Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 7
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
Schließen

Navigation:

7. Die Steinkirche bei Scharzfeld

Um die Mitte des achten Jahrhunderts, als der heilige Bonifazius, der Apostel der Deutschen, im Harzgebiete predigte und taufte, kam er einstmals auch in jene Gegend, in welcher heute das Dorf Scharzfeld steht. Der heilige Mann kannte nämlich den starren Sinn seiner Germanen, ihre Liebe zu dem Altgewohnten und Althergebrachten, die zähe Treue, mit welcher sie an den alten Göttern hingen, die sie seit der grauen Vorzeit in den Kampf geführt und ihre Fluren beschützt hatten, viel zu genau, um ihnen nicht unerschrocken bis in ihre letzten, ihre entlegensten Schlupfwinkel nachzuspüren, in der Hoffnung, sie durch die Macht seiner Rede daraus zu vertreiben. Er wußte, daß es noch gar viele gab, die offen oder geheim der neuen Lehre widerstrebten und die sich auf die unzugänglichsten Höhen flüchteten, um dort ungesehen und ungestört ihre Opferfeste abzuhalten und darum drang er nicht selten bis tief hinein in den damals noch unwirthlichen Innerharz.

So kam denn Bonifazius eines Tages auch in jene Gegend und er hatte gerade den richtigen Augenblick erwählt, denn als er sich der Anhöhe näherte, von welcher aus man in die noch immer vorhandene und zugängliche Steinkirche gelangt, erblickte er auf derselben zahlreiche Gestalten, die sich um ein flammendes Feuer herumbewegten, dessen Qualm schwer und schwarz gen Himmel stieg. Der Heilige wußte sofort woran er war und ohne eine Minute zu verlieren, eilte er die Höhe hinan und trat allein und unbewehrt in den Kreis der Opfernden, unter welchen er gar manchen neuen Christen erkannte.

Eine kurze Frist standen die Heiden schweigend, mit finstern Mienen den wohlbekannten Mann betrachtend, der so plötzlich vor ihnen erschien, als wäre er aus dem Innern der Erde heraufgestiegen, und der kummervoll auf den Blutstrom zu Füßen des aus rohen Feldsteinen errichteten Altars und auf die Schlachtopfer wies, die noch zuckend am Boden lagen.

»Was willst Du hier, Unvorsichtiger, weshalb begiebst Du Dich in den Kreis von Männern, von denen kein einziger Dir und Deinem Gotte hold gesinnt ist?« frug ein riesenstarker Mann, der, die Streitaxt in der einen, das Opfermesser in der andern Hand, mit drohender Geberde auf ihn zutrat.

»Was ich hier will, Ihr wißt es so gut, Männer, als Ihr wißt, daß ich den Tod nicht fürchte, der mir jeden Augenblick nahe ist. Wenn ich mein armseliges Leben verliere in der Ausübung meines gottverliehenen Amtes, was verliere ich da? – Ich tausche diese Erde, so reich an Schmerzen und an Sünde gegen den Himmel, den Anblick der Menschen gegen den meines Gottes, des Herrn der Schöpfung ein!« erwiderte der Apostel mit einem Lächeln der Begeisterung. »Wahrlich, meine Freunde, ich würde den Tod, die Erlösung der Seele aus hemmenden Banden, inbrünstig erflehen, wäre meine Aufgabe vollbracht, wären Eure Seelen dem Himmel gesichert; ehe dies geschehen ist, möchte ich freilich nicht von hinnen scheiden, denn ich liebe Euch, als wäret Ihr meine Brüder.«

»Wenn Du uns liebst, so lasse uns und unsere Götter, die Hohen, die Unsterblichen, in Frieden!« rief sein Gegner zornig.

»Höre mich an, Freund, und beantworte ehrlich meine Frage,« sagte hierauf der Apostel, »wenn Du Deinen Bruder oder einen Freund, der Dir sehr lieb ist, in größter Gefahr schweben sähest und er weigerte sich aus derselben befreien zu lassen, würdest Du ihn da nicht wider Willen, mit Gefahr Deines eigenen Lebens retten? –«

»Laß' den Mann in Ruhe, Fridbert,« gebot ein Jüngling von edler Gestalt, an dessen Haltung und Waffen die fürstliche Abstammung zu erkennen war. »Er ist ein Thor und besitzt keine Waffen, sich gegen einen Angreifer zu wehren und darum geziemt es Männern und Helden nicht, ihn anzugreifen.«

Diese Rede fand der Männer Beifall, nicht einer widersprach und Fridbert mußte dem unwillkommenen Befehl gehorchen.

»Du hast weise gesprochen, Ermenreich,« bemerkte ein Greis aus den Reihen tretend, »und wir wollen diesem Manne kein Leid zufügen, zumal er auch schon manches gute unter uns gewirkt hat und auch mancherlei heilsame Kenntnisse besitzt. Es sei ihm nicht vergessen, daß er unsere Kranken heilte, unsere Hungernden speiste und uns allen nützliche Dinge lehrt. Frei sei er zu reden, wie es ihm gut dünkt, frei seien wir seiner Rede zu achten oder nicht zu achten, je nach Meinung und Wille. Nicht zu tadeln ist Derjenige, der mit dem Munde für seinen Gott und seinen Glauben wirbt, sondern jene, die mit dem Schwerte bekehren.«

Wieder erhob sich beifälliges Gemurmel und Bonifazius, dieses Sieges froh, begann eindringlich zu den Männern zu reden, ihnen die Verwerflichkeit ihrer Opfergebräuche vorzustellen und ihnen von neuem wieder die Lehre seines Herrn zu verkünden.

Wohl brachten seine Worte einen tiefen Eindruck auf die rauhen Helden hervor, doch schüttelten viele den Kopf dazu, denn sie klangen so fremd und seltsam. Ein Gott, der keine Opfer, sondern nur Liebe verlangte; der ein reines Herz, einen demüthigen Sinn höher stellte, als kriegerischen Muth und Heldenthaten, das konnte ihrer Meinung nach kein mächtiger Gott sein, sie verstanden ihn nicht und hatten kein Vertrauen zu ihm.

St. Bonifazius las in den Seelen seiner Zuhörer, wie in einem Buche und mit seiner milden Stimme rief er ihnen zu:

»Ihr zweifelt, Ihr glaubt mir noch immer nicht? – Gut, ich will Euch zeigen, was mein Gott vermag, daß er mächtiger ist als alle Eure alten Götter zusammengenommen. – Ihr seht diesen Felsen da vor Euch, der so hart ist, daß die Axt an ihm machtlos abprallt? – Nun, wer von Euch unternimmt es, sich einen Weg zu bahnen in sein Inneres noch in dieser Stunde?«

Keiner der Männer antwortete, bis endlich Fridbert vortrat und höhnisch rief:

»Was Du verlangst, kann kein Mann vollbringen und wäre er auch der Stärkste, den die Erde trägt.«

»Gib mir Deine Axt, Fridbert,« sagte darauf der Apostel einfach und trat mit diesem Werkzeuge gerüstet an den Felsen heran.

Lautlose Stille herrschte im Kreise der Männer und unverwandt hielten sie die Blicke auf den frommen Mann gerichtet.

Da sauste die schwere Axt von Holz nieder und zugleich flog ein ungeheures Stück vom Felsen, als wäre er nur ein Erdhaufen, der dem Werkzeuge keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag. Rasch folgte Schlag auf Schlag, schon bildete sich ein Gang, in welchem der Apostel verschwand, gefolgt von den sprachlosen Männern. Doch er ließ es nicht dabei bewenden und ruhte nicht eher aus von dem übermenschlichen Werke, als bis er den Felsen zu einer Höhle umgewandelt und aus dem spröden Gestein eine Kanzel herausgehauen hatte, die noch heute zu sehen sind.

Nun aber war auch der Widerstand der Männer und ihre Zweifel gebrochen. – Sie warfen sich vor dem heiligen Bonifazius auf die Kniee nieder und riefen einstimmig:

»Ja, Herr, Dein Gott ist der Mächtigste, er hat Dir die Kraft verliehen, vor unsern Augen ein Werk zu vollbringen, welches keinem gewöhnlichen Manne gelungen wäre. Wir wollen Christen werden, und den Gott ehren, der Dich zu uns gesandt hat, uns sein Wort zu verkünden.«

Und sofort versammelten sich die Männer um den Apostel, setzten ihn an die Spitze des Zuges, als es abwärts zur nahen Ocker ging, wo er sie ohne Verzug aufnehmen mußte in den Bund der Christenheit. Selbst Fridbert empfing die Taufe.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.