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Harzsagen. Erster Band.

Heinrich Pröhle: Harzsagen. Erster Band. - Kapitel 13
Quellenangabe
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authorHeinrich Pröhle
titleHarzsagen. Erster Band.
publisherVerlag Rockstuhl
year
isbn9783867771702
firstpub1859
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sagen vom Riefensbeek und Kamschlacken.

*

1. Riefensbeek und Kamschlacken.

 

I.

Die Ortschaften Kamschlacken und Riefensbeek standen früher an der Stieglitzecke oben auf dem Bruchberge, und auf der Hanskühnenburg wohnten früher Riesen, die wurden aufrechtstehend begraben. Wie nun Riefensbeek von einer großen Wasserflut den Bruchberg heruntergeflossen ist, stieß es die Riesen immer an den Kopf. Die stiegen aus den Gräbern, da kam oben Kamschlacken auch noch angeschwommen. Das hielten sie dort auf, darum liegt es nun dicht unter der Begräbnißstätte der Riesen, die noch jetzt der »Kerkhof« heißt und früher der »Riesenkerkhof« geheißen haben soll.

 

II.

Riefensbeek und Kamschlacken ist früher Ein Ort gewesen, und die Häuser, die darin gestanden haben, sind Hüttenhäuser gewesen, und diese haben alle zusammen einem Superintendenten gehört. Der Hüttenteich, der über Kamschlacken liegt, wird noch heutiges Tages Superintendententeich genannt. Da sind einmal ein paar Kartenspieler gewesen, die haben so viel Leben beim Kartenspielen gemacht und vor dem Zechenhause gesessen und gespielt. Da sagte der Eine beim Trumpf-Ausspielen:

Trumpf rut!
De Superdente theilt det Geld ut.

Das hat der Superintendent gehört, hat daran gemerkt, daß seine Leute von der Hütte mehr profitirten als er, und hat alle seine Hütten, deren er 99 gehabt, eingehen lassen.

*

2. Der Schimmel von Kamschlacken.

Etwa eine Viertelstunde von Kamschlacken im alten Riefensbeek liegt merkwürdigerweise ein alter verfallener Backofen mitten im Walde; er muß sehr alt sein, denn Fichten von beträchtlicher Höhe und Stärke zieren seinen Rücken.

Vor vielen Jahren war beim Meier in Kamschlacken einmal Spinnstube, wozu sich die Knechte und Mägde von beiden Höfen, Kamschlacken und Riefensbeek, eingefunden hatten. Es ging bis tief in die Nacht recht vergnügt her. Unter Anderm wurden auch Pfänderspiele gespielt. Da traf es sich, daß einem jungen Mädchen als Pfandlösung aufgegeben wurde, einen Barnstein vom alten Backofen zu holen. Das junge Mädchen ist ein tüchtiger Bruckert gewesen, darum besann es sich nicht lange, sondern eilte in nächtlicher Weile am Schwarzenberge vorbei, im hellen Mondschein dem Backofen entgegen. Beim Backofen angelangt, versuchte sie einen Stein loszubrechen, aber das wollte ihr nicht gelingen. Da entschloß sie sich in den Backofen zu kriechen, um im Innern desselben einen Stein abzulösen. Kaum war sie im Backofen, als sie den Hufschlag eines Pferdes vernahm. Sie nahte sich der Mündung, um zu lauschen, was es da gebe. Da gewahrte sie in kurzer Entfernung einen Reiter, welcher eine Dame vor sich auf dem Pferde hielt. Die Dame flehte ängstlich um Gnade. Auf einmal sprang der Reiter vom Pferde, band dasselbe an den nächsten Baum, riß auch die Dame herunter und schleppte so das schreiende Weib mit sich fort. (Andere erzählen, daß er eben dabei gewesen sei, sie zu ermorden.) Schnell verließ die Pfandlöserin den Backofen, band den Schimmel los, schwang sich auf denselben und wollte davonsprengen, aber das ging nicht so schnell, denn es war Nacht und der Weg schlecht. Zwischen den Hecken und Steinen ging's oft im schnellsten Laufe. Bald hörte sie den Eigenthümer des Pferdes hinter sich. Da bemerkte das Mädchen zwei Pistolen am Sattel, schnell faßte es eine derselben und feuerte sie nach dem Verfolger ab, da ward es ruhig und es langte wohlbehalten in Kamschlacken an.

Die Herrschaft kaufte dem Mädchen den Schimmel ab und der ist lange Zeit mit den andern Pferden angespannt gewesen. Als er endlich starb, sind dem Meier immer die Pferde gefallen, bis er wieder einen Schimmel im Stalle gehabt hat. Das Mädchen ist bald nach jenem Vorfalle gestorben. – Ein besonderer Bericht, der der Geschichte im Ganzen um Vieles näher zu stehen scheint als das Vorige, möge hier noch folgen. Als das Mädchen eben vom Backofen wieder fort will und den Stein bereits außen gebrochen hat, hörte es in der Ferne, trapp! trapp! trapp! zwei Pferde, welche gerade auf den Backofen loskommen. Daß bei so später Zeit zwei Reiter gerade hierher reiten, das kommt ihr nicht richtig vor. Wer weiß, was dahinter steckt, denkt sie, finden die Kerle dich hier allein, so könnt's dir übel gehen. Darum kriecht sie in den Backofen hinein, und will sich in demselben verhohlen halten, bis die Reiter weit genug vorbei sind. Kaum ist sie drin, so kommen auch die Reiter bei dem Backofen an und halten vor dem Ofenloche. Es ist ein Kerl und eine Frau gewesen. Jener ist abgestiegen und hat sein Pferd an dem Ofen angebunden. Darauf nimmt er das Pferd der Frau an dem Zügel und führt es nach der Schlucht. Das Mädchen streckt sachte den Kopf zum Ofenloche heraus, da sieht es, wie der Mensch der Frau vom Pferde hilft und sie in die Schlucht hineinführt. Das Pferd aber, wie es das Mädchen sieht, fängt an zu schnauben und zu niesen und der Kerl sagt: Na, was hast du vor? Darauf wird ein trauriges Gestöhne in der Schlucht, und das Mädchen kann sich ungefähr denken, was da vorgeht. Aber das Mädchen ist doch zu neugierig und guckt nochmals zum Ofenloche heraus. Das Pferd schnaubt wieder. Da kommt der Kerl wieder aus der Schlucht hervor mit einem langen Messer in der Hand und spricht: Na, was hast du denn vor? Ist wer Fremdes da? Das Pferd niest wieder. Da hat das Mädchen deutlich sehen können, wie der Kerl sich umsieht; und es denkt, kommt er auf den Backofen, so murxt er dich auch ab. Darum springt's schnell aus demselben heraus, macht das Pferd, welches daran gebunden ist, los, ist drauf wie der Blitz und stachelt's mit dem Messer, das es bei sich gehabt hat, um den Stein loszubrechen, an und fliegt davon wie aus der Büchse gejagt. Der Kerl auf seinem Pferde hinter ihr drein. Wie es so nahe dem Hause ist, daß man es hören kann, schreit es aus allen Kräften: Macht auf! macht auf! Das hören die Leute in der Stube, springen gleich hinaus und eben wie der Thorweg aufgeht, sprengt auch das Mädchen herein. Der Kerl aber nicht. Der bleibt vor dem Hause noch eine Zeitlang halten und fordert sein Pferd. Aber das Mädchen sagt! Nein, es ist ein Spitzbube, ein Mörder. Da kehrt der Räuber um und sagt, wenn er binnen drei Tagen sein Pferd und so und so viel Geld nicht wieder hätte, so stecke er ihnen den rothen Hahn aufs Dach, und damit zieht er ab. Aber der Kerl hat sich nachher nie wieder sehen lassen und auch aus seiner Drohung ist nichts geworden. Das Pferd, welches das Mädchen auf die Weise erbeutet hat, ist ein Schimmel gewesen, und hinten auf ist ein Mantelsack geschnallt gewesen, ganz voll Geld und Ringe und Edelsteine. Das Mädchen ist auf diese Weise reich geworden; das Pferd hat nachher ein Förster auf dem Forsthause gehabt. – Die Meierei in Kamschlacken, wo solches geschah, ist jetzt zugleich das Wirthshaus.

*

3. Das Gewitter.

In Riefensbeek ist ein Mann gewesen, dem ist prophezeit, daß sein Sohn vom Gewitter erschlagen werden sollte. Da hat der Mann einen tiefen Keller in die Erde graben lassen. Der Sohn ist aber sogleich, wiewol sein Vater ihn in diesen Keller gesperrt hat, vom ersten Blitz getroffen.

*

4. Der Hirsch vom Quitschenberge.

Auf dem Buntenbock wohnte ein Waldarbeiter, der ging nach dem Riefensbeek zu aus Arbeit. Als er an den Quitschenberg kam, lag da ein todter Hirsch. Wie er nun über den Hirsch schritt, regte er sich, sprang auf und lief mit dem Waldarbeiter, der gerade auf seinen Rücken zu sitzen kam, davon. Seitdem ist der Waldarbeiter von Niemand mehr gesehen.

*

5. Das weiße Männchen am Quitschenberge.

In Riefensbeek geht ein Männchen, welches ganz weiß ist. Es kommt auf dem Zimmerplatz zum Vorschein und geht herunter bis nach dem Quitschenberg vor Riefensbeek, kehrt da vor einem Kreuzweg um und geht wieder nach dem Zimmerplatz, wo es verschwindet.

*

6. Die Pferdewürmer am Allerberge.

Am Allerberge oberhalb Kamschlackens werden die ersten Heidelbeeren reif, aber der Berg wird doch gemieden, denn er ist wegen Spukens berüchtigt. Einst versteckte dort, wie die Waldarbeiter zu thun pflegen, ein Waldarbeiter einen halben Topf voll Schmierkäse, den er am Ende der Woche übrig behalten hatte. Als er nun am Montag wieder nach dem Allerberge kam, den Topf hervorsuchte und öffnete, waren nichts als Pferdewürmer darin. Da warf er vor Verdruß den Topf auf die Erde und es that einen Schlag, als wollte sich der Berg aufthun, und weder die Scherben noch die Pferdewürmer waren zu sehen. Seit der Zeit aber spektakelte es am Allerberge jede Nacht und einige Wochen darauf fand ein anderer Waldarbeiter dort 200 Thaler. Das sind die Pferdewürmer gewesen.

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