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Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
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4. Jungfrau Hedwig's Errettung

Das ungeduldig scharrende Roß fest im Zügel haltend, barg sich Graf Gero von Valkenstein mit seinen Getreuen im Waldesdunkel, denn es galt einen kostbaren Fang zu machen.

Schon lange lag der Graf mit dem Heinrichsburger Herrn in argem Streite, der, um eines Hofes willen begonnen, viele Jahre hindurch währte und endlich zu einem unversöhnlichen Hasse anwuchs. Gero hatte sich nämlich erboten, den streitigen Hof auszuliefern und fernerhin in Frieden und Freundschaft zu dem Ritter von Morungen zu stehen, ohne einen andern Preis zu verlangen als Fräulein Hedwigs Hand. Er hatte des Ritters Töchterlein einst zufällig gesehen und sein Herz war in so heißer Liebe zu ihr entbrannt, daß kein Opfer ihm zu groß schien, sie zum Ehegemahl zu erhalten. Dieses Anerbieten fand jedoch nicht die Aufnahme, welche der Graf wohl erwartet haben mochte; anstatt dieses vortheilhafte Bündniß freudig anzunehmen, wies es der Edelherr bündig zurück. Der alte Groll saß zu tief in seinem Herzen und er ließ dem Grafen melden, die Tochter sei für ihn unerreichbar, sie wolle sich einem vornehmeren Bräutigam angeloben und anstatt einer vergänglichen Grafenkrone die ewige Himmelskrone tragen.

Der Hohn, den der Ritter von Morungen in diese Rede gelegt, die Geringschätzung, mit welcher er ihn, den mächtigen Grafen, zu behandeln wagte, verdrossen Gero gar sehr und dazu reizte ihn der Widerstand, den er fand, nur noch mehr an und er beschloß, sich unter allen Umständen Hedwigs Besitz zu sichern, auf einen Gewaltstreich kam es ihm nicht an. In der Heinrichsburg mochte man sich indessen eines solchen wohl versehen, denn der Ritter von Morungen sorgte dafür, daß Jungfrau Hedwig keinen Augenblick unbewacht blieb und selbst in Begleitung nicht die väterliche Burg verließ. Gero ließ sich jedoch keine Mühe verdrießen und eines Tages gelang es denn auch den ausgesandten Kundschaftern, in Erfahrung zu bringen, an welchem Tage Hedwig in das ferne Kloster gebracht werden sollte.

Der Valkensteiner frohlockte bei dieser Kunde. Nun hatte er leichtes Spiel, Hedwig konnte ihm nicht mehr entschlüpfen und anstatt des Klosters sollte sie seine Burg bewohnen.

Als die Zeit gekommen war, bewaffnete er seine Knappen und barg sich mit ihnen an jener Stelle im Walde, an welcher die Reisenden vorüberkommen mußten. Ein Mißlingen des Streiches stand nicht zu befürchten, die Morunger konnten sich weder an Zahl noch an Waffen mit den Valkensteinern messen und so sah er unbesorgt dem Ausgange des Kampfes entgegen.

Es dauerte auch nicht lange, so bemerkte man auf der den Wald durchschneidenden Heerstraße eine aufwirbelnde Staubwolke, die sich immer näher entlang wälzte und bald unterschied man auf milchweißem Zelter eine weibliche Gestalt, umgeben von gewappneten Gesellen.

Die Valkensteiner ließen die Feinde ganz dicht an sich herankommen, ehe sie, auf ein Zeichen ihres Gebieters hin, von allen Seiten hinter Bäumen und Strauchwerk hervorbrachen, um sich wie ein verheerender Heuschreckenschwarm auf sie zu stürzen.

Eine halbe Stunde lang vernahm man nichts als wilde Rufe und Schwertgeklirr, da aber gelang es dem Grafen, sich an Hedwig heranzudrängen und sie mit gellendem Siegesschrei aus dem Sattel und auf sein Pferd zu heben, welches in tollen Sprüngen davon stürmte.

Die wenigen noch kampffähigen Morunger setzten allerdings dem kühnen Räuber unvorzüglich nach, aber, gering an Zahl und schlechter beritten, vermochten sie nicht ihre Herrin zu befreien. Als sie vor Valkenstein ankamen, hatten sich die Thore der Burg bereits hinter dem Grafen und seinem Gefolge geschlossen und Spott- und Schmähreden, von den Zinnen auf sie herabgeschleudert, waren der einzige Gruß, der ihrer harrte.

*

Hochaufgerichtet, feste Entschlossenheit im Antlitz, stand Jungfrau Hedwig dem Grafen gegenüber, die leidenschaftsglühenden Reden anhörend, die sich wie eine unheimlich brausende Fluth über sie ergossen. Als er aber geendet hatte und sie erwartungsvoll ansah, erwiderte sie kalt und stolz:

»Erspart Euch die Mühe, edler Graf, vergebens sind Eure Schmeicheleien und mich werden sie niemals bethören. Ein Mann, der fähig ist, dem Vater das Kind, dem hohen Himmel die Braut zu rauben, ein wehrloses Weib widerrechtlich gefangen zu nehmen, der bedarf keiner Richter mehr, er hat sich selbst gerichtet!«

»Dieser Vorwurf trifft mich nicht hart, Jungfrau, denn ich habe bei Eurem Vater um Euch geworben, wie es Brauch und Sitte ist, ich habe ihm die Hand zu treuer Freundschaft geboten, diese Hand, die ihm eine Stütze gewesen wäre, die ihm Macht und Reichthum verliehen hätte, und Hohn war mein Dank dafür.«

»Ich habe mich dem Himmel geweiht und will keinen irdischen Gemahl.«

Hedwig blieb unerschütterlich, Liebesworte wie Drohungen erwiesen sich als fruchtlos, bis Graf Gero endlich im höchsten Zorn ausrief:

»Gut, meine Hand verschmäht ihr, törichte Tochter eines törichten Vaters, und Ihr könnt beruhigt sein, ich werde sie Euch nimmer wieder anbieten, doch mein sollt Ihr darum doch werden und stolz will ich mich des schönen Liebchens rühmen, welches ich mir erstritten. Denkt Ihr etwa, der Graf von Valkenstein lasse sich zweimal zurückweisen von der Tochter des Bettelritters auf der Heinrichsburg? – Und um Euch mit dem Loose bekannt zu machen, welches jener wartet, die sich mir zu widersetzen wagen, sollt Ihr diese Nacht im Burgverließe verträumen.«

Der Graf war ein wilder, jähzorniger Mann und wenn die Wuth ihn erfaßte, kannte er weder Erbarmen noch Gerechtigkeit. Mit Hülfe seiner Diener schleppte er die Unglückliche in das unterste Gelaß des Thurms, wo man Stricke um ihren Leib wand und sie durch eine enge, schlotartige Oeffnung hinabließ in einen schaurigen Keller, in welchen kein Lichtstrahl drang und wo das Wasser an den rohen Felsenwänden niedersickerte.

»Süße Ruhe, mein schönes Lieb!« rief der Graf höhnend in das Loch hinab.

Betäubt, schaudernd stand die Jungfrau in dem entsetzlichen Kerker. Was sollte aus ihr werden, hier, fern von den Ihrigen, inmitten undurchdringlicher Felswände, von denen jeder Hülferuf ungehört wiederhallte? – Dann aber sank sie in die Kniee und ein inbrünstiges Gebet stieg zum Himmel empor, ihre Seele schwang sich nach jener Höhe empor, von welcher auch die dicksten Mauern den Menschen nicht zu trennen vermögen.

Mit einem Male schimmerte von oben ein Lichtstrahl in die Höhle, einige Decken und Kissen fielen zu ihren Füßen nieder und wieder tönte des Grafen spöttische Stimme:

»Schütze Dich gegen Frost und Feuchtigkeit, mein Täubchen, sie könnten Deiner Schönheit schaden und dieser will ich mich nicht berauben!«

Dann wurde es wieder dunkle Nacht rings um sie herum und endlos lange und bange Stunden vergingen, ohne daß auch nur ein Laut in ihr schauriges Gefängniß drang, in welchem sie weinend und Gottes wie seiner Heiligen Beistand anrufend wachte. Und je länger sie betete, umso getrösteter fühlte sie sich, Muth und Zuversicht kehrten wieder, der Vater würde sicher den Beistand aller Edlen im Lande anrufen, denen es nicht gleichgültig sein konnte, wenn sich ein so gottloser und ehrvergeßner Räuber zu den Ihrigen zählte. Man rüstete sich vielleicht schon zu ihrer Befreiung, bald konnte die Prüfung vorübergehen, welche der himmlische Vater ihr sicherlich nur zum Heile ihrer Seele auferlegt hatte.

So vergingen die Tage, welche Hedwig nicht zu zählen vermochte, da kein Sonnenstrahl und kein Sternengeflimmer in ihren Kerker drang, wenn aber Graf Gero, wie es jeden Morgen und jeden Abend geschah, am Eingange des Verließes erschien und mit bösen Lachen hinabrief: »Nun mein zartes Liebchen, hat Dich Dein verzauberter Palast noch immer nicht zärtlicher gestimmt?« Dann klang jedesmal die gleiche Antwort zu ihm hinauf:

»Du kannst mich tödten, Verruchter, doch nicht beugen!«

»Nicht beugen kann ich Dich, nur tödten? – Nein, Mädchen, Dein Tod nützt mir nichts und darum sollst Du leben, bist Du aber morgen nicht andern Sinnes, dann sollst Du erfahren, daß ich Dich beugen kann!«

Des Grafen Stimme bewies, daß diese Drohung ernst gemeint sei und nun fühlte Hedwig, daß es keine Rettung mehr für sie gäbe. Wenn sie nicht der Himmel in seinen Schutz nahm, war sie verloren.

»Wenn die Noth am größten ist, mein Gott dann bist Du auch am nächsten! – Meine Noth kann nicht mehr höher steigen, darum nahe mir und errette mich vor dem Verderben!« betete sie laut.

Den Kopf tief aus die Brust geneigt, blieb die Jungfrau auf den Knieen liegen, als sie mit einem Male einen freundlichen Lichtschimmer erblickte, der immer stärker wurde. Erschrocken blickte sie in die Höhe, kam man schon sie zu holen? – Ein mächtiges Seil wurde lautlos in den Kerker herabgelassen, ein von blonden Haarwellen umflossener Frauenkopf von engelgleicher Schönheit erschien in der Oeffnung des Schlots und eine glockenklare Stimme rief ihr zu:

»Schlinge furchtlos dieses Seil um Deinen Leib, Du sollst in dieser Stunde noch frei werden, Dein Gebet hat Erhörung gefunden.«

Hedwig gehorchte und fühlte sich langsam und sanft in die Höhe gezogen. Als sie aber festen Boden unter den Füßen hatte, da waren das Licht und die wunderbare Frauenerscheinung verschwunden, keine lebende Seele befand sich in dem Thurmgelaß, kein Laut wurde hörbar, aber frische Luft strich wie Gottes Athem über ihre pochenden Schläfen hin und sie sah ein weit geöffnetes Pförtchen vor sich, durch welches das trauliche Mondlicht verheißungsvoll hereinströmte.

Ohne Zögern trat sie ins Freie hinaus. Besser im Walde dem Hunger zu erliegen oder den wilden Thieren, besser im Abgrunde zerschellen als auch nur eine Sekunde länger im Valkenstein zu verweilen.

Wie groß aber war der edeln Jungfrau Verwunderung und Dankbarkeit, als sie wenige Schritte vom Pförtchen entfernt, ein Pferd erblickte, dessen Hufe lautlos über den Boden glitten und welches seinen Kopf schmeichelnd an ihre Wange schmiegte, als sie hinzutrat, um es zu besteigen.

Und als sie auf seinem Rücken saß, da stürmte es auch schon davon, immer flinker, thalauf, thalab, durch Wälder und über Wiesenland. Angstvoll lauschte Hedwig zurück, ob ihr nicht des Grafen wilde Gesellen auf den Fersen wären, doch kein Hufschlag störte die Stille und als sich der Himmel im Osten zu röthen begann, erblickte sie keine tausend Schritte mehr entfernt, die Kirche und das Kloster der Benediktinerinnen zu Gernrode.

Sie war gerettet, sie war in sicherer Hut.

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