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Harzsagen. Erster Band.

Heinrich Pröhle: Harzsagen. Erster Band. - Kapitel 19
Quellenangabe
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authorHeinrich Pröhle
titleHarzsagen. Erster Band.
publisherVerlag Rockstuhl
year
isbn9783867771702
firstpub1859
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sagen von der Lonau und Sieber.

*

1. Der Wilddieb von der Sieber.

In der Sieber wurde 1853 ein Wilddieb durch Unvorsichtigkeit eines Jägers erschossen, dem lag vor vier Jahren ein kleiner Junge krank und man verzweifelte, daß er wieder genesen würde; da sprach der Wilddieb: stirbt mir der Junge, so schieß' ich den lieben Gott todt. Richtig, der Junge starb; da ging der Wilddieb hinaus, legte seine Büchse an und schoß in die helle Sonne. Gerade als dies geschehen war, verdunkelte sich durch Zufall die Sonne und der Wilddieb dachte wirklich, er hätte den lieben Gott erschossen, wurde sogar bange, daß ihm die Andern deshalb auf den Kittel steigen würden. Kurze Zeit nachher begab es sich, daß seine Frau einen kleinen Jungen gebar, da erkannten Alle, die das verstorbene Kind gekannt hatten, in diesem Kinde wieder das erste. Das Kind lebt noch, konnte schon wie es einige Wochen alt war sprechen, und erzählte oft von seiner Himmelsreise.

*

2. Die Schatzgräber im Sieberthal.

Vor vielen, vielen Jahren lag im Sieberthale, da, wo jetzt die sogenannte lange Wiese ist, eine Kupferhütte. Eine große Menge Schlacken, welche nun aber größtentheils zum Chausseebau verwandt worden sind, bezeichnen noch jetzt die Stelle ziemlich genau. – Die Besitzer der Kupferhütte, welche sehr reich gewesen sein sollen, sind gleich der Hütte selbst in einer Nacht verschwunden. Am andern Morgen war weiter nichts mehr zu sehen als ein großer Schlackenhaufen. Man sagt, sie hätten ihr Geld vor ihrem Verschwinden unter die Schlacken vergraben. Bald nachher sah man jede Nacht zwischen elf und zwölf Uhr eine blaue Flamme auf dem Schlackenhaufen leuchten, welche ein schwarzer Mann (der Böse) bis zwölf Uhr zu unterhalten suchte. Das Gerücht von einem Geldfeuer im Sieberthale verbreitete sich bald in der Gegend. Viele haben das Feuer auch gesehen, aber Keiner wagte es, den Schatz zu heben. Endlich fand sich ein Mann aus Lonau, welcher sich schon viel mit Schatzgräberei beschäftigt hatte. Er wollte auch diesen Schatz heben und nahm zu diesem Zwecke einige Leute von der lonauer Hammerhütte mit dahin. Auf dem Wege sagte er ihnen: »Daß aber Keiner beim Graben ein Wort spricht, sonst ist Alles verloren.« Die Leute versprachen es und gaben sich die Hand drauf. Mittlerweile waren sie zu rechter Stunde bei der Stelle angelangt. Sogleich ging die Arbeit vor sich, und es dauerte auch nicht lange, da kamen sie auf einen großen Kessel, welcher mit holländischen Ducaten gefüllt war. Jetzt mußte nur noch der Kessel gehoben werden. Schnell wurden Hebebäume herbeigeholt und nun ging's huhupp! huhupp! Bald war der Kessel heraus. Da hörte man auf einmal Fuhrwerk. Die Schatzgräber stellten ihre Arbeit ein Weilchen ein, um zu sehen, was es gäbe. Und siehe, ein Wagen kam daher im schnellsten Fluge mit vier Tauben bespannt. Der Fuhrmann sagte »Guten Abend, geht's gut?« aber Keiner antwortete. Gleich darauf kam ein Kerl in einer Mulde sitzend dieselbe Straße daher gerutscht und sagte ganz schnell: »Sollt' ich wol noch dran kommen? Sollt' ich wol noch dran kommen?« dabei arbeitete er mit Macht, um zu dem Taubenwagen zu kommen. Da lachte einer der Schatzgräber und sagte: »Müßte dek dä Düwel dran fahren!« Wupp! war die Flamme weg, auch der Kessel war verschwunden. Die Männer aber standen noch eine Weile auf der langen Wiese und machten lange Gesichter. Da bekamen sie mit einem Male graue Haare und starben bald darauf vor Gram.

*

3. Der verwiesene Förster Kempf.

In dem Harzdorfe Sieber lebte vor vielen Jahren einmal ein Förster mit Namen Kempf, der war sehr hart und unbarmherzig gegen seine Waldarbeiter. Wenn die Leute um Lohnerhöhung baten, dann erhielten sie zur Antwort: »Ich will euch noch züchtigen, daß ihr pfeifen sollt wie die Mäuse, und Heu fressen wie die Kühe.« Aber er mußte auch für diese Härte büßen; Läuse und Flöhe ließen ihm Tag und Nacht keine Ruhe, bis er starb. Kurz vor seinem Tode hat er auch ein Mädchen über einen Ameisenhaufen an einem Baum festgebunden und so haben die Ameisen sie zu Tode gequält. Nach seinem Tode hat er auch keine Ruhe gefunden, das zeigte sich schon bei seiner Beerdigung. Als sein Leichenzug sich von der Försterwohnung nach dem Kirchhofe bewegte, sahen sich einige von den Trägern um, da sahen sie, daß der Förster Kempf aus der Dachluke seinem Leichenzuge nachsah. Auch zu spuken hat er sogleich angefangen, unter Andern: bei den Fischreusen der Försterei am Sieberflusse, und wenn seine Frau beim Heumachen gewesen, ist er immer hinter ihr hergeschritten. In der Försterwohnung war nichts als Poltern und Spuken, sodaß kein neuer Förster wieder in das Haus ziehen wollte. Was war zu thun? Es wurde ein Pater bestellt, der den Förster verbannen sollte. Der Pater kam; als er aber sein Werk an dem Förster beginnen wollte, sagte Kempf: »Du kannst mich nicht verbannen, denn du bist ein sündiger Mensch, du hast das sechste Gebot übertreten.« Der Pater wußte nichts dagegen zu sagen und zog unverrichteter Sache ab. Darauf wurde ein anderer Pater beordert, als Der kam, sagte der Förster wieder: »Du kannst mich nicht verbannen, denn du bist ein sündiger Mensch.« – »Sage an«, sprach der Pater, »was habe ich gethan?« – »Du hast gegen das siebente Gebot gehandelt. Du hast eine Möhre vom Felde gestohlen.« – »Ja,« antwortete der Pater, »ich habe freilich in meinen Schülerjahren einmal eine Möhre ausgezogen, um meinen Durst am heißen Tage damit zu stillen; aber ich habe auch in die dabeistehende Möhre ein Viergroschenstück gesteckt, womit die Möhre mehr als bezahlt war.« Da mußte der Förster schweigen und die Verweisung begann. »Erscheine in deiner Jägerkleidung«, sprach der Pater mit harter Stimme. Der Förster aber kam in einer fürchterlichen Gestalt. »Fort!« schrie der Pater, »so will ich dich nicht sehen.« Er mußte fort, kam aber immer wieder in so gräßlicher Gestalt. Zum vierten Male kam er endlich heulend und schreiend in seiner Jägerkleidung. »Halt!« rief der Pater, »zwischen der Thür bleibst du stehen, mit einem Fuße in der Stube, mit einem auf der Diele.« Darauf fuhr er fort: »Ich sage dir, daß du mit dem heutigen Tage dies Haus räumst und deinen Aufenthalt im Rothen Meere nimmst.« Nun begann der Förster zu bitten und zu flehen: »Ach, laß mich doch hier, wenn's auch nur im Keller ist!« – »Nein.« – »So laß mich im Stalle.« – »Nein.« – »Gib mir ein Plätzchen auf dem Hühnerwiemen!« – »Nein«, sagte der Pater, »fort mit dir.« Da heulte der Förster fürchterlich. Der Pater aber ließ die Pferde vor seinen Wagen spannen. Als er wegfuhr, sah man eine Schleife hinter dem Wagen des Paters mit Hühnern bespannt, auf der Schleife aber saß heulend der Förster und wurde so in das Rothe Meer gebracht, wo er sich noch jetzt aufhalten soll. Im Försterhause aber war es fortan ruhig.

Andere erzählen die Verweisung selbst also. Dem ersten Pater hat Kempf vorgehalten, er sei nicht rein, er habe einmal als Kind eine Rübe ans einem fremden Acker ausgezogen und nicht bezahlt, da hatte der Pater keine Macht über ihn. Es kam ein zweiter Pater, dem hielt Kempf vor, er habe als Kind auf fremdem Acker eine Erbsenschote abgerissen und nicht bezahlt. Da hatte auch der keine Macht über ihn. Einem dritten Pater hielt Kempf vor, er habe als Kind eine Kornähre von fremdem Felde mitgenommen und nicht bezahlt. Der aber sagte, die sei ihm von selbst in den Schuh gefallen, und verwies Kempf ans Rothe Meer. Ein Fuhrmann mußte Kempf bis an die siebersche Gränze bringen und der Pater rieth ihm, wenn Kempf ihm dort die Hand geben wolle, den Peitschenstock hinzuhalten, und sich dann nach Kutsche und Pferden nicht noch einmal umzusehen. So hat der Fuhrmann auf der Gränze auch gethan, und der Peitschenstock ist sogleich kohlenschwarz gewesen, als Kempf ihn angefaßt hat. Pferde und Wagen aber sind plötzlich mit ihm verschwunden.

*

4. Das Kußregister. (Schwank.)

Auf der Lonau war früher ein Gesetz, daß, wenn ein Junggesell einer Jungfer wollte einen Kuß geben, so mußte er's vorher beim Ortsvorstande anzeigen. Kam es einmal an den Tag, daß ein Liebespaar beisammen gewesen war, das vorher davon keine Anzeige gemacht hatte, so mußten die Junggesellen und die Jungfrauen ein volles Jahr lang jeden Monat einmal die Straße reinigen. Dabei hatten die Burschen dann einen Strohkranz auf dem Kopfe und die Mädchen trugen ein Seil um den Leib. Das Buch ist aber nachher so dick geworden, daß zehn Pferde es nicht von der Stelle schaffen konnten, und wer damals auf der Lonau sehen wollte, ob seine Braut ihm treu sei oder ob sie's auch noch mit Andern hielte, der brauchte blos zum Herrn Vorsteher zu gehen und das Kußregister nachschlagen zu lassen. So wird in Lerbach erzählt.

*

5. Verkündigung des Friedens.

Ehe nach den Franzosenkriegen Frieden wurde, zeigte sich einer Frau in der Lonau der liebe Gott am Himmel auf einem Stuhle sitzend.

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