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Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 5
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
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5. Die gute Frau von der Asseburg

Es war in der heiligen Weihnachtsnacht, welche die gute Frau von der Asseburg stets betend verbrachte, um beim ersten Schlag der Mitternacht, fromme Lieder singend und geweihtes Wasser vor sich hersprengend, einen Rundgang durch die Burg zu machen, auf daß auch im kommenden Jahre der Böse keine Macht gewinnen möge über sie und ihre Bewohner.

Als sie nach beendetem Gange durch ein kleines Pförtchen in den Burghof hinaus trat, um auch den treuen Hausthieren ihren Theil am Segen dieser Nacht zu spenden, stand plötzlich ein kleines, altes Männlein vor ihr, dessen verschrumpftes, von eisgrauem Lockenhaar umrahmtes Gesicht gar bang und bittend aus einer dunkeln Kapuze hervorschaute. Erschrocken wollte sie zurückweichen vor dem wunderlichen Geschöpfchen, wie sie ein solches niemals noch gesehen hatte, als ihr einfiel, daß es wohl ein Gnomenmännlein sein werde wie deren viele, der Sage nach, in den umliegenden Bergen wohnen sollten. Daß sie nun von diesen unscheinbaren Wesen, die sich den Menschen stets freundlich erwiesen, nichts zu befürchten habe, wußte sie wohl und so frug sie das Männlein denn gütig nach seinem Begehren.

»Du bist uns bekannt als der Hort aller Bedürftigen, die Beschützerin aller Armen und Leidenden, gute Frau von der Asseburg und darum bin ich gekommen, Deinen Beistand anzurufen für mein armes Weib, welches krank und von schweren Nöthen heimgesucht ist. Niemand will uns in dieser Nacht Hülfe leisten, Du bist unsere letzte Zuflucht, verlaß' uns nicht.«

»Und warum will Euch niemand beistehen, Männlein?«

»Weil es eine heilige Nacht ist, die Nacht, in welcher Euer König geboren wurde, und die Leute meinen, da dürften sie sich mit uns armen, verfolgten und verkannten Zwergenvolke noch weniger einlassen als sonst.

»Habt Ihr ihnen denn ein Leid zugefügt?«

Das Zwerglein schüttelte traurig den eisgrauen Kopf.

»Wir haben ihnen nur Liebes gethan und zu manchem Schatze verholfen, der noch heute ungestört schlummern würde im Schoße der Erde ohne uns. Aber weil wir anders geartet sind als sie, anders von Gestalt und Wesen, so halten sie uns für verderbliche Geister. Du weißt, gute Frau von der Asseburg, der Mensch liebt nur das Altgewohnte, das Alltägliche, was er nicht kennt oder nicht versteht, das fürchtet und haßt er darum auch, wäre es selbst sein Glück.«

Die gute Frau von der Asseburg schwieg ein Weilchen und erwog im Stillen des Zwergleins bescheiden vorgetragene Bitte. Des Kleinen Traurigkeit und Angst thaten ihrem Herzen wehe, doch regten sich auch in ihr bange Zweifel und Gespenster des Aberglaubens. Sie sollte in dieser Nacht, der heiligen Nacht, den Frieden ihres Hauses verlassen und dem Unbekannten, dem ganz anders beschaffenen Geschöpfe hinausfolgen in Wald und Berg, hinabsteigen in die Behausung des Gnomen, sich allein und unbeschützt fremden geheimnißvollen Gewalten überliefern? Im folgenden Augenblicke jedoch schon schämte sie sich dieser Regung. – Allein? – Wohnt Gottes Geist nur in den Tempeln aus Stein, begleitet er sie nicht überall hin, hat er nicht diese seltsamen Wesen so gut erschaffen wie sie selbst, duldet er sie nicht auf seiner Erde und gibt ihnen alles dessen sie bedürfen in gleicher Vaterliebe? – Und gebietet Gott nicht dem Menschen, beizustehen allen seinen Mitgeschöpfen, besonders den verlassenen und hülflosen? – Freilich, es war die heilige Nacht, und ein Gnom ein Ding, aus welchem man nichts zu machen wußte, aber das war kein Grund den Armen abzuweisen, den der Schmerz und die Sorge so bitter war wie ihr.

»Ich folge Dir, mein Männlein und will Euch beistehen so gut ich es kann.«

Freudig trippelte das Zwerglein voran, erst den Berg hinunter, dann eine Strecke weit durch den mächtigen Wald, bis es endlich in einem breiten Felsspalt verschwand und die gute Frau von der Asseburg sanft über Treppen und durch enge gewundene Gänge in die Tiefe des Berges leitete.

»Wir wohnen unterm Falkenstein und wollen da bleiben zu Deinem und der Deinigen Heil, solange die Burg Deinem Geschlechte zu eigen ist,« sagte er feierlich.

Endlich schimmerte in der Ferne ein mattes Licht und bald darnach gelangten die Edelfrau und ihr Führer in eine kleine Felsengrotte, wo auf dürftigem Mooslager ein winziges Weibchen ruhte.

Die gute Frau von der Asseburg erkannte bald, welche Hülfe hier noth that und bemühte sich solange um die Gnomenfrau, bis ein winziges Bübchen mit einem schon jetzt von eisgrauen Löckchen bedeckten Kopfe heil in ihren Armen lag.

»Es ist ein Söhnlein!« rief sie mit freundlichem Lächeln.

Als der glückliche Vater dies hörte, begann er wie wahnsinnig vor Freude zu hüpfen und zu singen, dabei fortwährend auf die Felsen klopfend mit einem Stäbchen von glitzernden Metall. – Aber da wichen mit einem Male die Wände immer weiter zurück, sich zu einem herrlichen Saale weitend, der im Glanze von unzählbaren Lichtern erstrahlte und bald strömten von allen Seiten kleine trippelnde Gestalten, Männlein und Weiblein herbei, um dem neugeborenen Söhnchen des Königs Hachobrecht zu huldigen.

Und die Freude, die im Palaste des Gnomenkönigs herrschte! Wie sie sich alle drängten, den Königssproß zu sehen, wie sie ihn laut bewunderten und herzten und küßten, um dann der guten Frau von der Asseburg lachend zuzunicken, der ohnedies die Augen übergingen vor Rührung.

Dann kamen wieder andere Zwerglein, die auf silbernen Platten Kuchen und Wein, auf andern wieder Gold und köstliches Geschmeide brachten, die Edelfrau aber wies alle diese Gaben bescheiden zurück und sagte:

»Ich danke Euch für Euern guten Willen, liebe Kinder, aber ich stieg um Gottes- und Eurer selbst, nicht um des Lohnes willen zu Euch in den Berg herunter und die Freude, die mir Euer Glück bereitet, ist mir Belohnung genug.«

König Hachobrecht gebot seinem Völkchen abzustehen von weiterem Drängen und reichte der mildthätigen Frau drei gläserne Becher entgegen, in welchen je eine goldene Kugel lag.

»Diese Gabe darfst Du nicht zurückweisen, gute Frau von der Asseburg,« sagte er, »scheinbar ist sie zwar von geringem Werthe, darum aber doch viel köstlicher als Gold und Edelsteine. Solange einer dieser Becher besteht und von Dir und Deinen Nachkommen in Ehren gehalten wird, ist Dein Geschlecht vor schwerem Unglück und Vernichtung bewahrt. Es wird von seinen Feinden gefürchtet, durch die Jahrhunderte blühen, immer neue Sprossen treibend, immer an Ehren und Macht gewinnend.«

Dankend nahm die gute Frau von der Asseburg den gläsernen Schatz entgegen und als sie sich von ihren kleinen Freunden verabschiedete, da brachte König Hachobrecht selbst sie wieder auf die Oberwelt zurück und bis zum Pförtchen ihrer Burg.

»Wenn Du meiner bedarfst, so stampfe dreimal mit dem Fuße auf den Boden und rufe jedesmal meinen Namen dabei. Du sollst nicht vergebens meiner harren.«

Und von diesem Tage an gelang den Asseburgern alles beinahe, was sie unternahmen; sie mehrten unaufhörlich ihren Besitz und stiegen stetig in der Gunst ihrer Kaiser. Von den kostbaren Bechern sind aber noch zwei vorhanden, die sorgsam aufbewahrt werden und dem noch immer blühenden Geschlechte der Grafen von der Asseburg eine lange und glückliche Zukunft verheißen.

Der eine dieser Becher befindet sich sogar in der Burg Falkenstein selbst, leider aber darf er nur denjenigen gezeigt werden, die vom Eigenthümer persönlich zur Besichtigung desselben ermächtigt sind. Wenn man ihn nun aber auch nicht mit eigenen Augen betrachten kann, so findet man doch in und um Falkenstein Leute genug, die bereit sind, die Geschichte von der guten Frau von der Asseburg und ihrem gläsernen Schatze zu erzählen.

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