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Harzsagen. Erster Band.

Heinrich Pröhle: Harzsagen. Erster Band. - Kapitel 2
Quellenangabe
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typelegend
authorHeinrich Pröhle
titleHarzsagen. Erster Band.
publisherVerlag Rockstuhl
year
isbn9783867771702
firstpub1859
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vorwort.

An den Waldrändern des Harzes verdampften längst die bläulichen Meiler, die letzte Frucht der Vogelbeerbäume auf seinen Höhen glänzt wieder so eigen im scharfen Morgenreif, die Zugvögel, Schildamseln und wie diese guten Bekannten alle heißen, haben ihren Besuch längst abgestattet – da bereiten sich auch diese Sagen, über die deutschen Gauen auszufliegen und mit alter Liebe, die nicht rostet, auch nach ihrer waldigen Heimat zu ziehen. Dorthin bringen sie die freundlichsten Grüße mit von dem Sammler, der dort in manchem hölzernen Hause, auch wol unter mancher schönen Buche geruht hat, und der seine treuen Wünsche und seinen Spruch auch hier nicht besser zu sagen weiß, als in dem Trinkspruch des Oberharzers:

Es grüne die Tanne, es wachse das Erz!
Gott schenke uns Allen ein fröhliches Herz! –

Die nachfolgende Sammlung wurde veranlaßt theils durch eigene Lust und Neigung, theils durch das Verlangen nach einer neuen Sammlung von Harzsagen, welches Jakob Grimm in der zweiten Auflage der »Deutschen Mythologie« aussprach und das sich besonders seit dem Erscheinen meiner ›Kinder- und Volksmärchen‹; durch gar manche mir zugekommene Mittheilung als ein von den Männern der Wissenschaft allgemein gefühltes Bedürfniß herausstellte. Ich liefere hier zunächst die Sagen aus der Gegend von Harzeburg und Goslar bis Nordhausen und gedenke nun auch Sammlungen in der Gegend vom Brocken bis zur Grafschaft Mansfeld, denen von mir schon vielfach vorgearbeitet ist wie auch die Anmerkungen des vorliegenden Buchs bereits zeigen, mit Eifer zu betreiben. Der vorliegenden Sagenschrift gingen jene ›Kinder- und Volksmärchen‹; voraus, die hauptsächlich auf dem Oberharz gesammelt waren. Wenn in jener Schrift überhaupt zum ersten Male, wie sehr auch der Name Harzmärchen für ausgeschmückte und verfälschte Ortssagen vom Harz bei den Kennern in Miscredit gekommen sein mag, wirkliche Märchen aus dem Harz geliefert wurden, so hat unsere Sagensammlung aus dem Harz dagegen einige Vorgänger, die wir zum Nachweis ihres literarischen Zusammenhanges sogleich hier nennen wollen, obschon sie sich mit der Gegend, deren Sagen man in diesem Werke findet, nur in sehr geringem Maße und vorzugsweise mit demjenigen Theile des Harzes beschäftigen, dessen Sagen eine fernere Sammlung liefern soll.

Wir dürfen bei dieser Musterung der ältern Harzsagenliteratur etwas ausführlicher sein, da nicht blos sich darin die literarische Entwickelung der deutschen Sagenforschung überhaupt aufweisen läßt, sondern da es auch fast scheint, als hätte die deutsche Sagenforschung aus unserer Gegend ihren ersten Ausgang genommen. Die Poesie dieser grünen Wald- und Berginsel mitten in Deutschlands freilich nur scheinbar prosaischem Norden mochte wol schon früh die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wie sie denn jedenfalls noch früh genug das Nachdenken und den Sammelfleiß unsers Otmar beschäftigte. Wie mir Dr. J. W. Wolf nachgewiesen, so gedachte Professor Rhode 1816 In Büsching's ›Wöchentlichen Nachrichten für Freunde der Geschichte, Kunst und Gelahrtheit des Mittelalters‹;, II, 189. mehrerer Localsagen aus dem Harz, unter Anderm von der Christinenklippe, auch mehrerer Märchen, so von dem dummen und feigen Bauern Hans Hodrian; die letztern, die »Spinnstubenmärchen«, sagt er, seien noch nirgends gedruckt, wol aber die Localsagen schon in » mehreren Schriften«. Wenn ich nun anfangs in die Richtigkeit dieser Angabe mit Wolf Zweifel setzte, so scheinen diese doch durch einen weitern, mir von Dr. F. W. Ebeling gemachten Nachweis unbegründet, und schon 1698 scheint eine Sammlung von Harzsagen, die vielleicht nur ein paar Sagen und diese ausschließlich vom Unterharze enthalten haben mag, erschienen zu sein. Der Titel dieser muthmaßlichen Sagensammlung ist: »Wahrhaftige Geschichten, so sich die Bawern in denen Gegenden des Hartzgebürges erzählen. Nunmehro zum Erstenmahl ans Licht brachtt vnnd mitgetheilet von Caspar Schwengen. Frankfurt, in Verlegung vnndt druckts Johann Gottfried Schönwetters Wittib vnndt Erben. 1698.« In Georgii »Bücherlexikon« und den Supplementen (1742 und 1758) und in Ebert's »Bibliographischem Lexikon« (1821) ist die Schrift nicht aufgeführt, wie es mir denn auch bisher nicht gelungen ist, derselben habhaft zu werden. Jeder weitere Nachweis, der ihr auf die Spur helfen könnte, würde mich sehr verpflichten.

Mit Stolz aber nenne ich den Ephorus einer Schule, die ich selbst später besuchte, als meinen unmittelbaren Vorgänger, der, indem er zuerst Harzsagen sammelte, überhaupt das erste erhebliche deutsche Sagenwerk lieferte, dessen Lob daher die Brüder Grimm in der Vorrede ihrer »Deutschen Sagen« verkündigten und den Rhode jedenfalls mit vor Augen hatte.

Einer mir von mehrern Seiten gewordenen Mittheilung zufolge war nämlich der verstorbene Ephorus der Domschule und Generalsuperintendent Nachtigall zu Halberstadt der Sammler der »Volkssagen«, die 1800 unter dem Namen Otmar in Bremen erschienen. Otmar gab in seinen Volkssagen etwa dreißig Ortssagen aus dem alten Hartingau heraus, der nicht allein den jetzigen Harz umfaßte, sondern sich nördlich noch über Oschersleben hinaus erstreckte. Das demnach in seinem jetzigen Umfange noch zum Harzgau gehörige halberstädtische Gebiet hat er vorzugsweise berücksichtigt, vom westlichen Harze dagegen ist er ohne alle Nachricht und nur dadurch, daß er südlich drei Sagen aus der Grafschaft Hohenstein (Herrschaft Lohra) mittheilt, trifft er mit der vorliegenden Schrift zusammen. Bei dem regen literarischen Sinne, der damals noch durch die Gleim'schen Anregungen im Halberstädtischen herrschte, erhielt er bereits zahlreiche schriftliche Mittheilungen, vorzugsweise auch, wie es scheint, von unserm erst 1851 in Wulferstedt verstorbenen Dr. Stephan Kuntze, der damals noch ein fröhlicher Arbeiter war und noch nicht, wie später, wo er in seinen immerhin noch verdienstlichen Chroniken in der Geschichte nichts sah als Sterbefälle, des Zusammenhangs mit allgemeinern Forschungen, die einzig auch das Verständniß für das Charakteristische im Kleinen öffnen können, entbehrte. Ein sehr reiches Material scheint Otmar vorgelegen zu haben, doch veröffentlichte er nur eine von poetischen und historischen Gesichtspunkten aus veranstaltete Auswahl und legte demnach vielleicht die für die deutsche Mythologie wichtigsten Sagen zurück. Der Auffassung der Zeit gemäß, die wir auch bei Musäus finden, ging er von der seltsamen Vorstellung aus, welche in der Sage vorzugsweise eine Quelle für die Geschichte des (spätern) Mittelalters sieht; er polemisirt zwar gegen die Ausschmückung der Sage zu Ritterromanen, borgt aber doch für seine allerdings selbst vor Musäus durch verhältnißmäßige Kürze und Treue ausgezeichneten Erzählungen das mittelalterliche Colorit. Hat denn aber das Volk wirklich diese Epoche aus der Geschichte so im Kopfe, daß der Sage gerade dies Colorit zukäme? Es unterscheidet sich ja eben dadurch von den gebildeten Ständen, daß es nur in der Gegenwart, in dieser natürlich nur unmittelbar und nicht mit Bewußtsein lebt; es erzählt uns, wenn es nicht von Geistern redet, von Fürsten, Bauern, Pfarrern, Amtleuten und Edelleuten, in wenigen Geschichtssagen von Rittern. In diesem Augenblicke kann das Volk in Norddeutschland z. B. höchstens bis zum Siebenjährigen Kriege wirklich zurückblicken, wo daher auch, seiner Angabe nach, fast alle Ritterburgen zerstört sein. Voß sagt in einer Anmerkung zu dem Gedicht »Der Riesenhügel« ganz richtig, daß das Volk in Norddeutschland Heidenzeit für katholische Zeit gebrauchte. Indessen geht dies nicht, wie er glaubt, aus Intoleranz, sondern blos aus der Unfähigkeit hervor, sich förmliche Geschichtsepochen vorzustellen, in diesem Falle z. B. drei Religionsepochen nebeneinander. Treten ihm bestimmte Denkmale aus seiner Vergangenheit vor Augen, so versteht es dieselben oft gar nicht und faßt sie als etwas Fremdes, als Ueberreste einer fremden Nation, von Riesen, Zwergen etc. Es ist daher schwer zu sagen, woher bei einem Manne wie Otmar die Vorstellung von dem vorzugsweise mittelalterlichen Charakter der deutschen Volkssagen entsprang, wenn nicht aus einem verkehrten Zeitgeschmack, der nun einmal nur von Rittersagen etwas wissen wollte. Freilich sind die Trümmer alter Burgen jetzt vorzugsweise sagenreich, wie schon die zahllosen Sagen von Jungfern mit Schlüsseln und zahllose Schatzsagen beweisen. Allein abgesehen davon, daß das doch sonst überall mit der Sage Hand in Hand gehende Märchen, weil es der örtlichen Anknüpfung nicht bedarf, so altfränkisch es ist, eigentlich nichts vom Mittelalter weiß, bildet alles Dies ja doch nur die Schale, es ist nur die Form, während der Geist der Sage träumend die ganze Vergangenheit umfaßt und mit seinem Kern gerade durch all die Verpuppungen hindurch auf das höchste Alterthum hinweist. Wenn nun auch dem Fernstehenden die historisch-rationalistische Auffassung der Sage, wie wir sie bei Otmar finden, oft weniger kühn erscheint als die mythologische, so ist dies doch nur scheinbar, da diese letztere zwar den Kern der Sage im Allgemeinen auf ein weit höheres Alterthum, dafür aber auch fast ausschließlich auf das Geistesleben der Nationen bezieht, und zur Erforschung gewisser Grundideen benutzt, welche die ältere Geschichtschreibung, selbst wenn ihre Quellen bis dahinauf reichen, aus guten Gründen oft der Vergessenheit übergab, nicht auf das Detail der eigentlichen Geschichte. Schon an und für sich erheblich zur Charakteristik der historischen Auffassung der Sagen im Allgemeinen ist folgendes Beispiel, wobei indessen die Ritterzeit aus dem Spiele bleibt. Es liegen vom Harze, aber – was Otmar noch nicht wissen konnte – mehr oder weniger auch aus andern Gegenden Deutschlands, auffallend lebhafte Erinnerungen an ein Zwergvolk, seinen Abzug u. s. w. vor. Vgl. namentlich S. 208-211 unserer Sammlung und die Bemerkungen über den Sachsenstein in meiner »Michaelisreise«, im »Deutschen Museum« von 1853. Er sucht dies Alles historisch anzuwenden auf ein im grauen Alterthume überwundenes Volk von etwas kleinerer Statur als die Sieger, das eine Zeitlang in der Unterdrückung lebte, und endlich seinen Abzug nahm – nordwärts, sagen alle Harzsagen bestimmt und deutlich. Wenn man nun aber die Zwerge einmal als wesentlich mythisch erkannt hat (wie denn ihrer gerade vorzugsweise sogar sich die Mythendeutung bemächtigt und in ihnen, wie die Anmerkungen erwähnen, Naturkräfte nachgewiesen hat), so wird man zwar in einzelnen Gegenden oder Ländern noch geschichtliche Einwirkungen auf dieselben muthmaßen können, aber man wird, da der Grund der Sagen einmal gefunden ist, diese geschichtlichen Züge, die jedenfalls die Zwergsagen nicht erzeugen, sondern nur später trüben und entstellen konnten, dann nicht gerade in das graueste Alterthum verlegen, in dem die mythische Erzählung gegründet ist, auch das Ereigniß selbst nicht für so bedeutend halten, sondern ein Haufen von Heimatlosen, etwa Zigeunern, kann genügen, uns diese etwaige Einwirkung zu erklären. Diese Bemerkungen sollen jedoch Otmar's großes Verdienst um die Sagenforschung keineswegs schmälern, vielmehr einfach die ältere Sagenforschung vor den Brüdern Grimm charakterisiren, wie ich denn auch anerkenne, daß das mittelalterliche Kolorit der Sage eine gewisse künstlerische Berechtigung hat und daß, abgesehen von den oft verwirrten und geschmacklosen Musäus'schen Geschichten, Fouqué's nicht nach einer Idee von Paracelsus ausgedachte, sondern wesentlich aus »Tausend und Eine Nacht« stammende »Undine« schwerlich so gelungen wäre, wenn er nicht diese mittelalterliche Färbung für sie angewandt hätte. Der Kern von Otmar's Sammlung ging in die »Deutschen Sagen« der Brüder Grimm über, die 1816 erschienen, und, weil die Grimm'sche Sammlung aus dem Harze nur wenig mündlich enthielt, und sich überhaupt hier mehr an gedruckte Quellen anschloß, auch für die Gegend, deren Sagen wir in diesem Werke liefern, weniger als für die andere Hälfte des Harzes enthält. In den von Otmar für sein Werk gezogenen Gränzen haben sich dann zufällig auch mehrere durchaus unwissenschaftliche Sammlungen gehalten und mit besonderer Vorliebe an dem schönen nördlichen Harzrande verweilt. In denselben Gränzen, auf die ich gleich den Andern von meiner Heimat aus zunächst angewiesen war, hielt ich sodann mich selbst, als ich 1851 meinem Schriftchen »Aus dem Harze« in gedrängter Kürze eine Anzahl von Harzsagen mitgab; einige davon hatte ich bereits sehr früh im Harze mündlich gehört, noch mehrere aus Chroniken genommen und die meisten nur aus der schnöden Form in einer unwissenschaftlichen Sammlung Den »Sagen und Geschichten aus der Vorzeit des Harzes und der Umgegend« (1847), woran übrigens anonym auch mehrere sonst sehr tüchtige, hier nur unbewanderte Männer mitgearbeitet haben sollen. Dieses jetzt, wie ich höre, in den Verlag von R. Frantz in Halberstadt übergegangene Buch, worin sich auch Manches ohne Quellenangabe nach Otmar findet, ist neuerdings zum großen Theil in Reime gebracht in der Schrift »Der poetische Harz oder Sagen und Märchen des Harzes im (!) Schleier der Dichtung gehüllt. Sechstes Heft der Gedichte von Josephine Holzmärker-Gerbode« (Worbis, im Selbstverlage der Verfasserin, 1852). Auch der rothenburg-sondershäuser Püsterich pustet da noch in einem Gedichte als heidnischer Abgott, wenig bekümmert darum, daß er etwa gleichzeitig gänzlich entlarvt wurde und seinen Credit als Abgott längst eingebüßt hatte. zu der ursprünglichen Einfachheit herausgeschält. Diese kurze Mittheilung mag den Otmar'schen Sagenschatz für jene Gegend ungefähr verdoppeln und ist neben ihr die einzige echter unterharzischer Sagen, doch wollen beide für den Sagenreichthum jener Gegend noch wenig oder nichts bedeuten. Wenn der zu früh verstorbene Emil Sommer in seinen Sagen aus Sachsen und Thüringen nur bis in die Gegend von Eisleben und Aschersleben, also nicht einmal bis an den Fuß des Harzes gekommen war, so streiften dagegen Professor Kuhn und W. Schwarz, welche 1848 das verdienstvolle Werk »Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche« herausgaben, fast über das ganze Harzgebirge hin. Sie zeichneten dabei aber, vielleicht in der Einsicht, daß hier doch die von Grimm gewünschte eigene Harzsammlung nicht überflüssig gemacht werden könne, dieses sagenreiche Gebirge keineswegs aus vor den übrigen Landstrichen bis Mecklenburg und Pommern hin, welche sie gleichfalls behandelten, legten sich daher zwar auch nicht, wie die Andern, auf das seit Otmar mit Vorliebe behandelte Gebiet, mieden aber doch in etwas, wie es scheint, den Oberharz wegen seiner Eigenthümlichkeiten. Nicht eigentlich vom Oberharz, sondern vorzugsweise von der osteröder und scharzfelder Gegend erschienen 1832 sechs »Harzsagen« von Schuster. Sie beschäftigen sich daher zwar mit einem kleinen Theil des Sagengebiets, welches das vorliegende Werk behandelt, können aber ihrer Ausschmückung wegen nur in sehr geringem Maße in Betracht kommen. So bleibt denn nur Eine Sammlung als eigentliche Vorgängerin der schon in diesem Bande enthaltenen zu nennen: das zweite und letzte, sehr dünne Heftchen der 1840 von Hermann Harrys herausgegebenen Sagen Niedersachsens, dessen 39 Sagen im Wesentlichen demselben, wenn auch nicht ganz so weit abgesteckten Gebiete, wie die im vorliegenden Bande, entnommen sind. 19 davon sind oberharzische Sagen und wurden dem Herausgeber dem Vorworte nach von Georg Schulze mitgetheilt, die Mehrzahl der 20 übrigen gedruckten Quellen entnommen. Wie bekannt, ist diese Sammlung höchst verdienstlich und von unzweifelhaftem Werthe gegenüber der Wissenschaft; doch was will für deren jetzigen Stand eine solche Handvoll Sagen aus einem so großen Gebiete bedeuten, zumal wenn der Herausgeber die Eigenthümlichkeiten Derer, von denen sie entnommen sind, nicht kennt, sie uns daher auch nicht erläutern kann und sie noch dazu so unvollständig zu geben genöthigt ist als hier. Daß die meisten in vorliegender Sammlung vorkommenden Oertlichkeiten bei Harrys überhüpft sind, möchte gleichgiltig sein, selbst wenn es sich um die Harzeburg und St.-Andreasberg handelt; aber man vergleiche die Vollständigkeit unserer Mittheilungen über den Zwergkönig Hibich, den Bergmönch, die Osterjungfrau, die Frau Holle u.s.w. mit den entsprechenden bei Harrys, nicht zu gedenken der bei ihm ganz fehlenden über verschiedene mythologische Gegenstände, den wilden Mann, das Hickeding u.s.w.

Es traf sich glücklich, daß Herr Pfarrer Georg Schulze in Altenau, als Sprachforscher besonders durch die treffliche Redaction und Herausgabe der »Harzgedichte« rühmlichst bekannt, ein Mann, auf den der Oberharz stolz sein kann und das Volk dort wirklich stolz ist, für die vollständige Sammlung der Sagen in den hannoverschen Bergstädten mir die Hand bot, und dabei mußte dann zur Ergänzung des neuerdings Gesammelten, d.h. einzelner Sagen, die schon bei Harrys stehen, von denen ich Varianten bekam und die nun hier auf eine angemessene Weise zusammengefügt wurden, auch vielfach, wie unsere Anmerkungen im Einzelnen nachweisen, das früher von Schulze in der Harrys'schen Sammlung Veröffentlichte herbeigezogen werden, sowie denn auch der Konsequenz wegen, jedoch noch kürzer, Einiges aus den nicht gerade vom Oberharze handelnden Sagen in dem 2. Hefte der Harrys'schen Sammlung zur Ergänzung einiger bestimmten Sagen in unserer Sammlung benutzt wurde. Anfangs dachten wir an eine vollständige Wiederaufnahme der 19 dort gedruckten Schulze'schen Sagen vom Oberharz, auch wo wir keine Varianten dazu hatten; doch stand ich davon ab, weil mein Freund und Gönner durch eingetretenes körperliches Leiden verhindert wurde, sich mit mir der Herausgabe der Sagen zu unterziehen, oder gar, wie ich, um mich dann ausschließlich der Herausgabe meiner andern Sammlungen, von Volksliedern u.s.w. widmen zu können, gewünscht, die Redaction derselben allein zu übernehmen. Da ich unter diesen Umständen nun auch sogleich die übrigen Sagen aus der Gegend von Goslar bis Nordhausen zu den oberharzischen hinzunahm, so fehlte es theils an Raum, theils glaubte ich als alleiniger Herausgeber der vorliegenden Sammlung die Harrys'sche weniger, als dies meinem Mitarbeiter zugestanden hätte, antasten zu sollen. Unter den mancherlei Bergmannssagen, die dieser Sammlung ihren eigenthümlichen Charakter geben, verdankt der Leser die ausführlichern, mit reichem Detail aus der Wirklichkeit ausgestatteten, Schulze ausschließlich. Ich darf auf sie, da sie dabei doch nicht ausgeschmückt sind, in mancher Hinsicht großes Gewicht legen.

Aus Altenau nennen wir auch noch W. Lohrengel, der jetzt auch für meine übrigen Sammlungen eine rege Thätigkeit entfaltet, dankbar als einen recht geschickten Mitarbeiter.

Die unter der harzeburger Gegend eingereihten Sagen von Vienenburg und Wiedelah, sowie ein Beitrag zu den lautenthaler Zwergsagen und zu den Sagen von Dorste wurden mir von Professor Wilhelm Müller in Göttingen mitgetheilt. Dieser, der Verfasser von »Geschichte und System der altdeutschen Religion« und Herausgeber des Mittelhochdeutschen Wörterbuchs, hatte die Güte, mir Dasjenige zuzusenden, was er, beschäftigt mit dem Sammeln der Sagen des Leinethals und anderer hannöverschen Sagen, dem er sich mit dem Herrn Rector Schambach in Eimbeck unterzogen hat, gelegentlich theils selbst an hannöverschen Harzsagen gehört, theils von Herrn Pfarrer Isecke zu Wiedelah und Herrn Collaborator Richard in Osterode erhalten hatte.

Für die Gegend von Lonau und Sieber insbesondere verdanke ich Mehreres Herrn Lehrer Theodor Stender in Lonau. Außerdem die nordhäuser Hexensage dem Herausgeber der »Urkundlichen Geschichte von Nordhausen«, Professor Ernst Günther Förstemann in Nordhausen.

Wenn diese Männer für die Sammlung der Sagen des westlichen Harzes, wie sie im Texte gegeben sind, thätig waren, so zeichnete noch während des Druckes der Sammlung mein sehr theurer Freund, Pastor Banse in Beckendorf, zwei Varianten aus dem Selkethale zu im Text stehenden oberharzischen Sagen auf. Unser thätiger Karl Elis, Lehrer an den höhern Bildungsanstalten zu Halberstadt, dem die Sammlung unterharzischer Sagen noch ungleich mehr verdanken wird, vervollständigte meine Localnotizen über Götterculte, besonders der Ostara.

Schätzbare Auskunft erhielt ich auch von den Herren Subconrector Vollbrecht am Gymnasium zu Klausthal, Hüttenaspirant Blum in Lautenthal, und Lehrer Niemeyer in Osterwieck; meinem wackern Schul- und Universitätsgenossen dem Rector Karl Schütte zu Horenburg, und vom Buchhändler Häniche zu Oschersleben.

Im Allgemeinen habe ich, je voller bei uns noch der lebendige Quell der Ueberlieferung sprudelt, um so spärlicher gedruckte Quellen zu Hilfe gerufen. Die bekanntern ältern gedruckten Quellen sind von den Brüdern Grimm und von Harrys bereits hinlänglich und, wie sich von selbst versteht, gut benutzt; viel neue aufzusuchen erlaubte aber der Raum nicht. Nur bei Goslar habe ich aus nahe liegenden Gründen eine Ausnahme gemacht und ich denke, der Leser wird sich an der Fülle historischer Sagen, die ich nun von dieser Kaiserstadt zu liefern im Stande bin, und die sich freilich immer noch gar sehr vermehren ließen, erfreuen und Einiges darin nicht nur für den Mythologen, sondern überhaupt für den Historiker von Interesse sein.

Nach den bisherigen Angaben wird man sich von der zwar immer nur relativen Vollständigkeit der vorliegenden Sagen überzeugt haben. Nicht allein für die wenigen aus gedruckten, auch für die aus mündlichen und handschriftlichen Quellen geschöpften Nummern wurden zum Theil mehrere, oft sehr viele Quellen benutzt.

In der Behandlung schließt sich die vorliegende Sammlung den bekannten Sagensammlungen aus dem übrigen Deutschland an und die Grundsätze sind die allgemein giltigen, nach denen der Vortrag der Sage einen schlichten Ton verlangt. Das große Vorbild der Brüder Grimm steht auch für die Sage noch unerreicht da, denn auf welcher andern Sagensammlung läge jener eigenthümliche Glanz und jene Hoheit, die uns von der ihren wie ein Firniß von alten schönen Gemälden entgegenstrahlt? Aber auch der weite Ausblick, den die Sammlungen von J. W. Wolf verrathen, die Kühnheit und der Trotz, mit der Professor Müllenhoff, einer unserer feinsten Köpfe und geistvollsten Gelehrten, seine Sammlung wie einen Spiegel der Gegenwart vorhielt; die Eckartstreue, mit der Kuhn und Schwarz den Überlieferungen nachgehen, und der höchst glückliche Ton, der Professor Meier's Sagen noch vor seinen Märchen auszeichnet, in denen er da nicht recht sicher war, wo er doch, wie die Grimm es so schön verstehen, als Märchenerzähler einmal den Ton des Volksdichters hätte anschlagen müssen: Alles Dies läßt mich erkennen, wie viel und Mannichfaltiges hier schon geleistet ist, und wahrlich nicht ohne Scheu stellte ich mich als Baugenossen zu solchen Männern.

Die Eigenheiten der vorliegenden Sammlung bestehen nun darin, daß von einem Theile des hier abgehandelten Sagengebiets, dem Oberharz, die Sagen hier nun doch wol vollständiger vorliegen, als vielleicht aus irgend einer andern Gegend Deutschlands. Das kann dem denkenden Leser einen Einblick in das Seelenleben des Volks gewähren und ihm zeigen, wie die Poesie noch in unserer Zeit jedes Lebensverhältniß desselben durchdringt. Bei der Sprache der nach mündlicher Überlieferung aufgezeichneten Sagen ist unser Zweck, den auch wol schon andere Sagensammlungen sich ähnlich vorgesetzt hatten, erreicht, wenn der Leser sich bei der Mehrzahl der Nummern sagen muß: so denkt unser heutiges Volk und so spricht es seine Gedanken aus. Georg Schulze wird man nachrühmen dürfen, daß er diesen Zweck der vorliegenden Sammlung in dem Stücke »Mer soll dn Teifel net porren« (S. 80 – 84) vollständig erreicht hat. Das Dialektstück »Die Jungfer auf dem Amte Staufenburg« (S. 37 – 41), welches ich kürzer und dadurch noch charakteristischer aufgeschrieben hätte, wenn es mir nicht um eine möglichst vollständige Dialektprobe zu thun gewesen wäre, ist mir rührend, weil es so genau zeigt, wie treuherzig und in welchen altfränkischen Formen sich das Volk das Leben der Vornehmen denkt. Noch ein drittes der nur zu wenig zahlreichen Dialektstücke, Abtheilung I der »Osterjungfrau« (S. 160 – 161), habe ich einer hochbetagten Frau Wort für Wort nachgeschrieben, welche in das jungferliche Benehmen der Osterjungfer gegen den »frechen« und den keuschen Ritter offenbar ihre eigenen Jugenderinnerungen niedergelegt hat. Uebrigens könnte der Vortrag um Vieles besser sein, wenn alle Varianten hätten in die Anmerkungen verwiesen werden können. Dies konnte indessen nur ausnahmsweise und da, wo es geschehen, mehr zufällig geschehen, weil selten in Einem Berichte, wie man ihn mündlich hört, das Wesen einer Sage erschöpft wird, sondern erst in mehrern Fassungen.

Den Text der Sagen gebe ich rein, frei von den zu Anfang und am Schluß der Nummern sonst wol hinzugefügten Quellennachweisen. Alles Derartige ist hier (nur daß da, wo mündliche oder handschriftliche Mittheilung die Quelle ist, dies nicht im Einzelnen angegeben ward) mit in die Anmerkungen verwiesen, sodaß die Sammlung da, wo die Sagen ein Localinteresse haben, ein Volks- und Hausbuch werden kann, wie jedes Sagenbuch in seiner Heimat es werden sollte. Auch der neuerdings mehrfach gebrauchten Anordnung der Sagen nach den mythischen Wesen habe ich die populäre nach den Orten vorgezogen. Das Bequeme jener neuern Anordnungsweise erkenne ich vollkommen an. Aber ich glaube theils, daß die Sage dadurch fast zu sehr dem allgemeinern Interesse entfremdet wird, das man da, wo sie zu Hause ist, denn doch immer für sie voraussetzen soll, und daß, wenn man die wissenschaftliche Form in dieser Weise hervortreten läßt, die Localsage erst wieder durch unwissenschaftliche, allgemein deutsche Sagenbearbeitungen den einzelnen Gegenden zugeführt werden würde, während doch die Centralisation in diesem Falle gar nichts nützt und es wirklich höchst gleichgiltig ist, ob der gewöhnliche Berliner die Sagen von München kennt oder nicht. Sollte aber einmal aus der neuern Sagenliteratur ein solches allgemein deutsches Sagenbuch hergestellt werden, so wäre an die aufzunehmenden Sagen eine zehnmal strengere Kritik in Bezug auf ihren poetischen Gehalt anzulegen gewesen, als von Bechstein geschehen ist, wofür wir ihm eine gewisse Vollständigkeit gern geschenkt hätten.

In den Anmerkungen habe ich die Localliteratur mehr zur Vergleichung herbeigezogen, als dies sonst in der Regel geschehen ist. So tritt denn zunächst das Geschichtliche wol klarer hervor. Gelegentlich gebe ich einige speciellere geschichtliche Untersuchungen, will aber damit keineswegs die Verantwortlichkeit für alle geschichtlichen Angaben im Text, welche ich nicht weiter erörtere, übernehmen. Die Vergleichung der Sagen mit den Sammlungen aus andern Gegenden ist ziemlich ausgedehnt, aber doch noch lückenhaft, und da sie bei den Sagen nicht ganz so wichtig ist als bei den Märchen, Trotz der bei meinen »Kinder- und Volksmärchen« auf die Literaturvergleichung verwandten Sorgfalt haben sich doch bei weitern Nachforschungen mehrere gefunden, von denen ich, ihres poetischen Werthes unbeschadet, in wissenschaftlicher Hinsicht lieber ganz abzusehen bitte, da sie als nichtdeutschen Ursprungs oder als umgebildet durch dichterische Behandlung verdächtig sind. Es sind die Märchen »Bärenheid, Adelheid und Wallfild«, »Der Geist des Ringes und der Geist des Lichtes«, »Die Riesen und das Stippfeuerzeug«, »Die sieben Frauenbilder und der König der Todten«, »Von bösen und guten Feen I«. Von den für »Springendes Wasser, sprechender Vogel, singender Baum« benutzten beiden Berichten war der oberharzische unecht. Der Inhalt von »Königskind« ist Theil eines Volksbuchs. Der Schwank »Die hochmüthigen Mädchen I« dürfte aus dem Italienischen stammen, ist aber so umgestaltet, daß er für vollkommen selbständig gelten kann. zum Theil mehr nach der augenblicklichen Lecture als mit völliger Consequenz durchgeführt. In den Anmerkungen habe ich ferner – und insofern hält das Buch ungleich mehr, als sein Titel verspricht – theils sehr Vieles aufgeführt, was mir von den Sagen des übrigen Harzgaues bereits vorliegt und sich oft, sodaß ich später nicht darauf zurückzukommen brauche, und sodaß nun die Sage, um die es sich gerade handelt, sich von vornherein vollständig übersehen läßt, in dieser Zusammenstellung mit wenigen Worten erledigen ließ. Und da ich hauptsächlich aus ältern, bisher für diesen Zweck meist unbenutzten Schriften auch eine Sammlung deutscher Sagen vorbereite, so ist auch von diesen deutschen Sagen mit wenigen Worten in den Anmerkungen erledigt, was sich irgend als Variante zu den im Text vorliegenden Harzsagen betrachten ließ, und ebenso habe ich alle mir mündlich oder aus ältern Schriften bekannten, noch nicht von mir veröffentlichten Gebräuche dort gleich eingefügt, wenn sie zur Vergleichung dienlich waren und mehr Licht geben konnten. Auf diese Weise sind die Anmerkungen zu einem kleinen Magazin angewachsen und enthalten neben der Literaturvergleichung eine ganze Reihe kleiner, das Material für einen Gegenstand zusammenstellender Artikel, wie man sie in unsern Fachzeitschriften zu suchen gewohnt ist.

Über den innigen Zusammenhang alter Überlieferungen mit dem gesammten Volksleben und besonders mit der Volkssittlichkeit, auch über die Erfahrungen, welche man beim Sammeln macht, will ich mich hier nicht wieder aussprechen, da ich es schon früher anderswo gethan, Eine Pfingstbetrachtung. Im zweiten Quartal des »Magdeburger Correspondenten« von 1853. und nur einige Andeutungen über Mythenbildung mögen hier stehen. Eine Abschwächung der Mythen findet ohne Zweifel statt, doch geht sie sehr langsam vor sich. Vergleiche darüber anzustellen ist schwierig, weil die Ersten, die Sagen sammelten, die modernen Züge bevorzugten, wir Neuern aber die altertümlichen am liebsten hervorheben. Wenn man nun aber dieses Verhältniß in Abrechnung bringt, wie billig, so wird man sich z. B. schwer überzeugen, daß Otmar vor mehr als 50 Jahren seine Sagen in einer viel alterthümlichern Form hörte als wir. Ja selbst die prosaischen Schriftsteller seit der Reformationszeit und kurz vorher liefern die Sagen kaum alterthümlicher, als das Volk sie jetzt erzählt, und die Abschwächung dieser Mythen steht in gar keinem Verhältniß zu der Raschheit, mit der besonders seit Thomasius die Schar ihrer Gläubigen zusammenschmilzt. Wie die Sage sich nach Zeit und Personen umgestaltet, kann man beim Sammeln täglich sehen; allein die rasche Abschwächung ist nur scheinbar, da ihre alten Formen neben den neuen im Volke haften und in der Regel wieder über diese den Sieg erringen, wenn die neuen nicht etwa einer soliden und dauerhaften Entwickelung fähig sind. Zwei sehr verschiedene Elemente, die sich fast das Gleichgewicht halten, sind es, welche die Sage umgestalten: der Aberglaube, der Befriedigung verlangt und nicht ruht, bis er Das, was er der Großmutter angehängt hat, nun auch der Enkelin anhängen darf, und – der Humor. Dieser letztere zieht die Mythen förmlich an sich und spielt und tändelt mit ihnen; aber das ältere Volksbewußtsein steht griesgrämlich dabei und läßt von dem alten Sagengehalt so wenig als möglich umkommen. So werden von humoristischen Personen Anekdoten und Schwänke, zuletzt aber ganz alte Mythen erzählt, und gerade auf diese Weise scheinen stets die Sagen von ältern vergessenen Personen auf die jüngern übertragen, ohne daß die Sage dadurch schließlich um Vieles verjüngt erscheint. Solche Personen aus neuerer Zeit sind in dieser Sammlung der Feuerholzmeister von Lautenthal, der Spielmann Wolf und der Scharfrichter Gosler; doch konnte natürlich das Wenigste, was von ihnen erzählt wird, in dieses Buch aufgenommen werden. Derselbe Proceß ist offenbar schon in frühern Jahrhunderten und damals vielleicht rascher als jetzt mit den Sagen vor sich gegangen. Zuweilen vermißt auch das moderne Zeitbewußtsein im Volke wol an der überlieferten Sage die Pointe und findet sich gedrungen, irgend einen Zug derselben humoristisch zu einer solchen zuzustutzen, was sich dann wunderlich genug ausnimmt. Vgl. die Sagen vom lautenthaler Spar-die-Müh, Abtheilung IV. Wie leicht sich dergleichen noch einmal abstreift, liegt auf der Hand.

Statt aller weitern Bemerkungen über Bildung und Entstehung einzelner Sagen hier nur noch eine solche über die von den Venedigern, den Zauberern und Schatzsuchern, welche, wie ich weiß, für die Bewohner des Harzes von besonderm Interesse sein wird. Es scheinen unter ihnen zunächst Hausirer gemeint; daß aber wirklich früher Italiener am Harze in größerer Anzahl hausirten, kann ich nicht nachweisen. Vielleicht sind sie nur mit Ungarn, die, zuweilen in ihrer Husarenuniform, Arzneien herumtrugen, was jetzt die Thüringer thun, und mit den Mausefallen verkaufenden Slowaken verwechselt worden. Aus einer von der »Magdeburgischen Zeitung« unlängst mitgetheilten Magdeburger Proceßverhandlung habe ich ersehen, daß alle Hausirer, auch die bei uns einheimischen, Italiener heißen, insbesondere sofern sie auch, vielleicht nur heimlich, mit Gift handeln. Venefica ist Hexe und Giftmischerin, und es dauerte, soviel ich sehe, lange, bis in den Hexenprocessen zwischen Zauberern und Giftmischern geschieden wurde. Hier ist der Punkt, wo die Vorstellung sich bilden konnte, daß wandernde Italiener (und dann überhaupt Hausirer) Zauberer seien, eine Vorstellung, über deren große Verbreitung in Deutschland I. W. Wolf unlängst Einiges zusammengestellt, und die sich nach Karl Spindler's Roman »Der Vogelhändler von Imstthal« auch auf Tirol erstreckt. Ein solcher Hausirer war ja auch der Rattenfänger von Hameln. Daß diese Vorstellung von den Hausirern selbst oft benutzt sein wird, um Einheimische zum Schatzgraben zu verleiten und ihnen dadurch Geld abzulocken, liegt auf der Hand und läßt sich auch aus den Sagen, wo so oft Einheimische die fremden Männer auf alte Burgstätten begleiten, schließen. Geschichtlich ist mir darüber nichts bekannt, da alle ältern Schriftsteller glauben, daß der Harz wirklich von solchen Reisenden durchsucht sei oder noch durchsucht werde, und sich dies natürlich zu erklären suchen. Namentlich sagt der Naturforscher Göze in einer seiner »Kleinen Harzreisen«: »Wahr ist es, daß die Italiener, besonders Venetianer, noch vor einigen Jahren weite Reisen in diese Gegenden gethan, sich wol oft mit Lebensgefahr, auch mit Schießgewehr versehen, ohne Führer in die Höhlen des Harzes gewagt; gleichsam verstohlenerweise diese vermeinten Golderden in geringer Quantität herausgeholt und zu Fuße nach ihrem Vaterlande getragen haben. Man hat diese Leute einigemal darum befragt. Ihre gewöhnliche Antwort ist: sie holten Antimonialerde, womit sie zu Venedig ihre Gläser poliren. Andere sagen, sie machten Porcellan daraus. Allein bei Beiden ist kein Verhältniß gegen die weite Reise, gegen die Kosten und gegen das Wenige, was sie heimbringen. Das Wahrscheinlichste ist hierbei noch immer Das, was der ehemalige Naturkundige, der Pastor Lesser, versichert hat: er habe einem solchen Italiener viele Gefälligkeiten erzeigt und endlich so viel von ihm herausgebracht, daß er einem gewissen Laboranten in Venedig diese Sachen bringen müsse. Zwar wisse er selbst nicht, was er damit mache; er habe aber von den Bedienten gehört, daß sie griechische Erze bekämen, die durch Nichts als diese Erde in Fluß zu bringen wären«. Hieraus dürfen wir so viel schließen, daß, abgesehen von ihrem mythischen Kern und den Hausirern, sich diese Sagen hauptsächlich durch die Erinnerung an Fremde, welche in alten verlassenen Gruben nach Erz suchten, und wol auch an Alchymisten gebildet hat, welche beim Goldmachen Mineralien aus der Gegend des Brockens besonders schätzen mochten, wie man denn auch sowol von der Bode als von der Selke sagt, daß sie Gold führe. –

Unter den Nachrichten des Tacitus über die heidnische Religion der Deutschen werfen auf die von der Nerthus Gebräuche in unsern Gegenden ein interessantes Licht. Sie wurde auf einem mit weißen Tüchern verhüllten, mit Kühen bespannten Wagen ins Wasser gefahren, und noch jetzt wird jeder Todte, der zu Buhlendorf im Anhaltschen, aber nicht im anhaltschen Harze, sondern unweit Zerbst und der Elbe, auf einem mit Ochsen bespannten Wagen durch einen Ochsenjungen zunächst in einen Teich, den »Puhl«, gefahren. Näheres über diesen noch mit andern merkwürdigen Ceremonien verknüpften Gebrauch theilte ich unter I in einem Aufsatze »Zur deutschen Alterthumskunde« im »Magdeburger Correspondenten« 1853, 2. Quartal, mit. Abtheilung II desselben handelt über die Keule zu Jüterbogk. Im lieben Bekendorf, im Halberstädtischen, wird der Sarg jeder Wöchnerin unter einem weißen Laken auf den Friedhof getragen und ins Grab gesenkt, und derselbe Gebrauch herrscht nicht weit davon, in Hornhausen. Hier aber scheint früher, um die Mitte des 17. Jahrhunderts, jeder Sarg »mit einem weißen Tuch bedeckt« begraben zu sein. Die Nachricht findet sich in der von meinem Vater, H. A. Pröhle, 1850 herausgegebenen »Chronik von Hornhausen« 143, nach dem Theatrum Europaeum wo ein solcher Begräbnißzug, wahrscheinlich der eines fremden Badegastes, abgebildet ist. Combinirt man beide Gebräuche aus Buhlendorf und Hornhausen, so erhält man ganz den mit weißen Tüchern verhüllten Wagen der Nerthus, der mit Rindvieh bespannt und ins Wasser geführt wird.

Was die Nachrichten von Götterculten betrifft, welche wir direct mit auf unsere sächsischen Vorfahren beziehen könnten, so steht darunter die niederdeutsche Abschwörungsformel voran. Sie ist uns durch eine vatikanische Handschrift aufbewahrt, doch hält man freilich ihre Sprache nicht für rein niedersächsisch, sondern sieht darin eher einen Hinweis auf das ripuarische Franken. Darin schwören die Heiden namentlich ab den Donar, Wodan und Saxno. Die Abschwörungsformel lautet:

Forsachistu diobolae?
et resp. ec forsacho diobolae.
    End allum diobol gelde?
respon. end ec forsacho allum diobol geldae.
    End allu dioboles uuercum?
resp. end ec forsacho allum dioboles uuercum end uuordum,
thunaer, ende uuoden ende saxnote ende allem
them unholdum, the hira genotas sint.

Hierauf folgte das christliche Glaubensbekenntniß. Zur Vergleichung damit kann folgende Stelle aus einer von Haupt aus einer wiener Handschrift mitgetheilten Abmahnung vom Tanzen dienen: » Zum funfften so tued die tentzer und tentzerin in etlich wise wider die sacrament der kirchen und besunder wider den tauff: wann sie brechen das gelubde, das sie got getan haben in dem tauff, als ir pfetterich an ire stat gesprochen haat: ich widersage dem tufel und allem sine gespenste.«
Von Saxnot haben wir sonst gar keine Nachricht, aber bekanntlich bedeutet sein Name Schwertgenoß, und taucht in der Stammtafel der Westsachsen, über welche unter Andern J. Kemble geschrieben, wieder auf als Saxneat, Wodan's Sohn. Die beiden übrigen Götter, Donar und Wodan, wird diese Sammlung vielfach auch für diese Gegenden bestätigen.

Nächstdem könnten etwa die in thüringischer Mundart abgefaßten beiden Zaubersprüche, welche Georg Waitz in der Bibliothek des merseburger Domcapitels auffand und Jakob Grimm herausgab, besonders hier zu beachten sein. Außer Wodan werden darin noch genannt Balder (Phol), Sunna, Sinthgunt, Friia und ihre Schwester Volla. Für Balder könnte allenfalls der Name Boldershausen, den nach einer mir von Förstemann gemachten Mittheilung eine Wüstung bei Nordhausen, also schon mehr im Thüringischen als Sächsischen, führt, von einiger Bedeutung sein. »Ach du Alder Aller, nämlich Allerhöchster, Allgütiger oder dergleichen. Den Ausruf »Ach du Aller!« ohne den Zusatz hören wir noch jetzt sehr oft. Chrischan Balder!« war ein Ausruf der Verwunderung, den wir Kinder im Halberstädtischen oft gebrauchten, ohne uns etwas dabei denken zu können, am allerwenigsten, ohne dabei an eine lebende oder bereits verstorbene Person erinnert zu werden, und ihn wage ich auf Balder zu beziehen, da die Namen von Gottheiten sich so gern in Ausrufungen flüchten. Zunächst für die weibliche Gottheit der Friia, Frigg, enthält die Sammlung gar Vieles.

An die Abschwörungsformel und die Zaubersprüche reihen sich nun einige speciell auf den Harz sich beziehende Nachrichten über Götterculten, die aber alle etwas Räthselhaftes haben. Voran steht darunter an Gewicht der Quelle, aber noch mehr an befremdender Seltsamkeit die Nachricht vom Abgott Crodo, aus dem 15. Jahrhundert, aber freilich von Bothe, seiner Angabe nach, aus einer oder mehrern Schriften geschöpft, was man übersieht, verweist man Crodo deshalb schon aus der Reihe der deutschen Götter, »da die Erinnerung an einen heidnischen Cultus sich unmöglich mit solchen Einzelheiten siebenhundert Jahre im Christenthum erhalten konnte.«

Hieran schließen sich nun so manche Nachrichten, namentlich für die in diesem Buche berücksichtigte Gegend, über Ostera, oder gar Astaroth, und Biel, die sich in unbedeutendern Localschriften aus diesem und dem vorigen Jahrhundert herumtreiben, deren Ursprung zum Theil dunkel, aber doch wol in ältern gedruckten Quellen zu suchen ist. Sie lehren uns meiner Meinung nach hauptsächlich die Orte kennen, wo die hauptsächlichsten Götterculten stattfanden, während die mündliche Ueberlieferung diese Punkte weniger festhält. Zur nähern Bestimmung der Götter selbst müssen wir uns aber durchaus auf den Kern der im Volksmunde lebenden Sage verlassen. Wo diese letztere selbst anstatt der ihr jetzt zukommenden zu Spukgestalten herabgesunkenen Wesen von Göttern redete, habe ich ihr durchweg gemistraut und gelehrten Einfluß befürchtet.

Muthmaßliche heidnische Opferstätten sind, ausgenommen vom Oberharz, bei uns zahlreich bekannt. In der Gegend von Nordhausen, an der Straße nach Niedersachswerfen, liegt das Riewenheiwet, was Förstemann Nachträge und Verbesserungen zu Abtheilung I, S.2 und 3 seiner »Urkundlichen Geschichte von Nordhausen« durch Reuehaupt, Reuehügel, Sühne- und Versöhnungshügel erklärt. Zwischen Halberstadt und Derenburg liegt auf dem Lausefelde der Lausekniggel oder Lausehügel, 80 rheinländische Fuß lang und 40 breit, der, wie man sonst deutlich bemerken konnte, selbst wieder aus verschiedenen eigenthümlichen Hügeln bestand. Unser allverehrter Dr. Christian Friedrich Bernhard Augustin, der 1823 einen sehr ausführlichen Bericht über eine Untersuchung dieses Lausekniggels veröffentlichte in seinen damaligen »Halberstädtischen Blättern«, leitet den Namen jetzt von lausan her, d.i., wie auch aus einem alten Vaterunser hervorgeht, lösen, und theilte mir mit, daß sich im Lausehoch bei Gröningen (den gleichen Namen führt unter Anderm ein noch nicht untersuchter Hoch bei Hornhausen) nicht nur Opfergeschirr, sondern auch ein Götzenbild gefunden, welches er besitzt und worüber mir vielleicht später Näheres mitzutheilen vergönnt ist. Dieser ernste Forscher, der in seinem 82. Lebensjahre noch der Wissenschaft mit dem hellen Auge der Jugend gegenübersteht, der seine Amtswohnung als Oberdomprediger zu einer einzigen großen Sammlung machte und dessen Name mit dem eines Otmar noch lange der Stolz des Halberstädter Domes bleiben wird, wenn er auch am Geburtstage Sr. Majestät des Königs von Preußen zum letzten Male in ihm gesprochen, hat über den Kniggel bei Halberstadt und Derenburg nach jener Ausgrabung eine so scharfsinnige und für die deutsche Vorzeit so äußerst wichtige Vermuthung ausgesprochen, daß ich mir, da sie ebensowol von den Mythologen als auch wahrscheinlich von den Historikern bisher allgemein übersehen ist, es nicht versagen darf, sie hier in der Kürze mitzutheilen. Er fand in dem auf der untersten Fläche des Hügels errichteten Steingewölbe unter einer Menge irdener Gefäße nicht ein einziges, welches er unbedingt für eine Begräbnißurne hätte halten können. Alle ohne Ausnahme waren mit Erde, nicht mit Asche gefüllt. Dagegen deutete die Menge von verbrannten und unverbrannten Schädeln und Knochen, verbunden mit den zum Theil mitten unter ihnen, zum Theil in der Nähe befindlichen Opfermessern, sowie die eigenthümliche Gestalt der in dem ersten Gewölbe der südlich belegenen Hügelreihe aufbewahrten Gefäße auf eine altdeutsche Opferstätte. Da auch ferner nur Menschenknochen, und zwar in sehr großer Menge und meistentheils, wie aus den zahlreichen Schädeln zu ersehen, von Kindern und Halberwachsenen gefunden worden, da ferner die Spur der Grausamkeit an diesen Ueberresten menschlicher Leiber nicht zu verkennen war, so hat dieser Opferplatz nach einer vorgefallenen Schlacht zu einem großen Menschenopfer gedient. Als den nächsten Ort, welcher mythologischen Aufschluß geben könne, bezeichnet Augustin das (nur 1/4 Stunde entfernte) Mahndorf (Monddorf). Ein so großes Menschenopfer aber kann, wie er weiter entwickelt, nur in einem Kampfe zweier Stämme gebracht sein, die es auf ihre Vernichtung abgesehen hatten, und so nimmt er an, daß es von den Sachsen nach dem Siege gebracht sei, den sie zufolge der in Abel's Sammlung aufgenommenen niedersächsischen Chronik 479 bei Vedekenstedde, jetzt Vekenstedt, der dem Lausekniggel am nächsten gelegenen Schlachtstätte, über die Thüringer erfochten, als »de Konigk Melverikus to Doringk« (wie mehrfach aus unserer Sammlung hervorgeht, wird Thüringen noch jetzt oft Döringen genannt) mit Macht über den Harz gezogen kam und die Sachsen wieder aus dem Lande vor dem Harze, welches früher der Nordthuringau gewesen war, vertreiben wollte, zumal da wir durch Gregor von Tours wissen, wie unerhörte Grausamkeiten in dem Kampfe der Thüringer mit den Franken und Sachsen geschahen. Späterhin ist dann nach Augustin's Vermuthung der Hügel noch zum Begräbnißplatze benutzt, und zwar zuerst von einem Volke, das, wie die Sachsen, seine Todten verbrannte, da sich zuletzt an der westlichen Seite eine wirkliche Urne und in der obern Erde häufige Urnenscherben von ähnlicher Form und Masse gefunden. Daß diese Aufstellungen ebenso kühn als großartig sind, kann Niemand entgehen; wer aber die Umsicht der Augustin'schen Localgeschichtsforschung kennt, wird schwerlich hoffen (wenn man nicht etwa aus der Vergleichung mit in neuerer Zeit ausgegrabenen Geräthen jetzt geradezu auf das Jahrhundert, dem die im Laufekniggel gefundenen angehören, schließen kann), eine andere Hypothese nur von gleicher Wahrscheinlichkeit aufzufinden. –

Professor Ernst Günther Förstemann berichtet in den Nachträgen und Verbesserungen zu der »Urkundlichen Geschichte von Nordhausen«: »Das Backwerk der Oelmännchen, in der rohen Gestalt eines kleinen Wickelkindes , aus Mehlteig gebildet und in Oel gesotten, sah man noch vor wenig Jahren häufig, besonders an unsern Jahrmärkten, ehemals an den Marienfesten feilbieten. Sie waren ohne Zweifel ursprünglich gebackene Götzenbilder, später von den Christen als Christkinder betrachtet; so auch wol die bodunger Männchen und verschiedene aus Teig gebildete menschliche und thierische Gestalten, aus Honigkuchenteig zu Weihnachten, als Kreppeln zu Fastnacht und in der Fastenzeit.« Daß die Oelmännchen wirklich Götzenbildchen sind, dürfen wir auch aus dem in anderm Zusammenhange vorkommenden Namen Oelgötzen schließen. Die Bilderstürmer nannten, wie in Leo's »Universalgeschichte« erwähnt wird, die in Oel gemalten Heiligenbilder spottend Oelgötzen. »Er steht da wie ein Oelgötze« ist eine noch jetzt vorkommende Redensart, zu der 1785 in den Halberst. gemeinnützigen Blättern der literar. Gesellschaft bemerkt wurde: »Die alten Deutschen strichen ihre häßlichen plumpen Götzen mit Oel an; daher dieser Ausdruck. Wachter schreibt in seinem deutschen Glossar: Elgötze.« –

Auf das Heidenthum weisen auch die in unsern Gegenden einst so verbreiteten Kalandsbrüderschaften Vgl. die mit Neuem vermehrte Uebersicht über den Kaland nach früherer Darstellung in der »Chronik von Hornhausen«, 28-42 (auch das Vorwort derselben Chronik IV und V), wo die weitern Quellen angegeben sind, denen sich noch die Erwähnung in Grimm's Mythologie anschließt. Auch die Koljadalieder sind hier herbeizuziehen. zurück. Sie sollen sichern Nachrichten zufolge schon zu Anfang des 13. Jahrhunderts vorhanden gewesen, und, weil mit ihnen Seelenmessen verbunden gewesen, hauptsächlich nach der Reformation in Verfall gerathen sein. Eine Stelle in einer Aufführung der Hauptsünden Colere kalendas, der manode kalendas begann, also genoge tont« (»Altdeutsche Blätter« I, 366, nach einer Pergamenthandschrift des 13. Jahrhunderts). weist zwar die Feier der Kalenden, und zwar diese als schon von der katholischen Kirche gemisbilligt, nicht aber ausdrücklich die Kalandsbrüderschaften selbst im 13. Jahrhundert nach. Wäre wirklich Ostar, die »Göttin des aufsteigenden Lichts« wie Grimm sagt, eine Mondgottheit, Vgl. die kurze Angabe über das im 16. Jahrhundert am Süntel gefundene Götzenbild in W. Müller's Altdeutscher Religion 10 und 11. so müßten wir auf den großen Kaland in Osterode, auf den osteröder Mariencultus zu Ostern, von dem noch ein Ueberrest sich erhalten hat, und in Verbindung hiermit darauf, daß mit dem Kaland an mehrern Orten ein Mariencultus in Verbindung stand und auf die große Verbreitung und das hohe Alter der Kalandsbrüderschaften in unsern Gegenden überhaupt nach dieser Seite hin Gewicht legen. Die Kalandsbrüder »hatten auch wol tragbare Altäre, die aus einem Steine gemacht und in Holz eingefaßt, auch so klein waren, daß man sie täglich von einem Orte zum andern tragen konnte. Solche wurden geweiht, schön geziert und besonders bei den Leichenbegängnissen der Kalandsbrüderschaften gebraucht.« Da nun in Osterwieck ein Kaland war und der sogenannte Krodoaltar, ein tragbarer christlicher Altar, Vgl. die Vorbemerkung zu den Anmerkungen zu den harzeburger Sagen. nicht unmittelbar von Harzeburg, sondern zunächst von Osterwieck nach Goslar gekommen sein soll, so wird man dies bei fernern Nachforschungen über diesen Altar nicht ganz aus den Augen lassen können, obgleich Zweck und Bedeutung des Altars einer solchen christlichen Brüderschaft nur schwer so ganz in Vergessenheit kommen konnte. Das Merkwürdigste ist dabei, daß zwischen dem Saturn, den nach der Sachsenchronik das gemeine Volk den Krodo genannt hätte, und dem Kaland ein sehr naher Zusammenhang denkbar ist. Die Benutzung bei Leichenbegängnissen wird auch schwerlich der ursprüngliche Zweck der Kalandsaltäre gewesen, sondern erst bei dem Ueberwiegen der geselligen Tendenz des Kaland in den Vordergrund getreten sein: es liegt zu nahe, ihre Benutzung bei auf die Jahreszeiten bezüglichen Umzügen zu vermuthen, wie ein solcher noch jetzt von der katholischen Kirche am Fronleichnamsfeste gehalten wird.

Doch diese hier soeben berührten und viele andere Dinge wird hoffentlich der projectirte Alterthumsverein klarer machen, für den wackere Männer, z. B. Augustin, Karl Elis, Director Richter, Graf Schulenburg-Ottleben, Georg Schulze u. A., ihre Theilnahme bereits aussprachen, sei es, daß er als ein selbständiger Alterthumsverein für den Harz und seine Umgebung, oder als Zweigverein eines andern schon bestehenden norddeutschen Alterthumsvereins ins Leben tritt. Eine höchst werthvolle Alterthumssammlung für die verschiedenen Geschichtsepochen haben wir zu Halberstadt in der des Oberdompredigers Augustin. Auf dem hannoverschen Harz ist aber meines Wissens in dieser Art soviel als Nichts gesammelt, und wie Vieles könnte nicht z. B. in Goslar für deutsches Alterthum geschehen!

Würde nun die Anregung des Interesses an einem solchen die gesammte Alterthumskunde umfassenden Verein in ausgedehnten Kreisen eine schöne Frucht dieses nicht ohne vereinten Sammelfleiß entstandenen Werkes sein, so darf ich andererseits auch nicht versäumen, im Interesse der Sagenforschung selbst hier die schon von J. W. Wolf in seiner Zeitschrift so freundlich in meinem Namen ausgesprochene Aufforderung für Jedermann, der Lust und Neigung dazu hat, zu wiederholen, Sagen (auch Volkslieder und Gebräuche) gefälligst direct für mich hierher senden zu wollen, sowie auch Lokalblätter um Verbreitung dieser meiner Bitte gebeten werden. Es handelt sich dabei nun hauptsächlich noch um die Sagen vom Brocken, von der Ilse, von Wernigerode, von der Roßtrappe, dem Regenstein, Falkenstein, von Blankenburg, Stolberg, der Lauenburg, dem Stufenberg, Alexisbad, Questenberg, aus Wallenstedt, vom Kyffhäuser, der Rothenburg; das Halberstädtische und Magdeburgische mag sich hier noch anschließen. Die vorliegende Sammlung zeigt ja, auf welche unscheinbare und verachtete Dinge, nach den Worten der Bruder Grimm, es dabei ankommt, und so hoffe ich nach der in diesem Buche, zu dem mir auch Nachträge willkommen sein werden, vorliegenden umfassenden Probe keine Fehlbitte mehr zu thun.

Mit dieser Bitte schließe ich und mit dem Wunsche, daß die vorliegende Sammlung bei den Freunden der weithin über die Ebene leuchtenden bläulichen Harzberge in der Nähe und in der Ferne eine freundliche Aufnahme finden möge. Von dem ausgezeichneten Manne, der an ihrem Fuße noch in diesem Sommer die Gräber seiner Ackern mit Kränzen umwand und an dessen Krankenlager sie als ein Gruß aus seiner Heimat tritt, weiß ich es im voraus.

Hornhausen bei Oschersleben, am Andreasabend 1853.

Heinrich Pröhle.

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