch zusammen gewohnt. Da hat einmal die Jungfer, die stärker als Frau Holle war, dieselbe in einen Kasten gepackt und ein Junge hat sie nach Neustadt unterm Hohenstein bringen und dort ins Wasser werfen müssen. Seitdem hat sich Frau Holle noch nicht wieder sehen lassen. Die Jungfer hat den Jungen später zur Belohnung bei einem Kaufmann in Neustadt in die Lehre gebracht und ist ihm jedesmal erschienen, wenn er Unrecht gethan hat.

 

III.

In der Mahlmühle zu Ilefeld zeigte sich auch eine Jungfrau mit Schlüsseln; sie trug ein rothes Kleid und ging dreimal um einen Klotz herum. Eine weiße Jungfer zeigte sich auch auf der Harzburg, die bei Ilfeld liegt, in Werna auf dem Amte aber zeigte sich eine gespenstische Frau und kämmte sich das Haar.

*

5. Die Schloßjungfer vom Hohenstein.

Die Schloßjungfer vom Hohenstein zeigte sich alle sieben Jahre und sah quittengelb aus, hatte aber graue Zähne. Hinter dem Hohenstein nach Stolberg zu auf der Thiergärtnerwiese ist ein runder Platz, der auch gelb sein soll und der Jungfernkranz heißt und in dessen Mitte eine Eiche stehen soll. Darauf wuchs nichts und auf diesem Platze tanzte die Jungfrau alte sieben Jahre. Andere sagen, sie wäre alle Mittage auf dem kreisförmigen Platze im Kreise herumgegangen. Sie umkreiste aber nicht nur jene Eiche, sondern hat sich noch an verschiedenen andern Orten sehen lassen und ihr Geld anbringen wollen. Denn als der Hohenstein zerstört ist, soll sie sich mit ihren Schätzen in den Burgbrunnen gestürzt haben.

Einst brach ein Maurer Steine auf dem Hohenstein. Da sank ein Gewölbe ein und die Schlüssel der Schloßjungfer blitzten ihm daraus entgegen wie Silber.

Vor einigen Jahren sah sie Herr von B. auf dem Hohenstein mit glänzendem, silberdurchwebtem Kleide.

Zwölf Männer wollten einst den Schatz der Schloßjungfer heben, aber vergebens. Ihnen erschien ein großer schwarzer Hund mit glühender Zunge, fragte, was sie da wollten, und verscheuchte sie.

Rosse duldet es nicht auf dem Hohenstein.

Das Dörfchen Osterode unter dem Hohenstein, zwischen Neustadt und Ilfeld, soll von der Schloßjungfrau seine Kirchenglocken empfangen haben.

*

6. Das Kegelspiel unterm Hohenstein.

Einst hütete ein Hirt unterm Hohenstein, es war gerade in der Mittagsstunde. Da kamen zwölf weißgekleidete Geister und sogleich stand eine Kegelbahn da, die vorher nicht dort gestanden hatte; der Hirt aber erhielt den Befehl, die Kegel aufzurichten. Eine volle Stunde kegelten die Geister hier und wie sie fertig waren, verschwanden elf sogleich, nur der Eine gab vor seinem Verschwinden dem Hirten den König zur Belohnung. Der Hirt nahm den Kegelkönig mit, der ward aber immer schwerer und schwerer, daß er ihn zuletzt nicht mehr tragen konnte. Sowie er ihn aber fallen ließ, ist es lauter gediegenes Gold gewesen.

*

7. Elende.

Lora, die Göttin der Liebe, gab der Bergveste Lohra den Namen. Sie soll von den Sachsen dieser Gegend als Göttin verehrt sein. Ihr war ein großer schauerlicher Wald geweiht. Vor fünfzig Jahren oder jetzt noch erinnerte an diesen Hain noch ein kleines Gehölz, der Aufenthalt zahlloser Vögel, die Ruhensburg genannt, zwischen dem Reinhartsberg, Bleicherode und der Burg Lora, und einige getrennte Feldhölzer, zwischen denen nun gutgebaute Dörfer an der Wipper liegen.

In diesem Walde sollen einst Jünglinge der Göttin Lora im Spätjahre die Erstlinge der Jagd geopfert und im Frühjahre sollen die Jungfrauen unter frohen Gesängen der Göttin Blumenkränze dargebracht haben.

In der Mitte des Berges, auf dem man vorzüglich Lora verehrte, entsprang eine Quelle, zu der unglücklich Liebende, besonders Jungfrauen, denen der Tod ihren Geliebten entriß, wallfahrteten, um hier Vergessenheit zu trinken. Auf dem Gipfel dieses Berges baute eine edle Jungfrau der Sachsen, deren Verlobter in einer Schlacht gegen die Franken das Leben verlor, die Ruhensburg, wovon der Hain noch jetzt den Namen führt. Ruhensburg nannte sie den Ort, weil ihr Lora in diesem Haine einen neuen, ihrer würdigen Geliebten sandte, dessen Liebe die Trauernde tröstete und ihrem Herzen die langentbehrte Ruhe wiedergab.

Furchtbar war dieser heilige Wald den Ungetreuen. Hermtrud, die Verlobte Eilger's, eines edlen sächsischen Jünglings, der in den Kampf gezogen war, ward hier in den »Buchen« in Hermann's Armen gefunden. Dort weckte Lora sie auf durch einen Hirsch, der das Dickicht rauschend durchbrach und Hermtrud floh und betrat ohne Besinnung Lora's heiligen Hain. Da erbebte der Berg, und die Erde spie Flammen aus, welche die Unglückliche verzehrten.

Der Heidenbekehrer Winfried soll mit seinen Genossen auch die Ruhensburg zerstört haben; denn verschwunden war jetzt Lora's Macht. Folgende Rache erschöpfte ihre letzten Kräfte. Unweit des Reinhartsberges ereilte sie Winfried, der Heidenapostel, und Wagen und Pferde blieben plötzlich in tiefem Schlamme stecken. Und er wäre hier von der Erde verschlungen, hätte ihn nicht das Gebet zu der heiligen Jungfrau gerettet. Zum Andenken dieser Gefahr errichtete er drei Kreuze, die noch jetzt an dem Orte zu sehen sind, wo die Erde ihren Schlund gegen ihn aufthat, und weihte »in seinem Elende bei Lora's Walde« der Maria eine Kapelle. Noch jetzt heißt davon der Ort Elende.

Es wird auch erzählt, Elende habe daher den Namen empfangen, daß einst ein Fuhrmann, welcher Wein geladen hatte, dort festgefahren sei und deshalb ausgerufen habe: »Ach Elend!« Darauf stand aber eine Jungfrau neben ihm und erbot sich ihm zu helfen, wenn er ihr einen Trunk Wein reichte. Dazu war er bereit, die Jungfrau aber formte einen Becher aus Blumen, trank daraus und half dem Fuhrmann. Dieser nahm den Becher zum Andenken mit. Der Becher aber ward zu Gold und davon ist der heiligen Jungfrau eine Kirche zu Elende gebaut und Elende war lange Zeit ein berühmter Wallfahrtsort.

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