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Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 9
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
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9. Prinzessin Ilse

Längst ist die alte Ilsenburg mit all' ihren Schätzen und Herrlichkeiten wie mit allen denen, die in ihr lebten, hinabgesunken in den Schlund der empörten Erde und selbst der Felsen, auf welchem sie sich einst erhob, hat seine Gestalt verändert. Er hat sich in zwei Theile getrennt, die heute weit von einander entfernt stehen und das Schloß, das sich heute malerisch auf kühnem Felsvorsprunge erhebt, hat nichts mit der lieblichen Prinzessin gemein, trotzdem sie ihm ihren Namen gegeben hat.

Tief unten aber im Bauche der Erde, unterhalb des Ilsensteins, wallen und wogen blaue Fluchen und in ihrer Mitte erhebt sich ein kristallener Palast, wie es keinen schöneren auf der Erde gibt. Die Mauern der weiten Säle, die hochgewölbten Decken und die spiegelglatten Fußböden, sie alle bestehen aus durchsichtigem glänzenden Krystall und auf einem blinkenden Thron sitzt ein goldhaariges zierliches Weib, auf dessen ewig jungen Wangen unvergängliche Rosen blühen.

Wasserjungfern und Zwerglein umtanzen die schöne Gebieterin, welche die mächtigste Wasserfee dieser Gegend, die Königin aller Harzgewässer, hier als Herrin und Fürstin eingesetzt hat.

So herrlich und lustig es im Krystallpalaste aber auch zugeht, zuweilen überkommt die Prinzessin Ilse doch die Erinnerung an ihr kurzes Erden- und Liebesleben, an die grünen Wiesen, an die kühlen Wälder, die ihre flinken Füßchen so behende durcheilt und dann verzieht sich der rosige Mund zu betrübtem Gähnen. Weder der Gesang noch die Schmeicheleien ihrer Gespielinnen, weder die possirlichen Sprünge noch die Grimassen der Zwerglein vermögen dann ihren trüben Sinn zu wenden und wenn sie es endlich da unten im schimmernden Palaste gar nicht mehr aushält, steigt sie an die Erdoberfläche, wochenlang oft die geliebten Thäler und Berge durcheilend, ohne nur einmal in ihr Reich zurückzukehren. Jauchzend wie ein muthwilliges Kind springt die schöne Ilse mit dem flüchtigen Reh durch die Wälder, ein andermal stürzt sie sich kopfüber in die sonnenwarmen Fluthen der Ilse oder sie steht in mondhellen Nächten betrübt am hohen Ilsenstein, neues Glück, neue Liebeslust ersehnend. In der ewig jungen Brust schlägt das Herz so warm wie es einst für Roland, den edeln Frankenjüngling geschlagen hatte und heiß verlangt es nach einem andern Herzen, welches sich ihm in Lieb' und Treue zu eigen geben will.

Viele hundert Jahre sind es, da stand einst im Dämmerlicht des Abends ein hochgemuther Fürst am Söller der stolzen Kaiserburg, der neuen Ilsenburg, und sah träumend hinaus ins Thal und hinüber zum Ilsenstein.

Da klang es wie leise bestrickende Harfentöne zu ihm herauf, ungestümer spielte der Nachtwind mit dem wehenden Federbusch auf dem blinkenden Helm und mit einem Male tauchte auf der Höhe des Ilsensteins eine weiße duftige Gestalt auf, die ihm sehnsüchtig zu winken schien. Da beleuchtete der senkrecht über dem Felsen stehende Mond hell die räthselvolle Erscheinung und der Jüngling erblickte zwei schneeige Arme, die sich ihm entgegenstreckten, langes flatterndes Haar und einen blitzenden Juwelenreif oberhalb der Stirne.

Da wurde dem jungen Heinrich ganz eigen zu Sinn und wie ein altes, halbvergessenes Lied aus früher Kindheit Tagen erwachte die Mähr von der schönen Prinzessin Ilse im Ilsenstein in ihm zu neuem Leben. Was sich wie ein Ammenmärchen angehört, konnte es denn Wahrheit sein?

Da wendet er den Blick neuerdings in die Ferne und sieht, wie die lichtvolle Gestalt näher und näher heranschwebt, als trügen sie die Lüfte.

Nun duldet es auch ihn nicht länger mehr an dieser Stelle. Er stürmt die Treppe hinab, fortgerissen von einer unbekannten, aber unbezwinglichen Macht, und als er hinaustritt aus der Schloßpforte, da umschlingen weiche warme Arme liebkosend seinen Hals und ein reiner duftiger Odem streicht über ihn hin.

»Ich bin Ilse und wohne dort unten im Ilsenstein, in einem Palast aus Krystall!« flüsterte eine süße Stimme.

Heinrich weiß nicht, wie ihm wird, ist es Schauder oder namenlose Wonne, die ihm Mark und Bein durchdringt? Doch fester schlingt sich sein Arm um den blühenden Leib.

»Warum bebst Du an meiner Brust, die alle Wunden heilt, die Frieden gießt auch in das bewegteste Herz? – Ich bin das Glück, ich bin die Liebe und ein gottgeborenes Geschöpf wie Du! – Sehnst Du Dich nach reiner Lust und Freude, in die kein bitterer Tropfen fällt, komm' in meinen Palast; kehrst Du wund aus heißer Schlacht zurück, fliehst Du seelenmüde die Welt der Schmeichler und der Heuchler, komm' in meinen Palast, in welchem der lautre Born ewiger Wahrheit quillt! Ein hoher Herr ist ein armer Herr zuweilen und doppelt bedarf er meiner in den Stunden der Müdigkeit und des Ekels.«

»Bist Du Wirklichkeit oder nur ein schöner, schöner Traum, Ilse?« fragte Heinrich voll Begeisterung. »Was Du mir bietest –«

»Sind nur armselige Gaben für einen mächtigen Fürsten gleich Dir! – Und doch, weise sie nicht zurück, wenn Du Dich liebst! – Ich bin nicht anspruchsvoll, ich verlange nicht Dein ganzes Herz, nicht alle Deine Zeit. Du sollst nur kommen, wenn die Stimme Deines Innern Dich zu mir treibt und Du sollst wieder von hinnen ziehen, wenn Weltlust und Leidenschaft Dich erfassen. Mein Haus, der Urquell des Lebens, ist jederzeit zu Deinem Empfange bereit; ich werde Dich nicht fragen von wo Du kommst, nicht wohin Du gehst. Alles was ich von Dir verlange, ist ein Körnlein Liebe, denn nur denjenigen, der mich liebt, vermag ich zu trösten und zu erquicken, nur er sieht mich ganz so wie ich bin, ergründet die Tiefen meines Wesens!« weint und lacht es an seiner Brust.

»Wie, Du, die Du so viel giebst, begnügst Dich mit so geringer Gegengabe?« erwiderte der fürstliche Jüngling verwundert. – »Nein, nein, meine Ilse, rückhaltslos will ich mich Dir geben, ganz sollst Du mich besitzen und ungetheilt. Nur wenn die Pflichten meines Amtes mich an eine andere Stelle rufen, werde ich von Dir scheiden, Du Zauberhafte, doch jede freie Stunde bleibt Dir geweiht.«

Heinrich hielt treu das gegebene Wort, immer wieder kehrte er nach dem urdeutschen Harz zurück und wo immer er weilen mochte, gedachte er in Sehnsucht der goldhaarigen Freudenspenderin Ilse, der schönen Harzprinzessin, die sein Herz gestohlen hatte und es gefesselt hielt in ihrem Palaste von Krystall unter dem romantischen Ilsenstein.

Und nun Glückauf, Harzwanderer! ist Deine Seele rein, Dein Geist gesammelt und Dein Auge offen, so begegnet wohl auch Dir die schöne Prinzessin Ilse in den lieblichen Gründen des Ilsethals und entzündet in Deinem Herzen eine Liebe, die Dich stärkt und erhebt wie keine andere in dieser Welt.

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