Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Carola Freiin von Eynatten: Harzsagen - Kapitel 3
Quellenangabe
typelegend
authorCarola Freiin von Eynatten
titleHarzsagen
publisherBernhard Franke
yearo.J.
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160722
projectidffd81fc4
Schließen

Navigation:

3. Der silberne Mann

Wenn man von dem stattlichen Dorfe Hasserode aus, den Weg nach dem kleinen Breitethal einschlägt, und dieses in der Richtung nach der hochromantischen steinernen Rinne verfolgt, gelangt man nach ziemlich ermüdender Wanderung an einen weißlich schimmernden Felsen, dessen Formen phantasiebegabte Beschauer an eine menschliche Gestalt gemahnen. Es ist dies »der silberne Mann« oder wie er zuweilen wohl auch genannt wird, »der Silbermann,« dessen Inneres der Sage nach, unermeßliche Silberschätze bergen soll, deren Pracht zu schauen bisher nur einem Sterblichen vergönnt war.

Es war zu des großen Carls Zeiten, als die umwohnenden Sachsen und Thüringer noch widerwillig und zum Scheine nur, des mächtigen Kaisers strafenden Zorn fürchtend, sich dem Joche des Christengottes beugten, der die alten Götter von ihren stolzen Thronen gestürzt hatte. Schwertesgewalt vermag jedoch niemals das zarte Samenkorn des Glaubens in des Menschen Brust zu pflanzen und so verhinderte sie denn auch diese neuen Christen nicht, in ihren Herzen treu den Allverehrten anzuhängen, denen sie nur heimlich an wohl verborgenen Stätten, auf den unzugänglichen Höhen der Harzberge und im sichern Schatten ihrer Urwälder die altgewohnten Opfer, darbrachten. Auch Hasso, ein Jüngling aus edlem Stamme und eines tapfern Heerführers Sohn, gehörte zu jenen, die Wodan und Thonar umso inniger verehrten, als sie sich gezwungen sahen, sie scheinbar zu verläugnen.

Einstmals nun, als ihn der Dienst der hohen Erdenmutter, der lieblichen Freudenspenderin Ostaru, deren belebender Hauch die winterstarre Erde zu neuem Leben erweckt, auf die Höhen des Brocken rief, kam er nächtlicher Weile durch das kleine Breitethal. Mit den Gefahren solcher Wanderungen in noch rauher Jahreszeit wohl vertraut, alle Wege genau kennend, die durch diese Berg- und Waldwildniß führten, im Bewußtsein, in der Kraft seiner kampfesgewohnten Glieder wie in seinen guten Waffen eine sichere Wehr zu besitzen gegen die reißenden Thiere, die damals jene Gegenden bevölkerten, schritt er sorglos immer weiter.

Plötzlich jedoch blieb er wie festgewurzelt stehen. Am Fuße eines im Mondenschein wie eitel Silber schimmernden Felsens erblickte er einen riesigen Feuerkreis und innerhalb desselben, auf einer üppig grünenden Rasenfläche führten elfenhafte Frauengestalten einen Reigen auf. Aus den Zweigen der ernsten Waldbäume tönten zauberhafte Melodien nieder und als der Jüngling zu ihnen emporsah, bemerkte er zahllose Zwerggestalten mit grauen wallenden Bärten, die in dem kahlen Geäste hockend, mit klugen Aeuglein auf ihn niederschauten und ihm freundlich zunickend winkten, wobei ihre kleinen verschrumpften Finger nach jener Richtung wiesen, von welcher er gekommen war.

Hasso verstand jedoch weder diese Geberdensprache noch vermochte sie lange seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Die schönen Tänzerinnen im Flammenkreise nahmen seine Sinne gefangen und sein Herz begann hörbar zu schlagen, als eine von ihnen, und wie es ihm schien die schönste, aus der Reihe trat und, die Flammen überspringend, auf ihn zukam.

Schweigend nahm sie ihn bei der Hand und führte den willenlos folgenden Jüngling mitten durch die Flammen und den jetzt geöffneten Ring der Tanzenden hindurch nach dem schimmernden Felsen.

»Ich will Dich reich und glücklich machen,« sagte die Heldin, stehen bleibend und den Jüngling mit Augen anschauend, die nichts Irdisches hatten, »im Innern dieses Gesteins sind Schätze angehäuft, wie solche kein Erdenmann besitzt.«

»Und warum willst Du gerade mir diese Reichthümer geben?« frug er mißtrauisch.

»Weil Du ein tapferer Jüngling bist, der von ihnen keinen schlechten Gebrauch machen wird. Du hassest Carl den Bedrücker, der nichts schont, was den Männern Deines Stammes heilig ist, und darum will ich Dir in dieser heiligen Nacht die Macht verleihen, ihn zu bekämpfen und – zu besiegen.«

»Ich folge Dir!« sprach Hasso mit männlichem Ernst, entflammt von der Hoffnung, einen heiligen Kampf beginnen zu dürfen – um seine Götter, sein Volk zu erlösen aus den Banden des Fremdlings.

»Sieh hier,« fuhr seine Führerin fort, »wenn meine Hand dreimal an diese Stelle klopft, wo drei leuchtende Fünkchen sich zu einer Triangel vereinigen, wird sich das Gestein vor uns öffnen und wir können unbehindert eintreten in das unterirdische Reich des Gnomenkönigs Hederich. Es droht Dir keine Gefahr und der Schatz ist Dir sicher, wenn Du klug bist und meinen Weisungen gehorsam. Laß' Dich nicht schrecken durch den Anblick gräulicher Ungethüme, laß' Dich nicht bestricken durch die Zauberkünste böser Geister in verführerischer Gestalt, denn sie alle sind nur Truggebilde, auf Deinen Weg gesandt von König Hederich, Dich an der Hebung des Schatzes zu behindern.«

Hasso versprach strengen Gehorsam; nichts sollte ihn beirren, nichts ihn verhindern an der Vollbringung des Werkes, soweit es in seiner Macht läge.

»Nicht nur Deiner Warnung will ich eingedenk bleiben, Du Hohe, sondern auch des großen Zieles, an welches Deine Hand mich sicher leiten soll. Sage mir, was ich zu thun, was ich zu meiden habe.«

»Wenn Du eintrittst in den Silbersaal des Königs wo er durch die Jahrhunderte auf seinem schimmernden Throne sitzt, so gehe unbekümmert um alle und alles auf den ersten zu, der in Deinen Weg tritt und gebiete ihm: »Führe mich, oh, Kind des Felsens, führe mich zur Quelle, die an dieser Stelle unter Gestein und Erz verborgen ist.« – Weder Flehen noch Drohungen dürfen Dich erschrecken, Du bist gefeit gegen alle Gefahren, solange Du thust wie ich sage. – Sobald Du diese Worte zum dritten Male wiederholt hast, wirst Du schauervolles Wehgeschrei vernehmen, zugleich aber wird sich zu Deinen Füßen ein breiter Spalt im Boden bilden, durch den sie heraufsteigen in endloser Zahl, die Silberbarren. Du sammelst ihrer so viele ein als Du zu tragen vermagst und legst sie dort in den Flammenkreis, auf daß meine Gefährtinnen sie vor bösen Künsten schützen, während Du zurückkehrst neue zu holen. Verliere keine Zeit, denn sobald der Mond die Spitze jenes Berges berühren wird, ist meine Macht zu Ende und Du darfst keine Sekunde länger mehr in des Königs Palaste verweilen.«

»Ist dies alles, so ist es zu vollbringen leicht!« rief Hasso stolz.

»Es ist alles, nur dürfen keine andern Worte über Deine Lippen treten als die, welche ich Dir gesagt habe, Du mußt Dein Ohr verschließen gegen Bitte und Schmeichelworte, Dein Auge gegen alles, was Du siehst, was um Dich her vorgeht. – Fehlst Du nur gegen ein einziges meiner Gebote, so ist der Schatz für weitere tausend Jahre der Welt verloren. – Fühlst Du Dich stark genug, willst Du das Wagniß bestehen?«

»Ich will!«

Die himmlische Erscheinung winkte und drei flammende Sterne leuchteten mit einem Male oberhalb ihrer Stirne auf, als sie dreimal nach einander in kurzen, abgemessenen Schlägen die Hand auf jedes der leuchtenden Pünktchen im Felsen fallen ließ.

Ein donnerähnliches Geräusch klang aus dem Innern des Berges hervor, das Gestein barst, wölbte sich zum hohen Thorbogen und eine Fluth von Licht drang auf Hasso ein, daß er geblendet zurückwich und im ersten Augenblicke nichts zu unterscheiden vermochte.

Bald aber gewöhnten sich seine Augen an diese noch nie gesehene Helle, vor welcher das Tageslicht beschämt hätte zurückweichen müssen und erfreut erblickte er einen weiten, von Säulen getragenen Saal vor sich, dessen Decke, Wände und Boden aus blanken Silber bestanden. Am andern Ende stand ein Thron, zu dem viele Stufen hinanführten und auf demselben saß eine riesige Greisengestalt, die ebenfalls aus Silber zu sein schien. Rund um diesen Thron tanzten zierliche Gestalten in schimmernden Gewändern, die stehen blieben und sich erschrocken nach dem Fremdling umsahen, der verwirrt und zögernd unter dem Thorbogen stand.

Eine dieser kleinen Gestalten löste sich aus dem Kreise und kam auf Hasso zu, aber sonderbar, je näher sie kam, umso höher wurde sie und endlich stand ein wunderbar schönes Mädchen von bezauberndem Wuchse vor ihm und sah ihn mit großen Augen, Türkissteinen vergleichbar in ihrer reinen tiefen Bläue fragend an.

»Was suchst Du bei König Hederich, Fremdling?« frug sie mit einer so wohllautenden Stimme wie der Jüngling noch nie zuvor gehört zu haben glaubte.

Hasso vermochte keinen Blick von dem Mädchen zu wenden, er stand und starrte, während sein Herz hörbar zu klopfen begann, dieses selbe Herz, welches bisher ruhig und kalt an den vollendetsten Frauengestalten vorübergegangen war. Endlich wurde er aber doch dieses unerträglichen Bannes Herr und sein Herz stählend, sagte er, wie es ihm die Waldnympfe geboten hatte.

»Führe mich, oh, Kind des Felsens, führe mich zur Quelle, die an dieser Stelle unter Gestein und Erz verborgen ist.«

Kaum jedoch, daß sie diese Aufforderung vernommen hatte, brach das schöne Mädchen in lautes Weinen aus und ringsum begann ein Wehklagen, daß die Wände des Saales erzitterten, während sich gleichzeitig von allen Seiten Schlangen und feuerspeiende Thiere auf Hasso zuwälzten, als wollten sie sich auf ihn stürzen und ihn ob dieses frevelnden Verlangens verschlingen.

Als der Jüngling trotzdem standhaft blieb und seine Aufforderung sogar wiederholte, wurde das Mädchen bleich und sank zu seinen Füßen nieder, ihr Flehen verdoppelnd; aber nicht sie allein bat und klagte, alle die Zwerglein, die den Thron des Königs umgaben, stürzten herbei, ihr Wehklagen, ihre Bitten mit denen der schönen Maid zu vereinigen.

Doch auch dies half nichts, Hasso sprach zum dritten Male mit männlicher Festigkeit die furchtbaren Worte aus und im selben Augenblicke entwichen seine Bedränger in fluchtartiger Eile, durch ihr gellendes Klagegeschrei das Rollen und Toben übertönend, welches sich im Innern des Bodens hörbar machte. Dann wurde es plötzlich still, ganz still, Hasso sah, wie der Thron mit dem König Hederich lautlos in die Tiefe sank und wie kaum zwei Schritte von ihm entfernt, blanke Silberbarren aus dem geborstenen Boden heraufstiegen, sich immer höher und höher thürmend.

Rasch raffte er zusammen, was er nur tragen konnte, eilte damit hinaus und legte das Gewonnene in die Mitte des Flammenkreises, innerhalb welchen die Nympfen noch immer ihren Reigen aufführten.

Als Hasso in den Silbersaal zurückkehrte, herrschte Jubel und Lust darinnen, die Zwerglein tanzten und sangen in übermüthiger Ausgelassenheit, sie priesen ihn als ihren Befreier, von allen Seiten wurden ihm mit schäumendem Wein gefüllte Silberbecher entgegengehalten und das schöne Mädchen eilte mit glückstrahlenden Augen auf ihn zu, ihm die ausgebreiteten Arme wie zum Gruße entgegenhaltend.

Der Jüngling aber that als ob er von alledem nichts sähe und nichts hörte; sein ganzes Sinnen war darauf gerichtet, so viel wie möglich von dem unermeßlichen Schatze im schützenden Flammenkreise zu bergen. Es galt ja die Befreiung seines Volkes, die Wiedereinsetzung der seit der Urzeit verehrten Götter.

Wohl über ein Dutzend Male schon hatte er den Weg von Hederich's Silbersaal nach dem Flammenkreis und wieder zurück gemacht, der Mond neigte sich bereits gen Westen, bald mußte er oberhalb jenes Berges anlangen aus seiner unaufhaltsamen Fahrt durch den Weltenraum, den die Nympfe ihm bezeichnet hatte. Dennoch wollte er noch einmal hinabsteigen in den Zauberpalast des Gnomenfürsten, nur ein einziges Mal noch. Oder sollte er es nicht thun, sollte er es sich an dem genügen lassen, was er besaß? – Aber warum eine Gabe verschmähen, die das Schicksal darbietet, warum eine Gelegenheit nicht benützen, die sicherlich nicht wiederkehrt? Er hatte noch Zeit genug vor sich, bald sind die kräftigen Arme hoch beladen, mit den Silberbarren, deren Besitz Macht und Ansehen verleiht.

Als Hasso wieder im Saale anlangte, begrüßte ihn ein Freudenschrei des schönen Mädchens, welches jetzt ein funkelndes Krönlein im Rabenhaar trug, und ehe er ihrem Beginnen wehren konnte, lag sie an seiner Brust.

»Dank Dir, edler Jüngling, der Du den grausamen Hederich gestürzt hast! Er hat mich meines Reiches beraubt, die Herrin unter das Sklavenjoch gebeugt. Von neuem ist wieder alles mein was Du hier siehst, was die unterirdischen Gänge bergen, die sich unabsehbar weit hinziehen durch das Gebirge, und Du sollst mit mir theilen, was ich besitze.«

Und dabei senkten sich ihre Augen immer tiefer in die seinigen, ihr brennender Athem strich sengend über sein Gesicht hin und es war ihm zu Muthe als faßte ihn eine unsichtbare Macht an den Boden, während der Mond am hohen Himmelszelte droben seine Bahn verfolgte, um der verhängnißvollen Stelle immer näher zu rücken.

Von unbeschreiblicher Angst erfaßt, wand sich der Jüngling gewaltsam aus dieser Umschlingung, raffte hastig so viel an Silber zusammen, als seine Arme zu fassen vermochten, worauf er sich zur Flucht wandte, denn die Luft schien dicker und schwüler zu werden, so daß er kaum mehr zu athmen vermochte.

Er war jedoch noch nicht weit gekommen als sich zwei Arme um seinen Nacken schlangen und eine schmeichelnde Stimme flüsternd in sein Ohr sprach:

»Warum fliehst Du mich, Hasso, mich, die Dir alles geben kann, Macht, Reichthum wie ihn kein Sterblicher besitzt, Glück und Liebe? – Durch mich sollst Du über alle Menschen erhoben werden, über weite Reiche herrschen. – Sage, daß Du mich nicht verlassen, daß Du mir wiederkehren willst. Du hast mir wiedergegeben, dessen mich rohe Gewalt beraubt, laß' mich auch aus Deiner Hand das Glück empfangen! Sprich, sprich nur ein einziges kleines Wort, sage, ob Du willst?«

Hasso hatte das Mädchen mit sich fortgezogen bis zum Ausgange, in seinem Innern wogte ein furchtbarer Kampf, Furcht und glühendes Verlangen lagen mit einander im Streite, eine unwiderstehliche Macht zog ihn zu dem schönen Mädchen hin und ihre Worte setzten seinen Kopf in Brand. Warum sollte er diesem Verlangen nicht nachgeben? Er war dem Zauberreiche glücklich entronnen, seine Füße berührten den Erdboden, wohlgeborgen ruhte sein Schatz im Flammenkreise.

»Ich will!« kam es heiß und doch zagend über seine fieberglühenden Lippen.

Da erscholl wildes Hohngelächter, die weißen Arme lösten sich von seinem Halse und Hunderte von Zwerglein stürmten in betäubender Hast an dem Jüngling vorüber und dem Flammenkreise zu, mit gierigen Händen die aufgestapelten Schätze aufraffend, um sie zurückzutragen in sichere Huth.

Hasso aber sank mit einem Aufschrei besinnungslos zu Boden.

Als ihm die Besinnung wiederkehrte, waren der Silbersaal wie der Flammenkreis mit seinen schönen Tänzerinnen verschwunden, auch vom Monde ließ sich nichts mehr sehen als ein fahler Schein, der die obersten Bergspitzen in mattes Licht tauchte. Der Quarzfelsen, in dessen Innerm Hederich haust, hatte sein gewohntes Aussehen wiedergewonnen und vergebens blieb alles Suchen nach den drei leuchtenden Pünktchen, an welche die Nympfe geklopft hatte.

Als der Morgen hell und nüchtern anbrach kehrte Hasso bleich und trübsinnig nach der Heimath zurück und von Stund an war er ein gebrochener, wirrer Mann, denn er vermochte niemals den schweren Schaden zu vergessen, den eine Regung der Habgier und eine Minute der Schwäche ihm zugefügt hatten.

Dem Gnomenkönig aber blieb sein Schatz für weitere tausend Jahre gesichert, denn nur nach je tausend Jahren erscheinen einmal in der Osternacht jene Pünktchen am Felsen, die den Erdenmenschen jene Stelle anzeigen, wo sie sich den Eingang in Hederich's Silbersaal erzwingen können.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.