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Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
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8. Der Untergang der Ilsenburg

Mitten im lieblichen Thale der Ilse, deren krystallhelle Wasser es muthwillig und oft sich überstürzend durcheilen, erhebt sich steil und unvermittelt ein gewaltiger Granitkegel, dessen Scheitel ein großes Kreuz aus Eisen schmückt. Es ist der sagenumwobene Ilsenstein, auf dessen abgeplattetem Gipfel, der heute kaum dem Menschenfuße mehr sichern Stand gewährt, sich einst eine prächtige Königsburg erhoben hat.

Dort oben wohnte nämlich der mächtige Heidenkönig Ilsung mit seinem zauberschönen Kinde, der goldhaarigen Prinzessin Ilse. Damals sprach man ringsum nur von den Schätzen des Königs und von der unbeschreiblichen Schönheit der jugendlichen Prinzessin, deren Ruf sich immer weiter durch die Lande verbreitete, so daß die Fürstensöhne und Ritter aus den fernsten Gauen herbeikamen, um ihre Gunst zu werben.

Unweit vom Ilsenstein lebte der herrlichen Maid jedoch eine bitterböse Feindin, Amalgunda, die mißgestaltete Tochter einer weit und breit gefürchteten Zauberin, die den Menschen Kummer und Leid zufügte, wo sie es nur konnte. Ilsung wußte wohl, wie gefährliche Nachbarn ihm die beiden Weiber waren, wie Neid und Groll an ihren Herzen fraß, wenn sie die stattliche Freierschar zum Ilsensteine wallen sahen, wenn sie alle vorüberzogen, einer nach dem andern, eilig und wie von Abscheu ergriffen, das Haupt zur Seite wendend, wenn zufällig sein Blick auf Amalgunden fiel, die sich vergeblich mit dem kostbarsten Geschmeide behing. Wohl reizte es den König zum Lachen, wenn er die Künste und die Kniffe sah, welche die Hexe und ihr Kind anwandten, um nur einen der Waller an sich zu fesseln, ohne daß es ihnen gelingen wollte, aber die Sorge um seines Kindes Wohl stimmte ihn gleich wieder ernst und im Stillen wünschte er, Ilse möchte doch endlich einmal eine Wahl treffen, damit es stiller würde im Thale und der Zorn der wüthenden Weiber nicht stets neue Nahrung erhielte.

Die schalkhafte Ilse schien es indessen nicht eilig zu haben, es gefiel ihr wohl, so umworben zu werden, leider aber gefiel ihr keiner von jenen, die sie umwarben und wenn einer der edeln Recken süße Reden herzusagen begann, so lachte sie ihm ins Gesicht und sprang so muthwillig davon, wie das Flüßchen drunten im Thale, welches ihren Namen trägt.

Eines Tages jedoch kam es anders. Ein junger Frankenritter, edel und anmuthig von Gestalt und Antlitz, ein »kindisches Zwerglein«, wie die neiderfüllten Recken ihn höhnend nannten, war auf der Burg erschienen und seine dunkeln Augen, sein zierliches Gehaben und sein sangeskundiger Mund, hatten die liebliche Ilse bezwungen und unter dem süßen Klange der Lieder erblühte in ihrem Herzen die Wunderblume, Liebe genannt.

»Willst Du mich vermählt und glücklich sehen, Vater Ilsung, so gib mir Roland zum Gemahl!« sprach Ilse, das verwöhnte Kind, kühn vor den König hintretend, der sie ansah voll starren Erstaunens.

»Was fällt Dir ein, thörichtes Kind,« ruft er endlich ärgerlich, »einen Christen willst Du freien, einen Mann, der Deiner Götter lacht, wo hier so viele der edeln Recken nur Deines Winkes harren?«

Ilse lachte jedoch nur auf und schüttelte fröhlich die blonde Haarfluth, als sie gewandt auf die Knie des riesengroßen Königs sprang und schmeichelnd seinen Hals umfing.

»Was sollen mir Deine Recken, guter Vater Ilsung? Sie passen nicht zu mir und ich will keinen Gemahl, der mich in seinen Armen wiegen kann wie ein kleines Kind. Hörst Du, ich will nicht, ich will nicht!« und übermütig lachend, stampfte sie mit den zierlichen Füßchen des Königs Kniee.

»Und der Christ, will er denn das kleine Heidenkind?«

»Ich werde auch eine Christin!«

Dies war aber dem König doch zu viel; seine gewaltigen Hände umfaßten Ilsen's zierlichen Leib und setzten sie auf den Boden nieder, worauf er zu toben und zu zürnen begann, daß man seine Stimme im ganzen Schlosse vernahm und die Diener sich bestürzt frugen, wem dieses Ungewitter wohl gelten möchte.

Der schönen Ilse war dies aber gerade recht, denn sie kannte den Vater und wußte, daß sie nach einem solchen Sturm erst recht alles von ihm erlangen konnte, was sie wollte.

So geschah es auch diesmal. Als Ilse erst die Thränen zu Hülfe rief, da war es um den starken Ilsung geschehen, er versprach alles, was sie begehrte und es fehlte nicht viel, so hätte er mit ihr geweint, obgleich eines Recken Auge gewöhnlich schon zeitig das Weinen verlernt.

So laut man nun auf der Ilsenburg jubelte und sich freute, als die Verlobung der geliebten Prinzessin bekannt wurde, so sehr tobten und schmähten Amalgunda und ihre Mutter bei dem Bekanntwerden dieser Kunde. Jeden andern Gemahl würde das mißgestaltete Geschöpf der schönen Königstochter noch gegönnt haben, doch den Ritter Roland, nach dessen Besitz sie glühend verlangte, den durfte sie nimmermehr ihr eigen nennen.

»Nein, Mutter, es darf nicht geschehen, vernichte sie, vernichte den König, thue was Du willst, nur verhindere das Entsetzliche oder ich zerfleische mit den eigenen Händen mein Herz!« heulte das gräuliche Weib, sich vor Wuth und Schmerzen bäumend.

»Sei ruhig, Amalgunda, mein Püppchen, sie soll Deinen Roland nicht besitzen, die abscheuliche Schlange!« tröstete die alte Sigelind, die trotz ihrer Niedertracht den Schmerz der Tochter so lebhaft empfand als wühlte er in ihrem eigenen Herzen.

Sie stieß einen eigenartigen gellenden Pfiff aus und sogleich wurde es im Palaste lebendig. Aus allen Winkeln, aus allen Ecken kamen Zwerglein hervor und es begann eine lange Berathung.

»Wenn morgen beim ersten Sonnenstrahl die Ilsenburg mit allen ihren Bewohnern spurlos verschwunden ist, so gebe ich euch den Schatz, der in diesem Palaste verborgen ist. Doch dem fremden Frankenritter, dem edeln Roland, darf auch nicht das kleinste Leid widerfahren.«

Die Zwerglein waren das wohl zufrieden und als die Dunkelheit einbrach, zogen sie in langen Reihen gegen den Ilsenstein.

In der Burg lagen alle schon in tiefem Schlafe, als es unter ihren Füßen gar sonderbar zu pochen und zu hämmern begann, immer lauter, immer anhaltender und zuweilen war es, wie wenn sich im Innern des Felsens ein riesiger Block ablösen und mit dumpfem Donnerrollen in einen Abgrund kollern würde, wobei jedesmal Schloß und Felsen in ihren Grundfesten erbebten. Die Schläfer aber hörten und fühlten nichts, denn Sigelinde hatte schweren Zauberbann auf sie gelegt, damit sie nicht rechtzeitig fliehen und sich retten möchten.

Ein Lächeln auf den Lippen lag Roland träumend da, als winzige Fingerchen über sein Gesicht strichen und er erstaunt vom Lager fuhr.

Neben ihm stand ein Zwerglein und sah ihn freundlich grinsend an.

»Hurtig, Herr Roland, wenn es Euch gefällt,« ließ sich ein feines Stimmchen vernehmen, »das Schloß und seine Bewohner sind dem Untergange geweiht, nur Euch will ein gütig Frauenherz vor grausem Schicksale bewahren. Folgt mir, ich bringe Euch unversehrt ins Freie.«

Schauerlich toste und grollte es im Innern der Erde, so daß Roland entsetzensbleich davonstürzte, dem wankenden Thurm zu, in welchem seine holde Ilse wohnte.

»Wohin, Verblendeter?« keuchte der Zwerg hinter ihm drein.

»Zu meiner Ilse!«

»Dort wartet Deiner sicheres Verderben – ich kann nur Dich allein ins Freie bringen.«

»Dann mache, daß Du fort kommst, ihr Geschick soll das meinige sein!«

Vergebens drängte das Zwerglein, Roland stürmte unaufhaltsam fort, bis er das Thurmgemach erreicht hatte, in welchem die liebliche Braut süß schlummernd ruhte.

Mit kräftigem Arm sie in die Höhe reißend, wandte sich Roland zur Flucht – doch schon war es zu spät, von allen Seiten krachten Mauerstücke und geborstene Balken hernieder, der Fußboden spaltete sich, gurgelnde Wasser drangen, alle Räume füllend durch ihn herein, dann noch ein furchtbarer Krach und das zusammenbrechende Schloß sank in den Schlund des Berges hinab, der sich in der Mitte gespalten hatte.

Roland stieß einen gellenden Schrei aus und preßte die Braut fester an sich, im selben Augenblick aber entglitt ihm die süße Last und gleich darauf sah er sie in den Armen einer lichtumflossenen Frau, die stolz und ruhig auf den wildbrausenden Wassern stand, die sich ungeduldig nach der Richtung zuwälzten, wo heute die Ilse fließt.

Ilse's Pathin, eine mächtige Wasserfee, hatte sie gerettet.

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