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Harzsagen. Erster Band.

Heinrich Pröhle: Harzsagen. Erster Band. - Kapitel 15
Quellenangabe
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typelegend
authorHeinrich Pröhle
titleHarzsagen. Erster Band.
publisherVerlag Rockstuhl
year
isbn9783867771702
firstpub1859
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Lerbacher Sagen.

*

1. Namen und Entstehung des Bergdorfs Lerbach.

Wie das Lerbach noch nicht gewesen ist, da ist einmal ein sehr reicher Ritter durch das herrliche Lerbacher Thal geritten, der hat nach Klausthal reiten gewollt (damals hat die Straße nach Klausthal über die rothe Soole geführt). Dieser Reiter ist aber sehr weit hergekommen und sein Pferd hat vor Durst nicht mehr von der Stelle gekonnt. Da band er sein Pferd auf die Wiese dicht über dem Hause, worin jetzt der Vorsteher Bode wohnt, damals hat aber da ein osteröder Rinderstall gestanden. Der Reiter ging, nachdem er sein Pferd angebunden hatte, zum Berge herunter und wollte für sein Pferd unten Wasser suchen. Wie er nun herunter kam, war wegen der langen Hitze kein Fingerhut voll Wasser in dem Bache, er ging ganz hinauf im Bache bis dahin, wo jetzt Hasens Krug steht. Wie er nun bis dahin gegangen war und noch kein Wasser gefunden hatte, da lief er wieder den Berg hinan, und sprach die Worte aus: »Ei du verdammter leerer Bach!« Unter der Zeit aber hatte die Rinderhirtin sein ohnmächtiges Pferd in den Rinderstall gezogen und es da getränkt. Als nun der Reiter da sein Pferd wieder froh wiehern hörte, ging er hin, holte sein Pferd wieder und beschenkte die Leute hierfür so reichlich, daß sie die Rinder zu hüten nicht mehr nöthig hatten. Darauf – sagen Einige – habe Heinrich der Finkler, der Städteerbauer, auch das Bergdorf Lerbach erbaut und ihm wegen des Wortes von jenem Ritter den Namen gegeben: Lerbach.

Die Meisten aber erzählen so, daß die Hirtenfrau im Thale und im Walde umher Kräuter gesucht habe. Sie habe sich auf des Ritters Pferd geschwungen, das unbewacht dagestanden, weil der Ritter Wasser gesucht, und sei mit ihm nach dem Rinderstalle gejagt. Das Pferd, das ein Schimmel gewesen, sei nun zwar trotz des vorgeschobenen Riegels nicht im Stalle zu halten gewesen, sondern daraus auf wunderbare Weise verschwunden; aber von dem Gelde, das in dem hintenauf geschnallten Mantelsacke gewesen, sei Lerbach erbaut. In das Mühlenthal, das an das große Lerbacher Thal stößt, soll auch der Rinderhirt verwiesen sein, der an dem Raube Theil hatte.

Einige erzählen auch, der Ritter, der dem Bergdorfe Lerbach den Namen gegeben, habe zuvor sein Pferd schon am Teufelsloche bei Osterode tränken wollen und weil der Rand desselben zu steil dazu gewesen, so habe er gesagt: du Teufelsloch! und dadurch auch dem Teufelsloche den Namen gegeben.

*

2. Vieh bedauern.

Wenn man ein Vieh beim Schlachten bedauert, so hat es langes Leben, gibt wenig Blut und sein Fleisch ist den Menschen schädlich, sodaß sie dann auch daran sterben müssen. Einmal war ein Mann und eine Frau, die hatten so eine ganz große Kuh, und das liebe Thier war so schön bunt und hatte euch einen ordentlichen Stern vor ihrem Kopfe und eine so schöne große Zitze, und da saß so viele süße Milch darin. Nun ging die Kuh einmal über einen schmalen Steg, da fiel sie herab und brach ein Bein. Mit vieler Mühe wurde sie wieder zu den Leuten ins Haus gebracht, denen sie gehörte, und da sollte sie geschlachtet werden. Als der Schlächter kam, bedauerte nun der Mann die Kuh so sehr, daß sie erst vom hundertsten Schlage vor den Kopf in die Knie sank. Der Mann aber heulte immer zu, und als der Kuh schon das Fell abgezogen war, stand sie noch einmal auf und ging auf der Diele umher. Jetzt sagte der Hirt, das Fleisch sei nicht zu genießen, es würde Dem den Tod bringen, der es äße. Da mußte zum Schinder geschickt werden, und als der die Kuh auf den Schindanger hinausschleifte, heulte und jammerte der Mann erst recht. Da tröstete ihn die Frau, wie sie dem Schinderkarren nachsah, und weil sie auch nicht mit Verstande zu sehr gesegnet war, so sagte sie! »Sei doch nur ruhig, den Weg, den unsere Kuh jetzt geht, müssen wir ja Alle einmal gehen!«

*

3. Von einer Gastwirthsfrau, die nicht treu gehandelt hat.

Eine Gastwirthsfrau in Lerbach hat die Leute betrogen mit Gewicht und Gemäß, hat Wasser zwischen die Milch gethan und überhaupt nicht richtig gehandelt. Einstmals ging sie in den Keller und wollte einem Reisenden ein Glas Bier holen. Als sie bei dem Bierfaß stand, so kam mit einem Male der Keller niedergestürzt, und fiel die alte Frau todt, und haben die Angehörigen drei Tage müssen arbeiten, ehe sie die Frau gefunden haben, und da ist sie gehörig beerdigt. Aber von der Zeit an ist sie spuken gegangen. Wenn die Leute des Abends noch in den Stall gewollt haben, hat sie bei der Kuh gesessen, oder haben sie in den Keller gewollt, so hat sie vor dem Bierfasse gesessen, oder wenn sie des Morgens haben einheizen wollen, so hat sie vor dem Ofenloche gesessen; dann haben die Leute ihr erst jedesmal einen Schlag geben müssen, ehe sie fortgegangen ist. Die Leute wußten sich zuletzt nicht mehr zu helfen und erzählten es einem alten Manne, der sagte: »Ach, Lühe, jie möttet den Pastor un einen Pater or ein Kapziener kohm laten, dat jöck dei dat ole Speukedink in dat Möhlendahl verwiesen kann.« Also kamen die Verweiser an und forderten das alte Spukeding hervor. Als sie nun kam, so sagte der Pater: »Hanne Charlotte, du sollst in das Mühlenthal verwiesen werden.« Da sagte das alte Spukeding: »Ach, ne, ne, ek kann nich ur mienen Krauge ruter gahn, dat is et Mienige, et is et Mienige,« Der Pater ließ nicht nach und verwies sie in das Mühlenthal. Aber das Gespenst war immer wieder in dem Gasthause gesehen und auch in dem Mühlenthale. Einen Abend kam sie einmal zwischen Elf und Zwölf wieder und bettelte, daß sie doch nur möchte unter der Treppe eine kleine Stelle haben, aber da kam der alte Wirth und sagte zu der Verwiesenen: »Du hest nu diene Stehe in den Möhlendahle, da geist du ok weer hen oder ek will dek Beine maken.« Da schrie sie noch einmal: »Ek sal ut mimen Krauge gahn, dat is et Mienige, et is et Mienige.« Da ward auf einmal ein Sausen und Brausen in dem Gasthause, daß einem Jeden angst und bange ward und da war das alte Gespenst auf einmal fort und ist nun blos noch in dem Mühlenthale spuken gegangen, und da hat sich kein Mensch dürfen hinwagen vor ihm. Also dieser Wirth hat einstmals in diesem Thale Feuerholz gehabt und hat da mehrere Frauen genommen, die das Holz tragen sollten. So gingen sie denn hin und trugen an dem Feuerholze. Als das eitle Mädchen sein Bund aufgehuckt hatte, kam das alte Gespenst und setzte sich auf das Holz hinten drauf. Da konnte das Mädchen nicht aufstehen. Da warf das Mädchen das Bund Holz ab und lief nach Lerbach. So ist es vielen Mädchen beim Holzholen im Mühlenthale ergangen.

Auch der Wegarbeiter Bertram erzählte, daß er als Knabe im Mühlenthale ein Mädchen, das Holz getragen habe, für todt daliegend gefunden. Er bemerkte sogleich die Ursache, da die »verwiesene« Wirthin neben dem Mädchen auf dem Holzbündel saß. Er fing nun zuerst an zu beten und, da dies ohne Erfolg war, zu wittern (wettern, fluchen), worauf sie sich langsam entfernte. Das Mädchen ist nach einer fünfwöchigen Krankheit, welche ihr die Erscheinung zugezogen hatte, wieder gesund geworden.

*

4. Jägerspuk.

In Lerbach war ein Schütze, der traf so gut, daß er immerfort auf den Schützenhof kam, wenn das Schießen eben vorbei war; dann that er noch seine drei Schüsse und dadurch wurde er jedesmal der Bestemann. Einstmals kam er auch so spät an und die Schützenbrüder sprachen untereinander: jetzt wird er uns abermals den Gewinn entreißen. Der gute Schütze aber lehnte sein Gewehr an den Schützenstand und sagte dann: es möge ihm Niemand etwas zum Schur und zum Tort thun, er könne sonst nicht dafür einstehen, daß kein Unglück geschähe. Es standen ihm aber drei Scheiben statt einer vor Augen, das sahen die Andern nicht und nur der Eine wußte es, der ihm das Blendwerk dort hingestellt hatte. Als die beiden falschen Scheiben nicht verschwanden, schoß er los auf die Scheiben und da fiel der Mann, der das Blendwerk gemacht hatte, gerade hinter ihm zu Boden und war mitten ins Herz getroffen.

In Lerbach wird auch erzählt, daß in der »Wäsche« drei kreideweiße »Wilperte« (Rehe) auf hoher Klippe gestanden und sich dem Jäger gezeigt haben. Der Förster Fleischmann sah einst im Hahnenwinkel zwischen Lerbach und Osterode eine große Katze. Da lud er einen Mathier, vor dem aller Spuk zunichte wird, in die Büchse und als die Katze das sah, stand sogleich eine natürliche Frauensperson da, die er genau kannte. Da sagte er zu ihr: »Thu das nicht wieder, was du jetzt gethan hast, sonst bist du geliefert.« Da ging das Weib beschämt von dannen. Sogar als Hasen sind den Jägern hier bereits Hexen erschienen.

*

5. Der Jägerbursche und die Jungfrau.

In der Gegend von Lerbach nach Mitternacht zu winkte einem Jägerburschen eine Jungfrau ihr zu folgen in einen Berg. Sie deutete in demselben auf einen Sarg, ohne zu reden. Er faßte nun an den Henkel, um den Sarg umzustoßen, doch dieser war so schwer, daß der Henkel abbrach. Hierauf entstand in dem Berge ein großes Getöse und der Jägerbursche entfloh, hat auch später an der Stelle die Oeffnung nicht mehr gefunden. Hätte er den Deckel geöffnet, anstatt den Sarg umstoßen zu wollen, so wäre es gewiß zu seinem Glücke gewesen und würde ihm die Jungfrau schon weitere Zeichen gegeben haben, wie er sie hätte erlösen sollen, indem wahrscheinlich in dem Sarge eine Schlange oder ein anderes Thier gelegen hat, worin die Jungfrau verwünscht gewesen ist. Auch ist es schon vorgekommen, daß Soldaten sich haben in solche Särge hineinlegen müssen, um dadurch zu erlösen. – Der Jägerbursche ist jetzt Förster im Elbingerödischen und bewahrt den Sarghenkel noch immer zum Andenken; es ist ihm schon viel Geld dafür geboten, er gibt ihn aber nicht her.

*

6. Das wilde Mädchen. (Niederdeutsch, lerbacher Mundart.)

In Lärpich sind freuer mal paar ohle Lüe west, dä sind sau gottesförchtig ewest un hewwet eine einzige Dochter ehat, dei is sau wild ewest. Kort vor öhren Doe latet se sek von der Dochter anloben, dat se ok will gottesförchtig un nich mehr sau wild sien. Aber dat Mäken hät hernacher sien Wohrt nich eholen un is immer in siene dullen Gesellschaften gahn. Da drögt et sek tau, dat öt den einen Abend am Kerkhowe mot ne Doenkopp langen. Weil düt Mäken bei siener Mutter Grabe dorchkümmt, liet da en witt Laken. Oet geit erscht hen un halt den Doenkopp, wie öt mit den Doenkoppe wedder retour kümmt, liet dat Laken da noch un öt nümmt dat Laken mee. Knappe is öt in dat Hus rin, sau kümmt ok siene Mutter all vor't Fenster un segt: sei wolle öhre Laken hewwen. Oet will et taun Fenster rut recken, aber siene Mutter segt, öt solle et da wedder henbringen, wo öt et wegelanget härre. Sau geit de ganze Gesellschaft mee up den Kerkhof und nöhmet dat Mäken in öhre Midde und weil öt dat Laken eben henschmitt, kümmt en Geist un territt 't in veir Schtücke.

*

7. Die lerbacher Zwerge.

 

I.

Es ist noch gar nicht lange her, daß die Zwerge durch das Bergdorf Lerbach » durchmarschirten«. Wohin sie zogen, wußte man mir nicht zu sagen. Aber sie verwechselten viele Kinder mit Wechselbälgen, und darum waren dort noch vor einiger Zeit viele verkrüppelte Menschen. Noch später aber scheint es geschehen zu sein, daß einzelne Zwerge sich dort aufhielten. Man hörte sie mit den Kindern reden, wenn diese allem in den Stuben waren. Einstmals ließ ein Kind den Zwerg in der Stube mit aus seinem Napfe essen, da hörte man draußen, wie der Zwerg mit sehr grober Stimme (auch der Teufel hat eine grobe Stimme) zu dem Kinde sagte: »Du moßt den Napp ok nich sau scheif holen.« Ein ander Mal hörte man, wie eine alte Zwergin einen Zwerg aus der Stube hinwegrief, weil seine Schwester krank geworden sei. Einstmal merkte eine Mutter zeitig genug, daß ihr statt ihres Kindes ein fremdes untergeschoben war. Da ließ sie den Scharfrichter Gosmann kommen; dieser erkannte, daß es ein Wechselbalg war und rieth ihr, sich damit vor ihre Hausthür zu stellen und es mit einer Gerte unbarmherzig zu schlagen. Das that die Frau und sogleich trat aus dem Walde gegenüber die Zwergin heraus, brachte der Frau ihr rechtes Kind und nahm das ihre mit in den Wald.

Unweit Lerbachs war es auch, wo einst Bergleute eine Anzahl Zwerge trafen, welche lustig und guter Dinge ihre Mütze (sie hatten zusammen nur Eine Nebelkappe) in die Luft warfen. Befragt nach dem Grunde ihrer Fröhlichkeit, sagten sie, daß sie nach Osterode zu einer Hochzeit gingen. So wollten sie auch mitgehen, sagten die Bergleute. In Osterode stellten sich die Zwerge in der Nähe des Hochzeithauses auf. Ein Zwerg nach dem andern aber setzte die Mütze auf, ging in das Haus und aß sich, ohne von den Menschen bemerkt zu werden, von den Hochzeitschüsseln satt. Da nahmen ihnen die Bergleute ihre Mütze weg, gingen auch Einer nach dem Andern in das Haus und aßen von den Hochzeitschüsseln. Da merkten die Hochzeitgäste denn doch mit Erstaunen, wie die Speisen verschwanden, konnten aber die Bergleute nicht sehen. Endlich aber wurde ein Bergmann so übermüthig, daß er sich sehr unnütz machte in der Hochzeitstube. Da stürmten die Zwerge herein, rissen ihm die Mütze vom Kopfe, eilten damit hinweg und ließen den Bergmann, der sich unnütz machte, vor Aller Augen in der Hochzeitstube stehen.

 

II.

Oben in Lerbach waren ein Paar alte Leute, die bekamen noch ein Kind, das tauschte ein Zwerg um für ein Zwergenkind. Da haben die alten Leute so viel Geld gehabt, daß sie es haben mit dem Scheffel messen können. Aber die Zwerge haben müssen das Kind wiederbringen, und weil sie auch mit Hexen in Verbindung gestanden haben, so haben diese darauf den Leuten das ganze Geld weggehext.

*

8. Die Kuhkolksklippe und Frau Holle.

 

I.

Frau Holle hat auf der Kuhkolksklippe zwischen Klausthal und Lerbach ein Bett stehen. Unweit derselben kommt sie um zehn Uhr Abends aus dem Buchenholz, schaut in das Fenster, wo sie noch Licht steht, und thut übel. Sie hat glühe Augen und einen rothen, ganz feurigen Mund; ihr weißes Gewand schlägt sie (wenn es schneit) weit auseinander. Von zehn bis elf Uhr Nachts sitzt sie nun so da und thut übel, von elf bis zwölf Uhr aber trägt sie Wasser in zwei hellen Eimern aus dem Bache herauf. Denn sie hat auf der Kuhkolksklippe auch ein Faß ohne Boden stehen; wenn dieses voll ist, wird sie erlöst, darum trägt sie das Wasser den steilen Berg hinan.

Ein Waldarbeiter ging eines Abends spät nach Lerbach heim, da hört er am Wege etwas winseln. Er glaubt, es heule eine alte Frau dort an der Straße, und fragt, ob sie nicht mit ihm gehen wolle. Er bekommt keine Antwort, aber es beginnt hinter ihm herzugehen und kommt richtig in seine Stube. Nun fragt er die Alte, ob sie nicht einen Schnaps mit ihm trinken wolle: denn der Oberharzer liebt den Schnaps gar sehr. Da macht sie sich so groß bis an die Decke und beugt sich so über ihn. Nun will er zu seiner Frau auf die Kammer entfliehen, da faßt sie ihn, und davon hat er lange ein schwarzes Bein gehabt. Es ist aber dies die Frau Holle gewesen und sie sagte ihm: es solle ihm das zur Warnung dienen, daß er sie gehen lasse, wenn er wieder vorbei käme am Frau-Hollen-Abend, wo sie Recht hätte dort im weißen Gewande zu sitzen, und wo sie heulen müßte. Einer Witwe mit vier Kindern, welche noch in der Mitternachtsstunde saß und spann, warf die Frau Holle in dieser Zeit sieben vollgesponnene Rollen in das Fenster.

 

II.

Am Osterheiligeabend fährt die Frau Holle mit dem Teufel in einer Kutsche den Langenberg hinab, wie die alte steile Heerstraße heißt, die früher, hart an der Kuhkolksklippe vorbei, eine Strecke weit von Klausthal nach Osterode benutzt wurde. Auch in Lerbach fuhr Frau Holle oft in der Kutsche herauf. Gingen dann in der Nacht Leute nach Hause, so hielt sie an und erkundigte sich nach dem Wege. Zuletzt reichte sie die Hand aus dem Wagen, und wenn man ihr dann die Hand gab, so wurde sie schwarz gebrannt wie im Feuer: man mußte ihr statt der Hand den Stock hinreichen. Es sind aber in Lerbach damals Viele auf diese Art um ihre Hand gekommen.

 

III.

Am Frau-Hollen-Abend kommt in Lerbach Jemand verkleidet als Frau Holle in einem kreideweißen Laken herein. Der eine Zipfel hängt ihr bis an die Nase, zwei andere Zipfel hat sie um sich herumgeschlagen, der vierte hängt auf den Hacken. Sie sagt dann ihren Spruch, der also lautet:

So manches Haar in der Wocken,
So manches Unglück in der Wochen;
So manches Haar,
So manches böse Jahr.

 

IV.

Frau Holle kam in Lerbach auch immer in ein Haus und wärmte sich. Einstmals war in dem Hause ein Mann unpäßlich, darum war sehr stark eingeheizt. Da stellte sie sich doch an den Ofen, jener Mann aber drängte die Frau Holle ganz dicht an die glühende Ofenplatte. Da nahm sie den Ofen und ging damit ab, die Leute aber haben ihren Ofen niemals wiedergesehen.

*

9. Güllen-Kerke. (Niederdeutsch, lerbacher Mundart.)

In Lerpche was en Mann, dä het Schubert eheten. Den hat de Nacht edrömmet, hei solle da hen gahn up siene Wiesche un solle roen, da wörre sau veele Gold, dat von den Golle könne ne güllen Kerke buet weren. Gat hei hen den Morgen na siener Wieschen un roet. Weil e'n Schur eroet hat, sägt e: »Wat sall ek miene Wiesche tenichte roen? Ik finne doch nüscht.« Da deit et en gefährlich Brummen under öne un dröhnt orntig. Dat is dat Gold ewest, wu de güllen Kerke härre könnt von ebut weren. Hei hat hernacher noch emal eroet, aber nüscht efunnen, weil et erste mal esproken hat, damit het et verscherzet, un't Gold ist wedder retour egahn. Von der Tiet an hett dä Barg Güllen-Kerken.

*

10. Der Bergmönch hinter Lerbach.

Hinter Lerbach hat sich auch der Bergmönch gezeigt. Er winkte einem Fuhrmanne zu dem Probirschacht hin und rief, es solle sein Schaden nicht sein, wenn er ihm folge. Der erwiderte, daß er seine Pferde nicht stehen lassen könne. Als der Bergmönch zum dritten Male rief, wurden die Pferde wild und stürmten mit großem Gebrause den Berg hinauf.

*

11. Duft's Glück und Vasel's Langsamkeit.

In Lerbach herrscht bei manchen Arbeiten, z. B. beim Wiesenmähen, die schöne Sitte, daß mitunter zwei Kameraden immer zusammen arbeiten, die dann alles Glück und Leid des Lebens miteinander theilen. Zwei solche Kameraden, von denen aber der Eine, Vasel, sehr faul und langsam gewesen ist, trockneten eines Tages auf einer Wiese miteinander Heu. Als die Mittagssonne ihnen auf den Kopf brannte, legten sie sich ins duftige Heu und schnarchten bald miteinander um die Wette.

Da erschien ihnen eine Jungfrau und winkte ihnen ein wenig abseits und deutete auf einen Stein, der an zwei kleinen Wässerchen lag. Da stieß Duft den Vasel in die Seite, und als auch der erwacht war, hatten sie Beide die Jungfrau gesehen. Sie gingen hin und fanden auch richtig den Stein. Sie hoben ihn also auf, aber Vasel war so träge, daß er kaum mit anfaßte, und als Duft ihn aufgehoben hatte, stand ein Topf darunter in der Erde, in dem waren nichts als Lörke. Da warf Duft den Stein wieder auf den Topf, daß er zersprang, und da klang es wie lauter Silber, das in die Erde versunken wäre. Da sind die Lörke lauter Pistoletten gewesen, und Vasel hätte nur zugreifen und den Topf umkehren müssen, so hätten sie Alles gehabt. So aber hatten sie Nichts, und die Leute spotten ihrer noch heute, denn die zwei kleinen Wässerchen am Ende von Lerbach, an denen dies geschah, werden nach ihnen noch jetzt oft Duft's Glück und Vasel's Langsamkeit genannt. Auch sagt man wol in Lerbach, wenn Jemand einen Wunsch thut, der doch nicht erfüllt werden wird: geh' hin zu Duft's Glück und zu Vasel's Langsamkeit!

*

12. Der Schlarfentoffel und die Tortel-Wäsche.

In Lerbach läßt sich der Schlarfentoffel sehen, ein fremder Fuhrmann, der sich in dem abschüssigen Dorfe todt fuhr und da am Zaune begraben wurde. Er hat große Schuh an und trägt einen sehr großen Hut. Von der linken Schulter hängt ihm eine Kette, die er wie eine Schärpe umgeschlagen hat, und daran führt er ein kleines Hündchen. Dem Nachtwächter war der Schlarfentoffel lange Zeit unterthan. Auch die Tortel-Wäsche (Tante) spukt in Lerbach, geht besonders immer in der Flut herunter und hat sich früher in eine Katze verwandelt, die so groß als ein Kalb gewesen ist. Hat Jemand diese Katze geprügelt, so ist nachher die Tortelwäsche krank gewesen.

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13. Die Frau im Kunstloche.

Im Kunstloche über Lerbach geht eine gespenstische Frau in Socken, die sind zwanzig Fuß oder zehn Ellen groß und damit tritt sie die »junge Grüne« (die jungen Tannen) nieder, die fünfzehn Jahr alt und halb wie eine Stube hoch ist. – (Von den klausthaler Harzträgerinnen wird im Scherz gesagt, sie hätten so große Socken, daß diese schon in Goslar »guten Tag« sagten, wenn die Frauen noch oben beim »Auerhahn« wären.)

*

14. Kuh ohne Kopf.

Am Hüttenteiche bei Lerbach hat sich früher eine Kuh ohne Kopf sehen lassen und Viele haben sie erblickt, die von Lerbach nach der Hütte auf die Freit gingen. Die Kuh ohne Kopf aber hatte eine solche Kraft im Schwanze, daß sie eine Frau damit bis nach dem Brehmeck, welcher wol eine Viertelstunde von da entfernt ist, hinwarf.

*

15. Branntweinstein.

Am Branntweinstein bei Lerbach hatte Jemand einen Schuh gefunden, da kam ein Gespenst hinter ihm her und sagte: er solle den Schuh wieder dort hinbringen. Er that es nicht, da kletterte es auf seine Schulter und zog ihn zuletzt auf der Straße herum, daß die Blutstropfen umherflogen. – Am Branntweinstein haben sie nachher viele Schädel gefunden und sind da in einem Kriege viele Leute zu Tode gekommen.

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